5.6  "Attila"

 
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Zusammenfassung


5/26: Ein slawisches Volk wird durch Kriegsglück große Macht erringen (erste und zweite Zeile). In der dritten und vierten Zeile erfahren wir, wer für diesen Aufstieg verantwortlich sein wird. Offensichtlich wird dieses Volk seinen Fürsten auswechseln. Ein Mann aus der Provinz wird es sein, der es siegreich "über das Meer und in die Berge hinauf" führen wird.

5/54: In den ersten beiden Zeilen ist ein neuer Hunnenkönig, ein neuer Attila beschrieben. Er wird das Volk nördlich des Schwarzen Meeres, im großen Tatarenland (oder mit Blick auf die Hunnen tatsächlich auch "Tartarenland", vgl. Anmerkung 2) beherrschen. Also den Raum, in dem die Hunnen um etwa 400 n. Chr. zu finden waren. Und wie Attila wird er bis nach Gallien vorstoßen. Der historische Attila hatte ab 444 sein Hauptquartier übrigens in der Theißebene, also im Raum der "Esclavonie", vgl. 5/26, Anmerkung 1! Etwa zur gleichen Zeit tötete Attila seinen Bruder und Mitregenten Bleda, wozu wiederum die Auswechslung des Fürsten bei Nostradamus’ Slawenvolk thematisch passt. Laut vierter Zeile von 5/54 wird der neue Slawen-Attila vom ukrainisch-südrussischen Raum nach Südostrussland vorstoßen, den Kaukasus überschreiten und Armenien durchqueren. Sein Weg führt ihn dann nach Westen, nach Istanbul, wo er mit seiner blutigen Geißel wüten wird.

2/29: Der neue Slawen-Attila (Nostradamus nennt ihn hier "den aus dem Osten") wird seinen Sitz oder Thron verlassen, um die italienischen Apenninen zu überqueren und analog zu 5/54 Gallien zu sehen (erste und zweite Zeile). Mit diesem "Sitz" oder "Thron" könnte das eroberte Istanbul gemeint sein, in dem der Slawen-Attila vielleicht sein neues Hauptquartier errichtet. Er würde so jedenfalls endgültig zu jemandem "aus dem Osten" oder sogar aus dem "Orient" werden (vgl. Anmerkung 1). Gemäß dritter und vierter Zeile von 2/29 wird er auf seinem Weg nach Frankreich "die Wasser" und "den Schnee" durchstoßen und dabei jeden mit seiner bereits in 5/54 erwähnten Peitsche schlagen. Mit den "Wassern" sind die Meere gemeint, die er zu durchqueren hat: die Ägäis, das Ionische Meer oder die Adria und von Italien aus vielleicht auch das Thyrrhenische Meer. Der "Schnee" wird wohl für die - v. a. im Winter - schneebedeckten Gebirge stehen, hier namentlich der Apennin, möglicherweise auch die Westalpen. In der dritten Zeile erfahren wir, dass der neue "Attila" vom "Himmel" aus nach Frankreich aufbrechen wird. Das könnte bedeuten, dass er wenigstens Teile des Nahen Ostens unter Kontrolle hat (Syrien/Libanon) oder über das Land am Olymp (nordöstliches Griechenland) vorstößt (vgl. Anmerkung 3).

6/80: In der dritten Zeile ist von einem "Großen aus Asien" die Rede, der Land und Meer mit einer großen Armee überqueren wird. Damit könnte wieder der neue "Attila" gemeint sein, der über Kleinasien, lat. "Asia (Minor)", nach Westen vorstößt. Es scheint sich dabei auch um einen Feldzug gegen das Christentum als Religion zu handeln. Die Christen werden dabei bis in den Tod verfolgt werden. In den ersten beiden Zeilen taucht das marokkanische Fez als Akteur auf, ein neuer Aspekt, der in den anderen "Attila"-Versen fehlt. Sollte 6/80 tatsächlich zum "Attila"-Thema gehören, könnte Fez ein Verbündeter des neuen Hunnenkönigs sein. Jedenfalls scheint Fez seine Macht nach Europa auszudehnen. Und zwar gewaltsam, denn die "Stadt der Europäer" wird mit Feuer und Schwert heimgesucht werden. An welche Stadt Nostradamus hier konkret gedacht hat, ist leider nicht ersichtlich. Möglicherweise hat unser Seher aber gar nicht an eine Stadt sondern an einen Staat gedacht, vgl. die Doppelbedeutung des lat. "civitas" (Stadt, Staat). In diesem Fall würde ein politisch vereintes Europa, ein europäischer Gesamtstaat, von Marokko her angegriffen werden.

