Gedanken
an Mussa Dshalil

Mussa Dshalil wäre jetzt siebzig Jahre alt, aber mit knapp vierzig ist er in den Tod gegangen. Sich ihn siebzigjährig vorzustellen fällt schwer - auch an seinem achtzigsten und hundertsten Geburtstag: Immer bleibt er jung für uns, ein Sieger, Sieger im Leben und im Tod.
Dieses Büchlein stellt Gedichte aus den "Moabiter Heften" vor, den Gipfel eines Dichtertums, das jäh und tragisch endete.
Mussa Dshalils erste lyrische Versuche fielen in das Jahr 1919. Der Moabiter Zyklus, von Zeitgenossen wie Nachfahren als unsterbliche poetische Leistung gewürdigt, ist die Bilanz eines kurzen, glanzvollen, erfüllten Lebens.
Mussa Dshalil war ein unerhört lebensvoller und begeisterungsfähiger Mann. Was immer er tat, er tat es mit Leidenschaft, mit wirklicher Freude an der Sache. Und immer wieder stand er regelrecht in Flammen. So s~rieb er seine Verse über die Liebe, über Freundschaft und schöpferisches Tun und Freud und Leid, so träumte er seine Träume, scherzte seine Scherze, redigierte Zeitschriften für Kinder und Erwachsene, baute das Nationaltheater für Oper und Ballett auf, stand dem tatarischen Schriftstellerverband vor. Es machte ihm Spaß, und seine Kräfte schienen einfach grenzenlos.
Wenn ich an ihn denke, sehe ich fröhliche, schwarze Augen, einen beschwingten Gang, sprühende Freude, Behendigkeit, Energie. Gut war er, feinfühlig, leicht verletzlich, aber auch unerschrocken und von großer innerer Festigkeit.
Ich weiß noch, wie mein Mann an jenem denkwürdigen Sonntag, dem II. Juni 1941, mit mir und unserer kleinen Tochter zu einem Freund, dem tatarischen Kritiker Hasi
Kaschaf, ins Sommerhaus bei Kasan fahren wollte. Auf dem Bahnhof eine Unmenge aufgeregter Leute. Und immer wieder aus Lautsprechern die Nachricht vom Überfall Hitlerdeutschlands auf die UdSSR.
Fassungslos und tief bestürzt dachten wir daran, umzukehren, aber dann fuhren wir doch, denn Mussa gab zu bedenken, es könne das letzte Wiedersehen mit den Freunden sein. Und wir brachten die fürchterliche Nachricht in den stillen Sommerort.
Dshalil war, nach seinen eigenen Worten, seelisch für den Krieg gerüstet .. Als sich Deutschland 1939 Polen einverleibte, hat er mir von einem Kuraufenthalt aus Odessa geschrieben: das ist der Anfang des Weltkriegs." Dennoch traf uns die Nachricht vom faschistischen Überfall wie ein Blitz aus heiterem Himtijel. In Kasan waren die Vorbereitungen zur ersten tatarischen Festspieldekade in Moskau, die ein großes Kulturereignis ~erden sollte, in vollem Gange. Die tatarische Opern- und Ballett-Bühne (heute MussaDshalil-Theater) probte für die Aufführung der Oper "Altyntschetsch" (Goldhaar). Musik von N. Shiganow, Libretto von M. Dshalil.
Im Juni liefen die Schlußproben. Die Premiere fand nach Kriegsbeginn statt, während sich Dshalil bereits, aufgrund nachdrücklicher Bewerbung, in einem Militarlage? bei Kasan aufhielt. Er selbst wohnte der Premiere nicht bei, statt seitier war der Konaniandeur des Militärlagers anwesend. Als die Zuschauer den Librettisten mit stürmischem Beifall auf die Bühne baten, wurde ihnen verkündet, wo er sich befand. Der Kommandeur des Lagers führte anschließend ein längetes Gespräch mit Dshalil und schlug ihm die Teilnahme an Kurzkursen für Politoffiziere vor. Nach ihrem Abschluß erhielt er den Rang eines Politstellvertreters.
Wie wir alle war sich Dshalil darüber im klaren, was uns
dieser Krieg bringen würde. Ich entsinne mich noch genau der Worte, die er am Abschiedsabend zu seinen Freunden sagte:
"Nicht alle werden wir nach Kriegsende wieder an diesem Tisch sitzen!"
Und von der Front schrieb er mir: "Ich fürchte den Tod nicht. Das ist keine leere Phrase... Wenn der Gedanke an den Tod kommt, so stelle ich mir vor: Da ist noch ein anderes Leben, nicht das Jenseits, das Popen und Mulks uns gepredigt haben. Das gibt es nicht. Aber es gibt ein Leben im Bewußtsein, in der Erinnerung des Volkes ... Darin besteht ja der Sinn unseres Daseins: so zu leben, daß wir durch den Tod nicht sterben . ." Als hätte er sein Schicksal geahnt.

