Aufpassen beim Einsteigen: Die Tram-Codes von Zürich (geschrieben von Jürg Rohrer, Tages-Anzeiger vom 28.12.01)

Dreizehn Tramlinien führen durch die Stadt Zürich. Auf allen quietscht es in den Kurven, aber sonst ist jede Linie anders.

Linie
Uebername Beschreibung :-)
1
Fliegender Holländer Die Tramlinie 1 gibt es nicht mehr. Gegründet 1882 als Rösslitram zwischen Tiefenbrunnen und Paradeplatz, verschwand sie 1955, als der Bus 31 die Strecke Burgwies-Schlachthof übernahm. Doch der Einer spukt immer noch durch die Stadt: Seine Wiederbelebung war für die Erschliessung von Eurogate geplant, die Investoren der Bahnhofüberbauung aber verloren den Mut. Der Einer bleibt Legende.
2
Der Rote Pfeil Ein Tram mit bestechender Linienführung, von Stadtrand zu Stadtrand meist auf schnurgerader Strecke. Hohes Tempo, deshalb die rote Farbe. Typisch für den Zweier ist die komplette Auswechslung der Fahrgäste auf halber Strecke: Die Kopftücher aus Altstetten steigen am Stauffacher aus; kein Aktenkoffer aus dem Seefeld schafft es über den Paradeplatz hinaus. Auch für die Nase ein Tram mit gespaltener Persönlichkeit: Auf der einen Seite dominieren Duftwässerchen, auf der anderen Küchendüfte.
3
Der Pressierte Der Dreier ist immer spät dran, weil er quer durch die verstopfte City muss mit Central und Bahnhofplatz. Deshalb haben die Trämler nur eines im Kopf: den Fahrplan. Kein Tram fährt einem so oft vor der Nase weg wie der Dreier. Gut zu beobachten am Klusplatz, wo die Passagiere aus vier Buslinien Anschluss erwarten. Nirgendwo wird öfter gegen das Tram getreten als am Klusplatz, deshalb auch Fluchplatz genannt. Diese Ohnmacht, wenn der Türknopf erlischt, kaum will man ihn drücken, ist der grösste kollektive Ärger in Zürich. Die VBZ erklären immer das Gleiche: Fahrplan, Anmeldung Lichtsignal etc. Aber überzeugen können sie niemanden, weil alle annehmen: Bei mir könnte man eine Ausnahme machen. Siehe auch: www.vbz.ch/service/
4
Der Hardliner Er fährt mitten durchs Industriequartier zum Hardturm und weiter in die Trabantensiedlung Grünau. Hier herrschen raue Sitten: regelmässig Überfälle von Fussballrowdys, mal schaukeln sie den Anhänger, mal legen sie Feuer. Oft blockiert durch Demonstrationen auf dem Limmatquai, früher ergänzt mit Steinwürfen aus dem AJZ. Anfang der 90er Jahre Drogenhandel en gros. Wie wenig die VBZ selbst heute ihrer Kundschaft im Vierer trauen, zeigen die häufigen Grosskontrollen zwischen dem Hauptbahnhof umd Limmatplatz - auch eine Art Überfall. Eindeutig Zürichs härteste Linie, deshalb die alten Wagen.
5
Der Luxemburger Zürichs kürzeste Linie; ein Tram, das bessere Tage gekannt hat. Bis 1986 brachte der Fünfer die Damen vom Zürichberg direkt zum Sprüngli mit seinen Luxemburgerli und Truffes. Deshalb das braune Nummernschild. Dann aber kam die grosse Tramverschiebung wegen der neuen Linien nach Schwamendingen. Der Fünfer wurde vom Paradeplatz abgezogen und rumpelt seither leer über den General-Guisan-Quai zum öden Tessinerplatz. Ein Mann versuchte ihn zu retten: EVP-Gemeinderat Theo Toggweiler wollte die Tramlinien der Demokratie unterwerfen, doch sein "Komitee pro Tram 5" kam in der Volksabstimmung bloss auf 26%. Heute kandidiert SVP-Mitglied Toggweiler im Namen der Senioren für den Stadtrat. Die Sprüngli-Gemeinde kann wieder hoffen.
6
Der Villenschreck "Karpfen" heisst der älteste Motorwagen der VBZ, erbaut 1959. Erfährt auf der Linie 6 zum Zoo hinauf - oder eben auch nicht: Wenn Laub auf den Gleisen liegt, kommt er auf der steilen Bergstrecke ins Rotieren. Sein heulender Motor weckt jeden Morgen den Zürichberg und ärgert die Villenbesitzer. Deshalb ist der Sechser das Lieblingstram der Linken. Das Frühgeläut der Kirchen kann juristisch bekämpft werden; gegen das Frühgeheul des Trams ist im Land der ÖV-Förderung kein Rechtsmittel gewachsen.
7
Der Schwarzfahrer Zürichs einzige Tramlinie in Schwarz, und das zu Recht: Schwarz ist es im Tunnel, den der Siebner auf dem Weg nach Schwamendingen durchfährt. Und düster ist die Stimmung, die Schwamendingen an der Urne kundtut: Regelmässig hat der Kreis 12 den höchsten Anteil an Nein-Stimmen. Schwamendingen lehnte 1978 sogar den Anschluss ans Tramnetz ab, wollte lieber wie gewohnt mit dem Dieselbus fahren und auf dem Weg in die City mehrmals umsteigen. Die Schwamendinger wurden aber überstimmt, weshalb sie seit 1986 Tram fahren müssen. Zur Strafe für diesen Undank setzen die VBZ auf der Linie 7 das "Mirage"-Tram aus den 60er Jahren ein - das mit dem mühsamen Einstieg.
