| Teil 1
Sie lag unter einem schweren Trümmerstück. Jedesmal, wenn sie versuchte, sich darunter hervorzuwinden, sackte es hinterher. Der Druck auf ihre Brust wurde schier unerträglich. Als sie meinte, überhaupt nicht mehr atmen zu können, wachte sie endlich auf. Sie war auf das flache Ende des Bettes gerutscht, oder besser, John hatte sie wohl heruntergeschoben. Soweit sie es fühlen konnte, lag er schräg auf dem flachen Teil des Bettes und teilweise auf ihr. Er schlief sehr zufrieden und tief. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, schob sie sich vom Bett. Es war herrlich, wieder frei atmen zu können. Sie streckte sich vorsichtig, um die verkrampften Glieder zu lockern. Langsam, tastend ging sie durch den verdunkelten Raum in Richtung Hygienezelle. Plötzlich stiess sie mit den blossen Zehen an etwas Hartes und stolperte. Instinktiv streckte sie die Hände aus und es gelang ihr, sich auf dem kleinen Abstelltisch abzustützen. "V'char!" Sie zischte vor Schmerz auf. Nicht nur ihr Zeh war sicher blau gestossen, auch mit ihrer Hand war sie auf etwas Hartes gestürzt. Sie nahm es hoch. Es schien eine kleine Kugel zu sein. Soweit sie sich erinnerte, hatte nichts auf dem Tisch gelegen, als sie in ihr Quartier gekommen waren. Und es war auch keine Zeit und Gelegenheit gewesen, etwas darauf zu legen. Sie wusste sicher, dass sie den ganzen Abend nicht in seine Nähe gekommen war. Und John auch nicht. Hatte einer der Gratulanten etwas vergessen? Oder ein Scherzgeschenk hinterlassen? John hatte ihr von dem irdischen Brauch erzählt, einem Hochzeitspaar einen Streich zu spielen, und lachend erklärt, dass er das erste Mal in seinem Leben froh sei, weit weg von seinen Verwandten und Freunden auf der Erde zu sein. <Hatte eines der Besatzungsmitglieder das Ding dorthingelegt?> wunderte sie sich. Wogegen sie mit dem Fuss gestossen war, wusste sie hingegen genau. John hatte seine Schuhe von den Füssen gestreift und sie fallen gelassen, als endlich der letzte Gratulant ihr Quartier verlassen hatte. Sie hatte ihn gebeten, sie ordentlich unter das Bett zu stellen, aber er hatte sie lachend in den Arm genommen und geküsst und dann hatten sie wichtigeres zu tun gehabt, als Schuhe aufzuräumen. Sachte schob sie den Schuh mit einem Fuss unter das Bett, um nicht wieder dagegenzustossen, wenn sie zum Bett zurückging. Sie fühlte mit dem Fuss nach dem anderen, um ihn auch aus dem Weg zu schieben, doch er war nicht zu finden. Offensichtlich lag er schon unter dem Bett oder dem Tisch. Delenn seufzte leise. Gedankenlose Unordnung verabscheute sie. Sie würde mit John darüber sprechen müssen. Nun ja, vielleicht nicht gerade morgen. Sie lächelte und ging zur Hygienezelle, ihren unerklärlichen Fund immer noch in der Hand. Dort würde sie ihn bei Licht anschauen können, ohne John zu wecken. Sie schloss die Tür und aktivierte das Licht. Es war zu grell und sie kniff die Augen zusammen, bis sie es zu einem angenehmen Dämmerlicht geregelt hatte. Dann schaute sie auf das, was sie gefunden hatte. Es war tatsächlich eine Kugel, eine fast perfekte weisse Kugel aus einer glasähnlichen Masse. Sie rollte sie sinnend zwischen den Fingern hin und her. An einer Seite der Kugel war ein blauer Ring mit einem schwarzen Zentrum. Ein Augenimitat. Wie geschmacklos. Wer