5.23 "CHYREN"

 

Das christliche Europa wird unter einem Kaiser vereint werden. Unter "CHYREN", der in der Nachfolge der ršmischen, karolingischen und ršmisch-deutschen Kaiser stehen wird. Er wird sich unsterblichen Ruhm erwerben. Und er wird auf dem Weg zur Herrschaft die EnglŠnder besiegen.

          Zur Zeit von "CHYRENs" Geburt werden Zwei, denen eine Herrschaft oder ein Land gemeinsam anvertraut ist, Krieg fŸhren. In diesem Krieg werden die beiden derartige Verluste hinnehmen mŸssen, dass einer sogar stirbt. Aber auch in der Kirche gibt es einen Konflikt. Dort werden zwei zšlibatŠre Personen oder Gruppierungen rebellieren - wahrscheinlich gegen den Papst.

          "CHYREN", der aus dem franzšsischen Kšnigsgeschlecht stammt, wird um die Macht in Frankreich kŠmpfen. Zu seinen Gegnern gehšren Teile Frankreichs (Bordeaux, La Rochelle), Flamen, EnglŠnder und Spanier. Auch in der Kirche wird zu dieser Zeit ein Konflikt herrschen, wobei "CHYREN" fŸr den Vatikan, d. h. den Papst, Partei ergreift. In diesem Konflikt werden religišse Irrlehrer auftauchen, die viele GlŠubige verfŸhren werden. Der Papst muss dabei sogar einmal aus Rom fliehen. In Frankreich werden die Spanier im SŸdwesten angreifen, und im nšrdlichen Zentralfrankreich wird Hunger herrschen. Die EnglŠnder werden Paris belagern und mit einer List einnehmen, wenn man in Frankreich von einer †berschwemmung und einer Seuche heimgesucht wird. Die Pariser Bevšlkerung wird nach der Eroberung sterben. Die franzšsische Hauptstadt wird nach Chavignon unweit der Ardennen verlegt.

          "Nero" wird Teile Frankreichs beherrschen, nachdem er seinen eigenen Bruder getštet hat. Rouen und Chartres werden dem Land das Schlimmste antun. "CHYREN" macht Avignon zu seiner Hauptstadt. Ein Angriff "Neros" auf Avignon wird im nšrdlich davon gelegenen Tricastin gestoppt. In Avignon wird sich das Volk gegen "CHYREN" verschwšren, doch dieser schlŠgt die Rebellion nieder.

          "CHYREN" wird nicht tatenlos in SŸdfrankreich verweilen. Er stš§t in den Nordwesten des Landes vor, wo er auf den englischen Feind trifft, dabei aber wohl eine Niederlage einstecken muss. Ein "schwarzer Krausbart" wird in Italien KrŠfte aus SŸdwestfrankreich besiegen - mšglicherweise Truppen "Neros". "CHYREN" wird einen Erfolg verbuchen und jŸdische Gefangene der Muslime befreien kšnnen. Nach der Niederlage der SŸdwestfranzosen ist der Papst wieder in Rom. Die Juden werden dabei in jenem Jahr befreit, wenn man in Frankreich erneut von einer †berschwemmungskatastrophe heimgesucht werden wird. Zu dieser Zeit werden auch "CHYREN" und die Spanier zu VerbŸndeten.

          "CHYREN" erobert auf einem Feldzug nach Nordfrankreich Saint-Quentin und Arras. Den feindlichen EnglŠndern gegenŸber wendet er eine List an. Unter Verweis auf das Abkommen mit den Spaniern spielt er den Briten gegenŸber den Gro§mŸtigen und kann so eine besetzte Festung einnehmen. Zu dieser Zeit werden gro§e Teile Frankreichs unter den †berschwemmungen von Loire, Sa™ne, Rhone und Garonne leiden. Die Spanier selber werden gegen "CHYRENs" Feinde eine neue Front eršffnen. Dann, wenn die Befreiung der Juden und die †berschwemmungskatastrophe in Frankreich stattfinden, wird "CHYREN" in Reims zum Kšnig von Frankreich und in Aachen zum ršmisch-deutschen Kšnig gesalbt. "CHYREN" ŸberlŠsst aber mindestens seine deutsche Herrschaft "Herkules" und erobert selber Italien. Er wird zudem auch Dalmatien, SŸdspanien und die marokkanisch-algerische MittelmeerkŸste unterwerfen.

          In Italien wird ein fremder Machthaber den Krieg verlieren und an "CHYREN" ausgeliefert werden. Nach dem Sieg in Italien wird "CHYREN" zum christlichen Universalherrscher der alten …kumene werden, die (christlichen) LŠnder werden unter ihm vereint sein. Er wird die "Piraten" vertreiben, womit muslimische KrŠfte im Mittelmeer oder vielleicht auch Dissidenten innerhalb der Kirche gemeint sein kšnnten. "CHYREN" verfŸgt, dass er nach seinem Tod in Blois bestattet werden soll. Kaiser "CHYREN" wird dabei in einem Sommer, kurz nach Beginn des Krieges in Italien, zum Kaiser gesalbt werden. Mit seinem Sieg in Italien wird er die Welt fŸr lange Zeit befrieden. "CHYRENs" Herrschaft wird dadurch beendet, dass er von "Herkules" unbeabsichtigterweise getštet werden wird. Dieser tragische Tod wird in Frankreich gro§es UnglŸck und Spaltung hervorrufen.

 

 

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6/70

 

[1] Au1) chef du monde le grand Chyren2) sera,

[2] Plus oultre3) apres aymŽ, craint, redoubtŽ:

[3] Son bruit & loz4) les cieux surpassera,

[4] Et du seul titre victeur5) fort contentŽ.

 

[1] Zum1) Oberhaupt der Welt wird der gro§e "Chyren"2) werden.

[2] DarŸber hinaus3) [wird er] spŠter geliebt, gefŸrchtet [und] verehrt [werden].

[3] Sein Ruf und [sein] Ruhm4) werden die Himmel Ÿbersteigen,

[4] und mit dem einzigen Titel "Sieger"5) [wird er] vollumfŠnglich zufrieden [sein].

 

1) "Estre ˆ" bedeutet entweder "in einem bestimmten Zustand, in einer bestimmten Lage sein" oder "gehšren, zugehšren, abhŠngig sein von, dienen". In den 1568er Ausgaben von Dresden, Paris und Gregorio finden wir hier die Variante "un" (ein), denen GRUBER, S. 136, folgt.

2) "CHYREN" (in einigen Ausgaben wird das "Y" z. T. durch ein "I" ersetzt) taucht wšrtlich in 2/79, 4/34, 6/27, 6/70, 8/54 und 9/41 auf. Dass es sich dabei um ein konstruiertes RŠtselwort handelt, wird wohl auch dadurch deutlich, dass "CHYREN" in den beiden Erstausgaben von 1555 in Gro§buchstaben gedruckt ist.

