5.49  Die Araber (das "fremde Volk") stehen auf dem Balkan und stoßen über Dalmatien nach Italien vor, wo auch die Franzosen sind. Die Franzosen werden geschlagen und der Papst wird gefangen. Frankreich wird im Innern Veränderungen und Zwietracht erleben. Die Araber dringen dann in die Provence ein und stoßen bis zu den Pyrenäen vor. Zum Schluss werden sie jedoch besiegt, und ihr Oberhaupt muss fliehen. In Lausanne wird etwas Ekelhaftes geschehen, und der im Krieg stehende "Neptun" scheint an Frieden zu denken.
 

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2/32  

Laict, sang, grenoilles1) escoudre3) en Dalmatie2),
Conflit4) donné, pesste5) pres de Balenne6):
Cry sera grand par toute Esclauonie7)
Lors naistra monstre8) pres & dedans Rauêne.

Milch, Blut [und] Frösche1) werden in Dalmatien2) hinabgeregnet3) werden.
[Der] Konflikt4) [wird dann] ausgebrochen [und die] Seuche5) in der Nähe von
"Balenne"6) [sein].
[Das] Schreien wird groß sein im ganzen Slawenland7),
wenn [das] Wunderzeichen8) bei und in Ravenna erscheinen wird.
1) Milch, Blut und Frösche, die vom Himmel regnen, gehören seit der Antike zum klassischen Vorzeichenrepertoire, vgl. GRUBER, S. 160f., sowie CLÉBERT, S. 252-254, und verheißen kommendes Unheil.
2) Dalmatien ist Teil der kroatischen Adriaküste. Die römische Provinz Dalmatia umfasste hingegen die gesamte Adriaküste von Istrien bis ins nördliche Albanien sowie angrenzende Gebiete in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro.
3) "Escoudre" geht entweder auf das lat. "excudere" (etwas hervorbringen, ausbrüten usw.) zurück oder auf das ebenfalls lat. "excutire" (u. a. ausstoßen, hinabwerfen), vgl. BRIND’AMOUR, S. 238.
4) Konflikt im weitesten Sinne. Es können auch ein Krieg oder eine Schlacht gemeint sein.
5) Lies: "peste". "Pest" bezeichnet im Mittelfranzösischen und Lateinischen jede Epidemie mit hoher Sterblichkeit. Im übertragenen Sinne aber auch generelles Unglück.
6) Unklar. Es gibt beim französischen Bost, etwa 10 km nordöstlich von Vichy, ein Château de Balenne (Baleine, Baleyne) aus dem 15. Jahrhundert (20.09.2009). LEONI sieht hier das antike Trebula Balliensis (Treglia, nordöstlich von Capua) gemeint, DUFRESNE sieht mit LE PELLETIER ein antikes Volk im Latium. Im ITINERARIUM ANTONINI AUGUSTI ET HIEROSOLYMITANUM (Nr. 295) finden wir ein Costa Balenae an der ligurischen Küste, das auf dem Gebiet des heutigen Riva Ligure (20.09.2009), etwa 10 km östlich von Sanremo, liegt (vgl. auch BRIND’AMOUR, S. 238).
7) "Esclavonie" bezeichnete früher etwa den Raum Ostkroatien-Südungarn. Wie aber 10/62 (5.220) nahelegt, können damit wohl auch andere Siedlungsgebiete der Slawen gemeint sein (vgl. griech. "sklabos/sklabenos" = Slawe und Sklave). Siehe ebenfalls GRUBER, S. 430, Anmerkung 56.
8) Vgl. lat. "monstrum" (Wahrzeichen, Wunderzeichen). Bei diesem Wunderzeichen, das bei und in Ravenna erscheinen wird, bezieht sich Nostradamus auf ein Geschehen im Jahr 1512 (vgl. BRIND’AMOUR, S. 238 - 240 und CLÉBERT, S. 255). In Ravenna wurde  dabei ein arg missgestaltetes hermaphrodites Kind geboren ("monstre"), das als Vorzeichen für die Eroberung der Stadt durch die Franzosen im Jahr 1512 gewertet wurde. Um Ravenna gekämpft wird auch in 8/72 (5.175).


Die Araber stehen in Slawonien und bedrohen Dalmatien. Die in Norditalien stehenden Franzosen erobern Ravenna.

In der ersten Zeile lässt Nostradamus es in Dalmatien Milch, Blut und Frösche regnen, d. h. dieser Region droht Unheil (vgl. Anmerkung 1). Ein Konflikt wird zu diesem Zeitpunkt bereits ausgebrochen sein und die Gegend bei "Balenne" hat Unheil zu ertragen. Falls mit "Balenne" das Château de Balenne im Raum Vichy gemeint sein sollte, könnte eine innerfranzösische Auseinandersetzung gemeint sein. Oder unser Seher hat an einen Ort in Italien gedacht (wohl am ehesten an Riva Ligure, vgl. Anmerkung 6). In diesem Fall könnte mit dem Unheil ein französischer Vormarsch nach Norditalien gemeint sein. Ein Vormarsch, der erklären würde, weshalb die Franzosen in 2/94 (5.108) in Norditalien stehen. Sollte Nostradamus eine Schlacht ("presse") nahe Riva Ligure gemeint haben, was aber in der Druckerei fälschlicherweise als "pesste" gesetzt wurde?

In der dritten Zeile erfahren wir, dass man im ganzen Slawenland (mindestens aber in Slawonien, vgl. Anmerkung 7) schreien wird. Es kann vermutet werden, dass das dabei zugrundeliegende Unglück mit dem drohenden Unheil zusammenhängt, das Dalmatien bevorsteht. Wie unten aus 2/84 hervorgeht, werden die Araber (das "fremde Volk") an der Adriaküste auftauchen. Entweder zählt Nostradamus nun Dalmatien bereits zu seiner "Esclavonie", dann ist hier der Einmarsch der Orientalen in diese Region gemeint. Oder die Stelle ist so zu verstehen, dass die Araber zunächst Slawonien erobern und dann erst nach Südwesten an die Adria vorstoßen werden.

Dann, wenn sich wenigstens Slawonien in der Hand der Araber befinden wird, droht Ravenna und Umland Unheil. Nostradamus lässt dazu erneut ein "Monster" in und bei dieser Stadt zur Welt kommen, analog zum Geschehen von 1512 (vgl. Anmerkung 8). Bleiben wir bei den Analogien, müsste die Stadt ebenfalls wieder von den Franzosen eingenommen werden. In 2/94 erfahren wir, dass die Franzosen in Norditalien, am Po stehen werden. Venedig wird sich vor ihnen fürchten, aber umsonst. Zusammen mit der Information aus 2/32/2 könnte dies bedeuten, dass die Franzosen vielleicht tatsächlich zunächst die Lagunenstadt angreifen wollen, aber aus hier ungenannten Gründen ihr Ziel ändern und bei Ravenna an die Adria vorstoßen. Oder Venedig nimmt zu Unrecht an, die Franzosen wollten es erobern, währenddessen diese von Anfang an Ravenna im Auge haben werden.