wohl auf diese Idee gekommen war? Sicher kein Minbari. Und wie war die Person so schnell in den Besitz solch eines Imitats gelangt? Sie hatten ihre Hochzeit sehr kurzfristig geplant. Wer von den Personen, die auf dem Schiff waren, könnte wohl auf so etwas gekommen sein? Und hatte eine Vorstellung davon, wo sie eines herbekommen könnte? Plötzlich erstarrte sie. Es war für die Person überhaupt nicht nötig gewesen, ein Imitat zu besorgen, denn es war kein einfaches Imitat. Das war kein Scherz, sondern eine unverschämte Indiskretion und Unhöflichkeit. <G'Kar!> Sie schrie es fast laut. Er hatte sie beobachtet bei... Sie versuchte sich zu erinnern, was genau der Narn wohl gesehen haben könnte und die Scham liess ihr das Blut zu Kopf steigen. In ihrer ersten Wut wollte sie das künstliche Auge in den Utilisator werfen. Fort und weg. Sollte er sehen, wie er ohne auskam. Aber jahrelange Übung im Tempel hielt sie davon ab, ihrer ersten Wut nachzugeben. Sie schloss die Augen und rezitierte in Gedanken einen beruhigenden Gesang. Nein, leider, sie konnte das Auge nicht einfach fortwerfen, so gern sie es auch täte. Aber G'Kar würde sich fragen lassen müssen, wo er es gelassen habe. Und Stephen wäre brüskiert, wenn das künstliche Auge, das er unter viel Mühe für G'Kar importiert hatte, einfach verschwände. <Seltsam eigentlich,> kam ihr in den Sinn. <Da lebe ich mit jemandem vier Jahre auf einer Raumstation, sehe ihn fast jeden Tag und habe nicht einmal die leiseste Vorstellung davon, dass er so etwas tun könnte.> Hätte John eine Lösung? Sie stellte sich vor, wie er wohl reagieren würde. Nein, ausgeschlossen. Er war bestimmter, energischer geworden seit seiner Rückkehr von Z'Ha'Dum und er hatte einen ausgesprochen fatalen Hang für drastische Massnahmen entwickelt. Wenn er G'Kar nicht sofort ins All hinauswerfen liess, wäre das mindeste, dass er ihn umgehend von Babylon 5 verweisen und nach Narn zurückschicken würde. Und den Kha'Ri über den Vorfall ausführlich informieren. Aber sie brauchten G'Kar für die geplante neue Allianz. Mit seiner Beredsamkeit würde es viel leichter sein, die Völker von einem Beitritt zu überzeugen. Und die Narn selbst würden kaum der Allianz beitreten, wenn ihr Botschafter von der Station geworfen würde. Nein, es war unmöglich für sie, die Sache mit John zu besprechen. Mit jemand anderem? Einem Minbari? Aber wie würde G'Kar in dessen Augen dastehen? Und sie selbst, was würde er wohl darüber denken, dass sie das einem anderen mitteilte? Auch Lennier wäre wohl kaum der geeignete Ratgeber in dieser Situation. Und Londo? Lächelnd schüttelte sie den Kopf. Sicher nicht. Auch wenn die beiden keine erbitterten Feinde mehr waren, würde der Centauribotschafter diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen, G'Kar zu verspotten. Und wie stünde sie selbst da vor ihm? Nein, es war eine private Angelegenheit, in die niemand hineingezogen werden durfte. Und John, obwohl er auch betroffen war, schied als Ratgeber aus. Sie musste allein entscheiden, was zu tun war. Sehen wollte der Narn. Nun, dann sollte er sehen. Sie überlegte boshaft lächelnd, ob im Archiv des Schiffes wohl ein Kristall mit Aufzeichnungen über eine Spoofarm zu finden war. Obwohl, Spoo war nicht das richtige. Ohne das Seufzen und Stöhnen