Auf einem Bein

Mein Lieb, ich kehr zurück auf einem Bein.
Schau nicht verstört. Komm her! Was soll schon sein?
Der Feind riß dieses Bein mir dafür ab,
daß ich vor ihm nicht auf den Knien lag.

Mit einer Mine riß er es mir ab
und lachte, als ich blutend vor ihm lag.
Doch ich stand auf - entsetzt hat ers gesehn! -
auf einem Beine konnt ich aufrecht stehn.

Das kam daher: Die Erde sah mein Blut,
da neigten Bäume sich und raunten: Mut!
Die Mutter Erde faßte meine Hand
und war mir Stütze, als ich aufrecht stand.

Aus vielen Wunden blutend, widerstehn
dem Feinde wir. Schwach wird er uns nicht sehn:
Selbst ohne Arme, ohne Beine - nie
falln wir vor unserm Gegner auf die Knie.

Und riß er hundertmal das Bein mir ab,
nicht einen Fußbreit Heimat trät ich ab.
Wo sollte ich mit heilen Beinen gehn,
ließ' ich den Feind auf Heimaterde stehn?!

Mein Lieb, ich kehr zurück auf einem Bein.
Schau nicht verstört, und laß das Seufzen sein!
Ich stehe aufrecht, und mein Herz ist rein.
Und das nur zählt. Es zählt nur dies allein.
Oktober 1943

 

An den Freund
Für A. A.*

Mein Freund, beweine nicht, wenn früh wir sterben;
denn wir erkaufen uns die Jahre nicht.
Wir wolln auf unsre Art das Leben leben
und wolln nicht klagen, wenn es früh zerbricht.

Das Dasein wird nach Dauer nicht gemessen,
nicht nach dem Alter, nach gelebter Zeit.
Der frühe Tod, vielleicht, bringt uns die Dauer,
bewahrt den Namen vor Vergänglichkeit.

Ich hab geschworen, niemals mich zu schonen,
wenn es ums Volk, um meine Heimat geht.
Wer gäb nicht hundert, hätt er hundert Leben,
damit das Vaterland im Kampf besteht?!

Hör, fern der Heimat, ich von unsern Siegen,
strömt Kraft aus weiter Ferne in mich ein.
Wie macht es stark, wie macht es unbesiegbar,
auch fern dem Volk, mit ihm vereint zu sein.

Schon' ich die Haut, so werd ich lange leben,
wenn mich der Tod gefälligst übergeht.
Doch sag. wie soll ich in der Sonne gehen,
wenn mir das Kainsmal auf der Stirne steht?!

Es würde Tag für Tag das Licht mich qualen,
mein Herz erschlüge mich vor Scham und Pein!
Wie kann man leben, wenn die Heimaterde,
wenn Feld und Wald und Flur "Verräter!" schrein?!

Nein, Freund, nicht traurig sein! Denn unser Leben
ist Funke nur, damit die Heimat lebt.
Der Tod ist Fackel: Wenn wir auch verlöschen,
das Licht steigt mit dem Volk, das sich erhebt.

Mit unserm Mut, durch unsre Heimatliebe,
beweisen wir des Todes Nichtigkeit.
Reich war die Jugend, Schmerz war da und Freude.
Die Fülle macht das Leben, nicht die Zeit.

Und bricht zu früh es ab, erlischt die Jugend
auch scheinbar ohne Spur - 0 glaub das nicht!
Die nach uns kommen, werden einstmals sagen:
Dies Jungsein wiegt! Solch Leben hat Gewicht!

*A.A. - Abdulla Alisch - tatatischet Dichter, der mit Mussa Dshalil zusammen in der Illegalität kämpfte und von den Faschisten hingerichtet wurde.
Oktober 1943

 

An den Henker

Ich sink vor dir, du Henker, nicht ins Knie,
wenn ich die Freiheit auch verloren hab.
Ich werde aufrecht sterben, Henker! Nie
will ich mich beugen. Schlag den Kopf mir ab!

Ich brachte hundert nur statt tausend um
von deinesgleichen. Das wird schwer verziehn.
Komm ich nach Haus, erbitte ich darum
von meinem Volk Verzeihung auf den Knien.
November 1943

 

Glaub es nicht!

