Quellen der Kraft
Im Mai 1945 drangen sowjetische Truppen beim Sturm auf Berlin
auch ins Wehrmachtsgefängnis Lehrter Straße vor. Das
Gefängnis war bereits geräumt. Der Wind trieb Müll
über den leeren Hof. Auf einem Stück Papier entdeckte
ein Soldat russische Buchstaben. Es war eine herausgerissene deutsche
Buchseite. Er hob sie auf und las: "Ich, der bekannte tatarische
Dichter Mussa Dshalil, politischer Häftling im Wehrmachtsgefängnis
Moabit, werde wahrscheinlich bald erschossen. Falls diese Notiz
einem Russen in die Hände fällt, soll er bitte Grüße
an meine Schriftstellerkollegen in Moskau übermitteln."
Dann folgten die Namen der Schriftsteller und die Adresse von
Familie Dshalil.
So gelangte die erste Nachricht vom Widerstand des tatarischen
Sängers und Soldaten in die Heimat. Bald nach Beendigung
des Krieges fanden auch seine Lieder (zwei kleine selbstgefertigte
Hefte, die etwa hundert Gedichte enthalten) auf Umwegen, über
Frankreich und Belgien, den Weg nach Kasan. Sie sind heute weltbekannt.
I956 wurde Mussa Dshalil postum zum Helden der Sowjetunion ernannt
und 1957 als erster Lyriker mit dem Leninpreis ausgezeichnet.
"Die Welt und ihre Literatur kennt viele klingende Namen",
schrieb der aserbeidschanische Dichter Samed Wurgun, "aber
einen Sänger und Soldaten wie Mussa Dshalil' den seine Dichtung
und sein Tod unsterblich machten, gibt es denn doch nicht so oft.
Da sind sie: der große Byron, der berühmte ungarische
Volksdichter Petöfi, der Volksheld Julius Fucik und - Mussa
Dshalil."
In der schier uferlosen Orenburger Steppe liegt das tatarische
Dörfchen Mustafino. Im Winter ist es oft bis an die Dächer
zugeschneit. Aber im Sommer brennt hier gnadenlos
die Sonne, und Getreidekipper jagen, in eine einzige, nimmer-
müde Staubwolke gehüllt, auf der Fernstraße durchs
Dorf.
Auf einer Anhöhe mitten im Ort, der Sonne und dem Steppenwind
preisgegeben, steht eine Dshalil-Büste. Und ganz in der Nähe,
dort, wo ein Hang zum Netj -Tal hinabführt, steht eine adrett
geweißte Lehmhütte mit Schilfdach. Früher hat
hier ein anderes Haus gestanden. Und darin wurde am 15. Februar
1906 Mussa Dshalil geboren.
Er war das sechste Kind des Ackerbauern Mustafa Sah- bw *. Und
wie alle Kinder auf dem Lande ist er barfuß durchs taunasse
Gras gesprungen, hat Gänse gehütet und mit den Pferden
in der Koppel genächtigt, hat im seichten, sich schlängelnden
Netj-Bach gebadet und den Märchen von Großmutter Gilma
gelauscht oder den langgezogenen tatarischen Weisen, die seine
Mutter Rahima sang.
1913 zog Familie Salilow nach Orenburg' wo Vater Mustafa-absy,
der sein Leben lang nichts als Armut gekannt hatte, 1919 an Typhus
starb. Von Stund an mußte Mutter Rahima-apa jeden Groschen
umdrehen, den sie als Wäscherin und Putzfrau aufbrachte.
Der junge Dsbalil' der alles Geschehen mit wachen Sinnen aufnahm
und weit über seine Jahre hinaus belesen war, übte sich
schon früh im Dichten. Gedruckt wurden seine ersten Verse,
als er ganze drei?ehn war. Davon berichtet er selbst:
"1919 ... Orenburg war von Weißgardisten umzingelt.
Truppen der Roten Armee hielten die Stadt gegen die drei- und
vierfache Überzahl angreifender Kosaken.
In Orenburg erschien der ,Kysyl juldus' (Roter Stern), das Organ
der Bolschewiki von der Turkestan-Front. Ich schrieb damals Verse
voll Grimm gegen die weißen Banden, Verse, die die Arbeiter-
und Bauernjugend zu den Waffen riefen und den Sieg der Roten Armee
besangen.
