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August 2001 - Aus aller Welt - Unglücke

Ein Grund zum Heulen (03.08.2001)

Wissenschaftler entdecken in der Ostsee Behälter mit hochgiftigen Kampfstoffen aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine tickende Zeitbombe


Die betroffenen Gebiete im OstseeraumRussische Wissenschaftler haben bei einer Expedition in der Ostsee erstmals Aufnahmen von C-Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg gemacht und dabei entdeckt, dass die Behälter zum Teil bereits durchgerostet sind. Rund 30 000 Tonnen der hochgiftigen Kampfstoffe sollen auf dem Meeresgrund liegen.

Erst ist im trüben Wasser die Bordwand zu erkennen, dann tauchen plötzlich Artilleriegranaten vor der Linse der Unterwasserkamera auf. Dicke Löcher haben sich durch die Stahlummantelung der Geschosse gefressen. Die chemischen Kampfstoffe, die seit mehr als fünf Jahrzehnten in den Bomben und Granaten eingeschlossen waren, können, so scheint es, ungehindert entweichen.


Erstmals ist es eigenen Angaben zufolge russischen Forschern gelungen, Chemiewaffen aus deutscher Weltkriegsproduktion, die in einem Seelenverkäufer auf dem Grund der Ostsee gefährlich vor sich hinrosten, auf Video zu bannen. "Selbst bei dickwandigen Artilleriegranaten ist die Korrosion sehr weit fortgeschritten. Ein Sprengsatz war sogar komplett durchlöchert. Die Bomben sind praktisch alle zerfressen", erzählt Michail Spiridonow, der die Expedition der russischen Akademie der Wissenschaften leitete.

Zehn Tage dauerte die Tour auf den Forschungsschiffen "Professor Stockmann" und "Doktor Ljubezki", die zum Ziel hatte, Klarheit zu bekommen über den Zustand der chemischen Kampfstoffe aus Nazi-Deutschland, die von den Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs über Bord gekippt worden waren.

Mehrere Hundert Grund- und Wasserproben entnahmen die Russen vor der Insel Bornholm, stundenlang filmten sie unter Wasser. Nicht selten zogen die Seeleute Schutzanzüge an. Spiridonow, der am Institut für Geologie in St. Petersburg forscht, hat alarmierende Ergebnisse mitgebracht. Er spricht von "großen Anomalien" in der Umgebung der Unterwasserlagerstätten. "Wir haben Arsenrückstände im Boden und im Wasser gefunden, dazu weitere Schwermetalle."

Die Liste für das Arsenal des Schreckens, das allein zwischen Lettland und Bornholm versenkt wurde, ist lang: Senfgas, Arsinöl, Adamsit, Chloracetophenon, Diphenylarsenchlorid, Zyklon B, Zyanide, Chlorasin heißen die todbringenden Stoffe. Russischen Angaben zufolge wurden dort aus deutschen Beständen 93 754 Fliegerbomben, 34 162 Sprengbomben, 1451 Fässer, 409 569 Geschosse, Tausende von Munitionskisten, mehrere Hundert Tonnen Giftgasbehälter sowie 7860 Zyklon-B-Dosen auf Grund gebracht.

Allein vor Bornholm liegen mehr als 30 000 Tonnen, 70 Seemeilen von der lettischen Hafenstadt Liepaja entfernt wurden noch einmal 5000 Tonnen Chemiekampfstoffe versenkt. Große Mengen liegen im Skagerrak - dort wurden 27 Schiffe lokalisiert, um die herum Granaten und Bomben verstreut liegen - und Kattegatt auf Grund. Auch vor der Insel Fünen wurden Kampfstoffe versenkt.

Experten schätzen, dass insgesamt mehr als 300 000 Tonnen in der Ostsee und angrenzenden Gewässern liegen. Im Expertenstreit, wie die Gefahr einzuschätzen ist, nehmen Spiridonow und seine Mitstreiter, wie sie sagen, eine Position "in der goldenen Mitte" ein. "Wir denken nicht, dass eine globale Katastrophe droht, da es extrem unwahrscheinlich ist, dass alle Kampfstoffe gleichzeitig austreten", sagt der 67-Jährige. "Andererseits halten wir die Auffassung, das Zeug werde sich schon friedlich im Wasser auflösen, für, gelinde gesagt, leichtsinnig."

Es musste schnell gehen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Da niemand über eine geeignete Technologie zur Vernichtung von C-Waffen verfügte, vereinbarten die Alliierten, bis Ende 1947 die deutschen C-Waffen-Vorräte im Atlantik zu versenken. In vier Kilometer Tiefe, nordöstlich der Färöer, sollte die Fracht ihr Ende finden. In einer solchen Meerestiefe, so die Überlegung der Militärs, würden die Kampfstoffe keinerlei Gefahr darstellen.