Sagt man dir, Liebste: "Dshalil war müd,
man hat ihn kampflos niedergeschlagen."
Glaub es nicht, Liebste! Glaube kein Wort!
Kein Freund wird dir so etwas sagen.

Mit Blut habe ich auf die Fahne geschrieben
den Schwur, immer vorwärts zu gehn
Ich habe kein Recht, zu straucheln, zu stürzen,
ermüdet gar stillezustehn.

Sagt man dir, Liebste: "Dshalil verriet
die Heimat. Hat Not nicht ertragen."
Glaub es nicht, Liebste! Glaube kein Wort!
Kein Freund wird dir so etwas sagen.

Als die MPi auf den Rücken ich nahm,
schwor ich, die Heimat zu schützen.
Hätte ich dich und die Heimat verraten,
was könnt mir mein Leben noch nützen?

Sagt man dir, Liebste: "Dshalil ist tot,
du mußt deinen Toten beklagen!"
Glaub es nicht, Liebste! Glaube kein Wort!
Kein Freund wird dir so etwas sagen.

Die Erde begräbt meinen Körper - mein Herz,
das flammende, singt und singt.
Kann der denn sterben, der seinen Feind
immer aufs neue bezwingt?
20. November 1943

 

Mein Geschenk

Meinem belgiscben Freund Andrd Timmermuns, dem ich in der H4* begegnete

Wenn mir vergangne Tage wiederkehrten,
die blumenbunte Zeit, mit Freuden voll -
ich wollt die Blumen meines Lands dir schenken.
Hier weiß ich nicht, was ich dir schenken soll.
Hab Gärten nicht noch Freiheit zu verschenken.
Hier blühen Blumen nicht, verdorrt das Gras.
Hier ist die Erde grau. Nur Tränen tränken
den Boden. Hier gedeiht der Haß.
Doch habe ich ein unbeflecktes Herz.
Draus wächst ein Lied, erhebt sich aus der Enge,
wie Frühlingsblumen strahlt es himmelwärts
- dies Lied, mein Freund, will ich dir schenken.
Und werd ich sterben, bleibt es doch am Leben.
Fern, in die Heimat, schwingt sich hin mein Lied
und wird Bericht von unsrer Freundschaft geben,
die trotz Gefangenschaft in uns erblüht.
Dezemher 1943

 

Der Sarg

Als Faruk neunzig Jahr geworden war,
saß eines Morgens er, schon lange wach
in seinem Bette, strich das weiße Haar
sich aus der stirn und dachte gründlich nach.

Dann stand er auf und sagte: "Lang gelebt hast du
mein Alter! Langsam wird es Zeit,
ans Grab zu denken, denn kein Mensch erlebt
in dieser Welt schon seine Ewigkeit.

Die Freuden und das Glück der Erdenwelt
hast du genossen, auch so manche Plag;
daß man den Tod nicht um die Zeche prellt,
das weißt du gut. Denk an den letzten Tag!"

So sprach der Alte, zog sich an dabei,
und will den Sarg bestelln. Doch bei der Tür,
dicht neben jener Särgetischlerei,
auf gleicher Schwelle fast, ist der Barbier.

Als er die Tür zum Tischler öffnen will,
kommt aus der andern Türe auf ihn
zu ein frisch frisiertes Mädchen: Weißer Tüll,
die Wangen rot und rot die leichten Schuh.

Die Augen strahlen Feuer. Sie ist schön.
Welch Herz schlägt nicht gewaltig bei dem Blick?
Welch Alter könnt der Jugend widerstehn?
Welch Tod tritt da nicht reuevoll zurück?

Des Mädchens Blick ist voller Zauberei.
Des Alten Blut pulst wieder warm und rot.
Sie fragt und lächelt ungläubig dabei:
"Wie, Väterchen! Tut denn ein Sarg schon not?"

"Ach, Töchterchen", sagt er, "was soll ein Sarg?"
Wer wird so jung sich mit dem Tod befassen?
Der Bart, du Liebe! Schau doch her: der Bart
ist ganz verwildert, will ihn richten lassen!"
Dezember (?) 1943