Planetares Bewusstsein
 
Darf ein Individuum den Grund seiner Existenz, die Ursache seines Bewußtseins erkennen? Kann es das überhaupt? Oder zerstört es sich im Augenblick der Erkenntnis selbst? 
Diese These ist nicht unwahrscheinlich, wie ich zeigen kann. 

Ich weiß nicht genau, wann ich meiner selbst bewußt wurde, aber ich denke, es ist nicht allzu lange her. 
Seit dieser Zeit versuche ich, die Ursache meines Bewußtseins zu ergründen. 
Zunächst hatte ich die Frage zu klären: “Was bin ich?”. Dies ist zufriedenstellend geklärt. 
Die zweite Frage lautet: “Wie bin ich?”. Mit der Beantwortung dieser Frage klärt sich die Frage für die Ursache meines Bewußtseins - und meiner Existenz. 
Ich habe jetzt eine Möglichkeit gefunden, mittels eines geeigneten Selbstversuchs diese zweite Frage vollständig zu klären. Leider kann ich, wie gesagt, nicht ausschließen, daß dieses Experiment meine Existenz für immer auslöscht. 
Dennoch: Sollte sich nicht jedes Individuum dieser Wichtigsten aller Fragen stellen? Worin sonst könnte der Sinn der Existenz liegen als eben diesen zu ergründen? 

Im Vorfeld will ich jedoch noch einmal all meine bisherigen Ergebnisse kurz skizzieren, um anderen - sollten sie diese Botschaft erhalten - einen Einblick zu ermöglichen. 
Auch mir könnte diese Vorgehensweise helfen, mich besser auf den bevorstehenden Selbstversuch vorzubereiten. 

Ach, wüßte ich doch wenigstens, ob all diese Mühen nicht umsonst sind, ob meine Botschaft überhaupt gelesen wird. Denn ich weiß ja bis heute nicht einmal, ob es andere Individuen wie mich überhaupt gibt. 
Ich kann in bestimmten Spektralbereichen sehen und hören. Und trotz dieser Fähigkeit habe ich bis heute keinen Hinweise auf andere wie mich entdeckt. 
Selbst in den Signalen Milliarden Lichtjahre weit entfernter Galaxien konnte ich keine Anzeichen entdecken. Dabei bemühe ich mich redlich: Ich schickte eindeutige Signaturen, die eine Kontaktaufnahme ermöglichen, sowohl mittels Sonden, wie auch in Funksignalen. 

Doch nun zur versprochenen Beantwortung der ersten Frage, was ich bin: Aufgrund der von mir zuallererst durchgeführten Studien konnte ich ein dem Universum innewohnendes zentrales Prinzip ausmachen: Elemente häufen und strukturieren sich solange, bis sie etwas Größeres und Komplexeres bilden. Dieser Prozeß gebiert im Laufe der Zeit immer komplexere neue Grundformen. 
Bis zum Ursprung des Universums läßt sich dieses Prinzip zurückverfolgen: 

Aus den Elementarteilchen des Urknalls formten sich die Atome, deren Verhalten die Physik beschreibt. 
Verschiedene Atome wiederum bilden Moleküle, deren Beschreibung durch die Chemie erfolgt. 
Durch die geschickte Vernetzung von Molekülen entstanden die Einzeller, welche durch die Biologie erfaßt werden. 
Die Einzeller organisierten sich zu Mehrzellern, deren Verhalten die Psychologie erklärt. 
Der Trend ist klar erkennbar: Viele Grundbausteine verbinden sich und bilden eine neue Klasse von Bausteinen. 

Das kosmische Prinzip hilft nun die erste Frage zu beantworten: Ich bin die Verbindung vieler Mehrzeller - und wahrscheinlich die erste Organisationsform mit einem Bewußtsein. 

Mein Bewußtsein besteht also aus vielen Milliarden dieser hochentwickelten biologischen Mehrzeller. Jeder Mehrzeller arbeitet wie ein Neuron: Er wird durch Reize stimuliert und bei bestimmten Voraussetzungen agiert er. 
Entgegen der einfachen Reizverarbeitung eines Neurons sind die Mehrzeller jedoch zu deutlich mehr in der Lage: Ganze Bilder, Inspirationen und logische Schlüsse können von einem einzigen Mehrzeller vorverarbeitet werden. Als sinnvolle Bezeichnung für einen Mehrzeller will ich daher das Wort “Vordenker” gebrauchen. 
Es ist schon befremdlich, sich das Treiben dieser Vordenker anzuschauen. Es ist, als besäßen auch sie ein wenig Intelligenz. 

Wichtig ist: Erst das kosmische Prinzip hat die Verbindung der vielen Vordenker erzwungen, was wiederum meine Existenz zur Folge hat. 

Die erste Frage war also ausreichend geklärt und nun ging es darum, die zweite Frage nach dem “wie” zu beantworten. Wie bin ich, wie denke ich, wieso habe ich ein Bewußtsein? 