Die sowjetische Schiffskarawane des Todes nahm im Dezember 1947 im Hafen Wolgast ihren Ausgang. Sechs schwer beladene Dampfer, begleitet von sowjetischen Minensuchern und Torpedobooten, machten sich auf die Reise, um 35 000 Tonnen C-Waffen, die in der sowjetischen Besatzungszone sichergestellt worden waren, zu entsorgen.

Obwohl die Schiffe eigentlich bis in den Atlantik gebracht werden sollten, entschieden die Sowjets - Winterstürme zogen auf -, nur bis in die Ostsee zu fahren. Vor Liepaja warfen sie teilweise noch in Holzkisten verpackte Fliegerbomben, Munitionskisten mit Giftgasgranaten in die See. Vor Bornholm, unweit der Insel Christianso, entsorgten sie den Rest. Die übrigen 270 000 Tonnen versenkten Briten und Amerikaner zusammen mit ausrangierten Passagierdampfern und maroden Kriegsschiffen.

Die Briten trennten sich von ihren eigenen Giftgasvorräten, etwa 120 000 Tonnen, indem sie diese zumeist im Atlantik verklappten. Im Nordmeer bei der Insel Nowaja Semlja und im Weißen Meer entsorgten die Sowjets einen Teil ihrer selbst produzierten Kampfstoffe. So erzählte der Chemiker Lew Fjodorow, einer der führenden Giftgasexperten in Russland, dass im Nordmeer 50 Züge mit jeweils 50 Waggons, voll gepackt mit dem Atemgift Lewisit, einfach auf Grund gingen.

Admiral Wladimir Tribuz, Befehlshaber der sowjetischen Ostseeflotte von 1939 bis 1947, sagte über die Entsorgung auf hoher See: "Ich denke, wir haben den zukünftigen Generationen eine echte Sauerei hinterlassen."

Wurde bislang davon ausgegangen, dass vor Bornholm Granaten und Bomben einzeln über Bord geworfen wurden und unter einer dicken Schicht Meeressand liegen, haben Spiridonow und seine Leute herausgefunden, dass dort ganze Schiffsladungen liegen, die nicht von Schlick oder Sand bedeckt sind. "Allein vor Bornholm haben wir drei Schiffe mit C-Waffen an Bord in 100 Meter Tiefe entdeckt." Dass die Schiffe nicht einfach geflutet wurden, berichtet der Wissenschaftler Barrikado Mordwinow vom Moskauer Ozeanologischen Institut. "Die Bordwände waren von Einschüssen regelrecht durchlöchert. Die Schiffe wurden kurz und klein geschossen, das waren wohl Bacchanalien des Sieges."

"Wir können bislang keine umfassenden Prognosen stellen und Modelle entwickeln, wie sich die Lage entwickeln wird", meint sein Kollege Spiridonow. "Es gibt jedoch eine reale Gefahr. Es reicht, sich vor Augen zu führen, dass die Produkte, die durch Hydrolyse entstanden oder durch Transformation der Kampfstoffe, zum Teil sogar noch toxischer als die C-Waffen selbst sind." In der Tat entstehen beispielsweise bei der Reaktion von Lewisit mit Wasser hochgiftige Arsenverbindungen.

Wissenschaftler Spiridonow plädiert dafür, internationale Forscher für eine groß angelegte Expedition zu gewinnen, um Modellrechnungen zu erstellen, wie sich die Giftstoffe auf dem Meeresgrund verhalten werden. Dann könnte man auch Fragen klären, ob die Kampfstoffe gehoben werden müssten. Nicht alle Ostseeanrainer wollten jedoch, so der Russe, das Thema auf die Tagesordnung bringen. Schließlich gehe es um Fischfang, Urlauberparadiese und damit um viel Geld.

Spiridonow fordert als Sofortmaßnahme ein Fischfangverbot in der Gegend der C-Waffen-Friedhöfe. Giftgasgranaten hätten sich schon in den Netzen der Trawler verfangen, Fischer seien mit den toxischen Stoffen in Kontakt gekommen. Sorgen bereitet dem Forscher auch, dass sich das Gift immer weiter in die Nahrungskette zu schleichen scheint. "Man darf nicht vergessen", so Spiridonow, "dass es deshalb schon genetische Veränderungen bei Meerestieren gibt."

