Old Jane A. Martin
 
Es war an der Westküste der Highlands. 
 
Kurz nach Mittag verließ ich Gairloch in Richtung Süden, vor Einbruch der Dunkelheit wollte ich das nächste größere Dorf erreichen. 
 
Die Sonne schien hell und klar vom Himmel, doch innerhalb kürzester Zeit wurde der Himmel pechschwarz und es begann zu regnen, ich glaubte, die Sintflut breche herein. Ich konnte keine fünfzig Meter voraus blicken, so dicht war der Regen. So einen Wolkenbruch hatte ich noch nie erlebt! 
 
Ich fuhr ganz langsam, um nicht über den Straßenrand ins Meer zu stürzen; dann sah ich etwas, wie ein Lichtschein eines Leuchtturms, nein, es war ein Haus. Ich hielt davor an, zog meine Jacke über den Kopf und stieg aus. 
 
Auf dem Schild, das über der Eingangstür hing und von Sturm und den Regentropfen hin und her bewegt wurde, stand „Old Jane“. Ich trat ein. 
 
Eine junge Frau in einem weißen Kleid und mit braunen, lange Haaren, die über ihre Schultern fielen, begrüßte mich. 
 
„Ich hätte gern ein Zimmer für die Nacht.“ 
„Tragen Sie sich bitte ein.“ 
Sie schob mir das Gästebuch hin und ich trug mich ein, sie blickte nicht auf meinen Namen, sondern schloss das Buch sofort, danach zeigte sie mir mein Zimmer. 
 
Im Zimmer loderte ein warmes, helles Feuer. Sie entzündete eine Petroleumlampe, über das Bett war eine mit Spitzen besetzte Decke gelegt, gegen das Fenster peitschte unaufhörlich der entsetzliche Regen. Neben dem Bett stand eine Kommode mit einem Spiegel darauf und einer Waschschüssel, sowie ein Krug mit Wasser. 
„Gefällt es Ihnen?“ 
„Ja, es ist schön.“ 
„Wollen Sie noch etwas essen?“ 
„Sehr gerne!“ 
Sie verdunkelte das Licht der Petroleumlampe, gab mir den Zimmerschlüssel, den ich in die Tasche steckte und führte mich in die Gaststube. 
 
Auch hier brannte ein wärmendes Feuer in dem großen Kamin. Ich setzte mich an das lodernde Feuer, schon nach kurzer Zeit brachte sie etwas zu essen und eine Flasche schottischen Whisky. Ich aß und wir kamen ins Gespräch. 
„Sind sonst keine Gäste hier?“ 
„Nein, schauen Sie sich doch das Wetter an! Da kommt keiner; bei so einem Wetter doch nicht! - Woher kommen Sie?“ 
„Aus Gairloch.“ 
„Das ist aber weit!“ 
„Mit dem Auto geht‘s.“ 
„Womit?“ 
„Mit dem Auto!“ wiederholte ich. 
„Ach so, mit dem roten Kasten da draußen!“ 
„Äh, genau!“ 
Das hatte mich doch etwas verwirrt, aber ich musste zugeben, dass diese junge Frau einen ganz besonderen Reiz auf mich ausübte. 
 
Ich nahm eine Schluck von dem außerordentlich guten Getränk, ich blickte auf das Etikett der Flasche, es war von achtzehnhundertvierzig! 
„Der ist aber ganz schön alt!“ 
„Es geht,“ sagte sie, „Erst wenn er über fünfzig Jahre alt ist schmeckt er am besten!“ 
Ich glaubte mich verhört zu haben! Älter als fünfzig Jahre? Der Whisky war immerhin einhundert-fünfzig Jahre alt! 
„Ich verstehe nicht?“ 
„Erst mit dem Alter nimmt er seinen guten Geschmack an, er nimmt den Geschmack der Holzfässer auf, dann schmeckt er erst vorzüglich und nicht so wie der da!“ 
„Ich meine das Alter!“, ich war jetzt vollkommen verwirrt. 
„Machen Sie sich nichts draus! Er schmeckt auch so nicht schlecht!“ 
Ich trank das Glas in einem Zug leer, sie schenkte mir ein und ich trank es wieder in einem Zug aus und wieder füllte diese hübsche Frau, von allerhöchstens sechsundzwanzig Jahren, das Glas voll. 
„Führen Sie die Wirtschaft hier allein?“ 
„Ja.“ 
„Und was ist mir Ihrem Mann?“ 
„Ich bin... nicht verheiratet.“ 
„So was! Sie sind doch, wenn ich das sagen darf, sehr schön und attraktiv!“ 
„Meinen Sie? Aber deswegen muss ich doch nicht heiraten, oder? Nur weil ich attraktiv bin!“ 
Sie saß mir gegenüber, das Feuer spiegelte sich in ihren braunen Augen und auf ihrem hellen Gesicht. 
„Sie sind der Erste, der so etwas zu mir gesagt hat!“ sagte sie, als sie den Teller und den Holzlöffel wegbrachte. 
 
