Ein Hypochonder A. Martin
 
Ich bin achtundfünfzig Jahre alt und lebe in einer kleineren Stadt. Meine Augenfarbe ist grau-grün, die Haare trage ich kurz geschnitten. Das Schlimmste aber ist, ich leide schrecklich an einem Magengeschwür. 
 
„Guten Tag, Herr Doktor“, begrüßte ich meinen Hausarzt. 
„Na, Herr Probst, wie geht es Ihnen denn?“, fragte er mich. 
„Sehr schlecht, oh ich glaube, ich sterbe noch vor Sonnenuntergang. Sie müssen wissen, ich leide an...“ 
„An was Sie leiden, muss ich herausfinden, schließlich bin ich der Arzt!“ 
„Aber Herr Doktor, immer wenn ich aufstehe, ist mir sehr übel, erst wenn ich eine große Tasse Tee getrunken habe, geht‘s mir besser.“ 
„Gut, dann mache Sie 'mal den Buch frei!“ 
Ich knöpfte mein Hemd auf und der Doktor horchte. 
„Ich kann nichts feststellen, Herr Probst.“ 
Dann klopfte er an die Bauchdecke und fragte:  „Tut das hier weh?“ 
„Nein, gar nicht!“ 
„Ich kann nichts feststellen.“ 
„Aber ich habe da was!“ 
„Gut, wir werden Sie jetzt 'mal röntgen!“ 
Wir gingen zusammen in den Röntgenraum und ich wurde zwei Mal geröntgt. Ich spürte, wie mir immer schlechter wurde, da musste doch irgendetwas in meinem Magen sein, was da nicht hingehörte! 
„Kommen Sie morgen Vormittag vorbei, dann sind die Bilder fertig.“ 
„Danke, Herr Doktor.“ 
 
Ich ging heimwärts. Ich dachte so bei mir, vielleicht sollte ich noch ins Café Rosenkranz gehen. Im Café setzte ich mich an einen kleinen Tisch und bestellte einen Kaffee schwarz. 
 
Beim Trinken wurde mir immer schlechter und ich bestellte hinterher noch eine, nein zwei Tassen Kamillentee. 
„Ihr Kamillentee.“ 
„Danke.“ 
Die hübsche Kellnerin wollte gehen, doch ich hielt sie zurück. 
„Ich möchte jetzt gleich bezahlen. Was macht das?“ 
„Äh, ein Kaffee drei fünfzig und zwei Kamillentee sind vier Mark, macht zusammen sieben Mark und fünfzig Pfennig.“ 
„Hier haben Sie zehn Mark, der Rest ist für Sie!“ 
„Vielen herzlichen Dank,“ und damit verschwand sie. 
Jetzt war mir viel besser. Der Kamillentee war einsame Spitze. 
 
Am nächsten Morgen, bei meinem Hausarzt Doktor Hornung. 
„Ah, Herr Probst, Sie kommen, um sich ihre Röntgenbilder anzusehen, stimmt‘s?“ 
„Ja, genau, Herr Doktor.“ 
Er holte die Bilder und dann schaltete er die Lampe ein, damit man die Röntgenbilder besser betrachten konnte. 
„Sehen Sie, da sieht man nichts!“ 
„So, ich sehe viel!“ 
„Nein, ich meine in der Magengegend.“ 
„Stimmt, aber ich habe dennoch ein Magengeschwür!“ 
„Bestimmt nicht, sonst wäre ein dunkler Fleck zu sehen.“ 
„Naja, dann auf  ein andermal.“ 
„Ja, wiedersehen, Herr Probst.“ 
 
So ein unfähiger Doktor, merkt nicht einmal, dass ich ein Geschwür im Magen habe, dachte ich bei, als ich auf dem Heimweg war. 
 
Als ich am Pelzgeschäft „Rotter & Co.“ vorbei  kam, nahm ich einen ordentlichen Schluck aus meinem Flachmann. Sie glauben jetzt sicher, da wäre Schnaps oder so etwas darin, nein Kamillentee, denn mir war wieder übel. Ungefähr hundert Meter weiter beim Antiquitätenladen „Ritzenthaler“ wurde mir so schlecht, dass ich - ich weiß nicht mehr, was geschah, denn mir wurde plötzlich schwarz vor den Augen. 
 
Als ich zu mir kam, war ich im Krankenhaus. Kurz darauf kam der Chefarzt, und ich fragte:  „Es war bestimmt das Magengeschwür, das mich umgehauen hat.“ 
„Nein, die Einbildung, aber wir müssen Sie noch einige Zeit hier behalten.“ 
„Warum? Ich denke, ich bin gesund!“ 
„Nein, Ihr Blutdruck ist nach der Ohnmacht sehr weit 'runter gegangen.“ 
„So! - Wie heißen Sie eigentlich?“ 
„Ich bin Chefarzt Doktor Gaierle.“ 
„Ach, so einer sind Sie!“ 
„Sie müssen jetzt viel Ruhe haben, um sich zu erholen.“ 
Ja, jetzt bin ich wieder zu Hause. 
 
Ich habe diese Geschichte geschrieben, weil jeder wissen sollte, wie unfähig Ärzte sind, sowohl mein Hausarzt Doktor Hornung, als auch der Chefarzt Doktor Gaierle. Denn ich leide immer noch an diesem Magengeschwür. 
 
Ich glaube, ich sterbe noch vor Sonnenuntergang. 
  
                                                                                            - E N D E - 
 
 
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