... Ich weiß noch, wie ich, meine Werke unterm Arm, mit
einem Klassenkameraden in der Redaktion ,Kysyl juldus' auftauchte
(im September 1919). Wir traten ein. Und brachten beide kein Wort
heraus, standen wie verloren und schielten uns verlegen an. Die
von der Zeitung trugen Uniform.
,Na, Jungs, was gibt's?' sagte jemand.
Da wies ich zaghaft die paar Blatt Papier vor mit den drei Gedichten:
,Glück', ,Sie sind fort' und ,An die Rote Armee'. Alles umringte
mich und las. Ich glaube, die Gedichte fanden Gefallen.
,Wer hat das geschrieben?'
Schon tippte mein Freund mir auf die Brust.
,Der da.'
Ich wurde rot. Ich war sehr klein. Und es trafen mich verdutzte
Blicke. Dann hob mich jemand hoch, und ehe ich mich's versah,
stand ich auf einem Stuhl. Alles lachte.
,Wie alt bist du? In welche Schule gehst du? Wer ist dein Vater?'
Kein Wort kam über meine Lippen. Sie aber spendeten mir Lob.
Anderntags erschien ,Glück' auf der Titelseite des ,Kysyl
juldus'.
Das Blatt hat dann noch mehr Gedichte von mir gebracht. Unterschrieben
waren sie mit ,Ketschkene Dshalil' (Der kleine Dshalil). Auf diese
Weise machte ich mir in Orenburg einen Namen."
Das Leben in der Stadt verteuerte sich zusehends. Und so zog Familie
Dshalil zurück aufs Land. Noch ging Mussa in die Schule,
nebenher schrieb er Lieder und Verse und für die Dorfjugend
ein Laienspiel' in dem er selbst eine Hauptrolle übernahm.
Die Aufführung wurde ein Bombenerfolg. Mussa führte
diese Arbeit' weiter, und so entstand die erste Kinderorganisation
von Mustafino; sie erhielt den poetischen Namen "Rote Blume
In jungen Jahren schon trat Dshalils überragendes Organisationstalent
zutage, seine Überzeugungskraft, seine Begabung zur Menschenführung.
Auf der Rückreise von einem Besuch beim Komsomol- Komitee
in der Bezirksstadt geriet er eines Tages an einen finsteren Fuhrmann,
der, unwillig über den späten Dienst, den jungen Reisenden
mit bösen Blicken traktierte. Auf halbem Weg brachte er dann
das Pferd plötzlich zum Stehen, zwang, ohne groß ein
Wort zu verlieren, den jungen Mann aus dem Gefährt und kutschierte
in die Stadt zurück.
Was tun? Zu Fuß war es noch weit, auch brach die Nacht herein,
und in der Gegend trieben weiße Banden ihr Unwesen. Mussa
hielt auf das ukrainische Gehöft Samoilowka zu. An einer
Kate, aus deren Fenster Licht fiel, klopfte er an. Drinnen saßen
fünf, sechs Mann, die führten eine rege Unterhaltung.
Der Junge bat, ihn nach Mustafino zu fahren. Da wurde er ausgelacht.
"Sieh mal an, hat sich da ein Kommissar gefunden!" "Hast
du denn ein Mandat?"
Mussa zeigte seine Komsomolpapiere.
"Holla, wenn's so ist, dann sag, was hat die Sowjetmacht
mit uns Mushiks vor?"
Mussa nahm Platz und gab Bericht: von den Bolschewiki und Lenin,
von Traktoren und einem neuen Leben, das bald in den Dörfern
Einzug halten würde. Zuerst hörten sie ungläubig
zu, aber dann fingen sie Feuer. Inzwischen füllte sich die
Hütte. Der junge Agitator hatte Zulauf. Noch in derselben
Nacht spannten die Samoilower an und brachten ihn nach Mustafino.
Im Hungerjahr 1921 verließ Dshalil sein Elternhaus, um der
Mutter nicht auch noch auf der Tasche zu liegen. Über hundertfünfzig
Kilometer weit wanderte er, bis nach Orenburg, wo er zu den zahllosen
Trupps hungernder und obdachloser Kinder stieß, die in diesem
grimmigen Sommer die
Stadt bevölkerten. Wer weiß, was aus dem Dichter geworden
wäre, wenn er nicht einem ehemaligen Redakteur vom "Kysyl
juldus" über den Weg gelaufen wäre, der den Verfasser
des "Glücks" wiedererkannte. Der nahm ihn mit nach
Hause, steckte ihn in den Waschtrog, machte ihn satt und brachte
ihn an der Orenburger Parteischule unter. Eine Zeitlang studierte
Mussa Dshalil am Tatarischen Institut für Volksbildung. 1922
zog er nach Kasan. Später absolvierte er die Arbeiter- und-Bauern-Fakultät.
