5.23  Paris wird von den Engländern eingenommen und entvölkert werden. Die französische Regierung verlegt ihren Sitz in die Nähe der Ardennen und "Nero" herrscht. Doch Frankreich wird nicht nur von den Engländern angegriffen sondern ist gleichzeitig auch im Innern gespalten. Eine zweite französische Regierung wird sich in Avignon niederlassen. Dort wird "Chyren" herrschen. "Chyren" schlägt dabei eine Verschwörung des Volkes gegen ihn nieder.
 

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6/43  

Long temps sera sans estre habitée,
Où Signe1) & Marne2) autour vient arrouser:
De la Tamise3) & martiaux4) tentée5),
Deceuz6) les gardes en cuidant repouser7).

Lange Zeit [wird sie daliegen] ohne bewohnt zu sein,
[sie, die] dort in der Nähe [liegt, ] wo Seine1) wie Marne2) [hin]kommt um
durchzufließen.
Von der Themse3) und [von] Marsleuten4) [wird sie] gepeinigt5) [werden].
Die Wachen [werden] getäuscht6) [werden], wenn sie glauben zu ruhen7).
1) Lies: "Seine", vgl. auch lat. "Sequana".
2) Mit der Stelle, wo die Seine und gleichermaßen die Marne durchfließt, ist wohl der Zusammenfluss der beiden Gewässer gemeint. Die Marne mündet südöstlich von Paris in die Seine. In der ersten Zeile dürfte unser Seher somit an die französische Hauptstadt gedacht haben.
3) Als Alternative könnte hier die belgische Stadt Temse (franz. Tamise) südwestlich von Antwerpen gemeint sein.
4) Hier sind natürlich nicht Marsmenschen gemeint, sondern Leute, die mit dem Kriegsgott Mars in Verbindung stehen (vgl. lat. "Martiales"). Damit dürften Soldaten bzw. Truppen gemeint sein. Vgl. auch CLÉBERT, S. 726f. Konkret ist hier wohl von Truppen von der Themse die Rede.
5) Das mittelfranzösische "tenter" bedeutet neben "versuchen" u. a. auch "bedrängen, quälen".
6) Oder: "verraten".
7) Lies: "reposer", vgl.  CLÉBERT, S. 726f. Oder: "wenn sie versuchen, [den Feind] zurückzudrängen.


Paris wird von englischen Truppen überraschend angegriffen. Als Folge wird die Stadt lange unbewohnt bleiben.

In den ersten beiden Zeilen dürfte von Paris die Rede sein, dem Ort, der Nahe der Stelle liegt, die gleichermaßen von Seine und Marne durchflossen wird (vgl. Anmerkung 2). Der ersten Zeile ist dabei zu entnehmen, dass die Stadt lange Zeit unbewohnt sein wird.

Im zweiten Teil der Strophe ist wohl wieder von Paris die Rede. Hier dürften wir erfahren, was dazu führen wird, dass die Stadt aufgegeben werden muss. Es werden wahrscheinlich englische Truppen sein, die Paris angreifen, vgl. Anmerkungen 3 und 4. Dabei werden die Wachen der Stadt getäuscht oder verraten werden. Entweder wenn sie glauben, sich ausruhen zu können (weil der Feind ebenfalls ruht) oder wenn sie im Gegenteil versuchen, die attackierenden Angreifer zurückzudrängen, vgl. Anmerkung 7.








4/8  

La grãd cité d’assaut prompt repentin
Surprins de nuict, gardes interrompus1)
Les excubies2) & veilles3) saint Quintin4)
Trucidés, gardes & les pourtails rompus.

Die große Stadt [wird] vom schnellen [und] unvermuteten Angriff [heimgesucht werden].
In der Nacht [werden sie] überrascht [und die] Wachen [werden] gestört1).
Die Wachen2) und Nachtwächter3) [werden zu] Sankt Quintinius4)
getötet, [die] Wachposten und die Tore in Stücke gehauen.
1) Wörtlich: "unterbrochen". Die Stelle ist mit Blick auf 6/43/4 wohl als "in ihrer Ruhe unterbrochen (= gestört)" zu verstehen.
2) Lat. "excubiae" (u. a. Wache, Wachposten).
3) Vgl. CLÉBERT, S. 464.
4) Hier scheint Nostradamus den Leser einmal mehr aufs Glatteis führen zu wollen. Saint-Quentin ist eine Stadt in Nordostfrankreich, etwa 130 km nordöstlich von Paris. Saint-Quentin wurde tatsächlich 1557 von den Spaniern eingenommen und geplündert, also nur wenige Jahre nachdem obige Strophe verfasst wurde. In 4/8 ist allerdings von der "großen Stadt" (Paris) die Rede, vgl. 3/84. Es dürfte also wahrscheinlicher sein, dass mit "Saint Quintin" nicht ein Ort sondern tatsächlich der Heilige bzw. sein Gedenktag gemeint ist. Der Tag des heiligen Quintinius (Quentin) ist der 31. Oktober. Einem anderen Heiligen, dem heiligen Quintinius von Villeparisis, wird am 4. Oktober gedacht.


Paris wird zu Sankt Quintinius überraschend bei Nacht eingenommen.

In der ersten Zeile ist von der "großen Stadt" die Rede. An dieser Stelle sei wieder einmal daran erinnert, dass das Adjektiv "groß" bei Nostradamus auch für "französisch" stehen kann, wir mit der "großen Stadt" somit wohl die französische Hauptstadt vor uns haben.