 

Fünf Tote bei Tunnelbrand in Österreich (07.08.2001)

Zwei Autos waren im Gleinalm-Tunnel in der Nähe von Graz zusammengestoßen und in Brand geraten. Opfer sind vermutlich Niederländer

Nur etwas mehr als zwei Jahre nach dem Feuerinferno im Tauerntunnel, bei dem zwölf Menschen starben, hat sich am Montag in einem österreichischen Autobahntunnel wieder ein ähnliches Unglück ereignet. Zwei Autos stießen mitten im 8,3 Kilometer langen, einröhrigen Gleinalmtunnel auf der Pyhrnautobahn in der Steiermark frontal zusammen und gingen in Flammen auf.

Fünf Pkw-Insassen verbrannten hilflos in den Wracks ihrer Autos, vier Menschen, darunter drei Kinder entkamen dem Tod im Tunnel mit Rauchgasvergiftungen und Knochenbrüchen. Eines der Kinder schwebte am Abend mit schwersten Verbrennungen in Lebensgefahr.

Die genaue Identität der Toten war zunächst noch nicht bekannt. Nach Angaben der Polizei wurde am Unfallort jedoch ein niederländisches Autokennzeichen gefunden, so dass man davon ausging, dass es sich bei den Toten um Holländer handelte. Das zweite Auto war ein österreichischer Pkw. Die Feuerwehrmänner konnten sich nur mühsam zum Brandherd im Tunnel vorkämpfen.

Nach einem Bericht des ORF benötigten sie wegen der starken Rauchentwicklung eine Stunde, um die brennenden Fahrzeuge zu erreichen und diese zu löschen. Die Toten hätten sich alle in einem Auto befunden und seien bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, berichtete die Feuerwehr.

Der Tunnel, durch den rund 14 000 Fahrzeuge täglich fahren, sollte noch am Montagabend wieder für den Verkehr freigegeben werden. Er zählt zu den wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen durch die Alpen. Bei einem ähnlichen Unfall im ebenfalls einröhrigen Tauerntunnel waren vor zwei Jahren zwölf Menschen, fünf von ihnen aus Deutschland, getötet und Dutzende verletzt worden. Ein übermüdeter Lkw-Lenker war in den frühen Morgenstunden des 29. Mai 1999 auf eine Fahrzeugkolonne aufgefahren, die vor einer Baustelle im 6,4 Kilometer langen Tunnel wartete.

 

Verheerender Autocrash - Wieder drei Tote in österreichischem Tunnel (08.08.2001)

Die Bilanz des Zusammenstoßes am Vorarlberg: Drei ToteBereits Anfang der Woche kamen bei einem Tunnelbrand in Österreich fünf Menschen ums Leben. Jetzt gab es schon wieder ein tödliches Unglück in einem Tunnel: Mindestens drei Menschen wurden getötet, zahlreiche verletzt.

Das Unglück ereignete sich mitten im Ambergtunnel bei Feldkirch im Vorarlberg. Gegen 8.30 Uhr war ein Reisebus frontal gegen einen Kleinlastwagen geprallt, berichteten österreichische Medien. In der Folge hätten sich mehrere Auffahrunfälle ereignet.

Getötet wurden nach Angaben des Rundfunksenders ORF die beiden Fahrer der zusammengestoßenen Fahrzeuge sowie ein Buspassagier. Wie viele Personen verletzt wurden, war zunächst unklar. Der 3,5 Kilometer lange Tunnel gehört zur Rheintalautobahn, die nach dem Unglück für den gesamten Verkehr gesperrt wurde.

Erst am Montag waren bei einem Feuerunfall im Gleinalm- Autobahntunnel in der Steiermark fünf Niederländer, unter ihnen drei Kinder, getötet worden. Der Minivan der Urlauberfamilie war nach dem Zusammenstoß mit einem von einem deutschen Staatsbürger gelenkten österreichischen Pkw in Brand geraten. Der Pkw-Fahrer war auf die Gegenfahrbahn geraten und hatte so das Unglück verursacht. Er und drei Kinder erlitten schwere Verletzungen.

Der Ambergtunnel besteht wie der 8,3 Kilometer lange Gleinalmtunnel aus einer einzigen Röhre, durch den der Verkehr in beide Richtungen fließt.

 

Umweltalarm an amerikanischen Traumstränden (10.08.2001)

Wasserqualität ist so schlecht wie nie zuvor. In Nord- und Ostsee und im Mittelmeer können Urlauber bedenkenlos schwimmen

Baden an einigen Traumstränden der Vereinigten Staaten gilt ab sofort als Gesundheitsrisiko: Die berühmten Strände von Key West und Miami Beach (Florida), Jones Beach auf Long Island (New York) und St. Croix auf den Virgin Islands müssten laut Forderungen von Umweltschützern sofort für Schwimmer gesperrt werden. Die Wasserqualität ist so schlecht wie nie zuvor.