          Bei diesem "CHYREN" scheint es sich um eine Person, genauer um einen Kšnig zu handeln (4/34/2). Doch welchen Landes? In 8/54 und 9/41 wird "CHYREN" in Frankreich aktiv, was auf einen franzšsischen Kšnig hindeuten kšnnte. Dazu passen wŸrde, dass Nostradamus ihm in 2/79/3, 6/27/2, 6/70/1, 8/54/2 und 9/41/1 das Attribut "gro§" zugesellt, das auch "franzšsisch" bedeuten kann (vgl. dazu 1/32/1f. und 3/49/1f.). Allerdings gibt es bei "CHYREN" ebenso eine Spur in Richtung Islam: Unser Seher nennt ihn in 6/27/2 und 8/54/2 "Chyren Selin". "Selin" verweist dabei wohl auf die griechische Mondgšttin Selene, die bei Nostradamus mit gro§er Wahrscheinlichkeit ihrerseits auf die islamische Welt verweist (vgl. dazu die AusfŸhrungen zu "SELIN" in 4/77, Anmerkung 1). Kšnnte "CHYREN" somit ein Muslim sein? Mit Blick auf 4/77 und 2/79 kaum. "Selin" scheint bei Nostradamus vielmehr auch als Agnomen zu verstehen zu sein, das nach ršmischem Vorbild an den Sieg Ÿber islamische ("seline") MŠchte erinnern soll (vgl. dazu erneut 4/77, Anmerkung 1).

          Betrachten wir an dieser Stelle nun "CHYREN" als Wort. In der Literatur gilt "CHYREN" gemeinhin als Anagramm fŸr "HENRY(C)" (lat. Henrycus, dt. Heinrich), vgl. BRINDÕAMOUR, S. 308f., GRUBER, S. 136, und CLƒBERT, S. 314. Das wŸrde insofern passen, als dass NostradamusÕ eigener Kšnig den Namen Henri trug (Heinrich II. 1547-1559). Allerdings taugt dieser eher durchschnittliche Monarch nicht als Vorbild fŸr einen derart glŠnzenden und bedeutenden Herrscher wie "CHYREN" es sein wird.

          Das "C" in diesem Anagramm lŠsst sich tatsŠchlich auf die regionale (provenzalische) Variante des Namens zurŸckfŸhren, vgl. etwa CLƒBERT, S. 314f. Doch warum hat Nostradamus hier ausgerechnet diese Schreibweise fŸr die Konstruktion dieses RŠtselwortes gewŠhlt und nicht die franzšsisch "korrektere" wie in der Widmung an Kšnig Heinrich II. ("Henry")? Reiner Zufall? Ich halte Nostradamus fŸr raffiniert genug, dass er sich bei dieser Wahl durchaus etwas gedacht hat, v. a. wenn er den Begriff ursprŸnglich offenbar sogar in Gro§buchstaben gedruckt haben wollte. Sollte mit der HinzufŸgung eines "C" angedeutet werden, dass es sich bei "CHYREN" um einen neuen Karl den Gro§en (lat. Carolus Magnus) handeln wird, vgl. BRINDÕAMOUR, S. 309? Eine weitere Mšglichkeit wŠre, dass das "C" als stilisierte Mondsichel zu verstehen ist. Geht man von der meiner Ansicht nach zu kurz greifenden Hypothese aus, dass hinter "CHYREN" einfach Heinrich II. steckt, bezšge sich die Mondsichel wohl auf das Wappen des Kšnigs, in dem sich solche Sicheln finden, sowie auf die kšnigliche MŠtresse, die den Namen der ršmischen Mondgšttin trug - Diane de Poitiers, vgl. GRUBER, S. 138. Ich vermute dagegen vielmehr, das "C" steht Šhnlich wie das Agnomen "Selin" fŸr den Sieg Ÿber islamische KrŠfte. Das "C" erinnert grafisch nŠmlich an eine rechts gešffnete - und somit abnehmende - Mondsichel: den geschlagenen islamischen Gegner, dessen Macht abnimmt. "CHYREN" dŸrfte also etwa als "Mondsichel-Heinrich der Islambezwinger" zu verstehen sein. Doch es gibt noch weitere Deutungsebenen:

          Das Wort "CHYREN" erinnert an den Namen Chiron (auch: Cheiron). Zwei Begriffe, die im Franzšsischen zudem recht Šhnlich ausgesprochen werden. Chiron ist eine Gestalt der griech. Mythologie. Er lebte am Pelion, einem Berg in Thessalien. Sein Vater war Kronos (Saturn), der in Pferdegestalt der Nymphe Philyra beiwohnte. Aus diesem Grund war Chiron ein Mischwesen aus Mensch und Pferd und wurde deshalb zu den Kentauren gezŠhlt, obwohl diese eine ganz andere Herkunft hatten. Anders als die Kentauren besa§ Chiron einen edlen Charakter und zeichnete sich durch Gerechtigkeit, Milde und Fršmmigkeit aus. Chiron war u. a. Arzt und JŠger und besa§ die Unsterblichkeit. Er war Freund und Erzieher etlicher Heroen, z. B. des Achilles und des Herkules, und lehrte Heilkunst, JŠgerei und Leierspiel. Chiron wurde spŠter aber unglŸcklich durch einen vergifteten Pfeil des Herkules unheilbar verwundet und litt schreckliche Schmerzen. Aus diesem Grund verzichtete er auf seine Unsterblichkeit und schied aus dieser Welt. Heute steht er als Sternbild SchŸtze am Himmel, wohin er nach seinem Tod von Zeus (Jupiter) versetzt wurde. Anderen Auffassungen zufolge finden wir ihn allerdings vielmehr im Sternbild Zentaur.

          Schlie§lich erinnert "CHYREN" auch an Cyrus, die lat. Bezeichnung von Perserkšnig Kyros II. Kyros der Gro§e grŸndete das altpersische Reich. Bis zu seinem Tod 529 v. Chr. dehnte er das persische Weltreich im Westen bis zur €gŠis und im Osten bis nach Zentralasien aus. 539 v. Chr. eroberte er Babylon und ermšglichte den Juden die Heimkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft nach PalŠstina. Dort bauten die Juden den Tempel in Jerusalem wieder auf und errichteten ein jŸdisches Staatswesen, das unter verschiedenen fremden Oberhoheiten (Perser, Alexander der Gro§e, Seleukiden, Ršmer) bis zur Zerstšrung durch die Ršmer existierte (70 bzw. 135 n. Chr.). Im Alten Testament wird er Ÿberaus lobend und als Werkzeug Gottes geschildert: "So spricht Kyros, der Kšnig von Persien: Der Herr, der Gott des Himmels, hat mir alle Reiche der Erde verliehen. Er selbst hat mir aufgetragen, ihm in Jerusalem in Juda ein Haus zu bauen. Jeder unter euch, der zu seinem Volk [den Juden] gehšrt - der Herr, sein Gott, sei mit ihm -, der soll hinaufziehen." (2 Chr 36,23. Vgl. auch Esra 1 und Jesaja 44,24-28 sowie Jesaja 45).

3) "Plus Oultre" (lat. "Plus Ultra", dt. "DarŸber hinaus") ist die ursprŸnglich franzšsisch formulierte Devise des Habsburger Kaisers Karls V. Karl V. war der fŸhrende Monarch seiner Zeit, Kšnig von Spanien, ršmisch-deutscher Kšnig und ršmisch-deutscher Kaiser. Nostradamus kšnnte mit der Formulierung dieser Stelle angedeutet haben, dass "CHYREN" als Kaiser des Abendlandes und fŸhrender Herrscher seiner Zeit Karls Pendant sein wird.

4) In den Ausgaben von 1557 und 1568 steht hier "loz/los", in spŠteren z. T. auch "lors" (dann).

