| Die Gestalt auf dem Hügel verschmolz fast
völlig mit ihrer Umgebung. Der graue Umhang des Mannes hob sich im
blassen Licht des Viertelmondes kaum vom Boden und den Gräsern ab.
Unter ihm am Fuß des Hügels lag das Schloß, ein großer
steinerner Komplex. Dahinter war die riesige Stadt zu erkennen, die sich
in die Ebene hinein erstreckte. Tausende von Fackellichtern und Bewegungen
in den Straßen. Die zahllosen Geräusche und der Gestank der
Stadt drangen schwach und gedämpft noch bis hier oben. Shadow würdigte
die Stadt keines Blickes; seine Augen waren ins Leere gerichtet, er bereitete
sich konzentriert auf seine Mission vor.
„Heute ist die entscheidende Nacht,“ dachte er, als er seinen Plan ein letztes Mal durchging. Er hatte alles was er brauchte unter seinem Umhang und in dem kleinen Lederbeutel den er über der Schulter trug. Er war sehr ruhig, denn er wußte, daß er alles gut vorbereitet hatte, er war kein Anfänger, bei weitem nicht. Sein eigentlicher Name war Marc Askaran, doch nur seine seit langem toten Eltern hatten in so genannt. In seiner Kindheit hatten ihn die anderen Straßenkinder, seiner schmalen Statur und bleichen Haut wegen, von Beginn an Shadow gerufen. Der Name war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er von sich selbst nur noch als Shadow, der Schatten, dachte. Decknamen waren in seinem Metier eine Selbstverständlichkeit, und da die meisten Assasinen abergläubisch waren, wählten sie Namen die den Vorstellungen ihrer Zunft entsprachen. Daher war es schwierig einen guten Meuchler zu finden, der sich nicht Schatten, Schlange oder Messer nannte. Als er losschlich, war kein Geräusch zu hören. Wie eine Katze glitt er unter den dichten Haselnußsträuchern dahin. Er kannte den Weg und hatte sein Ziel schnell erreicht: Die Außenmauer des Schlosses von König Armand III von Hamastein, dem Regenten des westlichen Reiches. Schnell und sicher erkletterte er das Hindernis. Er kannte die Griffe bereits gut, den vorstehenden Stein hier und die tiefe Kerbe dort, so daß er die doppelt mannshohe Mauer geschwind erstiegen hatte. Zweimal schon war er hier gewesen. Das erste Mal hatte er einen sicheren Weg zum Schloß gesucht, die Mauer erstiegen und eine Nacht lang die Wachen bei ihren Gängen beobachtet. Beim zweiten Mal hatte er einen sicheren Weg durch den Garten gesucht. Beide Male war er lange vor Sonnenaufgang sicher und ungesehen zurück in seine Taverne in der Stadt gelangt, wo er unter dem Namen eines Adligen aus den Südländern logierte. Heute Nacht würde er nicht in sein Zimmer zurückkehren. Er war sich sicher, bei Morgengrauen mitsamt seiner reichlichen Entlohnung auf dem Weg möglichst weit weg von der Stadt zu sein. Nun, wenn es anders kam, brauchte er sich um das Morgen keine Gedanken mehr zu machen. Allein, ohne das Risiko wäre seine Dienste nicht so kostspielig, und er hätte es nie zu seinem immensen Reichtum gebracht. * Unter ihm lag der weitläufige, üppige Garten des Schlosses. Er ließ sich von der Mauer herab und landete federnd auf einem Orchideenstrauch von der östlichen Küste. Pflanzen aus allen Teilen des Kontinents wuchsen im prachtvollen Park, der das Schloß umgab. Während er sich langsam, von der dichten Vegetation vor Blicken aus dem Schloß geschützt, an das Bauwerk heranschlich, duckte er sich hinter einem Bergrosenarrangement aus den nördlichen Marken, suchte Deckung hinter einem kleinen, immergrünen Kastanienbaum, dessen Pracht nur ein begnadeter elfischer Züchter hevorgebracht haben konnte, robbte quer durch ein Beet von Goldkelchen und Silbertau, die einmal ein Geschenk der