Gedichte I (vorwiegend die, die ich im Unterricht behandle ...)     Letztes Update: 14.11.02

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Inhalt
Aufbrechen (Schönfelder)
Zukunft (Tolstoi)
Cats: Memory (Webber)
Ich denke dein (Goethe)
Auf dem See (Goethe)
Neue Liebe, neues Leben (Goethe)
GRENZEN DER MENSCHHEIT (Goethe)
Prometheus (Goethe)
Der Fischer (Goethe)
Der Totentanz (Goethe)
Der Zauberlehrling (Goethe)
Erlkönig (Goethe)
Bürgschaft (Schiller) 
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland (Fontane) 
Der römische Brunnen (C.F. Meyer)
Die Füße im Feuer (C.F. Meyer)
Jetzt rede du! (C.F.Meyer)
Mit zwei Worten (C.F. Meyer)
Der Vergess (Morgenstern)
Es ist alles eitel (Gryphius)
Belsazar (Heine) und Bibeltext
Nathan (Lessing) Ringparabel
Der Knabe im Moor (Droste-Hülshoff)
Die Brück am Tay (Fontane)
Nimm dir Zeit (isländ. Weisheit)
Weihnachtsgeschichte (weiss nicht!)
Vergnügungen (Brecht)
verklärter Herbst (Georg Trakl) 
Dû bist mîn, ich bin dîn unbekannt

Aufbrechen
Aufbrechen heisst
nicht auf der Stelle
stehen-bleiben
nicht
hocken-bleiben
in den Gemäuern
der Sicherheiten
nicht
sitzen-bleiben
in den Bänken
der Ruhe
nicht
liegen-bleiben
in den Betten
des Wohlbefindens

Aufbrechen heisst
nicht bleiben.

Aufbrechen heisst
Sicherheiten verlassen
unruhig werden
aufstehen
sich von der Stelle
bewegen
zielgerichtet.

Aufbrechen heisst
nicht bleiben.

Aufbrechen heisst
der Zukunft trauen
und dem Weg
die Hoffung haben
im Land der Sehnsucht
anzukommen.

Roland Schönfelder
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Die Zukunft ist jetzt
"wir denken über die zukunft nach,
richten sie uns ein, doch die
zukunft ist gar nicht wichtig, denn
wichtig ist nur eines: die sache des
lebens zu tun, und diese sache
besteht darin, mit der liebe des
gewissens eins zu sein. und diese
sache kann man nur jetzt tun und
unter allen gegebenheiten,
deshalb auch ist es völlig
gleichgültig, wie die zukunft sein
und ob sie überhaupt sein wird.
wichtig ist nur, in der zeitlosigkeit
des gegenwärtigen moments das zu
tun, was getan werden muß."
Lew Tolstoi
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Ich denke dein (um 1795)

Ich denke dein, wenn mir der Sonner Schimmer
Vom Meere strahlt,
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen mahlt.
Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
Der Staub sich hebt.
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wandrer bebt.
Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
Die Welle steigt,
Im stillen Heine geh' ich oft zu lauschen
Wenn alles schweigt.
Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne
O waerst du nur da!

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
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Memory  - Webber, Andrew Lloyd: Cats
Midnight, not a sound from the pavement
Has the moon lost her memory
She is shining alone.
In the lamplight the whithered leaves collect at my feet
And the wind begins to moan.

Daylight, see the dew on the sunflower
And a rose that is fading
Roses wither away
Like the sunflower I yearn to turn my face to the dawn
I am waiting for the day

Now Old Deuteronomy, just before dawn
Through a silence you feel you could cut with a knife
Announces the cat who can now be reborn
And come back to a different jellicle life

Memory, turn your face to the moonlight
Let your memory lead you
Open up, enter in
If you find there the meaning of what happiness is
Then a new life will begin

Memory, all alone in the moonlight
I can smile at the old days
I was beautiful then
I remember the time I knew what happiness was
Let the memory live again

Burnt out ends of smokey days
The stale cold smell of morning
The streetlamp dies, another night is over
Another day is dawning

Daylight, I must wait for the sunrise
I must think of a new life
And I mustn't give in
When the dawn comes tonight will be a memory too
And a new day will begin

Sunlight, through the trees in the summer
Endless masquerading
Like a flower as the dawn is breaking
The memory is fading

Touch me, it's so easy to leave me
All alone with the memory
Of my days in the sun
If you touch me you'll understand what happiness is
Look, a new day has begun

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NIMM DIR ZEIT (isländ. Weisheit)
Nimm Dir Zeit, um zu arbeiten;
     es ist der Preis des Erfolges.
Nimm Dir Zeit, um nachzudenken;
     es ist die Quelle der Kraft.
Nimm Dir Zeit, um zu spielen;
     es ist das Geheimnis der Jugend.
Nimm Dir Zeit, um freundlich zu sein;
     es ist das Tor zum Glücklichsein.
Nimm Dir Zeit, um zu träumen;
     es ist der Weg zu den Sternen.
Nimm Dir Zeit, um zu lieben;
     es ist die wahre Lebensfreude.
Nimm Dir Zeit, um froh zu sein;
     es ist die Musik der Seele.
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Weihnachtsgeschichte  Is, E+K, D
Es war einmal ein kleiner Baumwollfaden, der hatte Angst, dass es nicht ausreicht, so, wie er war: "Für
ein Schiffstau bin ich viel zu schwach", sagte er sich, "und für einen Pullover zu kurz. An andere
anzuknüpfen, habe ich viel zu viele Hemmungen. Für eine Stickerei eigne ich mich auch nicht,
dazu bin ich zu blass und farblos. Ja, wenn ich aus Lurex wäre, dann könnte ich eine Stola verzieren oder ein
Kleid. Aber so?! Es reicht nicht! Was kann ich schon? Niemand braucht mich. Niemand mag mich - und
ich mich selbst am wenigsten."