5) Der Begriff "victeur" (vgl. lat. "victor") taucht auch als "blutiger Sieger" ("victeur sanguin") in 4/56/3 auf. Allerdings passt die Beschreibung jenes "Siegers" wohl nicht zur Lichtgestalt "CHYREN". Auf das lat. "victor" treffen wir in 4/95/4. Dort steht, dass dieser "Sieger" in der gallischen Provinz Aremorica (Nordwestfrankreich) geboren werden wird. In der Aremorica liegt auch die Stadt Blois, in oder nahe der "CHYREN" ("SELIN") auch begraben werden will (vgl. 4/77). Mutma§lich, weil er selber in dieser Stadt geboren werden wird. In den Zenturien taucht jedenfalls ein Kšnig aus Blois auf, der wahrscheinlich mit "CHYREN" identisch ist (vgl. etwa die †bereinstimmung von 9/41/1 mit 8/38/1 und 8/52/1 und die Beschreibung "SELINs" als "christlicher Kšnig der Welt" in 4/77). "Le Victorieux" (der Siegreiche) war der Beiname des franzšsischen Kšnigs Karls VII. (1422-1461), der Kšnig Jeanne dÕArcs. Ein Beiname, der zeitgenšssisch und somit Nostradamus bekannt gewesen ist (vgl. das berŸhmte Portrait des Kšnigs im Louvre, 03.01.2012). Karl VII. konnte den HundertjŠhrigen Krieg (1337-1453) gegen die EnglŠnder siegreich beenden und den Feind bis auf Calais aus Frankreich vertreiben. Eine Parallele zu "CHYREN", der ebenfalls wieder mit den EnglŠndern zu kŠmpfen haben wird.

"CHYREN" wird als neuer Kyros der oberste und gottgesandte Herrscher der alten …kumene werden. Er tritt das Erbe der ršmischen und ršmisch-deutschen Kaiser an. Sein Ruhm und sein Andenken werden so unvergŠnglich sein wie Chirons Sternbild am Himmel (SchŸtze oder Zentaur). Wie Karl VII. wird er die EnglŠnder schlagen, sich aber anders als jener mit nur einem einzigen Titel begnŸgen - "Sieger".

 

In der ersten Zeile erfahren wir, dass "CHYREN" zum "Oberhaupt der Welt" werden wird. Das dŸrfte einerseits eine Anspielung auf seine Rolle als neuer Universalherrscher Kyros sein. In der Bibel lesen wir nŠmlich: "So spricht Kyros, der Kšnig von Persien: Der Herr, der Gott des Himmels, hat mir alle Reiche der Erde verliehen" (2 Chr 36,23 und Esra 1,2) und "So spricht der Herr zu Kyros, seinem Gesalbten, den er an der rechten Hand gefasst hat, um ihm die Všlker zu unterwerfen, um die Kšnige zu entwaffnen, um ihm die TŸren zu šffnen und kein Tor verschlossen zu halten: Ich selbst gehe vor dir her und ebne die Berge ein. Ich zertrŸmmere die bronzenen Tore und zerschlage die eisernen Riegel. [...] So spricht der Herr: Die €gypter mit ihren ErtrŠgen, die Kuschiter mit ihrem Gewinn und die gro§ gewachsenen Sebaiter werden zu dir kommen und dir gehšren; in Ketten werden sie hinter dir herziehen. [...]" (Jesaja 45). Andererseits bezieht sich dieses "Oberhaupt" wohl auch schon auf die zweite Zeile der Strophe 6/70.

 

In Zeile zwei dŸrfte Nostradamus mit der Wortwahl "darŸber hinaus" antšnen, dass "CHYREN" die Stellung einnehmen wird, die zu seiner Zeit Karl V. innehatte. NŠmlich die des abendlŠndischen, ršmischen (bzw. ršmisch-deutschen) Kaisers. Als solcher wŠre er auch nominell mehr als nur ein Monarch unter vielen. Er wŠre der Augustus. Man vergleiche hierzu die Titulatur Karls des Gro§en: "serenissimus augustus a Deo coronatus magnus pacificus imperator Romanum gubernans imperium" ("allergnŠdigster, erhabener, von Gott gekršnter, gro§er, Friede stiftender Kaiser, der das Ršmische Reich regiert"). Dass er als solcher von seinen AnhŠngern geliebt und verehrt und von seinen Feinden gefŸrchtet werden wird, ist nachvollziehbar. Oder steckt bei diesem Hinweis mehr dahinter?

 

Interessant ist auch die dritte Zeile. "CHYRENs" Ruf und Ruhm werden "die Himmel" Ÿbersteigen. In "CHYREN" steckt ganz offensichtlich der Name des Zentauren Chiron. Chiron wurde nach seinem unglŸcklichen Tod als Sternbild SchŸtze (oder Zentaur) am Himmel verewigt. Dort steht er - gemŠ§ vorkopernikanischem Weltbild - jenseits der sieben Planetenhimmel am Firmament. Zwar kann das Firmament auch als "Himmel" (Fixsternhimmel) bezeichnet werden, doch da Nostradamus nicht von "allen" sondern nur von "den" Himmeln spricht, kšnnte er hier durchaus nur die Kategorie der Planetenhimmel gemeint haben. Die Himmel der beweglichen Gestirne, Ÿber denen - scheinbar fest und unverrŸckbar - Chiron seinen wŸrdigen Platz gefunden hat.

 

Wie in Anmerkung 5 bereits ausgefŸhrt, kšnnte der Titel "Sieger" auf die Gemeinsamkeit von "CHYREN" und Karl VII. (1422-1461) hindeuten, was den erfolgreichen Kampf gegen die EnglŠnder betrifft. In 6/70/4 erfahren wir, dass sich "CHYREN" mit nur einem Titel zufrieden geben wird. Das kšnnte ein - umgekehrt zu verstehender - Hinweis auf Karl VII. sein, der demgegenŸber zwei Beinamen besa§: "le Victorieux" (der Siegreiche) und "le Bien Servi" (der Wohlbediente [d. h. gut Beratene]). Bis zur Zeit des Nostradamus trugen die meisten franzšsischen Kšnige nŠmlich nur einen Beinamen. Zu den Ausnahmen gehšrten etwa Franz I. und eben der bemerkenswerte Karl VII., der Frankreich von der englischen Fremdherrschaft befreit hatte.

 

 

 

4/95

 

[1] Le regne1) ˆ deux laissŽ bien peu tiendront,

[2] Trois ans sept mois passŽs feront la guerre

[3] Les deux vestales2) contre rebelleront,

[4] Victor3) puis nay5) en Armonique4) terre.

 

[1] Die Herrschaft1), [die] zweien Ÿberlassen [ist], werden [diese nur] sehr kurz [gemeinsam] innehaben.

[2] Drei Jahre [und] sieben Monate [werden] vergangen [sein, dann] werden [sie] Krieg fŸhren.

[3] Die beiden Vestalischen2) werden dagegen rebellieren.

[4] [Der] Sieger3) [wird] dann in armorischem4) Land geboren5) [werden].

 

1) Oder auch: "Kšnigreich, Land".

2) Die Vestalinnen waren die jungfrŠulichen HŸterinnen des heiligen Feuers im Vestatempel in Rom. Sie unterstanden dem Pontifex Maximus, dem obersten ršmischen Priester. Das Adjektiv "vestalis", und das ist hier wohl gemeint, bedeutet "heilig, keusch, zŸchtig".

3) Lat. "victor" (Sieger). Der Begriff "Sieger" taucht in den Zenturienstrophen nur an einigen wenigen Stellen auf. Als "victeur" in 1/38/1, 4/56/3 und 6/70/4, als "victor" in 4/95/4 und als "vainqueur" in 8/72/4. In 6/70/4 ist "Sieger" der Beiname "CHYRENs". Von NostradamusÕ gro§er Lichtgestalt also, die in Blois geboren werden dŸrfte, vgl. dazu den Kommentar bei 8/38. Blois wiederum liegt zum grš§ten Teil nšrdlich der Loire, d. h. noch in der Aremorica, vgl. Anmerkung 4.