Damals veröffentlichte er regelmäßig Gedichte
in Zeitungen.
Er lebte wie seine ganze Generation: die Komsomolzen der zwanziger
Jahre, die Denikin und Machno geschlagen, die Dneproges und Magnitka
gebaut und Kolchosen und ganze Städte aus dem Boden gestampft
haben. Der Elan dieser Generation, ihr Rigorismus in der Abkehr
von allem, was alt und vom Leben verworfen war, ihr Aufbauwille,
ihr Kampfgeist, ihre Brüderlichkeit und Liebe all das steht
in Dshalils frühen Gedichten.
Dann folgen andere Stationen seines Werdegangs: 1925 Instrukteur
der Komsomolkreisleitung in Orsk; 1927 Mitglied der tatarisch-baschkirischen
Sektion des ZK des Komsomol. Übersiedlung nach Moskau. Verantwortlicher
Redakteur der tatarischen Kinderzeitung "Ketschkene ipteschler"
(Kleine Genossen). Gleichzeitig Studium an der Fakultät für
Literatur der Moskauer Universität.
Ende der dreißiger Jahre wurde Mussa Dshalil als Dramaturg
ans Tatarische Opernstudio des Moskauer Konservatoriums gerufen,
das praktisch aus dem Nichts zu schaffen war. Frucht dieser Arbeit
war die Eröffnung der Kasaner Oper 1939. Mit dem Opernstudio
siedelte auch Dshalil nach Kasan über und blieb als Chefdramaturg
an der Oper. In diesen Jahren gelangte sein Werk zu voller Reife;
neben seinen Stücken, Poemen' Liedern, Essays entstehen tatarische
Nachdichtungen der Verse Puschkins' Nekrassows' Schewtschenkos.
In den Trubel der Arbeit traf die Kunde vom Krieg. Sogleich meldete
sich Dshalil als Freiwilliger an die Front. Man gedachte den bekannten
Dichter und Vorsitzenden des tatarischen Schriftstellerverbandes
zurückzustellen oder wenigstens im rückwärtigen
Dienst einzusetzen, aber Dshalil protestierte: "Mein Platz
ist unter den Soldaten, an der Front. Dort will ich die Faschisten
schlagen." Er kam auf einen Kurzlehrgang für Politoffiziere,
den er im Herbst 1941 absolvierte. Wenig später ließ
er sich an die Wolchow-Front versetzen und stieß als Kriegsberichterstatter
für die Armeezeitung "Otwaga" (Wagemut) direkt
ins Kampfgeschehen vor. Hier entstand seine Frontlyrik: "Leb
wohl, mein kluges Kind", "Tränen", "Die
Spur", "Tod eines Mädchens" ...
Die Lage an der Wolchow-Front verschlimmerte sich mehr und mehr.
Schon war die Zweite Stoßarmee von den anderen sowjetischen
Truppen abgeschnitten. Aber Mitarbeiter der "Otwaga"
wissen zu berichten, daß Mussa Dshalils unerschütterliche
Haltung Ruhe ausstrahlte, selbst im Kessel, als die Munition ausging
und der letzte Zwieback längst gegessen war. Er brachte seinen
Kameraden bei, wie man Birkensaft gewinnt und eßbare Gräser
sucht, um ein wenig zu Kräften zu kommen.
In einem Brief von der Wolchow-Front erwähnt der Dichter
seine "Ballade von der letzten Patrone". Das Gedicht
ist verlorengegangen. Eins aber ist gewiß: Gemeint war die
Patrone, die Politoffizier Dshalil für den äußersten
Fall bereithielt - für sich selbst.
Doch es kam anders. Schwer verwundet geriet er in Gefangenschaft.
Die Solidarität seiner Kameraden bewahrte ihn vor der Liquidierung
durch die Faschisten, half ihm die wechselnden Lager und Arbeitseinsätze
überstehen. Indessen
begannen unter den Gefangenen - zusammen mit Nachrichten vom Sowinformbüro
- Dshalils Verse zu kursieren. Sein Gefangenenlos erlitt Dshalil
wie eine große Schmach. Das Gedicht "Heimat, verzeih!"
ist denn auch übervoll von Kummer und Schmerz über den
Verrat seiner Pistole.
Es mordet sich der Skorpion, der Aar am Fels zerschellt!
