5.16  In Spanien wird ein König erscheinen, der ein neuer Philipp II. von Makedonien sein wird. Dieser gewalttätige Herrscher wird Spaniens Herrschaft weit ausdehnen und die Muslime zurückdrängen. Die muslimische Macht des "großen Arabers" wird aber so lange existieren, bis sich sieben Päpste auf dem Stuhl Petri abgelöst haben. Der "große Araber" wird bis in den nördlichen Balkan vorstoßen. Auf seinem Weg werden ihn aber die Türken verraten und die Rhodier sich ihm in den Weg stellen. Letztere werden bei ihrem Widerstand allerdings vom Westen (Frankreich?) allein gelassen. Die Kirche wird sich großen Veränderungen gegenüber sehen. Kreuzfahrer werden Pharos (Hvar?) angreifen. Die Araber werden Rhodos und die Türkei blutig erobern und später auch Malta angreifen. Die Eroberungen am Südostrand Europas werden dann vonstatten gehen, wenn man sich im Norden zusammenschließt und jemand Neues in ein bedeutendes Amt gewählt wird. In Italien wird der Tyrann von Siena Savona besetzen. Zwei Armeen stehen dann bei Ancona, und ein Oberhaupt fürchtet sich. Anschließend werden der "Adler" und der "Hahn" in Savona sein. Die Araber und Ungarn sind Verbündete. In Italien steht eine Armee in Neapel, Palermo und bei Ancona, währenddem Rom und Venedig wegen eines "Bartes" (Aistulf? Araber?) schreien. Die Araber und Ungarn werden dann Verbündete sein, wenn ein Königssohn stirbt.
 

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10/95  

Dans les Espaignes1) viendra Roy trespuissant,
Par mer & terre subiugant or2) midy,
Ce mal3) fera rabaissant le croissant,
Baisser5) les æsles à ceux du vendredy4).

In den Spanien1) wird [ein] sehr mächtiger König erscheinen,
[der] jetzt2) zur See und [zu] Land [den] Süden unterwirft.
Dieser Gewalttätige3) wird die Mondsichel niedersinken lassen
[und] denen vom Freitag4) die Flügel niederdrücken5).
1) Das antike Spanien bestand aus mehreren Provinzen, weshalb im Lateinischen auch der Plural "Hispaniae" verwendet wurde.
2) Oder falls "lors" gemeint sein sollte: "dann". GRUBER, S. 212, korrigiert hier zu "le".
3) Oder auch: „Schlechte, Üble“. Möglicherweise sollte es hier statt "mal" "masle" (männlich) heißen, vgl. CLÉBERT, S. 1160. "Männlich" im Sinne des lat. "masculus" (u. a. mutig) bzw. "virilis" (u. a. mannhaft, standhaft).
4) Das sind die Muslime, deren Wochenfeiertag der Freitag ist (lat. dies Veneris = Tag der Venus = Freitag).
5) D. h. dafür sorgen, dass die Muslime nicht mehr hochkommen ("fliegen") können. Im Deutschen würde man hier eher vom Stutzen der Flügel sprechen.



In Spanien wird ein König erscheinen, der ein neuer Philipp II. von Makedonien sein wird. Dieser gewalttätige Herrscher wird den Süden unterwerfen und die Muslime zurückdrängen.

Gemäß Zeile eins wird ein sehr mächtiger König in Spanien erscheinen. Ob es sich um den König des Landes oder den Monarchen eines anderen Staates handelt, ist dabei nicht ersichtlich.

Dieser mächtige König wird den "Süden" unterwerfen. Doch welchen Süden? Jenen Frankreichs? Spaniens? Oder den gesamten Mittelmeerraum, vgl. CLÉBERT, S. 1160? Interessant ist, dass Nostradamus in der zweiten Zeile das Wort "or" verwendet, obwohl das Geschehen in der Zukunft spielen soll. Falls es sich dabei nicht um einen simplen Druckfehler handelt, könnte diese Formulierung ein Hinweis auf den zeitgenössischen spanischen König bzw. dessen Namen sein: Philipp, genauer Philipp II. von Spanien (1556-1598). Zum historischen König Philipp passt Strophe 10/95 nur schlecht. Zur Unterwerfung des Südens würde höchstens die Angliederung Portugals 1580 passen, doch Portugal liegt eher im Westen denn im Süden. 1572 konnte die Heilige Liga mit Spanien den Seesieg von Lepanto über die Türken feiern. Ein psychologisch wichtiger Erfolg, aber die muslimischen Osmanen waren keineswegs entscheidend getroffen, wie die zweite Hälfte von 10/95 suggeriert.

In anderen Strophen spricht unser Seher von einem neuen Philipp. Von einem neuen Philipp II. von Makedonien (vgl. 5.106). Der neue Makedone wird dabei gegen die Araber kämpfen, was eine Parallele zu 10/95 sein dürfte: Laut der zweiten Hälfte der Strophe wird dieser mächtige König die Macht des Islams zurückdrängen ("die Mondsichel niedersinken lassen" und "denen vom Freitag die Flügel niederdrücken"). Sollte Nostradamus den Sieger über die Muslime in 10/95/3 tatsächlich als "gewalttätig" oder sogar als "übel" apostrophieren, vgl. Anmerkung 3, hätten wir allerdings keinen leuchtenden Helden sondern einen eher zwiespältigen Charakter vor uns. Dies traf aber auch auf den historischen Philipp II. von Makedonien zu, wenigstens wenn man an die Philippika des Demosthenes denkt.




