Tierischer Ernst (Sonntags-Zeitung vom 13.2.2000)

Die Tierbefreier steuerten ins südwalisische Dorf Hendy. Vor dem Backsteinbau der Biopharm Ltd., in dem sich angeblich Ungeheuerliches vor sich ging, machten sie Halt und forderten Freiheit für das geknechtete Getier. Die Blutegelzüchter von Biopharm wussten die prekäre Situation zu meistern. Sie baten die Belagerer zur Besichtigung der Wassertanks, in denen sich mehr als 40'000 Tiere tummelten. Ihr Biss wird weltweit von Ärzten geschätzt, weil er blutverdünnendes Hirudin und gefässerweiterndes Histamin in die Wunde bringt und so den Blutfluss in krankem Menschengewebe anregt.

Den Aktivisten aber bekamen die "ausgebeuteten Opfer der Pharma-Industrie" nicht. Der Anblick augenloser, schwarzer Klumpen mit Saugnäpfen an Kopf und Schwanz bremste ihren Eifer. Angewidert wandten sie sich ab:"Das sollen Tiere sein?" Und weg waren sie, entschlossen, fortan geeigneterem Getier zur Freiheit zu verhelfen.

Je näher am Kindchenschema, desto grösser die Liebe zum Getier

Armer Egel Hirudo medicinalis. Nichts an dir, was sich lieben liesse. Was sind schon klinische Heldentaten? Gefragt ist, was Bambusbär und Robbenbaby zu bieten haben: putzige Augen, kuscheliges Fell. Je näher am Kindchenschema, desto grösser die Liebe zum Getier. Das soeben erschienene Buch "Life Counts, eine globale Bilanz des Lebens" enthält eine Schautafel mit den 25 tierischen Superstars: zum Knuddeln, diese Kängurus! Diese Affen! Genauso wenig verfehlt ein freundliches Grinsen die Wirkung, auch wenn es nur anatomisch bedingt ist: Die Winkel im Schnabel machten einst den Delfin zum besten unter den guten Tieren. Einst.

Jetzt führt der Elefant. Das Grautier (liebes Auge, grosses Ohr) erfüllt auch die nunmehr gestiegenen Anforderungen ans zeitgenössische Guttier: Was in ist, muss pc sein, politically correct. Der Dickhäuter sorgt sich zum Beispiel um seine Toten. Das hat die Forscherin Cynthia Moss in Kenya beobachtet. Elefanten trafen sich bei den Knochen eines verstorbenen Familienmitglieds zur Andacht. Sie hoben die Gebeine auf, legten sie sorgfältig wieder hin, bedeckten sie mit Staub und Zweigen. Ein Ritual, kein Zweifel. Moss vermutet:"Die Tiere spüren etwas, was diese Knochen ausstrahlen."

"Spüren" und "Fühlen" ist sehr gut. Das weiss auch die Kanadierin Barbara Gowdy und liefert zum neu entdeckten Weichtier den passenden Bestseller nach, einen Roman aus Elefantensicht. In "Der weisse Knochen" ist der Koloss nicht nur mit Bewusstsein und Emotion ausgestattet, er telepathiert sogar. Zudem lebt er im Matriarchat und grummelt beruhigend im Infraschallbereich. Der Menschheit wünscht die Autorin nichts Geringeres als die Fähigkeit, die Welt herzensgut animalisch wie ihre Protagonisten zu lieben:"Glückliche Menschen sind so grosszügig wie Elefanten", sagt Gowdy.

Auch der bis anhin korrekte Elefant wirds nicht mehr lange machen

In der Diskussion um Political Correctness muss das Guttier als der bessere Mensch herhalten. Doch Mythen leben von der Unkenntnis derer, die sie pflegen. So ist es nicht verwunderlich, dass die aktuelle Verhaltensforschung die einstigen Idole reihenweise vom menschgemachten Sockel stürzt.

Was wurde den heiligen Kühen der Meere, Delfinen und Walen, einstmals nicht alles abverlangt: Ein Sprachsystem mit hoch stehender Syntax und Semantik haben ihre Anbeter den Säugern angedichtet. Delfine würden das Leid Ertrinkender erfühlen und umgehend Leben retten. Wer sich vor zehn Jahren weigerte, dem läpischen Singsang der Wale zu lauschen, war in der Wohngemeinschaft out. Willy, Moby Dick und Co. waren eben pc. Vor allem Flipper: Alternativtouristen buchten "dolphin swimming" mit garantiertem Körperkontakt, Behinderten sollten die Tiere helfen, den Alltag zu bewältigen. Pech für das Kuscheltier des New Age, dass ihm Meeresbiologen beim Kindsmord, Vergewaltigen und scheinbar grundlosen Töten von Schweinswalen zusahen.

Auch mit der Intelligenz der Säuger ist es nicht weit her. Sie verfangen sich in Treibnetzen und kollidieren mit Supertankern. "Falls Grönlandwale mit ihrem hochraffinierten Wahrnehmungsapparat riesige Schiffe übersehen können, muss das Wort hochraffiniert neu definiert werden", sagt der Engländer James Hamilton-Paterson von der Royal Geographical Society.

Das korrekte Tier der Zukunft sollte einer Minderheit angehören

Auch der jetzt noch korrekte Elefant wirds wohl nicht mehr lange machen. Schon schneidet ihn die Elite. Da jeder auf den Dicken abfährt, ist die Liebe zu ihm nicht mehr originell. Zudem ist der Elefant ein Herdentier. Jetzt, da Massenevents aus der Mode geraten, wird es für den Mainstream Zeit, sich ein neues Vorbild zu suchen.