4/8 schließt an 6/43/4 an. In den ersten beiden Zeilen erfahren wir, dass die Wachen von Paris mit einem überraschenden und schnellen Angriff konfrontiert sein werden. Und zwar bei Nacht, wenn sie glauben, ihren Dienst in Ruhe versehen zu können. Der veheerende Angriff, bei dem die Wachen und Stadttore in Stücke gehauen werden, wird laut Zeile drei am Tag des heiligen Quintinius, wohl an einem 31. Oktober (nach julianischem Kalender), stattfinden.






9/82  

Par1) le deluge & pestilence2) forte
La cité grande de long temps assiegee,
La sentinelle & garde de main3) morte,
Subite prinse, mais de nul oultragee.

Während1) der Überschwemmung und [der] großen Seuche2)
[wird] die große Stadt lange Zeit belagert [werden].
Der Wachposten und [die] Wache [werden] im Nahkampf3) getötet.
[Die Stadt wird] plötzlich eingenommen, aber von niemandem verwüstet [werden].
1) Oder u. a. auch: "Wegen, durch".
2) Sowohl im Lateinischen wie auch im Mittelfranzösischen können die Begriffe "Überschwemmung" und "Seuche" auch generell "Unheil" oder "Unglück" bedeuten.
3) Vgl. auch lat. "manus" (u. a. "Kampf, Handgemenge"). Im Mittelfranzösischen bedeutet "main" allerdings ebenfalls "Morgen", so dass hier von den morgendlichen Nachtstunden (vgl. 4/8) die Rede sein könnte.


Während einer Überschwemmung und einer großen Seuche wird Paris lange Zeit belagert werden. Dann wird die Stadt plötzlich eingenommen aber nicht verwüstet.

In diesem Vierzeiler geht es wieder um Paris, die "große Stadt" (vgl. 4/8). Laut den Zeilen eins und zwei wird man von einer Überschwemmung und einer großen Seuche heimgesucht werden, vgl. allerdings Anmerkung 2. Während dieser Heimsuchungen wird Paris lange Zeit belagert werden.

Der zweiten Hälfte des Vierzeilers ist zu entnehmen, dass diese lang andauernde Belagerung schließlich doch noch zum Erfolg führen wird. Dabei schließt sich 9/82 an 6/43/4 und 4/8/1-2 an. Die Wachen von Paris werden handstreichartig überwältigt und die Stadt plötzlich, d. h. unvermutet, eingenommen. Anders als etwa Troja wird Paris aber interessanterweise von den Eroberern nicht verwüstet werden. Doch wieso?







3/84  

La grand cité sera bien desolée1)
Des habitans vn seul n[’]y demeurra2):
Mur, sexe3), temple, & vierge violée4)
Par fer5), feu, peste6), canon7) peuple mourra.

Die große Stadt wird vollkommen verlassen1) sein.
Von [ihren] Einwohnern wird kein einziger [mehr] dort bleiben.
[Die] Mauer, [das] Geschlecht3), [der] Tempel und [die] Jungfrau [werden] geschändet4).
Durch Eisen5), Feuer, [das] Unheil6) [und] Artillerie7) wird [das] Volk sterben.
1) Oder u. a. auch: "verloren, zerstört".
2) Lies: "demourra".
3) Hier wohl im Sinne von "sexe humain" (Menschengeschlecht, Menschen).
4) Oder mit Blick auf das lat. "violare" auch: "verwüstet".
5) Im Mittelfranzösischen bedeutet "fer" (Eisen) u. a. auch "(eiserne) Waffe".
6) Die "Pest" bezeichnet im Lateinischen und Mittelfranzösischen nicht nur verschiedene ansteckende Krankheiten mit hoher Sterblichkeit, sondern bedeutet auch einfach "Unglück, Unheil".
7) Oder Nostradamus meint hier das griech. "kanon", das u. a. auch "Regel, Vorschrift" bedeutet. In diesem Fall würde das Volk durch eine "Vorschrift" - vielleicht einen Beschluss des feindlichen Oberkommandos - sterben.


Paris wird vollkommen entvölkert sein, die Eroberer schänden u. a. Notre-Dame. Die Stadtbevölkerung wird sterben.

In 6/43 ist wohl von Paris die Rede, das lange Zeit unbewohnt bleiben wird. Dazu passen die ersten beiden Zeilen aus 3/84, wo von der vollständig verlassenen "großen Stadt" die Rede ist.

Der dritten und vierten Zeile dürfte zu entnehmen sein, was Paris genau zustoßen wird. Gemäß 6/43 werden es wohl die Engländer sein, die Paris militärisch erobern werden. In 3/84 erfahren wir dazu nun Näheres. Der Feind wird die Stadtmauer überwinden bzw. durchdringen ("schänden"), in der Stadt das Menschengeschlecht - die Bewohner - in seine Gewalt bringen ("vergewaltigen") sowie den "Tempel" und die "Jungfrau" - zwei religiöse Einrichtungen, siehe unten - entweihen (oder wiederum: "schänden").

Zur Zeit des Nostradamus war Paris natürlich von einer Stadtmauer umgeben. Mit dem "Tempel" ist wahrscheinlich der Temple gemeint, ein Bereich in Paris mit einem ehemaligen Kloster aus dem 12. Jahrhundert, das von den Tempelrittern befestigt wurde und so seinen Namen erhielt. Nach der Auflösung des Templerordens ging das Gebiet an die Malteser über, die dort bis zur Französischen Revolution das Sagen hatten. Die von Nostradamus erwähnte "Jungfrau" wäre in Paris wohl mit der Kathedrale Notre-Dame zu identifizieren, die der Jungfrau und Gottesmutter Maria geweiht ist.