Seit Juli 1942 blieb die Post von Mussa aus. Lange habe ich damals auf ein Zeichen gewartet, und keinen Augenblick habe ich aufgehört, an seine aufrichtige Gesinnung, seine Ehre und Tapferkeit zu glauben.
Die erste bittere und stolze Kunde kam im Frühjahr ,94 5. Bei der Einnahme des Wehrmachtsgefängnisses Moabit fand sich auf einer Buchseite Mussa Dshalils Nachricht, daß er dort inhaftiert und zum Tode verurteilt worden war. Bitter und schwer traf uns, daß Mussa nicht mehr am Leben war; aber es machte uns stolz, zu erfahren, daß er auch im faschistischen Kerker bis ans Ende ein Kämpfer geblieben war.
Dann trafen seine in der Gefangenschaft entstandenen Gedichte ein. Die originalen Moabiter Hefte sind kleine, in graue Papierdeckel geheftete Bücher, die Dshalil aus Zetteln und Papierresten selbst gefertigt hat. Die Seiten sind mit arabischen Schriftzeichen bedeckt. Auf der Umschlagseite steht mit deutschen Buchstaben: "Taschenbuch für deutsches Türkisch-rusisch Wort und Gedicht", darunter auf tatarisch (in arabischer Schrift): Mussa Dshalil' Gedichte, Wörterverzeichnis, Daten 1943-1944.
Die "Moabiter Hefte" sind vor allem lyrisches Dokument. Sie zeugen von der hohen Gesinnung und dem Mut eines Mannes, den seine Heimat zu Dichterwort und Heldentat gleichermaßen gerüstet und befähigt hat. Liebe zum Vaterland - stärker als alle Tode - ist das lebendige Motiv der gesamten Moabiter Lyrik.
Mussa Dshalil hegte große Verehrung für das deutsche Volk und seine Kultur, und nur in Schmerz und Zorn konnte er Verse über das laschistische Deutschland schreiben. Aber dem Kommunisten Dshalil ging mitten in der Nacht des Faschismus der Glaube an das Deutschland der Vernunft nicht verloren. So vermochte er als echter Internationalist Faschisten und deutsches Volk zu trennen.

Bist du das Land, in dem einst Marx geschrieben, das Schillers Freiheitsglut entfacht? Gefesselt hat man mich hierher getrieben; zum Sklaven hat man mich gemacht.

Er hatte Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs Deutschland vor Augen. Ihr Lebenswerk gedachte er fortzusetzen. Und er hoffte auf Deutschlands Zukunft, darauf, daß die deutschen Kommunisten die Kerkertüren aufstoßen würden:

Dem Adler dreht den Hals um, brecht die Schwingen, daß Sonne aufgeht überm Land Alman, daß Thälmann wieder stehe auf Tribünen, daß Marx' und Heines Wort euch finden kann.

jene Zeit aber, in der das deutsche Volk Marx, Heine und
Beethoven zurückerhielt, sollte Dshalil nicht mehr erleben.
Doch heute lebt sein Werk in der Deutschen Demokratischen
Republik.
Deutsche Genossen - Schriftsteller, Publizisten und Kulturschaffende - haben viel getan, um das lange währende Dunkel um die Ereignisse in den letzten Tagen Dshalils zu erhellen.
Zweimal konnte ich die Deutsche Demokratische Republik besuchen. Zum erstenmal 1969. Da kamen denn doch zwiespältige Gefühle auf, als wir uns Berlin näherten. Herzklopfen, Erregung, wieder auf brechender alter Schmerz.
Meine zweite Reise in die DDR wurde ein Wiedersehen mit Freunden. Und was gibt es Schöneres auf der Welt.
Im August 1974 wurde der dreißigste Todestag, Dshalils begangen. Vom ersten Tag unseres Berlin-Aufenthalts an verspürten meine Tochter und ich die Zuneigung und Achtung, die hier dem Dichter gezollt wird. Unvergeßlich sind die Begegnungen mit der Mussa-Dshalil-Brigade der Berliner Bremsenwerke, mit Schriftstellern, Verlegern, Mitgliedern der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft.
Am 2. August, dem Todestag Dshalils, waren wir in Plötzensee. Wir besichtigten auch das Gefängnis Moabit. Worte reichen nicht aus, um unsere Trauer und unseren Schmerz wiederzugeben. Noch einmal möchte ich sagen, daß meine Tochter und ich es sicherlich schwerer gehabt hätten ohne die herzliche Anteilnahme und Aufmerksamkeit der deutschen Genossen.
Wie gern erinnere ich mich an das gastliche Haus Leon Nebenzahls, dessen selbstlosen Mühen um die Aufhellung von Dshalils Biographie wir uns für immer aufrichtig verbunden fühlen.
Wer sich für Dshalils Leben und Werk interessiert, wird wissen, daß wir die Ermittlung von Ort und Stunde der Hinrichtung Dshalils und seiner Kampfgefährten der langwierigen und aufreibenden Sucharbeit Leon Nebenzahls zu verdanken haben.
Herzhch war die Begegnung mit Berliner und Dresdner Schriftstellern.
Auch im Verlag Volk und Welt, der seinerzeit die erste Dshalil-Ausgabe in deutscher Sprache besorgte und nun eine neue, vollständigere Ausgabe vorlegt, waren wir zu Gast.
Während unseres kurzen Aufenthaltes in der Deutschen Demokratischen Republik spürten wir jenen kreativen Geist und Elan, der dem neuen Deutschland eigen ist.
Und wir spürten überall, Wie diese neuen Deutschen schätzen und bewahren, was sie mit ihrer eigenen Hände Arbeit geschaffen haben. Als wir abfuhren, verabschiedeten wir uns von wirklichen Freunden, von unseren alten und denen, die wir neu gewonnen hatten. Voller Dankbarkeit für ihren freundschaftlichen Beistand in den für uns so schmerzlichen Augusttagen fuhren wir ab.

Amina Dshalil