Gildenmeister der Zwerge gewesen waren und kauerte er sich schließlich hinter einen Runenstein des Orlochenvolkes, der über und über mit Formeln bedeckt waren, die kein Mensch je verstehen konnte. Shadow nahm all die Pracht um sich herum nicht war. Seine Aufmerksamkeit galt den Zweigen auf dem Boden über die er hinweghuschte und den wenigen erleuchteten Fenstern des Schlosses, die er argwöhnisch beäugte. Als er die Rückseite des Schlosses erreichte, war er sich sicher, daß niemand ihn gesehen hatte. Die Wache würde erst in einigen Minuten wieder hier sein, deshalb nahm er ohne Hast den Beutel auf, den er bei seinem letzten Besuch in einem Haufen Küchenabfall versteckt hatte, säuberte in sorgfältig und klopfte dann erst an die Tür. Auf das vereinbarte Zeichen hin wurde diese entriegelt und einen Spaltbreit geöffnet. Das ängstliche Gesicht einer Magd lugte ihm entgegen. Es war nicht schwer gewesen, eine Küchendienerin zu finden, deren Liebe zu ihren Pflichten geringer war als zum Gold. Sein treuer Gefolgsmann hatte ihr eine hübsche Summe versprochen, wenn sie seinem Herrn, einem „Edelmann, der unerkannt bleiben will“ eine Nacht mit „seiner Geliebten, einer hohen Dame des Schlosses“ ermöglichen würde. Wie verabredet hatte sie an einem Hintereingang des Schlosses auf sein Klopfen gewartet. Sie ließ ihn ein und verriegelte die Tür von innen wieder. „So Mylord, ich habe meinen Teil des Handels erfüllt, aber ich denke, nun ich meine daß,...“; ihre Verlegenheitspause war zu kurz, um echt zu sein; „.. nun daß ich mehr als 20 Soli bekommen sollte. Ich gehe ein großes Risiko ein, und na ja, eure Liebe muß euch doch etwas wert sein, oder edler Herr?“ Die junge Frau stand vor ihm und musterte seine grobe Kleidung, unschlüssig, ob er ihre Forderung verstanden hatte. In ihrem Kopf begann sich die Furcht zu formen, einen großen Fehler gemacht zu haben. Die Antwort der dunklen Gestalt vor ihr lies sie jedoch aufatmen: „Vielleicht hast du recht, ich sollte dir etwas mehr geben.“ Shadows Hand glitt zu seinem Gürtel unter dem Umhang. Die Gier in den Augen des Mädchens vor ihm hatte kaum Zeit in Entsetzen umzuschlagen, als er ihr seinen Dolch in den Hals stieß. Er wußte wo er zustechen mußte, um ihr jeden Schrei unmöglich zu machen. Sein Stoß traf hart und genau, wie immer. Er war nicht nur ein Meister der Heimlichkeit, sondern auch des Zweikampfes, ausgebildet an den besten Fechtschulen des Reiches. Die Dienerin hatte nie den Hauch einer Chance gehabt. Als er ihren erschlafften Körper auffing, blickte er sich bereits in dem dunklen Raum um. Durch ein Fenster zum Garten drang genug weißes Mondlicht, um den Raum als eine der Küchen des Schlosses zu erkennen. Töpfe, Pfannen und Kellen lagerten penibel sauber um die Feuerstellen, eine Reihe großer Kupferkessel an der Wand eigneten sich gut, um die Leiche zu verbergen. Als Shadow den Deckel über den Topf mit der ungewöhnlichen Füllung deckte, war kaum Bedauern in seinem Gesicht zu erkennen. Er hatte für seine Mitmenschen, speziell für Frauen, noch nie viel übrig gehabt. Die Verschwiegenheit, die Teil seines Berufes war, ließ ihn nie nach geistigem Austausch mit anderen Menschen verlangen, und was seine körperlichen Bedürfnisse anbelangte, so gab es in der Hauptstadt des Reiches nichts, was ein reicher Mann nicht bekommen konnte. Shadow schritt zu der kleinen Holztür gegenüber der Außenwand. Hier würde er in den Bedienstetentrakt gelangen, einen Schritt näher zu seinem Ziel. Die große Doppeltür zu seiner Linken, wußte er, führte in den Anrichteraum neben dem großen Speisesaal. Von dort konnte ihm