4) In den beiden 1557er Ausgaben steht hier "Armonique", in den 1568ern ebenfalls. "Armonique" lŠsst sich entweder als "harmonique" (harmonisch) oder als "armorique" (armorisch) lesen.

          Im ersten Fall bezšge sich Nostradamus wohl auf die griech. Gšttin der Eintracht Harmonia, die in Bšotien Frau von Kšnig Kadmos, des GrŸnders von Theben, war. Bšotien liegt etwa 50 km nordwestlich von Athen. Einer anderen Tradition zufolge wurde Harmonia auf der Insel Samothraki in der nordšstlichen Ecke der €gŠis geboren.

          Ich vermute allerdings vielmehr, dass "Armonique" ein falsch gesetztes "Armorique" (armorisch) ist. Als Armorica (auch: Aremorica) wurde der nordwestliche Teil Galliens bezeichnet, der im SŸden von der Loire und im Osten von der Seine begrenzt wurde. Das historische Blois liegt nšrdlich der Loire und passt gerade noch in die Aremorica.

5) Das mittelfranzšsische "naistre" kann allerdings auch: "erscheinen, auftauchen" bedeuten.

Zwei Machthaber, denen eine Herrschaft gemeinsam Ÿberlassen wurde, werden nach drei Jahren und sieben Monaten Krieg fŸhren. Zwei zšlibatŠre Personen oder Gruppierungen werden gegen den Papst rebellieren. Zu diesem Zeitpunkt wird "CHYREN" geboren werden.

 

Ob 4/95 (und 5/78) mit dem "CHYREN"-Thema in Verbindung stehen, hŠngt von Zeile vier der Strophe 4/95 ab. Und zwar konkret davon, ob mit dem "Sieger" der neue Karl der Gro§e und mit dem "armorischem Land" Blois gemeint ist, vgl. Anmerkungen 3 und 4. Ein mšgliches Indiz in diese Richtung kšnnte der Umstand sein, dass Nostradamus hier das lateinische Wort "victor" verwendet, was zu einem Beinamen nach ršmischem Vorbild passen wŸrde.

 

In den beiden ersten Zeilen von 4/95 erfahren wir, dass eine Herrschaft oder ein Land zwei Personen oder Parteien zur Regierung Ÿberlassen wurde. Doch von wem? Handelt es sich vielleicht um zwei BrŸder, unter denen der Vater - also wohl ein Monarch - das Land aufgeteilt hat? Wie auch immer, nach nur drei Jahren und sieben Monaten werde sie Krieg fŸhren. Doch gegeneinander oder gegen einen gemeinsamen Feind? 5/78/3 wŸrde beide Mšglichkeiten zulassen.

 

Um welches Land es sich hier handelt, erfahren wir nicht. Da in der vierten Zeile aber mutma§lich von der Aremorica die Rede ist, kšnnte Frankreich gemeint sein.

 

In der dritten Zeile tauchen zwei Personen auf, die Nostradamus als "vestalisch" oder "heilig, keusch, zŸchtig" beschreibt, vgl. Anmerkung 2. Das dŸrften zwei Personen oder Gruppierungen sein, die direkt dem Papst, dem christlichen Pontifex Maximus, unterstehen. Wenn diese gegen etwas oder jemanden rebellieren, dŸrfte dies somit wohl der Papst oder dessen Politik sein.

 

Bei den Vestalinnen der Antike handelte es sich um Frauen. Im Rahmen der christlichen Kirche dŸrften aber wohl eher MŠnner gemeint sein. MŠnner allerdings, die unter dem Zšlibat stehen, also zur Keuschheit verpflichtet sind. Infrage kommen hier etwa KardinŠle, Bischšfe oder auch Ordensgemeinschaften.

 

Ob es eine Verbindung zwischen dem Machtkampf aus den beiden ersten Zeilen und der "vestalischen" Rebellion in der dritten Zeile gibt, ist hier nicht ersichtlich. Falls ja, kšnnte sich die Rebellion auch gegen einen oder beide weltlichen Machthaber aus der ersten HŠlfte der Strophe richten.

 

 

5/78

 

[1] Les deux vnis ne tiendront longuement,

[2] Et dans treze ans au Barbare1) Satrappe2):3)

[3] Aux deux costez4) feront tel perdement,

[4] QuÕvn6) benyra9) la7) Barque & sa cappe8).

 

[1] Die beiden werden nicht lange vereint bleiben,

[2] und [zwar] dreizehn Jahren vor dem barbarischen1) Satrapen2).3)

[3] Den beiden Seiten4) werden [sie5) einen] solchen Verlust zufŸgen,

[4] dass einen6) das7) Boot mit seinem Ornat8) segnen9) wird.

 

1) Mit den "Barbaren" sind bei Nostradamus fŸr gewšhnlich Muslime oder Orientalen, v. a. Araber gemeint (mšglicherweise wegen des Anagramms "arabe" - "barbare").

2) In 7/13/2 (5.247) taucht der Begriff "satrapie" auf. Eine Satrapie war eine Provinz des Perserreichs. An ihrer Spitze stand ein Satrap, der eine sowohl politisch-administrative wie auch militŠrische Leitungsfunktion innehatte. Im Griechischen bezeichnet "satrapes" im Ÿbertragenen Sinne auch einen gro§en, vornehmen Herren, der ebenso hochmŸtig wie Ÿppig ist. Das Mittelfranzšsische kennt fŸr "satrape" zudem die Bedeutung "brutaler Mensch, †beltŠter; Despot".

3) Das hei§t wohl, das ZweierbŸndnis wird dreizehn Jahre vor dem Auftauchen des barbarischen Satrapen existieren. Es bleibt jedoch die Frage offen, ob es zu diesen Zeitpunkt begrŸndet wird oder schon wieder zerbricht. GRUBER, S. 210, versteht die Zeile so: "und nach dreizehn Jahren gegen den barbarischen Statthalter [...]". GRUBER sieht hier das dreizehnjŠhrige BŸndnis zwischen Kaiser Karl V. und Papst Paul III. von 1534 bis 1547 gegen den nordafrikanischen Piraten Barbarossa beschrieben. Barbarossa war tatsŠchlich ein Statthalter oder "Satrap" der TŸrken. Abgesehen von der †bersetzungsproblematik darf man sich allerdings fragen, ob ein BŸndnis, das immerhin dreizehn Jahre Bestand gehabt hat, von Nostradamus als "nicht lange" andauernd charakterisiert worden wŠre.

4) Oder auch: "KŸsten".

5) Das mittelfranzšsische "ils" kann auch fŸr "on" (man) stehen.

6) Oder natŸrlich auch: "einer das Boot und sein Ornat segnen wird". Mit dem "Boot" ist die Kirche (das Fischerboot Petri) gemeint, und das "Ornat" steht wohl fŸr den Papst. Bei der oben gewŠhlten †bersetzung wurde davon ausgegangen, dass in der Regel die Kirche bzw. das Kirchenoberhaupt jemanden segnet und nicht umgekehrt (vgl. auch GRUBER, S. 211). Rein sprachlich wŠre es aber ebenso mšglich, dass hier etwa eine der beiden schwer geschŠdigten Kriegsparteien Kirche und Papst segnet. Das mittelfranzšsische "et" (bzw. das lat. "&") kann auch als "mit" Ÿbersetzt werden. Um das im Singular konjugierte Verb ("benyra") nicht in den Plural setzen zu mŸssen ("benyront") wurde obige †bertragung gewŠhlt.