8
Die Achterbahn Schon elfmal seit 1910 hat der Achter die Strecke gewechselt, und auch heute kurvt er zwischen Klus- und Hardplatz ohne zwingende Linienführung durch die Gegend. Das blasse Grün auf dem Nummernschild und der fehlende Anhänger machen es deutlich: keine grosse Tramlinie. Das Publikum ist klar getrennt: Zwischen Hardplatz und Stauffacher spricht es in allen Sprachen ausser Züritüütsch; zwischen Klus und Stadelhofen sind nervöse Mittelschüler unterwegs und die Kreis-7-Bewohner auf dem Weg zum Zahnarzt.
9
Der Newcomer Bis 1986 war der Neuner so kümmerlich wie der Fünfer heute. Dann kam die grosse Tramrochade, und aus der Linie 9 wurde nicht bloss die längste, sondern mit der Direktverbindung von Uni, ETH, Kunsthaus, Schauspielhaus und Opernhaus auch die kultivierteste. Aus diesem Grund verkehrt hier immer das neueste Rollmaterial. Jetzt selbstverständlich auch das Cobra-Tram, diese Zürcher Spezialanfertigung mit tiefem Einstieg und einzeln angetriebenen Rädern. Alle Städte der Welt nehmen in Kauf, dass die Strassenbahn in den Kurven quietscht. Zürich nicht. So schön die Cobra anzuschauen ist - Desing by Pininfarina! -, so laut ist sie innen drin. 75 Stück wollen die VBZ von dieser Rumpelkiste bestellen; wenn sie den Krach aber nicht bald loswerden, steigt Zürich wieder aufs Auto um.
10
Der Studi-Shuttle Der Zehner bringt die Studenten vom Hauptbahnhof zur ETH und zur Uni Irchel. Seine Belegung hängt vom Vorlesungsverzeichnis der Hochschulen ab, mal ist er übervoll, mal wieder halb leer. Wenn voll, dann ist der Zehner das Tram mit der dichtesten Ballung von Intelligenz im Zürcher Verkehrsverbund. Fahrgäste, die nicht studieren, wären indes froh, die VBZ würden für die Studis auf dieser Linie den Numerus clausus einführen.
11
Das Bürgertram Der Elfer ist das einzige Tram, das die Bahnhofstrasse auf ihrer ganzen Länge durchfährt und das die Limmat zweimal überquert. Die linken Stadtkreise 4 und 5 werden konsequent gemieden. Das behagt dem Publikum, denn zwischen Rehalp und Messe Zürich verbindet der Elfer ausschliesslich bürgerliche und kleinbürgerliche Quartiere. Dieses geordnete Umfeld, kombiniert mit den gepolsterten Sitzen des Trammodells 2000, macht den Elfer zum Favoriten der Senioren. Was wiederum die Andensöhne fern hält, die in den Anhängern ungebeten zur Gitarre greifen. Im Elfer haben sie noch nie einen Batzen gekriegt.
12
Die Geisterbahn Die Linie 12, unterwegs zwischen Klus und Höngg, wurde 1956 eingestellt. Bei Vollmond wird der Zwölfer hin und wieder gesehen, was aber einer nüchternen Untersuchung noch nie standgehalten hat. Trotzdem gilt er als Vorbild für den öffentlichen Verkehr: überhaupt nie Verspätungen oder Karambolagen.
13
Die Berg-und-Tal-Bahn Der Dreizehner erschliesst das Albisgüetli am Üetliberg und Höngg im Limmattal. Eine grosse Leistung, aber die Fahrt dauert ewig. Überdies verkehrt auf der Linie 13 das Modell "Mirage" mit den harten Sitzen. Ein unbequemes Tram. Nirgendwo wird zur Ablenkung entschlossener Gratiszeitung gelesen, nirgendwo sind die Durchsagen der Leitstelle willkommener - eine menschliche Stimme im endlosen Gerumpel. Die Durchsage der Leitstelle heisst heute offiziell Information der Züri-Linie. Information töne moderner und dynamischer als Durchsage, dachten sich die VBZ, und tauften gleich noch die Kontrolleure in Kundenberater um. Jetzt sind die Fahrgäste gespannt, wie die VBZ ans Nächstes die Kollision und den Fahrleitungsbruch modern und dynamisch umschreiben.
14
Der Büroexpress Wer nie um 7.30 Uhr von Seebach Richung City gefahren ist, weiss nicht, was Tramfahren bedeutet. Auf der Linie 14 kommt die längste Tramkomposition mit 42 Metern zum Einsatz, hier geht es um das Verschieben von Massen. Mit vier Personen pro Quadratmeter rechnen die Verkehrsbetriebe in den Stosszeiten - theoretisch. In Wirklichkeit sind es eine Freitag-Tasche, ein Ellbogen und zwei Füsse mehr. Hier werden Arbeitsplätze hautnah erlebbar - auf Details sei an dieser Stelle verzichtet. Aber jeder, der drinsteckt, wünscht sich für den Moment etwas weniger Vollbeschäftigung.
15
Das Schlusslicht Wie der Achter hat auch der Fünfzehner keinen Anhänger und eine vorzeitige Endstation: Wer wendet schon am Bucheggplatz, wo Zürich-Nord erst anfängt? Er ist das einige Tram, das nie die Limmat überquert, weswegen er sich auch schlecht für eine Stadtbesichtigung eignet. Stattdessen trägt er zur Verstopfung des Centrals bei und wird bald die Fussgänger auf dem autofreien Limmatquai erschrecken. Eindeutig das Schlusslicht in der Hierarchie der Zürcher Tramlinien, deshalb das Rot auf dem Nummernschild.