5.173 Nachtrag zu 5.41.
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Zusammenfassung
5/45: In den ersten beiden Zeilen geht es um die Verlegung der französischen Hauptstadt in die Nähe der Ardennen, vgl. 5.41. Die vierte Zeile erwähnt einen Herrscher, den Nostradamus "Aenobarbus-Milannase" nennt. Falls damit "Nero" aus 5.17 gemeint sein sollte (vgl. Anmerkung 8), hätten wir einen künftigen Herrscher Frankreichs vor uns. In der dritten Zeile tötet dieser (hier "Ältester" genannte) Machthaber zwei Bastarde, vielleicht seine zwei jüngeren Brüder, vgl. 5.41.
6/16: Ein "junger Milan" wird jemanden "rauben", der von den Leuten aus der Normandie und der Picardie geschickt werden wird (erste und zweite Zeile). Das könnte beispielsweise ein Abgesandter auf diplomatischer Mission sein. Da Nostradamus hier das Bild eines Raubtiers verwendet, könnte das bedeuten, dass der Gesandte nicht nur gefangen sondern vielleicht sogar getötet werden wird. Über die Hintergründe dieses Geschehens erfahren wir allerdings nichts. Der Hauptakteur, der "junge Milan", könnte aber mit "Aenobarbus-Milannase" aus 5/45 identisch sein, der ebenfalls in einen französischen Kontext gehören dürfte. Unser Seher verwendet in beiden Fällen sogar dasselbe Wort: "milue". In den letzten beiden Zeilen scheint beschrieben zu sein, dass zu dieser Zeit Benediktiner aus dem Schwarzwald in die Lombardei umziehen werden (vgl. aber Anmerkung 3). Da Nostradamus diesen Umzug erwähnt, ist zu vermuten, dass dafür ein gewichtiger Grund vorhanden sein wird. Werden die Ordensleute - und mit ihnen vielleicht die gesamte Kirche - in Südwestdeutschland verfolgt werden?
Quellen
5/45
1) Das mittelfranzösiche "empire" bedeutet u. a. "Reich, Herrschaft, Macht", das lat. "imperium" "Reich, Herrschaft, Regierung, Befehlsgewalt" usw. Mit Blick auf 3/84 scheint Nostradamus hier aber konkret den Herrschaftssitz, die Hauptstadt zu meinen. Vgl. dazu griech. "basileion", "-a" (königliche Wohnung, Burg, Schloss) und "basileia" (Königreich, Königtum). Das zugeordnete Adjektiv "groß" ist wiederum als "französisch" zu verstehen, vgl. 4/8. Mit Ausnahme des letzten Wortes ("desolé") entspricht die Zeile 1/32/1.
Le grand Empire1) sera tost2) desolé3), Der große Herrschaftssitz1) wird schnell2) verlassen3) Et translaté pres d’arduenne silue4): und in die Nähe der Ardvenna Silva4) verlegt werden. Les deux bastardz5) par l’aisné decollé6), Die beiden Bastarde5) [werden] vom Ältesten geköpft6) [werden], Et regnera Aeno[b]arb.7)nez de milue8). und [es] wird Aenobarbus7)-Milannase8) herrschen.
2) Oder auch: "bald".
3) Oder auch: "verloren, zerstört".
4) "Ardvenna Silva" ist die lateinische Bezeichnung der Ardennen oder des Ardennerwaldes. Die Ardennen erstrecken sich von der nordostfranzösischen Grenze nach Belgien und ins luxemburgische Grenzgebiet hinein. CLÉBERT, S. 621, weist darauf hin, dass auf alten Karten allerdings auch ein "forêt d’Ardenne" bei Blaye an der Gironde und ein Ardenna-Wald in der Saintonge (a. d. franz. Atlantikküste) zu finden sind.
5) "Bastard" bezeichnet im Mittelfranzösischen ein uneheliches Kind. Als Adjektiv bedeutet der Begriff "irregulär, falsch; ungeschickt, unerfahren; künstlich". Auch eine Art Kanone wurde so bezeichnet.
6) "Decollé" dürfte sich auf die beiden Bastarde beziehen, obwohl die s-Endung fehlt. Ansonsten hieße es: "Die beiden Bastarde des geköpften Ältesten".