4/50  

Libra1) verra regner les Hesperies2),
De ciel, & terre3) tenir la monarchie:
D’Asie forces nul ne verra peries
Que sept ne tiennent par rang la hierarchie4).

[Die] Waage1) wird die Spanien2) herrschen
[und] im Himmel und [auf der] Erde3) die Herrschaft ausüben [sehen].
[Die] Kräfte Asiens wird keiner zerstört sehen,
bis sieben der Reihe nach die Herrschaft4) innegehabt haben.
1) Die Zeit des Tierkreiszeichens Waage ist im Herbst, nach mittelalterlicher Auffassung vom 17. September bis 17. Oktober. In der Astrologie werden der Waage u. a. Ägypten und Äthiopien zugeordnet, wobei "Äthiopien" nach antiker Auffassung weit größere Gebiete umfasste als heute, so u. a. auch Nubien (Sudan). Gemäß Claudius PTOLEMÄUS’ Tetrabiblos 2,3,73 stehen aber auch Gebiete in Zentralasien und Westchina unter der Herrschaft der Waage. Allerdings stellt sich bei Letzteren die Frage, ob diese noch zum Vorhersagebereich des Nostradamus gehören. BRIND’AMOUR, S. 535f., und ihm folgend CLÉBERT, S. 516f., verweist auf eine Stelle im Astronomicon von Marcus MANILIUS (4, 773-777), in dem zu lesen ist, dass Rom im Zeichen der Waage gegründet worden sei. Dieser Verweis würde gut  zur Kirche passen, auf die sich die letzte Zeile bezieht.
2) Mit "l’Hesperie" ist bei Nostradamus Spanien gemeint (vgl. 5.39: 5/40/2). Und während in 2/65/2 "Par l’Hesperie" steht, scheint in 4/50/1 mit "Les Hesperies" eine Pluralform vorhanden zu sein. In 10/95/1 ist allerdings, nach antikem Vorbild, auch von den Spanien ("les Espaignes") die Rede, was zu den "Hesperies" passt. Anders als in 4/39/4 ist es hier aber kaum möglich, "Hesperides" zu lesen, da sich dies nicht auf das "peries" in der dritten Zeile reimen würde.
3) Die Formulierung "le ciel et la terre" meint das Universum, das All. Hier ist wohl einfach dichterisch "überall" gemeint.
4) "Hierarchie" bedeutet eigentlich "heilige Herrschaft" und bezeichnet im Speziellen die Machtstruktur innerhalb der Kirche. Hier ist also von sieben Päpsten die Rede.


Spanien wird "überall" herrschen. Die feindliche islamische Macht aus dem Nahen Osten wird aber solange bestehen, bis sieben Päpste sich auf dem Stuhl Petri abgelöst haben.

In den ersten beiden Zeilen lesen wir, dass die "Waage" Zeugin sein wird, wie Spanien überall ("im Himmel und auf Erden") herrschen wird. Was 4/50 mit 10/95 verbindet ist der Umstand, dass Nostradamus in beiden Fällen von "den" Spanien bzw. Hesperien spricht. Außerdem passt diese beschriebene Machtfülle zum "sehr mächtigen König" aus 10/95. Mit der Waage könnte Rom oder Italien gemeint sein, das vielleicht zum Herrschaftsbereich des großen Spaniers gehören wird. In diesem Fall wäre auch das Zentrum der Kirche direkt von der iberischen Macht betroffen (vgl. Anmerkung 1).

In 10/95 erfahren wir, dass der sehr mächtige spanische König die Muslime besiegen wird. In 4/50/3 ist von "Kräften Asiens" die Rede, die laut Folgezeile so lange Bestand haben werden, bis sich sieben Päpste auf dem Stuhl Petri abgelöst haben. Falls die Muslime und die Kräfte Asiens hier identisch sein sollten, würde das heißen, dass Ursprung und/oder Schwerpunkt dieser islamischen Macht nicht in Nordafrika sondern im Nahen Osten liegen wird.






5/47  

Le grand Arabe marchera bien auant,
Trahy sera par les Bisantinois:
L’antique1) Rodes luy viendra au deuant,
Et plus grand mal par austre2) Pannonois3).

Der große Araber wird weit nach vorne marschieren.
[Er] wird von den Byzantinern verraten [werden].
Das alte1) Rhodos wird sich ihm entgegenstellen,
und größeres Übel [wird ihm] im südlichen2) Pannonien3) [zugefügt werden].
1) Oder: "antike". Die Insel Rhodos gehörte von 1309 bis 1523 dem Johanniterorden, der sie stark befestigte und 1440, 1444 sowie 1480 gegen die muslimischen Ägypter und Osmanen verteidigte. 1523 wurde Rhodos von den Türken erobert und gehörte anschließend bis 1912 zum Osmanischen Reich.
2) Lat. "auster" (Süd(ost)wind; Wind, Sturm; Süden). Vielleicht hat Nostradamus auch an das lat. "austerus" (u. a. ernst, streng; finster, unfreundlich) gedacht.
3) Wörtlich: "im südlichen Pannonischen". Oder, wenn es "austres" heißen sollte: "von [den] südlichen Pannoniern". Pannonien bezeichnete in der Antike wechselnd große Gebiete im norwestlichen Balkan und im heutigen Ungarn. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit wurde gelegentlich das Königreich Ungarn als "Pannonien" bezeichnet, das weit größer war als das heutige Ungarn. Die Pannonische Tiefebene schließlich umfasst große Teile des südöstlichen Mitteleuropas und reicht tief in den Balkan hinein.


