Hinter dem Vorhang A. Martin
 
Mein Name ist eigentlich nicht von Bedeutung, aber vielleicht ist es nicht von Nachteil, wenn ich meinen Namen nenne, ich heiße Joanne Claire Caroll. Ich lebe in einem Villenvorort von London. 
 
Im Herbst achtzehnhundertsechzig zog ein Mann namens Sheldon Raccoon in die Nachbarschaft und lud zu einem großen Fest. Meine Eltern und ich waren auch eingeladen, da er nur drei Häuser entfernt wohnte. 
 
Ein Diener ließ uns ein, wir legten unsere Mäntel ab, denn wurden wir zu Mister Raccoon geführt. Er unterhielt, ich sollte besser sagen, er wurde von Mrs. Chapman in Beschlag genommen; sie erzählte vermutlich ihre Lebensgeschichte oder ein paar Witze, über die nur sie selbst lachen konnte. Mr. Chapman stand am Buffet, seine Kugelfigur war nicht zu übersehen, nachdem er sich einen Teller vollgeladen hatte, sah er sich verstohlen nach seiner Ehefrau um, dann verschwand er, so unauffällig es seine Figur zuließ, durch eine Tür. Mr. Raccoon war glücklich, dass er von Mrs. Chapman loskam, um uns zu begrüßen; der Diener sagte: 
„Mr. und Mrs. Caroll, sowie Miss Joanne Caroll!“ 
„Herzlich Willkommen!“ 
Er gab meiner Mutter einen Handkuss, schüttelte meinem Vater die Hand, dann begrüßte er mich: 
„Willkommen, Miss Caroll, sie sehen bezaubernd aus! Darf ich Sie zum Buffet führen?“ 
„Bitte, Mr. Raccoon.“ 
Ich hörte nur noch Mrs. Chapman mit ihrer schrillen Stimme sagen: 
„Oh! Mrs. Caroll! Hallo, liebste April, ich habe Ihnen so viel zu erzählen! Wo ist denn ihr kleines Töchterchen? Naja, sucht bestimmt Christopher! Also gestern hat doch...“ 
 
Mrs. Chapman und meine Mutter wollten unbedingt, dass ich Mrs. Chapmans Sohn Christopher heiraten sollte, das wäre weiter nicht schlimm, wenn er nur nicht so langweilig und kleinkindlich gewesen wäre. 
„Was darf ich Ihnen anbieten, Miss Caroll? Kaviar, Schinkenröllchen mit Bananensoße, Plumpudding oder vielleicht Gebäck?“ 
 „Ein wenig Gebäck.“ 
Er legte sieben verschiedene Gebäckstückchen auf meine Teller, ein Diener bot Champagner an, Mr. Raccoon nahm zwei Gläser. 
„Sie sind zum rechten Zeitpunkt gekommen, Miss Caroll.“ 
„Nennen Sie mich bitte Joanne.“ 
„Joanne!“ 
„Mrs. Chapman hat sich vorzüglich mit Ihnen unterhalten!“ 
„Oh ja, sie erzählte mir ihre ganze Lebensgeschichte.“ 
Wir unterhielten uns sehr gut, er erzählte nicht so langweiliges Zeug, wie Christopher, der nur über Pferderennen, Hunderennen und Kricket sprach. Mr. Raccoon sprach über die Welt, erzählte mir von anderen Ländern. 
„Sie sind viel herumgekommen, Mr. Raccoon?“ 
„Das bin ich, aber bitte nennen Sie mich doch Sheldon!“ 
„Also gut, Sheldon.“ 
„Ich habe schon alle Kolonien besucht.“ 
Wir saßen bereits in einem stilleren Zimmer, nicht in der Halle, wo all die Gäste waren. 
„Wenn ich das einmal so sagen darf, Joanne, sind wir nicht das Volk, das andere unterwerfen, unterdrücken und zivilisieren darf! Kein Volk darf ein anderes sich Untertan machen!“ 
„Meinen Sie?“ Was wollte er damit andeuten, dachte ich bei mir. 
„Nehmen wir einmal die Eingeborenen Australiens...“ 
„Ich habe von ihnen gehört, die haben ja noch Steinwerkzeuge!“ 
„Das stimmt, aber sie haben ein Wurfholz, das Bumerang genannt wird, was so viel heißt wie ‚Komm-zurück-Holz‘, es ist eine Jagdwaffe und wenn die Beute nicht getroffen wurde, kehrt es zum Werfer zurück.“ 
„Wie das?“, fragte ich interessiert. 
„Das weiß niemand, es kommt einfach zurück. Sie haben auch ein Holz, das schwingen sie durch die Luft; es surrt oder brummt dann, man kann es viele Meilen weit hören, es ist ihr Telegraf.“ 
„Ist ja beeindruckend!“ 
„Ich langweile Sie, Joanne. Wir können auch über Pferderennen oder vielleicht...“ 
„Nein! Das macht Christopher schon immer!“ 
„Wer ist Christopher?“ 
„Der Sohn von Mrs. Chapman, die Sie so gut unterhalten hat.“ 
„Ach, der Trottel! - Verzeihen Sie, bitte, Joanne.“ 
„Ist doch die Wahrheit.“ 
 
