5.285 Nachtrag zu 5.35.
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Zusammenfassung
Der vierten Zeile ist wohl zu entnehmen, dass man "die Größten" aufhängt (vgl. Anmerkung 7). Das ist eine Parallele zu 4/47 (5.35), wo man die Größten am Hals und an den Füßen aufgehängt sieht. In der vierten Zeile von 9/3 lesen wir zudem, dass es zu diesem Zeitpunkt "Blut, Feuer und Untergang" geben wird. Auch in 5.35 ist von "Feuer, Blutvergießen und blutgefärbtem Wasser" die Rede (6/38). In 5.35 geht es um Entwicklungen in der Kirche und um Italien, das von Feinden besetzt und blutig unterjocht werden wird. Die Verbindung zu Kirche und Italien stellt in 9/3 die dritte Zeile her. Nostradamus lässt in Rom als Vorzeichen für die kommenden Übel zwei "Monster" mit je zwei Köpfen zur Welt kommen. Mit Blick auf Cicero (vgl. Anmerkung 5) dürften die Doppelköpfe wohl für Zwiespalt oder Aufruhr stehen. Doch weshalb werden zwei und nicht bloß ein "Monster" geboren? Das könnte mit der doppelten Bedeutung Roms als Hauptstadt eines Staates und Zentrum der Kirche zu tun haben. Die beiden doppelköpfigen "Monster" ständen dann wohl für Konflikte in Staat und Kirche. Gemäß 6/25 (5.35) wird ein Krieg die Ordnung in der Kirche und die Herrschaft des Papstes zerstören, was die Machtergreifung eines boshaften Kardinals ermöglichen wird. Zur Zeit des Nostradamus war der Papst bekanntlich das Oberhaupt der Kirche sowie der Landesherr des mittelitalienischen Kirchenstaates. Man könnte dies dahingehend interpretieren, dass es in Zukunft einmal wieder einen Kirchenstaat geben wird, der zusammen mit dem Rest der Apenninenhalbinsel durch den erwähnten Krieg in eine schwere Krise gestürzt werden wird (vgl. die vierte Zeile von 9/3: "Blut, Feuer, Untergang"). Aber während des Pontifikats des boshaften Kardinals werden die Konflikte andauern: er wird gegen weltliche Machtträger oder Größen Gewalt anwenden. Die in den ersten beiden Zeilen geschilderten Vorgänge lassen sich im Augenblick noch nicht einordnen. In der Gegend nördlich von Ravenna wird es einen großen Aufruhr geben. Sie (wohl die Aufrührer) werden dabei von fünfzehn Rädelsführern angeführt. Doch die Bewegung scheint zu scheitern, und die Aufrührer werden in Fornase eingesperrt. Wer rebelliert hier aber gegen wen oder was und wieso?
Quellen
9/3
1) Wohl als "De Magnavacca" zu lesen, vgl. GRUBER, S. 161. Magnavacca ist der alte Name von Porto Garibaldi an der Adria, etwa 30 km nördlich von Ravenna. Das lat. "magna vacca" bedeutet aber auch "große Kuh".
La magna vaqua1) à Rauenne grand trouble2),
Von Magnavacca1) bis Ravenna [wird es einen] großen Aufruhr2) [geben].
Conduitctz par quinze enserrez à Fornase3):
[Sie werden] von fünfzehn geführt [und] in Fornase3) eingesperrt [werden].
A Rõme naistra4) deux monstres5) à teste double
In Rom [werden] zwei Monster5) mit Doppelköpfen geboren werden4).
Sang, feu, deluge6), les plus grands à l’espase7).
[Es gibt] Blut, Feuer [und] Untergang6) [und] die Größten [sind] in der Luft7).
2) Oder auch: "Aufregung, Unruhe, Verwirrung".
3) Es gab im Po-Delta einen Ort namens Fornase, der etwa beim heutigen Porto Viro gelegen haben dürfte. Porto Viro liegt rund 40 km nördlich von Porto Garibaldi. Eine andere Möglichkeit wäre, dass hier Fornace gemeint ist, das etwa 10 km nordöstlich von Trient liegt.
4) Lies: "naistre" (geboren werden, erscheinen).
5) Lat. "monstrum" (u. a Monster; Wunderzeichen, Wahrzeichen). Missgeburten gehören zum klassischen Vorzeichenrepertoire. So berichtet etwa Obsequens in den Kapiteln 31 (124 v. Chr.) und 32 (122 v. Chr.) von der Geburt zweier doppelköpfiger Kälber und in Kapitel 50 (95 v. Chr.) von einem Lamm mit zwei Köpfen. Auf eine interessante Spur ist CLÉBERT, S. 953f. gestoßen. Der königliche Chirurg Ambroise Paré (um 1510 - 1590) verweist in "Animaux, monstres et prodiges" (1579 - 1580) auf das Werk eines Autoren, den Nostradamus gekannt haben könnte. Ludovico Ricchieri, alias Caelius Rhodiginus, (um 1450 oder 1469 - 1525) aus Rovigo, etwa 35 km westlich von Porto Viro (vgl. Anmerkung 3), schreibt in seinen "Lectionum antiquarum libri XVI" (1516) bzw. "XXX" (1542), er habe in Italien zwei Missgeburten, eine männliche und eine weibliche gesehen, die je zwei Köpfe hatten. Währenddem das männliche "Monster" kurz nach der Geburt gestorben sei, habe das weibliche noch 25 Jahre später gelebt. Dass solche Missgeburten als schlechte Vorzeichen zu verstehen sind, können wir etwa bei Cicero, "De divinatione" 1, 121 nachlesen. Der römische Autor berichtet, dass die Geburt eines zweiköpfigen Mädchens (!) als ein Vorzeichen für Zwiespalt oder Aufruhr ("seditio") im Volk sowie für Verführung bzw. moralischen Verderb ("corruptela") und Ehebruch im Haus gegolten habe.
6) "Deluge" bedeutet neben "Überschwemmung" auch "Unheil; Desaster; Zerstörung; Schaden; Massaker, Gemetzel".
7) "Espace" bedeutet neben "Raum, Zeitraum" auch "Bereich der Luft, Luftraum, Himmel". Das Motiv des Aufhängens in der Luft finden wir auch in 3/44 (5.60). GRUBER, S. 161, übersetzt "die Größten werden zerstreut" (d. h. "im Raum verteilt"). CLÉBERT, S. 953, sieht hier das provenzalische "espaso" (Schwert) gemeint und versteht die Stelle so, dass man die Größten mit dem Schwert töten wird.