2/84  

Entre Campaigne, Sienne, Flora, Tuscie1)
Six moys neufz iours ne plouura vne goute.
L’estrange langue2) en terre Dalmatie3)
Courira sus: vastant la terre4) toute.

[In den Gebieten] zwischen Kampanien, Siena, Florenz [und] Tuszien1)
wird [es während] sechs Monaten [und] neun Tagen nicht einen Tropfen regnen.
Das fremde Volk2) [wird] in Dalmatien3) [stehen].
[Es] wird angreifen [und] das ganze Land4) verwüsten.
1) Tuszien meint die Toskana, Kampanien ist die Region um Neapel. Flora, die römische Göttin der Blüte, stand in der Florentiner Kunst der Renaissance für die Stadt Florenz, vgl. BRIND’AMOUR, S. 315. Florenz und Siena liegen beide in der Toskana. In der ersten Zeile ist also von Teilen Mittel- und Süditaliens die Rede.
2) Das mittelfranzösische "langue" bedeutet neben "Zunge, Sprache" auch "Volk, Nation". Mit dem "fremden Volk" dürften Araber gemeint sein, vgl. 5/74/3 (5.39), wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwähnt wird.
3) Dalmatien ist Teil der kroatischen Adriaküste. Die römische Provinz Dalmatia umfasste hingegen die gesamte Adriaküste von Istrien bis ins nördliche Albanien sowie angrenzende Gebiete in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro.
4) Oder auch: "die ganze Erde". Mit dem "Land" ist vermutlich Italien gemeint, von dem in den ersten beiden Zeilen die Rede ist.


Wenn in Mittel- und Süditalien über ein halbes Jahr kein Regen fallen wird, werden die Araber in Dalmatien stehen und von dort aus Italien angreifen.

In 2/94 und 8/11 erfahren wir, dass die über das Meer gekommenen Araber in Italien stehen und in 7/39, dass sie von Italien nach Frankreich vorstoßen werden. Aus 2/84 lässt sich nun entnehmen, dass sie offensichtlich vom Balkan aus in Richtung Westen marschieren werden.

Nostradamus gibt in den ersten beiden Zeilen eine zeitliche Präzisierung. Der Angriff der Araber wird dann erfolgen, wenn in Mittel- und Süditalien während sechs Monaten und neun Tagen kein Regen fallen wird, also mutmaßlich im Sommerhalbjahr.

Gemäß 2/84/3 wird das "fremde Volk", die Araber, in Dalmatien stehen. Wir können also vermuten, dass die Araber zuvor irgendwo auf der Balkanhalbinsel europäischen Boden betreten werden. Von Dalmatien aus werden sie nach Italien vorstoßen und dort das ganze Land verwüsten. Dazu können sie entweder den Landweg über Slowenien benutzen oder die Adria überqueren.








1/83  

La gent estrange1) diuisera butins2),
Saturne en Mars son regard furieux:3)
Horriblestrage4) aux Tosquans & Latins5),
Grecs6), qui seront à frapper curieux.

Das fremde Volk1) wird [die] Beute2) aufteilen.
Saturn [wird] auf Mars seinen wütenden Blick [richten].3)
[Es wird eine] schreckliche Vernichtung4) der Toskaner, Latiner5) [und]
Griechen6) [geben], die begierig darauf sein werden loszuschlagen.
1) Mit dem "fremden Volk" dürften Araber gemeint sein. Vgl. 5/74/3 (5.39), wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwähnt wird.
2) Nostradamus verwendet hier die Pluralform, möglicherweise in Anlehnung an das lat. "exuviae" bzw. "manubiae".
3) Saturn und Mars (astrologisch gesprochen das große und das kleine Unglück) stehen hier in einer ungünstigen Konstellation, entweder in Opposition oder im Quadrat (vgl. BRIND’AMOUR, S. 164).
4) Lat. "strages" (u. a. Blutbad, völlige Vernichtung).
5) Die Latiner waren die Einwohner des Latiums, der Region um Rom.
6) In der Antike besiedelten die Griechen u. a. auch das westliche Süditalien und Sizilien. Aufgrund des italienischen Kontextes sind hier wohl Leute aus diesen Gegenden gemeint.

 
Die Araber erringen einen Sieg. Toskaner, Latiner und Süditaliener erleiden eine verheerende Niederlage.

In der ersten Zeile erfahren wir, dass die Araber (das "fremde Volk") die Beute aufteilen werden. Das bedeutet, die Orientalen werden zuvor einen Sieg erringen. Doch über wen? Möglicherweise über die Kräfte aus der Toskana, dem Latium und dem südwestlichen Italien inklusive Sizilien, von denen in der dritten und vierten Zeile die Rede ist. Es wäre aber auch denkbar, dass die Araber zunächst jemand anderen in Norditalien besiegen, die gemachte Beute aufteilen und sich dann erst den Mittel- und Süditalienern zuwenden. In diesem Fall wären die Geschlagenen wohl mit den Franzosen zu identifizieren, die ebenfalls in Norditalien stehen, vgl. 2/32. Jedenfalls werden die offensichtlich kampfeslustigen Italiener eine schreckliche Niederlage erleiden.

In der zweiten Zeile scheint Nostradamus eine astronomische Konstellation zu erwähnen, die zur Zeit der geschilderten Vorgänge zu beobachten sein dürfte: eine Opposition oder ein Quadrat von Saturn und Mars, vgl. Anmerkung 3. Die Stelle "Saturne en Mars" ließe sich allerdings auch als "Saturn ist im Mars [= Krieg]" verstehen. In diesem Fall ständen die Juden, d. h. die Leute, die den Samstag feiern, im Krieg (dies Saturni = Tag des Saturn = Samstag). Doch gegen wen?







2/54  

Par gent estrãge, & de Romains loingtaine1)
Leur grand cité apres eaue2) fort troublee,
Fille sans main3), trop different5) domaine4),
Prins chief, sarreure6) n’auoir esté riblee.