Auch in Dänemark und Schweden schlagen Umweltexperten Alarm: Dort bedroht eine Bakterie, die innerhalb von 48 Stunden zum Tode führen kann, die Badenden. Sie dringt über winzig kleine Wunden in den menschlichen Körper ein. 1991 wurde die Bakterie erstmals in der Ostsee gefunden, seit 1994 findet sie sich auch in schwedischen Gewässern.

Die amerikanische Umweltorganisation Natural Resources Defense Council (NRDC) fordert jetzt, mehr als 11 000 Strandabschnitte zu schließen. In 2000 geprüften Fällen äußerte die Organisation starke Bedenken. Auch Badebuchten an den berühmten fünf großen Seen sind betroffen, zwei Fünftel der amerikanischen Gewässer sind laut NRDC zu verschmutzt, um darin zu schwimmen oder zu angeln. Nur acht Strandabschnitte an der Nord-Ost-Küste, in den US-Bundesstaaten Connecticut und Massachusetts, wurden als problemlos bewertet. Die Zahl der zur Sperrung empfohlenen Abschnitte hat sich binnen Jahresfrist verdoppelt.

Erfreulich hingegen sind die aktuellen Strandberichte aus Deutschland und Südeuropa. Hier lässt die Badewasserqualität in diesem Sommer kaum zu wünschen übrig. Der Allgemeine Deutsche Automobil Club (ADAC) kontrolliert jede Woche die Qualität an Mittelmeer, Nord- und Ostsee sowie am Bodensee und an der Mecklenburgischen Seenplatte. "Die aktuellen Werte belegen, dass es an der Nord- und Ostsee gute bis sehr gute Badebedingungen gibt", sagt Cornelia Brucker vom ADAC. Dieselben Ergebnisse erzielten Tests an der spanischen Mittelmeerküste und an der Adria. Selbst bei den italienischen Küstengewässern der Emilia Romagna bei Rimini - einst von Algenplagen heimgesucht - gibt es keine Beanstandungen. Lediglich an sechs von 234 Stränden Kataloniens kam es zum Badeverbot, zudem wurden am Gardasee vier von 125 Stränden gesperrt. Das "sauberste" Badevergnügen verspricht der ADAC vor der Küste Kroatiens. "Dort wurden dieses Jahr nicht einmal die sehr strengen EU-Richtwerte überschritten", sagt Bruckner. In Deutschland wurden in vier von 500 untersuchten Gewässern, darunter im Berliner Wannsee, Algen gefunden.

 

Die Tragödie der "Kursk" ist enträtselt (12.08.2001)

Zeugenaussagen und Untersuchungsergebnisse weisen auf Torpedoexplosion hin

Vor genau einem Jahr versank das russische Atom-U-Boot in der Barentssee, riss 118 Besatzungsmitglieder in den Tod. Anhand neuer Informationen und Zeugenaussagen lassen sich die letzten Stunden der "Kursk" rekonstruieren sowie die mutmaßliche Ursache für ihren Untergang - eine Torpedoexplosion:

Am 12. August 2000 um 11.28 Uhr und 27 Sekunden Moskauer Zeit registriert die seismologische Station NORSAR im Norden Norwegens einen ersten großen Ausschlag. "Zwei Minuten und 15 Sekunden später haben wir ein enormes Signal aufgezeichnet", so Frode Rigndal, Direktor von NORSAR. "Das Signal entspricht eindeutig einer sehr großen Explosion in der Größenordnung von mehreren Tonnen TNT. Wenn jeder Torpedo um die 200 bis 250 Kilogramm Sprengkraft hat, dann sind mindestens zehn, vielleicht bis zu 20 Torpedos explodiert." Die "Kursk" befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf 19 Meter Tiefe, eine typische Tiefe zum Abschuss von Torpedos. Das 153 Meter lange U-Boot besteht wie alle Schiffe der so genannten Oscar-II-Klasse aus neun Abschnitten, im mittleren ist der Reaktorkern. Im ersten Abschnitt befindet sich der Torpedoraum. Hier ereignet sich nach Ansicht von Experten Folgendes:

Matrosen stellen fest, dass an einem Torpedo vom Typ "65-76 Tolstjak" - "der Brummer" genannt - ein Leck aufgetreten ist. Der Torpedo wird von einer Brennstoffmischung, die Wasserstoffperoxid enthält, angetrieben. Dieser Typ gilt als besonders anfällig für Lecks. Vladimir Gundarov, Journalist der Militär-Zeitung "Roter Stern": "Diese 650 Millimeter dicken Torpedos stehen schon lange im Dienst, aber sie galten immer schon als Waffe, die für die eigene Mannschaft gefährlich ist."