10/72: Mit dem "König des Schreckens", der in der zweiten Zeile vom "Himmel" (vgl. 2/29, Anmerkung 3) kommen wird, dürfte wieder der neue "Attila" gemeint sein. Wie sein historischer Vorgänger im fünften Jahrhundert wird die neue "Geißel Gottes" nach Frankreich vorstoßen (vgl. 5/54 und 2/29). Dies wird allerdings dazu führen, dass ein französischer Herrscher, den Nostradamus mit Franz I. (1515 - 47) vergleicht, "wiederauferstehen" wird. Das könnte etwa bedeuten, dass die Invasion "Attilas" aus einem zunächst zaghaften König einen entschlossenen Staatslenker machen wird. Einen Herrscher, der dem neuen Hunnenkönig in Frankreich wohl ebenso eine Niederlage beibringt, wie sie der historische Attila auf den Katalaunischen Feldern hat einstecken müssen. Jedenfalls wird der neue Franz I. vor und nach einem Krieg (wahrscheinlich jenem gegen den "Schreckenskönig") mit Erfolg regieren. Nach Frankreich gelangen wird "Attila" im "siebten Monat des Jahres 1999", was nach meinem Dafürhalten dem September des Jahres 3553 n. Chr. im julianischen Kalender entspricht (nach unserem gregorianischen Kalender wäre das die Zeit vom 26. September bis 25. Oktober 3553 n. Chr.).

 
Quellen

 
5/26
 
La gent esclaue1) par vn heur martial, Das slawische1) Volk [wird] durch Kriegsglück
Viendra en haut degré tant esleuee: zu großer Machtfülle kommen [und] sehr hoch empor gehoben werden.
Changeront prince naistre vn prouincial,  [Sie] werden [den] Fürsten auswechseln, [und] ein Mann aus der Provinz erscheint,
Passer la mer copie2) aux monts leuee. [um] das Meer zu überqueren. [Die] Armee2) wird in die Berge hinauf geführt [werden].
1) Oder auch: "Sklavenvolk". Die "Esclavonie" bezeichnete früher etwa den Raum Ostkroatien-Südungarn. Hier könnte Nostradamus aber die Slawen im weiteren Sinne gemeint und das griech. "sklabos/sklabenos" im Auge gehabt haben, das sowohl "Slawe" wie auch "Sklave" bedeutet.
2) Lat. "copia" (u. a. Mannschaft, Trupp), "copiae" (Truppen, Streitkräfte).

 
5/54
 
Du pont Euxine1), & la grand Tartarie2), Beim Schwarzen Meer1) und im großen Tatarenland2)
Vn roy sera qui viendra voir la Gaule  wird es einen König geben, der kommen wird, um Gallien zu sehen.
Transpercera Alane3) & l’Armenie4), [Er] wird [das] Alanenland3) und Armenien4) durchstoßen,
Et dans Bisance lairra sanglante Gaule5). und in Byzanz [seine] blutige Peitsche5) lassen.
1) Lat. "Pontus Euxinus" (Schwarzes Meer).
2) Früher verstand man unter den Tataren (fälschlicherweise auch "Tartaren" genannt) alle Mongolen und Zentralasiaten. Heute nur noch die Turkvölker an der Wolga oder auf der Krim. Als "Tartaren" (!) bezeichnete man in Europa jedoch tatsächlich die Hunnen, die im fünften Jahrhundert Ost- und Westrom bedrängten (lat. "Tartarus": Unterwelt, Hölle).
3) In der Antike war das skythische Reitervolk der Alanen im nördlichen Kaukasus und Südrussland beheimatet.
4) Armenien umfasste in früherer Zeit weit größere Gebiete als heute. Darunter große Teile der östlichen Türkei.
5) Eine Anspielung auf Attila (441 - 453), der auch "die Geißel Gottes" (flagellum dei) genannt wurde und ebenfalls Vorstöße nach Byzanz unternahm. Sein Volk, die Hunnen, überschritten gegen Ende des vierten Jahrhunderts die Wolga und zerstörten das Reich der Alanen zwischen Wolga und Kaukasus. Um etwa 400 n. Chr. beherrschten die Hunnen den südrussisch-ukrainischen Raum.