Vom fremden und von den Römern [weit] entfernten Volk1)
[wird] ihre große Stadt nach [dem] Wasser2) stark erschüttert [werden].
[Die] Tochter [wird] ohne Hand3) [und das] Besitztum4) sehr uneins5) [sein].
[Das] Oberhaupt [wird] gefangen, [das] Türschloss6) [aber] nicht geplündert worden sein.
1) Mit dem "fremden Volk" dürften Araber gemeint sein. Vgl. 5/74/3 (5.39), wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwähnt wird. Das Attribut "loingtaine" finden wir in diesem Zusammenhang auch in 8/10/3.
2) D. h. nach einer Überschwemmung. BRIND’AMOUR, S. 267, liest die Stelle als "aupres eaue" (beim Wasser), was möglich aber nicht zwingend ist.
3) Auf den ersten Blick scheint hier wieder von einem missgestalteten Menschen oder Kind die Rede zu sein. Und tatsächlich hatte das zweigeschlechtliche "Monster" aus Ravenna (vgl. 2/32/4) keine Arme und somit keine Hand bzw. Hände, vgl. BRIND’AMOUR, S. 238 - 240. Doch das mittelfranzösische "main" bedeutet neben "Hand" u. a. auch "Macht", vgl. auch lat. "manus" bzw. griech. "cheir", was uns zusätzliche Interpretationsmöglichkeiten erschließt. Es würde auch gut zu Nostradamus passen, dass er verschiedene Deutungsebenen vermischt. Doch wer oder was könnte mit dieser "machtlosen Tochter" gemeint sein? In der gleichen Zeile ist von einem uneinen Besitztum die Rede. Da Uneinigkeit oft auf Kosten der Macht geht, ist es gut möglich, dass die "Tochter" und das "uneine Besitztum" sich auf denselben Akteur beziehen. In anderen Vierzeilern, die in Zusammenhang mit dem "fremden Volk" stehen, scheinen innerfranzösische Veränderungen angesprochen zu werden (vgl. 1/20 und 6/1). Es wäre also durchaus denkbar, dass mit der "Tochter" und dem "Besitztum" (vgl. Anmerkung 4) Frankreich gemeint ist, das seit dem 19. Jahrhundert auch "fille aînée de l’église" (älteste Tochter der Kirche) genannt wird. Obwohl Nostradamus die erwähnte neuzeitliche Bezeichnung seines Landes (auf natürlichem Weg) nicht hat kennen können, wäre die Gleichsetzung Frankreichs mit einer Tochter der Kirche auch für ihn nicht völlig unmöglich gewesen. Denn der Frankenherrscher Chlodwig (den man auch als ersten französischen König betrachten kann), wurde nach seiner Taufe 496 (?) als "einziger Sohn der Kirche unter den Königen des Westens" ("fils unique de l'église entre les rois d'Occident") bezeichnet (23.09.2009). Somit war sein Reich - Frankreich (la France) - analog einst die einzige Tochter der Mutter Kirche im Westen.
4) Das mittelfranzösische "domaine" bedeutet u. a. "Grundbesitz, Besitztum; Macht, Herrschaft". Hier dürfte wohl von einem Herrschaftsgebiet die Rede sein. Falls es um Frankreich geht, mutmaßlich vom "domaine royal", der Krondomäne. Die Krondomäne umfasste die Gebiete, die direkt dem König unterstellt waren.
5) Das mittelfranzösische "different" bedeutet neben "unterschiedlich, verschieden" auch "geteilt, uneins".
6) Oder auch Schloss einer Kiste usw.


Nach einer Überschwemmung bereiten die Araber Rom große Sorge. Das im Innern gespaltene Frankreich ist machtlos. Der Papst wird gefangen, der Vatikan aber nicht geplündert.

In den ersten beiden Zeilen geht es um die Araber (das "fremde Volk") und die Römer. Wir erfahren, dass die Araber die Stadt Rom ("ihre", d. h. der Römer "große Stadt") nach einer Überschwemmung ("Wasser") stark erschüttern, d. h. in große Sorge stürzen werden. Das dürfte die Folge der "schrecklichen Vernichtung" sein, der in 1/83/3 u. a. die Latiner anheimfallen werden.

In der dritten Zeile von 2/54 ist von einer "Tochter ohne Hand" und einem sehr uneinen Besitztum die Rede. Wie in Anmerkung 3 ausgeführt, ist hier meines Erachtens von einer machtlosen "Tochter" die Rede, der es deswegen an Macht fehlt, weil sie im Innern uneins ist. Ich vermute, mit dieser "Tochter" ist Frankreich gemeint, da in 1/20 (wo ebenfalls vom "fremden Volk" und dessen Einmarsch in die Provence gesprochen wird) von innerfranzösischen Veränderungen (Spaltungen?) und in 6/1 von einem neuen König die Rede ist.

Die vierte Zeile von 2/54 erzählt von einem gefangenen Oberhaupt und einem nicht geplünderten "Türschloss". Da man ein solches Schloss höchstens aufbrechen aber nicht plündern kann, ist diese Stelle wohl sinnbildlich zu verstehen. Falls von Vorgängen in Italien die Rede sein sollte, könnten damit der Papst und der Vatikan gemeint sein: Zu einem Schloss gehört bekanntlich ein Schlüssel, ein Attribut der Päpste, denen als Nachfolger Petri der Schlüssel zum Himmel anvertraut ist und die auch im Wappen Schlüssel tragen. Analog entspräche das Schloss dann wohl dem Vatikan. Interessant wäre in diesem Fall aber die Frage, weshalb der Pontifex Maximus zwar gefangen genommen, der Vatikan aber nicht geplündert wird. Begibt sich das Oberhaupt der Kirche vielleicht freiwillig in Gefangenschaft, unter der Bedingung, dass die Feinde (mutmaßlich die Araber) auf die Plünderung des Vatikans und der Stadt Rom verzichten?



3/38  

La gent1) Gauloise & nation estrange2)
Outre les monts, morts prins & profligés3):
Au mois contraire4) & proche de vendage
Par les seigneurs5) en accord rediges6).

Das gallische Volk1) und [die] fremde Nation
[werden] jenseits der Berge Tote, Gefangene [und] Niedergeschlagene3)
[zu beklagen haben].
Im gegenüberliegenden4) Monat und nahe der Weinlese
durch die Herren5), [die] im Abkommen zusammengeführt [sein werden].
1) Auch im Sinne von "Kriegsvolk, Armee".
2) Die "fremde Nation" dürfte dem "fremden Volk" entsprechen, das die Araber meint. Vgl. 5/74/3 (5.39), wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwähnt wird.
3) Lat. "profligare" (niederschlagen, überwältigen).
4) Oder u. a. auch: "gegensätzlich, feindlich". In der dritten Zeile ist von zwei Zeitpunkten im Jahr die Rede, vgl. BRIND’AMOUR, S. 385f. Für die Weinlese kommen die Monate September/Oktober in Frage. Mit einem "gegenüberliegenden Monat" ist ein Monat gemeint, der im Jahreskreis 180 Grad oder sechs Monate gegenüberliegt, hier also März/April.
5) "Seigneur" (saigneur) kann im Mittelfranzösischen auch "Aderlasser, Schlächter" bedeuten.
6) Lies: "redigés".


Die Franzosen und die Araber werden beide in Italien Verluste erleiden. Verluste, die sie einem Bündnis zweier Herren zu verdanken haben werden.

