5.8  Die Araber werden - zusammen mit den Iranern - unter dem neo-abbasidischen "Ismael" Europa angreifen. Bedroht werden Dalmatien und Griechenland, vielleicht auch Italien und der Papst. Hilfe wird Anfang Juni aus Portugal kommen. Bei einem späteren Gegenschlag werden die Franzosen das besetzte Tarsus zerstören. In Europa ensteht wieder das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das seine Macht über Deutschland ausdehnen wird. Bei ihrem Vormarsch in Europa werden die Araber und die Iraner von Dummköpfen willkommen geheißen. Wer sich dagegen wehrt, wird getötet werden. Ein neuer englischer Papst wird aus der Kirche eine militärisch straff geführte Organisation machen und einen Teil der Protestanten für kurze Zeit integrieren. Die Juden werden während seines Pontifikats übers Meer aus Israel fliehen. Von der militarisierten Kirche wird sich ein kleiner Teil abspalten. Die Kirche wird die Araber aktiv bekämpfen aber unterliegen. Nach der Niederlage wird die abgespaltene Teilkirche wieder mit der Hauptkirche vereinigt werden.
 

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9/60 - 6/85 - 10/31 - 8/78 - 6/20 - 9/43 - 10/2

9/60  

Conflict Barbar en1) la Cornere3) noire2),
Sang espandu, trembler la Dalmatie4),
Grand Ismaël5) mettra son promontoire6),
Ranes7) trembler secours Lusitanie8).

[Beim] barbarischen Konflikt mit1) der schwarzen2) Standarte3)
[wird] Blut vergossen [werden, und] Dalmatien4) [wird] zittern.
[Der] große Ismael5) wird seinen Schiffsschnabel6) losschicken.
[Die] Frösche7) [werden] zittern, [und aus] Lusitanien8) [kommt] Hilfe.
1) Im Mittelfranzösischen kann "en" u. a. auch "mit" bedeuten.
2) Oder auch: "bösartig", vgl. lat. "niger" (schwarz; boshaft, tückisch, böse).
3) Lies "cornete" (u. a. Kavalleriestandarte oder -einheit). Denkbar wäre auch, dass hier "Corne d’Or" gemeint ist (vgl. CLÉBERT, S. 1018), wobei dann aber in der dritten Zeile "promontore" zu stehen hätte. Das Goldene Horn ("Corne d’Or") ist eine langgezogene Meeresbucht in Istanbul. In diesem Fall wäre die Zeile mit "[Beim] barbarischen Konflikt im Goldenen Horn" zu übertragen.
4) Dalmatien ist Teil der kroatischen Adriaküste. Die römische Provinz Dalmatia umfasste hingegen die gesamte Adriaküste von Istrien bis ins nördliche Albanien sowie angrenzende Gebiete in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro.
5) Ismael war der erste Sohn Abrahams und gilt als Stammvater der Araber. Seine Mutter war Hagar, eine ägyptische Magd. In der Bibel wird Ismael mehrmals beschrieben. "Er wird ein Mensch sein wie ein Wildesel. Seine Hand gegen alle, die Hände aller gegen ihn! Allen seinen Brüdern setzt er sich vors Gesicht" (Genesis, 16, 12); "Über alle seine Brüder fiel er [Ismael] her" (Genesis, 25, 18). Des Weiteren gibt es im schiitischen Islam die Sekte der Ismailiten, die 910 n. Chr. das fatimidische Gegenkalifat in Ägypten gründeten. Die Fatimiden beherrschten 969 bis 1171 Ägypten und in ihrer Glanzzeit ganz Nordafrika, Sizilien und zeitweise Syrien. Was gegen die ismailitisch-fatimidische Spur spricht, ist die Erwähnung der "schwarzen Standarte" in der ersten Zeile - die Flagge der Fatimiden war grün. "Ismael" könnte bei Nostradamus ein arabischer Herrscher sein, der sich u.a. durch eine aggressive Politik charakterisieren lassen wird.
6) Ein kleines Wortspiel: "promontoire" (u. a. Vorgebirge, Kap) entspricht dem griech. "akroterion", was aber u. a. auch "Schiffsschnabel" bedeutet. Antike Kriegsschiffe versenkten mit dem Schiffsschnabel (Rammsporn) feindliche Schiffe. Hier ist wohl einfach gemeint, dass "Ismael" seine Kriegsflotte losschickt.
7) Lat. "rana" (Frosch). Nach LE PELLETIER könnten mit diesen "Fröschen" die Toskaner gemeint sein, deren tyrrhenische Vorfahren einst von Bacchus in Frösche verwandelt sein sollen. Doch fehlt bei LE PELLETIER leider die Quellenangabe (ebenso bei CLÉBERT, S. 574, 730 u. 1018). In OVIDs Metamorphosen (6, 313-381) werden die lykischen Bauern auf Bitte der Latona (Leto) hin in Frösche verwandelt. Das antike Lykien lag im Westen der türkischen Südküste. Gemäß PLATO (Phaidon, 109) habe Sokrates gesagt, dass die Griechen um das Mittelmeer wie Ameisen oder Frösche um einen Sumpf (Teich) herum lebten. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass es hier gar nicht "ranes" sondern "rane" heißen sollte,  also nur ein bestimmter Frosch zittern wird. Auf einen einzelnen "Frosch" stoßen wir auch in 5/3, 5/95 (beide 5.15) und 6/46 (5.190), der vielleicht für einen listenreichen Papst steht.
8) Die römische Provinz Lusitania umfasste im wesentlichen Portugal und einige Gebiete Westspaniens. Hier dürften die Portugiesen gemeint sein. Zur Zeit des Nostradamus war Portugal die führende europäische See- und Handelsmacht mit Kolonien in Amerika, Afrika, Arabien, Indien und China.