Zeile vier zufolge wird das Volk, wohl die Pariser Bevölkerung, durch Gewalt (Eisen, Feuer) sowie ein "Unheil" oder eine Seuche sterben (vgl. Anmerkung 6 und 9/82/1). Nostradamus nennt als eine weitere Ursache für den Tod der Einwohner den Begriff "canon", der als Artillerie oder als Vorschrift verstanden werden kann, vgl. Anmerkung 7. Sollte Letzteres gemeint sein, hätten wir hier keinen Tod durch direkte Kriegseinwirkung sondern einen geplanten Massenmord vor uns, der erst ausgeführt wird, nachdem die Engländer die Pariser Einwohnerschaft in ihre Gewalt gebracht haben, vgl. oben.




5/45  

Le grand Empire1) sera tost2) desolé3),
Et translaté pres d’arduenne silue4):
Les deux bastardz5) par l’aisné decollé6),
Et regnera Aeno[b]arb.7)nez de milue8).

Der große Herrschaftssitz1) wird schnell2) verlassen3)
und in die Nähe der Ardvenna Silva4) verlegt werden.
Die beiden Bastarde5) [werden] vom Ältesten geköpft6) [werden],
und [es] wird Aenobarbus7)-Milannase8) herrschen.
1) Das mittelfranzösiche "empire" bedeutet u. a. "Reich, Herrschaft, Macht", das lat. "imperium" "Reich, Herrschaft, Regierung, Befehlsgewalt" usw. Mit Blick auf 3/84 scheint Nostradamus hier aber konkret den Herrschaftssitz, die Hauptstadt zu meinen. Vgl. dazu griech. "basileion", "-a" (königliche Wohnung, Burg, Schloss) und "basileia" (Königreich, Königtum). Das zugeordnete Adjektiv "groß" ist wiederum als "französisch" zu verstehen, vgl. 4/8. Mit Ausnahme des letzten Wortes ("desolé") entspricht die Zeile 1/32/1.
2) Oder auch: "bald".
3) Oder auch: "verloren, zerstört".
4) "Ardvenna Silva" ist die lateinische Bezeichnung der Ardennen oder des Ardennerwaldes. Die Ardennen erstrecken sich von der nordostfranzösischen Grenze nach Belgien und ins luxemburgische Grenzgebiet hinein. CLÉBERT, S. 621, weist darauf hin, dass auf alten Karten allerdings auch ein "forêt d’Ardenne" bei Blaye an der Gironde und ein Ardenna-Wald in der Saintonge (a. d. franz. Atlantikküste) zu finden sind.
5) "Bastard" bezeichnet im Mittelfranzösischen ein uneheliches Kind. Als Adjektiv bedeutet der Begriff "irregulär, falsch; ungeschickt, unerfahren; künstlich". Auch eine Art Kanone wurde so bezeichnet.
6) "Decollé" dürfte sich auf die beiden Bastarde beziehen, obwohl die s-Endung fehlt. Ansonsten hieße es: "Die beiden Bastarde des geköpften Ältesten".
7) Im alten Rom gab es die Familie der A(h)enobarbi (eigentlich: "Rotbärte", "bronzefarbene   Bärte"). Bekannte Vertreter dieser Gens waren Cn. Domitius Aenobarbus, der die Allobroger besiegte und 120 v. Chr. die Via Domitia anlegte, L. Domitius Aenobarbus, ein Feldherr des Pompeius und Kaiser Nero.
8) Lat. "miluus, milvus" (Milan, Rotmilan, Taubenfalke; Meerweihe [Raubfisch]). In der Budapester/Moskauer Ausgabe der Zenturien aus dem Jahr 1557 steht hier "nay de milue" (geboren vom Milan). Es gibt zwei Milanarten, den Rotmilan und den Schwarzmilan. Wie der Name schon andeutet, hat der Rotmilan ein rötliches Gefieder. Das des Schwarzmilans ist eher braun denn schwarz. Nostradamus dürfte hier wohl an den Rotmilan gedacht haben, da dieser farblich besser zum "Rotbart" Aenobarbus passt. Jedenfalls wird Aenobarbus (wohl der neue "Nero", vgl. 5.17) einem Milan ähneln. Möglicherweise derart, dass man sagen könnte, er sei von einem Milan geboren worden. Oder wenigstens eines seiner hervorstechendsten Merkmale wird milanartig sein. Ob Aenobarbus dabei tatsächlich eine große Hakennase besitzen wird, die an den Schnabel eines Raubvogels erinnert, oder ob Nostradamus diese "Nase" nur als Bild eingeführt hat, ist dabei wahrscheinlich zweitrangig. Doch was könnte Aenobarbus mit einem Milan gemeinsam haben? Über den Milan schreibt PLINIUS D. Ä. in seiner Naturalis historia (10,12,28), dass, obwohl es sich um einen sehr gefräßigen und gierigen Vogel handelt, nie beobachtet wurde wie er von Opferfleisch gefressen habe. Außer dort, wo Unheil für die Stadt vorhergesagt worden sei, die die Opfergaben dargebracht hat. In 10,95,203 erfahren wir, dass Milan und Rabe sich in dauerndem Kriegszustand befinden und der eine dem anderen das Fressen wegnehmen möchte. Laut 10,96,207 vereinen sich Edelfalke und Milan gegen den Bussard.


Der Sitz der französischen Regierung wird in die Nähe der Ardennen verlegt, zwei Bastarde werden von einem Ältesten geköpft und der neue "Nero" wird herrschen.

In 6/43, 4/8, 9/82 und 3/84 erfahren wir, dass Paris erst belagert, eingenommen und dann lange Zeit ohne Einwohner sein wird. Die ersten beiden Zeilen von 5/45 dürften davon berichten, dass der französische Herrschaftssitz verlassen und in die Nähe der Ardennen verlegt werden wird. Paris ist seit dem frühen Mittelalter die Hauptstadt Frankreichs, somit könnte das Geschehen in 5/45 in Zusammenhang mit dem Eingangs beschriebenen Fall von Paris stehen. Dazu passen würden auch die von Nostradamus gewählten Formulierungen ("grand Empire" und "desolé") in der ersten Zeile.

