Nordböhmen - eine Umweltkatastrophe

Im Herzen Europas, in Nordböhmen in der Tschechischen Republik, spielt sich seit Jahrzehnten eine stille Katastrophe ab. Berichte einer ökologischen, sozialen und menschlichen Tragödie.


Ein erstickender Geruch. `Sie können Kohlenmonoxyd oder Schefeldioxyd atmen, auf den Kopf fallen uns Tonnen Flugasche und Industriestaub', informierte mich ein Bürger auf eine Art, als habe er vier Sorten Süssigkeiten anzubieten.

Letzte Erweiterung: 23. Februar 1998

Inhalte:

  1. Einleitung
  2. Gebietsbeschreibung
  3. Geschichtliches
  4. Industrien
  5. Was ist Braunkohle?
  6. Die Bilder
  7. Zurück zur Homepage

Einleitung

Im Herzen Europas spielt sich seit Jahrzehnten eine Umwelttragödie ab. Die Lebenserwartung der Männer lag noch 1989 bei 65,4 Jahren und 73,3 Jahren bei den Frauen. Ein Vergleich: In Schweden betrug die Lebenserwartung 1986 rund 74 bzw. 80 Jahre. Der Grund: die während der kommunistischen Herrschaft aus dem Boden gestampfte Schwerindustrie und die verheerende Braunkohleförderung im Tagebau. Durch die topographische Lage trägt das Seine dazu bei, dass die in Unmengen ausgestossenen Schadstoffe sich regelmässig zu gefährlichem Smog konzentrieren. Während bis zu 100 Tagen pro Jahr erreichen die Schadstoffe astronomische Werte. Berichte einer ökologischen, sozialen und menschlichen Tragödie. (Zurück zum Anfang)

Gebietsbeschreibung

Rund 800 km nordwestlich von Basel liegt Nordböhmen, auf etwa 50° 30' nördlicher Breite und 14° westlicher Länge. Dieser Bezirk gehört heute, nach der Teilung der Tschechoslowakischen Föderativen Republik, zur Tschechischen Republik, auch Tschechien genannt. Die Tschechische Republik setzt sich zusammen aus Böhmen im Westen und Mähren im Osten. Die Hauptstadt heisst Prag. Die angrenzenden Länder sind Polen im Nordosten, Oesterreich im Süden, die Bundesrepublik Deutschland im Norden, Westen und Süden und, seit wenigen Monaten, die Slowakei im Osten. Das Land ist in acht Bezirke gegliedert, welche wiederum in Kreise aufgeteilt sind. Zum Bezirk Nordböhmen gehören vier Industriekreise. Diese heissen Chomutov, Most, Teplice und Ustí nad Labem. Industriekreise nennt man sie deshalb, weil sich auf den kleinsten Bezirk der Republik sehr viel Schwerindustrie konzentriert. Darin leben insgesamt rund eine halbe Million Einwohner.

Von Prag aus gesehen liegt Nordböhmen ca. 80 km in nordwestlicher Richtung. Es grenzt im Norden an die ehemalige DDR. Die nächstgrössere deutsche Stadt heisst Dresden. Im Süden grenzen Ausläufer des tschechischen Mittelgebirges den Bezirk ab, im Norden verläuft die Grenze durch das Erzgebirge. Der Kreis Most gehört zu den kleinsten Kreisen des Bezirks Nordböhmen. Er hat eine Fläche von 466 km2, zählt jedoch mit 120'000 Menschen am meisten Einwohner aller nordböhmischen Kreise. (Zurück zum Anfang)
 

Geschichtliches

Liest man in Büchern über die Entwicklung der Stadt Most, so liest man über eine Stadt, die eigentlich gar nicht mehr existiert. Nur wenige Bilder und einzelne, übriggebliebene Gebäude, so die Mariä-Himmelfahrt-Dechanteikirche oder der Aussichtsturm auf dem Hnevin zeugen von der Vergangenheit dieser Stadt. Der ganze Rest ist spurlos verschwunden.

Der Kreis Most bekam den Namen nach seiner bedeutendsten Stadt, die in ihm während Jahrhunderten eine dominante Stellung hatte. Die ursprünglich slawische Ansiedlung entstand an einem wichtigen Handelspfad. Dieser Pfad überwand bei Most das Flüsschen Bílina und das ausgedehnte Sumpfgebiet des ehemaligen Sees von Komorany über Brücken und Faschinen (Faschinen sind Reisigbündel zur Sicherung von Uferböschungen). Diese Anlagen gaben der Ortschaft den Namen (Most = Brüx/Brücke). Schriftlich wird Most bereits im 10. und 11. Jahrhundert erwähnt. Im 13. Jahrhundert wurde eine Burg gebaut, die zum Verwaltungszentrum der Stadt wurde. Die Stadt brannte zweimal nieder, und zwar 1455 und 1515. Dank der Hilfe der Könige konnte die Stadt aber jedesmal wieder aufgebaut werden. Der Dreissigjährige Krieg hinterliess schreckliche Spuren. Es blieben bloss noch etwa 450 Einwohner zurück, und die Häuser waren schwer beschädigt.

Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts trat eine intensive Entwicklung des Erzbergbaus im Erzgebirge ein. In der Umgebung von Most wurden zahlreiche Bodenschätze entdeckt. Am verlockendsten waren natürlich die Silber- und Kupferadern. In der Katerinská Region wurden Kupfer- und Silbervorkommen gefunden, die 1528 zur Gründung der Bergstadt Hora Sv. Kateriny führten. Dank des Erzbergbaus konnte Most nach der grossen Feuersbrunst von 1515 so erfolgreich wieder aufgebaut werden.

1858 begann man mit dem Bau der Haupteisenbahnstrecke zwischen Ustí nad Labem und Chomutov. Dieses Eisenbahnnetz wurde Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts fertiggestellt. Es war das dichteste Eisenbahnnetz Europas! Nun entwickelte sich auch der Braunkohleabbau in der Gegend von Most. Sie lag hier zwar tiefer, ihre Qualität war dafür besser. Für Most und die breitere Umgebung waren von diesem Zeitpunkt an die Fördertürme der Tiefbaugruben charakteristisch. Die ganze Region wurde von einem dichten Eisenbahnnetz mit Grubenanschlussgeleisen durchwoben. Braunkohle prägte das neue Antlitz dieser Region.Mit dieser Entwicklung wurde schon früh der Grundstein für eine ausgedehnte Industrialisierung gelegt. Dies führte übrigens auch zu frühen Erfahrungen mit der Umweltverschmutzung.

Der Tschechoslowakei wurde nun das sowjetische "Eisenkonzept" aufgezwungen. Das Land musste nun eine energie- und rohstoffaufwendige Schwerindustrie aus dem Boden stampfen. Die Folgewirkungen dieses Sachverhalts zeigen sich gegenwärtig, da die Tschechoslowakei ihren Bedarf nur mit wachsenden Finanz- und Umweltbelastungen decken kann. Diese Entwicklung leistete der Umweltzerstörung grossen Vorschub.

Während den 60er Jahren begann man vom Kohleabbau unter Tage auf die Kohleförderung im Tagbau umzustellen. Im Zuge dieser Umstellung fiel 1964 der wohl folgenschwerste Entscheid in der Geschichte der Stadt Most, welche damals gerade etwa 30'000 Einwohner zählte: Die Regierung beschloss die Liquidierung der Stadt, um an die reichen Braunkohlenvorkommen im Ausmass von rund 100 Millionen Tonnen zu gelangen. Dasselbe geschah mit weiteren rund 70 Dörfern, welche der neuen Form der Kohleförderung weichen mussten. Eine neue Stadt namens Most wurde wenige Kilometer weiter südlich aufgebaut. Diese Stadt zählt heute ca. 75'000 Einwohner. Die heutige Stadt Most stellt vor allem eine geordnete Anhäufung riesiger Wohnsilos dar, welche mit ziemlich wenig Phantasie aufgebaut wurde. Die sozialistische Regierung sah darin jedoch die "Verwirklichung moderner städtebaulicher Lösungen und eine Reihe architektonisch interessanter Bauten." (Zurück zum Anfang)
 
 
 

Industrien

Nach dem zweiten Weltkrieg übernahmen die Sowjets die Macht über das Land. In wirtschaftlicher Hinsicht zwangen sie der damaligen Tschechoslowakei ihr "Eisenkonzept" auf. Dieses sah den Aufbau und Betrieb von Schwerindustrien vor, welche für die Rüstung wichtig waren. Schwerindustrie ist eine Sammelbezeichnung für Bergbau, eisenerzeugende und eisenverarbeitende Industrie (z.B. Walz, Schmiede-, Röhrenwerke, Grossmaschinenbau). Vergessen wir nicht, dass zu jener Zeit der Kalte Krieg zwischen Ost und West begann. Dieser brachte ein noch nie dagewesenes Wettrüsten mit sich. Beide Seiten setzten darum alles daran, ihre Streitkräfte möglichst stark auszubauen. Die Voraussetzungen in diesem Land waren jedoch sehr ungünstig: Das Land besass keinerlei Natur- und nur geringe Beschäftigungs- und Qualifikationsvoraussetzungen. Dafür brachte der Aufbau dieser Industrien dem Land eine galoppierende Umweltzerstörung.

Heute werden in Nordböhmen immer noch riesige Mengen Braunkohle gefördert. Das Land ist weiterhin arm und auf diesen schmutzigen Rohstoff angewiesen. Die Kohle wird vor Ort verbrannt. Damit wird Strom erzeugt, welcher auch nach Westeuropa exportiert wird. Ganze Städte werden von zentralen Heizwasserwerken mit Wärme versorgt. Oft sind diese Fabriken in einem hoffnungslos veralteten Zustand. Seit einigen Jahren investieren ausländische Stromabnehmer immerhin in Filteranlagen. Die Probleme der katastrophalen Kohlegewinnung bleiben. (Zurück zum Anfang)
 

Was ist Braunkohle?

