06.08.2003 05:36

Ziel Nordkap: 4500 Kilometer mit dem Velo

 

Möriken Ralph Hartmann will mit dem Militärvelo den nördlichsten Zipfel Europas erreichen

 

Mit 30 Kilogramm Gepäck nimmt Ralph Hartmann diese Woche die rund 4500 Kilometer bis ans Nordkap unter die Räder seines Militärvelos. Er ist selber gespannt, ob er sein Ziel erreichen wird oder ob er vorher aufgeben muss.

 

von Hanny Dorer

 

Drei Monate nimmt sich Ralph Hartmann Zeit für sein Vorhaben; in zwei Monaten möchte er sein Ziel erreicht haben. Er sei schon immer ein «Nordfanatiker» gewesen, begründet er die etwas ungewöhnliche Destination. «Ich verbringe meine Ferien fast immer in Schweden und bin auch schon am Polarkreis gewesen.»

 

Dort am Polarkreis entstand die Idee, den hohen Norden einmal per Zweirad zu «erfahren». «Das Reisen im Auto verhält sich zur Fahrt mit dem Velo wie der Film zum Buch», umschreibt er seine Motivation. Im Buch könne man das, was einem besonders gut gefallen habe, in Ruhe nochmals nachlesen. Ähnlich verhalte es sich mit dem Velo: man könne eine Gegend auf Nebenstrassen richtig kennen lernen, anstatt mit dem Auto auf dem Highway vorbeizubrausen.
Wer nun glaubt, der 32-jährige Elektroingenieur HTL verbringe seine ganze Freizeit auf dem Velo, täuscht sich gewaltig. Er pflegt seine Kondition vielmehr mit Joggen, hat auch schon drei Marathons, davon einen im Langlauf, absolviert. «Die weiteste Distanz, die ich je auf dem Velo zurückgelegt habe, beträgt 50 Kilometer», lacht er. Trotzdem ist er überzeugt, dass er dank seiner ausgezeichneten Kondition den Anstrengungen dieser Gewaltstour gewachsen sein wird. Immerhin ist er im Militär Oberleutnant bei den Panzergrenadieren, und die sind für ihre Härte und Ausdauer bekannt. Allerdings, «durchzwängen» um jeden Preis wird er die Fahrt nicht. «Ich werde aufgeben, wenn es aus gesundheitlichen Gründen wirklich nicht mehr geht», gibt er zu.

 

Gepäck in selbst genähten Velotaschen

 

Sein Gepäck - rund 30 Kilogramm - verstaut er in selbst genähten wasserdichten Taschen, die beidseits des Gepäckträgers angebracht sind. Jedes Ding hat darin sein Plätzchen, ist in kleineren Taschen untergebracht, die eine übersichtliche Anordnung erlauben. Neben einem kleinen Zweierzelt, Schlafsack, Ersatzkleidern (ein Satz wasserdicht verpackt), einem Benzinkocher und seiner Fliegenfischerausrüstung gehört auch Kartenmaterial jener Länder dazu, die er durchqueren wird. Die Reiseapotheke im ebenfalls selbst genähten Medikamentenetui hat er gemeinsam mit seinem Hausarzt zusammengestellt, und von einem Velomechaniker lernte er, die gängigsten Reparaturen selber auszuführen. Ein «Not-Wörterbuch» für Russisch, Polnisch und Schwedisch soll ihm über die Sprachklippen helfen.
Warum aber ausgerechnet ein Militärvelo? «Es muss ja nicht immer ein 21-Gänger und High Tech sein; je einfacher, desto besser», findet er. Und 7 Gänge hat sein Militärvelo allemal. «Zudem ist es dank seiner Nutzlast von 160 Kilogramm viel stabiler als ein gewöhnliches Fahrrad», erklärt er.

 

Erste Station Berlin

 

Eine erste längere Pause von einigen Tagen - je nach Fortschritt der Reise - will Hartmann in Berlin einlegen, um die Ausrüstung nochmals zu kontrollieren und allenfalls anzupassen. Dann geht es weiter nach Polen, Kaliningrad, Litauen, Lettland, Estland, dann über St. Petersburg - sofern er an Ort und Stelle ein Visum für Russland erhält - nach Finnland. «Wenn es mit dem Visum nicht klappt, müsste ich halt mit dem Schiff direkt nach Helsinki fahren», erklärt er; er sei jedoch zuversichtlich.
Respekt flösst ihm vor allem die Weite Finnlands ein. Hier ist nicht nur das Wetter unsicher, sondern auch die Ernährung könnte zum Problem werden. «Ich muss dort jeweils sorgfältig die nächste Einkaufsmöglichkeit abchecken, denn allzu viele Vorräte kann ich ja nicht mitschleppen.»
Wenn er dann auch noch Nordnorwegen durchquert hat, ist sein Ziel greifbar nahe: das Nordkap. Auch die Rückkehr erfolgt zum Teil per Velo; Hartmann möchte den Oktober in Mittelschweden verbringen. Den grössten Teil der Heimfahrt wird er jedoch mit dem Zug zurücklegen.

 

Homepage: Die Reise von Ralph Hartmann kann im Internet verfolgt werden unter www.outdoor-tools.ch.

 

Allein ans Nordkap Ralph Hartmann mit seiner gesamten Ausrüstung

(Foto: Hanny Dorer)