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| Wendezeit
Erinnerungen an die zweite Pragreise Was ist Vergangenheit? Gibt es eine klare Trennlinie zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem? Wohl kaum. Zwar könnte man glauben, mit dem Verschwinden von greifbaren Gegenständen wie Häusern oder Autos aus einer vergangenen Zeit wäre das dazugehörige Kapitel Geschichte endgültig abgeschlossen. Gewiss kann der „Geist“ eines Stadtquartiers nahezu ausgelöscht werden, indem jedes einzelne Haus durch einen Neubau ersetzt wird und somit jede Strasse ihr Gesicht verändert, so dass letztendlich kein einziger Stein mehr vom alten Quartier übrigbleibt. Auch könnte man denken, dass politische Systeme von dem Tag an der Vergangenheit angehören, wo der Wechsel zu einer neuen Regierungsform mit der Einführung einer neuen Verfassung und dem Austausch der Regierung formal vollzogen ist. „1989 ist vorbei und Prag heute eine andere Stadt in einem anderen Land“ könnte man sagen. Das ist nicht falsch. Vieles hat sich innert kürzester Zeit radikal geändert: Grenzen wurden geöffnet, neue Ideen verschiedenster Art gelangten von aussen ins Land, neue Märkte wurden geschaffen, und Touristen begannen in immer wachsender Zahl die Schönheit eines bisher verschlossenen Teils Europas kennenzulernen und nach aussen zu tragen. Trotzdem ist die Vergangenheit Prags heute allgegenwärtig. Diese Aussage mag etwas seltsam klingen. Vergangenheit ist doch Vergangenheit, oder etwa nicht? Ich glaube, dass gewisse Dinge aus der Vergangenheit auch weiterleben können, wenn ihre unmittelbaren Ursachen oder Quellen grösstenteils verschwunden sind, wenn also ihre Zeit vorbei ist: Das können Gefühle sein, Stimmungen, Gedanken. Ein politisches System wie der Kommunismus besteht nicht nur aus Wörtern in einer Verfassung. In ihm bildeten sich Ideen, angenehme und schmerzhafte Gefühle, Wut. Prags Strassen gehörten ebenso dazu wie jede einzelne Strassenbahn, jede Häuserfassade, jede Brücke. Vielleicht wurde der Regen, der auf eine Strasse in einem kommunistischen Land hinunterprasselte, anders empfunden als heute. Vielleicht repräsentierte diese Wetterstimmung zeitweise auch die politische Stimmung. Heute ist die Strasse nicht mehr in einem kommunistischen Land. Der Regen aber ist gleich geblieben. Und weil damals vielleicht „Regen“ und „Strasse in einem kommunistischen Land“ eine Einheit bildeten und zusammen ganz bestimmte Gefühle wachriefen, reicht heute Regen allein aus, um am selben Ort wieder die gleichen Gefühle wachzurufen. Natürlich war die Strasse selbst nie „kommunistisch“, genausowenig wie es eine „demokratische“ Strasse gibt. Aber wir nehmen Dinge meist in Zusammenhang mit ihrer Umwelt wahr. Die Strasse gehörte zur Welt des Kommunismus, genauso wie die Strassenbahn, die Häuserfassade, die Brücke. Nun könnte man einwenden, diese Dinge würden ja folglich der Gegenwart angehören, weil sie ja noch da sind. Vielleicht gibt es eben auch Sachen, welche wir zwar wahrnehmen, die aber „nicht mehr zu unserer Zeit gehören“. Das ist dann wie eine gedankliche Reise in vergangene Zeiten. Wir sind mit der Strassenbahn in die industriellen Vororte hinausgefahren. Auch hier gibt es den Kommunismus nicht mehr. Trotzdem erinnert eine Reihe von Gegenständen an das, was man aus Geschichtsbüchern über den Kommunismus schon wusste. Die grauen Fabrikgebäude, die Kamine, die breiten Ausfallstrassen Prags, all das ruft Erinnerungen