In der ersten Hälfte der Strophe wird vorhergesagt, dass die Franzosen ("Gallier") und die Araber (das "fremde Volk") jenseits der Berge Tote, Gefangene und "Niedergeschlagene" (wohl Verwundete) zu beklagen haben werden. Gemäß 2/32 werden die Franzosen in Italien stehen. Auch die Araber werden in Zusammenhang mit der Apenninenhalbinsel genannt (2/84, 1/83, 2/54). Somit sind die in 3/38/2 genannten Berge wohl mit den Alpen zu identifizieren, die Frankreich von Italien trennen. Nostradamus prophezeit beiden Akteuren Verluste, die auf deren militärische Aktivitäten zurückgehen dürften.

Die erwähnten Verluste könnten auf die direkte Konfrontation von Franzosen und Arabern zurückzuführen sein. Im zweiten Teil der Strophe werden jedoch zwei durch ein Abkommen verbundene Herren erwähnt, die der Grund für die Veluste zu sein scheinen. Verluste, die einmal im Frühjahr (März/April) und einmal im Herbst (September/Oktober) zu verzeichnen sein werden. Über diese beiden Herren erfahren wir leider nichts. Sind es vielleicht Machthaber italienischer Staaten, deren Politik erst dazu führen wird, dass die Franzosen und Araber in Italien überhaupt eingreifen? BRIND’AMOUR, S. 385, versteht die letzten beiden Zeilen dahingehend, das die beiden Herren die Franzosen und Araber im Frühjahr und Herbst in einem Abkommen zusammenführen werden.
 


2/94  

GRAN. Po1), grãd mal pour Gauloys receura,
Vaine terreur au maritin Lyon2):
Peuple3) infini par la mer passera,
Sans eschapper vn quart d’vn milion.

[Der] große Po1) wird großes Unheil wegen [den] Galliern erleiden.
Umsonst [ist die] Angst des Löwen des Meeres2).
Unendliches Volk3) wird das Meer überqueren,
[um] ohne ein Viertel einer Million [zu] entkommen.
1) Unklar. Mit "Po" könnte alternativ auch das südwestfranzösische Pau gemeint sein. Möglicherweise sollte es hier auch "Grandi Po" (der angestiegene Po) heißen, analog zu 6/79/4 (5.192), vgl. CLÉBERT, S. 334. In diesem Fall wäre die Zeile etwa so zu übertragen: "[Der] angestiegene Po wird für [die] Gallier großes Unheil bereithalten." Das Hochwasser des großen norditalienischen Stroms würde also wohl einen Vorstoß der Gallier (Franzosen) verhindern, was gut zur zweiten Zeile passen würde, vgl. Anmerkung 2.
2) Lies: "maritime Lyon". Hier ist wohl kaum das französische Lyon gemeint, das im Binnenland liegt, v. a. da in der ersten Zeile wahrscheinlich von Norditalien die Rede ist. Vielmehr dürfte mit "maritime Lyon (lion)" - dem "Löwen des Meeres" - Venedig gemeint sein, das den geflügelten Löwen des Evangelisten Markus zum Zeichen hat und zur Zeit des Nostradamus noch eine der großen Seemächte war (vgl. BRIND’AMOUR, S. 327).
3) Auch im Sinne von "Kriegsvolk, Armee".

Die Franzosen stehen in Norditalien, doch Venedig fürchtet sich umsonst. Die Araber werden mit einer großen Invasionsarmee das Meer überqueren.

In den beiden ersten Zeilen geht es um Vorgänge in Norditalien. Die Franzosen ("Gallier") stehen offensichtlich in der Po-Ebene. Dort werden sie dem Land entweder großen Schaden zufügen oder der Strom wird ihren weiteren Vormarsch durch Hochwasser verunmöglichen, vgl. Anmerkung 1. Das Ziel der Franzosen wird dabei wohl Venedig sein, dessen Angst aber umsonst ist. Wahrscheinlich, weil der französische Angriff ausbleibt.

In der zweiten Hälfte der Strophe steht das "unendliche Volk" im Zentrum des Interesses. Das "unendliche Volk" dürfte dabei mit dem "fremden Volk" identisch sein und die Araber meinen, vgl. unten 1/98. Die Araber werden laut 2/94/3 das Meer überqueren. Doch welches Meer ist hier genau gemeint? Gemäß 2/32 und 2/84 werden die Orientalen auf dem Balkan stehen und von dort aus Italien angreifen. Mit der Überquerung des Meeres könnte somit die Landung auf dem Balkan oder aber der Angriff auf Italien gemeint sein, der dann über die Adria laufen müsste. Sollte Nostradamus an Letzteren gedacht haben, stellt sich aber die Frage, weshalb die Araber nicht den Landweg über Slowenien wählen werden.

Allerdings wird ihre Invasion nicht von Erfolg gekrönt sein: Die Araber werden zum Schluss fliehen müssen - Nostradamus verwendet hier den Begriff "eschapper" (entkommen). Dabei werden sie anscheinend eine Viertelmillion Mann verlieren (vierte Zeile). Eine Invasionsarmee, die anfangs mehr als 250 000 Mann umfasst, wäre zur Zeit des Nostradamus nahezu unvorstellbar gewesen. Es passt also, dass unser Seher diese Streitmacht als "unendliches Volk" bezeichnet hat.












8/11  

Peuple1) infiny paroistra à2) Vicence3)
Sans force4) feu brusler la Basilique5)
Pres de Lunage6) deffait grand de Valence7),
Lors que Venise par more8) prendra pique9).

