Informationstechnologien und Identität
Wechselbeziehung zwischen Technologie und Menschenbild
Die Dampfmaschine, die Eisenbahn, das Automobil und später der Computer waren technische Errungenschaften, die unser Leben veränderten. Dies ist an sich nichts Aussergewöhnliches, jede technische Errungenschaft hat das Leben der Menschen verändert. Aber mit dem Computer mit seinen scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten haben wir ein Instrument geschaffen, das unser Leben auf völlig neue Art und Weise verändert.
Obwohl die Arbeitszeit in unserer modernen Gesellschaft einen fortwährend sinkenden Anteil unserer Lebenszeit stellt, prägt sie unser Leben. Die Arbeit bleibt ein wichtiger Punkt in unserem sozialem Gesellschaftsleben. Während die herkömmlichen Qualifikationen, wie Pünktlichkeit, Gehorsam oder handwerkliches Geschick an Bedeutung verlieren, treten die Fähigkeiten der Verarbeitung von komplexen Informationen in den Mittelpunkt.
Die Identität einer Person verweisen immer auf soziale Räume, Zeiterfahrungen und gesellschaftliche Bezugsgruppen. Solche Bezüge werden durch Informationstechnologien auf unwiderrufliche Weise umgewälzt. Unsere Welt ist zu einen globalen Dorf geschrumpft. Lokale Ereignisse können rund um den Globus gleichzeitig wahrgenommen werden. Dies ist aber nur die eine Sichtweite. Auf der anderen Seite wirkt die Vervielfältigung virtueller Räume dem Schrumpfen des globalen Raumes entgegen. Virtuelle Welten lassen neue Bereiche des Unsichtbaren, Entfernten und Unbekannten entstehen.
Wer mit neuen Informationstechnologien arbeitet gewöhnt sich schnell an die Revidierbarkeit künstlicher Welten. Realitätsnahe Spiele können bei Bedarf neu gestartet werden, das „Zappen“ zwischen den Fernsehkanälen wird zur Gewohnheit. Der moderne Mensch schafft sich heute nicht nur mehrere virtuelle Welten, sondern auch virtuelle „Ichs“. Man kann nie sicher sein ob man es gerade mit der „wahren“ Identität zu tun hat. Das Ideal einer geistig vertieften Identität wird abgelöst von mehreren immer wieder neu zusammensetzbaren Identitäten.
Mit der Entstehung unserer modernen Welt wurde Identität mobiler, vielfältiger und wandelbarer. Sie bewahrte jedoch den Kern von Wertvorstellungen. Heute mehren sich kritische Stimmen, die von einer Auflösung der Identität reden. Sie glauben, dass das Informationstechnisch herbeigeführte Schrumpfen von Raum und Zeit Identität insgesamt auslöschen werde, und daraus ein Massenmensch resultiere, der durch völlige Anpassung charakterisiert sei.
So wenig die Gefahren gänzlich von der Hand zu weisen sind, muss sie doch relativiert werden:
Erstens unterschätzt eine solche Sichtweite die kulturelle Innovations– und Anpassungsfähigkeit menschlicher Gesellschaften.
Zweitens schaffen die Informationstechnologien auch Alternativen. Identität wird sich daher immer stärker an der Frage der selbst gesteuerten Wahl zwischen neuen Möglichkeiten und der Integration bestehender Identitätsaspekte orientieren.
Drittens stellt sich mit den Informationstechnologien ein Grundproblem jeder demokratischen Gesellschaft neu: Wie lassen sich jene Fähigkeiten vermitteln, die jedem Gesellschaftsmitglied einen kompetenten und verantwortlichen Umgang mit seiner Umwelt erlauben?