Weltreise
zu Bericht 2:
Goldleuchtende Sandpisten und schwindelerregende Bergstrassen in Zentralasien
Europa verlassen wir mit den Erinnerungen an grosszuegige Gastfreundschaft bei armen Bauern. Hinter uns bleiben auch die Huegelketten, die nervenaufreibenden Staedte und die weiten, sanften Taeler mit den breiten Fluessen. ASIEN liegt jetzt vor uns. Ein besonderer Moment: auf dem Landweg in einen anderen Kontinent!
Asien bietet uns sofort ein neues Bild. So begruesst uns ein wild umherspringendes Kamel. Werden hier alle Weithergereisten so erwartet? Auch hat die gewoehnungsbeduerftige Strassenoberflaeche eine unendliche Vielfalt an Schlagloechern, sodass wir uns alle paar Kilometer durchschlaengeln muessen, ein Leichtes mit den Motorraedern. Aus dem feuchten, fruchtbaren Volgadelta kommen wir in die trockene, windige Halbwueste noerdlich des Kaspischen Meeres. Wir befinden uns in Kasachstan, der flaechenmaessig zweitgroessten Republik der GUS. Die gruenen Steppen des Ostens ziehen sich bis nach China und den Auslaeufern des Tien-Shan Gebirges hin. In Zentralkasachstan und im Sueden aber dominiert das Wuestenklima. In den weiten, erdtonfarbenen Ebenen der Hungersteppe ist die Endlosigkeit ein Begriff. Viele Kamele stehen ruhig wie Attrappen in der Landschaft, sie sind das Kennzeichen dieser duennbesiedelten Region.
In Atyrau machen wir Halt, um wieder Lebenswichtiges einzukaufen. Diese Stadt taucht aus dem Nichts der Wueste auf und lebt vor allem dank der riesigen OElfelder am Kaspischen Meer, welche die Wirtschaft Kasachstans stark unterstuetzen. Jeder Fremde ist geschaeftlich in Atyrau, wir seien die ersten Touristen, erzaehlt man uns. Kasachstan wird von sehr wenigen Touristen bereist, denn eine Individualreise, um die unbekannten Naturschoenheiten zu entdecken, gestaltet sich schwierig, zu hinderlich ist der Buerokratismus und die mangelnde Infrastruktur. Der asiatische Einschlag ist bei der Bevoelkerung von Atyrau nicht mehr zu uebersehen und macht uns noch mehr zu Fremden. Am zweiten Tag werden wir interviewt, und der Bericht erscheint bald auf der Titelseite der Wochenzeitschrift 'Ak Zhaiyk' . Wie wir spaeter erfahren, kommt sogar noch ein Bericht ueber uns im Lokalfernsehen.
Fuer uns heisst es aber weiterfahren, denn Staedte saugen einem zu viel Energie ab. Noch zeugen einzelne Lehmhaeuschen und Kamele von Menschenpraesenz. Dann erwartet uns aber die schoene und wenig befahrene Wueste Karakum, eine besondere Faszination. Wir in den Weiten des Sandes und der Stille der Ebene, Balsam fuer Aug' und Geist. Die Stille bleibt erhalten. Die Wueste laesst nur wenige Eindringlinge zu. Die Schweizerkaese-Asphaltstrasse faengt an in Sand ueberzugehen. "Ohne uns! Wir haben doch abgemacht, nie die Sicherheit des Asphaltes auszuschlagen." Vor uns liegen bis an den Horizont goldleuchtende Sandpisten. Nach zweimaligem Hinschauen ueberlegen wir es uns doch noch anders. Wir wagen es. Von dieser Strecke wurde uns eigentlich abgeraten und der hundert Kilometer laengere Umweg empfohlen. Fuer europaeische Verhaeltnisse eine Unzahl von Kilometern mehr. Nach gerade zwei Kilometern bleiben wir stecken: mehr Gas und raus. Uns tun die Finger weh, wir schwitzen wie aus Baechen und die Motoren laufen heiss. Fuer Stunden kaempfen wir. Aleksandras Haenden entgleitet die DR und landet im Sand, etwas Benzin versickert. Fluchen hilft da nichts, also Zaehne zusammenbeissen und weiter. Zwanzig Kilometer im ersten Gang in fuenf Stunden! Erschoepft gehen wir an einem einsamen Plaetzchen in der weiten Ebene zwischen Schlangenhaeuten schlafen.