Acht ich mich so gering denn schon, daß ich nicht floh die
Welt?
Die gute Freundin trieb Verrat:
sie schwieg - meine Pistole!
Ich trage Schellen an der Hand
und Staub an der blutigen Sohle ...
Dshalil ging nun daran, den Boden für illegale Aktivitäten zu bereiten.
Ende 1941, nach Stalingrad, beschloß das Oberkommando
der Wehrmacht, das in den ersten Kriegsmonaten den Befehl zur
Vernichtung aller kriegsgefangenen "Asiaten" gegeben
hatte, diese nunmehr im Kampf gegen die Sowjetarmee einzusetzen.
Im Schnellverfahren wurden sogenannte "nationale Legionen"
aufgestellt. In der polnischen Stadt Radom formierte sich die
"Wolga-Ural-Legion", in welche die Nationalitäten
aus dem Wolgaraum gezwungen wurden. Dies Vorhaben zu durchkreuzen
und die Waffen in den Händen der Kriegsgefangenen gegen die
Faschisten zu kehren war das Ziel der illegalen Gruppe Dshalils.
Freilich, der Preis war nicht gering. Zwecks Täuschung des
Feindes mußten die Widerstandskämpfer Kollaboration
heucheln und das Stigma des Verrats riskieren. Wie schwer Dshalil
und seinen Kame
° raden dieser Entschluß gefallen sein mag, sagt das
Gedicht "Glaub es nicht!":
Sagt man dir, Liebste: "Dshalil verriet
die Heimat. Hat Not nicht ertragen."
Glaub es nicht, Liebste'! Glaube kein Wort!
Kein Freund wird dir so etwa~ sagen.
Als die MPi auf den Rücken ich nahm, schwor ich, die Heimat zu schützen. Hätte ich dich und die Heimat verraten, was könnt mir mein Leben noch nützen?
Die Mühen der Illegalität fanden ihren Lohn. Das
erste Marschbataillon der Wolga-Ural-Legion meuterte bei Witebsk,
überwältigte die deutschen Offiziere und ging geschlossen
zu belorussischen Partisanen über.
Im August 1943 kam die Gestapo der Gruppe Dshalil auf die Spur.
Und wenige Tage vor Beginn eines sorgfältig geplanten Aufstands
wurden Dshalil und die meisten seiner Gefährten verhaftet.
Ins Gefängnis geworfen, gefesselt, aber ungebrochenen Sinnes,
gab Mussa Dshalil nicht auf. Jetzt blieb ihm nur noch eine Waffe
- das Wort.
Ich sink vor dir, du Henker, nicht ins Knie, wenn ich die Freiheit auch verloren hab. Ich werde aufrecht sterben, Henker! Nie will ich mich beugen. Schlag den Kopf mir ab!
Ich brachte hundert nur statt tausend um von deinesgleichen.
Das wird scawer verziehn. Komm ich nach Haus, erbitte ich darum
von meinem Volk Verzeihung auf den Knien.
(An den Henker)
Hin und wieder wurde an die Untersuchungsgefangenen in Moabit
der "Völkische Beobachter" ausgegeben. Und obzwar
die Zeitung jedesmal wieder eingesammelt wurde, konnte Dshalil
sich in den Besitz manch breiten Zeitungsrandes bringen, um ihn
als Kladde zu benutzen. Etwas Briefpapier gab es in der Gefängnisverkaufsstelle.
Daraus hat er im wesentlichen seine Hefte hergestellt, die auf
einzelnen Blättern noch den Feldpoststempel tragen. Kaum
daß die Verhöre zu Ende waren und die Gestapo Dshalil
vorübergehend in Ruhe ließ, richtete er sich den Tag
auch schon zur Arbeit ein. Andre' Timmermans berichtet darüber:
"Das Leben in der Zelle lief eintönig ab. Um sechs Uhr
morgens Wecken. Mussa stand als erster auf. Wusch sich kalt, machte,
wie gewohnt, Gymnastik. Dann ~am das Frühstück. Gegen
neun Uhr der Rundgang. Nach Rückkehr in die Zelle machte
Mussa sich ans Schreiben. Füllte Blatt für Blatt. Manches
zerriß er. Was übrigblieb, wurde redigiert. Und so
ging das bis zum Mittag. In Erwartung des Essens unterhielten
wir uns. Wenn wir die Wassersuppe dann ausgelöffelt hatten,
ruhten wir bis zwei Uhr. Danach ging Mussa wieder an die Arbeit.