7) GemŠ§ der 1557er Ausgabe aus Moskau/Budapest. In der 1557er Ausgabe aus Utrecht steht fŠlschlicherweise "le".

8) Mit "cap(p)e, chape" wird im Mittelfranzšsischen u. a. das Ornat bezeichnet, das den Rang eines Geistlichen anzeigt.

9) Auch: "loben, verherrlichen".

Zwei Machthaber werden nicht lange vereint sein - dreizehn Jahre vor dem Auftauchen eines orientalischen Statthalters. Die beiden Streitparteien werden im Krieg einen derartigen Verlust hinnehmen mŸssen, dass der Papst einem von ihnen den Segen spendet.

 

Die Formulierung der ersten Zeile erinnert stark an 4/95/1. Es ist also gut mšglich, dass diese beiden Strophen zusammengehšren. Mit den beiden "Vereinten" hier wŠren dann die beiden Herrschenden aus 4/95/1 gemeint.

 

In 5/78/2 erfahren wir, dass dreizehn Jahre nach Beginn oder Ende des BŸndnisses aus der ersten Zeile ein "barbarischer" (orientalischer) Statthalter herrschen wird. Doch wo? Wessen Statthalter ist er und was tut er?

 

In der dritten Zeile ist von zwei Seiten oder Parteien die Rede. Und jemand wird diesen beiden Seiten einen sehr gro§en Schaden zufŸgen. Mit den beiden Seiten sind wahrscheinlich die beiden aus der ersten Zeile gemeint, die nach kurzer Zeit wieder auseinandergehen. Man - d. h. entweder sie sich gegenseitig oder ein Dritter - wird ihnen gro§en Schaden zufŸgen. Wahrscheinlich im Rahmen des Krieges aus 4/95/2.

 

Kirche und Papst (wohl das "Ornat") kommen als neue Akteure in der vierten Zeile ins Spiel, was den Bogen zu 4/95/3 schlŠgt. Hier gibt die Kirche bzw. der Pontifex einem der Kontrahenten wegen des gro§en Verlustes seinen Segen.

 

Das lie§e sich so verstehen, dass einer der beiden Gegner bei dieser Auseinandersetzung stirbt, bestattet werden wird und so bei seinem BegrŠbnis den kirchlichen Abschiedssegen erhŠlt. Ob es tatsŠchlich der Papst persšnlich sein wird, der dem Verstorbenen den Segen erteilt, lŠsst sich hier nicht entscheiden. Es wŠre auch mšglich, dass Nostradamus damit hat ausdrŸcken wollen, dass das Kirchenoberhaupt dem Verstorbenen verbunden, mit ihm vielleicht sogar verbŸndet sein wird. Dann wŠre die Niederlage des Toten auch eine Niederlage der Kirche. Man kšnnte die Stelle auch dahingehend interpretieren, dass die KŠmpfe in Italien oder sogar in Rom stattfinden werden, so dass die Beisetzung dieser bedeutenden Persšnlichkeit tatsŠchlich vom Papst geleitet werden kšnnte. 

 

 

 

6/12

 

[1] Dresser copies1) pour monter ˆ lÕEmpire2),

[2] Du Vatican4) le sang Royal3) tiendra5):

[3] Flamans, Anglois6), Espaigne auec Aspire7),

[4] Contre lÕItalie & France contendra8).

 

[1] [WŠhrend des] Aufstellens [von] Truppen1), um zur Herrschaft2) aufsteigen [zu kšnnen],

[2] wird das kšnigliche Blut3) es mit dem Vatikan4) halten5).

[3] [Die] Flamen, EnglŠnder6) [und] Spanien mit Hauch7)

[4] werden8) gegen Italien und Frankreich kŠmpfen.

 

1) Vgl. lat. "copiae" (u. a. Truppen, Mannschaften).

2) Das mittelfranzšsiche "empire" bedeutet u. a. "Reich, Herrschaft, Macht", das lat. "imperium" "Reich, Herrschaft, Regierung, Befehlsgewalt" usw.

3) Vom "kšniglichen Blut" ist auch in 4/79/1 und 5/40/1 die Rede, vom "trojanischen Blut" in 1/19/2, 2/61/2, 5/74/1 und 5/87/3. Beim letzteren handelt es sich mit aller Wahrscheinlichkeit ebenfalls um kšnigliches Blut, nŠmlich einen franzšsischen Machthaber aus der Kšnigsfamilie (vgl. 2/61/1f.). Dass bei Nostradamus das "kšnigliche Blut" mit dem "trojanischen Blut" gleichzusetzen ist, ist wohl aus 5/40/1f. zu schlie§en, wo das "kšnigliche Blut" genau dann sehr beunruhigt sein wird, wenn sich die Franzosen von den Spaniern bedrŠngt sehen werden.

4) Der Vatikan ist seit 1377 stŠndige Residenz der PŠpste in Rom. Somit dŸrfte hier Nostradamus den "Vatikan" mit der Kirche und dem Papsttum gleichsetzen. 


5) Oder u. a. auch: "achten, respektieren, Wert legen auf; abhŠngen von; jemandem wichtig sein". SinngemŠ§ geht es hier wohl darum, dass sich das kšnigliche franzšsische Blut auf die Seite der Kirche stellt und von dieser im Gegenzug die Legitimation seines Machtanspruches erhŠlt, vgl. auch CLƒBERT, S. 691.

6) In 2/61 und 6/43 erscheint interessanterweise ein Begriff, der sowohl zu den EnglŠndern wie auch zu den Flamen passt: "Tami(n)se". Damit kann sowohl die Themse wie auch die flŠmische Stadt Temse gemeint sein. Und in beiden Strophen fŸhren die Leute von (der) T(h)emse Krieg in Frankreich.

          Die Flamen tauchen weiter in 3/9/3 (5.143) zusammen mit EnglŠndern und Bretonen auf. Ein weiteres Mal finden wir sie in 3/53/4 (5.26) erwŠhnt.

7) Das mittelfranzšsische "aspire" bedeutet "Hauch, Atem". Die Stelle "Espaigne mit Hauch" meint mit einem Augenzwinkern wohl einfach, dass dem Begriff ein Hauchlaut - "H" - hinzugefŸgt werden muss, also: "Hespaigne". "Hespaigne" taucht etwa in 1/19/2 (1555er Ausgaben) auf. Bei LE PELLETIER, Band 2, S. 309, findet sich hier der Verweis auf Speyer (franz. "Spire"), dem etwa auch CLƒBERT, S. 691, folgt. Sollte Nostradamus hier tatsŠchlich auch an diese historisch bedeutsame Stadt gedacht haben, gŠbe es viele mšgliche AnknŸpfungspunkte. CLƒBERT verweist auf die beiden Reichstage von 1526 und 1529, die sich mit der Reformation befassten.

8) SinngemŠ§ wohl als Pluralform zu verstehen.

WŠhrend "CHYREN" Truppen aufstellt, um mit ihnen die Macht in Frankreich zu erringen, ergreift er Partei fŸr den Vatikan. Flamen, EnglŠnder und Spanien werden gegen Italien und Frankreich kŠmpfen.

 

WŠhrend 4/95 und 5/78 in die Zeit von "CHYRENs" Geburt gehšren dŸrften, ist NostradamusÕ neuer Karl der Gro§e in 6/12 und nachfolgenden Strophen bereits ein handelnder Akteur.