Die zweite Hälfte von Strophe 5/45 berichtet von Vorgängen, die sich zur Zeit der Verlegung des Regierungssitzes zutragen werden. Ein Ältester wird zwei "Bastarde" töten (köpfen) und Aenobarbus-Milannase (wohl der neue "Nero", vgl. 5.17) wird dann herrschen.









1/32  

Le grand empire1) sera tost2) translaté
En lieu petit qui bien tost3) viendra croistre:
Lieu bien infime4) d’exigue5) comté
Ou au milieu viendra poser son sceptre

Der große Herrschaftssitz1) wird schnell2) verlegt werden.
An [einen] kleinen Ort, der [dann] sehr bald3) wachsen wird.
[Es handelt sich dabei um einen] sehr niedrigen4) Ort einer kleinen5) Grafschaft,
wo [er hin]kommen wird, um in [dessen] Mitte sein Zepter zu platzieren.
1) Das mittelfranzösiche "empire" bedeutet u. a. "Reich, Herrschaft, Macht", das lat. "imperium" "Reich, Herrschaft, Regierung, Befehlsgewalt" usw. Mit Blick auf 3/84 scheint Nostradamus hier aber konkret den Herrschaftssitz, die Hauptstadt zu meinen. Vgl. dazu griech. "basileion", "-a" (königliche Wohnung, Burg, Schloss) und "basileia" (Königreich, Königtum). Das zugeordnete Adjektiv "groß" ist wiederum als "französisch" zu verstehen, vgl. 4/8. Mit Ausnahme des letzten Wortes ("translaté") entspricht die Zeile 5/45/1. Nicht gleich aber ähnlich äußert sich Nostradamus in 3/92/3 (5.48), wo in der Endzeit die Macht in Frankreich an Leute aus den Westalpen überzugehen scheint.
2) Oder auch : "bald".
3) Oder auch: "schnell".
4) "Niedrig" im geografisch-topografischen wie auch wertmäßigen Sinn, also sowohl "tief gelegen" wie auch "schlecht, gering, bedeutungslos" usw. Vgl. lat. "infimus".
5) Oder auch "unbedeutenden".


Der Sitz der französischen Regierung wird an einen kleinen Ort verlegt, der wachsen wird.

Wieder geht es um die Verlegung des französischen Regierungssitzes, wobei Nostradamus in der ersten Zeile fast wörtlich an 5/45 anknüpft. In der zweiten Zeile erfahren wir, dass die Regierung sich in einem kleinen Ort niederlässt, der dann aber bald anwachsen wird. Es handelt sich dabei um einen zuvor völlig bedeutungslosen Ort, der in einer kleinen Grafschaft liegt (dritte Zeile). Dort wird "er" (der Herrscher) hinkommen, um sein Zepter zu platzieren, wie der vierten Zeile zu entnehmen ist.
















3/49  

Regne1) Gauloys tu seras bien changé
En lieu estrange2) est translaté l’empire3)
En autres meurs, & loys4) seras rangé5):
Rouan6) & Chartres7) te feront bien du pire.

Gallisches Königreich1), du wirst sehr verändert sein!
An [einen] bizarren2) Ort ist der Herrschaftssitz3) verlegt [worden],
anderen Sitten und Gesetzen4) wirst du unterworfen5) sein.
Rouen6) und Chartres7) werden dir wahrlich Schlimmstes antun.
1) Oder auch: "Königsherrschaft, Königtum; Land".
2) Das mittelfranzösische "estrange" bedeutet u. a. "außergewöhnlich, bizarr, eigenartig" aber auch "ausländisch, fremd".
3) Das mittelfranzösiche "empire" bedeutet u. a. "Reich, Herrschaft, Macht", das lat. "imperium" "Reich, Herrschaft, Regierung, Befehlsgewalt" usw. Mit Blick auf 3/84 u. 5/45 scheint Nostradamus hier aber konkret den Herrschaftssitz, die Hauptstadt zu meinen. Vgl. dazu griech. "basileion", "-a" (königliche Wohnung, Burg, Schloss) und "basileia" (Königreich, Königtum).
4) Oder auch: "Lehren".
5) Das mittelfranzösische "ranger" bedeutet u. a. "zwingen, nötigen".
6) Stadt in Nordfrankreich an der Seine, etwa 120 km norwestlich von Paris. Von 1419 - 1449 wurde die Stadt von den Engländern beherrscht und war ein Zentrum der englischen Macht in Frankreich. 1431 wurde Jeanne d’Arc in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
7) Entweder Chartres, etwa 100 km südwestlich von Paris, oder Chartres-de-Bretagne südlich von Rennes, in der östlichen Bretagne. Im Hundertjährigen Krieg (1337-1453) wurde Chartres von 1417 - 1432 von den Engländern beherrscht. 1409 wurde der Vertrag von Chartres geschlossen, mit dem (vergeblich) versucht wurde, den französischen Bürgerkrieg zwischen den Armagnacs und den Burgundern (1407-1435) zu beenden.


Frankreich wird sehr verändert und seine Hauptstadt an einen bizarren Ort verlegt sein. Das Land ist anderen Sitten und Gesetzen unterworfen, und Rouen und Chartres werden ihm das Schlimmste antun.

