Letztes Lied
Das Antlitz der Erde,
wie hell und wie strahlend!
Doch hier ist es dunkel,
die Zelle verschlossen.
Der Vogel im Luftraum,
fliegt hoch und noch höher.
Ich krieche am Boden,
die Hände gefesselt.
Die Blume im Freien,
erquickt sich am Regen.
Ich muß hier verschmachten,
verwelken in Trauer.
Ich weiß, wie beglückend
es sein kann: das Leben!
Doch ich muß hier sterben,
dies Lied ist - mein letztes.
August 1943
Die launenhafte Geliebte
Die launenhafte, arg verzogene Schöne
sprach eines Tages zu dem Königssohn:
"Beweise mir, daß du mich liebst. Verwöhne!
Bring deines Bruders Kopf als Liebeslohn."
Und der Dshigit' nicht fähig, klar zu denken,
ihr sklavisch unterworfen, ging, erschlug
den eignen Bruder, bösem Sinn zu schenken
des liebsten Menschen Haupt,wie einen Krug.
Sie nahm den Kopf wie eine ihrer Schalen
und füllte ihn mit Gift und sagte: "Trink,
hier diese Labe deiner Lust und Qualen."
Er tat es - wie verzaubert - und verging.
O schöne Welt, auch meines Herzens Tugend
war, dich zu lieben, viel zu sehr vielleicht.
Du aber hast den Schädel meiner Jugend
mit Gift gefüllt und mir als Trank gereicht.
August 1943
Der Verurteilte
Heut nun hat er ihren Spruch vernommen.
Todesstrafe. Ob es ihn erregt?
Wie erwartet, ist es auch gekommen -
und er zeigt sich ruhig, unbewegt.
Auch die Zelle hört nicht eine Klage.
Mond am Himmel bleibt der gute Hirt.
Den Gefangenen quält nur diese Frage:
Wie sein Kind, die Waise, sich behelfen wird.
September 1943
Traum im Gefängnis
Im Traum ist mir mein Töchterchen erschienen.
"Wie schön ists", sprach es, "daß du
bei uns bist.
Sieh unsre Augen, unsre trüben Mienen;
wie lang ists her, daß du verschollen bist."
Ich preßte an die Brust die liebe Kleine,
o Freude, Glück, du raubst mir den Verstand !
Ich schäme mich der Tränen nicht, ich weine.
Wie heiß, wie tief ist meines Herzens Brand.
Wir schritten über eine weite Wiese,
wie Schiffe teilten wir ein Blumenmeer.
Das Glück der Liebe schaffte Paradiese,
endloses Blau, Lichtflut war um uns her.
Ich schlug die Augen auf, die graue Zelle
empfing mich wieder, und der kalte Stahl
der Fesseln glänzte in des Morgens Helle,
auf mein Erwachen wartete die Qual.
Weshalb raubt mir ein Traum den Seelenfrieden,
ein Traum vom Frühling in vergangner Zeit?
Warum ist mir nur träumend Glück beschieden
und meine Wirklichkeit nur Not und Leid?
September 1943
Der Wächter
(Jamasch 1911)*
Der Wächter geht vorm Tore auf und ab.
Zwei Dolche weiß ich ihn am Ärmel tragen.
Mich martert seiner Stiefel Trapp,
als würden Nägel mir ins Herz geschlagen.
Sein Raubtierblick macht Grausen. Ringsumher
sind alle Stimmen hoffnungsleer verendet.
Die Erde unter seinem Fuß stöhnt schwer.
Die Sonne hat sich von ihm abgewendet.
Wie eine Mißgeburt aus bösem Traum,
so hält er seine Peitsche schlagbereit,
so sitzt er breit, bewacht den Marterraum.
ein Sklavenschinder, Knecht der Grausamkeit.
Die Herzen der Gefangnen hackt er wund,
ein Krähenleben, dem selbst Flügel fehlen.
