5.222  Ein "Byzantiner" erobert Südspanien mit Cordoba für den Islam.
 

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Zusammenfassung
 

3/20: Im "Gebiet von Granada", das tief in Spaniens Süden und somit weit von der früheren Hiberia entfernt liegt (zweite Zeile), wird gekämpft werden. Granada selber liegt etwa 90 km südlich des Guadalquivir, dennoch scheint es hier um den gesamten Raum bis zum großen andalusischen Strom zu gehen (erste Zeile). Es ist naheliegend, dass Nostradamus hier Parallelen zum 1492 untergegangenen Königreich Granada sieht (vgl. Anmerkungen 3 und 4). Anders als 1492 scheinen dieses Mal allerdings die Muslime die Oberhand zu behalten. Die Christen ("Kreuze") werden laut dritter Zeile von den Streitkräften der Muslime ("mohammedanische Truppen") zurückgedrängt werden. Allerdings verdanken die islamischen Verbände ihren Sieg nicht allein ihrer Kampfkraft. Vielmehr wird jemand aus Cordoba das Gebiet an die Muslime verraten (vierte Zeile). Über die Identität des Verräters erfahren wir nichts. Ebenso erhalten wir keine näheren Informationen über die zurückgedrängten Christen, die unser Seher "Kreuze" (croix) nennt. Vielleicht hat Nostradamus bei diesen an Kreuzzugsteilnehmer gedacht, mittelfranzösisch "croisés" (etwa: "die mit einem Kreuz Versehenen"). Das könnte ein Hinweis auf die eindeutig religiöse Komponente dieser Auseinandersetzungen sein.  

8/51: Wie in 3/20 geht es auch in diesem Vierzeiler um Vorgänge in Südspanien. Gemäß den Zeilen eins und zwei wird ein "Byzantiner" erst Cordoba einnehmen und dann ein Geschenk machen. Doch wem? Vielleicht dem Verräter aus Cordoba für dessen Hilfe, vgl. 3/20? Es würde vielleicht helfen zu wissen, was der Byzantiner schenken wird, doch dazu steht bei Nostradamus nichts. Für unseren Seher ist die Eroberung Cordobas eine Rückeroberung. Da Cordoba in seiner Geschichte mehrfach erobert und zurückerobert wurde, u. a. auch von den Byzantinern (vgl. Anmerkung 2), ist nicht klar, ob der Byzantiner bei Nostradamus zuvor schon einmal in Besitz der Stadt war oder ob Nostradamus sich auf einen der historischen Herrschaftswechsel bezieht. Die beiden letzten Zeilen könnten beschreiben, wie sich der in Südspanien etablierte Byzantiner bzw. das von ihm beherrschte Andalusien verhalten werden. Dieses neue "Kalifat Cordoba" scheint zunächst lange friedlich zu bleiben, es beschreitet (wohl außenpolitisch) einen ruhigen Weg (vgl. Anmerkung 3). Doch was könnte Nostradamus mit dem "Zurückstutzen des Weinstocks" in der dritten Zeile meinen (vgl. dazu allerdings Anmerkung 5)? In der Bibel steht der "Weinstock" für das Volk Israel, die Juden (Psalm 80, 9 - 17) oder für Jesus (Johannes 15, 1 - 6), den "wahren Weinstock" (15, 1). Im Johannes-Evangelium (15, 5) lesen wir: "Ich [Jesus] bin der Weinstock, ihr [Christen] seid die Reben". Und zudem: "Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er [Gott-Vater] ab [...]" (15, 2) sowie "Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen" (15, 6). Vor diesem Hintergrund, dürfte der Byzantiner in Südspanien also entweder die Juden verfolgen oder, was meiner Ansicht nach wahrscheinlicher ist, die Christen, gegen deren Truppen (die "Kreuze" aus 3/20) er ja bereits Krieg geführt hat. Die Christenverfolgung könnte auch der Grund dafür sein, weshalb der Byzantiner außenpolitisch lange auf Aggressionen verzichtet: er hat schlicht im Inneren genug zu tun! Doch diese Zurückhaltung wird nicht total sein. In der vierten Zeile von 8/51 lesen wir, dass jeder, der versucht, die Meere um Südspanien zu befahren, vom andalusischen Staatsgebilde des Byzantiners, dem "eroberten Cordoba" (vgl. Anmerkung 6), angegriffen werden wird. Solche Piratenaktivitäten kannte Nostradamus aus seiner Zeit namentlich von Chaireddin Barbarossa, dem Herrscher von Algier und Vasallen des osmanischen Sultans in Instanbul (Byzanz).

Ein Byzantiner bzw. "byzantinischer Anführer" taucht auch in 10/62 (5.220) auf. Dort steht er auf dem Balkan, um Ungarn zu erobern und es zum "Gesetz der Araber" zu "bekehren". Falls jener Anführer mit dem "Byzantiner" aus 8/51 identisch sein sollte, wäre das "Gesetz der Araber" mit Blick auf 3/20 wohl mit dem Islam gleichzusetzen.