 

In der zweiten Zeile ist von einem "kšniglichen Blut" die Rede, das wohl einen Angehšrigen des franzšsischen Herrschergeschlechts meint, vgl. Anmerkung 3.

 

Diese Person "trojanischen Blutes" wird Truppen aufstellen, um damit die Macht - in Frankreich - Ÿbernehmen zu kšnnen (Zeile eins). Somit haben wir wahrscheinlich eine BŸrgerkriegssituation vor uns.

 

In Zeile zwei erfahren wir, dass es bei diesem Konflikt auch eine religišse und Ÿbernationale Komponente geben wird. Das "kšnigliche Blut" wird auf der Seite des Vatikans, der katholischen Kirche stehen. Das kann etwa bedeuten, dass der oder die Gegner des Kšnigsblutes Gegner der Kirche sind. Oder die Kirche ist ihrerseits in einen Konflikt verwickelt, in dem sie vom "kšniglichen Blut" UnterstŸtzung erfŠhrt. Auf einen innerkirchlichen Konflikt deutet 1/19 hin.

 

Wie wir dem Rest der Strophe entnehmen kšnnen, wird Frankreich nicht nur im Innern gespalten sein. Vielmehr wird das Land als Ganzes - wie zu Zeiten des HundertjŠhrigen Krieges - auch gegen Šu§ere MŠchte zu kŠmpfen haben.

 

Zu diesen Šu§eren Feinden werden die Flamen, die EnglŠnder und Spanien gehšren (Zeile drei). Von englischen und/oder flŠmischen Gegnern lesen wir auch in 2/61 und 6/43 (vgl. Anmerkung 6), von den Spaniern in 5/87 und 8/54.

 

Interessant ist die ErwŠhnung Spaniens. In 8/54 wird die Verbindung von "CHYREN" und Spanien hergestellt. 5/87, das mit ziemlicher Sicherheit zu 8/54 gehšrt, erwŠhnt ein "trojanisches Blut", was seinerseits wohl mit dem in 6/12/2 auftauchenden "kšniglichen Blut" identisch sein dŸrfte, vgl. Anmerkung 3. Und hier schlie§t sich vermutlich der Kreis: Mit dem "kšniglichen Blut" aus 6/12 ist meines Erachtens "CHYREN" gemeint.

 

In 6/12/4 erfahren wir, dass Flamen, EnglŠnder und Spanier gegen sowohl Frankreich wie Italien kŠmpfen werden. NŠheres erfahren wir dazu allerdings nicht.

 

 

2/61

 

[1] Euge1), Tamins2), Gironde3) & La Rochele4):

[2] O sang Troien5)! Mars6) au port7) de la flesche8)

[3] Derrier le fleuue au fort mise lÕeschele,

[4] Pointes a feu9) gran meurtre sus la bresche10).

 

[1] Bravo1), [ihr von der] Themse2), [von der] Gironde3) und [aus] La Rochelle4)!

[2] Oh, trojanisches Blut5)! Mars6) [herrscht] im Hafen7) von La Flche8).

[3] Hinter dem Fluss [ist] an der Festung die Leiter angelehnt.

[4] [Die] Feuerwaffen9) [verursachen das] gro§e Tšten bei der Bresche10).

 

1) In den Ausgaben von 1555, 1557 sowie sŠmtlichen 1568ern steht hier "Euge". Das lat. "euge" bedeutet "gut! bravo! vortrefflich! schšn!" BRINDÕAMOUR, S. 282, und mit ihm CLƒBERT, S. 293, sieht hier allerdings "enge" gemeint. Das Verb "eng(i)er" hei§t "erzeugen, hervorbringen", nach BRINDÕAMOUR auch "vermehren, anwachsen". CLƒBERT hŠlt fest, dass "enge" als Substantiv "Art, Rasse, GeblŸt" bedeutet.

2) "Tamise" bezeichnet die englische Themse oder die belgische Stadt Temse (franz. Tamise) sŸdwestlich von Antwerpen. Der Begriff taucht in 6/43/3 und 8/37/1 (5.37) auf. Das "Taminse" aus 2/61/1 kšnnte somit einfach ein falsch gesetztes "Tamise" sein. Oder der Begriff ist als "Tamisiens", d. h. "Leute von der Themse (oder aus Temse)" zu verstehen, vgl. LE PELLETIER, Band 2, S. 359. Denkbar wŠre auch, dass hier tatsŠchlich eine englisch-flŠmische Allianz gemeint ist, vgl. 6/12/3.

3) Damit ist wahrscheinlich der auffŠllige MŸndungstricher der Garonne bei Bordeaux gemeint. Es gŠbe allerdings noch zwei Ortschaften dieses Namens, Gironde-sur-Dropt (etwa 48 km sŸdšstlich von Bordeaux) und Gironde, das heute zur Gemeinde Cours gehšrt (etwa 11 km nordšstlich von Cahors).

4) Hier ist wohl die Stadt an der zentralen franzšsischen AtlantikkŸste gemeint. Es gŠbe jedoch noch ein La Rochelle in Ostfrankreich, etwa 32 km sŸdšstlich von Langres sowie ein La Rochelle-Normande, etwa 14 km sŸdšstlich von Granville (Normandie).

5) Der Begriff "troien" bzw. "troyen" (trojanisch) taucht in 1/19/2, 2/61/2, 5/74/1, 5/87/3 und 6/52/3 auf. In 3/51/4 ist von "Troye" die Rede, womit aber wohl die franzšsische Stadt Troyes und nicht das antike Troja gemeint sein dŸrfte. 1/19/2, 2/61/2, 5/74/1 und 5/87/3 sprechen konkret vom "sang troien" (trojanischen Blut), 6/52/3 von einer "trojanischen Hoffnung". Das alte Troja lag in der heutigen NordwesttŸrkei. Als Nachkommen der Trojaner verstanden sich die Ršmer (Ÿber Aeneas) aber auch die Franzosen bzw. das franzšsische Kšnigsgeschlecht (Ÿber den sagenhaften Francus/Francion), vgl. GRUBER, S. 175.

6) Hier ist wohl der Mars als Personifikation des Krieges zu verstehen (vgl. lat. "mars").

7) Im Mittelfranzšsischen bezeichnet "port" nicht nur einen Seehafen, sondern auch, wie hier,  eine Anlegestelle an einem Fluss. 


8) Stadt am Loir, rund 39 km sŸdwestlich von Le Mans. 


9) BRINDÕAMOUR, S. 282f., und CLƒBERT, S. 293f., sehen in den "pointes a feu" (wšrtlich: Feuerstacheln) "bastons ˆ feu" (Feuerstšcke, d. h. Arkebusen) gemeint. Arkebusen oder HakenbŸchsen waren altertŸmliche Vorderladergewehre des 15. und 16. Jahrhunderts.

10) Falls Nostradamus hier einen Ort meint, gŠbe es in Frankreich einige, die "La Brche" oder Šhnlich hei§en. Z. B. Brches, das 37 km sŸdšstlich von La Flche liegt.

KrŠfte aus England, von der Gironde und aus La Rochelle sto§en nach La Flche vor. Der Leidtragende dieser Entwicklung wird dabei jemand sein, der aus dem franzšsischen Kšnigsgeschlecht stammt - "CHYREN". Man will eine Festung einnehmen (das Flcher Ch‰teau des Carmes?). Bei einer Bresche richten Feuerwaffen ein Massaker an.