Die Braunkohle zeigt ein fortgeschrittenes Bild der Zersetzung von Pflanzenresten, die hier mit den Augen meist nicht mehr wahrzunehmen sind. Aufgrund des "Pollengehaltes" der Kohle lassen die Braunkohleflöze zahlreiche Lagen erkennen.

Ein Flöz ist eine Gesteinsschicht, die einen nutzbaren Bestandteil (Bsp. Erz, Kohle) mitführt oder wesentlich aus einem solchen besteht. F. haben bedeutende horizontale Ausdehnung und geringe Mächtigkeit.

Braunkohleflöze sind aus verschiedenartigen Moorvegetationen hervorgegangen. Wie auch die in der Braunkohle noch erhaltenen holzigen Reste erkennen lassen, haben am Aufbau der Braunkohle naturgemäss andere Pflanzen als beim Torf teilgenommen, und zwar vorwiegend Nadelhölzer (Mammutbäume und Sumpfzypressen). Dazu treten Laubbäume, Palmen, Zykadeen, Zyperazeen und Myriazeen u.a. Die Hauptentstehungszeit der Braunkohle ist der TERTIÄR (vor 50 - 60 Mio. Jahren).

Der Umwandlungsprozess der abgestorbenen Pflanzenreste vollzog sich, indem sie durch Bedeckung mit Wasser und Schlamm der Einwirkung des Luftsauerstoffes entzogen, sich an Kohlenstoff (relativ) anreicherten und in verwickelte Kohlenwasserstoffverbindungen überführt wurden. Dabei spalteten sich Wasser (H2O), später im wesentlichen Kohlendioxyd (CO2) und zum Schluss Kohlenwasserstoff-verbindungen (vorwiegend CH4) ab. Dieser Prozess der Umwandlung der Pflanzen bzw. des Torfs in Braunkohle und Steinkohle ist mit dem bkannten Vorgang der trockenen Destillation vergleichbar (Verbrennung von Holz <-> Erhitzung unter Luftabschluss)

Die Entstehungsdauer eines 100 m mächtigen Braunkohleflözes benötigt ungefährt 125 000 - 250 000 Jahre.

Braunkohlen sind braun bis braunschwarze Kohlen von erdig lockerer bis fester Beschaffenheit mit glanzlosen bis glänzenden Bruchflächen. Nach der petrographischen (-> beschreibende Gesteinskunde) Ausbildung der Braunkohle unterscheidet man Weichbraunkohlen und Hartbraunkohlen.

Zu den Weichbraunkohlen (Braunkohlen mit 45 - 65 % H2O und holzigen Einschlüssen) gehören: Erdbraunkohle (gemeine Braunkohle), z.B. mitteldeutsche Braunkohle und schiefrige Weichbraunkohle, z.B. Westerwälder Kohle.

Zu den Hartbraunkohlen (mit 20 - 30 % H2O, ohne holzige Einschlüsse) zählen: Mattbraunkohle, d.h. feste Braunkohle mit würfligem Bruch, brauner Erde, nicht färbend aber staubend, z.B. Böhmische Braunkohle oder Glanzbraunkohle, steinkohlenähnliche Kohle von schwarzer Farbe und muschligem Bruch, z.B. Pechkohle in Oberbayern.
 

Der Charakter einer Braunkohle hängt wesentlich von der Art und Mächtigkeit der überlagernden Schichten, von der Höhe des Gebirgsdruckes und den Temperaturen, denen sie ausgesetzt war. Die durchschnittliche chemische Zusammensetzung der Braunkohle beträgt etwa 70 - 80 % C (Kohlenstoffe), 15 - 25 % Sauerstoff und 5 % Wasserstoff.

Ihr Heizwert schwankt stark zwischen 1900 kcal/kg (Rohkohle) und 6000 kcal/kg (Reinkohle). Unter Heizwert versteht man die Wärmemenge, die bei der vollständigen Verbrennung von 1 kg eines Brennstoffes frei wird. Die Grubenfeuchtigkeit der Braunkohle steigt bis auf 65 %. Die Höhe des Wassergehaltes macht den Transport der rohen Braunkohle auf weite Entfernungen unwirtschaftlich. Deshalb wird die Kohle meist direkt vor Ort verbrannt. Zum Teil wird die Kohle auf Förderbändern direkt an den Ort der Verbrennung transportiert. Es sind dies in Nordböhmen vor allem die Fernheizwerke und die Kohlekraftwerke.

Einige Beispiele für Heizwerte, hier in KJ pro kg:

Quelle Braunkohle: Paul Kukuk: Geologie, Mineralogie und Lagerstättenlehre, Springer-Verlag 1951
(Zurück zum Anfang)
Diese Seite wird laufend erweitert!