Der "große Araber" wird wenigstens bis in den nördlichen Balkan vorstoßen. Verraten werden wird er von den Türken, und Rhodos wird sich ihm entgegenstellen. Auf heftige Gegenwehr wird er im Nordbalkan stoßen.

In der ersten Zeile erfahren wir, dass ein "großer Araber" (wohl ein Machthaber oder Feldherr) weit vorstoßen wird - mindestens bis Pannonien, vgl. Zeile vier. Laut 5/47/2 wird er von den "Byzantinern", wahrscheinlich den Türken, verraten werden. Um verraten werden zu können, muss er allerdings zuerst ein Bündnis oder Übereinkommen mit diesen Byzantinern besitzen, über das wir hier allerdings nichts erfahren.

Auf seinem Vormarsch trifft der Araber jedoch auf Widerstand. Rhodos wird sich ihm entgegenstellen. Im südlichen Pannonien (Ostkroatien und Nordserbien) wird man ihm schlimm zusetzen.


4/39  

Les Rhodiens demanderont secours,
Par le neglet de ses hoyrs1) delaissée2):
L’empire Arabe reualera son cours3),
Par4) Hesperies5) la cause redressée6).

Die Rhodier werden Hilfe anfordern.
Durch die Nachlässigkeit ihrer Erben1) [wird sie2)] verlassen [sein].
Das arabische Reich wird seinen Lauf verschlechtern3).
Von4) [den] Spanien5) [wird] die Angelegenheit in Ordnung gebracht6) [werden].
1) Oder auch "Nachkommen".
2) Die Insel Rhodos. Die Stelle kann so verstanden werden, dass die Insel samt Bewohnern im Stich gelassen oder dass Rhodos von seinen Einwohnern verlassen werden wird. Die Insel Rhodos gehörte von 1309 bis 1523 dem Johanniterorden, der von den Osmanen vertrieben wurde. Bis 1912 war Rhodos Teil des Osmanischen Reiches. Die Johanniter verteilten sich nach 1523 zunächst auf die verschiedenen europäischen Besitztümer des Ordens, das Ordenshauptquartier befand sich bis 1529 wechselnd in Iraklio (Kreta), Messina, Viterbo und Nizza. 1530 erhielten die Johanniter von Kaiser Karl V. Malta, Gozo und Tripolis (Libyen) als Lehen. 1551 ging Tripolis allerdings verloren, 1565 konnten die Johanniter (jetzt Malteser) hingegen Malta knapp gegen die Osmanen verteidigen. Rhodos’ Erben oder Nachkommen könnten u. a. die Johanniter/Malteser sein, vgl. allerdings den Kommentar.
3) Das mittelfranzösische "reualer" bedeutet "den Preis von etwas reduzieren, entwerten". Mit "cours" ist der Fortgang, das weitere Schicksal gemeint (lat. "cursus"), vgl. BRIND’AMOUR, S. 519. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Nostradamus bei "reualer" an das lat. "valere" (u. a. wert sein, kräftig sein, zur Geltung kommen) bzw. an dessen Entsprechung "revaloir" gedacht hat. In diesem Fall würde das arabische Reich im Gegenteil seinen Weg ("cours") weiter fortsetzen. CLÉBERT, S. 505, versteht die Stelle als "umkehren, umschwenken".
4) Oder u. a. auch: "in".
5) Mit "l’Hesperie" ist bei Nostradamus Spanien gemeint (vgl. 5.39: 5/40/2). Und während in 2/65/2 "Par l’Hesperie" steht, scheint in 4/39/4 mit "Par Hesperies" eine Pluralform vorhanden zu sein. In 10/95/1 ist allerdings, nach antikem Vorbild, auch von den Spanien ("les Espaignes") die Rede, was zu den "Hesperies" passt. Die zweite Möglichkeit wäre, dass es hier "Hesperides" heißen sollte. Die Hesperiden waren Nymphen, die im äußersten Westen auf einer Insel im Atlantik lebten und den Baum mit den goldenen Äpfeln hüteten. Äpfel, die den Göttern ewige Jugend verliehen und die von Herkules im Rahmen seiner zwölf Arbeiten geraubt wurden. Bei Nostradamus könnten die Hesperiden für Kräfte vom amerikanischen Doppelkontinent stehen.
6) Oder wörtlich: "wieder aufgerichtet".


Rhodos, das von seinen Erben (Franzosen?) im Stich gelassen wird, wird Hilfe anfordern. Von Spanien wird die Angelegenheit in Ordnung gebracht werden, das arabische Reich befindet sich auf dem absteigenden Ast.

In der vierten Zeile ist wieder von "den" Spanien die Rede, vgl. 4/50/1 und 10/95/1. Spanien wird eine Angelegenheit in Ordnung bringen. Und zwar anscheinend dann, wenn ein arabisches Reich auf dem absteigenden Ast sein wird (3. Zeile). Das ist eine Parallele zur zweiten Hälfte der Strophe 10/95, der wir entnehmen können, dass ein mächtiger spanischer König - ein neuer Philipp II. von Makedonien? - die Macht des Islams erfolgreich zurückdrängen wird. Ob dieses Zurückdrängen aber mit der Angelegenheit aus 4/39/4 gemeint ist, bleibt im Augenblick offen.

Die erste und zweite Zeile von 4/39 berichtet von einem Hilferuf der Insel Rhodos, die wegen der Nachlässigkeit ihrer Erben verlassen sein oder allein gelassen wird. Hier schlägt die Strophe einen Bogen zu 5/47, wo ebenfalls von Rhodos sowie von einem "großen Araber" die Rede ist. Doch an wen ist der Hilferuf gerichtet?