Am Morgen bessert sich unsere Situation. Die Fahrbahn wird haerter und fuer die 18 Kilometer ins naechste Dorf benoetigen wir nur noch ein einhalb Stunden. Wir essen erstmal, und es wird uns mit jeder Mahlzeit bewusster, dass Kasachstan verdientermassen der bedeutendste GUS-Fleischlieferant oestlich des Ural ist. Ein kulinarischer Albtraum fuer Vegetarier. Man erkennt uns dank des Interviews wieder, und wir duerfen Autogramme geben und fuer Fotos laecheln. Auffaellig sind vor allem unsere Suzukis, die in der ehemaligen Sowjetunion Luxusartikel sind. Hier sieht man hoechsten ein paar alte Jawas oder die beliebten Uralgespanne.
Zwei freundliche LKW Fahrer erbarmen sich unser und nehmen uns in die naechste Stadt, Beynau, mit. Somit ersparen sie uns und unseren Maschinen ueber hundert Kilometer loses Gestein und Sand. Die Motorraeder werden in einen Minibus gepfercht und schwanken bedrohlich auf der mit Schlagloechern gespickten Piste. Die zwei LKW Fahrer, Valera und Sapar, sind russische Haendler. Sie kaufen in Russland gebrauchte Minibusse und verkaufen diese in Turkmenistan, 'dort, wo man Geld hat wegen des OEls'. Von Sapar werden wir bald zu seiner Familie in Almalik (Usbekistan) eingeladen. Wir erfahren, dass die Polizei hier zu den geschaeftlich Reisenden viel unverschaemter ist als zu den Touristen. Von ersteren verlangen sie Abgaben, erhalten sie kein Geld, so nehmen sie Dinge wie Autoradios oder Pneus.
In Beynau verbringen wir noch einen Tag mit Warten und Rede-und-Antwort-stehen fuer Jedermann bis unser Zug nach Kungrad (Usbekistan) faehrt. Ein lebendiges Gespraech mit zwei jungen Zigeunerinnen aus dem Ferganatal in Usbekistan wird fuer Aleksandra ein interessanter Austausch. Ob Aleksandra denn keine Goldzaehne habe, so wie sie? Dieser Trend hat sich bei uns nicht durchgesetzt, gehoert aber zur Tradition in Zentralasien, nicht zuletzt weil Usbekistan eines der wichtigsten Goldfoerderungslaender ist. Als Gluecksbringer wird Aleksandra ein aus 'Glastraenen' (kleine Glaskuegelchen) hergestelltes Armband geschenkt. Abfahrt ist um 7:00 Uhr in der Frueh', die beiden DR sind unsere Gepaeckstuecke und muessen zuerst mit Manneskraft in den ein einhalb Meter hohen Waggon gehievt werden. Der Zug ist dreckig und ueberbesetzt, nach drei Tagen fast ohne Schlaf befriedigen wir die letzten Neugierigen nur noch kurz, dann fallen uns die Augen zu, zur Enttaeuschung der Mitfahrenden.
Da wir die Grenze per Eisenbahn durchfahren, muessen wir keine Zolldeklarationen, Immigrationszettel usw. ausfuellen. Was sonst mindesten zwei bis drei Stunden in Anspruch nahm, ist nun in einer Viertelstunde getan. Wir durchfahren das Ustyurt-Plateau, das hauptsaechlich aus Sand und trockenem Gestruepp besteht. Auch sehen wir in weiter Ferne das ehemalige Seebett des immer weiter schrumpfenden Aralsees. Das Austrocknen des Sees ist der Preis fuer das fruchtbare, gruene Band dem Amudarya entlang, auf den wir in Kungrad stossen.
Die Wueste mit ihren unbefestigten Strassen lassen wir hinter uns. Der Strassenzustand verbessert sich um ein zehnfaches auf dem Staatsgebiet Usbekistans. Die 32 Prozent Karakalpaken, die hier in der ehemals Autonomen Karkalpakischen Sozialistischen Sowjetrepublik leben, fordern den Status der Republik Karakalpakstan mit der Hauptstadt Nukus. Hier erleben wir die Lebensweise eines Karakalpaken mit seiner Familie. Aibeck lernten wir im Zug kennen und wurden schon bald zu ihm nach Hause eingeladen. Stolz wird uns Plow (Pilaw) serviert, das usbekische Nationalgericht. Eine einfache und schmackhafte Mahlzeit aus Reis, Karotten und gehacktem Rindsfleisch. Ihr sebsthergestelltes Fladenbrot backen sie im eigenen Ofen, den sie uns stolz zum Begutachten freigeben. Der Ofen hat eine glockenartige Form mit einer runden OEffnung oben und ist ganz aus Lehm. Den flachen Brotteig drueckt man an die Innenseite des Ofens. Das Feuer wird direkt im Innern des Ofens mit Holz entfacht.