Als die Soldaten auf Messins-trumenten in Abschnitt I feststellen, dass die Konzentration von Wasserstoffperoxid zunimmt, unterrichten sie Kapitän Gennadij Ljatschin. Der Kommandant ist auf seiner letzten Dienstreise und Anwärter für den Orden "Held von Russland". Ljatschin befiehlt, den defekten Torpedo ins Rohr zu schieben und auf den Meeresboden herauszulassen. Doch der Torpedo bleibt im Rohr stecken.

Als die Seeleute den Rohrdeckel wieder öffnen, entsteht eine Stichflamme. Nikolay Tylik, selbst viele Jahre Matrose auf U-Booten, kann sich vorstellen, was dann passiert ist. Sein Sohn Sergej war an Bord der "Kursk". "Wenn man in den ersten fünf oder sechs Minuten das Feuer nicht löscht", so Nikolaj Tylik, "dann erhitzt sich das Wasserstoffgemisch so stark, dass es explodiert wie ein Fass Benzin."

Genau das geschieht auf der "Kursk". Der gesamte Treibstoff des Torpedos explodiert - die erste kleine Explosion. Möglicherweise machen auch die Matrosen einen Fehler, denn an Stelle der Stammbesatzung sind etwa 40 Prozent der Soldaten an Bord normalerweise auf anderen U-Booten beschäftigt. Im Torpedoraum lagern auf Spezialgestellen 22 Torpedos. Sie sind mit Sprengköpfen und mit einem automatischen Löschsystem ausgestattet. Schnell erhitzt sich der Raum. Die Matrosen müssen zu diesem Zeitpunkt schon tot gewesen sein. Die Temperatur steigt auf 2000 Grad, das Löschwasser verdampft. Nach zwei Minuten und 15 Sekunden explodieren vermutlich einige der gelagerten Torpedos. Die Explosion verwüstet die Abschnitte I bis IV, Meerwasser bricht ins Schiff ein. 23 Seeleute sammeln sich im Abschnitt IX; dort ist der Notausstieg und Rettungsgerät. In diesen Abschnitt flüchtet sich auch Dimitrij Kolesnikov. Sein Abschiedsbrief, der nie vollständig veröffentlicht wurde, soll Informationen über den Verlauf des Unglücks enthalten.

Wie lange die Seeleute in Abschnitt IX überlebten, weiß niemand. Am Morgen des 21. August öffnen norwegische Taucher die Luke zur "Kursk". Zu diesem Zeitpunkt sind alle 118 Personen an Bord längst tot.

 

US-Waldbrände außer Kontrolle (19.08.2001)

235.000 Hektar von Flammen vernichtet. 23.000 Feuerwehrleute im Einsatz. Marine und Army entsenden Spezialeinheiten

Rund 33 kilometerlange gigantische Feuerwalzen überrollen nahezu ungebremst elf Bundesstaaten im Westen der USA. Mehr als 235.000 Hektar Land - eine Fläche fast so groß wie das Saarland - wurden allein in der vergangenen Woche vernichtet. 1.000 Spezialisten von Marine und Army wurden deshalb jetzt zur Brandbekämpfung in den Westen der USA abkommandiert. Nach einer Trainingsphase sollen sie ab Mitte nächster Woche die 23.000 vollkommen erschöpften Feuerwehrleute in den Bundesstaaten Oregon, Washington, Nevada und Kalifornien unterstützen.

Justin Browler, 31, einer von 400 US-"Smokejumpers" der Sturmtruppe des US Forest Service, nimmt die Brände als persönliche Herausforderung: "Das ist der beste Beruf der Welt. Ich liebe ihn. Wo sonst bekommst du so einen Adrenalinschub?" In einer alten Dornier 21 fliegt der Feuerspringer von der Basis in Twin Falls, Idaho, aus dorthin, wo andere Feuerwehrmänner nicht hinkommen. Mit seinem Fallschirm springt er buchstäblich ins Schwarze. Sein Rüstzeug sind Schaufeln, Messer, Säcke und Hacken - damit schlägt er Schneisen in den Wald und wuchtet Gräben aus, damit aus kleinen Feuerherden keine Flächenbrände werden. In Nevada ist es ihm und seinem Team gelungen, die kleine Goldgräberstadt Midas durch eine breite Feuerschneise vor den Flammen zu retten.