Die Neo-Abbasiden (Araber im Verbund mit den Iranern) greifen an. Dalmatien wird von ihnen akut bedroht werden. Der "große Ismael" (der Anführer mindestens der Araber) wird seine Flotte losschicken und die Griechen - möglicherweise auch Italien oder den Papst - bedrohen. Portugal wird den Bedrohten Hilfe schicken.

In der ersten Zeile ist von einem "barbarischen" Konflikt die Rede, bei dem eine "schwarze Standarte" involviert sein wird.

Mit den "Barbaren" sind bei Nostradamus für gewöhnlich Muslime oder Orientalen, v. a. Araber gemeint (möglicherweise wegen des Anagramms "arabe" - "barbare").

Der Farbton Schwarz steht im islamischen Bereich für die Dynastie der Abbasiden, die ab 750 das Kalifat, die Herrschaft über alle Muslime, innehatten. An die Macht kam diese arabische Dynastie durch eine Revolte, die v. a. im Iran großen Zulauf hatte. Gründe für die (religiös konservative) "Abbasidische Revolution" war die Kritik an der als zu weltlich empfundenen Vorgängerdynastie der Omajaden sowie im Iran der Umstand, dass die Perser unter den Omajaden als Muslime zweiter Klasse behandelt wurden. Das abbasidische Kalifat, in das die Blütezeit des Islam fiel, begann seinen Abstieg bereits in der Mitte des 9. Jahrhunderts, verlor seine letzte reale Macht jedoch erst mit der mongolischen Eroberung Bagdads 1258. Nominell behielten die Abbasiden den Kalifentitel bis 1517, als dieser faktisch von den Osmanen übernommen wurde.

Wo der Kampf mit dieser "schwarze Standarte" stattfinden wird, ist unklar. Sollte Nostradamus mit "Cornere noire" vielleicht doch auf Istanbul oder die Türkei anspielen wollen, vgl. Anmerkung 3? Jedenfalls wird gemäß Zeile zwei Blut vergossen und Dalmatien bedroht werden. Von einer Bedrohung Dalmatiens (vgl. Anmerkung 4) durch Araber lesen wir auch in 2/32 und 2/84 (beide 5.49).

9/60/3 spricht davon, das der "große Ismael" zur See angreifen wird, vgl. Anmerkung 6. Damit dürfte ein arabischer Machthaber gemeint sein. Mutmaßlich der neue Abbasiden-Anführer, dessen schwarze Standarte schon Dalmatien bedroht. Da die Abbasiden selbst durch eine Revolte an die Macht gelangt sind, würde der Name "Ismael" für einen neuen "Abbasiden" passen, vgl. Genesis 16, 12: "Allen seinen Brüdern setzt er sich vors Gesicht". Doch wen greift der Araber auf dem Seeweg an? Inwieweit spielt der Iran (vgl. oben) im ganzen Geschehen eine Rolle?

In der letzten Zeile erfahren wir, dass die "Frösche" zittern werden. Mit Blick auf die Erwähnung des Balkans könnten damit die Griechen gemeint sein (vgl. Anmerkung 7), die allerdings rund um das Mittelmeer siedelten, etwa auch im südlichen Italien. Sollte nur von einem Frosch die Rede sein, wird vielleicht ein Papst vor dem Angriff des "großen Ismael" zittern. Hilfe - wohl gegen den arabischen Angriff - wird aber aus Portugal kommen. Näheres erfahren wir hier nicht. Es sei allerdings daran erinnert, dass Portugal zur Zeit des Nostradamus bereits ausgedehnte Besitzungen in Übersee, etwa in Brasilien, hatte.






6/85  

La grand cité de Tharse1) par Gaulois2)
Sera destruite, captifz tous à Turban:
Secours par mer du grand Portugalois,
Premier d’esté3) le iour du sacre Vrban4).

Die große Stadt Tarsus1) [wird] durch Gallier2)
zerstört werden. Alle mit [dem] Turban werden [zu] Gefangenen [gemacht werden].
Hilfe [wird] über [das] Meer vom großen Portugiesen [kommen],
[am] ersten [Tag] des Sommers3), am Tag des heiligen Urban4).
1) Tarsus liegt nahe der Südostküste der Türkei. Es war in der Antike die Hauptstadt von Kilikien und der Geburtsort des Apostels Paulus. Alternativ schlägt CLÉBERT, S. 768, das biblische Tarsis vor, mit dem wohl Tartessos gemeint ist. Tartessos lag im Mündungsgebiet des Guadalquivir in Südspanien.
2) Oder auch: "[den] Gallier".
3) Der astronomische Sommer beginnt mit der Sommersonnenwende am 21. Juni, also lange nach dem Tag des heiligen Urban (vgl. Anmerkung 4). Es wäre natürlich möglich, dass Nostradamus mit diesem "Sommer" einfach die sommerliche Hitze gemeint hat, die an diesem (julianischen) 19. oder 25. Mai zum ersten Mal einsetzen wird. Unser Seher könnte aber - gerade mit Blick auf die "Hilfe" der dritten Zeile - hier eher an das lat. "aestas" gedacht haben, das neben "Sommer" oder "sommerlicher Hitze" auch "Feldzug" bedeuten kann. Somit könnte die Zeile auch folgendermaßen übersetzt werden: "[Der] erste [Tag] des Feldzugs [ist] der Tag des heiligen Urban."
4) Damit ist der 19. oder 25. Mai gemeint, der Tag des heiligen Urban (Papst von 222 - 230).