Unendliches Volk1) wird in2) Vicenza3) erscheinen.
Ohne Gewaltanwendung4) [wird] Feuer die Basilika5) verbrennen.
In der Nähe von "Lunage"6) [wird der] Große von Valence7) geschlagen [werden],
wenn Venedig wegen [des] Mauren8) in den Krieg eingreifen9) wird.
1) Auch im Sinne von "Kriegsvolk, Armee".
2) Oder: "bei".
3) Vicenza liegt etwa 60 km westlich von Venedig.
4) Oder: "Streitmacht, Truppe".
5) Mit dieser Basilika ist entweder eine Kirche in Vicenza gemeint oder die dortige Basilica Palladiana. Als Basilica Palladiana wird der ab 1549 von Andrea Palladio erneuerte Palazzo Communale (Palazzo della Ragione) bezeichnet, dessen Umbau allerdings erst 1614 abgeschlossen wurde. Gemäß PRÉVOST, S. 79, und CLÉBERT, S. 851, brannte der Palazzo della Ragione bereits einmal 1496 ohne Gewalteinwirkung ab.
6) Nach LEONI vielleicht Lunigiana, eine Region im Norden der Toskana zwischen Apennin und Ligurischem Meer. CLÉBERT, S. 851, sieht hier Lugano im schweizerischen Tessin gemeint ("Lugane", vgl. lombardisch "Lügann"). In Südtirol gäbe es als weitere Möglichkeit San Lugano bzw. den San Lugano-Pass, etwa 25 km südlich von Bozen.
7) Unklar. Hier könnte eines der französischen Valence gemeint sein oder die spanische Stadt Valencia. Da in der ersten, zweiten und dritten Zeile von Vorgängen in Italien die Rede ist, kommt allerdings auch eine italienische Lösung in Betracht. Das piemontesische Valenza liegt in der westlichen Po-Ebene, wenige Kilometer nordöstlich von Alessandria. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde die Stadt mehrmals von Franzosen und Spaniern erobert, bis sie 1559 endgültig an letztere fiel. Es gäbe im weiteren noch ein Valenzano in Apulien.
8) Oder: "morte" (die Tote). In den 1568er Ausgaben von Grasse, Stockholm, Chomarat, Lyon, Heidelberg und Arbau steht hier "more" (Maure, Araber, Muslim; Sumpf, Moor), in jenen von Schaffhausen, Mejanes, Perugia, Dresden, Paris und Gregorio "morte". 
9) Wörtlich: "[die] Pike ergreifen (Infanterist werden)".


Die Araber werden Vicenza erreichen. Der Anführer der Franzosen wird geschlagen werden, und Venedig greift wegen der Araber in den Krieg ein.

In der ersten Zeile taucht erneut das wohl arabische "unendliche Volk" auf, das wir bereits aus 2/94 kennen. Es wird in oder bei Vicenza erscheinen, das rund 60 km westlich von Venedig liegt. Woher die Araber dabei kommen werden, ist nicht ersichtlich. Falls sie über Slowenien in Nordostitalien einfallen, würde Venedig (vgl. 8/11/4) wohl von Beginn weg in den Krieg miteinbezogen werden. Sollten sie über die Adria kommen (vgl. 2/94/3), könnten sie allerdings nach Vicenza gelangen, ohne dass die Lagunenstadt zunächst involviert sein wird. 

Laut Zeile zwei wird in Vicenza die Basilika (wahrscheinlich die Basilica Palladiana, vgl. Anmerkung 5) ohne Gewalteinwirkung niederbrennen. Ein Ereignis, das sich schon einmal 1496 zugetragen hat, vgl. Anmerkung 5. Das könnte etwa bedeuten, dass die Bevölkerung aus der Stadt fliehen, diese zuvor aber selbst in Brand stecken wird, um dem anrückenden Feind nur verbrannte Erde zu hinterlassen. Denkbar wäre aber u. a. auch, dass Nostradamus hier einen Hinweis auf den Zeitpunkt hat geben wollen, wann dies geschehen wird. Vielleicht in einem Jahr, dessen letzte beiden Ziffern neun und sechs lauten werden?

In der vierten Zeile erfahren wir, dass Venedig nun in den Krieg eingreifen wird. Der Grund wird der Maure, d. h. der Araber sein (vgl. allerdings Anmerkung 8). Genauer wohl der Umstand, dass er der Lagunenstadt immmer näher kommt. Das würde dann aber den Schluss nahelegen, dass die Orientalien über die Adria nach Italien vorstoßen werden, vgl. oben.

Noch einiges unklar ist in der dritten Zeile. Beim "Großen von Valence" könnte Nostradamus tatsächlich an Cesare Borgia (1475 - 1507) gedacht haben, der mit siebzehn Jahren Erzbischof des spanischen Valencia wurde und ab 1498 Herzog des französischen Valence (Valentinois) war (vgl. auch PRÉVOST, S. 80). Als solcher war er ein Vasall des französischen Königs. Hier könnte unser Seher also einen französischen Machthaber oder Feldherrn meinen, der  ebenfalls in Italien kämpfen und somit wohl die Franzosen aus 2/94/1 anführen wird. Doch der mutmaßliche neue Borgia wird nahe "Lunage" (Lugano? San Lugano? Vgl. Anmerkung 6) geschlagen werden. Doch von wem? Von den Arabern?












7/39  

Le conducteur de l’armée Françoise,
Cuidant1) perdre3) le principal phalange2):
Par sus4) paue5) de l’auaigne6) & d’ardoise7),
Soy parfondra10) par Gennes9) gent estrange8).

Der Anführer der französischen Armee
glaubt1), das Hauptheer2) zu ruinieren3).
Zudem4) [wird auf der] Straße5) des Rohres6) und des Schiefers7)
[das] fremde Volk8) von Genua9) her eindringen10).
1) Oder auch: "versucht".
2) Eine Phalanx ist eine Schlachtordnung, im übertragenen Sinne einfach ein Heer. Das griech. "phalagx" bedeutet ursprünglich "Baumstamm, Stück Holz, runder Block" aber auch "Gelenk" und "Spinne".
3) "Perdre" bedeutet im Mittelfranzösischen neben "verlieren" u. a. auch "zerstören, ruinieren".
4) Oder auch: "Oberhalb von ..., über der ...", was aber nur beschränkt Sinn macht.
5) Lies: "paué" (gepflasterte Straße, öffentliche Straße, Straße).
6) Das mittelfranzösische "auaigne" bedeutet "Hafer". Hier könnte Nostradamus aber eher an das lat. "avena" gedacht haben, das neben "Hafer" auch "Halm, Rohr" bedeutet. Und dies ist dann wohl als Anspielung auf den Ortsnamen Cannes zu verstehen, vgl. "canne" (Rohr, Schilf, Ried). In Südfrankreich gibt es zwei Orte dieses Namens: Cannes an der östlichen Côte d’Azur und Cannes (heute Cannes-et-Clairan) rund 50 km südwestlich von Laudun-l’Ardoise (vgl. Anmerkung 7).
7) Mit diesem "Schiefer" ist wohl der südfranzösische Ort L’Ardoise an der Rhone gemeint (heute Laudun-l’Ardoise), etwa 20 km nordwestlich von Avignon.
8) Mit dem "fremden Volk" dürften Araber gemeint sein. Vgl. 5/74/3 (5.39), wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwähnt wird.
9) In Frankreich gibt es daneben noch eine Handvoll Orte namens Gennes, die aber allesamt nicht einmal in der Nähe der Provence liegen und somit hier wohl ausscheiden.
10) In der Moskauer (Budapester) Ausgabe von 1557 steht hier "profondra". "(Soy) profonder" heißt "eindringen", was besser in den Kontext passt. Das mittelfranzösische "parfondre" bedeutet "(einen Graben) graben" oder "etwas vollständig schmelzen lassen". Sollte es hier tatsächlich "parfondra" heißen, könnte Nostradamus gemeint haben, dass das "fremde Volk" sich vollständig "auflösen", d. h. untergehen wird.


