Die Reise in den Osten  
 
Vom Osten wusste ich nichts. Zwar kannte ich die Namen aller Länder Osteuropas und ihrer Hauptstädte, doch damit war mein Wissen über diesen Raum auch schon erschöpft. Dem Osten war in meiner Vorstellung über die Länder Europas keine Farbe zugeordnet. Für die übrigen Länder, die ich teilweise auch schon mit eigenen Augen gesehen hatte, existierten sehr wohl Farben: England war grün, sehr grün sogar. Frankreich war ebenfalls grün, vermischt mit ein bisschen gelb und blau. Spanien tendierte schon eher gegen beige sowie rot, womöglich wegen der Halbwüsten im Innern des Landes und der grossen Hitze. Tschechien hingegen, dem Ziel der Reise, von der hier die Rede sein soll, konnte ich keine Farbe zuordnen, und dies bedeutete nichts anderes, als dass Tschechien für mich kaum existierte - genausowenig wie Bulgarien, Rumänien, die Slowakei oder Polen. Meine Vorstellungskraft reichte nur bis Österreich. Was östlich davon lag, konnte ich mir schlichtweg nicht vorstellen, da ich dafür keine Farben hatte. 

Als an jenem Maimorgen irgendwo über Tschechien, unweit der Stadt Pilsen, die Sonne aufging, war mein erster Gedanke: 

"So also sieht es im Osten aus!" 

Der Osten war grün. Wir hatten die ganze Nacht in einem nicht gerade geräumigen Autocar zugebracht und dabei kein Auge zugedrückt. So erlebte ich den Kulturwechsel, oder zumindest das, was ich davon im Dunkeln erkennen konnte, Minute für Minute, genauso langsam, wie die Uhr vorne im Bus vorrückte. Nachdem wir bis weit in die Nacht hinein auf deutschen Autobahnen dahingefahren waren, führte eine längere Strecke durch kleine deutsche Dörfer, wo alles schlief. Ich hatte keine Ahnung, wo genau wir uns eigentlich befanden. Einzig die Verkehrsschilder am Rand der Fahrbahn verrieten mir unsere ungefähre Lage. Auf einer Raststätte, wo wir kurz anhielten, assen Leute um zwei Uhr früh Bratwürste. Riesige Lastwagen standen auf dem Parkplatz herum. 

Irgendwann nach Mitternacht hatten wir die deutsch-tschechische Grenze erreicht. Die Zöllner nahmen es sehr genau mit unseren Pässen. 

Es war besonders seltsam, sich dem Osten frühmorgens zu nähern. Erst erkannte ich die Landschaft nur in ihren Umrissen. Ich sah weite grüne Matten, viel Wald, ab und zu einige Häuser und sogar einen Eisenbahnzug, der die ersten Arbeitenden in die Stadt brachte. Noch im Halbschlaf gewann ich so die ersten Eindrücke von einer Welt, die für mich völlig neu war. Vor uns lag mehr als nur ein unbekanntes Land. Es schien mir tatsächlich so, als würden wir in eine neue Welt fahren, welche mit der unsrigen dennoch auf seltsame Weise verwandt war. Auch die Zeit war nicht mehr dieselbe wie noch vor wenigen Stunden. Fast glaubte ich, in die europäische Vergangenheit zu fahren. Ich spürte, dass wir in einen Teil Europas gelangt waren, der zwar schon immer dasjenige Europa geprägt hatte, das ich kannte, dabei jedoch selber immer im Verborgenen lag. Diese Reise führte nicht nur hin zu kulturell neuen Bereichen sondern war in gewissem Sinne auch eine Art Rückkehr zu einer schon vertrauten Kultur. Alles, was ich an jenem Morgen und in den folgenden Tagen zu sehen bekam, war neu und zugleich schon ein klein wenig vertraut. 

Wenn ich zur selben Stunde nach Frankreich gefahren wäre, hätte ich wohl nur am Rande einen Kultur-und Zeitwechsel festgestellt, denn ich hätte ja gewusst, dass es Frankreich wirklich gibt und wie es dort aussieht. Frankreich wäre für mich keine wirklich neue Welt gewesen, sondern etwas schon Vertrautes. Natürlich wusste ich auch, dass Tschechien existierte, doch Tschechien kannte ich eben nur vom Namen her, und so konnte ich ein leises Erstaunen nicht unterdrücken: Den Osten gab es also tatsächlich! Irgendwie schien es mir, als würde ich etwas finden, was ich schon lange Zeit zuvor zumindest erahnt hatte, über dessen Existenz ich mir aber nie sicher gewesen war. Vielleicht hatte ich den Osten ja gekannt, ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein. 

Normalerweise treffe ich frühestens gegen Mittag in einem neuen Land ein. Die Erinnerungen an die eigene Heimat sind dann noch wach. Diesmal war es anders. Nur noch verschwommen erinnerte ich mich an die Schweiz, auch das wenige, was ich von Deutschland gesehen hatte, lag schon weit zurück, so als wären seither mehrere Tage vergangen. Irgendwie erwachte ich eben doch, obwohl ich gar nie richtig geschlafen hatte. Und der Osten erwachte mit mir. 

Wenn ich morgens in einem fremden Land erwache, weiss ich oft gar nicht, wo ich mich befinde. Überhaupt kommt mir dann alles seltsam vor, was ich in den ersten Sekunden sehe. So erging es mir auch auf dieser Reise durch die Nacht und den frühen Morgen. Ich erwachte immer wieder von neuem. Und immer staunte ich über all das, was ich durch das Fenster hindurch zu Gesicht bekam, so als würde ich all diese Dinge zum ersten Mal sehen: Ich staunte über den Eisenbahnzug, der da gemächlich in der Nähe einem Hang entlang fuhr, über die Bauernhöfe, über die Wälder und Wiesen, ja selbst über die Autos und die Strassen. Das alles gab es also im Osten auch! 

Während man sich westeuropäischen Städten meist auf grossen, sich oft verzweigenden Autobahnen nähert und dabei ausser einer Betonwüste und einer Blechlawine kaum etwas zu Gesicht bekommt, fuhren wir auf ganz normalen Strassen in die tschechische Hauptstadt ein, so wie es vor dreissig Jahren auch in Paris noch möglich gewesen sein muss. Die Vorstädte waren grau. Zwischen den hässlichen Häuserblocks war jedoch da und dort eine schöne Fassade zu sehen. Schon bald waren wir im Zentrum Prags und damit am Ende unserer Reise angelangt. Es war eben sechs Uhr geworden. 

Prag war also eine dieser Städte des Ostens! Wieder staunte ich über alles, was ich da sah, so als würde ich es zum ersten Mal sehen: Da gab es zwölf Autostunden von der Schweiz entfernt eine wunderschöne Stadt, mit prächtigen Fassaden, eindrucksvollen Palästen, rot-crème-farbenen Strassenbahnen, einem breiten Fluss, und überall gepflasterten Strassen und Plätzen - eine Berner Altstadt im Grossformat. Und diese Stadt lag nicht etwa auf einem anderen Kontinent sondern mitten in Europa, näher bei der Schweiz als viele westeuropäischen Städte. Genauso, wie ich wenige Stunden vorher über den tschechischen Wald, die Wiesen und Bauernhöfe gestaunt 
hatte, so war ich nun fasziniert von der Existenz einer derartigen Stadt im Osten, in dem Teil Europas also, von dem ich nichts wusste oder zumindest nichts zu wissen glaubte. 

Wir waren in Europa abgefahren und in Europa angekommen! 
 

 
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