Die portugiesische Hilfe wird Anfang Juni die von den Arabern angegriffenen Europäer erreichen. Bei einem späteren Gegenschlag des Westens werden die Franzosen Tarsus zerstören und alle Turbanträger (Besatzer) gefangen nehmen.

Was 6/85 mit 9/60 verbindet, ist die in der dritten Zeile erwähnte Hilfe des "großen Portugiesen", die übers Meer kommen wird. An welches historisches Vorbild Nostradamus bei diesem "großen Portugiesen" gedacht haben könnte, ist nicht ersichtlich. Wir erfahren nur, dass ein Feldzug (wohl die Hilfe des Portugiesen, vgl. Anmerkung 3) an einem 19. oder 25. Mai beginnen wird. Da der von Nostradamus verwendete Julianische Kalender heute schon 13 Tage dem Gregorianischen hinterher hinkt, ist hier wohl Anfang Juni gemeint.

In der ersten Hälfte der Strophe erfahren wir, dass das südtürkische Tarsus von den Franzosen zerstört und alle Turbanträger gefangen genommen werden. Die Turbanträger dürften Orientalen und/oder Muslime sein. Wahrscheinlich solche, die die Stadt zuvor besetzen werden. Da hier von einem erfolgreichen (Gegen-) Angriff westlich-christlicher Mächte die Rede ist, dürften Strophe 6/85 und die portugiesische Hilfe aus 9/60/4 chronologisch später einzuordnen sein als der arabische Vormarsch in 9/60/1-3.











 


10/31  

Le saint empire1) viendra2) en Germanie,
Ismaelites3) trouueront lieux ouuerts4).
Anes5) vouldront aussi la Carmanie6),
Les soustenans7) de terre tous couuerts.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation1) wird in Germanien entstehen2),
[und die] Ismailiten3) werden offene4) Orte vorfinden.
[Die] Esel5) werden auch Karmanien6) wollen.
Die Widerständler7) [werden] alle mit Erde bedeckt [werden].
1) Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation entstand im 10. Jahrhundert (Kaiserkrönung Ottos I. 962) und existierte faktisch bis 1806. Hier scheint nun in Deutschland tatsächlich wieder ein Reich zu entstehen oder zu erscheinen - vgl. Anmerkung 2 -, das in etwa mit jenem zu vergleichen sein wird, das Nostradamus kannte.
2) Das mittelfranzösische "venir" (kommen) bedeutet u. a. "werden, geboren werden (venir au monde)". Möglich wäre auch die Übersetzung: "Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wird nach Germanien kommen". In diesem Fall würde das Reich in einem anderen Land gegründet (erneuert) werden, seine Herrschaft anschließend aber nach oder über Deutschland ausdehnen.
3) Die Ismailiten sind die Nachkommen Ismaels, also die Araber. Ismael war der erste Sohn Abrahams, der bei Nostradamus ebenfalls namentlich auftaucht (vgl. 9/60/3). Unser Seher könnte hier also spezifisch jene Araber meinen, die seinem "Ismael" folgen werden. Als andere Möglichkeit gäbe es die schiitischen Ismailiten, die aber wohl weniger in den Gesamtkontext passen, vgl. 9/60, Anmerkung 5.
4) "Offen" im weitesten Sinne (auch "unverteidigt" usw.). Nach CLÉBERT, S. 1095, ist hier ein Land gemeint, in das der Feind leicht eindringen kann, da es dort keine befestigten Plätze gibt, die es schützen würden.
5) "Esel" kann wie im Deutschen auch im Mittelfranzösischen "Idiot, dummer Mensch" bedeuten. Es wäre aber auch denkbar, dass hier die Ismailiten gemeint sind, die nicht nur in Europa, sondern auch im Nahen Osten expandieren (Ismael wird in der Bibel mit einem "Wildesel" verglichen, vgl. Genesis 16,12).
6) Gebiet im südöstlichen Iran. Karmanien wird auch 3/90 (5.100) erwähnt.
7) Mittelfranzösisch "soutenir" (u. a. unterstützen, widerstehen, verteidigen), vgl. auch lat. "sustinere" (u. a. standhalten, sich behaupten).


Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wird wieder entstehen und seine Herrschaft über Deutschland ausdehnen. Die Araber werden bei ihrem militärischen Vormarsch unverteidigte Orte vorfinden. Dummköpfe werden nicht nur die Araber sondern auch die iranischen Karmanier willkommen heißen. Wer Widerstand leistet, wird getötet werden.

In der zweiten Zeile werden Ismailiten erwähnt, also Araber. Mutmaßlich solche, die dem "Ismael" aus 9/60 folgen werden (vgl. Anmerkung 3). Bei ihrem Vormarsch werden sie auf wenig Widerstand (auf offene Orte) treffen. Doch warum? Kann oder will man sich nicht gegen sie verteidigen? Und von welchen Gebieten ist hier genau die Rede?

Zu dieser Zeit wird gemäß 10/31/1 in Deutschland ("Germanien") das Heilige Römische Reich Deutscher Nation entstehen oder erscheinen, vgl. Anmerkung 2. Nostradamus sagt hier also voraus, dass ein Staatsgebilde geschaffen werden wird, dass zu seiner Zeit bereits länger als ein halbes Jahrtausend existiert hatte und immer noch existierte. Implizit bedeutet das, dass unser Seher den kommenden (zeitweiligen) Untergang des Reiches prophezeit hat, was 1806 de facto auch geschehen ist (Niederlegung der Kaiserkrone durch den Habsburger Franz II.).

