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Die verschiedenen Spezies der "Wertungsrichter"

Die Mittänzerin - ehemalige Spitzentänzerin, die heute zumeist sehr
erfolgreich als Trainerin arbeitet. Sie hält es kaum ruhig am Flächenrand,
zunächst wiegt sich der Körper nur dezent zur Musik. Aber immer
kontrolliert, den man hat ja einen Ruf zu verlieren. Langsam beginnen die
Finger auf dem Klemmbrett den Takt zu trommeln. Und spätestens zum
Endrunden-Jive ist der ganze Körper in Bewegung. Ein Tipp: nichts hasst die
Mittänzerin mehr als unmusikalisches, gefühlloses Tanzen. Ruhig mal einen
Technikfehler einbauen, das macht sympathisch. Hauptsache, das Tanzen ist
schmissig und typisch.

Der Schüchterne - zum Leidwesen vieler, den Überblick verlierender
Turnierleiter ist der Schüchterne nie auf der Fläche zu finden, er steht
immer im sichernden Schutz der Zuschauer. Meist ein echter Experte, der sich
sein Tanzsport-Wissen hart erarbeitet hat, aber genau weiß, was seine
Wertungen anrichten können. Beeinflussbarkeit: gleich null.

Der Kritische - man erkennt ihn meist an seinem abweisenden, aber immer
aufmerksamen Blick. War und ist selbst tänzerisch sehr erfolgreich, kennt
das Geschäft in- und auswendig. Die letzten Ranglistenergebnisse sind ihm
selbstverständlich präsent, aber er wertet nicht danach. Für ihn ist jedes
Turnier ein Neubeginn, allein die Leistung zählt. Auch wenn seine Wertung
dadurch manchmal aus dem Rahmen fallen sollte. Beeinflussen kann man ihn
nicht, allein gutes Tanzen stimmt ihn gewogen. Vielleicht der fairste
Wertungsrichtertypus von allen.

Der Unsichere - meist selbst ein eher unterklassiger Tänzer, der die
Zulassungsvoraussetzungen zur WR-Ausbildung knapp erfüllen konnte.
Hauptziel: bloß nicht durch falsche Wertungen aus dem Rahmen fallen. Daher
besonders empfänglich für Leitwölfe: gerade Toptrainern,
Verbandsfunktionären oder Vereinssportwarten ist er immer dankbar für ihre
Tipps - auch wenn sie im krassen Gegensatz zu den gezeigten Leistungen
stehen. Sein schlimmster Alptraum: dass er bei den anderen Juroren nicht
abschauen kann. Beeinflussbarkeit: direkt gering, mit bekannter
Persönlichkeit an der Seite extrem hoch.

Die Schwester Oberin - imposante und unbewegliche Erscheinung, die mit
Feldherren-Blick das Geschehen auf der Fläche mustert. Gewertet wird nach
dem Motto "Na, wer hat sich denn heute meine Kreuze verdient?" Ideal ergänzt
wird der angsteinflößende Habitus der Oberin durch eine halbrunde, tief auf
der Nase aufliegenden Lesebrille, die selbstverständlich durch eine goldene
Halskette gesichert wird. Beeinflussbarkeit: In einigen Fällen führt
sofortiges und scheues Wegschauen - ihrem Blick hält man eh nicht lange
stand - zu den gewünschten Kreuzen.

Der Turm - völlig regungslos steht er da auf dem Parkett. Kein Lächeln, kein
Zwinkern des Erkennens kann die Gesichtsmuskeln reizen - man will ja
schließlich nicht als parteilich gelten. Das Klemmbrett hängt am völlig
entspannten Arm und zuckt nur für kurze Momente auf Brusthöhe, wenn der Turm
wieder eine seiner messerscharfen Entscheidungen getroffen hat. Und dafür
ist er bekannt - wenige Sekunden reichen ihm für eine exakte Wertung. Kein
minutenlanges Verfolgen in der Hoffnung auf den nächsten Fehler, wer jetzt
gut tanzt, tanzt auch in 30 Sekunden noch gut. Taktfehler bleiben ihm mit
dieser Methode allerdings meistens verborgen. Beeinflussbarkeit: Wenn man
seinen Blick tonnenschwer im Rücken spürt - bloß keinen Fehler machen. Aber
keine Sorge - der Blick schweift schnell wieder ab.

Die Mütterliche - wertet getreu dem Motto "Eigentlich möchte ich ja keinem
dieser armen Paare wehtun." Hat selbst in ihrer Karriere zu oft unter den
"bösen" Wertungsrichtern leiden müssen. Ist besonders empfänglich für den
Tänzer Typ "Schwiegersohn", adrettes und bescheidenes Auftreten und ein
charmantes Lächeln - schon hat sie ihr Kreuz verschenkt. Der größte Feind
der Mütterlichen: die TSO-Regel "Hälfte bis zwei Drittel der Kreuze", wie
soll man sich da bloß entscheiden?

Der Profilierungssüchtige - er ist ja so jovial und sympathisch - allein für
den Weg vom Eingang zur zehn Meter entfernten Startbuchannahme braucht er
mindestens zehn Minuten."Oh, Sie auch hier? - Ist das schön, Dich zu sehen!
- Nein, was habt Ihr neulich nur toll getanzt! - Ist das Kleid neu? Du
siehst ja hinreißend aus!" Man kennt ihn, und er kennt sie alle. Fehlt
eigentlich nur noch, dass er auch Tischen und Stühlen sein strahlenden
Lächeln schenkt. Gestaltet jeden Einsatz zur perfekten Selbstinszenierung.
Ob Dorfpokal oder große Gala - er sieht einfach immer gut aus. Und dabei ist
er ja so selbstlos! Wertet in den entlegensten Regionen unserer Republik und
verzichtet generös auf jegliche Bezahlung. Hauptsache, er darf werten und
Wochenende für Wochenende den erregenden Schauder der Macht spüren.
Beeinflussbarkeit: hoch - wenn man selbst Turniere organisiert und ihn dazu
regelmäßig als Wertungsrichter einlädt.

Der Routinier - war schon dabei, als das Tanzen erfunden wurde. Verzeiht
daher kleine Fehler sofort. Hauptsache, das Paar kann tanzen. Ruht in sich
selbst und seiner Reputation. Ein Typ von Schrot und Korn mit dem Leitsatz
"Richtig tanzen könnt ihr alle noch nicht, aber irgendeiner muss ja
gewinnen." Weiß in der Vorrunde schon, wer in die Endrunde gehört und hat
damit meistens recht. Und wenn nicht: wer wagt schon, einen Wertungsrichter
seines Schlages zu hinterfragen. Beeinflussbarkeit: gering - es sei denn,
man trainiert bei ihm.

Übrigens: Eine gesunde Mischung der verschiedenen Charakteren in einem
Wertungsgericht ist ideal, die Anhäufung eines einzelnen Typus hingegen
tödlich. Aber wann kommt das im echten Leben schon mal vor...

Quelle: TSZ Salzgitter

 

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