Gefahr drohen, aber er vermutete, um diese Zeit würden selbst dort nur noch trunkene und tief schlafende Gäste vorzufinden sein. Die Tür war verschlossen, offenbar hatte sich die Magd den ganzen Abend in der Küche versteckt gehabt. Shadow bemerkte amüsiert, daß er die Frau möglicherweise genau dorthin verfrachtet hatte, wo sie schon seit Stunden gekauert hatte. Professionelle Mörder haben manchmal einen seltsamen Humor. * Die Tür stellte kein großes Hindernis für Shadows Werkzeuge dar, und er trat in einen spärlich von Fackeln erleuchteten Gang hinaus. Links konnte er den Eingang zum großen Speisesaal erahnen, die Wand ihm gegenüber wurde gesäumt von unzähligen Türen und Vorhängen, hinter denen die Dienerschaft des Königs nichtsahnend schlief. Er wandte sich nach rechts, auf dem dicken Teppich hinterließen seine Schritte keine Spur. Kein Laut war zu hören, außer dem Schnarchen aus den Zimmern. Er hatte sein Ziel, die Tür zum südöstlichen Turm am Ende des Ganges fast erreicht, als er aufhorchte. Er verschwand mit einem weiten Sprung hinter einer Bodenvase, die die Ecke des Ganges zierte. Einst das Schmuckstück eines Grafen von der Silberküste, war sie vor Jahren zu Kriegsbeute geworden, und fristete jetzt ein tristes Dasein als Blumenvase und Spucknapf in einem staubigen Gang des Flügels der Dienerschaft. Die bewegte und traurige Geschichte seines Versteckes interessierte Shadow kaum, als er aufmerksam aus der dunklen Ecke heraus in den Gang spähte. Ein beleibter Mann mittleren Alters mit spärlichen und ungepflegten Haaren hatte die Schritte verursacht, die Shadow so alarmiert hatten. Sichtlich nervös und vorsichtig ging er den Gang entlang, sich alle paar Schritte umsehend, so als wäre er auf einer gefährlicheren Mission als der Mann der ungesehen von ihm im Schatten einer großen Bodenvase kauerte. Kaum zehn Schritte vom Versteck seines Beobachters entfernt wandte sich der Mann, dessen Kleidung ihn als Mitglied des gehobenen Dienstpersonals kenntlich machte, einer Tür zu. „Magrete, bist du wach? Laß mich ein, ich bins,“ flüsterte er der Tür zu, nachdem er sehr zaghaft geklopft hatte. Er war offenbar erwartet worden, denn nur Augenblicke darauf war im Korridor die Antwort zu vernehmen: „Gerald, schon wieder? Du bist ja ein ganz Schlimmer.“ Von der augenscheinlich gespielten Entrüstung offenbar geschmeichelt bestand Geralds Antwort aus einen leicht dümmlichen Grinsen, daß für Shadow nur einen Schluß zuließ: Der Mann war ein Idiot. Offenbar waren Magretes Ansprüche nicht ganz so hoch, denn er hörte sie flüstern: „Gut du darfst zu mir kommen, aber du mußt mich bedienen so wie immer, und du weißt daß ich sehr streng sein kann!“. „Oh ja, laß mich rein. Dann werd ich dich so richtig bedienen!“ Shadow war überrascht, das kein Speichel aus dem halb geöffneten Mund des Mannes troff, als er sich auf die Knie niederließ und ins Zimmer seiner gestrengen Magrete robbte, welches danach deutlich hörbar von innen verriegelt wurde. Kaum war der Gang wieder leer und still, als Shadow zur Tür am Ende des Ganges schlich und lautlos hindurchtrat. Erst als er die Wendeltreppe dahinter bereits ein Stück erstiegen hatte, erlaubte er sich ein breites Grinsen. Es erheiterte ihn, daß selbst ein Meuchelmord noch amüsante Begegnungen bereithielt Die flüchtige Bekanntschaft mit diesem mitternächtlichen Lüstling und seiner Gespielin hatte ihn in seiner Ansicht bestätigt, daß es kaum ein Verlust war, ein menschliches Leben auszulöschen. * Die Wendeltreppe, die Shadow erstieg, war nur spärlich von Fackeln erhellt, doch selbst das Mondlicht, das