So sprach der kleine Baumwollfaden, legte traurige Musik auf und fühlte sich ganz niedergeschlagen in
seinem Selbstmitleid.

Da klopfte ein Klümpchen Wachs an seine Tür und sagte: "Lass dich doch nicht so hängen, du
Baumwollfaden. Ich hab' da so eine Idee: Wir beide tun uns zusammen. Für eine Osterkerze bist du zwar
als Docht zu kurz und ich hab' dafür nicht genug Wachs, aber für ein Teelicht reicht es allemal. Es ist
doch viel besser, ein kleines Licht anzuzünden, als immer nur über die Dunkelheit zu jammern!"

Da war der kleine Baumwollfaden ganz glücklich, tat sich mit dem Klümpchen Wachs zusammen und
sagte: "Nun hat mein Dasein doch einen Sinn."

Und wer weiß, vielleicht gibt es in der Welt noch mehr kurze Baumwollfäden und kleine
Wachsklümpchen, die sich zusammentun könnten, um der Welt zu leuchten?!
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Bertolt Brecht: Vergnügungen
Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.
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AUF DEM SEE - spätere Fassung

Und frische Nahrung, neues Blut
Saug ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unsern Kahn
Im Rudertakt hinauf,
Und Berge, wolkig himmelan,
Begegnen unserm Lauf.

Aug, mein Aug, was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg du Traum! so gold du bist;
Hier auch Lieb und Leben ist.

Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne,
Weiche Nebel trinken
Rings die türmende Ferne;
Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht,
Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht.

Johann Wolfgang von Goethe
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Neue Liebe, neues Leben (J.W. Goethe)

               Herz, mein Herz, was soll das geben?
               Was bedränget dich so sehr?
               Welch ein fremdes, neues Leben!
               Ich erkenne dich nicht mehr.
               Weg ist alles, was du liebtest,
               Weg, warum du dich betrübtest,
               Weg dein Fleiß und deine Ruh ­
               Ach, wie kamst du nur dazu!

               Fesselt dich die Jugendblüte,
               Diese liebliche Gestalt,
               Dieser Blick voll Treu und Güte
               Mit unendlicher Gewalt?
               Will ich rasch mich ihr entziehen,
               Mich ermannen, ihr entfliehen,
               Führet mich im Augenblick,
               Ach, mein Weg zu ihr zurück.

               Und an diesem Zauberfädchen,
               Das sich nicht zerreißen läßt,
               Hält das liebe, lose Mädchen
               Mich so wider Willen fest;
               Muß in ihrem Zauberkreise
               Leben nun auf ihre Weise.
               Die Verändrung, ach, wie groß!
               Liebe! Liebe! laß mich los!
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GRENZEN DER MENSCHHEIT (Goethe) (1781)

Wenn der uralte
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
Segnende Blitze
Über die Erde sät,
Küß ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
Treu in der Brust.

Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgendein Mensch.
Hebt er sich aufwärts
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde.

Steht er mit festen
Markigen Knochen
Auf der wohlgegründeten
Dauernden Erde,
Reicht er nicht auf,
Nur mit der Eiche
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.

Was unterscheidet
Götter von Menschen?
Daß viele Wellen
Vor jenen Wandeln,
Ein ewiger Strom;
Uns hebt die Welle,
Verschlingt die Welle,
Und wir versinken.

Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sie dauernd
An ihres Daseins
Unendliche Kette.
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Prometheus Johann Wolfgang Goethe -

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Diesteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmer's
Unter der Sonn' als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußt', wo aus, wo ein,
Kehrte mein verirrtes Aug'
Zur Sonne, als wenn drüber wär'
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du's nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?

Hat nicht mich zum
Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle [Knabenmorgen-]
Blütenträume reiften?

Hier sitz' ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.
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Der römische Brunnen

                  Conrad Ferdinand Meyer

                  Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
                  Er voll der Marmorschalen Rund,
                  Die sich verschleiernd, überfließt
                  In einer zweiten Schale Grund;
                  Die zweite gibt, sie wird zu reich,
                  Der Dritten wallend ihre Flut,
                  Und jene nimmt und gibt zugleich,
                  Und strömt und ruht.
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Die Füße im Feuer

          Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm
          Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross
          Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
          Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
          Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
          Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann ...

          - "Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
          Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!"
          - "Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmerts mich?
          Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!"
          Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
          Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
          Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
          Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
          Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild ...
          Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
          Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft ...
          Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal ...
          Die Flamme zischt. Zwei Fusse zucken in der Glut.
          Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
          Mit Linnen blendend weiss. Das Edelmägdlein hilft.
          Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
          Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt ...
          Die Flamme zischt. Zwei Füsse zucken in der Glut.

          - "Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
          Drei Jahre sinds ... Auf einer Hugenottenjagd ...
          Ein fein, halsstarrig Weib ... `Wo steckt der Junker? Sprich!'
          Sie schweigt. `Bekenn!' Sie schweigt. `Gib ihn heraus!' Sie schweigt.
          Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf ...
          Die nackten Füsse pack ich ihr und strecke sie
          Tief mitten in die Glut ... `Gib ihn heraus!' ... Sie schweigt ...
          Sie windet sich ... Sahst du das Wappen nicht am Tor?
          Wer hiess dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
          Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich." -
          Eintritt der Edelmann. "Du träumst! Zu Tische, Gast ..."

          Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
          Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
          Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an -
          Den Becher füllt und übergiesst es, stürzt den Trunk,
          Springt auf: "Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
          Müd bin ich wie ein Hund!" Ein Diener leuchtet ihm,
          Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
          Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr ...
          Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

          Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
          Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
          Die Treppe kracht ... Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt? ...
          Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
          Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
          Er auf das Lager. Draussen plätschert Regenflut.

          Er träumt. "Gesteh!" Sie schweigt. "Gib ihn heraus!" Sie schweigt.
          Er zerrt das Weib. Zwei Füsse zucken in der Glut.
          Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt ...
          - "Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!"
          Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
          Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr - ergraut,
          Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

          Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
          Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad,
          Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
          Friedselge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
          Als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
          Die dunkeln Schollen atmen kräftgen Erdgeruch,
          Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug,
          Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: "Herr,
          Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
          Und wisst, dass ich dem grössten König eigen bin.
          Lebt wohl! Auf Nimmerwiedersehn!" Der andre spricht:
          "Du sagsts! Dem grössten König eigen! Heute ward
          Sein Dienst mir schwer ... Gemordet hast du teuflisch mir
          Mein Weib! Und lebst ... Mein ist die Rache, redet Gott."
top
 

Jetzt rede du!

                   Du warest mir ein täglich Wanderziel
                   Viellieber Wald, in dumpfen Jugendtagen,
                   Ich hatte dir geträumten Glücks so viel
                   Anzuvertraun, so wahren Schmerz zu klagen.

                   Und wieder such ich dich, du dunkler Hort,
                   Und deines Wipfelmeers gewaltig Rauschen -
                   Jetzt rede du! Ich lasse dir das Wort!
                   Verstummt ist Klag und Jubel. Ich will lauschen
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Mit zwei Worten

  Am Gestade Palästinas, auf und nieder, Tag um Tag,
  "London?" frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.
  "London!" bat sie lang vergebens, nimmer müde, nimmer zag,
  Bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.

  Sie betrat das Deck des Seglers und ihr wurde nicht gewehrt.
  Meer und Himmel. "London?" frug sie, von der Heimat abgekehrt,
  Suchte blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt,
  Nach den Küsten, wo die Sonne sich in Abendglut verzehrt ...

  "Gilbert?" fragt die Sarazenin im Gedräng der grossen Stadt,
  Und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat.
  "Tausend Gilbert gibts in London!" Doch sie sucht und wird nicht
  matt.
  "Labe dich mit Trank und Speise!" Doch sie wird von Tränen satt.

  "Gilbert!" "Nichts als Gilbert? Weisst du keine andern Worte?
  Nein?"
  "Gilbert!" ... "Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein
  -
  Den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein
  Dem die Bande löste heimlich eines Emirs Töchterlein -"

  "Pilgrim Gilbert Becket!" dröhnt es, braust es längs der Themse
  Strand.
  Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt,
  Über seine Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand.
  Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.

top
Der Vergeß

 Er war voll Bildungshung, indes,
 soviel er las
 und Wissen aß,
 er blieb zugleich ein Unverbeß,
 ein Unver, sag ich, als Vergeß;
 ein Sieb aus Glas,
 ein Netz aus Gras,
 ein Vielfraß -
 doch kein Haltefraß.
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Es ist alles eitel

                   (zu Prediger 1,2)

               Andreas Gryphius
 
 

 Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.
 Was dieser heute baut, reist jener morgen ein:
 Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein
 Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden:
 Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
 Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein
 Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
 Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.
 Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
 Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
 Ach! was ist alles dies, was wir für köstlich achten,
 Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
 Als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind't.
 Noch will was ewig ist kein einig Mensch betrachten!
top
 

Belsazar
Heinrich Heine

              Junge Leiden - Romanzen X
 

           Die Mitternacht zog näher schon;
           In stummer Ruh lag Babylon.

           Nur oben in des Königs Schloß,
           Da flackerts, da lärmt des Königs Troß.

           Dort oben in dem Königssaal
           Belsatzar hielt sein Königsmahl.

           Die Knechte saßen in schimmernden Reihn,
           Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

           Es klirrten die Becher, es jauchzten die
           Knecht;
           So klang es dem störrigen Könige recht.

           Des Königs Wangen leuchten Glut;
           Im Wein erwuchs ihm kecker Mut.

           Und blindlings reißt der Mut ihn fort;
           Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.

           Und er brüstet sich frech, und lästert wild;
           Der Knechtenschar ihm Beifall brüllt.

           Der König rief mit stolzem Blick;
           Der Diener eilt und kehrt zurück.

           Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt;
           Das war aus dem Tempel Jehovas geraubt.

           Und der König ergriff mit frevler Hand
           Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand.

           Und er leert ihn hastig bis auf den Grund,
           Und rufet laut mit schäumendem Mund:

           Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn -
           Ich bin der König von Babylon!

           Doch kaum das grause Wort verklang,
           Dem König wards heimlich im Busen bang.

           Das gellende Lachen verstummte zumal;
           Es wurde leichenstill im Saal.

           Und sieh! und sieh! an weißer Wand
           Da kams hervor wie Menschenhand;

           Und schrieb, und schrieb an weißer Wand
           Buchstaben von Feuer, und schrieb und
           schwand.

           Der König stieren Blicks da saß,
           Mit schlotternden Knien und totenblaß.