Sein Brot ist Blut und Angst und Tränen und
der Schmerz des Opfers, das die Henker quälen.
Oh, wüßten sie, wie viele Menschenleben
die Hand erwürgt, die rohe Faust zerbricht
kein Fußbreit Erde würde sich ihm geben,
ihm gäb die Sonne nimmermehr ihr Licht.
* Def Untertitel ist offenbar zu konspirativen Zweckengegeben.Jamasch
assoziiert den
tatansdien Revolutionär Jamasdiew
(1882-1912)
September (?) 1943
Die Wanze
Ein finstres Loch. Die Mäuse spielen Fangen.
Die Wanzen feiern Hochzeit, wie man sagt.
Voll Wut und Trauer gehe ich den langen,
den endlos langen Tag auf Wanzenjagd.
Und denk dabei, man müßte dieses ganze
Gefängnis schleifen, daß nur Trümmer bleiben,
und den Gefängnisherrn wie eine Wanze
darin zerquetschen und zu nichts zerreiben.
Nicht später als September 1943
Vor der Urteilsvollstreckung (Der Tschertschetenfürst *)
Der Tag ist da. Es muß gestorben sein.
Öd ist der weite Platz, auf dem wir stehen
Die Sonne sinkt. Sie will nicht Zeuge sein,
wie wir vergehn, will feigen Mord nicht sehen.
Das Gras ist naß. Wie Tränen glänzt der Tau.
Die Erde weint, mit so viel Leid beladen.
Der Wald, die Hügel, selbst das Himmelsblau
verbergen schaudernd sich in Nebelschwaden.
Die Luft weht kalt. Der nackte Fuß nur spürt
die Wärme, die emporsteigt aus den Gründen
der Mutter Erde, die uns zärtlich rührt,
wie wir am Mutterherzen Tröstung finden.
So sei getrost: Nicht zittern wird das Herz,
solang die Füße stehn auf dieser Erde.
Ein Name glüht in mir wie rotes Erz
ihn ruf ich feindwärts, wenn ich sterben werde.
Die Henker kommen, Diener der Tschettscheten:
Die Nasen tropfen, Augen sind gerötet.
Sie sollen wissen: Wenn sie uns auch töten,
ein Name lebt! Dies Wort wird nie getötet!
Wenn wir zum Henker an den Richtblock treten,
in die Visagen, geil auf unser Blut,
schrein wir dies Wort, verfluchen die Tschertscheten,
und selbst die fernsten Völker hörn uns gut.
Es kommt der Tag, da hält das Volk Gericht
und lädtt zu Zeugen, die das Richtbeil traf.
Dann, mein mit Blut geschriebenes Gedicht
klag an: Tschertscheten - netsischaF!
* Der Tschertsdietenfürst ist eine Figur ans einem tatarigdien
Poem von A. Ißhak. zu konspirativen Zwerken setzt Dshalil
Tsrsertsdieren und Faschisten gleich. Am Heftrand steht in arabischer
Schrift "aktsischaf", was,rückwärts gelesen,
an den Faschisten" heißt
I943
Das Malheur
"Ich lieb die schönste Frau,
die es jemals gab.
Welch Unglück nur,
daß sie einen Ehemann hat."
"Na, wenn schon! Weißt du denn
ob sie ihn liebt?
Wenn nicht, mein Freund, ist klar
daß es Hoffnung gibt."
"Lieben? Den Ehmann? Nein!
Sie hat ihn mehr als satt
und kann sich nicht verzeihn,
daß sie ihn geheiratet hat."
"Brauchst nur ein Wörtchen sagen
sie trennt sich, und Hochzeit wird sein.
Und für den Rest deiner Tage
lebst du im Sonnenschein."
"Ach, Bruder, dein Rat ist gut,
doch leider nichts für mich
Denn auf diesem Umstand beruht
das Malheur: der Ehmann bin ich."
September 1943