 
2/29
 
L’oriental1) sortira de son siege2), Der aus dem Osten1) wird seinen Sitz2) verlassen,
Passer les monts Apennins, voir la Gaule: [um] die apenninischen Berge zu überqueren [und] Gallien zu sehen.
Transpercera du ciel3), les eaux & neige: [Er] wird vom Himmel3) aus die Wasser und [den] Schnee durchstoßen
Et vn chascun frapera de sa gaule. und einen jeden mit seiner Peitsche schlagen.
1) Das mittelfranzösische "oriental" bedeutet "östlich, den Osten betreffend" aber nicht ausschließlich "morgenländisch".
2) Oder u. a. auch: "Thron, Hof, Aufenthaltsort".
3) Unklar. Vielleicht eine Anspielung auf Coele, ein Gebiet im Nahen Osten zwischen dem Libanon und dem Antilibanon mit der Stadt Baalbek (vgl. lat. "caelum, coelum": Himmel). Möglich wäre ebenfalls, dass Nostradamus an das griech. "olympos" gedacht hat, das auch "Himmel" bedeutet. Der Olymp befindet sich im nordöstlichen Griechenland. Es gab in der Antike allerdings noch weitere Berge, die den Namen des Göttersitzes trugen, etwa der Olympos auf Zypern oder der bithynische Olymp (Olympos Misios), der heutige Uludag beim nordwesttürkischen Bursa.

 
6/80
 
De Fez1) le regne paruiendra à ceux d’Europe, Die Herrschaft von Fez1) wird zu denen aus Europa kommen.
Feu leur cité, & lame trenchera:  [In] ihrer Stadt [ist] Feuer und [die] Klinge wird schneiden.
Le grand d’Asie terre & mer à grand troupe,  Der Große aus Asien [wird] Land und Meer mit [einer] großen Armee [überqueren],
Que bleux, pers2), croix, à mort dechassera die [die] Blauen, [die] Hellblauen2) [und das] Kreuz bis in den Tod verfolgen wird.
1) Stadt im Norden Marokkos.
2) Oder auch andere Blautöne, z. B. violett oder dunkelblau. Da die Farbe Blau schon zu Nostradamus’ Zeiten ein Symbol für die Treue (lat. "fides") war, könnten hier einfach die Christen (lat. u. a. "fideles") gemeint sein.

 
10/72 (September 3553 n. Chr.)
 
L‘an mil neuf cens nonante neuf sept mois1) [Im] Jahr 1999, [im] siebten Monat1)
Du ciel2) viendra vn grand Roy d‘effraieur  wird vom Himmel2) ein großer König des Schreckens kommen,
Resusciter le grand Roy d‘Angolmois3). [um] den großen König des Angoumois3) wiederauferstehen [zu] lassen.
Auant apres Mars4) regner par bon heur. Vor [und] nach [einem] Krieg4) [wird der Franzose] mit Erfolg regieren. 
1) Wieder müssen wir uns auf die nostradamische Zeitrechnung beziehen, die am 1. März 1555 mit dem Jahr 1 einsetzt. Somit erhalten wir hier den Monat September des Jahres 3553 n. Chr. (nach julianischem Kalender).
2) Vgl. 2/29, Anmerkung 3.
3) Das Angoumois ist ein Gebiet im Westen Frankreichs, mit der Hauptstadt Angoulême. Nostradamus meint mit diesem "großen König" wohl Franz I. (1515 - 1547), der 1494 in Cognac, in eben diesem Gebiet geboren wurde. Franz war zunächst Graf des Angoumois, das er im Jahr seiner Thronbesteigung 1515 zum Herzogtum erhob. Er war ein glänzender Renaissancefürst und im Inneren ein erster Vorläufer der späteren absolutistischen Könige. Er war der große Rivale des Spaniers Karl V. 1515 schlug er die Schweizer bei Marignano und versuchte in der Folgezeit, Italien unter seine Kontrolle zu bringen, was ihm aber nicht gelang.
4) Lat. "Mars" (u. a. Krieg).
 

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