Sheldon war sehr nett, ich glaubte, mich in ihn verliebt zu haben, ich fand ihn so interessant. Er hatte eine so anschauliche Art zu erzählen, dass man glaubte, dabei zu sein und dann seine herrlich weiche Stimme, die den Zuhörer nie ermüden ließ. Er sah dazu noch gut aus, gut gepflegtes Haar und fein angezogen. 
 
Wir redeten über so viel,  auch über Technik, das fand ich sehr aufregend, noch kein Mann hatte mit mir über Technik geredet. Ich hatte schon immer wissen wollen, warum eine Dampflokomotive fährt, meine Mutter sagte nur immer, das sei nichts für Mädchen. Mr. Raccoon schien darauf keine Rücksicht zu nehmen, er erzählte, was ihm gerade in den Sinn kam und ich hörte ihm aufmerksam zu und vergaß dabei sogar mein Gebäck. Ich hatte mich in ihn verliebt. 
 
„Sheldon, wissen Sie eigentlich, dass ich eine Frau bin?“ 
Er sah mich verdutzt an. 
„Ja!“ sagte er ganz kurz. 
„Und Sie erzählen mir hier, wie man das Telegrafennetz verbessern sollte! Eigentlich ist das nicht das richtig Gesprächsthema für Frauen.“ 
„Wer sagt das? Das sagen die Männer! Warum sagen sie das? Weil sie sonst kläglich untergehen würden, hart gesagt. Deshalb und nur deshalb! Es ist die Angst des Machtverlustes, nur war Wissen hat, hat auch Macht. In der Südsee gibt es so etwas wie Vaterschaft nicht, da ist alles anders, genau umgekehrt, die Frau vererbt ihr Hab und Gut an ihre Tochter. Der Mann kann sehen wo er bleibt.“ 
„Aha!“ 
„Genau! Und auf Neuguinea herrscht sogar so etwas wie Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Diese Menschen leben noch in der Steinzeit. Es gibt keine Familien, sondern nur de Stamm, es wird beraten, was zu tun ist und wenn gejagt werden muss gehen die körperlich Starken, das sind nur einmal die jungen Männer auf Jagd. Die älteren bleiben daheim, sammeln Beeren oder gerben Felle zusammen mit den Frauen, die die Kinder aufziehen, bis sie sprechen, laufen, essen können, dann gehen sie Beeren sammeln und manchmal auch mit auf die Jagd. Da die Frauen älter als die Männer werden, sind sie die Hüter der Kultur.“ 
„Ist ja höchst interessant.“ 
„Diese Menschen sind wohl die friedfertigsten der Erde, sie haben noch nie einen Krieg geführt!“ 
 
Meine Eltern hatte mich gefunden, sie wollten gehen, also verabschiedeten wir uns von Mr. Raccoon. 
Auf dem Heimweg beschwerte sich meine Mutter: 
„Christopher hat dich gesucht! Du hast dich keinen Augenblick um ihn gekümmert! Du hast die ganze Zeit nur Mr. Raccoon gelangweilt! Du hättest dich wenigstens mit Mrs. Chapman unterhalten können!“ 
„Mutter!“ 
„Du musst dich mehr um Christopher kümmern, er ist so ein netter Junge!“ 
„Das ist es ja! Ich finde das so schrecklich! Er tust so als sei er erst zwölf und er glaubt, ich sei noch sieben!“ 
 