Für die kommende Woche werden weitere Trockengewitter erwartet - die Blitze ohne Regen als gefährliche Brandauslöser mit sich bringen.

 

Mordfall Julia: Indizien überführten Nachbarn (21.08.2001)

Der mutmaßliche Mörder liegt immer noch im Koma. Eine DNA-Analyse brachte den Durchbruch

Der mutmaßliche Mörder der achtjährigen Julia Hose aus dem hessischen Bibertal ist gefunden: "Für uns ist die Straftat kriminalistisch aufgeklärt. Die Indizien reichen aus, um gegen den 33 Jahre alten Verdächtigen einen Haftbefehl auszusprechen", sagte Kurt Maier vom Polizeipräsidium Mittelhessen der WELT. Ein Paar Latexhandschuhe gilt als endgültiger Beweis, dass ein Nachbar des Kindes, der Familienvater Thorsten V., den grausamen Mord begangen haben soll.

Wie schon im Fall Ulrike Brandt aus Eberswalde ist es die DNA-Analyse gewesen, die den Durchbruch brachte. Sie habe bewiesen, dass die Handschuhe, die ein Spaziergänger am 17. Juli in der Nähe des Brandorts gefunden hatte, mit einer "Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million von dem Beschuldigten getragen wurden", sagte Reinhard Hübner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen. Der Haftbefehl sei jedoch noch nicht ausgesprochen worden, da der Tatverdächtige nach wie vor im Koma liege und so "keine Fluchtgefahr" bestehe, so Maier. Frühestens in zwei Wochen ist der Mann, dessen 80-prozentige Hautverbrennungen in der Kölner Spezialklinik Merheim behandelt werden, vernehmungsfähig. Dann muss er zur einer erdrückenden Fülle von Indizien Stellung nehmen.

Im dringenden Verdacht steht der 33-Jährige, weil er entgegen seiner früheren Aussage zum Zeitpunkt von Julias Verschwinden, am 29. Juni gegen 18 Uhr, doch alleine zu Hause war. Seine Frau hatte ihm anfangs ein Alibi gegeben, dieses später jedoch zurückgezogen. Der Verwaltungsbeamte wohnt in der Nähe des Spielplatzes, an dem das Mädchen zuletzt gesehen wurde. Vier Tage später erfasste ihn eine Radarfalle auf der B 45, aus Richtung des Leichenfundorts kommend. An jenem Abend hatte die Feuerwehr fast parallel die verkohlte Leiche Julias in einem brennenden Holzstapel gefunden. Zudem fanden Ermittler und Zeugen neben besagten Latexhandschuhen am Rande eines Feldweges unweit der Fundstelle einen Stofffetzen und eine Faserspur, die laut Staatsanwaltschaft "nach allen untersuchten Kriterien mit Stoff aus der Wohnung des Beschuldigten" übereinstimme. Weiter wurde eine leere Schachtel Zigaretten der Sorte Marlboro Lights in dem Waldstück in der Gemarkung Niddatal gefunden - diese Sorte rauchte Thorsten V. Bei einer Hausdurchsuchung Anfang August schlugen zwei Leichenspürhunde im Keller des Verdächtigen an. Dies alles lässt bei der Staatsanwaltschaft nahezu keine Zweifel zu: Thorsten V. hat sich am Brandort aufgehalten.

Die Ermittlungen dauern dennoch an. Unklar ist nach wie vor, warum der Mann mit einem Benzinkanister in seinem Keller hantierte und sich dabei starke Verbrennungen zuzog. Wollte er Spuren verwischen? War es ein Selbstmordversuch? "Dies wird sich erst klären, wenn wir mit ihm sprechen können", sagt Maier. Dass der Mann nach dem Erwachen aus dem künstlichen Koma einen Selbstmordversuch starten könnte, schließt Maier aus: "Der ist zu schwer verletzt, um sich selbst umzubringen."

Dass nun - sieben Wochen nach dem Verschwinden des Kindes - das Verbrechen gelöst wurde, gilt als Sensation. "Dieser Erfolg hat viele Väter", sagt Maier, "zum einen, dass die Soko Fotos aus den Radarfallen auswertete. Zweitens haben uns die Medien geholfen, dass 2500 Hinweise zusammenkamen." Der wichtigste Punkte jedoch sei der Fortschritt der Kriminalwissenschaft. Maier: "Ohne die DNA-Analyse wäre es viel schwieriger geworden."