durch die schmalen Fenster im Stein der Außenmauer fiel, hätte ihm genügt, um seinen Weg zu gehen. Er wollte die vier Stockwerke bis zum Dach auf der Treppe dieses Turmes zurücklegen. Das war einer der kritischen Punkte seines Planes gewesen, diese Treppe war der einzige Weg zum Dach, den er kannte. Es war nicht leicht gewesen, ehemalige Diener und Wachen über die Gegebenheiten des Schlosses auszuhorchen. Shadow erinnerte sich mit Grauen, wie er stundenlang in billigen Tavernen gesessen hatte. Freundschaft und Mitleid heuchelnd, hatte er einem heruntergekommenen ehemaligen Torwächter Wein um Wein spendiert und seinen Geschichten gelauscht. Diesen Teil seiner Arbeit haßte er besonders. Den Umgang mit Mittelsmännern und Informanten überließ er meist seinem Gefolgsmann, der jetzt sicher gerade in der Taverne war und ihr Gepäck zusammensuchte. Shadow hatte einen sehr verläßlichen Diener, es gab auch kaum einen klugen Mann, der einem Assasinen gegenüber aufsässig oder untreu wurde. In Gedanken versunken, hörte Shadow den Schlüssel erst nach einigen Augenblicken. Die Tür, die in den dritten Stock des Schlosses führte, wurde geöffnet. Und er stand gerade drei Stufen entfernt im Licht einer Fackel. Es war zu spät, um die Treppe hinauf oder hinab zu eilen, und an einen Kampf dachte Shadow nur kurz, denn die Stimmen hinter der Tür ließen erahnen, daß mindestens drei Männer in ein Gespräch verwickelt waren. Auf der Suche nach Rettung fiel sein Blick auf das schmale Fenster. „Es ist verdammt still hier, seit die Prinzen weg sind, meint ihr nicht auch?“ „Prinz Roland wäre besser im Schloß geblieben. Er wird bald König sein und gehört an die Seite seines Vaters.“ „Außerdem bringt er es noch fertig und zettelt auf dieser Reise einen neuen Krieg mit den Barbaren an. Er ist genauso jähzornig wie sein Vater es in seinem Alter war, ihr wißt ja.“ „Wenn es nach mir ginge, sollte Lean von Ivorien König werden. Er ist ein kluger Mann und hat sich in einigen Abenteuern bewährt.“ „Nach dir geht’s nun mal nicht, Lean ist eben klug genug, sich nicht gegen seinen Bruder zu stellen. Roland ist älter und deshalb wird der neue König von Hamastein eben Roland der IV. heißen.“ „Man wird ja wohl noch spekulieren dürfen, oder?“ „Seit wann kennst du so lange Wörter, Pasqual?“ Die Stimmen der drei Wächter wurden leiser, je weiter sie sich auf der Treppe nach unten entfernten. Vertieft in ihr Gespräch, hatten sie im unsteten Licht ihrer Fackel die bleichen Finger übersehen, die sich verzweifelt von außen an das Fenster klammerten. Shadow hatte keine Zeit gehabt, sich einen Halt zu suchen. Er hatte sich aus dem Fenster gestürzt und nur mit Mühe mit einer Hand festklammern können. Er baumelte etwa zwanzig Fuß über dem Haufen von Abfällen, aus dem er noch vor kurzer Zeit seinen zweiten Beutel mit Werkzeug ausgegraben hatte. Der Haufen von Müll war mit einer kleinen Palisade von Holzstämmen umgeben, deren Enden von so weit oben deutlich spitzer aussahen, als sie eigentlich waren. Ein Sturz wäre nicht nur peinlich und würde die Wache alarmieren, sondern hätte höchstwahrscheinlich auch einen tödlichen Ausgang für den Mann, der in der Höhe verzweifelt nach Halt suchte. Shadow erkannte, daß seine Entscheidung, das Schloß von ihnen zu durchqueren, statt von außen zu ersteigen, richtig gewesen war. An den glatten Steinen der Außenmauer gab es kaum einen Halt, nicht einmal für einen erfahrenen Kletterer wie ihn. Außerdem hätte ihn bei einer solchen Unternehmung die äußere Wache sicher bemerkt. Das konnte auch jetzt leicht geschehen, weshalb Shadow sich eilig wieder