Unklar ist weiter, wer die Erben der Rhodier sein sollen. An anderer Stelle wirft Nostradamus allerdings Frankreich Nachlässigkeit vor (5.100: 1/18 und 1/73). Der Johanniterorden, vgl. Anmerkung 2,  wurde von einem Franzosen (Provenzalen) gegründet, von Gerhard (Gérard) Sasso aus Martigues. Gemäß PLINIUS D. Ä. Naturalis Historia 5,2 soll die Rhone (lat. Rhodanus) zudem ihren Namen von Rhoda, einer Rhodier-Kolonie im Mündungsgebiet des Stromes bekommen haben. Mit den "Erben" der Rhodier könnten also Franzosen oder Südostfranzosen gemeint sein.














5/16  

A son hault pris plus la lerme2) sabee1),
D’humaine chair par mort en cendre mettre,
A l’isle Pharos3) par croisars4) perturbee,
Alors qu’à Rodes paroistra dur5) espectre6).7)

Seinen hohen Preis [wird] die sabäische1) Träne2) nicht mehr [erzielen].
[Das] Menschenfleisch wird beim Tod eingeäschert werden.
[Und zwar] auf der Insel Pharos3), [die] von Kreuzfahrern4) unsicher gemacht [worden ist].
Dann, wenn auf Rhodos [ein] schmerzliches5) Trugbild6) erscheinen wird.7)
1) Vgl. lat. "sabaeus" (sabäisch, arabisch). Die Sabäer waren ein Volk im Südwesten der arabischen Halbinsel, im Bereich des heutigen Jemen. In der Bibel werden sie als Weihrauchhändler erwähnt, vgl. Jeremia 6,20 ("Was soll mir der Weihrauch aus Saba und das gute Gewürzrohr aus fernem Land?") und  Jesaja 60,6 ("Zahllose Kamele bedecken dein Land, Dromedare aus Midian und Efa. Alle kommen von Saba, bringen Weihrauch und Gold und verkünden die ruhmreichen Taten des Herrn").
2) Lies: "larme" (Träne, Tropfen). Damit dürfte hier die "Weihrauchträne" gemeint sein, vgl. OVID, Metamophosen 15,393f.: "non fruge neque herbis, sed turis lacrimis et suco vivit amomi." (Er [der Phoenix] lebt weder von Feldfrucht noch von Kräutern, sondern von Weihrauchtränen und vom Saft des Amomum [= orientalische Gewürzpflanze]). Auf der arabischen Halbinsel kommt der Weihrauch-Baum im Südosten des Jemen und im Süden des Oman vor. Im Frühjahr werden die Bäume so angeschnitten, dass an Stamm und Ästen das flüssige Harz hervortritt. Deas getrocknete Weihrauch-Harz findet besonders in der Liturgie der römisch-katholischen Kirche, aber auch im byzantinischen und orientalischen Ritus Verwendung. Weihrauch gehörte in biblischen Zeiten zu den wertvollsten Stoffen und wurde mit Gold aufgewogen.
3) Pharos war eine kleine Insel vor Alexandria in Ägypten. Pharos ist jedoch auch der griech. Name der heute kroatischen Adriainsel Hvar. Zur Zeit des Nostradamus gehörte Hvar zu Venedig.
4) Der Begriff "croisar" ist wohl im Sinne von "croisé" (Kreuzfahrer) zu verstehen. Vgl. dazu die provenzalische Varianten "crousa" und "crousat". CLÉBERT, S. 589, sieht hier eher "croissant" (Mondsichel) dahinter stecken und vermutet in den "croisars" Muslime bzw. Türken.
5) Neben "hart" bedeutet das mittelfranzösische "dur" u. a. auch "schmerzhaft, schmerzlich".
6) Das mittelfranzösische "spectre" bedeutet "Erscheinung". Das zugrunde liegende lat. "spectrum" "Bild (in der Seele), Vorstellung". Nostradamus könnte hier aber eher an das griech. "eidolon" gedacht haben, das u. a. mit "Gestalt", "Trugbild", "Schemen", "Gespenst", "Bild" und "Götzenbild" übertragen werden kann. Interessant ist, dass hier die Form "espectre" steht. Vorausgesetzt, es handelt sich nicht um einen bloßen Setzfehler, könnte dieser Neologismus auch den Begriff "expectation" (Erwartung) beinhalten. Zusammen mit dem "Trugbild" von "spectre" bzw. "eidolon" hätten wir dann wohl eine "trügerische Erwartung" vor uns.
7) Oder auch: "Dann, wenn auf Rhodos [ein] Trugbild [als] schmerzlich erscheinen wird."


Die Nachfrage nach Weihrauch wird sinken, Leichen werden eingeäschert werden: Die Kirche wird starke Veränderungen erfahren. Die Insel Pharos wird von Kreuzfahrern heimgesucht, wenn Rhodos sich einer schmerzlichen Täuschung hingibt.

In der vierten Zeile erfahren wir, dass auf Rhodos ein Trugbild erscheint, das schmerzlich sein wird. Die Rhodier werden also schmerzhaft erkennen müssen, dass man sie getäuscht hat oder sie sich einer Täuschung hingegeben haben. 4/39/1f. ist zu entnehmen, dass die Insel Hilfe anforden aber durch die Nachlässigkeit ihrer Erben (Franzosen?) im Stich gelassen werden wird. Das Trugbild, die Täuschung, der man sich hingibt, könnte also daraus bestehen, dass man an Hilfe von außen glaubt.