In 3/49 geht es um Frankreich, das "gallische Königreich". Es wird sehr verändert sein, wie Nostradamus in der ersten Zeile feststellt. In der zweiten Zeile erfahren wir, dass der Sitz der Regierung, die Hauptstadt, verlegt sein wird. Und zwar an einen bizarren Ort. Mit der Wortwahl ("est translaté l’empire") knüpft unser Seher dabei wohl bewusst an 1/32/1 an ("Le grand empire sera tost translaté"). In 1/32 dürften wir auch erfahren, wieso Nostradamus hier den neuen Regierungssitz "bizarr" nennt: es wird sich um einen kleinen, unbedeutenden Ort handeln, den man nie mit der Funktion einer Hauptstadt in Verbindung bringen würde.

Doch die Verlegung der Hauptstadt an diesen bizarren Ort ist nicht die einzige Veränderung, die sich in Frankreich vollziehen wird. Das Land wird zudem "anderen Sitten und Gesetzen" unterworfen sein (3/49/3). In 6/43 und 3/84 erfahren wir, dass es Engländer sein werden, die Paris, die alte Hauptstadt, erobern und entvölkern werden. Es ist nun naheliegend zu vermuten, dass Nostradamus mit diesen "anderen Sitten und Gesetzen" an die britischen Eroberer gedacht hat, die ähnlich wie im Hundertjährigen Krieg (1337-1453) mindestens Teile Frankreichs besetzt halten werden.

In Zusammenhang mit dem Hundertjährigen Krieg ist wohl auch die letzte Zeile von 3/49 zu verstehen. Dort lesen wir, dass Rouen und Chartres Frankreich großes Übel zufügen werden. Es ist natürlich möglich, dass in 3/49/4 diese Städte als solche gemeint sind. Allerdings verweisen Rouen und Chartres auch auf bedeutsame Ereignisse während des erwähnten englisch-französischen Krieges. Rouen war ein Zentrum der englischen Macht in Frankreich und in Chartres wurde der erfolglose Versuch unternommen, den gleichzeitig wütenden französischen Bürgerkrieg zu beenden (vgl. Anmerkungen 6 und 7). Somit könnte die Zeile dahingehend verstanden werden, dass die Engländer und ein gleichzeitig vorhandener interner Konflikt Frankreich großen Schaden zufügen werden.








3/93  

Dans Auignon tout le chef de l’empire1)
Fera arrest pour2) Paris desolé3):
Tricast4) tiendra7) l’Annibalique6) ire:
Lyon par change sera mal consolé8).

In Avignon wird die ganze Spitze der Macht1)
Halt machen, weil2) Paris verlassen3) [ist].
[Das] Tricastin4) wird den5) hannibalischen6) Zorn halten7).
Lyon wird durch [die] Veränderung [nur] schlecht entlastet8) [werden].
1) Das mittelfranzösiche "empire" bedeutet u. a. "Reich, Herrschaft, Macht", das lat. "imperium" "Reich, Herrschaft, Regierung, Befehlsgewalt" usw.
2) Im Mittelfranzösischen bedeutet "pour" u. a. auch "wegen".
3) Oder auch: "verloren, zerstört".
4) Das Tricastin ist eine Gegend an der südfranzösischen Rhone. Ihr Hauptort ist Saint-Paul-Trois-Châteaux, etwa 45 km nördlich von Avignon.
5) Oder: "der hannibalische Zorn" (vgl. Anmerkung 7).
6) Der punische Feldherr Hannibal (247 - 183 v. Chr.) stammte aus Nordafrika (Karthago). Hannibal soll schon als Knabe einen feierlichen Schwur geleistet haben, niemals ein Freund der Römer zu werden. Und diesem Schwur gehorchend blieb er tatsächlich zeitlebens ein Feind der Römer. Im Lateinischen wurde deshalb sein Name ein Synonym für Todfeind, ähnlich wie im Deutschen Judas für Verräter. Mit dem "hannibalischen Zorn" ist also wohl einfach ein unerbittlicher, verbissener Zorn gemeint.
7) Unklar. Entweder besitzt der hannibalische Zorn das Tricastin (vgl. Anmerkung 5) oder umgekehrt: das Tricastin hält den hannibalischen Zorn auf bzw. hält ihm stand.
8) Oder u. a. auch: "unterstützt, gestärkt; getröstet".
Die französische Führung lässt sich in Avignon nieder, weil Paris aufgegeben wurde. Der feindliche Angriff auf Avignon wird im Tricastin gestoppt, was Lyon aber nicht viel bringt.

In den ersten beiden Zeilen erfahren wir, dass die politische Führung sich in Avignon niederlassen wird, weil Paris aufgegeben (verlassen) worden ist. Da Paris die Hauptstadt Frankreichs ist, ist hier wohl von der französischen Führung die Rede und nicht etwa von jener des römisch-deutschen Reiches ("Saint Empire"), wozu der Begriff "empire" in der ersten Zeile vielleicht verleiten mag.

Gemäß 5/45 wird die Hauptstadt Frankreichs in die Nähe der Ardennen verlegt und laut 1/32 in einen kleinen Ort, der dann schnell wachsen wird. Vgl. dazu auch 3/49. Das passt aber nicht zu Avignon, das in Südfrankreich liegt und kaum als kleiner oder unbedeutender Ort bezeichnet werden kann.

In 3/93 wird der Regierungssitz aus dem nördlichen Paris in das südliche Avignon verlegt. Das passt zu 6/43, wo wir erfahren, dass es die aus dem Norden kommenden Engländer sein werden, die Paris angreifen, einnehmen und entvölkern werden.