Es gibt wenig Verdienstmoeglichkeiten im Lande. Wenn man die Moeglichkeit hat, geht man nach Russland, um zu arbeiten oder macht Haendlergeschaefte wie Aibeck. Dieser sympathische Familienvater erzaehlt uns einiges aus seinem Leben. Der Einsatz als Soldat in Afghanistan brachte ihm ein paar Narben ein. Er fragt Georg, ob er seine Ehefrau den Schwiegereltern auch abkaufen musste, denn Usbekistan ist stark vom Islam gepraegt, die Traditionen werden im Alltag gelebt. Hier herrscht der tuerkische Islam. So traegt seine Frau Nadja nicht den Tschador, wie es die Frauen in den arabischen Laendern tun. Und waehrend wir mit vollem Magen gemuetlich im Gaestezimmer zusammensitzen, singt uns Aibeck alte Italo Songs vor. Hier hoere man gerne suedlaendische Musik.
Weiter folgen wir dem bluehenden Band. Rechts und links Baumwollplantagen soweit das Auge reicht. Hier wird die groesste Baumwollernte der GUS erzielt. Somit erreichen wir Urgench. Nicht weit von hier liegt die Oasen-, Museums- und Kulturstadt Chiwa mit der Ishtan Kala, einer vollstaendig erhaltenen, mittelalterlichen, islamischen Stadt, die zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt wurde. Dem Amudarya kehren wir aber bald den Ruecken, da uns das Turkmenische Visum dazu fehlt. Dafuer geniessen wir die Ruhe und Stille in der Wueste Kusylkum. Wenn man ein wenig Zeit hat, entdeckt man spannende Felsformationen und skurrile Wuchsformen von Pflanzen, hie und da flitzen perfekt getarnte Sandeidechsen vorbei. Der dichtbesetzte, leuchtende Sternenhimmel, so wie man ihn in bewohnten Gebieten nicht zu sehen bekommt, ist eines der bleibenden Erlebnisse.
In Usbekistan sind die Menschen neugieriger und frecher aber auch warmherziger und lebendiger. Immer wieder werden wir bei einem Halt von Menschen umringt, die auch alles anfassen moechten, was sie sehen. Doch ihre Begruessung ist ein herzlicher Haendedruck. In diesem Land merkt man nicht, dass man in der ehemaligen Sowjetunion ist. Alles ist sehr arabisch gepraegt, und die Gastfreundschaft beschaemt uns fast. Immer wieder werden wir zum Tee oder Essen eingeladen, oft auch zum UEbernachten, denn ferne Gaeste betrachtet man als von Allah gesandt.
Mit Buchara treffen wir auf eine der aeltesten und beruehmtesten Handelsstrassen der Welt: die Seidenstrasse. Auf dieser wurden jahrein jahraus Gewuerze und Seide von China nach Europa transportiert. Sie brachte den anliegenden Orten Reichtum und Wohlstand. Die praechtigen, kulturellen Sehenswuerdigkeiten der Oasenstaedte Buchara und Samarkand spiegeln die Geschichte wider. Sie gehoeren zu den aeltesten noch bewohnten Kulturstaedten der Erde. Buchara ist 2500 Jahre alt und war einst Zentrum des gleichnamigen Fuerstentums Khanates. Sehenswert sind die herrlich erhaltenen und restaurierten Moscheen, Palaeste, die einstige Stadtburg und die Winterresidenz des Fuersten im historischen Zentrum von Buchara, welches zum Weltkulturerbe zaehlt. In Samarkand bleiben wir einige Tage und lassen die alte Stadt auf uns einwirken, nachdem wir unsere Magenverstimmung auskuriert haben. Beeindruckt hat uns vor allem der Registanplatz, der an drei Seiten von Koranschulen begrenzt wird, und das Mausoleum des Gur-Amir.