 

In der ersten Zeile greift Nostradamus wohl einmal mehr auf den HundertjŠhrigen Krieg zwischen England und Frankreich von 1337 bis 1453 zurŸck. Mit den "Tamins" sind meines Erachtens EnglŠnder (Themseleute) gemeint, vgl. Anmerkung 2. Der Gro§raum Bordeaux mit der Gironde und Gironde-sur-Dropt gehšrte zum Kernbesitz der Briten, den sie bis 1453 kontrollierten. La Rochelle an der AtlantikkŸste wechselte mehrmals den Besitzer, ging 1360 an England, zwšlf Jahre spŠter allerdings wieder an Frankreich. Hier haben wir somit wahrscheinlich wieder einen englisch-franzšsischen Konflikt vor uns, bei dem das Inselvolk Besitzungen und/oder VerbŸndete in Frankreich wird vorweisen kšnnen. Und dieses BŸndnis scheint einen beeindruckenden Erfolg zu erringen: Unser Seher zollt ihm seinen Beifall.

 

In den drei folgenden Zeilen dŸrften wir erfahren was dabei genau passiert.

 

Nostradamus bedauert in der zweiten Zeile das "trojanische Blut". Da es um einen Konflikt in Frankreich geht, dŸrfte somit von jemandem die Rede sein, der aus dem franzšsischen Kšnigsgeschlecht stammt, vgl. Anmerkung 5. Die Franzosen als Ganzes scheiden dagegen wohl eher aus, da dem erfolgreichen BŸndnis aus der ersten Zeile neben den EnglŠndern auch Leute von der Gironde und aus La Rochelle - also ebenfalls Franzosen - angehšren. Mit Blick auf 6/12 ist mit dem "trojanischen Blut" wohl konkret "CHYREN" gemeint, der sich hier beim Kampf um Frankreich in der Defensive befindet.

 

Verbinden wir die ersten beiden Zeilen, scheint sich das Briten-BŸndnis gegen das Trojanerblut durchzusetzen. Die EnglŠnder dringen dabei ins nordwestliche Frankreich, bis nach La Flche vor, in dessen Flussanlegestelle gekŠmpft werden wird.

 

Laut Zeile drei ist "hinter dem Fluss" eine Leiter an der "Festung" angelehnt. La Flche liegt am Fluss Loir. Mit der Festung wŠre wohl das Ch‰teau des Carmes gemeint, das auf einer Insel im Loir liegt. WŠhrend des HundertjŠhrigen Krieges wurde das Ch‰teau bereits mehrere Male von den EnglŠndern belagert und in Brand gesetzt (10.03.2012). Dieses Mal scheint man die Festung allerdings mit einer Leiter einnehmen zu wollen.

 

In der vierten Zeile erfahren wir, dass bei einer Bresche mit Feuerwaffen ein gro§es Massaker angerichtet werden wird. Wo ist jedoch diese Bresche zu finden? Ist von einem Durchbruch beim Ch‰teau des Carmes oder sonst an einem Platz in La Flche die Rede? Oder vielleicht vom Ort Brches sŸdšstlich von La Flche, vgl. Anmerkung 10? Brches liegt etwa auf halbem Weg zwischen La Flche und Tours. Allerdings liegt der Ort weder an einem Fluss noch gibt es dort eine Festung.

 

 

 

 

5/40

 

[1] Le sang royal1) sera si tresmeslŽ2),

[2] Contraint[s] seront Gaulois de lÕHesperie3):

[3] On attendra que terme soit coulŽ,

[4] Et que memoire de la voix4) soit perie.

 

[1] Das kšnigliche Blut1) wird aufs €u§erste beunruhigt2) sein.

[2] BedrŠngt werden [die] Gallier von der Hesperia3).

[3] Man wird warten, [bis] dass Zeit vergangen

[4] und [bis] dass [die] Erinnerung an die Stimme4) verschwunden ist.

 

1) Vom "kšniglichen Blut" ist auch in 4/79/1 und 6/12/2 die Rede, vom "trojanischen Blut" in 1/19/2, 2/61/2, 5/74/1 und 5/87/3. Beim letzteren handelt es sich mit aller Wahrscheinlichkeit ebenfalls um kšnigliches Blut, nŠmlich einen franzšsischen Machthaber aus der Kšnigsfamilie (vgl. 2/61/1f.). In 5/40/1f. wird meines Erachtens der entscheidende Hinweis dafŸr gegeben, dass mit dem "kšniglichen Blut" eben das erwŠhnte "trojanische Blut" gemeint ist, die Kšnigsdynastie der "Gallier", d. h. Franzosen. Wie im Kommentar zu 6/12 ausgefŸhrt, wird mit diesem "kšniglichen Blut" wohl sogar eine ganz bestimmte Person aus dem franzšsischen Kšnigsgeschlecht bezeichnet - die Lichtgestalt "CHYREN".

2) Das mittelfranzšsische "mesler" bedeutet neben "mischen, vermischen" u. a. auch "verwirren, stšren; von etwas betroffen sein". Nostradamus kšnnte hier aber auch auf das lat. "miscere" abzielen, das u. a. "in Unruhe versetzen" hei§t.

3) Das lat. "Hesperia" bezeichnet das "Abendland", nach antiker Auffassung Italien, Spanien, Westafrika. Mit Blick auf 6/12 und 1/19 ist hier wohl konkret Spanien gemeint. 


          CLƒBERT, S. 615, versteht die Stelle dahingehend, dass es Gallier aus der Hesperia sein werden, die bedrŠngt werden. Da auf der Iberischen Halbinsel jedoch keine Gallier sondern nur die mit ihnen verwandten Keltiberer lebten, macht diese Lesart meines Erachtens nur beschrŠnkt Sinn. Der VollstŠndigkeit halber sei hier allerdings erwŠhnt, dass das gemŠ§ salischem Erbrecht legitime franzšsische Kšnigshaus seit 1883 bei den spanischen Bourbonen zu finden ist. Seit dem Tod des letzten thronberechtigten Nachkommens der franzšsischen Kšnige in Frankreich ("Heinrich V.", 1820-1883) gibt es also tatsŠchlich "(kšnigliche) Gallier aus Spanien".

4) "Voix" bedeutet im Mittelfranzšsischen neben "Stimme" auch "Ruf, Reputation". Wie in 9/2 (5.33) kšnnte Nostradamus hier allerdings auf eine Begebenheit aus der ršmischen Geschichte anspielen. Der †berlieferung zufolge soll 387 v. Chr. ein gewisser Caedicius wŠhrend mehrerer Tage aus einem Busch beim Forum Romanum eine Stimme gehšrt haben, die die Ršmer vor dem Angriff der vor der Stadt liegenden Gallier warnte. Die Stimme des unsichtbaren Warners, spŠter "Aius Locutius" genannt, riet den Ršmern, die Stadtbefestigung zu verstŠrken. Als Caedicius zu den Machthabern Roms ging, um diese Ÿber seine Wahrnehmungen zu informieren, schenkten sie ihm keinen Glauben. Es kam wie es kommen musste, die Gallier eroberten die Stadt. SpŠter, nachdem die Kelten wieder aus Rom abgezogen waren, baute man zu Ehren des Aius Locutius einen Tempel am Forum.

"CHYREN" wird Šu§erst beunruhigt sein, weil die Spanier die Franzosen bedrŠngen. Man wird auf eine Warnung (aus Rom?) nicht reagieren sondern abwarten, bis sie vergessen ist.