1871 wurde erneut ein deutsches Kaiserreich gegründet, das aber nicht mit dem Heiligen Römischen Reich gleichgesetzt werden kann. Der wilhelminische kleindeutsche Nationalstaat war ein Bund deutscher Staaten unter der Führung Preußens, dessen König sich Deutscher Kaiser nannte. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation sah sich hingegen als Nachfolger der römischen und karolingischen Universalreiche, dessen Kaiser bis ins 16. Jahrhundert (Karl V.) vom Papst gekrönt wurde.

Es scheint nun so zu sein, dass in Zukunft wieder ein übernationales, christliches Universalreich entstehen wird. Ein Reich, das sich wohl als Fortführung des römisch-deutschen Reiches begreifen wird, das 1806 praktisch (aber vermutlich nicht juristisch) zu existieren aufgehört hat. Wo dieses Staatswesen gegründet werden wird, ist unklar, sicher ist nur, dass es gemäß Nostradamus seine Herrschaft nach oder über Deutschland ausdehnen wird, vgl. Anmerkung 2.

Ob oder wie die erwähnte Reichsgründung oder -erneuerung mit dem Vormarsch der Araber zusammenhängen wird, ist im Augenblick nicht zu sagen.

In der dritten Zeile von 10/31 wird Karmanien, ein Gebiet im südöstlichen Iran, erwähnt. Gleichzeitig tauchen "Esel" auf, die das erwähnte Karmanien werden haben wollen. Und diese Grautiere sind hier das Problem. Denn mit diesen könnten einerseits dumme Menschen, andererseits auch die Araber gemeint sein, deren Stammvater Ismael in der Bibel mit einem Wildesel verglichen wird (Genesis 16,12).

Sollte letzteres zutreffen, hieße das, dass die Araber nicht nur in Europa sondern auch im Orient, im Iran expandieren werden. Andererseits würde die Deutung als "dumme Menschen" zur zweiten Zeile passen. Dort haben wir erfahren, dass die Araber auf "offene" (unverteidigte) Orte treffen werden. Auf Orte, die vielleicht wegen der Dummheit gewisser Leute (der "Esel") nicht verteidigt werden. Und die gleichen Leute sind nach dem Einmarsch der Araber auch noch damit einverstanden, dass dann die iranischen Karmanier in ihre Orte einziehen.

Falls unser Seher hier von Eseleien dummer Menschen spricht, stellte sich die Frage, was hinter dem Verhalten dieser Leute steckt. Falsch verstandener Pazifismus? Der (heimliche?) Wille, die Gebiete für die Religion oder das politisch-gesellschaftliche System der Angreifer zu erschließen? Klar wäre dann nur, dass das iranische Karmanien und die Araber auf derselben Seite stünden und somit wohl Verbündete wären. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass das Abbasiden-Kalifat (vgl. 9/60) ein arabisch-persisches Großreich war, in dem die Iraner eine Hauptstütze der Kalifenmacht waren. "Ismael" und der Iran dürften politisch somit eng miteinander verzahnt sein.

Dass aber nicht alle Menschen mit dem Kurs der "Esel" einverstanden sein werden, ist der letzten Zeile zu entnehmen. Allerdings werden diejenigen, die Widerstand leisten, begraben. Dabei ist zu hoffen, dass diese Begräbnisse erst nach der Hinrichtung der zu begrabenden stattfinden werden.




8/78  

Vn Bragamas1) auec la langue torte2)
Viendra des dieux [piller]3) le sanctuaire,
Aux heretiques4) il ouurira la porte5)
En suscitant7) l’eglise militaire6).

Ein schwerer Degen1) mit gewundener2) Zunge
wird kommen, das Heiligtum der Götter [zu betreten]3).
Den Häretikern4) wird er das Tor5) öffnen,
währenddem [er] die militärische6) Kirche errichtet7).
1) Ein "bragamas" (auch: "braquemart" u. ä.) ist ein kurzes, breites Schwert oder auch ein schwerer Degen. CLÉBERT, S. 929, leitet den Begriff vom Provenzalischen "braga" ab ("braganasse") und sieht hier einen Betrüger oder Aufschneider gemeint, ähnlich wie PRÉVOST, S. 79. Möglich wäre auch, dass es hier "Bergamasque" heißen sollte, dass also von jemandem die Rede ist, der aus dem norditalienischen Bergamo stammt. Siehe dazu allerdings 6/20.
2) Oder u. a. auch : "verdreht, verbogen, krumm".
3) Die zweite Zeile ist unvollständig, da sie lediglich acht statt zehn Silben aufweist. In der Ausgabe von 1627 taucht hier "piller" (plündern, verwüsten usw.) auf. CLÉBERT, S. 929, will diese Ergänzung bereits in einer Edition von 1605 gefunden haben. So oder so, da diese Ergänzung erst Jahrzehnte nach Nostradamus’ Tod plötzlich auftaucht, ist deren Authentizität mindestens unsicher. Da es in dieser Strophe offensichtlich um ein Kirchenoberhaupt geht, schlage ich als Minimalalternative "entrer" (eintreten, betreten usw.) vor. Denn egal, was das Kirchenoberhaupt in oder mit der Kirche ("Heiligtum der Götter") tun wird, muss es in diese fast zwangsläufig zunächst einziehen.
4) Zu Lebzeiten des Nostradamus lösten sich die Protestanten verschiedenster Prägung von der Kirche und wurden so zu Häretikern. Unser Seher könnte somit hier an diese gedacht haben.
5) Oder auch: "Tür, Pforte".
6) Das mittelfranzösische "militaire" bedeutet "militärisch". Der Begriff geht dabei auf das lat. "militare" (kämpfen, Dienste tun, dienen) zurück. In der katholischen Lehre gibt es den Begriff der "ecclesia militans" (die Streitende Kirche), womit die auf der Welt lebenden katholischen Christen gemeint sind. Sollte Nostradamus hier an "ecclesia militans" gedacht haben, würde der Papst aus der ersten Zeile die uns bekannte Kirche als solche errichten bzw. wieder errichten (vgl. Anmerkung 7). Da die von Christus begründete Kirche aber bereits existiert und seinen Worten gemäß nie von der Hölle überwältigt werden wird (Mt 16,18), fällt diese Lösung weg. Die zweite Möglichkeit wäre, dass dieser Papst eine dienende, d. h. eine sich etwa der weltlichen Macht unterordnende Kirche schafft und gleichzeitig die Häretiker in die Kirche hereinlässt. Zur Zeit des Nostradamus waren mit Häretikern v. a. die Protestanten gemeint. Die Lösung für diese Stelle könnte aber in Strophe 10/2 zu finden sein. Dort dürfte beschrieben werden, wie die Kirche, das (klerikale) Schiff Petri, militarisiert, d. h. zu einem Kriegsschiff, einer Galeere gemacht wird.
7) Oder: "wieder errichtet, (wieder) entstehen lässt".