           Die Knechtenschar saß kalt durchgraut,
           Und saß gar still, gab keinen Laut.

           Die Magier kamen, doch keiner verstand
           Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.

           Belsatzar ward aber in selbiger Nacht
           Von seinen Knechten umgebracht.

Belsazars Gastmahl.

5,1 König Belsazar machte ein herrliches Mahl
für seine tausend Mächtigen und soff sich voll
mit ihnen.
5,2 Und als er betrunken war, ließ er (a) die
goldenen und silbernen Gefäße herbringen, die sein
Vater Nebukadnezar aus dem Tempel zu Jerusalem
weggenommen hatte, damit der König mit seinen Mächtigen,
mit seinen Frauen und mit seinen Nebenfrauen daraus
tränke.
5,3 Da wurden die goldenen und silbernen Gefäße
herbeigebracht, die aus dem Tempel, aus dem Hause
Gottes zu Jerusalem, weggenommen worden waren;
und der König, seine Mächtigen, seine Frauen und
Nebenfrauen tranken daraus.
5,4 Und als sie so tranken, lobten sie die goldenen,
silbernen, ehernen, eisernen, hölzernen und steinernen
Götter.
5,5 Im gleichen Augenblick gingen hervor Finger
wie von einer Menschenhand, die schrieben gegenüber
dem Leuchter auf die getünchte Wand in dem königlichen
Saal. Und der König erblickte die Hand, die da
schrieb.
5,6 Da entfärbte sich der König, und seine Gedanken
erschreckten ihn, so daß er wie gelähmt war und
ihm die Beine zitterten.
5,7 Und der König rief laut, daß man die Weisen,
Gelehrten und Wahrsager herbeiholen solle. Und
er ließ den Weisen von Babel sagen: Welcher Mensch
diese Schrift lesen kann und mir sagt, was sie
bedeutet, der soll mit Purpur gekleidet werden
und eine goldene Kette um den Hals tragen und der
Dritte in meinem Königreich sein.
5,8 Da wurden alle Weisen des Königs hereingeführt,
aber sie konnten weder die Schrift lesen noch die
Deutung dem König kundtun.
5,9 Darüber erschrak der König Belsazar noch mehr
und verlor seine Farbe ganz, und seinen Mächtigen
wurde angst und bange.
5,10 Da ging auf die Worte des Königs und seiner
Mächtigen die Königinmutter in den Saal hinein
und sprach: Der König lebe ewig! Laß dich von deinen
Gedanken nicht so erschrecken, und entfärbe dich
nicht!
5,11 Es ist ein Mann in deinem Königreich, der
(a) den Geist der heiligen Götter hat. Denn zu
deines Vaters Zeiten fand sich bei ihm Erleuchtung,
Klugheit und Weisheit wie der Götter Weisheit.
Und dein Vater, der König Nebukadnezar, (b) setzte
ihn über die Zeichendeuter, Weisen, Gelehrten und
Wahrsager,
5,12 weil ein (a) überragender Geist bei ihm gefunden
wurde, dazu Verstand und Klugheit, Träume zu deuten,
dunkle Sprüche zu erraten und Geheimnisse zu offenbaren.
Das ist Daniel, dem der König den Namen Beltschazar
gab. So rufe man nun Daniel; der wird sagen, was
es bedeutet.
5,13 Da wurde Daniel vor den König geführt. Und
der König sprach zu Daniel: Bist du Daniel, einer
der Gefangenen aus Juda, die der König, mein Vater,
aus Juda hergebracht hat?
5,14 Ich habe von dir sagen hören, daß du den
Geist der heiligen Götter habest und Erleuchtung,
Verstand und hohe Weisheit bei dir zu finden sei.
5,15 Nun hab ich vor mich rufen lassen die Weisen
und Gelehrten, damit sie mir diese Schrift lesen
und kundtun sollen, was sie bedeutet; aber sie
können mir nicht sagen, was sie bedeutet.
5,16 Von dir aber höre ich, daß du Deutungen zu
geben und Geheimnisse zu offenbaren vermagst. Kannst
du nun die Schrift lesen und mir sagen, was sie
bedeutet, so sollst du mit Purpur gekleidet werden
und eine goldene Kette um deinen Hals tragen und
der Dritte in meinem Königreich sein.
5,17 Da fing Daniel an und sprach vor dem König:
Behalte deine Gaben und gib dein Geschenk einem
andern; ich will dennoch die Schrift dem König
lesen und kundtun, was sie bedeutet.
5,18 Mein König, (a) Gott der Höchste hat deinem
Vater Nebukadnezar Königreich, Macht, Ehre und
Herrlichkeit gegeben.
5,19 Und um solcher Macht willen, die ihm gegeben
war, fürchteten und scheuten sich vor ihm alle
Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen.
Er tötete, wen er wollte; er ließ leben, wen er
wollte; er erhöhte, wen er wollte; er demütigte,
wen er wollte.
5,20 Als sich aber sein Herz überhob und er stolz
und hochmütig wurde, da wurde er vom königlichen
Thron gestoßen und verlor seine Ehre
5,21 und wurde verstoßen aus der Gemeinschaft
der Menschen, und sein Herz wurde gleich dem der
Tiere, und er mußte bei dem Wild hausen und fraß
Gras wie die Rinder, und sein Leib lag unter dem
Tau des Himmels und wurde naß, bis er lernte, daß
(a) Gott der Höchste Gewalt hat über die Königreiche
der Menschen und sie gibt, wem er will.
5,22 Aber du, Belsazar, sein Sohn, hast dein Herz
nicht gedemütigt, obwohl du das alles wußtest,
5,23 sondern hast dich gegen den Herrn des Himmels
erhoben, und die Gefäße seines Hauses hat man vor
dich bringen müssen, und du, deine Mächtigen, deine
Frauen und deine Nebenfrauen, ihr habt daraus getrunken;
dazu hast du die silbernen, goldenen, ehernen,
eisernen, hölzernen, steinernen Götter gelobt,
die weder sehen noch hören noch fühlen können.
Den Gott aber, der deinen Odem und alle deine Wege
in seiner Hand hat, hast du nicht verehrt.
5,24 Darum wurde von ihm diese Hand gesandt und
diese Schrift geschrieben.
5,25 (a) So aber lautet die Schrift, die dort
geschrieben steht: Mene mene tekel u-parsin.
5,26 Und sie bedeutet dies: Mene, das ist, Gott
hat dein Königtum gezählt und beendet.
5,27 Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage
gewogen und zu leicht befunden.
5,28 Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und
den Medern und Persern gegeben.
5,29 Da befahl Belsazar, daß man Daniel mit Purpur
kleiden sollte und ihm eine goldene Kette um den
Hals geben; und er ließ von ihm verkünden, daß
er der Dritte im Königreich sei. (a)
5,30 Aber in derselben Nacht wurde Belsazar, der
König der Chaldäer, getötet.
top