„Hier kommen doch sicher viele Gäste und viele nette, junge Männer her und noch keiner wollte Sie?“ 
„Doch, das schon! Alle wollten sie mich, aber nur das eine wollten sie mit mir machen! - Mit mir kann man das ja machen, denken die!“ 
„Und es gab keinen, der Sie wirklich geliebt hat?“ 
„Oh doch!“ 
„Und was ist mit ihm?“ 
„Die Leute aus dem Dorf haben ihn vertrieben! Er kommt aber wieder, vielleicht heute!“ 
„Warum wurde er vertrieben?“ 
„Er hatte hier eine Farm geerbt, er war ein Verwandter eines Schafzüchters, der gestorben war, allerdings ein entfernter Verwandter; er kam dazu noch aus Kanada! Sie haben seine Schafe getötet, sein Haus in Brand gesteckt und ihn einmal fast zu Tode geprügelt!“ 
„Warum sind Sie beide nicht nach Kanada gegangen?“ 
„Ich wollte zuerst, aber ich sagte, es höre auf, wenn wir erst verheiratet wären. Er wollte weg! Er sagte, ich solle ihn an einem bestimmte Ort in den Bergen zu einer bestimmten Zeit treffen. Ich sagte, er solle doch dableiben. Er willigte ein und blieb.“ 
Sie schwieg. 
„Und was ist weiter passiert?“ 
„Als mein Vater bemerkte, dass ich schwanger bin, hätte er mich fast getötet. Er brachte das ganze Dorf zusammen und sie zogen bewaffnet gegen ihn. Doch er und seine drei Knechte waren besser bewaffnet, als die Männer aus unserem Dorf, sie hatten nur Hinterlader, er hatte aber die neuesten Gewehre aus der Neuen Welt, mit denen man mehrmals schießen kann, ohne zu laden!“ 
Wieder schwieg sie. Ich merkte, dass es ihr schwer, sehr schwer, fiel dies zu erzählen, dennoch wollte sie fortfahren. 
„Als mein Vater begriff, dass sie gegen ihn nicht ankommen konnte, holte er mich. Er rief zu ihm, dass er mich töten werde, wenn er das Dorf nicht sofort verlassen werde. Er verließ es, doch bevor er ging sagte er, er werde wieder kommen. Er sagte, dass alle es hörten: ‚Wenn ihr glaubt, wenn auch nur einer in dieser Gegend glaubt, die Sintflut bricht herein, - dann werde ich zu Jane zurückkehren!‘“ 
„Und was geschah dann, als ihr Freund weg war?“ 
„Mein Vater schickte mich weg! Hier her.“ 
„Was geschah mit ihrem Kind?“ 
„Als ich merkte, dass es soweit war ging ich ins Dorf zum Arzt, die Hebamme wollte nichts mit mir zu tun haben. Es kam, Gott sein ewig Dank, gesund zur Welt! Ich musste aber sofort wieder zurück ich durfte nicht meinem Vater begegnen. Als es Nacht war ging ich. Auf dem Heimweg begegnete ich meinem Vater, der Teufel möge ihn auf ewig in der Hölle quälen! Er entriss mir meine Tochter, sie hatte nicht einmal die Nottaufe und warf sie ins Meer. Er brüllte: ‚Nicht einmal einen Sohn bringt der Hund aller Hunde zu Stande! Soll der kleine Bastard hier doch zu seinem Dreck von Vater schwimmen!‘ Ich wollte ihn, obwohl ich völlig entkräftet war, zurückhalten, er schlug mich mit seinem langen Hirtenstab, mit der Unterseite, mit der Eisenspitze nieder! Ich blieb bewusstlos liegen. Als ich zu mir kam dämmerte bereits der Morgen, keiner aus dem Dorf hatte mir geholfen und von dem Arzt hatte man nie wieder etwas gehört, er war seit diesem Tag verschwunden.“ 
„Und was ist mit Ihrem Vater geschehen?“ 
„Das weiß ich nicht, ich habe ihn nie wieder gesehen! Er kam auch nie in das Gasthaus. Nur die anderen Männer aus dem Dorf. Ja, sie kamen, um mich zu nehmen, einfach so, sie kamen nur zum Vergewaltigen vorbei! Verstehen Sie das!? - Bis ich einen von ihnen tötete, dann nicht mehr.“ 
Ihr liefen Tränen über das hübsche Gesicht, das all dies nicht einmal erahnen ließ. Ich setzte mich neben sie und nahm sie in den Arm. 
„Warum sind Sie nicht zur Polizei gegangen?“ 
„Polizei? Die hatte doch viel zu viel Angst vor meinem Vater und dem Dorf.“ 
„Sie hätten doch zu ihrem Freund gehen können.“ 
„Ich wusste aber nicht wohin genau er gegangen ist. Er sage doch, dass er wiederkommen werde!“ 
Sie weinte und vergrub ihr Gesicht in meiner Schulter. Ich küsste ihr zartes, braunes Haar. Ich trug sie die Treppe hinauf in ihr Zimmer, sie weinte noch immer und ich brachte sie zu Bett. 
 