Ein neuer Papst, den Nostradamus wohl als alten Haudegen charakterisiert, tritt sein Amt an. Er öffnet die Kirche für Protestanten und macht aus ihr eine militärisch straff geführte Organisation.

In dieser Strophe ist offensichtlich von einem Papst die Rede, den Nostradamus in der ersten Zeile einen "schweren Degen" nennt oder der vielleicht aus Bergamo stammen wird (vgl. Anmerkung 1). Unser Seher attestiert ihm eine gewundene oder verbogene Zunge. Ein schwerer Degen mit verbogener "Zunge" (wohl: Klinge) könnte einen konflikterprobten Menschen meinen, einen alten Haudegen. Ansonsten ließe sich eine gewundene Zunge vielleicht als Eloquenz oder auch als Falschheit deuten.

In der zweiten Zeile erfahren wir, dass der "schwere Degen" das Heiligtum der Götter betreten wird (vgl. Anmerkung 3). Sinngemäß ist hier wohl der Amtsantritt des neuen Pontifex gemeint, der in die Kirche als deren Oberhaupt einzieht. Doch warum spricht Nostradamus vom "Heiligtum der Götter"? Sollte hinter dieser Bezeichnung mehr als die dichterische Umschreibung für die Kirche stehen, vgl. CLÉBERT, S. 929, könnte unser Seher vielleicht an das Pantheon (Pantheum) in Rom gedacht haben, das dem Namen nach allen römischen Göttern geweiht war. Der größte Kuppelbau der Antike könnte bei Nostradamus für den Petersdom in Rom stehen, der zu seiner Zeit allerdings in der heutigen Form noch nicht existierte.

Im zweiten Teil der Strophe erfahren wir, dass dieser Papst die "militärische Kirche" errichten und den Häretikern (wohl Protestanten) das Tor öffnen, also in die Kirche integrieren wird. Mit der "militärischen Kirche" dürfte eine Veränderung der katholischen Kirche gemeint sein, die aus einer zivil-klerikalen eine straff geführte und der militärischen Disziplin unterworfene Organisation macht. Das Schiff Petri wird zu einem Kriegsschiff werden, vgl. Anmerkung 6.

Wenn ein Pontifex die Kirche einem derartig radikalen Umbau unterwirft, muss es dafür handfeste Gründe geben. Es ist zu vermuten, dass die Kirche einer großen Bedrohung gegenüber stehen wird. Doch warum sollte der Papst ausgerechnet zu einem solchen Zeitpunkt Häretiker mit ihren Irrlehren in die Kirche integrieren? Würde das die Kirche nicht noch zusätzlich schwächen?

Die Antwort auf diese Frage könnte sein, dass nicht nur die Kirche sondern das Christentum als Ganzes massiv bedroht werden wird. Die Integration der Protestanten dürfte dazu dienen, die eigenen Reihen zu stärken. Gegen einen gemeinsamen, wohl nichtchristlichen Feind.

In 6/20 ist ebenfalls von einer Union mit Protestanten (Reformierten) die Rede. In der gleichen Strophe taucht ein "neuer Leopard" auf, der auch in 1/23/2f. (5.31) erwähnt werden dürfte (obwohl dort das Adjektiv "neu" fehlt). Diese Querverbindung ermöglicht es uns wohl, den nichtchristlichen Feind aus 8/78 zu identifizieren: die Muslime.







6/20  

L’vnion faincte1) sera peu de durée,
Des vns changés2) reformés la pluspart:3)
Dans les vaisseaux sera gent5) endurée4),
Lors aura Rome vn nouueau liepart6).