Machen wir uns also auf die Suche. Sie fällt nicht leicht. Das korrekte Tier der Jahrhundertwende sollte einer Minderheit angehören, empfiehlt der Münchner Michael Miersch, Autor von "Das bizarre Sexualleben der Tiere". Es könnte sich durch abweichendes Fortpflanzungsverhalten auszeichnen. Warum also nach der Enttabuisierung der Homosexualität im Menschenreich nicht die Dreistreifen-Rennechsen? Sie haben die Männer abgeschafft und leben in lesbischer Gemeinschaft.

Zudem ist es Zeit für ein seltenes Tier. Möglichst eines mit Opferstatus. Das Tier sollte Wildheit ausstrahlen, aber natürlich gewaltfrei sein. Ergo ein Pflanzenfresser - zur Freude der Vegetarier. Schön wäre auch, wenn es wie die singenden Wale eine kulturelle Leistung erbrächte. Aber, sagt Miersch, es sollte weder allzu bekannt noch putzig sein:"Koalas und Goldhamster überlässt der Bildungsbürger dem Spiesser."

Die Vermenschlichung der Tierwelt ist nicht zu stoppen

Wie die Wahl auch ausfällt, mit Einigkeit ist nicht zu rechnen. Die lesbischen Rennechsen pflanzen sich durch Klonen fort. Politisch nicht ganz korrekt. Zwergschimpansen drängten sich als Wegbereiter freier Sexualität auf, als Meister in Tantra und Kamasutra - wenn sie bloss ihre Jungtiere in Ruhe liessen! Mancher schickte gerne die monogamen Präriewühlmäuse und Albatrosse ins Rennen. Doch gibt es Langweiligeres als lebenslange Treue? Selbst das mögliche Paradetier der Grünen taugt nur parziell. Das romantische Glühwürmchen nutzt alternative Energieformen. Sein Minuspunkt ist seine Durchtriebenheit: Manche Arten führen verwandte Arten mit ihren Leuchtcodes hinters Licht, um sie dann zu fressen.

Nichts ist schwieriger für ein Tier, als es allen Menschen recht zu machen. Das Problem entstünde gar nicht erst, wenn sich hinter einem Wal der durchschnittlich intelligente Säuger verbergen dürfte. Ein Tier eben. Aber nein, stattdessen wird er mal als Pavarotti der Tiefsee vergöttert, mal als Planktonmassenmörder verteufelt. Die Vermenschlichung der Tierwelt ist nicht zu stoppen.

Wo ist die Lösung? In der individualisierten Gesellschaft kann sie nur darin liegen, dass sich jede Gruppe ihr eigenes Bannertier sucht. Wo neue Ethnien und Interessensgruppen nach Symbolen suchen, muss zwangsläufig auch das tierische Weltbild fragmentarisch sein. Dazu Tipps von Biologieseite: Abzuraten ist von Languren (Kindstötung), Ameisen (Krieg und Versklavung) und vergewaltigenden Hakenwürmern, Ottern, Wanzen oder Stockenten. Doch keine Angst: Noch immer bieten die Fauna genügend tierische Idole:

- Reinkarnationsgläubigen sei zum Mammut geraten. Tiefgefroren hat es im Eis überdauert und erwacht als Klon vielleicht zu neuem Leben.

- Familienplanerinnen sind mit der Zwergfledermaus gut bedient. Die treibt es im Herbst mit den stärksten Männchen, lagert den Samen bis zur Befruchtung im Frühjahr und legt sich so eine vielfältige Samenbank an.

- Für Schauspieler eignet sich die Antillenboa: In der Darstellung des Todes ist sie unnerreicht. Beim Mimen ihrer Leiche sondert sie ein Sekret ab, das nach Verwesung riecht. Die Augen verfärben sich trübrot, aus dem Mund tropft Blut.

- Eine grosse Auswahl steht Homosexuellen zur Verfügung. Bei 450 Arten haben Forscher Sex unter Gleichgeschlechtlichen entdeckt, bei Würmern, Wildschafen, Meerschweinchen, Koalas, Killerwalen oder Geiern.

- Der Eifersüchtige nimmt sich das Schwalbenmännchen zum Vorbild. Es imitiert Feindrufe, um die Partnerin vom Seitensprung abzuhalten. Der falsche Alarm lässt das Weibchen sofort zum Nest zurückkehren.

- Sogar Exhäftlingen bietet sich ein Idol: der Wolf. Einst gejagter Mörder, feiert er ein Comeback als Neuer Wilder, der keiner Fliege etwas zu Leide tut - abgesehen von der fast menschlichen Liebe zur Lammkeule.

Auch die Schweiz könnte sich nach einer politisch korrekten Vertretung umsehen: Da drängt sich der eingangs verschmähte Blutegel auf. Wenn man sich schon auf Kosten von anderen den Magen füllt, dann bitte nachhaltig. Der freundlich schmarotzende Egel hinterlässt in der Wunde Antibiotika und schützt so seinen Wirt vor Infektionen fremder Parasiten. Auch als Zwitter ist er zum Vorbild prädestiniert: Wer könnte besser einen Staat vertreten, in dem kein Geschlecht diskriminiert wird? Ein Wermutstropfen ist indes dabei: Das Reich der Sauger ist keine Spassgesellschaft: no sex. Politische Korrektheit hat der Egel mit Langeweile erkauft.