| Die Sonne neigt sich dem westlichen Horizont,
rot schwillt sie an und von Osten her drängen langsam aber unaufhaltsam
die Vorboten der Königin der Nacht. Die langen Schatten und die immer
undurchdringlicher werdenden Schleier der Dämmerung sind ihre Herolde.
Die Hektik der Helligkeit schwindet allmählich und eine gemütliche, entspannende Geruhsamkeit kehrt ein; das sonst so hektische Gebäude kommt langsam zur Ruh, die Menschen strömen hinaus, bis endlich alle es verlassen haben, das Durcheinander der hallenden Schritte und Stimmen, das einem lauten Meeresrauschen gleicht, ist abgeebbt und hat sich in den Hallen verloren. Jetzt ist jedes noch so leises Geräusch deutlich hörbar, selbst das Atmen scheint von den hohen Wänden hundertfach so laut zurückgeworfen zu werden, so als ob dieses Haus damit sein Recht zur Ruhe einfordern möchte. Das gleißende Licht wird gelöscht, sodass nur noch vereinzelt einige kleine Lampen brennen, die Gänge und Hallen tauchen in ein künstliches Dämmerlicht, die großen Bilder an den Wänden, die Kristallleuchter und Vasen haben ihren Glanz zugedeckt, um ihn für den nächsten Morgen zu bewahren, damit sie wieder im Licht des kommenden Tages von neuem in ausgeruhtem Licht erstrahlen können. Inzwischen hat die Nacht ihr mit funkelnden Diamanten besetztes Kleid über die nun schlagende Erde ausgebreitet, alles ist in Dunkelheit gehüllt, doch in den Städten und manchen Häusern wird die Nacht vertrieben, es herrscht der ewige Tag, er kehrt keine Ruhe mehr ein, es gibt keine schöne, dunkle, erholsame Ruhe mehr, alles nur Hektik und Eile. - Doch in dem großen Haus kommt die Ruhe noch zu ihrem Recht, gemeinsam mit der Königin der Dunkelheit, der Nacht, herrschen zu dürfen, hier liegt alles in friedlichem Schlummer. Ich genieße diese Stille in dem großen Gebäude, wenn die Menschen verschwunden sind und alles fest schläft. Ich sitze in meiner Pförtnerloge und schaue in die unendliche Dunkelheit, ohne vor mich hinzustarren, ich genieße die Stille und dann werde ich von einer stummen, unhörbaren Stimme gerufen und ich muss durch die Gänge, Hallen und Treppen gehen und die Stille in mich aufsaugen. Ich sehe die träumenden Bilder und die friedlich dahinschlummernden Vasen, doch meine Seele zeigt eine leichte, kaum wahrnehmbare, unerklärliche und doch plötzliche Unruhe. Die Nacht ist ein besondere Zeit, in der die Dinge leben, wenn alles lebendige schläft, so scheint es, obwohl alles Ruhe und Frieden ausstrahlt. Mich treibt es, gleich einem kleinen Boote auf einem Strom durch das Gebäude. Hier und bald dort sehe ich die Gesichter der Nacht, die aus den Schatten hervorschauen. Ich treibe weiter, einem ungewissen Ziel entgegen, ohne zu wissen wohin mich diese Reise führen wird. Irgendwann erreiche ich das Ufer und der große Traumvogel breitet seine Schwingen aus und trägt mich in das ferne und nahe Land der Träume, nach einer unendlichen Ewigkeit, die keine Sekunde gedauert hat, kehre ich zurück, um sodann weiter von dem sprudelnden Strom fortgerissen zu werden. Dann, als ich irgendwann wieder das seichte, rettende Ufer erreiche, reite ich auch schon mit dem wilden Schimmel, dem Nachtmahr, dessen perlmuttenen, pupillenlosen Augen mich musterten, davon. Er trägt mich über Ebenen mit dunklen Wolken, über Täler und durch die tiefsten Schluchten und Abgründe meiner Seele. Wie schon war doch der Flug mit dem Traumvogel über eine helle, hügelige, frische Landschaft, hinweg über weiße Wolken, geradewegs in den blauen, heiteren Himmel. Endlich kehren wir zurück und ich bin wieder in dem ruhigen, schlafenden und doch niemals ruhenden Gebäude. Ich bewege mich durch die Zimmer wie ein ungebetener Gast, fast schon wie ein Einbrecher. Überall sind sie, die Gesichter der Schatten, der Nacht, ja die Königin der Nacht hat viele Untertanen. Sie sitzen hinter den Stühlen, im Kristallleuchter, sie schlängeln sich an den Rahmen der Bilder, doch auch wir sind Untertanen der Nacht. Fühlen wir uns nachts nicht einer unbekannten Übermacht ausgeliefert, der wir machtlos, sogar hilflos gegenüber stehen? Vielleicht sind wir auch Sklaven der Dunkelheit, weil wir Lebewesen sind, die dem Tag und den Licht gehören; vielleicht fürchten wir aus diesem Grund die Finsternis samt ihren Gestalten, die uns im Grunde nur den Seelenspiegel vorhalten und uns gnadenlos zeigen, was wir sind oder wozu wir im Stande seinen können, in den tiefsten, dunkelsten, abgründigsten Tiefen unserer Seele. Ich trete auf den Balkon und atme die klare, kühle Luft der dunklen Nacht, sie erfrischt mich und auch das Innerste meiner Seele, einen wahre Seelendusche. So wie ich die Ruhe und Abgeschiedenheit der Nacht herbeisehne, so erwarte ich mit Freude und Entzücken das Nahen des Tages, dem wir Menschen doch gehören. Ich genieße die Ruhe und den Frieden der verblassenden Nacht mit freudiger Erwartung des erwachenden Tages, der alles anders erscheinen lässt. Ich liebe die Nacht, doch gehöre dem Tag. - E N D E - *** zum Anfang *** |