Gemäß 5/16/3 wird dann die Insel Pharos von Kreuzfahrern - christlichen Truppen - unsicher gemacht, d. h. angegriffen werden. Ob mit Pharos die alte Insel in Ägypten oder Hvar an der kroatischen Küste gemeint ist, ist hier nicht ersichtlich. Da jedoch in 5/47 der große Araber auf dem Balkan mindestens bis Pannonien vorstoßen wird, könnte das bedeuten, dass er auch Hvar beherrscht. Die Aktion der Kreuzfahrer könnte also ein Gegenangriff der Christen sein. Ein Gegenangriff, der vielleicht die ganze Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nimmt und somit keinen Raum lässt, Hilfe nach Rhodos zu schicken.

In 5/16/1 ist zu lesen, dass der einst teure Weihrauch zu dieser Zeit billiger erhältlich sein wird. Dies wohl deshalb, weil es nur noch wenig Nachfrage für dieses Produkt gibt. Da der Weihrauch zur Zeit des Nostradamus v. a. im kirchlichen Bereich Verwendung fand, dürfte das bedeuten, dass die Kirche geschrumpft ist. Oder es ist ein Hinweis auf Veränderungen in der Liturgie, vielleicht einhergehend mit größeren Reformen in der gesamten Kirche.

5/16/2 kann in zweifacher Hinsicht verstanden werden. Wir lesen, dass menschliche Körper beim Tod eingeäschert werden. Diese Angabe kann zum Angriff auf Hvar gehören, bei dem die Kreuzfahrer derart massiv vorgehen werden, dass alles - inklusive der Menschen - in Schutt bzw. Asche gelegt wird. Oder die Zeile gehört (ebenfalls) zu den Veränderungen in der Kirche, wo man u. a. von der Erd- zur Feuerbestattung übergehen wird.
















2/49  

Les conseilliers1) du premier monopole2),
Les conquerants seduits4) pour la Melite3):
Rodes, Bisance pour leurs exposant pole5):
Terre faudra les poursuiuants6) de fuite.

Die Ratgeber1) der ersten Verschwörung2)
[und] die Eroberer [werden] Richtung Malta3) angestachelt4) [werden].
Rhodos [und] Byzanz legen [den] Himmel5) für [die] Ihren offen dar.
[Das] Land wird unterliegen, die Gefolgsleute6) [werden] auf der Flucht [sein].
1) Oder auch: "Räte" (Mitglieder eines Ratsgremiums).
2) Das mittelfranzösische "monopole" bedeutet "Kabale, Intrige, Verschwörung; Privileg".
3) Lat. "Melita" (Malta).
4) Das mittelfranzösische "seduire" bedeutet u. a. "in die Irre führen; verleiten, anstacheln; verführen". Mit dem lat. "seducere" kommt noch "wegführen, entfernen" hinzu.
5) Lat. "polus" (Pol, Himmel, Himmelsgewölbe).
6) Oder auch: "Verfolger".



Die Politik von Rhodos und der Türkei wird ihnen beim Einmarsch der Araber einen hohen Blutzoll abverlangen. Die für den Verrat der Türkei Verantwortlichen werden nach Malta fliehen, das aber später ebenfalls von den Arabern angegriffen wird.

In der dritten Zeile ist wieder von Rhodos sowie von Byzanz (Türkei, Istanbul) die Rede. Gemäß 5/47 wird sich Rhodos dem "großen Araber" entgegenstellen und Byzanz ihn verraten. Das Resultat dieser Politik dürften wir in 2/49/3 sehen. Beide werden für die Ihren den Himmel offen darlegen, d. h. wohl ihren eigenen Leuten den Tod bringen. Die angreifenden Araber werden Rhodos und das verräterische Byzanz wohl militärisch erobern und dabei sehr viele töten.

Der vierten Zeile ist zu entnehmen, dass das "Land" unterliegen und die "Gefolgsleute" auf der Flucht sein werden. Mit dem "Land" ist mutmaßlich Byzanz gemeint, das erobert werden wird. Die "Gefolgsleute" sind wohl jene Byzantiner (Türken), die hinter dem Verrat an den Arabern stehen werden. Es dürften Gefolgsleute des Westens bzw. der Westausrichtung der Türkei sein. Dass diese jetzt fliehen müssen, ist klar. Doch wohin?

In den Zeilen eins und zwei ist davon die Rede, dass die Ratgeber der ersten Verschwörung und die Eroberer Richtung Malta getrieben ("angestachelt") werden. Mit den "Ratgebern der ersten Verschwörung" sind wohl die türkischen Gefolgsleute des Westens gemeint, die hinter dem Verrat am Araber stecken. Diese dürften nach Malta fliehen. Allerdings wird diese Insel später selber ins Fadenkreuz der Eroberer von Byzanz geraten.

An dieser Stelle bleibt im Augenblick noch der Hinweis, dass Nostradamus in Zusammenhang mit Byzanz von der "ersten" Verschwörung spricht. Es wird also mehrere "Verschwörungen" geben, über die wir hier allerdings nichts erfahren.




6/21  

Quant1) ceux du polle3) artiq2) vnis ensemble,
En Orient4) grand effraieur & crainte:
Esleu nouueau, soustenu le grand temple5),
Rodes, Bisance de sang Barbare taincte.