Wir folgen weiter der alten Handelsstrasse Richtung Tashkent. Bald kommen wir in Bergregionen, die sich schon lange durch den Dunst hindurch angekuendigt haben. Nachdem wir wochenlang durch bis an den Horizont flache Gebiete gefahren sind, kommt es uns hier eng und bedrueckend vor. Das Wetter untermalt unsere Stimmung noch: das erste Mal seit Wochen haben wir bedeckten Himmel und es fallen einige Tropfen. Alle zwanzig bis dreissig Kilometer militaerische Kontrollposten, die uns zum Anhalten zwingen: 'Dokumenty!' Fragen, Fragen, Fragen, die wir schon auswendig kennen und die an den Nerven zehren. So kommen wir nur langsam in das fruchtbare Ferganatal. Immer noch gibt es hier Spannungen zwischen der kirgisischen, der usbekischen und der tadschikischen Bevoelkerung dieses bluehenden, reichen Tales. Dank der kuenstlichen Bewaesserung werden Getreide, Obst und Gemuese angebaut. Wir verlassen Usbekistan und lassen somit das Flachland endgueltig hinter uns. Nach einem Tag Suchen finden wir den richtigen Grenzuebergang - sprich fuer Auslaender offen - nach Kirgistan.
Die usbekischen Grenzbeamten beschaeftigen wir ueber eine Stunde, ueblich in Zentralasien. Umso mehr staunen wir am kirgisischen Zoll: Nach den obligatorischen Fragen 'Woher, Wohin und Wie-lange' lassen uns die Zoellner nach gerade mal fuenf Minuten passieren. Ob das auch wirklich alles sei, fragen wir sicherheitshalber. 'Ja, ja, willkommen in Kirgistan!' Nur etwa hundert Meter weiter werden wir von einer Polizeikontrolle herausgewinkt, und es heisst doch wieder zahlen fuer irgendeine Registrierung. Besser machten es da Humi und Kenshi, das Japanerpaerchen, das wir spaeter in Bishkek treffen sollten, das auch mit Motorraedern unterwegs ist: Sie winkten nett und fuhren weiter! Doch die Vorfreude auf die Berge laesst uns die Unkosten schnell wieder vergessen.
Schlaengelnd folgt die Strasse dem Fluss Naryn das steile Tal hinauf. Nasslehmige bis grobe Schotterstrecken verlangen gute Konzentration. Man ist am Ausbessern und Sprengungen werden durchgefuehrt. Dafuer werden wir teilweise mit europaeischem Qualitaetsasphalt belohnt. Bei Tashkumir verzweigt sich das Tal. Dem Fuss Kara-Sum folgend, trifft man nach siebzig Kilometern auf einen der schoensten Gebirgseen Kirgistans, den Sary-Chelek. Er befindet sich im Herzen eines Naturreservats auf 1873 m. ue. M. Malerisch eingebettet zwischen schneebedeckten Bergen raubt er jedem den Atem. Dieses geobotanische 'Museum' bietet eine Kombination an seltenen Baeumen. Hier waechst die Wallnuss, die einst Krieger des Alexander des Grossen aus Zentralasien nach Europa gebracht hatten. Wir aber folgen weiter dem Fluss Naryn. Rechts und links oeffnet sich immer wieder ein Seitental der hohen Berge und bietet uns Einblicke auf die vielfaeltigen Felsformationen. Wir freuen uns des Lebens und geniessen diese wohltuende Andersartigkeit nach so vielen Kilometern im Flachen. Kurz nach Karakoel finden wir ein abgelegenes Plaetzchen zum Zelten und trotz der Hoehe von ueber tausend m. ue. M. ist es nicht kalt.
Nun schraubt sich die Strasse immer hoeher und hoeher, und nach einem Sattel liegt der blitzende Toktogulsee vor uns. Er ist einer der unzaehligen Stauseen in den Hoehen von Kirgistans und liefert Wasser fuer die riesigen Wehranlagen, die wir in der Ferne sahen. Den Toktogulsee mit einer doch beachtlichen Laenge von ueber hundert Kilometern umrunden wir, um weiter nach Norden zu kommen. Der Anblick des blaublitzenden Wassers mit den einmalig geformten Bergen als Hintergrund ist faszinierend und zwingt immer wieder zum Anhalten, Staunen und Auf-sich-einwirken-lassen. So kommen wir an diesem schoenen Tag nicht weit und haben Muehe, einen Platz im engen Tal des Fluesschens Chichqon zu finden.