Die beschriebenen Blätter häuften sich. Mussa las, zerriß,
redigierte, und manchmal übertrug er etwas in ein Notizbuch
.. . Schreiben war seine Leidenschaft . .
Bis an den letzten Tag bewahrte sich Dshalil' soweit das unter
den Bedingungen der Unmenschlichkeit möglich war, seinen
Humor. Während eines Luftangriffs fiel eine Brand- bombe
in den Gefängnishof. Grelles Licht stand in den Fenstern.
Da trommelte Dshalil mit den Fäusten gegen die eiserne Zellentür,
daß der Aufseher gelaufen kam, und rief:
"Es ist so hell! Hat man in Deutschland etwa die Verdunklung
abgeschafft?"
Im Gefängnis Tegel war Dshalil an Händen und Füßen
gefesselt, daß er nur noch kleine Schritte tun und kaum
die
tauben Arme heben konnte. Seine Augen lagen tief, und auf die
bleichen Wangen trat ein ungesundes Rot. Doch als er eines Tages
über den langen Gefängnisflur geführt und von einem
Häftling angerufen wurde: "Hallo, Mussa, wie geht's?"
- da antwortete er: "Mir immer noch besser als Hitler!"
Selbst beim Abschied von Andre' Timmermans (Mussa Dshalil glaubte
sich nach Dresden zur Enthauptung unterwegs) scherzte er traurig:
"Ich komme wieder, aber mit dem Kopf unterm Arm."
Was Wunder, wenn seine Gedichte Zeugen dieser Größe
wurden, dieser Geisteskraft und seelischen Vitalität. Die
Moabiter Hefte sind ein Tagebuch in Gedichten, die das unmittelbare
Erleben des gefangenen Poeten festhalten. In ihnen ist die Not
der Sklaverei, brennender Freiheitsdrang und der Schmerz dessen,
der da liebt und leidet. Die Gedichte machen uns nichts vor. Aber
der sie schrieb, so spüren wir, hatte auch in seinen schwersten
Stunden die Kraft eines tapferen Herzens.
Die Moabiter Hefte sind ein Denkmal für den sowjetischen
Soldaten, der von der Geschichte gerufen war, die Welt vor dem
Hakenkreuz zu retten. Im Kerker hat Dshalil seine gedanklich tiefsten
und künstlerisch reifsten Verse geschaffen, wie "In
Alman", "Glaub es nicht", "An den Henker",
"Meine Lieder" und andere. Nicht von ungefähr setzt
der Dichter, der von Jugend auf auch die revolutionären Ereignisse
in Deutschland, dann den Rassismus und Terror des Faschismus verfolgt
hatte, in der Finsternis faschistischer Haft das Symbol der Sonne
ein. Gemeint ist die Sonne der Kenntnis, der Kultur, des Weltenfortschritts.
Dem Adler dreht den Hals um, brecht die Schwingen, daß
Sonne aufgeht überm Land Alman,
daß Thälmann wieder stehe auf Tribünen,
daß Marx' und Heines Wort euch finden kann.
(In Alman)
Später hat Johannes R. Becher diesen Gedanken in der Nationalhymne der Deutschen Demokratischen Republik aufgegriffen.
Daß die Sonne schön wie nie
über Deutschland scheint!
Johannes R. Becher hat Dshalils Dichtung damals wohl kaum gekannt.
Beide Dichter jedoch gehen in eine Richtung. Der tatarische wie
der deutsche Dichter wollen ein freies, ein friedliebendes, ein
demokratisches Deutschland.
"Welche Tragik und Schmach, daß es Deutsche waren,
die, der eigenen Nation Ehre besudelnd, das Leben einem Dichter
raubten, einem Menschen, der als Freund der Deutschen Goethe und
Heine, Bach und Beethoven, Marx und Thälmann leidenschaftlich
liebte", schrieb Erich Müller im Nachwort zur ersten
Dshalil~Ausgabe' die 1957 im Verlag Kultur und Fortschritt erschien.
Aber nicht nur dem Leser in der DDR, sondern den Völkern
der Welt steht Mussa Dsbalil nahe als Prophet eines neuen Menschentums,
das voll Güte und Gerechtigkeit ist.
Raffael Mustafin
* Aussprache Variante von "Dshalil"
,Der Kommentar wurde, gekürzt, dem 1973 in Kasan erschienenen russischsprachigen Band: Musa Dshaiil, Ausgewüh1te Gedichte, entnommen.