Wenn1) diejenigen des nördlichen2) Himmels3) zusammen vereint [sein werden,
wird] im Orient4) [ein] großer Schrecken und [eine große] Angst [entstehen].
Gewählt [wird der] Neue, unterstützt wird der große Tempel5).
Rhodos [wird wie] Byzanz mit barbarischem Blut befleckt [sein].
1) Lies wohl: "quand" (wann, wenn). Ansonsten müssten die ersten beiden Zeilen etwa so verstanden werden: "Was diejenigen des nördlichen Himmels angeht, die zusammen vereint [sein werden], so wird im Orient [ein] großer Schrecken und [eine große] Angst entstehen." D. h. die Gefahr aus dem Orient würde sich spezifisch gegen die Vereinigten des Nordens richten.
2) Lies: "arctique". Von lat. "arctous" (nördlich) oder griech. "arkteios" (vom Bären).
3) Lat. "polus" (Pol, Himmel, Himmelsgewölbe).
4) Oder: "Osten".
5) Oder: "[Der] Neue [wird] gewählt [und] unterstützt, der Große zittert." In den beiden Ausgaben von 1557 sowie den 1568er Ausgaben von Grasse und Stockholm steht hier "temple" (Tempel, Kirche), in den restlichen 1568ern "tremble". Aus methodischen Gründen wäre hier "temple" vorzuziehen, allerdings zum Preis eines missglückten Reims auf "ensemble". Das spätere "tremble" passt hingegen zur ersten Zeile, so dass bis auf Weiteres beide Varianten als gleichrangig zu behandeln sind.


Bei der Eroberung von Rhodos und der Türkei werden auch viele Araber fallen. Der Vormarsch des "großen Arabers" wird dann vonstatten gehen, wenn man sich im Norden zusammenschließt. Dann wird auch ein bedeutendes Amt durch eine Wahl vergeben werden.

Wie in 2/49/3 werden auch in 6/21/4 Rhodos und Byzanz erwähnt. Beide werden mit barbarischem (arabischem) Blut befleckt sein. Das dürfte die Eroberung der beiden Orte meinen, die anscheinend auch den arabischen Eroberern einen hohen Blutzoll abverlangen wird.

Zum Zeitpunkt des Falls von Rhodos und Byzanz wird ein "Neuer" gewählt werden (vierte Zeile). Damit dürfte am ehesten ein Papst oder ein deutscher König bzw. Kaiser gemeint sein. Der zweite Teil der Zeile ist weniger klar, vgl. Anmerkung 5. Entweder wird der "große Tempel" (die Kirche?) unterstützt werden oder ein Großer wird zittern.

Die zweite Zeile spricht von einem "großen Schrecken" und einer "großen Angst", die im Orient entstehen wird. Damit dürfte der Vormarsch des "großen Arabers" gemeint sein, der in 5/47/1 erwähnt wird und der hinter dem Angriff auf Byzanz und Rhodos steckt.

Zu diesem Zeitpunkt werden jene "des nördlichen Himmels" vereint sein (erste Zeile). Welche Mächte hier gemeint sind, ist unklar. Am Nordhimmel stehen der Große und der Kleine Bär (Kallisto und Arkas) bzw. die Septentriones, die sieben pflügenden Ochsen bei den Römern. Somit könnten wir hier z. B. ein Bündnis zweier Mächte vor uns haben, die Nostradamus mit zwei Bären gleichsetzt oder von sieben Ländern, die er mit sieben pflügenden Ochsen vergleicht.






1/75  

Le tyran Siene1) occupera Sauone2):
Le fort gaigné tiendra4) classe marine3):
Les deux armées par la marque d’Ancone5)
Par effraieur le chef s’en examine6).

Der Tyrann [von] Siena1) wird Savona2) besetzen.
Die eroberte Festung wird [die] Meeresflotte3) beherrschen4).
Die beiden Armeen [befinden sich] in der Mark von Ancona5).
Aus Angst bereitet sich das Oberhaupt darauf vor6).
1) Vgl. lat. "tyrannus Senae". Siena liegt in der zentralen Toskana. Ein Tyrann ist ein widerrechtlicher Herrscher, ein Usurpator bzw. Despot. Ob obiger Tyrann bloß über Siena herrschen oder ein größeres Reich regieren wird, ist zur Zeit noch unklar.
2) Italienische Hafenstadt, etwa 40 km südwestlich von Genua.
3) Lat. "classis marina" (Meeresflotte).
4) Oder u. a. auch: "halten, behalten". Die Zeile kann so verstanden werden, dass die Meeresflotte von der Festung oder umgekehrt die Festung von der Meeresflotte beherrscht werden wird.
5) Ancona ist eine italienische Hafenstadt an der oberen Adria und Hauptstadt der Region Marken. Die Mark Ancona ist eine der fünf Provinzen dieser Region.
6) Unklar. Wörtlich heißt es hier: "untersucht/prüft sich das Oberhaupt diesbezüglich". Das könnte beispielsweise auch so verstanden werden, dass das Oberhaupt angesichts der beiden Armeen seine eigenen Möglichkeiten auslotet und dann zögert zu handeln, vgl. BRIND’AMOUR, S. 153.


Der Tyrann von Siena wird Savona besetzen. Zwei Armeen stehen bei Ancona, und ein Oberhaupt fürchtet sich.

In 8/9 erfahren wir, dass in der Mark von Ancona eine Armee stehen und dass sich "Adler" und "Hahn" in Savona befinden werden. In 1/75 tauchen beide Orte ebenfalls auf. Hier wird Savona allerdings vom Tyrann des toskanischen Siena besetzt. Sollten "Adler" und "Hahn" vielleicht zusammen die Stadt nahe Genua befreien?