„Er unterhält sich doch immer so nett mit dir über Pferde, sogar über Nähen und Kochen, ist doch so nett von ihm auf dich Rücksicht zu nehmen!“ 
„Mutter, ich nähe nicht gern und kochen will ich schon gar nicht! Ich kann ihn nicht ausstehen! 
„Kind! Mein liebes Kind! Willst du deine Mutter und deinen Vater unglücklich machen?“ 
„Du machst mich unglücklich, Mutter!“ 
„Was? Ich habe dir die schwierigsten Stickmuster beigebracht und du bist unglücklich! Dein Mann wird sich einmal darüber freuen! - Charles! Sag doch auch was!“ 
„Was? Ja. Deine Mutter hat... äh... recht.“ 
So ging es, bis wir zu Hause waren! Ich war froh endlich im Bett zu sein. 
Es klopfte an die Tür. 
„Ja!“ 
Die Tür öffnete sich leise, mein Vater kam herein. Er setzte sich an den Rand meines Bettes, sah sich um, dann sagte er leise, als ob wir belauscht würden: 
„Das war gut von dir! Ich kann den blöden Christopher und seine schreckliche Mutter auch nicht ausstehen, aber John ist in Ordnung,“ er meinte Christophers Vater. 
„Danke, Vater!“ 
„Schlaf schön mein Kind und - weiter so!“ 
 
Ich sah Sheldon Raccoon jetzt öfters, er kam ab und zu zum Tee. Er war sechsundzwanzig Jahre alt, wie er sagte, aber hatte die Weisheit, als würde er schon ewig leben. 
 
Es war im Januar, ich klingelte bei Sheldon Raccoon, ein Diener öffnete. 
„Bitte folgen Sie mir“, sagte er würdevoll, nachdem ich meinen Mantel abgelegt hatte. Er führte mich vor eine geschlossene Tür und ließ mich dort auf Mr. Raccoon warten. 
Er kam aus der Tür, er hatte eine Handschaufel und einen Handbesen in seiner linken, auf der Schaufel lagen kleine Gesteinsstücke. 
„Oh, Joanne! - Einen Augenblick!“ 
Er verschwand, kehrte aber sofort wieder zurück, ohne die Schaufel und den Besen. Er fuhr mit mir zum Essen, danach war ich noch lange, sehr lange in seinem Haus. Er zeigte es mir, bis auf einen Raum, nämlich denjenigen, aus dem er mit der Schaufel voll Steinstückchen gekommen war. Ich fragte ihn, was in dem Raum sei. Das war das erste Mal dass er von seiner ruhigen Art abließ und aufgebracht sagte: 
„Nichts! Da ist nichts darin! Der Raum ist leer!“ 
„Dann zeig ihn mir!“ 
„Nein, er ist ganz schmutzig!“ 
Ich wollte die Tür öffnen, er ergriff meinen Arm mit eiserner Hand, dann sagte er wieder in seiner ruhigen Art: 
„Entschuldige bitte, Joanne. Du darfst diesen Raum niemals betreten, es ist gefährlich.“ 
„Was ist in dem Raum?“ 
„Weißt du, was Ewigkeit ist?“ 
„Das ewige Leben?“ 
„Ja. Aber nicht nach dem Tod!“ 
„Ich verstehe nicht ganz, Sheldon!“ 
„Kannst du dir vorstellen, ewig zu leben oder nur eine Sekunde der Ewigkeit?! 
„Was soll das? Was für eine Sekunde?“ 
„Eine Sekunde der Ewigkeit! Kannst du dir vorstellen, Joanne, bis zum Ende der Erde zu leben?“ 
„Ja! Mit dir Sheldon!“ 
„Du wirst nie sterben! Es ist schön zu sterben. Es ist die Hölle ohne den Tod, jeder stirbt, nur du nicht. Der Tod hat dich einfach vergessen, er geht immer an dir vorüber.“ 
„Mit dir wäre es wundervoll, Sheldon!“ 
„Du hast keine Ahnung vom Leben und vom Tod! Du überlebst deine Kinder, Enkel, Urenkel und deren Urenkel...“ 
„Sheldon, was ist mir dir?“ 
„Joanne, du verstehst mich nicht.“ 
„Oh doch, ich soll nicht sehen, was in dem Raum ist!“ 
„Ja.“ 
„Was ist in dem Raum?“ 
„Das Abbild meines wahren Seins, die Zeit bis zum Ende der Ewigkeit! - Frag mich nie wieder etwas über diesen Raum! Versprich es mir, ich bitte dich darum, liebste Joanne!“ 
Er zog mich fest an sich und umarmte mich. 
„Versprich es, Joanne! Meine liebste Joanne!“ 
„Ich verspreche es, ich frage dich nie wieder, was in diesem Raum ist.“ 
„Danke.“ 
Er ließ mich los und brachte mich dann nach Hause. 
 