Die geheuchelte1) Union wird [nur] von kurzer Dauer sein.
[Die] von den Veränderten2) [mit] der Mehrheit [der] Reformierten.3)
In den Schiffen wird [das] geduldete4) Volk5) sein,
wenn Rom einen neuen Leoparden6) haben wird.
1) Oder auch: "künstlich, gekünstelt; erfunden." In den beiden Ausgaben von 1557 sowie jenen von 1568 scheint das Wort immer mit "f" zu beginnen. Dennoch ist nicht ganz auszuschließen, dass es hier "saincte" (heilig) mit "ſ" heißen sollte. Als historisches Vorbild käme dann etwa die Heilige Liga (Sainte Ligue) von 1538 in Frage. Der Papst, Venedig, der Malteserorden und Spanien schlossen sich im Februar jenes Jahres gegen den osmanischen Admiral und Korsar Barbarossa zusammen, wurden aber von diesem Ende September in der Seeschlacht von Preveza vernichtend geschlagen (vgl. auch PRÉVOST, S. 207f.).
2) Oder auch: "Ausgetauschten, Ersetzten".
3) "Reformierte" sind Protestanten, besonders aus dem kalvinistischen Spektrum. Die Stelle könnte auch so verstanden werden, dass es sich um eine Union handeln wird, die aus "Veränderten" bestehen wird, von denen die meisten Protestanten sein werden.
4) Oder auch: "wird das Volk geduldet werden". Als Adjektiv verstanden, kann "endurée" auch "hartgesotten" bedeuten.
5) Auch im Sinne von "Kriegsvolk, Truppe".
6) Der Leopard, der auch in 1/23/2f. (5.31) auftaucht, ist im Mittelfranzösischen ein Symbol für England (vgl. z. B. BRIND’AMOUR, S. 81). Zur Frage Leopard/Löwe siehe 5.71.
 


Die geheuchelte Integration der Protestanten in die "militärische" Kirche wird nur von kurzer Dauer sein. Wenn ein Brite Papst sein wird, befinden sich die Juden (?) auf den Schiffen.

In der ersten Hälfte der Strophe ist von einer kurzlebigen Union die Rede. Von einer der "Veränderten" mit der Mehrheit der Reformierten (Protestanten). Das passt zu 8/78. Die "Veränderten" wären demnach die Katholiken der neuen "militärischen" katholischen Kirche und die "Mehrheit der Reformierten" die "Häretiker", die der Papst in die Kirche hineinlässt. Von welchen Protestanten Nostradamus hier spricht, ist nicht ersichtlich. Im französischschprachigen Bereich wären wohl Kalvinisten gemeint, im deutschsprachigen Lutheraner und im britischen Anglikaner (siehe unten).

In 6/20/1 erfahren wir über die Union dieser beiden so verschiedenen Partner zweierlei. Erstens, dass diese Vereinigung nur kurze Zeit Bestand haben wird. Und zweitens, dass es sich um eine "geheuchelte", also unehrliche, Union handeln wird. Das könnte so verstanden werden, dass es wohl nur vordergründig um die religiöse Einheit der Christen geht. Im Zentrum dürfte die Bündelung der Kräfte zur Abwehr des gemeinsamen Feindes stehen.

Die zweite Hälfte der Strophe berichtet von "Schiffen", in denen das "geduldete Volk" sein wird. Und zwar dann, wenn Rom einen neuen Leoparden haben wird. Der "Leopard" von Rom dürfte ein englischer Papst sein, der auch in 1/23/2f. (5.31) auftaucht. Doch warum nennt ihn Nostradamus den "neuen Leoparden"? Das ließe sich so erklären, dass es sich eben nicht um denselben Leoparden wie in 1/23 handelt, sondern dass unser Seher von zwei englischen Päpsten spricht. Oder Nostradamus hat, was wahrscheinlicher sein dürfte, beim alten "Leoparden" an den bislang einzigen Engländer auf dem Stuhl Petri gedacht: Hadrian IV. (1154 - 1159).

Es scheint, als wäre der (neue) "Leopard" mit dem "schwere Degen" identisch. Das würde vielleicht mit erklären, weshalb dieser Papst auf die Idee kommt, Reformierte in die Kirche zu integrieren. Als Engländer stammt er schließlich aus einem Umfeld, dass durch die Reformation des 16. Jh. stark geprägt ist.

In 6/20/3 steht zu lesen, dass das "geduldete Volk" in den "Schiffen" sein wird. Mit Blick auf 10/2/3f. und 9/43/4 könnte hier von Teilkirchen bzw. Bistümern die Rede sein. Doch wer ist das "geduldete Volk"? In 5.31, wo auch der "Leopard" auftaucht, ist von einer Flucht der Juden aus Israel die Rede (2/57). Die Juden waren zur Zeit des Nostradamus ohne nationale Heimstatt und lebten überall im besten Fall nur als geduldete Minderheit. Es wäre somit denkbar, dass hier beschrieben ist, wie diese auf dem Seeweg (auf Schiffen) aus Israel fliehen.




9/43  

Proche à descendre1) l’armee Crucigere2)
Sera guettee4) par les Ismaëlites3)
De tous cottez batus7) par5) nef Rauiere6),
Prompt assaillis de dix galeres8) eslites.