Erst Anfang August teilte das Bundeskriminalamt (BKA) mit, dass für die Aufklärung von Verbrechen die DNA-Analyse und die Gendatei eine immer größere Bedeutung hätten. Im Jahr 2000 wurden mit Hilfe der Gendateien des Bundeskriminalamtes über 15 000 Tatverdächtige ermittelt. Die 1985 erstmals in einem Prozess in Großbritannien eingesetzte Analyse war damals eine Fahndungsrevolution. Für Niedersachsens Justizminister Christian Pfeiffer (SPD) ist sie Aufklärungs- und Abschreckungsmethode in einem: "Während es in den siebziger Jahren noch bis zu 16 Fälle von Sexualmorden gab, so sind es heute im Schnitt vier pro Jahr", sagte der habilitierte Kriminologe.

 

Aids-Katastrophe in der chinesischen Provinz (24.08.2001)

Regierung bestätigt einen der größten Gesundheitsskandale des Landes - Zehntausende Infizierte durch illegale Bluttransfusionen

Die Bauern ließen Vizeminister Yin Dakui nicht durch. Tief in der zentralchinesischen Provinz Hexan stoppten sie den hohen Pekinger Beamten vor ihrem Dorf Wen Luo. Er solle mit seinem Tross am besten umkehren. "Denken Sie nicht nur daran, wie Sie den Infizierten helfen können, sondern an unsere 3000 gesunden Bauern", sagten ihm die örtlichen Funktionäre. Wer würde von ihrem Dorf noch etwas kaufen, wenn über die Presse bekannt wird, dass alle Aids haben? Wer hilft ihnen, mit den sozialen und wirtschaftlichen Folgen fertig zu werden? Bis um Mitternacht habe er mit den Bauern diskutiert, um ins Dorf gelassen zu werden, berichtete Yin am Donnerstag vor der Presse in Peking.

Der Vizegesundheitsminister Chinas nannte am Donnerstag zum ersten Mal Zahlen über die Opfer in einem der größten Gesundheitsskandale des Landes. Dabei verwahrte er sich gegen den Vorwurf, dass die Pekinger Behörden versucht hätten, den Skandal zu vertuschen oder seine Aufklärung zu verhindern.

Mindestens 30.000 bis 50.000 Menschen sind seit 1995 in ländlichen Gebieten Zentralchinas bei illegalen Blutabnahmen und durch Transfusionen verseuchter Blutlösungen mit der Immunschwächekrankheit Aids angesteckt worden. Diese Schätzungen beruhten auf Berechnungen seines Gesundheitsministeriums, bestätigte der Minister. Er räumte ein, dass andere Experten von noch höheren Zahlen zwischen 80.000 bis 100.000 HIV-Infizierten ausgehen. Er schloss aber die Verbreitung der verseuchten Blutprodukte auf andere Städte Chinas oder einen Verkauf ins Ausland als "unmöglich" aus. Zur Infizierung sei es vor allem bei der Blutabnahme vor Ort gekommen. "Wir haben bisher nur 276 Fälle nach Transfusionen festgestellt."

Die Pekinger Behörden waren unter den Druck einer alarmierten Öffentlichkeit geraten, die nach Aufklärung rief. Seit vergangenem Jahr wurden immer mehr Nachrichten von epidemischen HIV-Fällen aus Dörfern wie Wen Liu im Bezirk Xiangcai der Provinz Henan bekannt. Infizierte Bauern hatten in Petitionen um medizinische Hilfe gefleht. Aber erst Anfang August hatte Peking eine Untersuchungskommission unter dem Vizeminister Yin eingerichtet.

Für die Tragödie sind medizinische Geschäftemacher und Arzneifirmen verantwortlich, die von Mitte der neunziger Jahre an in den Dörfern einen illegalen, lukrativen Bluthandel aufzogen - zumeist im Auftrag von chinesischen Biotechnologiefirmen, die Blutplasma für ihre Forschungen benötigten. Um Kosten zu sparen, wurde das abgenommene Blut nicht wie vorgeschrieben in Einzelportionen aufbewahrt. Spenden der gleichen Blutgruppe wurden vermengt und das Plasma in einer Zentrifuge abgetrennt. Die Spender erhielten die verbliebene Blutflüssigkeit dann in Salzlösungen als Infusion zurück. Da sich auf diese Weise ihr Blutverlust in Grenzen hielt, kamen immer mehr Bauern zur bezahlten Blutabgabe. Bei dem Panschverfahren genügte aber schon ein HIV-Fall unter den Spendern zur Massenansteckung.