nach innen zog, sobald sein Fuß Halt in einer Kerbe des Steines gefunden hatte. Shadow dankte dem namenlosen Sklaven, der diesen Stein so ungenau behauen hatte und wünschte sich, die Menschen wären öfter so unzuverlässig. Der Erfolg eines Verbrechers hängt immer von Fehlern ab, von den Fehlern anderer. * Shadow bewältigte den Rest der Treppe, ohne noch einmal auf jemanden zu treffen. Im obersten Stockwerk des Schlosses stand er in einem kleinen Raum. Er sah sich um: Ein Hocker und ein Tisch, an der Wand einige Gewänder und Hüte. Unter dem Tisch entdeckte er einige Ballen Stoff. Dieser Raum wurde offenbar von einer Näherin benutzt. Sie hatte das Glück einen anderen Schlafplatz zu haben, und ohne das sie es jemals erfuhr, rettete es ihr das Leben, diese Nacht in den Armen eines jungen Soldaten der königlichen Armee verbracht zu haben. Shadows Blick wanderte von der unberührten Schlafstatt zu dem Tisch dahinter. Er stellte sich auf die grob gezimmerte Holzplatte, so daß seine langen Arme ohne Schwierigkeiten die Decke erreichten. Das Dach des Schlosses bestand wie die Dächer der meisten Häuser im Reich aus Holzschindeln, bedeckt mit einer Schicht Lehm. Das Dach des Schlosses war zusätzlich noch mit einer Schicht Stroh bedeckt. Es gelang Shadow binnen weniger Minuten mit seinem Dolch zwei der Schindeln zu lösen, und Lehm und Stroh darüber zur Seite zu schieben. Er erklomm das Dach und verschloß das Loch, so gut er konnte. Er war zufrieden. Vor Morgengrauen würde sicher niemand sein Eindringen bemerken. Zu dieser Zeit wollte er sein Vorhaben jedoch längst erfolgreich beendet haben. Sein Blick wanderte zum Innenhof des Schlosses, in dessen Mitte er sein eigentliches Ziel sah: Den Herrscherturm. Das Schloß war von grob quadratischem Grundriß. In seiner Mitte, eingerahmt von den vier Flügeln des Schlosses, lag der innere Park, eine Grünfläche die etwa 100 Fuß entlang jeder ihrer Seiten maß. In der Mitte dieses Parks stand das alte Gebäude, das schon Jahre vor dem Schloß hier gestanden hatte. Ein alter Turm aus grauen Steinen, etwa 40 Fuß hoch, auf allen Seiten überragt vom Dach des Schlosses. Hier residierten die Herrscher des westlichen Reiches. Shadow sah den Kiesweg, der vom Eingang des Turmes direkt in den großen Saal des Schlosses führte. Er sah auch die beiden Wächter, die zu beiden Seiten des Weges standen und sich leise unterhielten. Sein Blick wanderte den Turm hinauf: Der erste Stock, in dem Gäste des Herrschers untergebracht wurden stand leer, wie oft seit den Zeiten des Tyrannen. Nach Anbruch der Nacht hatten sich alle Bedienstete aus dem Turm zu entfernen. Dieses alte Gesetz stammte noch aus einer Zeit, in der die Dynastie der Hamasteins ihrem Volk zu wenig Vertrauen entgegenbrachten um auch den Loyalsten daraus den Rücken zuzukehren. * Shadows Blick glitt höher zum zweiten Stockwerk, in dem die Familie des Königs lebte. Seit der Abreise der Prinzen Roland und Lean lebte nur die Adoptivtochter des Königs, die stumme Lucilla dort. Shadows Blick fand schließlich die Fenster zum Gemach des Königs, im dritten Stock des Turmes. Er suchte mit scharfen Augen die Zinnen des Turmes ab. Jetzt, wußte er, entschied sich das Gelingen seiner Mission. Schon bald entdeckte er zu seiner Freude wonach er gesucht hatte: Über den Fenstern zum Schlafgemach des Königs ragte ein Holzbalken aus der Wand, vermutlich Teil eines alten Flaschenzuges oder Galgens. Shadow nickte zufrieden und begann seine Beutel vor sich auf das Dach zu entleeren. Nun begann der schwierige Teil. Er breitete alles vor sich aus: Ein Blasrohr und eine Schachtel