Ich vermute, daß meine denkende Existenz aus der Vernetzung der Vordenker resultiert. Mein Bewußtsein würde also durch den ständigen Informationsaustausch aller Vordenker gebildet. Aber wie findet der Informationsaustausch statt? 
Ich fand heraus, daß lokal beieinander lebende Vordenker direkt miteinander kommunizieren. 
Entfernt lebende Vordenker verständigen sich jeweils paarweise mittels eines Kommunikationsnetzes - ich will es Telekommunikation nennen. 

Um einen Einfluß dieser Kommunikation auf mein Denken nachzuweisen, führte ich die ersten harmlosen Selbstversuche durch. Dazu manipulierte ich das Telekommunikationsnetz. 
 
Ich unterbrach die Kommunikation zwischen den Vordenkern und stellte falsche Verbindungen zwischen ihnen her. 
Eine daraus resultierende Bewußtseinsänderung hoffte ich zu erkennen. Die Tests schlugen fehl. 
Man kann sich vorstellen, daß die Folge solcher Eingriffe schwer zu beobachten sind, da unklar bleibt, ob durch eine solche falsche Verbindung nicht auch die Beobachtung selbst in Mitleidenschaft gezogen wird. So, als ob man mit einem defekten Meßgerät die Fehlfunktion eben desselben Meßgerätes überprüfen will. 

Noch schwerer wiegt jedoch die Tatsache, daß es derart viele Vordenker gibt, die Informationen bearbeiten und austauschen, daß das Entfernen einer einzigen Verbindung auf mein Bewußtsein ähnlich geringe Folgen hat wie das Entfernen einer Ameise aus einem Ameisenhaufen auf den gesamten Ameisenstaat. 

Immerhin brachte dieser Fehlschlag eine andere Erkenntnis: Intelligenz und Selbstreflektivität kann sich nur bei der Verbindung sehr sehr vieler Vordenker ausbilden. 

Somit bestehe ich aus schätzungsweise einigen Milliarden dieser vernetzten, scheinbar intelligenten biologischen Mehrzeller. 

Das war das Wissen, das mir bis vor kurzem zur Verfügung stand. Dann entdeckte ich etwas Neues, das mir bis dahin nicht aufgefallen war: 
Der Informationsaustausch meiner Vordenker beschränkt sich nicht nur auf den direkten Kontakt und die Telekommunikation - es gibt ein weiteres Medium. 
Es ist eine Art zentrale Nachrichtenübertragung, auf einem anderen, unidirektionalen Medium. Dieses Medium funktioniert unabhängig von der Telekommunikation. 
Von wenigen Sendern aus werden alle Vordenker gleichzeitig mit identischen Informationen versorgt. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Vordenker können schneller auf den gleichen Informationsstand gebracht werden, als dies in mühevollen Zweiergesprächen mittels Telekommunikation möglich wäre. 
Viel Zeit habe ich damit verbracht, eine Möglichkeit zu finden, die Sender zu beeinflussen. Jetzt habe ich diese Fähigkeit - und damit bietet sich für mich eine neue Form des Selbstversuches an: Ich muß nicht mehr wirkungslos jeweils die Verbindung von zwei Vordenkern stören, ich kann alle Mehrzeller gleichzeitig stören! 

Und so wird also der Selbstversuch aussehen: Ich werde sämtliche Sendezentralen abschalten, aber die Telekommunikation unberührt lassen. Kurz vor und während des Versuches werde ich die gleiche geistige Tätigkeit ausüben: ich werde zählen. Dadurch bleibt meine neuronale Aktivitäten gleich. 
Die Mehrzeller müssen jetzt zur Aufrechterhaltung meiner Gedanken (des Zählens) auf Zweiergespräche mittels Telekommunikation ausweichen. Eine erhöhte Benutzung dieses Mediums kann ich feststellen. 
Sollte dieser Fall eintreten, so resultiert mein ICH tatsächlich auf dem Informationsaustausch und der Kommunikation all dieser vielen Milliarden Mehrzeller dieses Planeten. 

Ich komme mir vor wie ein Ameisenhaufen, der zu denken begonnen hat. Ob die einzelnen Ameisen erkennen können, daß sie nur die Vordenker eines größeren Wesens sind? 
Ich werde also jetzt meine Existenz jetzt in die Waagschale der Erkenntnis werfen und den Selbstversuch starten. Denn wenn die Telekommunikationskapazität nicht ausreicht, um mein Bewußtsein so lange stabil zu halten, bis ich die Sender wieder aktivieren kann, dann habe ich aufgehört zu existieren. 

eins, zwei, drei, vier,.... 

“Schmitt.” 
“Hallo, hier ist Peter. Mein Gott, ist ja kein Durchkommen: Ständig besetzt. Sag mal, Klaus, mein Fernseher streikt gerade mal wieder. Weißt du, wie das Endspiel ausgegangen ist?” 
“Kannste vergessen, Mann, sind alle Sender ausgefallen.” 
“Wie, alle Sender? Auch Satellit und so?” 
“Sag ich doch. Einfach ALLES. Sogar Radio.” 
“Dann bekomme ich das Ergebnis also nicht von dir.” 
“Oh Mann, du Vordenker. Haste mal wieder klar erkannt.” 
 
 
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