Frankreich scheint sich hier also im Krieg mit England zu befinden, genauso wie im Hundertjährigen Krieg von 1337-1453. Der Hundertjährige Krieg beinhaltete jedoch nicht nur die Auseinandersetzung mit den Briten sondern auch einen innerfranzösischen Bürgerkrieg zwischen den Anhängern des rechtmäßigen Thronerben Karl (VII.) und den Herzögen von Burgund. Wenn Nostradamus den zukünftigen englisch-französischen Konflikt mit dem Hundertjährigen Krieg vergleicht, müsste also ebenfalls wieder eine innerfranzösische Spaltung vorhanden sein. Dass es eine solche tatsächlich geben wird, könnte die Erwähnung von Chartres in 3/49/4 (vgl. dort Anmerkung 7) andeuten.

Falls aber gleichzeitig zum englischen Angriff ein innerfranzösischer Bürgerkrieg toben sollte, würde das erklären, weshalb unser Seher offensichtlich von zwei neuen Regierungssitzen spricht: von dem kleinen, unbedeutenden Ort in der Nähe der Ardennen und von Avignon im Süden.

Die zweite Hälfte von 3/93 schildert einen Ausschnitt aus dem neuen Hundertjährigen Krieg. Im Tricastin, etwa 45 km nördlich von Avignon, dürfte der hannibalische (unerbittliche) Zorn der Angreifer, die wahrscheinlich von Norden her nach Avignon vorstoßen wollen, gestoppt werden (vgl. allerdings Anmerkung 7). Die Angreifer sind dabei wohl entweder die Engländer oder diejenigen Franzosen, deren politisches Zentrum nahe der Ardennen liegen wird. Dieser Erfolg der Avignon-Franzosen scheint aber Lyon nicht viel zu bringen. Lyon liegt einiges nördlich des Tricastin. Nostradamus könnte hier gemeint haben, dass Lyon nach wie vor unter Kontrolle oder Belagerung entweder der Engländer oder der Ardennen-Franzosen stehen wird.

Interessant wäre vielleicht noch die Frage, weshalb die Angreifer aus dem Norden mit derart unerbittlichem Zorn gegen Avignon vorgehen werden und weshalb unser Seher diesen Zorn ausgerechnet als "hannibalisch" bezeichnet hat. Handelt es sich nur um eine Falle, um den Leser an nordafrikanische bzw. muslimische Angreifer denken zu lassen oder steckt mehr dahinter?




9/41  

Le grand Chyren1) soy saisir2) d’Auignon,
De Rome lettres en miel plein d’amertume3)
Lettre ambassade partir de Chanignon4),
Carpentras5) pris par duc7) noir6) rouge plume8).

Der große "Chyren"1) [wird] von Avignon Besitz ergreifen2).
Von Rom [werden] Briefe aus Honig [aber] voller Bitterkeit [kommen].3)
[Ein] Gesandtschaftsbrief [wird] von Chavignon4) ausgehen.
Carpentras5) [wird] eingenommen [werden] vom schwarzen6) Herzog7)
[mit der] roten Feder8).
1) Der künftige französische Herrscher Heinrich der Islambezwinger, vgl. 5.38.
2) Oder auch: "erobern".
3) Hier lehnt sich Nostradamus an biblische Vorbilder an. In der Offenbarung des Johannes spricht der Prophet davon, dass er ein kleines Buch habe essen müssen, das im Mund süß wie Honig, im Magen aber bitter gewesen sei (Offb 10,8-10). Ähnliches finden wir auch bei Ezechiel, der ebenfalls eine Buchrolle essen musste, die im Mund süß schmeckte aber mit Klagen und Wehrufen voll geschrieben war (Ez 2,8-3,3). In beiden Fällen enthielten die Bücher die Ankündigung, dass schwere Zeiten folgen würden (Bitternis). Allerdings war es für die Empfänger der Bücher (Johannes und Ezechiel) erfreulich, diese Botschaften zu erhalten, da sie so von Gott zu seinen Propheten erwählt wurden (Süße).
4) Lies: "Chauignon". Chavignon ist ein Dorf in Nordostfrankreich, etwa 12 km südwestlich von Laon und 110 km nordöstlich von Paris. Der Ort liegt zudem etwa 63 km südwestlich von Hirson, wo die Ardennen beginnen. Chavignon könnte also der kleine unbedeutende Ort in der Nähe der Ardennen sein, von dem Nostradamus in 5/45, 1/32 und 3/49 spricht. In 1/32 nennt unser Seher den kleinen Ort "niedrig" - auch im Sinne von "tief gelegen" zu verstehen. Sollte hier eine Anspielung auf den Ortsnamen vorliegen, zu dem man z. B. die Begriffe "cave" (Keller) und "vigneron" (Winzer) assoziierten könnte? Der Keller eines Winzers, also ein Weinkeller, wäre nämlich tatsächlich ein "tief gelegener" Ort. Ebenfalls in 1/32 ist davon die Rede, dass der Herrscher in der Mitte des kleinen Ortes sein Zepter platzieren wird. Interessanterweise zeigt nun das Wappen des Bistums Laon in der Mitte einen Bischofsstab (04.05.2009), den man als geistliches Pendant eines Zepters verstehen könnte. Nur bedingt passt allerdings die Angabe, dass der kleine Ort in einer kleinen oder unbedeutenden Grafschaft liegt. Die Grafschaft Laon wurde bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zur Duché-Pairie erhoben, was die Bischöfe von Laon zu Pairs von Frankreich machte.
5) Stadt 23 km nordöstlich von Avignon. In der Antike trug Carpentras die Namen Carpentoracte Meminorum und Forum Neronis (Markt des Nero)!
6) Oder auch: "boshaft", vgl. lat. "niger" (schwarz; boshaft, tückisch, böse).
7) Oder auch: "Anführer, Feldherr", vgl. lat. "dux".
8) Auch im Sinne von "rotem Gefieder". Hier könnte der neue "Nero" aus 5/45 gemeint sein, den Nostradamus "Aenobarbus -Milannase" nennt. Wie in 5/45, Anmerkung 8 ausgeführt, hat der Rotmilan ein rötliches Gefieder, was gut zu Aenobarbus ("Rotbart") passen würde.