Nathan.
      Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,
      Der einen Ring von unschätzbarem Wert
      Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
      Opal, der hundert schöne Farben spielte,
      Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
      Und Menschen angenehm zu machen, wer
      In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
      Daß ihn der Mann in Osten darum nie
      Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
      Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
      Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring
      Von seinen Söhnen dem geliebtesten;
      Und setzte fest, daß dieser wiederum
      Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
      Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
      Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein
      Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. -
      Versteh mich, Sultan.

 Saladin.       Ich versteh dich. Weiter!

 Nathan.
      So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
      Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;
      Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
      Die alle drei er folglich gleich zu lieben
      Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
      Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
      Der dritte, - sowie jeder sich mit ihm
      Allein befand, und sein ergießend Herz
      Die andern zwei nicht teilten, - würdiger
      Des Ringes; den er denn auch einem jeden
      Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
      Das ging nun so, solang es ging. - Allein
      Es kam zum Sterben, und der gute Vater
      Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
      Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
      Verlassen, so zu kränken. - Was zu tun? -
      Er sendet in geheim zu einem Künstler,
      Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
      Zwei andere bestellt, und weder Kosten
      Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
      Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
      Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
      Kann selbst der Vater seinen Musterring
      Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
      Er seine Söhne, jeden insbesondre;
      Gibt jedem insbesondre seinen Segen, -
      Und seinen Ring, - und stirbt. - Du hörst doch, Sultan?

 Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt).
      Ich hör, ich höre! - Komm mit deinem Märchen
      Nur bald zu Ende. - Wird's?

 Nathan.       Ich bin zu Ende.
      Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. -
      Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
      Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst
      Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
      Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
      Erweislich; -
      (nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort
      erwartet)
            Fast so unerweislich, als
      Uns itzt - der rechte Glaube.

 Saladin.       Wie? das soll
      Die Antwort sein auf meine Frage? ...

 Nathan.       Soll
      Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe
      Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
      Der Vater in der Absicht machen ließ,
      Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

 Saladin.
      Die Ringe! - Spiele nicht mit mir! - Ich dächte,
      Daß die Religionen, die ich dir
      Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
      Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank!

 Nathan.
      Und nur von seiten ihrer Gründe nicht.
      Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
      Geschrieben oder überliefert! - Und
      Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
      Und Glauben angenommen werden? - Nicht? -
      Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
      Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
      Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
      Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
      Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
      Getäuscht zu werden uns heilsamer war? -
      Wie kann ich meinen Vätern weniger
      Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. -
      Kann ich von dir verlangen, daß du deine
      Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
      Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
      Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? -

 Saladin.
      (Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.
      Ich muß verstummen.)

 Nathan.       Laß auf unsre Ring'
      Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
      Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
      Unmittelbar aus seines Vaters Hand
      Den Ring zu haben. - Wie auch wahr! - Nachdem
      Er von ihm lange das Versprechen schon
      Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
      Genießen. - Wie nicht minder wahr! - Der Vater,
      Beteurt' jeder, könne gegen ihn
      Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses
      Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
      Argwohnen lass': eh' müss' er seine Brüder,
      So gern er sonst von ihnen nur das Beste
      Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
      Bezeihen; und er wolle die Verräter
      Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

 Saladin.
      Und nun, der Richter? - Mich verlangt zu hören,
      Was du den Richter sagen lässest. Sprich!

 Nathan.
      Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater
      Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch
      Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel
      Zu lösen da bin? Oder harret ihr,
      Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne? -
      Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
      Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
      Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß
      Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
      Doch das nicht können! - Nun; wen lieben zwei
      Von Euch am meisten? - Macht, sagt an! Ihr schweigt?
      Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
      Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
      Am meisten? - Oh, so seid ihr alle drei
      Betrogene Betrüger! Eure Ringe
      Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
      Vermutlich ging verloren. Den Verlust
      Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
      Die drei für einen machen.

 Saladin.       Herrlich! herrlich!

