Unser täglicher kleiner Irrsinn (Geschrieben von Jürg Rohrer, Tages-Anzeiger)

Im Strassenverkehr fühlen sich alle im Recht. Auf der Kreuzung treffen die Rechthaber auf andere Rechthaber und verlieren umgehend die Nerven.

Limmatplatz zwischen 8 und 9 Uhr: Das Tram pflügt sich mit dem Selbstbewusstsein des Fahrplans eine Schneise durch Passanten und Autos. Ein VW verlangsamt vor dem Zebrastreifen und wird sofort von hinten von einem Mercedes-Kombi behupt. Eine Velofahrerin prescht eine Hand breit an einer Seniorin vorbei. Ein Kiestransporter folgt einem Kleinwagen im Abstand von einem halben Meter. Einer lässt den Motor heulen, um den Vordermann zu beschleunigen. Fussgänger werfen böse Blicke, wenn sie sich den Vortritt erzwungen haben.

Das ist der Zürcher Kreuzungsalltag, beherrscht von der Devise: Jeder Meter zählt, und der andere ist ein Löli.

Das Erbe der Höhlenbewohner

Warum aber tagtäglich diese Hektik, diese Nervosität, diese Ungeduld? Warum keine gelassene Routine, wo doch die Kreuzung notwendiger Bestandteil des Stadtverkehrs ist?

Weil der Privatverkehr kein rationales Tun ist. In ihm äussert sich immer noch die Urangst des Höhlenbewohners in der offenen Savanne, der bloss eines wollte: mit dem Kaninchen und den Beeren heil nach Hause komen. Dieser blinde Drang liess manchen Jäger und Sammler mitten in ein Rudel Säbelzahntiger laufen; heute drängen die Autolenker auch dann noch vorwärts, wenn die Kolonne auf der Kreuzung steht. So bringen sie den gesamten Verkehr zum Erliegen, obwohl sie doch schnell sein wollen - ein Widersinn, intelligenzmässig auf dem Niveau eines sessilen Strudlers.

Im Karacho

Wegen dieses Triebes versteht sich der automobile Mensch nicht als Teil eines Verkehrssystems, das auf die Einsicht der einzelnen Teilnehmer angewiesen wäre, sondern er will nur eines: im Karacho vorwärts. Vorwärts prescht der Taxifahrer, obwohl es seine Kundschaft über den ausgeleierten Stossdämpfern gern weniger hektisch hätte. Vorwärts drängt der Lastwagenchauffeur, in dessen Schädel drei Buchstaben hämmern: jit - just in time. Vorwärts schwankt die Familienkutsche, weil die Kleinen frühmorgens in den Hort müssen. Vorwärts rast der Sportwagen, weil sein Lenker meint, ohne kräftiges Gas verstopfen die Ventile. Und vorwärts zischen die Velofahrerinnen, weil sie trotz Zebrastreifen den Schwung ausnützen wollen. Alle haben ihre Gründe, und niemand hat Zeit.

Eine Sekunde Toleranz

Was dem Höhlenbewohner bei seinem unheimlichen Gang durchs offene Gebiet die Keule war, ist dem Automobilisten die Hupe. Sie lässt erkennen, mit welcher Nervosität der automobile Mensch im Ampel- und Tafeldschungel unterwegs ist. Die Toleranz in wartender Kolonne dauert eine Sekunde, dann folgt die akustische Peitsche. Pardon für Ortsfremde gibt es nicht.

Fussgänger wappnen sich gegen die Gefahren der Wildnis mit dem bösen Blick und halten den gestreckten Mittelfinger bereit. Velofahrer setzen den Helm auf und schlagen - dem Springbock ähnlich - überraschende Haken.

Selbstgerecht bis zum Pedal

Allen Verkehrsteilnehmern gemeinsam ist die Selbstgerechtigkeit: Die einen berufen sich auf den Fahrplan, die anderen haben sechs Zylinder, 21 Gänge oder zwei Sandalen. Einige sind "unterwegs für Sie", andere haben Kaninchen und Beeren eingekauft, die schleunigst ins Tiefkühlfach müssen. Die rote Flotte von Züri-Mobil ist zwar auch mit Auspuff unterwegs, aber mit gutem Gewissen, da bloss gemietet.

Alle diese Selbstgerechtigkeiten kommen sich auf der Kreuzung in die Quere und blockieren sich bis zum Stillstand. Der Höhlenbewohner im Auto fühlt sich physisch überlegen, der Höhlenbewohner zu Fuss moralisch, aber beide kommen nicht schnell genug vorwärts, und das macht sie aggressiv. Deshalb ist der Kern der Keruzung, anthropologisch betrachtet, die Massenkeilerei.