Die Eiche
Dicht am Wegrand steht die Eiche,
wo es gut sich rasten läßt.
Leise wogt die grüne Wiese
unterm mächtigen Geäst.
Weicher Wind singt in den Zweigen,
Laubwerk raunt ein dunkles Lied
von den Jahren, die vergehen,
von dem Sommer, der verglüht.
Jemand hat vor tausend Jahren
hier gepflanzt: Zwei Tropfen Schweiß -
und die Eiche wuchs am Wegrand,
wurde mächtig. - Niemand weiß,
wer das Bäumchen einst gepflanzt hat:
Bauer, Gärtner, Wandersmann?
Einer, der das Grüne liebte,
der die Arbeit gern getan?
Wer's auch war - es hat die Erde
die zwei Tropfen Schweiß bewahrt;
und die alte, grüne Eiche
dankt es ihm auf ihre Art.
Allen, die vorübergehen,
durch den Regen, durch den Staub,
singt sie von den Jugendzeiten
zur Musik von Zweig und Laub;
schützt uns vor den Regengüssen,
deckt uns gegen jeden Sturm.
Undurchdringlich ist die Krone,
und der Stamm steht wie ein Turm.
Schnitter ruhn in ihrem Schatten,
wenn die Sonne sengend brennt;
in dem Schatten glühn Verliebte,
strahlt der Mond vom Firmament.
Durch die weiße Winterwüste
weist sie uns den Weg nach Haus.
Sind wir sommers müd vom Wandern,
ruhn wir bei der Eiche aus.
Landsmann, lange schon gestorben,
tief verneig ich mich vor dir,
vor dem Denkmal deiner Jugend,
vor der alten Eiche hier.
Wer dies Leben lebt, muß sorgen,
daß er tiefe Spuren prägt,
daß durch ihn, wie eine Eiche,
etwas tausend Jahre lebt.
10.Dezember 1943
Das Zauberknäuel
Mein Leben rollt wie der Faden
eines Zauberknäuels ab;
so lang und schlimm war der Weg,
daß ich nun keine Kraft mehr hab.
Wie der finstere Teufel im Märchen
empfing mich der Wächter voll Wut.
Er trägt eine Axt am Gürtel,
einen toten Adler als Hut.
Wie im Märchen: Ganz aus Eisen
ist das Tor. Darin ein Spalt.
Hindurch blickt der Teufel täglich
und zählt seine Opfer und prahlt.
Auf hundert Herden brät man
dem Teufel Menschenfleisch.
Mein finstres Schicksal verschlug mich
in dieses finstere Reich.
Ach, Großmutters grausigste Märchen -
wie heiter und harmlos ihr seid,
verglichen mit unserer Marter
in dieser Wirklichkeit.
Wohin man tritt: Die Fallen
des Teufels fangen dich ein;
der Tod hockt in den Winkeln
und zwingt dich, Sklave zu sein.
,Hier gilt die Regel: den Kopf
kostet es, zeigst du Verstand.
Hier werden Kinder und Greise
in schalldichten Kammern verbrannt.
Geknebelt von Dienern des Teufels
in Hunger und Elend vergehn
Dshigiten, der Heimat beraubt,
und Mädchen, wie Grazien schön.
Mein Herz stöhnt laut bei den Zeichen
des Tods in vertrautem Gesicht.
Ein Alptraum, ein greuliches Märchen,
ist diese Welt ohne Licht -
in der ich sterbe. - Doch leben
wird, was ich schuf im Lied,
die Dinge, die ich gestreichelt,
jeder Baum, jede Blume, die blüht.
Wie das Zauberknäuel im Märchen
zeigt mein Lied den Weg, den ich ging;
folgt ihm, und ihr werdet mich finden
im letzten Lied, das ich sing.
12.Dezember 1943
In Alman *
Bist du das Land, in dem einst Marx geschrieben,
das Schillers Freiheitsglut entfacht?
Gefesselt hat man mich hierher getrieben;
zum Sklaven haben Deutsche mich gemacht.