"Chyren" bemächtigt sich Avignons und aus Rom treffen honigsüß-bittere Briefe ein. Aus Chavignon schreibt eine Gesandtschaft einen Brief. "Nero" marschiert Richtung Avignon und nimmt dabei Carpentras ein.

In der ersten Zeile erfahren wir, dass "Chyren" (vgl. Anmerkung 1) Avignon in Besitz nehmen wird. Allerdings ist unklar, ob die Stadt schon zuvor Sitz der französischen Regierung sein wird oder ob "Chyren" sie erst dazu macht. Aus Rom werden dann honigsüße Briefe bitteren Inhalts kommen. Doch wer ist deren Absender? Die Kurie? Ein weltlicher Machthaber? Der Rückgriff auf biblische Vorbilder bei der Formulierung der Zeile (vgl. Anmerkung 3) könnte vielleicht auf die Kurie verweisen. Als Adressat kommt wohl v. a. "Chyren" aus der ersten Zeile in Frage. Mit der Honigsüße der Briefe ist möglicherweise gemeint, dass der Absender "Chyren" unterstützt und dessen Herrschaft anerkennt. Die Bitterkeit ließe sich etwa so verstehen, dass der Absender von seiner eigenen schwierigen Lage berichtet oder "Chyren" ankündigt, dass auch auf diesen schwere Zeiten zukommen werden.

Auch aus Chavignon wird ein Brief losgeschickt (Zeile drei). Es handelt sich um einen Gesandtschaftsbrief, d. h. in Chavignon könnte sich eine diplomatische Vertretung oder eine Gruppe von Unterhändlern befinden, die diesen Brief absendet. Doch um wessen Gesandte handelt es sich und an wen ist dieser Brief gerichtet? Wie in Anmerkung 4 ausgeführt, könnte es sich bei Chavignon um den kleinen unbedeutenden Ort handeln, in den gemäß 5/45, 1/32 und 3/49 der Sitz der französischen Regierung verlegt wird. Die Anwesenheit einer fremden Gesandtschaft in diesem Dorf wäre somit erklärbar.

Gemäß Zeile vier wird in Südfrankreich gekämpft werden. Ein schwarzer oder boshafter Herzog mit roter Feder, mutmaßlich der neue "Nero" (vgl. 5.17), erobert Carpentras. Er dürfte damit wohl in Richtung Avignon vorstoßen (vgl. Anmerkung 5), wo sich "Chyren" befindet, und somit ein Feind des Letzteren sein.


















8/38  

Le Roy de Bloys1) dans Auignon regner
Vne autre fois2) le peuple3) emonopolle4),
Dedans le Rosne par murs5) fera baigner7)
Iusques à cinq le dernier pres de Nolle8).

Der König aus Blois1) [wird] in Avignon regieren.
Ein anderes Mal2) wird das Volk3) sich verschwören4).
Innerhalb der Mauern5) wird [er6) sie] in der Rhone baden gehen7) lassen.
Bis zu fünf [Stück], den Letzten in der Nähe von Nola8).
1) Stadt an der Loire, etwa auf halbem Weg zwischen Orléans und Tours. Mit dem König von oder aus Blois ist wohl "Chyren" gemeint, der aus dieser Stadt zu stammen scheint und sich nach seinem Tod auch dort bestatten lassen wird (vgl. 5.38: 4/77). Die erste Zeile wird wörtlich in 8/52/1 wiederholt.
2) Im Sinne von "zuvor" oder von "erneut".
3) Oder auch: "Kriegsvolk".
4) Lies wohl: "en monopolle" (in Verschwörung [sein]), vgl. CLÉBERT, S. 883. Das mittelfranzösische "monopolle" kann allerdings auch ein Privileg, ein Monopol bezeichnen.
5) Mit "par murs" scheint Nostradamus das lat. "intra muros" (innerhalb der Stadtmauern, in der Stadt) widergeben zu haben. In Frankreich gibt es allerdings auch einige Orte mit dem Namen Murs: Ein Murs liegt etwa 65 km südöstlich von Tours. Ebenfalls im nordwestlichen Frankreich, direkt südlich von Angers, liegt Mûrs-Erigné. Im südöstlichen Frankreich finden wir Murs-et-Gélignieux, 66 km östlich von Lyon, sowie ein Murs 34 km östlich von Avignon.
6) Oder z. B. auch "man".
7) Auch im Sinne von "untergehen".
8) Mit "Nolle" kann entweder Nola, ca 25 km nordöstlich von Neapel gemeint sein oder das piemontesische Nole, etwa 20 km nordwestlich von Turin.


"Chyren" regiert in Avignon. Das Volk verschwört sich jedoch gegen ihn. "Chyren" bekämpft die Verschwörung, indem er die Anführer in Avignon besiegen und einen davon sogar bis nach Italien verfolgen wird.

In der ersten Zeile erfahren wir, dass "Chyren" jetzt in Avignon herrschen wird (vgl. Anmerkung 1). Allerdings scheint es Probleme zu geben. Gemäß Zeile zwei verschwört sich das Volk mindestens einmal gegen den König. Doch "Chyren" bekämpft die Verschwörung, indem er einige wenige noch in der Stadt besiegen wird (dritte Zeile). Nostradamus schreibt von bis zu fünf (Leuten), die "untergehen" werden. Dabei scheint "Chyren" laut Zeile vier den Letzten bis nach Italien zu verfolgen.