mit Pfeilen; Eine Rolle Seil und eine Knäuel festen Faden; Zuletzt einen Bolzen an dessen Ende ein fingerbreiter Ring aus Bronze befestigt war, und eine Vielzahl von Holz, Leder und Eisenteilen. Er verbrachte eine halbe Stunde damit, konzentriert und still eine zwergische Armbrust zusammenzusetzen. Als er die seltene und unersetzliche Waffe fertig in den Händen hielt, legte er den Bolzen ein und führte die Hälfte des Fadens durch den Ring. Er knotete die beiden Enden um sein Handgelenk, um den Bolzen nicht zu verlieren. Er legte die gespannte Armbrust vor sich auf das Dach und nahm das unterarmlange Blasrohr zur Hand, mit dem er in den letzten Wochen viel geübt hatte. Er setzte den ersten Pfeil in den Lauf, sorgfältig darauf bedacht, die Spitze nicht zu berühren. Dann zielte er lange und sorgfältig auf den Hals des linken Wächters im Hof. Er hatte den zweiten Pfeil bereits geladen, als sein Schuß sich zielsicher in den Nacken seines Opfers bohrte. Noch bevor der zweite Wächter sich ganz zu seinem aufstöhnenden und zusammensinkenden Freund umgedreht hatte, spürte er einen Stich in die Schulter und fühlte wie seine Sinne schwanden. Shadow hatte lange suchen und teuer bezahlen müssen, bis er ein so wirkungsvolles und zuverlässiges Pfeilgift in die Hände bekam. Doch sein Auftraggeber war auch dafür ohne Fragen aufgekommen, so wie für alle von Shadows Ausgaben. Zufrieden sah er, daß die Wachen im Hof sich nicht mehr bewegten. Er nahm die Armbrust zur Hand und zielte lange. Der Bolzen zischte durch die Nacht und bohrte sich, von seinem eigenen Schwung getrieben, fast senkrecht in die Oberseite des Balkens. Er zog an den Schnüren an seinem Arm um sich zu überzeugen, daß der Bolzen auf der anderen Seite fest saß. Dann knotete er den Faden von seinem Arm und band sein Seil an dem Faden fest. Er zog am anderen Ende der Schnur, bis sein Seil die Spanne bis zu dem Bolzen überwunden hatte. Vorsichtig zog er vor und zurück und warf Wellen im Seil über den Abgrund, bis es ihm gelungen war, das Seil durch den Ring zu fädeln. Er zog es zurück zu sich und entfernte den Faden. Seine improvisierte Schlinge lag auf der anderen Seite des Abgrundes sicher auf dem Balken, während er die beiden Enden des Seiles mit seinen Handgelenken verbunden hatte. Er wußte, daß er weit nach vorne springen mußte, um sein Seil nicht über den Rand des Balkens zu reißen. Er hoffte, der Aufprall würde ihm nicht die Sinne rauben, als er sich nach einem kurzen Anlauf von der Dachkante abstieß. Er fiel schräg nach unten, auf den weit entfernten Garten zu. Er spürte, wie sich das Seil mit einem Ruck straffte, eine kurze Strecke über den Balken rutschte, dann aber, unter dem Zug seines Gewichtes an einer Stelle hielt und seinen Sturz in einen Bogen verwandelte. Der Aufprall auf die Mauer des Turmes war mörderisch und vor allem lauter als Shadow lieb war. Kurze Zeit tanzten bunte Flämmchen vor seinen Augen und Feuer brannte in seinen geschundenen Handgelenken. Doch er kam schnell wieder zu sich und warf einen Blick auf die umliegenden Innenwände des Schlosses. Keines der Fenster war erhellt und wurde geöffnet, unter ihm zogen keine Fackelträger durch den Garten und keine Bogenschützen begannen mit sadistischem Grinsen ihre Bögen zu spannen um in von der Wand zu picken. Trotz der Schmerzen überall in seinem Körper war Shadow zufrieden. * Er begann sein Seil aufwärts zu klettern, auf das dunkle Fenster der königlichen Gemächer zu. Auf dem breiten Bord des Fenster verharrte er und suchte den dunklen Raum ab, der sich ihm offenbarte. Das Schlafgemach war angefüllt