Der Kommandierende der französischen Armee glaubt, das Hauptheer zu ruinieren. Die Araber dringen von Genua her in die Provence ein.

In der ersten Hälfte des Vierzeilers geht es um den Kommandierenden der französischen Armee. Er scheint zu glauben, den Hauptharst eines Heeres zu ruinieren. Doch welchen Heeres? Seines eigenen oder eines feindlichen? Näheres erfahren wir hier leider nicht. Sollte der französische Heerführer vielleicht aus Angst, sein eigenes Heer unnötig zu dezimieren den Befehl zum Rückzug erteilen?

Der zweite Teil der Strophe ist etwas klarer. Das "fremde Volk" (Araber, vgl. Anmerkung 8) wird über das italienische Genua nach Südostfrankreich eindringen (vgl. allerdings Anmerkung 10). Dabei wird es die Provence auf der Route Cannes - Laudun-L’Ardoise durchqueren. Es kann vermutet werden, dass sich in 7/39 die französische Armee und die Streitkräfte des "fremden Volkes" gegenüber stehen.










1/20  

Tours, Orleãs, Bloys, Angiers, Reîs, & nãtes1)
Cités vexées2) par subit changement:
Par langues estrãges3) seront tendues tentes
Fluues, dardsRenes4), terre & mer trêblemêt.

Tours, Orléans, Blois, Angers, Reims und Nantes1)
[sind] Städte, [die] durch [die] plötzliche Veränderung in Mitleidenschaft gezogen2)
[werden].
Vom fremden Volk3) werden Zelte aufgeschlagen werden.
Flüsse, Sandstrände4), Land und Meer: [ein] Erzittern!
1) Nantes liegt nahe der Loire-Mündung. Folgt man dem Fluss landeinwärts folgen Angers, Tour, Blois und Orléans, die ebenfalls nahe oder an der Loire liegen. Nur Reims, die Krönungsstadt der französischen Könige, liegt im Nordosten des Landes.
2) Oder u. a. auch: "gequält".
3) Das mittelfranzösische "langue" bedeutet neben "Zunge, Sprache" auch "Volk, Nation". Im Original steht hier der Plural, also "fremde Völker". BRIND’AMOUR, S. 75, korrigiert hier aus reimtechnischen Gründen zu "langue estrãge" (fremdes Volk). Inhaltlich würde diese Korrektur passen, da wir das "fremde Volk" aus einer Reihe anderer Vierzeiler kennen. Mit dem "fremden Volk" dürften Araber gemeint sein. Vgl. 5/74/3 (5.39), wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwähnt wird.
4) Die Stelle "dardsRenes" lässt sich in "dards" (Stachel, kurze Speere) und "Renes" (die Stadt Rennes) zerlegen. Das bretonische Rennes liegt etwa 100 km nördlich von Nantes. BRIND’AMOUR, S. 75, sieht hier einen Verständnisfehler in der Druckerei und korrigiert zu "d’arenes". Das mittelfranzösische "arene" bedeutet "Sand", womit hier etwa Sandstrände gemeint sein könnten. "Arenes" sind aber auch (römischen) Arenen, die es etwa in Italien und Südfrankreich gibt.


Städte im nördlichen Frankreich werden durch eine plötzliche Veränderung in Mitleidenschaft gezogen. Die Araber schlagen ihre Zelte auf, und das Land wird erbeben.

In den ersten beiden Zeilen ist von Frankreich, vom Loire-Gebiet von Nantes bis Orléans sowie vom nordostfranzösischen Reims die Rede. Beide Räume werden durch eine "plötzliche Veränderung" stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Um welche Art von "Veränderung" es sich dabei konkret handelt, ist nicht ersichtlich. Interessant ist jedoch, dass während des Hundertjährigen Krieges gegen England, ab 1422 bis zur Rückverlegung des königlichen Hofes nach Paris im Jahr 1528, die Loire-Region das politische Zentrum Frankreichs war. Begonnen hatte diese Entwicklung mit Karl VII., der in Bourges residierte. Reims seinerseits war die Krönungsstadt der französischen Könige, wo sich Karl VII. auch 1429 krönen ließ. Sollte hier Frankreich sich wieder in einer Zeit sowohl des Krieges gegen einen äußeren Feind als auch einer inneren Spaltung befinden? Dazu passen würde 2/54/1, wo wie in 1/20/3 ebenfalls vom "fremden Volk" die Rede ist und wo beschrieben sein könnte, dass Frankreich im Innern geteilt und deswegen machtlos ist.

Im zweiten Teil der Strophe 1/20 geht es um den militärischen Vorstoß der Araber, des "fremden Volkes" (vgl. Anmerkung 3). Wie wir aus 7/39 wissen, wird es von Genua aus in die Provence eindringen. Das erbebende Land, in dem die Araber laut Zeile drei ihre "Zelte" (wohl Mannschafts- und Kommandozelte der Truppen) aufschlagen werden, ist also entweder Italien oder Frankreich.








6/1  

AVtour des mõts Pyrenees grãs amas1)
De gent estrange2) secourir roy noueau:
Pres de Garonne du grand temple du.Mas3),
Vn Romain chef4) le5) caindra6) dedans l’eau.

Bei den pyrenäischen Bergen [wird die] große Armee1)
des fremden Volkes2) [stehen,] um [dem] neuen König zu helfen.
Nahe der Garonne [und] des großen Tempels von Le Mas-d’Agenais3)
wird ein römisches Oberhaupt4) ihn5) im Wasser umzingeln6).
1) Oder auch: "Menschenmenge, Versammlung von Menschen".
2) Mit dem "fremden Volk" dürften Araber gemeint sein. Vgl. 5/74/3 (5.39), wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwähnt wird.
3) Ort in Südwestfrankreich an der Garonne, etwa 15 km südöstlich von Marmande. Mit dem "großen Tempel" müsste die Kirche Saint-Vincent gemeint sein, die in ihrer jetzigen Form aus dem 11. Jahrhundert stammt. Diese Kirche trägt den Namen des Märtyrers Vinzenz von Agen, der im 3. oder 4. Jahrhundert starb, nachdem er einen heidnischen Sonnenkult gestört hatte. Seine Reliquien wurden bei Castrum Pompeiacum aufbewahrt, was früher mit Le Mas-d’Agenais identifiziert wurde und diesen Ort zu einem Wallfahrtsziel machte. CLÉBERT, S. 679, schlägt hier Le Mas-d'Azil, etwa 20 km westlich von Pamiers vor, das eine Hochburg der Hugenotten war, aber nicht in der Nähe der Garonne liegt.
4) Oder: "Anführer".
5) Entweder "ihn", den neuen König aus Zeile zwei oder "sie", die Armee (un amas) des "fremden Volkes".
6) In den beiden Ausgaben von 1557 steht hier "caindra", in jenen von 1568 "craindra". "Ceindra" hieße "wird umgeben, wird umzingeln", "craindra" hingegen "wird fürchten".