8/52  

Le roy de Bloys1) dans Auignon regner,
D’Amboise2) & seme3) viendra le long de Lyndre4)
Ongle5) à6) Poyriers7) sainctes8) æsles9) ruiner
Deuant Boni[eux10) viendra la guerre esteindre11)].12)

Der König aus Blois [wird] in Avignon regieren.1)
Von Amboise2) schwärmt [er] aus3) [und] wird entlang der Indre4) kommen.
[Die] Klaue5) [wird] in6) Poitiers7) [die] heiligen8) Flügel9) zerstören.
Vor Bonni[eux10) wird sich der Krieg beruhigen11)].12)
1) Stadt an der Loire, etwa auf halbem Weg zwischen Orléans und Tours. Mit dem König von oder aus Blois ist wohl "Chyren" gemeint, der aus dieser Stadt zu stammen scheint und sich nach seinem Tod auch dort bestatten lassen wird (vgl. 5.38: 4/77). Die erste Zeile wird wörtlich in 8/38/1 wiederholt.
2) Stadt an der Loire, etwa 23 km östlich von Tours und 33 km südwestlich von Blois. In der Stadt steht das Schloss Amboise, das zeitweise auch Residenz des französischen Königs war. König Karl VIII. (1470-1498) wurde in Amboise geboren.
3) Unklar. "Seme" könnte das lat. "semet" (sich) meinen. Dann wäre die Stelle vielleicht als "Von Amboise und sich (seiner Heimat Blois) aus" zu verstehen. Oder "& seme" ist möglicherweise als "essaime" (schwärmt aus) zu lesen.
4) Lies: "l’Yndre". Fluss, der im Zentralmassiv entspringt und etwa 45 km westlich von Tours in die Loire mündet.
5) Das mittelfranzösische "ongle" bedeutet u. a. "Kralle, Klaue, Pranke; Fingernagel". Da in der gleichen Zeile von Poitiers die Rede ist (vgl. Anmerkung 7) könnte "ongle" auch als dezenter Hinweis auf das ähnlich klingende "anglois" (Engländer) aufgefasst werden.
6) Oder auch möglich: "[Die] Klaue von Poitiers".
7) Lies: "Poytiers". Poitiers liegt in Westfrankreich, etwa 93 km südwestlich von Tours. Im Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich fand am 19. September 1356 die Schlacht von Poitiers (auch: Schlacht von Maupertuis) statt. In dieser entscheidenden Schlacht schlugen die Engländer unter Eduard Prinz von Wales die Franzosen unter König Johann II. dem Guten (1319-1364). Dabei geriet der französische König in Gefangenschaft. Der siegreiche Feldherr Eduard Prinz von Wales (1330-1376, auch: Edward of Woodstock) ist unter der Bezeichnung "Schwarzer Prinz" in die Geschichte eingegangen. Eine Bezeichnung, die Nostradamus allerdings kaum gekannt haben dürfte, da diese erst 1568 (zwei Jahre nach dem Tod unseres Sehers) zum ersten Mal nachzuweisen ist (09.05.2009).
8) Oder auch: "makellos" usw. (vgl. lat. "sanctus").
9) Auch im Sinne von "Heeresflügeln", vgl. lat. "ala".
10) Zum Textbefund vgl. Anmerkung 12! Bonnieux liegt etwa 42 km südöstlich von Avignon. In Frankreich gäbe es allerdings noch andere Toponyme, die mit "Boni" gemeint sein könnten. Besser zum geografischen Kontext der zweiten und dritten Zeile würde Bonny-sur-Loire passen (vgl. auch CLÉBERT, S. 899). Bonny-sur-Loire liegt etwa 80 km südöstlich von Orléans.
11) Oder auch: "zu Ende gehen".
12) Die Zeile ist nur unvollständig überliefert und bricht mit "Boni" ab. LE PELLETIER will in einer apokryphen Ausgabe der Prophezeiungen, die weder Datum noch Herausgeber aufweist, die in [ ] angegebene Ergänzung gefunden haben. Diese Ergänzung scheint das erste Mal in einer Ausgabe von 1791 aufzutauchen (10.05.2009).


"Chyren" regiert in Avignon. Jemand stößt von Amboise ausgehend der Indre entlang nach Zentralfrankreich vor, und ein vermutlich englischer Feldherr wird bei Poitiers einen Sieg erringen.

In der ersten Zeile erfahren wir wohl, dass "Chyren" in Avignon herrschen wird (vgl. Anmerkung 1). Der Rest des Vierzeilers ist allerdings weniger klar zu verstehen.

Der dritten Zeile ist zu entnehmen, dass eine "Klaue" in oder von Poitiers die "heiligen Flügel" zerstören wird. Falls Nostradamus hier erneut eine Parallele zum Hundertjährigen Krieg zieht, müsste mit der "Klaue" ein englischer Heerführer gemeint sein, vgl. Anmerkung 7. Mit den "heiligen Flügeln" analog die bisher unbeschädigten Heeresflügel der Franzosen, vgl. Anmerkungen 8 und 9.

In der zweiten Zeile lesen wir, dass jemand von Amboise aus zunächst in wohl südwestliche Richtung ziehen und dann die Indre hinaufmarschieren wird. Doch wer? Die mutmaßlich englische "Klaue", die später siegreich bei Poitiers kämpfen wird? Oder gehört Zeile zwei zu "Chyren", der vielleicht auf dem Weg nach Süden zeitweise die Indre entlang ziehen wird?

Von der vierten Zeile sind nur gerade die ersten beiden Wörter ganz oder teilweise überliefert, so dass jede Einordnung zur Zeit eigentlich unmöglich ist. Vgl. dazu die Anmerkungen 10 bis 12.













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