wach. Oder in meinem Fall besser: es bestätigt selbstgemalte Bilder. Bilder aus vergangenen Zeiten. Wenn ich abends die hellerleuchteten Strassenbahnen durch diese Quartiere fahren sah, stellte ich mir vor, es wäre früher Morgen noch vor Sonnenaufgang und Dutzende von Arbeitern würden ihren Arbeitsplätzen in den grauen Fabriken in der Vorstadt zustreben. Dann hörte ich auch die Fabriksirene, den Maschinenlärm und glaubte für einen ganz kurzen Moment etwas von der damaligen Stimmung in der Stadt zu spüren, wie ich sie mir heute vorstelle. Eine ganz andere Welt muss das gewesen sein, denke ich heute. Die Vergangenheit ist also in uns und in den noch existierenden Gegenständen aus der damaligen Zeit versteckt. Wenn unsere Erinnerungen oder eben selbstgemalten Bilder aufgrund von Erzählungen mit ihren Illustrationen zusammentreffen, werden sie lebendig. Damit meine ich die allgegenwärtige Vergangenheit. Die Fabrik alleine ist eigentlich neutral. Erst unter einem kommunistischen System, belebt mit Leuten, die kommunistischen Idealen mehr oder auch weniger nachleben, wird sie zur „kommunistischen“ Fabrik. Heute ist das kommunistische System nicht mehr da, die Arbeiter verstehen sich nicht mehr als kommunistische Arbeiter und haben vielleicht auch andere Ideale, aber die Fabrik steht noch. Die Fahrt in der Prager Metro ist wie die Stille zwischen zwei Teilen eines Konzertes. Es ist eine Zeit zum Nachdenken und zum Fragen: „Was ist geschehen, was habe ich erlebt?“. Die nüchternen Metrostationen haben mich wiederholt an die Fabriken in den Vororten erinnert. Sie repräsentieren den Arbeitsalltag, so wie ich ihn mir vorstelle: ein grauer Tag. Es fehlt an Farbe. Mit der Zeit habe ich die nüchternen grauen Stationen und die schwarzen Tunnelwände in das oben geschilderte Bild des Arbeitsalltages in den grauen Vororten aufgenommen. Die Metro wird zum Geschichtsbuch. Die Tunnelwände beginnen zu erzählen. Wieder ein Stück Vergangenheit, das man auf den ersten Blick nicht sieht. Weshalb wohl vermag in Prag die Gegenwart die Vergangenheit nicht vollständig
zu verdrängen? Es ist ein eigentümliches Gefühl, sich gleichzeitig
in verschiedenen Zeiten aufzuhalten. Da ist einerseits der prachtvolle
Regierungspalast, der in der Sonne glänzt, da ist die Gemäldegalerie,
die westlichen Lokale wie Mc Donald’s oder Pizza Hut, die vornehme Boutique
aus Frankreich mit den elegant gekleideten Verkäufern. Da ist aber
auch die Dame, die Eintrittskarten für eine Theatervorstellung verkauft
und dabei so tut, als würde sie der Staat dazu zwingen; das Restaurant,
wo das Essen mit einer Miene serviert wird, als hätte man einen Bon
für die staatlich verordnete Tagesration eingelöst, wo doch das
Restaurant schon längst keine staatlichen Zahlungen mehr erhalten
hat. Die einzelnen Erlebnisse passen nicht zusammen. Arbeit muss unter
dem früheren System einen anderen Stellenwert gehabt haben als heute.
Ich stelle mir heute vor, dass die Menschen damals Gefangene ihres eigenen
politischen Systems waren. Arbeit war wahrscheinlich wie etwas staatlich
Verordnetes. Man musste arbeiten, weil es der Staat so wollte. Das damalige
System hat seine Spuren hinterlassen. Schlussendlich sind es nicht nur
die Fabriken, die Strassenbahnen und die Brücken, in denen die Vergangenheit
versteckt ist. Es sind in erster Linie die Menschen, die die Vergangenheit
in die Gegenwart hinein tragen.
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