mit Möbelstücken und Kunstwerken. An der Wand links von Shadow standen die Prunkrüstung und der Feldharnisch des Königs, dahinter an der Wand waren die unzähligen Waffen aufgehängt, die er als Feldherr in den zahllosen Kriegen seiner Jugend erbeutet hatte. Shadow sah die freie Stelle an der Wand, an der das berüchtigte Schwert der Macht gehangen war, bis es von dem Verräter Micael gestohlen und verloren wurde. Shadow sah das breite Bett des Königs und die schlafende Gestalt darin. Sein Ziel war zum Greifen nahe! Vorsichtig schob er einen seiner Dietriche durch den Spalt zwischen den beiden Fensterhälften und hob den schmalen Riegel an, der das Fenster eher geschlossen halten als verriegeln sollte. Es gelang Shadow einen der Fensterflügel aufzustoßen und in das dunkle Zimmer zu huschen. Er schloß das Fenster leise und ging auf die Schlafstatt zu. Dabei zog er seinen Dolch aus der Lederscheide und wog ihn voller Vorfreude in der Hand. Heute Nacht würde er blaues Blut zu schmecken bekommen. Darauf mußte auch der Dolch eines Meistermörders lange warten. Doch bevor er sein Werk beginnen konnte, wurde Shadow unterbrochen. Er hörte das leise Tappen von Füßen vor der Tür. Jemand hatte das Ankleidezimmer des Königs betreten und kam auf diesen Raum zu. Shadow hatte genug Zeit, sich hinter einer Kommode zu verstecken, bevor die Tür zum Schlafgemach lautlos geöffnet wurde. Eine schlanke Gestalt trat in das dunkle Zimmer. Shadow sah eine junge Frau, die vorsichtig und offenbar unschlüssig einige Schritte auf das Bett des Königs zuging. Shadow erkannte sie sofort: Lucilla, die Lady. Die Geschichte, wie Armand sie aus den Händen eines Dämons befreit und an seiner Tochter statt angenommen hatte, war Legende im ganzen Reich. Sie wurde von den Meisten als Mätresse des Königs angesehen, denn ihre Rettung hatte kurz nach dem Tod der Königin stattgefunden. Wenige glaubten, daß der König sie wirklich aus Mitleid aufgenommen hatte. Diese wenigen hielten sie für eine Frau mit besonderen Gaben, für ein Juwel dessen überirdische Anmut und Sanftheit sogar das Herz des Königs erweicht hatte. Als sie vor ihm im Raum stand, verstand Shadow, warum dieser Frau magische Fähigkeiten nachgesagt wurden. Sie hatte eine Präsenz, die selbst das Herz des kaltblütigen Mörders rührte, der sie aus dem Dunkel beobachtete. Sie trug ein Gewand aus blauer Seide, das lose um ihren Körper fiel und zarte weibliche Formen offenbarte. Ihr Gesicht war elfenbeinfarben, ihre Lippen nur ein rosa Strich unter der schmalen Nase. Sie wirkte fehl am Platz, wie sie barfuß und mit nackten Oberarmen im Zimmer stand. Shadow konnte sich nicht ausmalen, in welche Umgebung diese Frau gepaßt hätte. Sie stand aufrecht da und bewegte sich mit langsamen, fließenden Bewegungen, so als ob sie ihre Umwelt nicht bewußt wahrnahm. Shadow wußte aus den Gerüchten vom Hof, daß diese Frau stumm war. Wie sie sich in aller Stille bewegte, verstärkte nur den Eindruck ihrer Entrücktheit. Es war als ob sie auf dieser Welt fehl am Platz wäre. * Shadow riß sich mit Mühe vom Anblick der feenhaften Gestalt los. Wenn sie nachts ins Zimmer des Königs kam, dann war sie eben doch nur eine Hure. Allerdings eine die seine Pläne aufs Höchste gefährdete. Wenn sie den König weckte, konnte es sein, daß sein gesamter Plan umsonst gewesen war, oder daß er sogar entdeckt wurde. Sie mußte sterben, noch vor ihrem Vater. Shadow schlich mit äußerster Vorsicht von seinem Versteck weiter hinter einen Tisch, von dort aus hinter das Gestell mit der Rüstung des Königs. Er war Lucilla in den Rücken geschlichen. Die Frau in den