 Nathan.
      Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
      Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
      Geht nur! - Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
      Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
      Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
      So glaube jeder sicher seinen Ring
      Den echten. - Möglich; daß der Vater nun
      Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
      In seinem Hause dulden willen! - Und gewiß;
      Daß er euch alle drei geliebt, und gleich
      Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
      Um einen zu begünstigen. - Wohlan!
      Es eifre jeder seiner unbestochnen
      Von Vorurteilen freien Liebe nach!
      Es strebe von euch jeder um die Wette,
      Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
      Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
      Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
      Mit innigster Ergebenheit in Gott
      Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
      Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
      So lad ich über tausend tausend Jahre
      Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
      Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
      Als ich; und sprechen. Geht! - So sagte der
      Bescheidne Richter.
top

Der Knabe im Moor

            Annette von Droste-Hülshoff

          O schaurig ist's übers Moor zu gehn,
          Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
          Sich wie Phantome die Dünste drehn
          Und die Ranke häkelt am Strauche,
          Unter jedem Tritt ein Quellchen springt,
          Wenn es aus der Spalte zischt und singt!-
          O schaurig ist's übers Moor zu gehn,
          Wenn der Röhrich knistert im Hauche!

          Fest hält die Fiebel das zitternde Kind
          Und rennt, als ob man es jage;
          Hohl über die Fläche sauset der Wind-
          Was raschelt drüben am Hage?
          Das ist der gespenstische Gräberknecht,
          Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
          Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
          Hinducket das Knäblein zage.

          Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
          Unheimlich nicket die Föhre,
          Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
          Durch Riesenhalme wie Speere;
          Und wie es rieselt und knittert darin!
          Das ist die unselige Spinnerin,
          Das ist die gebannte Spinnenlenor',
          Die den Haspel dreht im Geröhre!

          Voran, voran! Nur immer im Lauf,
          Voran, als woll es ihn holen!
          Vor seinem Fuße brodelt es auf,
          Es pfeift ihm unter den Sohlen,
          Wie eine gespenstische Melodei;
          Das ist der Geigemann ungetreu,
          Das ist der diebische Fiedler Knauf,
          Der den Hochzeitsheller gestohlen!

          Da birst das Moor, ein Seufzer geht
          Hervor aus der klaffenden Höhle;
          Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
          "Ho, ho, meine arme Seele!"
          Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
          Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
          Seine bleichen Knöchelchen fände spät
          Ein Gräber im Moorgeschwele.

          Da mählich gründet der Boden sich,
          Und drüben, neben der Weide,
          Die Lampe flimmert so heimatlich,
          Der Knabe steht an der Scheide.
          Tief atmet er auf, zum Moor zurück
          Noch immer wirft er den scheuen Blick:
          Ja, im Geröhr war's fürchterlich,
          O schaurig war's in der Heide
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Die Brück' am Tay

        Theodor Fontane (1819-1898)

 »Wann treffen wir drei wieder zusamm'?«
 »Um die siebente Stund', am Brückendamm.«
 »Am Mittelpfeiler.«
 »Ich lösch die Flamm'.«
 »Ich mit.«
 »Ich komme vom Norden her.«
 »Und ich vom Süden.«
 »Und ich vom Meer.«

 »Hei, das gibt ein Ringelreihn,
 und die Brücke muß in den Grund hinein.«
 »Und der Zug, der in die Brücke tritt
 um die siebente Stund'?«
 »Ei, der muß mit.«
 »Muß mit.«
 »Tand, Tand
 ist das Gebild von Menschenhand.«

 Auf der Norderseite, das Brückenhaus -
 alle Fenster sehen nach Süden aus,
 und die Brücknersleut', ohne Rast und Ruh
 und in Bangen sehen nach Süden zu,
 sehen und warten, ob nicht ein Licht
 übers Wasser hin »ich komme" spricht,
 »ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
 ich, der Edinburger Zug.«

 Und der Brückner jetzt: »Ich seh einen Schein
 am andern Ufer. Das muß er sein.
 Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,
 unser Johnie kommt und will seinen Baum,
 und was noch am Baume von Lichtern ist,
 zünd alles an wie zum heiligen Christ,
 der will heuer zweimal mit uns sein, -
 und in elf Minuten ist er herein.«

 Und es war der Zug. Am Süderturm
 keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,
 und Johnie spricht: »Die Brücke noch!
 Aber was tut es, wir zwingen es doch.
 Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
 die bleiben Sieger in solchem Kampf,
 und wie's auch rast und ringt und rennt,
 wir kriegen es unter: das Element.

 Und unser Stolz ist unsre Brück';
 ich lache, denk ich an früher zurück,
 an all den Jammer und all die Not
 mit dem elend alten Schifferboot;
 wie manche liebe Christfestnacht
 hab ich im Fährhaus zugebracht
 und sah unsrer Fenster lichten Schein
 und zählte und konnte nicht drüben sein.«

 Auf der Norderseite, das Brückenhaus -
 alle Fenster sehen nach Süden aus,
 und die Brücknersleut' ohne Rast und Ruh
 und in Bangen sehen nach Süden zu;
 denn wütender wurde der Winde Spiel,
 und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel,
 erglüht es in niederschießender Pracht
 überm Wasser unten... Und wieder ist Nacht.