dieser merkwürdigen Kreaturen wäre die Rache nur unvollkommen. Was würde G'Kar wohl verabscheuen? Sie nahm ihren Morgenmantel vom Haken und legte ihn um. Das Auge steckte sie in die Tasche. Dann löschte sie das Licht und wartete einen Moment, um ihre Augen wieder an die Dunkelheit zu gewöhnen. Vorsichtig öffnete sie die Tür und tappte auf blossen Füssen in den kleinen Wohnraum hinüber. Die Tür zum Schlafraum schloss sie hinter sich. "Computer, ich brauche visuelle Aufnahmen. Thema: unbestimmt. Auswahlkriterium: Alles, was ein Narn nicht sehen möchte." <Bitte warten... bitte warten... Es tut mir leid, dieses Auswahlkriterium ist nicht codiert. Bitte präzisieren Sie Ihre Suche.> Delenn seufzte und brach die Suche ab. Ja, wenn sie wüsste, was sie suchte, wäre es einfacher. Oder wenigstens, wo sie die Suche beginnen sollte. Sie spielte unbewusst mit dem Auge in der Tasche ihres Morgenmantels. Was G'Kar wohl jetzt sah? Wusste er, wo sich sein Auge jetzt befand? Und wenn sie es verlor? Wie würde er es wiederfinden können? Sie lächelte plötzlich befreit. Ja, sie würde es einfach "verlieren". Sie stellte sich vor, wie er wohl das Raumschiff danach absuchen würde und schüttelte sich vor unterdrücktem Lachen. Wie lange er wohl haben würde, bis er es fände? Und was würde er wohl den neugierigen Besatzungsmitgliedern sagen, was er suche und warum? Und Mollari, der ihm überhaupt nicht mehr von der Seite zu weichen schien? Was geschähe, wenn irgendjemand anders das Auge fände? Mollari oder ein anderer... Es reichte wirklich, wenn zwei Personen von dieser Ungeheuerlichkeit wussten. Delenn wünschte, sie wäre nie erwacht in dieser Nacht. Sie seufzte. Würde ihr denn gar nichts anderes übrigbleiben, als G'Kar das Auge einfach zurückzugeben? Etwa so: "Ah, G'Kar, ich grüsse Sie. Ich bin froh, Sie zu sehen. Ich glaube, Sie haben gestern etwas in unserem Quartier vergessen." Nein, natürlich ging es nicht auf diese Weise. Schon weil unweigerlich John und Mollari dabeisein würden... Aber zurückgeben musste sie es ihm, und das, bevor irgendjemand etwas erraten konnte. Sollte sie es rasch in sein Quartier bringen? Ach, sie wusste ja nicht einmal wo es lag. Nein und nein und nein! Fiel ihr denn überhaupt nichts brauchbares ein? Das Signal des Computers riss sie aus ihren Gedanken. Er meldete, dass der programmierte Kopiervorgang beendet sei. Ach ja, die Protokolle der Verhandlungen mit Präsidentin Lutschenko. <Die Datenkristalle sind kein Problem,> dachte sie verärgert, <die stecke ich in ein Säckchen und drücke sie ihm in die Hand...> Delenn lächelte. Ein Lächeln, dass Lennier wohl nie an ihr für möglich gehalten hätte. Jetzt hatte sie durch Zufall eine wunderbare Möglichkeit gefunden, G'Kar sein Auge zurückzugeben und ihn gleichzeitig über dessen Verbleib im Unklaren zu lassen. Sie sprang auf, streckte sich und verbeugte sich dann scherzhaft zeremoniell vor dem Terminal: "Computer, ich danke dir für deine Hilfe." <Der eingegangene Befehl konnte nicht identifiziert werden. Bitte wiederholen.> "Mach dir keine Gedanken!" Delenn lachte leise über die stereotype Reaktion des Computers und ging zum Schlafraum zurück, hoffend, dass John ihr irgendwo eine ausreichend grosse Lücke auf dem Bett gelassen hatte, so dass sie ihn nicht wecken musste. |