Die Hochrechnungen von bis zu 50.000 HIV-Ansteckungen unter den Bauern beruhen auf 996 gemeldeten Infektionen, die zwischen 1998 bis Juni 2001 unter Blutspendern festgestellt wurden. Sie machten sechs Prozent aller in diesem Zeitraum dem Gesundheitsministerium gemeldeten HIV-Fälle in China aus. Über die Gesamtzahl aller Aidsinfektionen, von denen seit 1985 nur 26 058 gemeldete Fälle dokumentiert sind, gibt es nur Schätzungen. Minister Yin sprach gestern von mehr als 600.000 Fällen zu Ende des vergangenen Jahres. Andere Mediziner rechnen mit mehr als einer Million. Sicher ist, dass sich Aids immer rascher ausbreitet. Während Neuinfektionen von 1998 bis Ende 2000 um jährlich rund 30 bis 35 Prozent zunahmen, schnellten sie allein im ersten Halbjahr 2001 um 67,4 Prozent nach oben.

 

Flugzeugabsturz - Soul-Sängerin Aaliyah stirbt auf den Bahamas (26.08.2001)

Kurz nach dem Start stürzte das Kleinflugzeug ab und fing Feuer. Die US-Sängerin Aaliyah und sieben weitere Passagiere waren sofort tot.

Abgestürzt: Sängerin Aaliyah (Juli 2001)Nach Angaben der Polizei konnte ein Passagier schwer verletzt aus dem brennenden Wrack gerettet werden. Für Aaliyah, die Besatzung und alle weiteren Passagiere der zweimotorigen Cessna kam jede Hilfe zu spät.

Die Sängerin und Schauspielerin war auf dem Rückweg in die USA, nachdem sie auf den Bahamas ein Musikvideo gedreht hatte. Die für die Auszeichnung Grammy nominierte Musikerin wurde 1994 durch ihr Debüt-Album "Age Ain't Nothing But a Number" bekannt.

Das Kleinflugzeug sei wahrscheinlich wegen eines Motorschadens abgestürzt, sagte ein Polizeisprecher. Nur 60 Meter von der Startbahn entfernt sei die Maschine in eine Buschlandschaft gestürzt und in Flammen aufgegangen.

Die im New Yorker Stadtteil Brooklyn geborene Aaliyah stand schon im Alter von elf Jahren in Las Vegas auf der Bühne. Nach ihrem Album "One in a Million" im Jahr 1996 gab sie 2000 in dem Kinofilm "Romeo Must Die" auch ihren Einstand als Schauspielerin.

 

Bootsflüchtlinge - Kapitän meutert gegen die Besatzer (30.08.2001)

Weihnachtsinsel: Militärisch versucht Australien den norwegischen Frachter zum Verlassen seiner Hoheitsgewässer zu bringen Im Nervenkrieg um das besetzte norwegische Flüchtlingsschiff "Tampa" behält der Kapitän seinen Kurs bei: Er widersetzt sich weiter allen Aufforderungen zum Verlassen der australischen Hoheitsgewässer.

Ein Sprecher des zuständigen Wilhelmsen-Reederei bestätigte in Oslo, dass der Kapitän trotz Anwesenheit von mit Maschinenpistolen bewaffneten Elitesoldaten auf seiner derzeitigen Position vor der zu Australien gehörenden Weihnachtsinsel bleiben wolle. "Das Schiff ist nach Auffassung des Kapitäns mit so vielen Menschen an Bord ganz einfach nicht seetüchtig", erklärte der Reedereisprecher.

In der australischen Hauptstadt Canberra kündigte Premierminister John Howard gleichzeitig eine diplomatische Initiative an, mit der er Indonesien zur Aufnahme der Flüchtlinge bewegen wolle. Howards konservative Regierung war am Vorabend mit einer Vorlage im Senat gescheitert, die im Eilverfahren gesetzliche Grundlagen zur zwangsweisen Entfernung der "Tampa" schaffen sollte.

Humanitäre Hilfsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch haben die australische Regierung zur vorläufigen Aufnahme der Flüchtlinge aus humanitären Gründen aufgefordert. Neuseelands Premierministerin Helen Clark forderte ein schnelles Eingreifen der Vereinten Nationen, um die Flüchtlinge möglichst schnell an Land zu bringen, nachdem sie tags zuvor von einer theoretischen Möglichkeit gesprochen hatte, die Flüchtlinge nach Neuseeland zu bringen. Der scharfen Kritik am australischen Verhalten schloss sich auch die dänische Regierung an.

Howard erklärte in der australischen Hauptstadt, nach Ermittlungen der Soldaten auf dem Frachter sei die Zahl der Flüchtlinge mit 460 höher als zunächst von norwegischer Seite angegeben.