In der zweiten Zeile ist wohl von der eroberten Festung Fortezza del Priamar in Savona die Rede. Die Herrschaft über Festung und Stadt dürfte durch die Meeresflotte des Tyrannen von Siena gewährleistet sein. Möglicherweise wird Savona auch vom Meer aus als toskanischer Stützpunkt erobert werden.

Zeile drei ist zu entnehmen, dass in der Mark von Ancona zwei Armeen stehen werden. Im Gegensatz zu 8/9/3, wo nur von einer die Rede ist. Ist dies vielleicht so zu verstehen, dass sich die zwei bekämpfen werden, bis nur noch eine übrig ist?

Laut Zeile vier wird ein Oberhaupt Angst haben, vgl. Anmerkung 6. Doch wovor oder vor wem? Und wer ist mit dem Oberhaupt gemeint?


8/9  

Pendant que l’Aigle1) & le Coq2) à Sauone3)
Seront vnis6) Mer Leuant4) & Ongrie5),7)
L’armee à Naples, Palerme, Marque d’Ancone8)
Rome, Venise par Barbe9) horrible crie.

Während der Adler1) und der Hahn2) in Savona3) [sein werden],
werden [das] Meer [der] Levante4) und Ungarn5) vereint6) sein.7)
Die Armee [wird] in Neapel, Palermo [und in der] Mark von Ancona8) [sein].
Rom [und] Venedig [werden] wegen [des] Bartes9) [einen] schrecklichen Schrei
[ausstoßen].
1) Der französische* "Adler" taucht auch in 1/23 (5.31), 1/31 (5.159), 1/38 (5.31), 2/44 (5.130), 2/85* (5.34), 3/37 und 5/81 (5.31), 3/52 (5.34), 4/70 (5.130), 5/42 (5.182), 6/46 (5.190), 6/78 (5.31), 8/4 (5.190), 8/8 (5.203), 8/9 (5.16), 8/46* (5.159), 10/27 (5.225) und 5.200 auf. Konkret könnte damit ein französischer Feldherr oder Machthaber gemeint sein, der dem historischen Aëtius (ca. 390 - 454) ähnelt, vgl. griech. "aetos" und "aietos" (Adler). Flavius Aëtius (römischer Feldherr und mehrfacher Konsul) kämpfte gegen die Westgoten, Franken und Burgunder und besiegte 451 die Hunnen auf den Katalaunischen Feldern bei Châlons-en-Champagne. 454 wurde Aëtius von Kaiser Valentinian getötet.
2) Mit dem "Hahn" dürfte Frankreich oder ein französischer Machthaber gemeint sein, vgl. lat. "gallus" ("Hahn" und "Gallier"). Der "Hahn" taucht auch in 1/31 (5.159), 1/93 (5.159), 2/42 (5.129), 3/52 (5.34), (4/4 (5.47)), 5/14 (5.47), 5/68 (5.169), 6/28 (5.103), 6/54, 8/4 (5.190), 8/5, 8/6 (5.212), 8/9 (5.16), 8/46 (5.159) und 8/61 (5.211) auf. Gemäß 8/5 wird der "Hahn" im Sarg liegen, was eher auf eine Person denn ein Land hindeutet.
3) Italienische Hafenstadt, etwa 40 km südwestlich von Genua.
4) Die Levante bezeichnet die Länder am östlichen Rand des Mittelmeers, den Nahen Osten bzw. den Orient.
5) Zur Zeit des Nostradamus war Ungarn erheblich größer als heute und umfasste u. a. Gebiete im Osten Österreichs, die Slowakei sowie Teile Rumäniens, Kroatiens und Serbiens. Zudem befand sich der größere Teil Ungarns in den Händen der Osmanen.
6) Lies: "vnies".
7) Unklare Zeile. Möglich wäre auch: "werden [das] Meer, [die] Levante und Ungarn vereint sein" oder "werden [zur] See [die] Levante und Ungarn vereint sein". Was für eine dieser beiden Möglichkeiten spräche, ist der Umstand, dass das "vnis" nicht angepasst werden müsste, vgl. Anmerkung 6.
8) Ancona ist eine italienische Hafenstadt an der oberen Adria und Hauptstadt der Region Marken. Die Mark Ancona ist eine der fünf Provinzen dieser Region.
9) "Barbe" heißt primär "Bart". Im Mittelfranzösischen gibt es dazu noch die Bedeutung von "Araber" (als Pferderasse). Leicht lassen sich aus den Buchstaben dieses Wortes zudem die Begriffe "arabe" und "barbare" bilden, an die Nostradamus gedacht haben könnte. Allerdings taucht in 2/85/1 (5.34) ein "Alter mit Vollbart" auf - vielleicht ein neuer Langobardenkönig Aistulf.


In Savona sind jetzt der "Adler" und der "Hahn". Die Araber und Ungarn sind Verbündete. In Italien steht eine Armee in Neapel, Palermo und bei Ancona, währenddem Rom und Venedig wegen eines "Bartes" (Aistulf? Araber?) schreien.

In der zweiten Zeile ist von einem Bündnis zwischen dem "Orient" und Ungarn die Rede. Das ist eine Parallele zu 10/63/4, wo von einem gleichen Kurs "des Arabers" und Ungarns gesprochen wird. Mit "dem Araber" ist wohl "der große Araber" aus 5/47/1 gemeint. Somit ist wohl der "Orient" aus 8/9/2 mit diesem Araber identisch.

Zu dieser Zeit werden laut Zeile eins der "Adler" und der "Hahn" in Savona sein. Doch wozu? Verhandeln oder kämpfen sie? Werden sie vielleicht die Stadt befreien, vgl. 1/75?