7) Im alten Rom gab es die Familie der A(h)enobarbi (eigentlich: "Rotbärte", "bronzefarbene Bärte"). Bekannte Vertreter dieser Gens waren Cn. Domitius Aenobarbus, der die Allobroger besiegte und 120 v. Chr. die Via Domitia anlegte, L. Domitius Aenobarbus, ein Feldherr des Pompeius und Kaiser Nero.
8) Lat. "miluus, milvus" (Milan, Rotmilan, Taubenfalke; Meerweihe [Raubfisch]). In der Budapester/Moskauer Ausgabe der Zenturien aus dem Jahr 1557 steht hier "nay de milue" (geboren vom Milan). Es gibt zwei Milanarten, den Rotmilan und den Schwarzmilan. Wie der Name schon andeutet, hat der Rotmilan ein rötliches Gefieder. Das des Schwarzmilans ist eher braun denn schwarz. Nostradamus dürfte hier wohl an den Rotmilan gedacht haben, da dieser farblich besser zum "Rotbart" Aenobarbus passt. Jedenfalls wird Aenobarbus (wohl der neue "Nero", vgl. 5.17) einem Milan ähneln. Möglicherweise derart, dass man sagen könnte, er sei von einem Milan geboren worden. Oder wenigstens eines seiner hervorstechendsten Merkmale wird milanartig sein. Ob Aenobarbus dabei tatsächlich eine große Hakennase besitzen wird, die an den Schnabel eines Raubvogels erinnert, oder ob Nostradamus diese "Nase" nur als Bild eingeführt hat, ist dabei wahrscheinlich zweitrangig. Doch was könnte Aenobarbus mit einem Milan gemeinsam haben? Über den Milan schreibt PLINIUS D. Ä. in seiner Naturalis historia (10,12,28), dass, obwohl es sich um einen sehr gefräßigen und gierigen Vogel handelt, nie beobachtet wurde wie er von Opferfleisch gefressen habe. Außer dort, wo Unheil für die Stadt vorhergesagt worden sei, die die Opfergaben dargebracht hat. In 10,95,203 erfahren wir, dass Milan und Rabe sich in dauerndem Kriegszustand befinden und der eine dem anderen das Fressen wegnehmen möchte. Laut 10,96,207 vereinen sich Edelfalke und Milan gegen den Bussard.
6/16
1) Region in Nordfrankreich um Amiens und Saint-Quentin.
Ce que rauy sera du ieune Milue,
Der, der vom jungen Milan geraubt werden wird,
Par les Normans de France & Picardie1):
[wird] von den Normannen Frankreichs und [der] Picardie1) [kommen].
Les noirs2) du temple du lieu de Negrisilue3)
Die Schwarzen2) aus dem Tempel im Ort des Schwarzwalds3)
Feront aulberge & feu de Lombardie.
werden Rast und Feuer [in] der Lombardei machen.
2) Oder auch: "Boshaften", vgl. lat. "niger" (u. a. boshaft, tückisch, böse).
3) "Nigra Silva" ist die lateinische Bezeichnung des Schwarzwalds. LEONI vermutet, dass in dieser Zeile Benediktiner (schwarze Mönche) aus einem der Schwarzwälder Klöster (vgl. lat. "templum" als "Kloster") gemeint sein könnten (z. B. aus St. Blasien). Allerdings hängt hier vieles davon ab, wie man die letzte Zeile versteht. Falls das Feuer, das die "Schwarzen" in der Lombardei entfachen werden, ein harmloses Herdfeuer sein sollte, könnte man die letzten beiden Zeilen vielleicht dahingehend interpretieren, dass die Benediktiner den Schwarzwald verlassen und sich in Norditalien häuslich einrichten werden. Ob freiwillig oder gezwungenermaßen, bliebe hier allerdings unklar. Sollte es sich bei dem Feuer in der Lombardei jedoch um eine gewaltsame Zerstörung handeln, würden die friedvollen Benediktiner wohl als Kandidaten eher ausscheiden. In diesem Fall wären die "Schwarzen" wahrscheinlich vielmehr als "Boshafte" zu verstehen, vgl. Anmerkung 2.