Die Armee der Araber wird in der Nähe der Pyrenäen stehen, um einem neuen König zu helfen. Der neue König wird bei Le Mas-d’Agenais von einem römischen Oberhaupt eingekesselt sein.

In den ersten beiden Zeilen von 6/1 erfahren wir, dass die Armee des "fremden Volkes" (der Araber) inzwischen bis zu den Pyrenäen vorgestoßen ist. Dort will sie einem "neuen König" helfen. Leider erfahren wir über diesen neuen König nichts Genaueres. Auch ist unklar, weshalb die Araber einem - mutmaßlich französischen - König zu Hilfe eilen sollten. Versprechen sich die Araber vom Eingreifen in innerfranzösische Belange einen Vorteil? Vielleicht für ihren Feldzug in Italien?

In der zweiten Hälfte der Strophe könnte beschrieben sein, weshalb der neue König Hilfe benötigt. Er könnte bei Le Mas-d’Agenais von einem römischen Oberhaupt (Feldherrn) eingekesselt werden. Hier muss man sich allerdings fragen, wie ein römisches Oberhaupt aus Italien nach Südwestfrankreich kommt.

Leider muss festgestellt werden, dass die letzte Zeile verschieden überliefert ist (vgl. Anmerkung 6) und somit auch unterschiedlich verstanden werden kann. So wäre es möglich, 6/1/4 mit "wird ein römisches Oberhaupt [ihn/es (vgl. Anmerkung 5)] im Wasser fürchten" zu übersetzen. Aber auch in diesem Fall wird nicht klarer, was es mit diesem römischen Oberhaupt in Südwestfrankreich auf sich hat. Unklar bleibt auch, was Nostradamus mit dem Hinweis auf die Kirche Saint-Vincent beabsichtig. Falls es sich beim römischen Oberhaupt um einen Kleriker handeln sollte, könnte ein Papst gemeint sein. Doch was macht ein Papst in Südwestfrankreich? Ist er auf der Flucht? Und wieso lässt ihn Nostradamus "im Wasser" sein? Ist das ein Hinweis auf sein Amt als Nachfolger des Fischers Petrus?








8/10  

Puanteur1) grande sortira de Lausanne,
Qu’on ne scaura l’origine du fait2),
Lon mettra hors toute la gent4) loingtaine3)
Feu veu au ciel5), peuple estranger6) deffait.

[Ein] großer Gestank1) wird aus Lausanne aufsteigen,
so dass man den Ursprung der Sache2) nicht kennen wird.
Man wird das ganze weit entfernte3) Volk4) vertreiben.
Feuer [wird] am Himmel5) gesehen [und das] fremde Volk6) besiegt.
1) Wohl auch im Sinne von "etwas Ekelhaftes", vgl. lat. "foetor" (Gestank, Ekelhaftigkeit).
2) Oder: "Tat, Handlung".
3) Im Mittelfranzösischen kann "loingtain" u. a. auch die Bedeutung von "fremd, fremdländisch" annehmen, was mit Blick auf die vierte Zeile hier wohl gemeint sein dürfte. Die gleiche Formulierung findet sich auch in 2/54/1: "Par gent estrãge, & de Romains loingtaine".
4) Auch im Sinne von "Kriegsvolk, Truppen".
5) Feuer oder feurige Erscheinungen am Himmel gehören zum klassischen Vorzeichenrepertoire. So finden wir auch bei Julius OBSEQUENS etliches Feuer am Himmel. Etwa in den Kapiteln 3 oder 11, wobei in letzterem eine "brennende Fackel" gesehen wird. Solche Fackeln finden wir auch in den Kapiteln 12, 24, 45, 51, 53, 68 und 71. In Kapitel 52 treffen wir auf eine Flamme aus dem Himmel, währenddem in 54 von einem Feuerball die Rede ist. Der Himmel brennt zudem in 14, 20 und 51. Mit dem "Feuer am Himmel" könnte Nostradamus aber auch an den astrologischen Bereich gedacht haben. In der Astrologie wird das Feuer der Sonne und dem Mars sowie den Sternzeichen Widder, Löwe und Schütze zugeordnet. Hier könnte unser Seher also beispielsweise meinen, dass Krieg herrscht (bzw. Mars zu sehen ist) oder dass das "fremde Volk" zur Zeit des Widders (März/April), des Löwen (Juli/August) oder des Schützen (November/Dezember) besiegt sein wird.
6) Mit dem "fremden Volk" dürften Araber gemeint sein. Vgl. 5/74/3 (5.39), wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwähnt wird. "Peuple estranger" entspricht dabei "gent estrange".


Die Araber sind besiegt und werden vertrieben. In Lausanne geschieht etwas Ekelhaftes, das den Ursprung einer Sache verschleiert.

Im zweiten Teil des Vierzeilers tauchen wieder die Araber, das "fremde Volk" auf (vgl. Anmerkungen 3 und 6). Die arabischen Eindringlinge werden hier als besiegt bezeichnet. Über den Sieger erfahren wir allerdings nichts. Zu diesem Zeitpunkt wird man am Himmel "Feuer" erblicken, vgl. dazu Anmerkung 5. Man wird das geschlagene "fremde Volk" vertreiben. Doch woraus? Aus Frankreich? Aus Italien? Aus Europa überhaupt?

Dann, wenn die besiegten Araber vertrieben werden, wird im schweizerischen Lausanne etwas Ekelhaftes passieren, dessen Auswirkungen ("Gestank") den Ursprung einer Sache oder einer Tat verschleiern werden. Die Zeilen eins und zwei verbinden diese Strophe mit 6/90.
















6/90  

L’honnissement puant abhominable
Apres le faict1) sera felicité2),
Grand excusé, pour n‘estre fauorable3),
Qu’à paix Neptune4) ne sera incité5).

