R e i s e b e r i c h t
Gemeinderat Kleindietwil

20. September 1971

Normalerweise tagt die Behörde 14-tägig.

Vor zwei Jahren hat Gemeindevizepräsident Dr. Fritz Wittwer anfangs September nach einer Sitzung ironisch
triumphierend erklärt, er würde an der nächsten Sitzung nicht teilnehmen, er sei für drei Wochen im Engadin
in den Ferien. Auf seine Äusserung hin wurde ihm entgegnet, dass Kleindietwil schlussendlich nicht weit
vom Flugplatz Bleienbach liege und in Samaden seien genügend Lande- und Startmöglichkeiten für
Flugzeuge. Nach diesen Feststellungen war auf den Köpfen der Beteiligten zu lesen, dass doch da "etwas
drin liegen müsse". Vielleicht begründet bliebs für diesen Moment beim Geplänkel.

Dieses Jahr anfangs August wurde bekannt, dass Fritz Wittwer wiederum mit seinen Angehörigen ins
Engadin fahre. Nachdem dies feststand schickte man eine diskrete Anfrage ans Eidg. Luftamts, ob irgendwie
eine Möglichkeit bestände, dass irgend ein Pilot mit einem Routineflug fünf Personen nach Samaden und
zurück, und natürlich zu günstigen finanziellen Bedingungen, befördern könnte. Das Eidg. Luftamt stellte zwei
Adressen-Listen III-10 + 11 zur Verfügung, mit ca. 60 Adressen von Lufttaxigesellschaften und
Motorfluggruppen. Etwa 15-20 dieser autorisierten Gesellschaften waren angekreuzt und mit dem Vermerk
versehen, dass sie eventuell für unser Vorhaben in Frage kamen.

An drei Unternehmen wurden Anfragen für Offerten gestartet. Bereits am 9. September läutete der Obmann
der Motorfluggruppe Sektion Olten, Herr Lehmann, auf die Gemeindeschreiberei an, mit der Bemerkung, er
hätte soeben die schriftliche Anfrage erhalten und er wäre interessiert mit zwei Flugzeugen Cessna 182 einen
Auftrag auszuführen. Innert eines minimalen Zeitaufwandes kam eine provisorische Einigung zustande.

Am 10. September, nach einigen zähen Routinegeschäften im Gemeinderat, wurde den Behördemitgliedern die
Situation um einen Flug nach Samaden und zurück in allen Details erläutert. Mehrheitlich lag grosse
Begeisterung vor und ein Beschluss zu dieser Sache fiel nicht schwer. Der Motorfluggruppe Olten ist
kurzerhand die Offerte bestätigt und ein Auftrag erteilt
worden. Vorgesehen war eine Reise in der Woche
vom 13. - 19. September. Wegen des überall herrschenden Zeitmangels wäre für die Behördemitglieder von
Kleindietwil der Samstag der geeignete Tag gewesen. Der stabilen Wetterlage wegen wurde eigentlich ein
Ausweichdatum schlecht ins Auge gefasst. Nachdem Herr Lehmann Kenntnis hatte von der beabsichtigten
Durchführung des Fluges am Samstag musste er uns mitteilen, dass interne Klubmeisterschaften vorgesehen
seien an diesem 18. September und daher von den Gruppenmitgliedern sämtliche Flugzeuge benützt würden.

Ich hatte wirklich Bedenken und sah ein Gelingen des Vorhabens bereits dahinsegeln. Der Gemeindepräsident
wurde kurzerhand orientiert und dieser hat routinemässig in gewohnter Art und Weise schnell einen neuen
Termin, und zwar den 20. September, ausgehandelt. Die Wetterlage für dieses Datum schien gut zu sein und
so wurden sämtliche Vorbereitungen getroffen.

Am 20. September, schon um 07.15 gab Herr Lehmann die Meldung, in Olten können des dichten Nebels
wegen nicht gestartet werden und der vorgesehene Abflug in Bleibenbach sei zeitmässig unbestimmt. Da wir
beisammen waren, fuhren wir sofort nach Olten und vertrieben uns die Wartezeit von ca. 1 ½ Std. mit dem
"Nationalsport".
 

Um 10.30 Uhr holte uns Herr Lehmann im Restaurant Schützenmatte ab, führte uns zu den Flugzeugen. Es
brauchte gar keine grossen Vorbereitungen mehr; alles war organisiert. Wir machten uns mit dem zweiten
Piloten gegenseitig bekannt und schon führten die Herren Piloten, Lehmann und Schenker, unsern
Gemeinderat bestehend aus Präsident Hans Mai und den Mitgliedern Ernst Herrmann, Paul Rutschmann,
Tristano Geninazzi sowie dem Sekretär Ernst Minder und dem Gemeindekassier Willi Würgler, Richtung
Samaden.