[Wie sie] gerade landen1) [will, wird] die kreuztragende2) Armee
von den Ismailiten3) erspäht4) werden.
Von allen Seiten [werden sie] vom5) gegen den Wind kreuzenden Schiff6) attackiert7)
[und] sofort von zehn vortrefflichen Galeeren8) angegriffen [werden].
1) Oder auch: "angreifen, sich auf jemanden stürzen".
2) Lat. "crucem gerens" (ein Kreuz tragend). Der Begriff taucht auch in 3/61/1 (5.237) auf.
3) Die Ismailiten sind die Nachkommen Ismaels, also die Araber. Ismael war der erste Sohn Abrahams, der bei Nostradamus ebenfalls namentlich auftaucht (vgl. 9/60/3). Unser Seher könnte hier also spezifisch jene Araber meinen, die seinem "Ismael" folgen werden. Als andere Möglichkeit gäbe es die schiitischen Ismailiten, die aber wohl weniger in den Gesamtkontext passen, vgl. 9/60, Anmerkung 5.
4) Oder: "wird ihr von den Ismailiten aufgelauert werden".
5) Oder auch: "im".
6) "Raviere" bedeutet im Altfranzösischen "Heftigkeit, Ungestüm" (vgl. auch LEONI, S. 392), im Mittelfranzösischen zudem "Rübenfeld" (sic). Gemäß CLÉBERT, S. 1000, ist "ravier" aber auch ein alter nautischer Fachbegriff für ein Schiff, das sich im Wind hält, also fast gegen die Windrichtung segelt.
7) Oder: "geschlagen".
8) Zur Zeit des Nostradamus war eine Galeere ein großes Kriegsschiff, das sowohl von einem Segel wie auch von Ruderern angetrieben wurde. Als Ruderer wurden dabei oft Sträflinge oder Kriegsgefangene eingesetzt.


Kurz bevor eine christliche Armee landen oder angreifen will, wird sie von Arabern erspäht werden. Die Kirche wird die Araber überall angreifen. Ein Angriff, dem sich auch die abgespaltene Teilkirche anschließen wird.

Wie in 10/31/2 werden in der zweiten Zeile von 9/43 Ismailiten, also Araber, erwähnt. Mutmaßlich solche, die dem "großen Ismael" aus 9/60 folgen werden (vgl. Anmerkung 3). Wir erfahren in den ersten beiden Zeilen, dass eine offensichtlich christliche Armee - vielleicht Kreuzfahrer - von den Ismailiten erspäht werden wird. Und zwar kurz bevor sie landen oder angreifen will. Kreuzfahrer tauchen auch in 5.237 (3/61 u. 9/62) auf.

Im zweiten Teil der Strophe scheint es um eine Seeschlacht bzw. um eine Schlacht unter Beteiligung von Seestreitkräften zu gehen. Wie zu 10/2 ausgeführt, halte ich es allerdings für wahrscheinlicher, dass bei Nostradamus mit solchen "Seeschlachten" Konflikte und Prozesse im kirchlichen Bereich gemeint sind.

In der dritten Zeile werden Leute (wohl die "Ismailiten") von einem Schiff angegriffen, das gegen den Wind kreuzt oder dem Nostradamus den Namen "Ungestüm" verleiht, vgl. Anmerkung 6. Unmittelbar darauf scheinen die Orientalen auch noch von zehn vortrefflichen Galeeren attackiert zu werden.

Mit dem gegen den Wind kreuzenden Schiff, dem Fischkutter Petri, ist wohl die Kirche gemeint, die gegen starken Widerstand zu kämpfen hat. Dieser dürfte von den Arabern ("Ismailiten") kommen, die der Kirche das Leben schwer machen werden.

Die zehn "vortrefflichen Galeeren" entsprechen wohl den zehn "nahen Schiffen" bzw. den "Vereinigten" aus 10/2. Vielleicht zehn Bistümer oder Landeskirchen, die sich von der Kirche trennen aber später wieder mit ihr vereinen werden.









10/2  

Voille1) gallere2) voil3) de nef cachera4),
La grande classe5) viendra sortir la moindre
Dix naues6) proches le7) torneront poulser,
Grande vaincue8) vnies à soy ioindre9).

[Das] Segel1) [der] Galeere2) [wird das] heilige Banner3) des Schiffes verbergen4).
Das große Schiff5) wird [dazu] kommen, das kleinere hervorzubringen.
Zehn nahe Schiffe6) werden sich7) hinbegeben um vorzustoßen.
[Das] besiegte große [Schiff8) wird die] Vereinigten an sich anschließen9).
1) Das mittelfranzösische Maskulinum "voille, voil" usw. bedeutet u. a. "Vorhang, (Nonnen-) Schleier, Segel, heiliges Banner". Als "Segel" verstanden ist das Wort meist weiblichen, gelegentlich aber auch männlichen Geschlechts. In Zusammenhang mit Schiffen und Flotten macht v. a. die Übersetzung als "Segel" - meist "la voil(le)" - oder "heiliges Banner" - "le voil(le)" - Sinn. Da das gleiche Wort in derselben Zeile unterschiedlich geschrieben ist, ist weiter der Verdacht naheliegend, dass damit Unterschiedliches gemeint ist. Falls dieser Verdacht richtig sein sollte, wäre aufgrund der Endungen "voille" wahrscheinlich weiblichen und "voil" wohl männlichen Geschlechts.
2) Zur Zeit des Nostradamus war eine Galeere ein großes Kriegsschiff, das sowohl von einem Segel wie auch von Ruderern angetrieben wurde. Als Ruderer wurden dabei oft Sträflinge oder Kriegsgefangene eingesetzt.
3) Vgl. Anmerkung 1.
4) Wegen des "poulser" in der dritten Zeile sollte es hier "cacher" heißen.
5) Lat. "classis" (Flotte, Heer). "Classis" kann dichterisch aber auch "Schiff" bedeuten, was hier wohl der Fall sein dürfte.
6) "Nave" heißt "Schiff". Eine andere Möglichkeit wäre, dass Nostradamus hier an das lat. Adjektiv "navus" (rührig, emsig, eifrig, tüchtig) gedacht hat.
7) Lies: "se". Ansonsten hieße es hier "es" (wortwörtlich "ihn"), womit entweder das heilige Banner oder das Segel aus der ersten Zeile gemeint wäre, die als einzige Substantive in dieser Strophe männlich sind bzw. sein können. In diesem Fall könnte die Zeile z. B. so verstanden werden: "Zehn nahe Schiffe werden zurückkehren, um es [- das heilige Banner oder das Segel - zu] misshandeln". In diesem Fall wäre "poulser" wohl im Sinne des lat. "pulsare" zu verstehen, das u. a. "misshandeln" bedeuten kann.
8) Wörtlich: "die besiegte Große". Damit müsste die "grande classe" (das große Schiff) der zweiten Zeile gemeint sein.
9) Unklar. Das mittelfranzösische "se joindre à" bedeutet "sich mit jemandem verbinden", aber auch "jemanden angreifen". Somit könnte das besiegte große Schiff die Vereinigten auch angreifen oder umgekehrt.