Die Schande stinkt [zum Himmel und ist] abscheulich.
Danach wird die Sache1) als segensreich betrachtet werden2).
[Dem] Großen [wird] verziehen [werden], nicht dazu geneigt3) zu sein,
dass Neptun4) nicht zum Frieden gedrängt5) werden wird.
1) Oder: "Tat, Handlung".
2) Das mittelfranzösische "féliciter" bedeutet "glücklich machen" und "glücklich sein". Hier könnte unser Seher aber zudem die lateinische Wurzel dieses Verbs ("felix") im Auge gehabt haben. Das lat. "felix" bedeutet neben "glücklich" u. a. auch "glückbringend, gesegnet". Mit der "glücklich gemachten Sache" könnte also eine Sache gemeint sein, die im Nachhinein als Segnung aufgefasst werden wird, obwohl sie dies zunächst gar nicht ist oder nicht als solche wahrgenommen wird. Die Lesart "Nach der Tat wird [er/man] beglückwünscht [werden]", vgl. auch CLÉBERT, S. 773, scheint zu modern zu sein (vgl. DUBOIS/ MITTERAND/ DAUZAT, S. 294.)
3) Oder auch: "kein Befürworter zu sein", wenn man "fauorable" als Substantiv auffasst.
4) Neptun (griech. Poseidon) war der Gott des Meeres. Er beherrschte den weltumspannenden Ozean, den er mit seinem Dreizack aufrührte und über den seine Rosse jagten. Sein Palast stand in den Tiefen der Ägäis. Er war ein Sohn des Saturn und Bruder des Jupiter. Das Pferd war ihm heilig. In diesem Zusammenhang interessant ist die Verwendung des Begriffes "honnissement" in 6/90/1: Das mittelfranzösische "hennissement" bedeutet nämlich "das Wiehern". "Neptun" taucht in anderen Strophen ebenfalls auf, vgl. 5.50.
5) Oder auch: "bewegt, angeregt".


Die Sache, deren Ursprung vom Ekelhaften aus Lausanne verschleiert werden wird, wird als segensreich betrachtet werden. Einem Großen wird verziehen werden, dass er sich nicht darum bemüht, dass "Neptun" weiterhin auf dem Kriegspfad bleibt.

Die erste und zweite Zeile knüpfen an die erste Hälfte der Strophe 8/10 an. Mit der abscheulichen und zum Himmel stinkenden Schande ist der aus Lausanne aufsteigende "Gestank" gemeint. Leider erfahren wir auch in 6/90 nicht, was das konkret sein könnte. Nachher wird eine Sache oder eine Tat dank des "Gestankes" wohl als segensreich gewertet werden, da der "üble Geruch" deren Ursprung verschleiern wird, vgl. 8/10/2. Das schändliche Geschehen in Lausanne könnte vielleicht mit "Neptun" zu tun haben, der in 6/90/4 erwähnt wird (vgl. Anmerkung 4, genauer das Wortspiel "honissement" - "henissement").

In der zweiten Hälfte der Strophe 6/90 geht es um "Neptun", der auch in anderen Vierzeilern auftaucht (vgl. Anmerkung 4). Zudem wird ein "Großer" erwähnt, dem verziehen werden wird. Es scheint darum zu gehen, dass es eine Partei oder Allianz geben wird, die nicht will, dass "Neptun" Frieden schließt. Eine Partei oder Allianz, die vielleicht auf Friedensverhandlungen den römischen Meeresgott dazu drängen wird, den Krieg fortzuführen. Und vom "Großen" der dritten Zeile erwartet diese Partei, dass er sich ihr diesbezüglich anschließt, was der "Große" aber nicht tut. Dieses Fernbleiben wird dem "Großen" jedoch verziehen werden.

Sind mit den ekelhaften Vorgängen in Lausanne vielleicht Friedensverhandlungen mit "Neptun" gemeint, bei denen üble Machenschaften im Gange sein werden?






 


1/98  

Le chef qu’aura conduit peuple1) infini
Loing de son ciel, de meurs2) & lãgue estrange3):
Cinq mil en Crete & Thessale4) fini,5)
Le chef fuiant sauué en marine grange6).

Das Oberhaupt, das unendliches Kriegsvolk1) angeführt haben wird,
[wird] weit [weg] von seinem Himmel, von [seinen] Gebräuchen2) und [seinem] fremden
Volk [sein]3).
5000 [sind] auf Kreta, und Thessalien4) [ist] erledigt.5)
Das fliehende Oberhaupt [wird] in [einer] Meeresscheune6) gerettet [werden].
1) Auch im Sinne von "Kriegsvolk, Armee".
2) Mit Blick auf das griech. "ethos" vielleicht auch "Heimat".
3) Oder auch nur: "… [dem] fremden Volk". Das mittelfranzösische "langue" bedeutet neben "Zunge, Sprache" auch "Volk, Nation".
4) Gebiet im nördlichen Griechenland. Thessalien ist im Französischen weiblich ("Thessalie"), "Thessale" hier aber männlich. Somit wäre es etwa auch denkbar, dass in 1/98/3 ein Mann aus Thessalien (vielleicht ein Machthaber oder Feldherr) gemeint ist. Aus Thessalien stammten etwa Achilles (Pelion) und Iason (Iolkos).
5) Oder: "5000 auf Kreta und [in] Thessalien [sind] tot", wobei es dann "finis" statt "fini" heißen müsste.
6) Unklar, was hier gemeint ist. Eine "Meeresscheune" könnte z. B. ein Lastschiff sein. Eine andere Möglichkeit wäre, dass hier nicht "grange" sondern "range" bzw. "renge" (Reihe, Linie, Schlachtordnung) stehen sollte. Dann wäre wohl einfach eine Flotte, ein "Meeresheer" gemeint (vgl. lat. "acies" und griech. "taxis"). Oder die Stelle ist so zu verstehen, dass das fliehende Oberhaupt sich in einer Lagerhalle am Meer, vielleicht in einem Hafen, vor seinen Verfolgern verstecken kann.


Das Oberhaupt der Araber ist weit von seiner Heimat entfernt und muss fliehen. Thessalien ist gefallen.

In der ersten Zeile ist von einem Oberhaupt oder Anführer die Rede, der "unendliches Kriegsvolk" angeführt haben wird. In der zweiten Zeile erfahren wir, dass dieses Oberhaupt weit von seiner Heimat ("Himmel", "Gebräuche") und seinem "fremden Volk" weg sein wird, vgl. aber Anmerkung 3. Es dürfte also wohl so sein, dass das "unendliche Volk" oder "Kriegsvolk" (vgl. Anmerkung 1) mit dem "fremden Volk" identisch ist bzw. zu letzterem gehört. In 5/74/3 (5.39) ist vom "fremden arabischen Volk" ("gent estrange Arabique") die Rede, es besteht also eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass hier ebenfalls Araber gemeint sind.

In 1/98/3 erfahren wir, dass auf Kreta wohl 5000 Mann stehen und Thessalien besiegt oder gefallen sein wird. Vgl. allerdings Anmerkung 4. Die vierte Zeile spricht erneut von einem Oberhaupt, wahrscheinlich vom selben wie die ersten beiden Zeilen. Wir erfahren nun wohl, weshalb Nostradamus eingangs das Futurum II verwendet hat. Das Oberhaupt hat seine Funktion als Anführer des "unendlichen Volkes" verloren oder aufgegeben und muss fliehen. Doch wieso, von wo und wohin? Hat es vielleicht den Kampf um Thessalien verloren? Flieht es nach Kreta, wo vielleicht noch eine kleine Garnison seiner Truppen steht?






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