Ich zog ihr langes, weißes Kleid aus, danach das Mieder und die Schuhe. Jetzt atmete sie leichter, eine lange, weiße Narbe verlief von der linken Schulter über die Brust zum Brustbein. Auf dem Rücken hatte sie unzählige kleine Narben. 
Ich zog ihr das Nachthemd über, all ihre Kleidung sah aus, wie aus dem letzten Jahrhundert. Ich deckte sie zu und legte Holz nach, damit das Feuer mehr Wärme ausstrahlen konnte. Sie hatte sich bald wieder beruhigt und war bei sich. 
 
Sie flüsterte meinen Namen! 
„Komm zu mir, halte meine Hand!“ 
Ich stellte den Stuhl neben das Bett und umfasste mit beiden Händen ihre schmale, zarte, linke Hand. 
Auf dem Nachttisch stand ein Bild eines jungen Mannes vor einer Blockhütte, das schon ziemlich vergilbt war, es schien ihr Freund zu sein, auf den sie noch immer wartete. Aus irgendeinem Grund nahm ich das Bild aus dem Rahmen, auf er Rückseite stand: 
 
                   „Aus unendlicher Liebe 
                                          & für Jane“, 
 darunter sein Name. 
 
Sie hatte nicht meinen Namen genannt, denn sie hatte nicht nach ihm gefragt und sie hatte auch nicht auf meine Eintragung in dem Gästebuch gesehen, sondern sie nannte den ihres Geliebten! 
 
Ich blieb die ganze Nacht bei ihr sitzen. 
 
Am nächsten Morgen, nach einem kräftigen Frühstück sollte ich weiterfahren. 
„Ich verstehe dich nicht.“ 
„Warum nicht, Jane?“ 
„Du hättest gestern Abend alles mit mir machen können, als ich im Bett lag! Warum hast du nur neben mir gesessen?“ 
„Weil... weil... ich dich dazu zu begehrenswert finde!“ 
„Dann hättest du es erst recht tun sollen!“ 
„Nun ja, ich mag dich halt!“ 
„Ich danke dir, dass du mir zugehört hast. Ich fühle mich jetzt viel freier. Du warst wie mein Freund, du hast mich wie eine Frau behandelt und nicht wie ein Stück Dreck! - Aber ich weiß, er wird kommen, auch wenn ich ewig warten muss!“ 
Ich gab ihr meinen Zimmerschlüssel. 
„Was muss ich bezahlen?“ 
„Nichts! Wenn einer bezahlen muss, dann ich! Du warst so gut zu mir.“ 
„Ich muss dann fahren.“ 
„Bitte bleibe doch!“ 
„Ich kann nicht, ich muss übermorgen wieder arbeiten gehen.“ 
„Da kann man nichts machen. Ich werde auf ihn warten, er wird kommen, ganz bestimmt, meinst du nicht auch?“ 
„Sicher!“, und etwas leiser zu mir, 
„Vielleicht war er schon da.“ 
„Wie meinst du?“ 
„Ach nichts! - Leb wohl, Jane!“ 
Wir umarmte uns. Wir küssten uns. 
 
Sie blieb in der Tür stehen. Sie hatte Tränen in den Augen, als ich in mein Auto stieg, dann hörte ich sie nur noch sagen: 
„Vergiss nicht ‚Old‘ Jane!“ 
 
Ich sah sie noch eine Weile vor dem Haus stehen, ihr braunes Haar wehte im Wind, dann war sie plötzlich verschwunden, auch das Haus sah mit einem Mal so merkwürdig verfallen aus. 
 
Kurz vor Mittag erreichte ich das nächste Dorf mit einer Tankstelle. 
„Das war vielleicht ein Wetter heut‘ Nacht!“ sagte der alte Tankwart. 
„Das war es! Ein Glück, dass ich einen Gasthof gefunden habe!“ 
„Ich hoffe, einen guten, denn hier gibt es nur wenige und noch weniger davon sind gut.“ 
„Doch er war gut.“ 
„Wie hieß er denn?“ 
„Der Gasthof? ‚Old Jane‘, bei ‚Old‘ Jane war ich die Nacht über!“ 
Der Mann erschrak. 
 
Ich fing von der Nacht zu erzählen an. Er hatte voll getankt, ich bezahlte und stieg in meinen Wagen, der alte Mann kam an das Fenster und sagte: 
„Sie ist schon seit hundert Jahren tot!“ 
 
                                                                                            - E N D E - 

 
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