Es war eine Woche später, ich wartete bis er weggefahren war, dann klingelte ich bei ihm. 
„Oh, Miss Caroll! Mr. Raccoon ist nicht anwesend.“, sagte der Diener. 
„Ich werde warten.“ 
„Wie Sie wünschen.“ 
Er ließ mich eintreten und nahm mir meinen langen Mantel ab. 
 
Er führte mich in die Bibliothek. Als es sich entfernt hatte, schlich ich mich nach oben. Kein Angestellter war zu sehen. Ich drückte langsam die Türklinke herunter, sah mich dabei immer um; die Tür war offen, ich ging hinein und schloss die Tür ebenso leise, wie ich sie geöffnet hatte. Ich drehte mich um! 
 
Der Raum war leer! Nichts war darin, nur gegenüber der Tür, an der anderen Wand, vor einer Nische in dieser Wand, hing ein Vorhang. 
 
Langsam ging ich auf ihn zu, mein Herz schlug immer schneller, ich begann am ganze Körper zu zittern. Ich berührte den Vorhang, er war aus schwerem Stoff, ich wollte ihn gerade zurückziehen. 
„Joanne! Nein!“ 
Ich erschrak und drehte mich herum, er kam auf mich zu gerannt und zog mich aus dem Zimmer und schloss ab. 
„Joanne! Warum hast du das getan?“ 
„Ich wollte wissen, was hinter dem Vorhang ist!“ 
„Du kennst nicht die Macht über die Zeit!“ 
Ich konnte nicht antworten, er redete weiter: 
„Es gibt eine Macht, die stärker ist als der Tod. Sie hält den Tod von dir ab und alles wegen eines Fehlers. Erst wenn eine Sekunde der Ewigkeit vergangen ist, wird der Tod mich aufsuchen. Erst dann darf ich meinen ersehnten Frieden finden.“ 
„Ich liebe dich, Sheldon! Ich will dich heiraten! Ich will dich nie mehr verlassen!“ 
„Eine Sekunde der Ewigkeit! Ich kann nicht.“ 
Er sprach wieder in seinem ruhigen Ton. 
„Ich liebe dich, Sheldon! Kannst du das nicht verstehen? Ich bin schon neunzehn!“ 
„Ich verstehe dich nur allzu gut, geliebte Joanne! – Geh! Verschwinde! Komm nie wieder zurück!“ 
 
Ich rannte weg, nach Hause, ich weinte die ganze Nacht. 
Am nächsten Morgen war Mr. Sheldon Raccoon verschwunden, so wie er gekommen war. Ich ging in das verlassene Haus, es war leer, ich ging zu dem Raum. Die Tür war geschlossen. Es war unheimlich still in dem großen Haus, es herrschte Totenstille in der großen Halle mit den vier mächtigen Säulen. Langsam drückte ich die Türklinke herunter, sie war nicht verschlossen. Ich riss die Tür auf! Da sah ich es! 
 
Der Vorhang war bei Seite gezogen! 
 
In der Nische stand  –  nichts! 
 
Es lagen nur ganz kleine Gesteinsstückchen auf dem Boden der Nische. 
 
Ich heiratete niemals. Nicht Christopher und auch sonst keinen anderen. 
 
Ich sah Mr. Sheldon Raccoon, der sich jetzt aber anders nannte, im Jahre neunzehnhunderteins, auf irgendeinem Empfang. Er sah noch immer genau so jung, gut und gepflegt aus, wie einundvierzig Jahren zuvor. Er sprach mit einem jungen Mädchen, so wie ich es vor sehr sehr langer Zeit einmal gewesen war, über die Welt und die ewige Jugend, die er doch zu besitzen schien. 
„Guten Tag, Mr. Raccoon!“ sagte ich, als ich an ihm vorbei ging, er sah mich an: „Mein Name ist... Joanne?“ 
Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. 
 
Ich habe nie erfahren, was hinter dem Vorhang war. 
 
                                                                                                - E N D E - 
 

 
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