Das Kirchenschiff wird in ein Kriegsschiff, die "zivile" in eine "militärische" Kirche umgewandelt. Ein kleiner Teil der Kirche spaltet sich ab und greift (die Araber?) an. Nachdem die Kirche (von den Arabern?) besiegt worden sein wird, schließt sie die abgespaltene Teilkirche wieder an sich an.

10/2 scheint ein Seegefecht zu schildern. Nostradamus war Arzt bzw. Heiler, aber weder Seemann noch Offizier. Und in seinen Prophezeiungen geht es um die Zukunft in vornehmlich politischer und religiöser Hinsicht. Vor diesem Hintergrund scheint es aber eher unwahrscheinlich zu sein, dass unser Seher eine einzelne Seeschlacht bis ins taktische Detail geschildert haben soll, auch wenn deren Ausgang noch so weitreichende Konsequenzen hätte. Meines Erachtens ist diese "Seeschlacht" sinnbildlich zu verstehen. Und der Schlüssel zu deren Verständnis dürfte dabei im allgemein bekannten Symbol des Schiffes oder Bootes für die Kirche (das Fischerboot Petri) zu finden sein.

In der ersten Zeile von 10/2 ist von einem Schiff und einer Galeere die Rede. Wie schon erwähnt, dürfte das "Schiff" für die Kirche stehen. Eine Galeere ist zwar auch ein Schiff, jedoch ein Kriegsschiff, das u. a. durch die Kraft von Gefangenen angetrieben wurde, vgl. Anmerkung 2. Wir erfahren, dass das Segel der Galeere das heilige Banner - oder Segel - des Kirchenschiffes verbergen (überdecken) wird.

Zeile eins kann so verstanden werden, dass hier zwei Schiffe auf dem Wasser schwimmen. Oder aber nur eines, dieses jedoch in zwei verschiedenen Erscheinungsformen - einmal als normales Schiff, dann aber als Kriegsschiff. Was wohl für die zweite Annahme spricht, ist der Umstand, dass hier nicht ein Schiff als Ganzes sondern nur dessen heiliges Banner oder Segel versteckt wird. Auf die Kirche übertragen dürfte das heißen, sie wird von einer "zivilen" in eine "(para-)militärische" Organisation verwandelt. In ein "Schlachtschiff", auf dem die "Ruderer" - wohl v. a. die einfachen Laien und Kleriker - der militärischen Disziplin auf Kosten der Freiheit unterworfen sein werden.

Doch es gibt Opposition gegen den Kirchenkurs. In der zweiten Zeile erfahren wir, dass das große Schiff (die inzwischen veränderte Kirche) ein kleines hervorbringen wird. Das dürfte bedeuten, ein kleinerer Teil der Kirche wird sich abspalten. Der Grund für diese Abspaltung ist nicht ersichtlich. Es könnte sein, dass der kleinen Teilkirche die Veränderungen zu weit gehen - oder gerade umgekehrt: nicht weit genug. Möglicherweise erwächst die innerkirchliche Opposition auch wegen der Integration der Protestanten aus 6/20.

In 10/2/3 ist von zehn nahen (auch: "einander nahe stehenden") Schiffen die Rede. Diese werden sich irgendwo hinbegeben um "vorzustoßen" (anzugreifen). Das ist eine Parallele zu 9/43/4, wo zehn "vortreffliche Galeeren" die Ismailiten (Araber) attackieren. Diese zehn vortrefflichen Kriegsschiffe könnten die sich abgespaltene Teilkirche sein. Sind es vielleicht zehn Bistümer oder Landeskirchen, die einen von Rom unabhängigen Kurs fahren werden?

In der letzten Zeile werden das "besiegte große Schiff" und die "Vereinigten" erwähnt. Mit dem "besiegten großen Schiff" ist wohl die Kirche gemeint und mit den "Vereinigten" die "zehn nahen Schiffe". Die erste Frage, die sich hier stellt, ist, wer die Kirche besiegt hat. Die Araber? Die abgespaltene Teilkirche? Zudem ist nicht ganz klar, was hier geschieht, vgl. Anmerkung 9. Da die Kirche aber zuvor eine Niederlage hat einstecken müssen - ich vermute gegen die Araber - tendiere ich dazu anzunehmen, dass man die Kräfte bündeln, die Kirche also die Abtrünnigen wieder mit sich vereinen wird. Diese Wiedervereinigung könnte dadurch ermöglicht oder erleichtert werden, dass die Union mit den Protestanten (siehe oben) nur von kurzer Dauer sein wird (vgl. 6/20/1).



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