 »Wann treffen wir drei wieder zusamm'?«
 »Um Mitternacht, am Bergeskamm.«
 »Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm.«
 »Ich komme.«
 »Ich mit.«
 »Ich nenn euch die Zahl.«
 »Und ich die Namen.«
 »Und ich die Qual.«
 »Hei!
 Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«
 »Tand, Tand
 ist das Gebilde von Menschenhand«

                  Hintergrund

 Der Hintergrund für dieses Gedicht ist ein tatsächliches Ereignis:
 die über drei Kilometer lange, 1878 erbaute Eisenbahnbrücke über
 die Mündung des Tay bei Dundee in Ostschottland stürzte
 während eines Sturms am 28. Dezember 1879 ein und der Zug
 von Edinburgh versank im Fjord. Das Unglück forderte viele
 Todesopfer. Eine neue Brücke wurde aufgebaut - doch noch heute
 (1996) sind die Stüpfe der Pfeiler der alten Brücke daneben zu
 sehen. Fontane kannte Schottland von eigenen Reisen.
top

Der Fischer

            Johann Wolfgang von Goethe

 Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
 Ein Fischer saß daran,
 Sah nach dem Angel ruhevoll,
 Kühl bis ans Herz hinan.
 Und wie er sitzt und wie er lauscht,
 Teilt sich die Flut empor:
 Aus dem bewegten Wasser rauscht
 Ein feuchtes Weib hervor.

 Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
 »Was lockst du meine Brut
 Mit Menschenwitz und Menschenlist
 Hinauf in Todesglut?
 Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist
 So wohlig auf dem Grund,
 Du stiegst herunter, wie du bist,
 Und würdest erst gesund.

 Labt sich die liebe Sonne nicht,
 Der Mond sich nicht im Meer?
 Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
 Nicht doppelt schöner her?
 Lockt dich der tiefe Himmel nicht.
 Das feuchtverklärte Blau?
 Lockt dich dein eigen Angesicht
 Nicht her in ew'gen Tau?«

 Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
 Netzt' ihm den nackten Fuß;
 Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
 Wie bei der Liebsten Gruß.
 Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
 Da war's um ihn geschehn;
 Halb zog sie ihn, halb sank er hin
 Und ward nicht mehr gesehn.
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Der Totentanz

            Johann Wolfgang von Goethe

 Der Türmer, der schaut zu mitten der Nacht
 Hinab auf die Gräber in Lage;
 Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht:
 Der Kirchhof, er liegt wie am Tage.
 Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
 Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann,
 in weißen und schleppenden Hemden.

 Das reckt nun, es will sich ergötzen sogleich,
 Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
 So arm und so jung und so alt und so reich;
 Doch hindern die Schleppen am Tanze.
 Und weil nun die Scham hier nun nicht weiter gebeut,
 Sie schütteln sich alle: da liegen zerstreut
 Die Hemdlein über den Hügeln.

 Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
 Gebärden da gibt es, vertrackte;
 Dann klippert's und klappert's mitunter hinein,
 Als schlüg' man die Hölzlein zum Takte.
 Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
 Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr:
 Geh! hole dir einen der Laken.

 Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
 Nun hinter geheiligte Türen.
 Der Mond, und noch immer er scheinet so hell
 Zum Tanz, den sie schauderlich führen.
 Doch endlich verlieret sich dieser und der,
 Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher,
 Und husch! ist es unter dem Rasen.

 Nur einer, der trippelt und stolpert zuletzt
 Und tappet und grapst an den Grüften;
 Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt,
 Er wittert das Tuch in den Lüften.
 Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück,
 Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück:
 Sie blinkt von metallenen Kreuzen.

 Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht,
 Da gilt auch kein langes Besinnen,
 Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht
 Und klettert von Zinnen zu Zinnen.
 Nun ist's um den armen, den Türmer getan!
 Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,
 Langbeinigen Spinnen vergleichbar.

 Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
 Gern gäb' er ihn wieder, den Laken.
 Da häkelt - jetzt hat er am längsten gelebt -
 Den Zipfel ein eiserner Zacken.
 Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins,
 Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins,
 Und unten zerschellt das Gerippe.
top

Der Zauberlehrling
 

               Hat der alte Hexenmeister
               Sich doch einmal wegbegeben!
               Und nun sollen seine Geister
               Auch nach meinem Willen leben.
               Seine Wort und Werke
               Merkt ich und den Brauch,
               Und mit Geistesstärke
               Tu ich Wunder auch.

                         Walle! walle
                         Manche Strecke,
                         Daß, zum Zwecke,
                         Wasser fließe
                         Und mit reichem, vollem
                         Schwalle
                         Zu dem Bade sich ergieße.

               Und nun komm, du alter Besen,
               Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
               Bist schon lange Knecht gewesen:
               Nun erfülle meinen Willen!
               Auf zwei Beinen stehe, =
               Oben sei ein Kopf,
               Eile nun und gehe
               Mit dem Wassertopf!

                         Walle! walle
                         Manche Strecke,
                         Daß, zum Zwecke,
                         Wasser fließe
                         Und mit reichem, vollem
                         Schwalle
                         Zu dem Bade sich ergieße.

               Seht, er läuft zum Ufer nieder!
               Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
               Und mit Blitzesschnelle wieder
               Ist er hier mit raschem Gusse.
               Schon zum zweiten Male!
               Wie das Becken schwillt!
               Wie sich jede Schale
               Voll mit Wasser füllt!

                         Stehe! stehe!
                         Denn wir haben
                         Deiner Gaben
                         Vollgemessen! -
                         Ach, ich merk es! Wehe!
                         wehe!
                         Hab ich doch das Wort
                         vergessen!

               Ach, das Wort, worauf am Ende
               Er das wird, was er gewesen!
               Ach, er läuft und bringt behende!
               Wärst du doch der alte Besen!
               Immer neue Güsse
               Bringt er schnell herein,
               Ach, und hundert Flüsse
               Stürzen auf mich ein!

                         Nein, nicht länger
                         Kann ichs lassen:
                         Will ihn fassen!
                         Das ist Tücke!
                         Ach, nun wird mir immer
                         bänger!
                         Welche Miene! welche
                         Blicke!