Ueber die Stadt hin Richtung Säälischlössli, Aarburg, war vorerst etwas Turbulenz vorhanden und die beiden
Neulinge auf diesem Flug machten nicht unbedingt den freudigsten Gesichtsausdruck. Der Dunst war
ziemlich dick und eine Frage war schon naheliegend, ob eventuell das Unternehmen gestört würde durch
wenig weite Sicht. Die ersten Eindrücke wurden fixiert. Die Lage des Flugplatzes Triengen, des Sendeturmes
Beromünster und des Sempacherseees wurde festgestellt. Der Pilot meldete dem naheliegenden
Militärflugplatz Emmen unsere friedliche Absicht. Plötzlich wurde ein Schichtwechsel in der Atmosphäre
bemerkt. Ueber der Inverson kamen die Alpen gestochen scharf in unser Blickfeld und wir konnten ein
Panorama betrachten wie dies ganz selten der Fall ist. Von einer Höhe von ca. 8000 Fuss konnten wir die Rigi
beobachten und der Flug führte weiter über Schwyz, durchs Muotatal Richtung Klausenpass, Trun. Die
Wechselwirkung der Blickwinkel, aus denen wir all die Silouetten und Berggipfel besehen konnten, war
dermassen eindrucksvoll, dass selbst die Neulinge im Flugwesen ihre Lufttaufe vergassen.
Die Reise ging
weiter Richtung Thusis, Tiefenkastel und dann über den Albulapass, wo nicht
einmal mehr die kurzfristige
Höhenvernichtung auf Samaden hinunter den Magen verstimmen konnte, Nach 55 Minuten landete die
Gesellschaft glücklich und zufrieden am Ende der ersten Etappe.

Gemeindevizepräsident Fritz Wittwer mit seinem Vetter markierten Empfangskomitee und um 12.00 Uhr fuhren
wir an den Silvaplanerseee zu einem wunderbaren Mittagessen, das von den beiden Frauen Wittwer, in nicht
ganz üblicher Weise zubereitet worden ist. Die Grossmutter hat eines scheinbaren Platzmangels wegen mit der
Jungmannschaft das Feld geräumt und einen Spaziergang unternommen. Während der Mahlzeit wurde
eigentlich eine beabsichtigte Gemeinderatssitzung nur kurz tangiert.

Die ganze Gesellschaft fuhr auf Einladung von Herrn Dr. Wittwer auf den Piz Corvatsch und genoss hier
während 1 ½ Stunden die Sonne und die Aussicht. Um 15.30 Uhr musste leider die Rückreise wieder unter die
Füsse genommen werden. Nach der Talfahrt mit der Bahn genossen wir noch kurz einmal den Ausblick von
Wittwers Ferienort am Silvaplanersee Richtung Maloja, die uns als einzigartig vorkam, und deren Existenz
hoffentlich auf alle Zeiten bestehen wird.

Kurz vor 17.00 Uhr verabschiedeten wir uns von unseren lieben Gastgebern und bedankten uns für ihre
grosse Mühe und Freundlichkeit, so gut es eben ging. Die Piloten machten ihre vorgeschriebenen und
Routine-Checks und nochmals winkend verliessen wir in einem grossen Bogen vor St. Moritz, Richtung
Muottas Muragl, entlang des Inns, über den Albulapass, das Engadin. Der Flug führte weiter Richtung Chur,
Calanda, Pizol, Walensee und im Spätnachmittagsdunst Wangen-Lachen, Hausen am Albis nach Olten.

Nach der Landung wurde der heutige Tag als ein gelungenes und unvergessliches Erlebnis von sämtlichen
Teilnehmern bezeichnet. Nach Anfrage über Tilgung der Schuld gegenüber der Motorfluggruppe, hatte
bereits Präsident Mai als Zahlmeister gedient. Drei von der Gesellschaft verabschiedeten sich von den Piloten
und fuhren mit dem Auto durchs "Gäu" über die Autobahn nach Kleindietwil. Die drei weiteren Mitglieder
wurden mit dem Flugzeug nach Bleienbach verbracht, wo inzwischen Frau Mai mit ihrem Auto wieder
eingetroffen war.

Ungefähr zur gleichen Zeit trafen wir uns zur Schlussbesprechung und finanziellen Abrechnung unter den
Teilnehmern im Gasthof Bären, wo wir vernahmen, dass der Gemeindepräsident vor der Landung in
Bleienbach eine Runde über seinem Dorf erleben durfte.

Um ca. 19.00 Uhr gingen die Reisemitglieder beeindruckt vom schönen Tag und nicht zu stark ermüdet
auseinander. Sicher haben sie ihren Angehörigen viel Neues zu erzählen gewusst.

An dieser Stelle sei all den Anwesenden und Mitwirkenden dieser Reise, dem Luftamt, der Motorfluggruppe
Olten, den Piloten Lehmann und Schenker, den Gastgebern im Engadin, den Gemeinderatsmitgliedern und
ihren Angehörigen, der beste Dank ausgesprochen.

Ich glaube feststellen zu dürfen, dass diese Reise nicht unbedingt "Kleinlichkeit" gefördert hat, weshalb
andern Institutionen ähnliche Wege zu beschreiten empfohlen werden kann.

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