Am naechsten Morgen sind die vielen Baustellen mit den Schotterpisten vergessen: Wir gleiten ueber beste Asphaltstrassen durch das so an die Heimat erinnernde Tal. Mit Recht heisst es in den Reiseprospekten: 'Kyrgyzstan is Asia's Switzerland'. Wieder und wieder halten wir, um den Viehherden Platz zu machen. Es ist Spaetsommer und der Herbst kommt bald. Hoch zu Ross treiben die kirgisischen Nomaden ihre Kuehe, Schafe und Pferde ins Tal hinunter. Unter den typischen, weissen Krempenhueten, einem Tirolerhut nicht unaehnlich, sieht man wettergegerbte, zerfurchte Gesichter. Die Hirtenfamilien verbrachten den Sommer auf den Hochebenen des Tien-Shan Gebirges auf ueber 2000 m. ue. M. und nutzten das gruene Grasland. Durch wunderschoene Welten fahren wir hoeher und hoeher bis zum windgepeitschten, fast 3200 Meter hohen Ala-Bel Pass. Unsere Blicke wandern zu den schneebedeckten Vier- bis Fuenftausendern der Suusamyr-Too Range und zum Adler, der hier ruhig seine weiten Kreise in der klaren Luft zieht. Oder ist es ein zahmer Falke, der nach seiner Beute Ausschau haelt? Denn hier ist die Falknerei noch populaer.
Auf dem Suusamyr-Hochplateau bestaunen wir die riesige Bergkrone um uns: Majestaetische 6000er Gipfel, natuerlichste Kunstwerke, und hier von Menschenhand unberuehrt. In den kleinen Doerfern sollte man auf der Hut sein. Hunde sind in diesen Gegenden auf die seltenen Motorradfahrer gar nicht gut zu sprechen. Wann immer sie uns bemerken, springen sie auch sofort lebensmuede vor die Reifen. Nur mit Hupen und Motorgeheul weichen sie zurueck und lassen uns passieren. Zu Essen erhalten wir hier Fleisch und Fladenbrot, das typische Mahl der Nomaden. UEberall, wo die traditionellen Jurten, die Rundzelte der Nomaden, noch stehen, wird am Strassenrand Honig und Kumys, vergorene Stutenmilch, angeboten. kumys ist ein saisonales Getraenk und wird nur in den Sommermonaten hergestellt. Die Jurten der Nomaden haben einen Durchmesser von vier bis neun Metern. Sie sind seit dem 6. Jahrhundert im Gebrauch und bestehen aus natuerlichen Materialien wie Holz fuer das Scherengittergeruest, Felle fuer die Abdeckung und Teppiche fuer die Innenverkleidung. Fuer den Auf- oder Abbau einer Jurte benoetigt man drei bis vier Stunden. Naegel werden dabei keine verwendet.
Auf endlosen Serpentinen erklimmen wir den ueber 3200 Meter hohen Pass Tjus-Ashuu und verlassen somit das Hochplateau. Die Motorraeder arbeiten noch gut, obwohl man den Leistungsabfall wegen der duennen Luft hier oben bemerkt. Es folgt eine schwindelerregende, steil sich nach unten schlaengelnde Bergstrasse. Die zweitausend Hoehenmeter auf fuenfzig Kilometer Fahrt wollen erst einmal bewaeltigt werden!
Nach 60 Kilometern erreichen wir die Hauptstadt Bishkek. Sie liegt am Fusse der Ala-Too Range, wo sich die Steppen Kasachstans und die Berge des Tien-Shan treffen. Die 850'000 Einwohner zaehlende Stadt wurde vom Koenigreich Kokand Anfang des 19. Jahrhunderts gegruendet, zum Schutz der Karawanen, die hier ihren Weg von Samarkand durchs Ferganatal ueber die Berge nach China nahmen. Bishkek hat heute nicht viel zu bieten, ist aber kulturelles und wirtschaftliches Zentrum Kirgistans. Wir frischen unsere Vorraete auf und besorgen neue Visa fuer Kasachstan, auch brauchen die Motorraeder dringend einen Service.
Kirgistan selbst hat aber umso mehr zu bieten. Etliche Ruinen zeugen vom Kirgisien des Mittelalters, das als Durchgangspunkt fuer alle Karawanen auf der Seidenstrasse gedient hat, und die landschaftliche Schoenheit ist ueberwaeltigend. Das macht auch den Issyk-Kul See zu einem bekannten und beliebten Kur- und Erholungsgebiet. Hundert Kilometer oestlich von Bishkek beginnt sich das weite Tal zu verengen und die Strasse folgt dem rotleuchtenden Konorchock Canyon, dem Grand Canyon in Arizona nicht unaehnlich, bis auf 1600 m. ue. M. Hier oeffnet sich der 'blaue Aquamarin' vor unserem Auge, umgeben von 'silbernen Bergen'. Der Issyk-Kul See gilt als der zweitgroesste Bergsee der Welt nach dem suedamerikanischen Titicacasee, 180 Zufluesse hat er, aber kein Fluss verlaesst ihn.
