Blüte im Grab
Der Frost hat die Blüte zu Boden geschlagen,
vom Norden her kam er und lastete schwer.
Dann stürmten, von Flügeln des Windes getragen,
die rauhen Schneewolken hinter ihm her.
Der Schnee deckte weiß die gestorbene Blüte.
Zum Grab war verwandelt das Gartenbeet.
Zum Mahnmal wurde die einsame Birke,
die am verschneiten Gartenzaun steht.
Der Schneesturm tobt weiter. Mit wilder Gebärde
bedrängt er den Zaun und den einsamen Baum.
Die Blüte schläft sanft, umarmt von der Erde,
den ewigen, letzten Schlaf ohne Traum.
Im Frühling jedoch, wenn belebende Güsse,
wenn warm das Gewitter herniedergeht,
eh noch der Morgen herauf dämmert, grüßen
uns wieder die Blumen und schmücken das Beet.
Ich wart auf den Winter, wart wie die Blüte,
daß warm mich die Decke, daß Schlaf mich umfängt.
Doch immer aufs neue werden erblühen
die letzten Lieder, die ich euch geschenkt.
September 1943
Stahl
"So wurde der Stahl gebärtet",
- Nikolai Ostrowsk"!
Ich hatte mir den Bart noch nie geschoren,
als ich im Vorjahr fortging von zu Haus;
nun drückt mich Leid, es türmen sich die Sorgen,
als hielt' ich sechzig Jahr und mehr schon aus.
Was ich in diesen Monaten erfahren,
verheert das Hirn, macht mir das Herze heiß.
Bin zwanzig erst, doch im Gesicht stehn Falten,
bin zwanzig erst, doch sind die Haare weiß.
Die Last von Pulverdampf und Blut und Tränen
fiel auf die Füße mir, konnt nicht mehr stehn,
nachdem die Mine jäh mich umgeworfen;
bin zwanzig erst und muß an Krücken gehn.
In meinen Augen findet sich kein Rest
von jungenhafter Unbekümmertheit.
Die Augenbrauen fliegen nicht mehr hoch
in jugendlicher Lust auf heißen Streit.
Verhärtet ist das Herz, und mein Gesicht
von dunklem Ernst, von Traurigkeit durchwebt.
Die Jugend ist verflammt wie Pulverdampf,
drei ganze Monate hat sie gelebt.
Ach, Jugend, wo sind deine Mondscheinnächte,
wo ist dein strahlend blauer Liebesblick?
Mit Blut und Tränen bist du rasch verronnen,
am Don, im Schützenloch, bliebst du zurück.
Nicht in der Dämmerung die Nachtigall
hat uns entrückt, es war der Sturm der Schlacht
Ich hab die Jugend dem errungnen Land
als blutig rote Fahne dargebracht.
Doch nie und nimmer werd ich es bereun,
wenn ich mein Vaterland nur siegreich weiß;
und könnte hundertmal die Jugend sein,
ich gäb sie hundertmal für diesen Preis.
Der Jugend wachsen in den Stürmen Flügel,
sie schwingt sich auf und steigt, emporgetragen
Die Alten werden einst davon erzählen,
die Jungen werden's staunend weitersagen.
Wir schlugen uns durch Brände und durch Fluten.
Wir trugen durch die Schlachten das Fanal
des Menschenrechtes. So verging die Jugend.
Wie sie verging, so härtet sich der Stahl.
30. September 1943
Wege
Für Aming
Wege, ihr Wege, habt los mich geschnitten
vom Heimatland, triebt mich hinaus.
Hab viel zu lange schon Heimweh gelitten.
Wege, jetzt führt mich nach Haus.
Ich sehne mich heim, nach den weißen
Nächten am Fluß bei der Brücke;
Und nach der zärtlichen, heißen
Liebsten, der Glut ihrer Blicke.
Grau war die Welt, und der Regen rann dicht,
am Tag, als ich von ihr gegangen.
Doch wars nicht Regen - der Regen wars nicht,
was perlte von Wimpern und Wangen.
Geht einer fort, bricht die Seele entzwei,
eine Hälfte bleibt wartend daheim.
Gut ist, daß uns die Lieb und die Treu
Kraft gibt, standhaft zu sein.
Wege, ihr Wege, ihr unendlich langen,
steinhart gepflastert mit Leiden.
Sagt, wer ist vor mir die Wege gegangen,
die von der Heimat uns scheiden?
Wen hieß sein närrisches Herze wie mich
die ziellose Wanderung wagen?
Wen hat die törichte Hoffnung wie mich
so weit in die Fremde verschlagen?
Jugend berauscht uns, es hebt uns die süße
Begeistrung, die fernehin trägt.
Wege, ihr Wege, nicht unsere Füße,
des Herzens Spur hat euch geprägt.
Und doch: all die Wege, die fort wir gegangen,
voll Fernweh und Hoffen auf Glück,
die gleichen Wege, die steinigen, langen,
führt uns das Heimweh zurück.
Wege, ihr Wege, habt los mich geschnitten
vom Heimatland, triebt mich hinaus.
Hab manches erlebt, hab manches erlitten -
nun führt mich zur Liebsten nach Haus!
Oktober 1943
Felsenbeeren
Brandrote Felsenbeeren hat
die Liebste hergetragen -
und reicht sie mir, ich eß mich satt,
wag nichts von Liebe zu sagen.
Hock steif und stumm bei ihr.
Sie reicht mir still die Beeren,
ahnt nicht, daß ihre Lippen mir
die reifsten Beeren wären.
8. Oktober 1943
Salzfisch
Was sagst du: komm zum Fluß -
und kommst dann nicht?
Und machst, daß ich dich lieben muß,
und magst mich nicht?
Was lächelst du Versprechen,
wenn du mich nicht liebst -
gibst Salzfisch mir zu essen,
wenn du kein Wasser gibst?
8 Oktober 1943
An die Dwina
Ach, Dwina, strömte deiner Wellen Band
zur Quelle hin, zurück zum Heimatland -
in deine Wasser hüllte ich mich ein,
mit deinen Wellen trügest du mich heim.
Im Kampfgetümmel, Arme stark und frei,
schwamm ich stromauf mit kraftvoll weitem Schlag.
Jetzt leb ich elend in der Sklaverei
und weiß nicht, wie die Schande ich ertrag.
Die Strömung wenden? - Wenn es möglich wär!
Könnte es sein - mein ganzes Leben kehrt'
ich um! In Freiheit lebt' ich wieder,
gäb meinem Vaterlande meine Lieder.
Bin ich daheim, dann ist mein Herz bereit,
auch allerschwerste Last auf sich zu nehmen.
Doch nur in Freiheit, nur von Schmach befreit,
gelingt es meinem Lied, sich zu verströmen.
Ich stürbe gern, wär ich zurückgekehrt,
wär ein Stück Heimat nur, das mir gehört.
Ich wüßte: dauernder als Kreuz und Stein
würde mein Lied dem Grab ein Denkmal sein.
Kein Menschenherz erträgt die Sklaverei,
der Kopf zermartert sich in Kerkerzellen.
Ach, Dwina, nimm mich auf und mach mich frei
in der Umarmung deiner schnellen Wellen!
Im Wiegen deiner Fluten fänd ich Ruh.
Die Wasser trügen mich der Heimat zu.
Es wär mein Leib zum Volk zurückgekehrt,
hätt auch die Seele sich im Schmerz verzehrt.
Ach, Dwina, strömte deiner Wellen Band
zur Quelle hin, zurück zum Heimatland,
in deine Wasser hüllte ich mich ein,
und Leib und Lied trügen sie heim.
Oktober 1943