blauen Gewändern hatte sich kaum von der Stelle bewegt. Sie war offenbar nicht mehr schlüssig ob sie ihren Vater wecken sollte. Sie stand da, den Kopf leicht zur Seite geneigt, als ob sie auf ein Zeichen wartete. Shadow trat hinter sie, nur ein weiterer Schatten in dem dunklen Zimmer. Sie konnte ihn unmöglich bemerkt haben. Er hatte seinen Dolch fest in der Hand, bereit ihn ihr ins Herz zu stoßen. Von einer Stummen waren keine Schreie zu erwarten. Seine Hand war schon im Schwung, als er einen Augenblick zögerte. Im war als wäre die zierliche Gestalt vor ihm einen Augenblick verschwommen. Er meinte etwas Schwarzes, sich Windendes gesehen zu haben, doch im nächsten Augenblick war alles, was er sah weiße Haut unter einem dünnen Gewand aus blauer Seide. Sein Unbehagen wuchs zu Erschrecken, als er sah, daß die Prinzessin den Kopf drehte. Fast schon hatte er Bedenken gehabt diese engelsgleiche Gestalt zu töten, aber jetzt sah er die Bedrohung die von ihr ausging. Sein starker Wille zu überleben gewann die Oberhand über sein Zaudern und die Hand mit dem Dolch zuckte vor. Doch sein Zögern hatte zu lange gedauert. Die Prinzessin blickte Shadow an. Er sah direkt in ihre Augen. Sie waren schwarz. Nicht schwarz mit einem weißen Augapfel wie die Augen der Südländer, sondern vollständig jettschwarz. Shadow war gefangen von ihrem starren Blick. Je länger er in ihre Augen sah, desto tiefer konnte er blicken, er sah das Schwarz und die Dunkelheit hinter dem Schwarz, eine Finsternis die noch kein Mensch wachen Auges erblickt hat. Unendlich tief in den Weiten dieses Kosmos aus Schwärze verlor sich sein Blick. In den tiefsten Tiefen, in die sein Blick eindrang sah er etwas aufblitzen. Es waren feurige Lichter, winzige flammende Punkte. Zuerst sah er nur einige, doch je länger er starrte desto mehr Funken weißen Lichtes glommen auf. Shadow konnte seinen Blick nicht abwenden, er hatte die Kontrolle über seine Augen genauso verloren wie über den Rest seines Körpers. Shadow fühlte, wie er auf die Knie fiel. Er hatte die Hand mit dem Dolch noch ausgestreckt, die mörderische Geste wirkte jetzt wie eine flehentliche Bitte an die Gestalt, die vor ihm stand und seinen Blick regungslos erwiderte. Shadow wurde in einem einzigen schrecklichen Moment klar, was er sah. Sternenaugen. Der Schock ließ seinen starren Körper ein letztes Mal zusammenzucken. Kein Sterblicher hatte den Blick in die andere Welt. Nur Elfen besaßen Sternenaugen, nur Elfen und Dämonen. Shadow erkannte die Gewißheit seines Todes, kurz bevor sie in zerstörte. Er fühlte nur ein schwaches Bedauern, als sein Geist so leicht ins Nichts verwehte, er hatte sich ein stolzeres Ende gewünscht. * König Armand erwachte und sah seine Tochter an seinem Bett sitzen. „Was hast du, Lucilla? Kannst du nicht schlafen?“ Armands Besorgnis verschwand, als sein Schatz den Kopf schüttelte und ihm einen Kuß auf die Stirn gab. „Bitte geh wieder zu Bett, mein Stern, morgen wird ein anstrengender Tag werden, und wir wollen ihn nicht verschlafen“. Lucilla nickte und ging auf die Tür des Schlafgemaches zu. „Du brauchst keine Angst zu haben, hier drin kann nichts passieren, die Wache paßt gut auf.“ Armand hatte sich bereits wieder umgedreht und schlief mit tiefen, regelmäßigen Atemzügen. Das Wesen stand noch einen Augenblick in der Tür und sah auf den einzigen Menschen hinab, der mehr war als Staub in ihren Augen. Dann schloß sie die Tür sanft und ging hinunter. Im Zimmer blieb keine Spur des Eindringlings zurück bis auf einen grotesken Schatten auf dem Boden, der am Morgen von der Sonne ausgelöscht wurde. |