5.197 Narbonne wird erobert und seine Bevölkerung getötet. Darunter auch ein Abgesandter des Königs, der die Verteidiger zu täuschen hatte. Der siegreiche Feldherr wird nachher für seine Grausamkeit gehasst werden.
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Zusammenfassung
3/85: Eine ungenannte Stadt wird erobert, wobei Täuschung und Betrug eine große Rolle spielen werden (erste Zeile). Eine entscheidende Rolle wird dabei dem Vermittler eines "schönen jungen Mannes" zukommen (zweite Zeile). In der dritten Zeile erfahren wir, von welcher Stadt in diesem Vierzeiler die Rede ist: Narbonne (vgl. Anmerkung 2). Die Stadt wird, nachdem sie hintergangen worden ist, militärisch eingenommen. Die angewandte List wird derart erfolgreich sein, dass alle innerhalb der Stadtmauern - so auch der Vermittler des "schönen jungen Mannes" - ums Leben kommen werden (vierte Zeile).
6/92: In der ersten Zeile wird ein Fürst erwähnt, der von äußerst anmutiger oder auch "venusartiger" (vgl. Anmerkung 1) Schönheit sein wird. Dieser Fürst dürfte mit dem "schönen jungen Mann" aus 3/85 identisch sein. Über diesen Machthaber erfahren wir nicht viel. Da Narbonne in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts während einiger Jahrzehnte von den muslimischen Mauren besetzt war, wäre es aber denkbar, dass die Erwähnung der "venusartigen" Schönheit ein Hinweis auf den Islam sein könnte. Es sei an dieser Stelle jedoch auch noch festgehalten, dass es zwei französische Könige gab, die den Beinamen "le Bel" (der Schöne) trugen: Philipp IV. (1285 - 1314) und Karl IV. (1322 - 1328). Philipp war bei seiner Thronbesteigung 17 Jahre alt, Karl 28. Der "schöne" Fürst ist wohl mit dem "König" aus der vierten Zeile gleichzusetzen. Dieser Herrscher wird einen "Anführer" unter sich haben, womit wohl ein kommandierender Feldherr gemeint sein dürfte. In der zweiten Zeile erfahren wir, dass dieser "Anführer" als Ränkeschmied in Erscheinung treten wird. Er ist es wohl, der die in 3/85 erwähnte List ausheckt, dank der Narbonne eingenommen werden kann. Ebenfalls in der zweiten Zeile wird ein "gebildeter Gehilfe" erwähnt, der verraten werden wird. Damit müsste der (königliche) Vermittler aus 3/85 gemeint sein, der die Verteidiger der Stadt hereinlegt, beim folgenden Angriff der Belagerer aber selber umkommt. Da Nostradamus schreibt, dass dieser "Gehilfe" verraten werden wird (vom "Anführer" oder auch vom König), ist wohl davon auszugehen, dass der Vermittler höchstens teilweise in die Pläne der Angreifer eingeweiht sein wird. Vielleicht glaubt er sogar, dass er tatsächlich eine politische Lösung für diesen Konflikt aushandeln soll. Das würde etwa erklären, weshalb ein Unterhändler des Königs und nicht bloß des Feldherren nach Narbonne geschickt werden wird. Ein Abgesandter also, der der Stadt verbindliche Garantien abgeben kann. Aber vielleicht gehört das genau zum Plan des "Anführers", der die Verteidiger so in falscher Sicherheit wiegen will. In der dritten Zeile wird die Eroberung Narbonnes beschrieben. Die Stadtbevölkerung fällt dem Schwert anheim, wird also getötet, und die Stadt selber wird durch Beschuss oder Sprengung in Schutt und Asche gelegt. Der "Anführer" wird einen totalen Sieg erringen. Allerdings wird er wegen des Tötens der Bevölkerung (einschließlich des königlichen Abgesandten) gehasst werden (vierte Zeile). Ob es der König sein wird, der seinen grausamen Feldherrn verabscheut, oder ob es sich um eine weitverbreitete Ablehnung handelt, ist nicht klar (vgl. Anmerkung 6). Überhaupt ist die Rolle des Monarchen in dieser ganzen Sache im Moment nicht abschließend zu beurteilen. Wird der König über die Pläne seines "Anführers" im Bilde sein? Falls ja, ist es mindestens bemerkenswert, dass er einen seiner eigenen Unterhändler für diese Kriegslist opfert. Falls der König allerdings von seinem Feldherrn hintergangen werden sollte, stellt sich die Frage nach der Autorität des Herrschers und den möglichen Folgen für den siegreichen aber unbotmäßigen Befehlshaber.
Quellen
3/85
1) Neben "Vermittler, Unterhändler" bedeutet "moyen" aber auch "Vermittlung".
La cité prinse par tromperie & fraude,
Die Stadt [wird] eingenommen durch Täuschung und Betrug.
Par le moyen1) d’vn beau ieune atrapé:
Durch den Vermittler1) eines schönen jungen Mannes [wird man] hereingelegt.
Lassaut donné Roubine pres de l’AVDE2)
Der Angriff findet statt [beim Kanal der] Robine, nahe der Aude2).
Luy & tous morts pour auoir bien trõpé.
Er und alle [werden] tot [sein], weil [er] gut getäuscht hat.
2) Die Aude entspringt in den östlichen Pyrenäen, durchfließt Carcassonne und mündet nördlich von Narbonne ins Mittelmeer. Die Robine, in der Antike ein Seitenarm der Aude, wurde schon früh zu einem Kanal erweitert und verband im Mittelalter die Stadt Narbonne mit dem Meer.
6/92
1) Das mittelfranzösische "venuste" (lat. "venustus") könnte hier auch auf die römische Göttin Venus verweisen, die bei Nostradamus für den Islam steht.
Prince de beauté tant venuste1),
[Der] Fürst [wird] von äußerst anmutiger1) Schönheit [sein].
Au chef menee, le second3) faict2) trahy:
Vom Anführer [werden] Ränke [geschmiedet]. Der gebildete2) Gehilfe3) [wird] verraten [werden].
La cité au glaiue de poudre4) face5) aduste,
Die Stadt [wird] dem Schwert [anheimfallen, und] vom Pulver4) [wird ihr] Antlitz5) verbrannt [werden].
Par trop grand meurtre le chef du Roy6) hay.
Wegen [des] zu großen Mordens wird der Anführer des Königs6) gehasst [werden].
2) Oder u. a. auch: "kräftige".
3) Das mittelfranzösische "second" (Zweiter) bedeutet als Substantiv u. a. "Gehilfe". Mit Blick auf das lat. "secundus" könnte aber auch "der Glückliche" übersetzt werden. Die gesamte Stelle ließe sich jedoch auch so verstehen, dass es sich bei "second" um das Adjektiv und bei "faict" um das Substantiv handelt. In diesem Fall würde eine "zweite Tat" verraten werden.
4) Damit ist wohl das Schwarzpulver gemeint, das im westlichen Europa ab dem 14. Jahrhundert bekannt war. Zur Zeit des Nostradamus wurden Feuerwaffen mehr und mehr auch auf dem Schlachtfeld eingesetzt (z. B. Pavia 1525).
5) Das mittelfranzösische "face" (Gesicht) bezeichnet auch die generelle äußere Erscheinung einer Sache oder einer Person (vgl. lat. "facies"). Eine andere Möglichkeit wäre, hier das lat. "fax, facis" (Fackel, Feuer usw.) zu erblicken und in Verbindung mit dem "Pulver" als "Feuerpulver" (Schwarzpulver) wiederzugeben.
6) Oder auch: "vom König".