Ziel Nordkap: 4500 Kilometer mit dem Velo
Möriken Ralph Hartmann will mit dem
Militärvelo den nördlichsten Zipfel Europas erreichen
Mit
30 Kilogramm Gepäck nimmt Ralph Hartmann diese Woche die rund 4500 Kilometer
bis ans Nordkap unter die Räder seines Militärvelos. Er ist selber gespannt, ob
er sein Ziel erreichen wird oder ob er vorher aufgeben muss.
von Hanny Dorer
Drei Monate nimmt sich Ralph Hartmann Zeit für
sein Vorhaben; in zwei Monaten möchte er sein Ziel erreicht haben. Er sei schon
immer ein «Nordfanatiker» gewesen, begründet er die etwas ungewöhnliche
Destination. «Ich verbringe meine Ferien fast immer in Schweden und bin auch
schon am Polarkreis gewesen.»
Dort am Polarkreis entstand die Idee, den
hohen Norden einmal per Zweirad zu «erfahren». «Das Reisen im Auto verhält sich
zur Fahrt mit dem Velo wie der Film zum Buch», umschreibt er seine Motivation.
Im Buch könne man das, was einem besonders gut gefallen habe, in Ruhe nochmals
nachlesen. Ähnlich verhalte es sich mit dem Velo: man könne eine Gegend auf
Nebenstrassen richtig kennen lernen, anstatt mit dem Auto auf dem Highway
vorbeizubrausen.
Wer nun glaubt, der 32-jährige Elektroingenieur HTL verbringe seine ganze
Freizeit auf dem Velo, täuscht sich gewaltig. Er pflegt seine Kondition
vielmehr mit Joggen, hat auch schon drei Marathons, davon einen im Langlauf,
absolviert. «Die weiteste Distanz, die ich je auf dem Velo zurückgelegt habe,
beträgt 50 Kilometer», lacht er. Trotzdem ist er überzeugt, dass er dank seiner
ausgezeichneten Kondition den Anstrengungen dieser Gewaltstour gewachsen sein
wird. Immerhin ist er im Militär Oberleutnant bei den Panzergrenadieren, und
die sind für ihre Härte und Ausdauer bekannt. Allerdings, «durchzwängen» um
jeden Preis wird er die Fahrt nicht. «Ich werde aufgeben, wenn es aus
gesundheitlichen Gründen wirklich nicht mehr geht», gibt er zu.
Sein Gepäck - rund 30 Kilogramm - verstaut er in
selbst genähten wasserdichten Taschen, die beidseits des Gepäckträgers
angebracht sind. Jedes Ding hat darin sein Plätzchen, ist in kleineren Taschen
untergebracht, die eine übersichtliche Anordnung erlauben. Neben einem kleinen
Zweierzelt, Schlafsack, Ersatzkleidern (ein Satz wasserdicht verpackt), einem
Benzinkocher und seiner Fliegenfischerausrüstung gehört auch Kartenmaterial
jener Länder dazu, die er durchqueren wird. Die Reiseapotheke im ebenfalls
selbst genähten Medikamentenetui hat er gemeinsam mit seinem Hausarzt
zusammengestellt, und von einem Velomechaniker lernte er, die gängigsten
Reparaturen selber auszuführen. Ein «Not-Wörterbuch» für Russisch, Polnisch und
Schwedisch soll ihm über die Sprachklippen helfen.
Warum aber ausgerechnet ein Militärvelo? «Es muss ja nicht immer ein 21-Gänger
und High Tech sein; je einfacher, desto besser», findet er. Und 7 Gänge hat
sein Militärvelo allemal. «Zudem ist es dank seiner Nutzlast von 160 Kilogramm
viel stabiler als ein gewöhnliches Fahrrad», erklärt er.
Eine erste längere Pause von einigen Tagen -
je nach Fortschritt der Reise - will Hartmann in Berlin einlegen, um die
Ausrüstung nochmals zu kontrollieren und allenfalls anzupassen. Dann geht es
weiter nach Polen, Kaliningrad, Litauen, Lettland, Estland, dann über St.
Petersburg - sofern er an Ort und Stelle ein Visum für Russland erhält - nach
Finnland. «Wenn es mit dem Visum nicht klappt, müsste ich halt mit dem Schiff
direkt nach Helsinki fahren», erklärt er; er sei jedoch zuversichtlich.
Respekt flösst ihm vor allem die Weite Finnlands ein. Hier ist nicht nur das
Wetter unsicher, sondern auch die Ernährung könnte zum Problem werden. «Ich
muss dort jeweils sorgfältig die nächste Einkaufsmöglichkeit abchecken, denn
allzu viele Vorräte kann ich ja nicht mitschleppen.»
Wenn er dann auch noch Nordnorwegen durchquert hat, ist sein Ziel greifbar
nahe: das Nordkap. Auch die Rückkehr erfolgt zum Teil per Velo; Hartmann möchte
den Oktober in Mittelschweden verbringen. Den grössten Teil der Heimfahrt wird
er jedoch mit dem Zug zurücklegen.
Homepage: Die Reise
von Ralph Hartmann kann im Internet verfolgt werden unter www.outdoor-tools.ch.

Allein
ans Nordkap Ralph Hartmann mit seiner gesamten Ausrüstung
(Foto: Hanny Dorer)