Quellen
 

3/20  

Par les contrées du grand fleuue Bethique1)
In den Gebieten des großen baetischen Flusses1),
Loing d’Ibere2), au regne3) de Granade4),
weit von Hiberia2) [entfernt], im Gebiet3) von Granada4),
Croix repoussées par gens Mahumetiques
[werden die] Kreuze von den mohammedanischen Truppen zurückgedrängt [werden].
Vn de Cordube5) trahira la contrade6).
Einer von Cordoba5) wird die Gegend6) verraten.
1) Die "(Hispania) Baetica" war eine römische Provinz im heutigen Südspanien. Baetis (oder Betis) war zu römischen Zeiten der Name des Guadalquivir, der u. a. durch Cordoba und Sevilla fließt. "Guadalquivir" geht übrigens auf das arabische "Wadi-al-Kabir" zurück, was "Großer Fluss" bedeutet.
2) "Hiberia" bezeichnete urspünglich das Land der Iberer am Ebro in Nordspanien.
3) Vgl. lat. "regnum" (u. a. Gebiet). Oder natürlich auch: "Königreich".
4) Stadt in Südostandalusien. Von 1013 bis 1492 war Granada die Hauptstadt eines islamischen Staates in Südspanien (Königreich Granada). Mit der Kapitulation der Stadt 1492 endete die christliche Rückeroberung der Iberischen Halbinsel (Reconquista).
5) Cordoba am Guadalquivir war schon in vorrömischer Zeit besiedelt. Die römische "Colonia Patricia Corduba" war Hauptstadt der Hispania Baetica. Nach Untergang des Weströmischen Reiches gehörte Cordoba zum Reich der Westgoten, in den Jahren 554 - 571 war es allerdings vorübergehend Teil des Oströmischen Reiches (Byzanz). Während der arabischen Herrschaft in Spanien war Cordoba vom 8. bis 11. Jahrhundert zunächst die Hauptstadt des Emirats Al-Andalus, bevor es zum Zentrum des Kalifates von Cordoba wurde. 1236 schließlich eroberten die Christen die Stadt zurück.
6) "Contrade" meint entweder das provenzalische "countrado" bzw. das italienische "contrada" (Gegend), vgl. LEONI, oder das mittelfranzösische "contrat" (Vertrag, Übereinkunft), was allerdings männlich wäre.

8/51  

Le Bizantin faisant oblation1),
Der Byzantiner macht [ein] Geschenk1),
Apres auoir Cordube à soy reprinse2):
nachdem [er] Cordoba wieder an sich genommen2) hat.
Son chemin3) long repos4) pamplation5),
Sein Weg3) [beinhaltet eine] lange Ruhe4) [und das] Zurückstutzen des Weinstocks5).
Mer passant proy par la Colongna6) prinse.7)
[Das] Meer passierend, wird [man] zur Beute des eingenommenen "Colongna"6).7)
1) Lat. "oblatio" (u. a. Geschenk, Angebot). Damit kann auch eine religiöse Opfergabe gemeint sein.
2) "Wieder an sich nehmen" ist hier wohl im Sinne von "zurückerobern" zu verstehen. Wie unter Anmerkung 5 von 3/20 bereits erwähnt, wurde Cordoba in seiner Geschichte mehrmals erobert und zurückerobert. Im Rahmen des Kampfes gegen Karthago erobert Rom die Stadt 206 v. Chr. ein erstes und 169 v. Chr. durch Claudius Marcellus ein weiteres Mal. 411 n. Chr. nahmen die Vandalen die Stadt ein und plünderten sie. In der Folgezeit gehörte Cordoba zum Westgotenreich. 554 entrissen die Byzantiner die Stadt jedoch den Westgoten, die sie erst 571 wieder übernehmen konnten. 711 wurde Cordoba von den Arabern eingenommen, die die Stadt 1236 wieder an die christlichen Spanier verloren.
3) Auch im Sinne von "Methode, Verfahrensweise". Vgl. griech. "hodos" sowie lat. "via" und "iter".
4) Oder u. a. auch: "Schlaf".
5) Unklar. Vielleicht eine Zusammenziehung von lat. "pampinea contemplatio" (mit Weinlaub umwundenes Beschauen). Dann wäre mit "repos pamplation" wohl eine weinselige Ruhepause gemeint. Das mittelfranzösische "pampre" oder "pampe" bezeichnet einen Zweig des Weinstocks mit seinen Ranken, Blättern und Trauben. "Pamplation" könnte ein falsch gedrucktes bzw. an "oblation" angepasstes "pampation" sein, ein nostradamischer Neologismus, der mutmaßlich dem lat. "pampinatio" entspricht (vgl. LE PELLETIER). Das lat. "pampinatio" bezeichnet das Zurückstutzen des Weinstocks, d. h. das Entfernen von überschüssigen Blättern und Zweigen. Gemäß "Opus Agriculturae" 6, 2 des Palladius ist diese Arbeit im Monat Mai zu erledigen.
6) Mit diesem "Colongna" ist wohl das erwähnte Cordoba ("Colonia Patricia Corduba") gemeint. Als Alternative gäbe es in Südspanien noch Sevilla ("Colonia Romulea").
7) Oder auch möglich: "[Das] Meer passierend, [wird die] Beute von der 'Colongna' ergriffen."

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