Zeile drei: In Neapel, Palermo und bei Ancona wird eine Armee stehen. Doch wessen Armee? Ist sie die Siegerin einer Schlacht, auf die 1/75 hindeutet?

In der vierten Zeile erfahren wir erneut, dass es in Italien Krieg geben wird. Rom und Venedig werden anscheinend von einem "Bart" stark bedroht oder angegriffen werden. Mit diesem "Bart" könnte entweder der Araber oder ein neuer Langobardenherrscher Aistulf gemeint sein, vgl. Anmerkung 9.


10/63  

Cydron1), Raguse2), la cité au sainct Hieron3),
Reuerdira5) le medicant4) secours,
Mort fils de Roy par6) mort de deux heron7),
L’Arabe Ongrie8) feront vn mesme cours.

[In] Cydonia1), Ragusa2) [und] der Stadt des heiligen "Hieron"3)
wird die vergiftende4) Hilfe misshandeln5).
[Der] Tod [des] Königssohns wird mit6) dem Tod des zweiten Heron7) [einhergehen].
Der Araber [und] Ungarn8) werden einen gemeinsamen Kurs steuern.
1) Lies: "Cydon". Cydonia ist das heutige Chania an der Nordwestküste Kretas.
2) Mit Ragusa ist entweder das heutige Dubrovnik an der südöstlichen Adriaküste gemeint oder die Stadt Ragusa an der sizilianischen Südküste. Aufgrund des balkanisch-südosteuropäischen Kontextes müsste Nostradamus hier an Dubrovnik gedacht haben.
3) Mit dem heiligen "Hieron" ist vielleicht der heilige Hieronymus gemeint. Hieronymus wurde 347 in Stridon geboren. Stridon ist das kroatische Strigova, das ganz im Norden des Landes, knapp südlich der slowenischen Grenze und unweit Ungarns liegt. Gestorben ist Hieronymus 419/420 in Bethlehem. LEONI verortet Strido fälschlicherweise in Tesanj (etwa 90 km nordwestlich von Sarajewo).
          Sollte wie in der dritten Zeile "Heron" gemeint sein, kämen als Städte Alexandria und Antiochia (Antakya) in Frage, vgl. Anmerkung 7. In 1/74/2 (5.100) ist interessanterweise von Antiochia und einer "großen Hilfe", die in die Stadt kommt, die Rede.
          Hieron (vgl. 8/16/1) war auch der Name zweier Tyrannen von Syrakus, die aber keine Heiligen waren.
4) "Medicant" bzw. "medicer" scheint im Mittel- und Altfranzösischen so nicht zu existieren. Das lat. "medicare" bedeutet "heilen, färben, vergiften", das lat. "medicari" "helfen, abhelfen". Hier könnte also jemand - oder im übertragenen Sinne auch etwas - geheilt aber auch vergiftet werden.
5) Das mittelfranzösische "reverdir" bedeutet "wieder ergrünen, (nach-) wachsen" aber auch "misshandeln, (nieder-) schlagen".
6) Oder auch: "durch den Tod des zweiten Heron [eintreten]".
7) Unklar. Das mittelfranzösische "héron" bedeutet Reiher.
          Den griech. Namen "Heron" trugen mehrere historische Persönlichkeiten. Der bekannteste ist wohl Heron von Alexandria aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Ein Mathematiker und Ingenieur, der u. a. Automaten und Waffen konstruierte. In Antiochia (Antakya) starb etwa im Jahr 136 Bischof Heron den Märtyrertod (17. Oktober). Einen weiteren Märtyrer gleichen Namens finden wir im Jahr 202 in Alexandria (28. Juni). Interessant ist, dass in derselben Stadt 250 noch ein Heron die Märtyrerkrone erlangte - und zwar bereits im Kindesalter (14. Dezember). Zusammen mit zwei anderen Jungen (Arsenius und Isidor) wurde er verbrannt. Ein dritter Junge, Dioscurus, wurde gegeißelt, dann aber freigelassen.
          Oder "Heron" könnte eine dichterische Anpassung von "Heros" (Held, Halbgott) an "Hieron" sein, vgl. auch LEONI. Dann hätten wir wohl zwei Helden oder einen zweiten Helden vor uns.
8) Zur Zeit des Nostradamus war Ungarn erheblich größer als heute und umfasste u. a. Gebiete im Osten Österreichs, die Slowakei sowie Teile Rumäniens, Kroatiens und Serbiens. Zudem befand sich der größere Teil Ungarns in den Händen der Osmanen.


Die Araber und Ungarn werden Verbündete sein. Ein Königssohn wird sterben.

In der vierten Zeile ist wieder vom "Araber" die Rede, der wohl dem "großen Araber" aus 5/47/1 entspricht. Wie in 8/9/2 ist auch hier wieder von einem Bündnis mit Ungarn oder wenigstens von gleichen Zielen der beiden die Rede.

Das in den ersten drei Zeilen beschriebene Geschehen dürfte zeitgleich aber ohne kausalen Zusammenhang zum arabisch-ungarischen Bündnis ablaufen. Es scheint um einen Königssohn zu gehen, der in Chania auf Kreta sowie in den kroatischen Städten Dubrovnik und Strigova vergiftet werden wird. Möglicherweise im Rahmen einer medizinischen Behandlung ("medicant secours"). Sein Tod wird mit dem Tod eines "zweiten Heron" einhergehen. Allerdings ist hier noch zu vieles unklar, vgl. Anmerkungen 3 bis 7, so dass wir wohl auf Begleitstrophen warten müssen.





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