Wo ist dein strahlendes "Rot Front!" geblieben?
Wohin verschwand der Revolutionär?
Warum hat man mich hier brutal geprügelt,
mich, der ich gern ein Sohn der Klara wär?!
Hab ich dich etwa so mir ausgemalt,
als ich an Goethes Werken mich berauscht?
In welchem Saal in diesem Land erstrahlt
Beethovens Klang, dem ich gebannt gelauscht?
Der Heines Verse liebt, dem legt man jetzt
in Heines Heimat Eisenfesseln an,
der leckt das Eis vom Kerkergitternetz,
wo Karls und Rosas warmes Blut verrann.
Ich seh kein Sonnenlicht, seh Wolken bloß,
seh Blut und Tränen über deinem Land,
kenn deine Schlösser nicht, kenn nur das Schloß
vor Zellen, das auch Thälmann gut gekannt.
Schleppt - wie einst Karl und Rosa - diese Meute
auch mich nach langen Tagen voller Qual
bei Nacht und Nebel fort; wirft meine Leiche
von einer Brücke dann in den Kanal?
Wo seid ihr, die ihr Heines Vers gekannt,
die ihr von Marx' und Engels' Werken wißt?
Wo seid ihr, aufgewachsen in dern Land,
in dem ein Held wie "Tell" entstanden ist?!
Wer ist ein Sohn der Zetkin? Wer ist ein
Genosse Thälmanns, will sein Erbe sein?
Hört unsern Ruf, die Freiheit zu befrein!
Erhebt euch! Schlagt die Kerkertore ein!
Formiert euch, Proletarier, schließt die Reihn
und singt wie einst in jenem stolzen Jahr!
Die Faust reckt hoch! Was sie auch immer schrein -
grüßt mit "Rot Front!", so wie es früher
war.
Dem Adler dreht den Hals um, brecht die Schwingen,
daß Sonne aufgeht überm Land Alman,
daß Thälmann wieder stehe auf Tribünen,
daß Marx' und Heines Wort euch finden kann.
Wer ist ein Sohn der Zerkin? Wer ist ein
Genosse Thälmanns, will sein Erbe sein?
Hört unsern Ruf, die Wahrheit zu befrein!
Erhebt euch! Schlagt~ die Kerkertore -ein!
* Atman (arab.) - Deutschland
19. Dezember 1943
Neujahrswünsche
Wein wird es nicht zu trinken geben.
So schenken wir uns Tränen ein
in unsern Kelch, ihn zu erheben.
Danach wird es uns leichter sein.
Ihr Tränen, fließt im alten Jahr,
daß sich des Herzens Wunde schließt,
daß uns das Neujahr wunderbar
mit frohen Hoffnungen begrüßt.
Du gehst - und hast uns eingeschlossen.
Leb trotzdem wohl, schlohweißes Jahr!
Ich heb den Kelch, randvoll gegossen
mit Hoffnungstränen, sternenklar.
Im alten Jahr, das blutig war,
erloschen viele lichte Leben;
nun soll ein neues, beßres Jahr
aus Qual und Dunkel uns erheben.
Das neue Jahr soll heiter sein
und bringen, was wir lang ersehnen,
soll von den Fesseln uns befrein,
und endlich trocknen unsre Tränen -
oll uns zur Siegesfeier laden,
zum Fest, bei dem kein Freund uns fehle,
in freier Luft die Lungen baden,
daß uns der Husten nicht mehr quäle.
Das neue Jahr, es soll uns bringen,
daß wir gemeinsam heimwärts gehn,
daß Frau und Kinder uns umringen,
daß weithin Siegesfahnen wehn.
Es führe uns nach Haus zurück,
zum Herd, und schenke uns den warmen
Duft frischer Plinsen und das Glück,
daß Frau und Kinder uns umarmen.
Das neue Jahr halt' jeden
Tag den Vers von Glück und Sieg bereit -
und Wein und Brot, so viel man mag
und bis in alle Ewigkeit.
1. Januar 1944