               O, du Ausgeburt der Hölle!
               Soll das ganze Haus ersaufen?
               Seh ich über jede Schwelle
               Doch schon Wasserströme laufen.
               Ein verruchter Besen, =
               Der nicht hören will!
               Stock, der du gewesen,
               Steh doch wieder still!

                         Willst am Ende
                         Gar nicht lassen?
                         Will dich fassen,
                         Will dich halten
                         Und das alte Holz behende
                         Mit dem scharfen Beile
                         spalten!

               Seht, da kommt er schleppend wieder!
               Wie ich mich nur auf dich werfe,
               Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
               Krachend trifft die glatte Schärfe.
               Wahrlich! brav getroffen! =
               Seht, er ist entzwei!
               Und nun kann ich hoffen,
               Und ich atme frei!

                         Wehe! wehe!
                         Beide Teile
                         Stehn in Eile
                         Schon als Knechte
                         Völlig fertig in die Höhe!
                         Helft mir, ach! ihr hohen
                         Mächte!

               Und sie laufen! Naß und nässer
               Wirds im Saal und auf den Stufen:
               Welch entsetzliches Gewässer!
               Herr und Meister, hör mich rufen! -
               Ach, da kommt der Meister!
               Herr, die Not ist groß!
               Die ich rief, die Geister,
               Werd ich nun nicht los.

                         "In die Ecke,
                         Besen! Besen!
                         Seids gewesen!
                         Denn als Geister
                         Ruft euch nur, zu seinem
                         Zwecke, Erst hervor der alte
                         Meister."

  Johann Wolfgang von Goethe
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Erlkönig

              Johann Wolfgang Goethe

 Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
 Es ist der Vater mit seinem Kind;
 Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
 Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

 Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -
 Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
 Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? -
 Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -

 »Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
 Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
 Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
 Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«

 Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
 Was Erlenkönig mir leise verspricht? -
 Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
 In dürren Blättern säuselt der Wind. -

 »Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
 Meine Töchter sollen dich warten schön;
 Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
 Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«

 Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
 Erlkönigs Töchter am düstern Ort? -
 Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
 Es scheinen die alten Weiden so grau. -

 »Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
 Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.«
 Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
 Erlkönig hat mir ein Leids getan! -

 Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
 Er hält in den Armen das ächzende Kind,
 Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
 In seinen Armen das Kind war tot.
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Die Bürgschaft Friedrich Schiller

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande:
Ihn schlugen die Häscher in Bande,
»Was wolltest du mit dem Dolche? sprich!«
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
»Die Stadt vom Tyrannen befreien!«
»Das sollst du am Kreuze bereuen.«

»Ich bin«, spricht jener, »zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben:
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen.«

Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
»Drei Tage will ich dir schenken;
Doch wisse, wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh' du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.«

Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben.
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme zu lösen die Bande.«

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen;
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
Da reißet die Brücke der Strudel herab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Dem Gewölbes krachenden Bogen.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket.
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
»O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.«

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde ertrinnet.
Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubert Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

»Was wollt ihr?« ruft er vor Schrecken bleich,
»Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!«
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
»Um des Freundes willen erbarmet euch!«
Und drei mit gewaltigen Streichen
Erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand,
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Kniee.
»O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!«

Und horch! da sprudelt es silberhell,
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
»Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.«

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen;
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:

»Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet' er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.«

»Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht,
Ein Retter, willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blut'ge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!«

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor,
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichter Chor:
»Mich, Henker«, ruft er, »erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!«

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen vor Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Augen tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär';
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen,

Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen;
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn -
So nehmet auch mich zum Genossen an:
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte!«

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Verklärter Herbst Georg Trakl

                   Gewaltig endet so das Jahr
                   Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
                   Rund schweigen Wälder wunderbar
                   Und sind des Einsamen Gefährten.

                   Da sagt der Landmann: Es ist gut.
                   Ihr Abendglocken lang und leise
                   Gebt noch zum Ende frohen Mut.
                   Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

                   Es ist der Liebe milde Zeit.
                   Im Kahn den blauen Fluß hinunter
                   Wie schön sich Bild an Bildchen reiht -
                   Das geht in Ruh und Schweigen unter.

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Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland Theodor Fontane

     Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
     Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
     Und kam die goldene Herbsteszeit
     Und die Birnen leuchteten weit und breit,
     Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
     Der von Ribbeck sich beide Taschen voll.
     Und kam in Pantinen ein Junge daher,
     So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
     Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
     Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

     So ging es viel Jahre, bis lobesam
     Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
     Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
     Wieder lachten die Birnen weit und breit;
     Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
     Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
     Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
     Trugen von Ribbeck sie hinaus,
     Alle Bauern und Bündner mit Feiergesicht
     Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
     Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
     »He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

     So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
     Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
     Der neue freilich, der knausert und spart,
     Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
     Aber der alte, vorahnend schon
     Und voll Mißtrauen gegen den eigenen Sohn,
     Der wußte genau, was er damals tat,
     Als um eine Birn' ins Grab er bat,
     Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
     Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

     Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
     Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
     Und in der goldenen Herbsteszeit
     Leuchtet's wieder weit und breit.
     Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
     So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
     Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
     Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«

     So spendet Segen noch immer die Hand
     Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

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    Dû bist mîn, ich bin dîn unbekannte Autorin
     Dû bist mîn, ich bin dîn:
     des solt dû gewis sîn;
     dû bist beslozzen in mînem herzen,
     verlorn ist daz slüzzelîn:
     dû muost och immer darinne sîn.
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