Wir wenden uns nun nach Norden und freuen uns auf die weite, herbstliche Graslandschaft der Steppe von Ostkasachstan, die uns dem Gefuehl von Unendlichkeit wieder naeher bringen wird, waehrend hinter uns die riesigen Berge langsam am Horizont verschwinden werden...
Infokasten
Reiseziel: Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan
Reisezeit: Fruehling oder Herbst
Einreiseformalitaeten: Visa noetig. Fuer Usbekistan und Kasachstan wird ein 'letter of support' (Einladung) benoetigt, erhaelt man ohne Probleme bei einem Reisebuero (UZB) oder bei der Botschaft (KZ); einmonatige Touristenvisa sind ohne Probleme zu bekommen. Fuer Russland ist es problematischer, von der Grenze der Ukraine bis nach Kasachstan sollte aber ein fuenftaegiges Transitvisum reichen. Offiziell benoetigt man fuer Zentralasien ein 'Carnet de passage' fuer die Fahrzeuge, wir wurden aber nie danach gefragt.
Geld: 1 Euro = 150 T (Kasachische Tenge) = 11100 U.S. (Usbekistan-Sum) = 43 K.S. (Kirgistan-Som). In den Banken und Wechselstuben werden US-Dollar, Euro und russische Rubel angenommen, Traveller Cheque werden nur in den Grossstaedten angenommen (Kommission um 4 Prozent), Kreditkarte nicht sinnvoll. Der U.S. unterliegt wegen der wirtschaftlichen Lage Usbekistans grossen Schwankungen, in den Nachbarlaendern wird der Sum kaum noch gewechselt, in Usbekistan hat die Nationalbank das alleinige Recht, Geld zu wechseln, man findet sie nur in den Provinzhauptstaedten.
Unterkunft / Verpflegung: Billighotels ab 4 Euro, Mahlzeiten ab 2 Euro
Sprache / Verstaendigung: Jedes Land hat seine eigene Sprache, Russisch wird aber ueberall verstanden, Englisch nur in den Touristenzentren wie Samarkand, Bishkek und Almaty.
Gesundheit: Hygienische Verhaeltnisse sind mit Europa nicht zu vergleichen. Empfohlene Impfungen sind Diphtherie, Tetanus und Hepatitis A in Spezialfaellen Hepatitis B, Typhus und Tollwut.
Strassen: Strassenverhaeltnisse im Allgemeinen akzeptabel bis gut, im Westen Kasachstans schlecht. Auf Landkarten (auch in Europa gekaufte) sind teils Strassen eingezeichnet, die nur als Pisten bestehen.
Benzin: Benzinversorgung kein Problem mit drei- bis vierhundert Kilometern Reichweite. In weiten Landesteilen Usbekistans aber nur 76 Oktan erhaeltlich, sonst 93 Oktan. In Kasachstan und Kirgistan teils auch 95 und 98 Oktan. 1l 93er fuer 25 bis 50 Eurocents.
Ersatzteile: Ersatzteile fuer Motorraeder, ausser Pneu, Schlauch, Benzinfilter, Birnchen usw., kaum erhaeltlich.
Reisefuehrer: 'Central Asia' von Lonely Planet ISBN 0-86442-673-9
Karten: 'Zentralasien' von Freytag-Berndt 1:1,750 Mio ISBN 3-85084-265-7
Auskunft: Fuer Interessente www.winterberger.de.vu und winterberger@tiscalinet.ch
Route fuer Kartenskizze: (OEsterreich: Salzburg, Wien, Slowakei: Bratislava, Kosice, Ukraine: L'viv, Kiev, Dnipropetrovsk, Russland: Volgograd) Astrakhan, Kasachstan: Atyrau, Beynau, Usbekistan: Kungrad, Nukus, Buchara, Samarkand, Tashkent, Almalyk, Angren, Kokand, Andizhan, Kirgistan: Tashkumir, Kara Balta, Bishkek
Noch genauer unter:
http://home.datacomm.ch/winterberger/deutsch/reisen/weltreise/karten/karten.html
Fuer die Redaktion:
Auch noch moegliche Titel:
Zentralasien: goldleuchtende Sandpisten und schwindelerregende Bergstrassen
oder
Leuchtende Sternenhimmel und blaublitzende Seen in Zentralasien
oder
Der Seidenstrasse entlang in Zentralasien
oder
Die Unendlichkeit erleben in Zentralasien
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