 

In der ersten Zeile erfahren wir, dass das "kšnigliche Blut" - konkret dŸrfte hier wahrscheinlich "CHYREN" gemeint sein, vgl. Anmerkung 1 - aufs €u§erste beunruhigt sein wird.

 

Den Grund fŸr "CHYRENs" Besorgnis dŸrften wir in der zweiten Zeile finden. Es sind die Spanier, die die Franzosen bedrŠngen werden. Das ist eine Parallele zu 6/12, wo Spanien zusammen mit den Flamen und EnglŠndern gegen Frankreich und Italien kŠmpft. In 1/19 wird das franzšsische "trojanische Blut" von Spanien heimgesucht, was inhaltlich zu 5/40/1f. passt.

 

Noch unklar ist der zweite Teil der Strophe. Jemand - ein neuer Aius Locutius, vgl. Anmerkung 4 - kšnnte hier eine Warnung aussto§en, auf die man aber wiederum nicht hšrt.

 

Doch wer sollte hier wen vor wem oder was warnen? Aius Locutius kšnnte fŸr jemanden aus Rom ("eine Stimme aus Rom") stehen. DafŸr kŠme etwa ein Exponent der Kirche (Papst?) aber genauso eine Person aus dem weltlichen Bereich in Frage. An dieser Stelle sei aber an die Parteinahme "CHYRENs" fŸr die Kirche aus 6/12 erinnert.

 

Aius Locutius hat einst die Ršmer gewarnt. Die Ršmer sahen sich als Nachkommen der Trojaner, somit kšnnte hier das "verwandte" franzšsische Trojanerblut der Adressat der neuen Warnung sein. In diesem Fall entsprŠchen die Spanier den Galliern des Jahres 387 v. Chr. Sie wŠren also im Ÿbertragenen Sinne tatsŠchlich "Gallier aus der Hesperia" ("Gaulois de lÕHesperie").

 

 

1/19

 

[1] Lors que serpens viendront circuir2) lÕare1),

[2] Le sang Troien3) vexŽ par les Hespaignes4)

[3] Par eux5) grand nombre en sera faicte tare6),

[4] Chief, fuyct cachŽ9) aux mares7) d‹s les saignes8).

 

[1] Dann, wenn [die] Schlangen kommen werden, den Altar1) zu umgeben2)

[2] [wird] das trojanische Blut3) von den Spanien4) heimgesucht [werden].

[3] Durch sie5) wird [eine] gro§e Anzahl verloren gehen6).

[4] [Das] Oberhaupt [wird] geflohen [und] in den TŸmpeln7) in den SŸmpfen8) versteckt9) [sein].

 

1) Vgl. lat. "ara" (Altar).

2) BRINDÕAMOUR, S. 74, verweist hier auf OBSEQUENS, Kapitel 42. Dort wird von folgenden Vorzeichen berichtet: 105 v. Chr. umgaben in Trebula Mutusca (Monteleone Sabino, 61 km nordšstlich von Rom) vor den Spielen schwarze Schlangen den Altar des Mars solange eine Flšte gespielt wurde und verschwanden, als diese verstummte. Wie die Kriechtiere sich am nŠchsten Tag wieder zeigten, wurden sie vom Volk mit Steinen getštet. Als man dann die Tore des Tempels šffnete, fand man die hšlzerne Statue des Mars auf dem Kopf stehend vor. Zu dieser Zeit wurde ein ršmisches Heer von den Lusitanern geschlagen. Die Schlangen in 1/19/1 dŸrften also auch bei Nostradamus Unheil fŸr Rom bzw. die Ršmer vorhersagen. In der biblischen Tradition gilt die Schlange als Verkšrperung des Bšsen und der Versuchung (siehe Genesis 3). Als Strafe fŸr das sich gegen Gott und Mose auflehnende Volk Israel finden wir die Schlangen in Numeri 21,6: "Da schickte der Herr Giftschlangen unter das Volk. Sie bissen die Menschen und viele Israeliten starben." Auf die FŸrbitte des Mose hin lie§ Gott diesen aber eine Kupferschlange anfertigen und an einer Fahnenstange aufhŠngen. Und jeder von einer Giftschlange gebissene Israelit, der diese Kupferschlange ansah, Ÿberlebte (Numeri 21,7-9). Doch leider entwickelte sich in Juda um diese wundertŠtige Kupferschlange spŠter ein Kult, der Gott missfiel. So lie§ er sie von Kšnig Hiskija zerstšren (2 Kšnige 18,3f.). Die Schlange kann somit wohl auch Fehlentwicklungen innerhalb des Glaubens verkšrpern. GemŠ§ PRƒVOST, S. 188, ebenso (protestantische) HŠretiker.

3) Der Begriff "troien" bzw. "troyen" (trojanisch) taucht in 1/19/2, 2/61/2, 5/74/1, 5/87/3 und 6/52/3 auf. In 3/51/4 ist von "Troye" die Rede, womit aber wohl die franzšsische Stadt Troyes und nicht das antike Troja gemeint sein dŸrfte. 1/19/2, 2/61/2, 5/74/1 und 5/87/3 sprechen konkret vom "sang troien" (trojanischen Blut), 6/52/3 von einer "trojanischen Hoffnung". Das alte Troja lag in der heutigen NordwesttŸrkei. Als Nachkommen der Trojaner verstanden sich die Ršmer (Ÿber Aeneas) aber auch die Franzosen bzw. das franzšsische Kšnigsgeschlecht (Ÿber den sagenhaften Francus/Francion), vgl. GRUBER, S. 175.

4) Nostradamus spricht in 1/19/2, 3/54/1, 3/86/1, 4/3/3 und 10/95/1 von Spanien im Plural. Das dŸrfte ein RŸckgriff auf die ršmische Antike sein, wo Spanien in mehrere Provinzen gegliedert war (Hispaniae Ulterior u. Citerior), so dass auch der Plural "Hispaniae" (die Spanien) verwendet wurde. Die Hispania Ulterior umfasste die spŠteren Provinzen Lusitania und Baetica, die Citerior trug seit Augustus den Namen Hispania Tarraconensis.

5) Das "eux" bezieht sich auf die im Franzšsischen mŠnnlichen Schlangen.

6) Das mittelfranzšsische "tare" bezeichnet den quantitativen oder qualitativen Schwund bzw. Wertverlust einer Ware. Es bedeutet zudem einfach "Schaden; Makel, Unvollkommenheit".

7) Oder: "SŸmpfen" (marais)?

8) Oder: "Mooren". Dann wŠre die Stelle etwa als "[und] in den SŸmpfen, in den Mooren [versteckt] sein" zu verstehen.

9) In den beiden 1555er Ausgaben steht hier "cache", in den 1557ern das wohl zutreffendere "cachŽ".

In der Zeit, wenn "CHYREN" von Spanien angegriffen wird, wird die Kirche unter Irrlehrern in den eigenen Reihen zu leiden haben. Durch diese Irrlehrer werden viele GlŠubige verloren gehen. Der Papst - ein neuer "Marius" - wird wŠhrend dieses Kirchenkonflikts sogar einmal aus Rom fliehen mŸssen.

 

In der zweiten Zeile erfahren wir, dass jemand "trojanischen" Blutes von Spanien angegriffen wird. Das ist eine Parallele zu 5/40 und 6/12. Bei diesem "Trojanerblut" handelt es sich um einen Angehšrigen des franzšsischen Kšnigshauses, konkret wohl um die Lichtgestalt "CHYREN", vgl. oben bei 5/40 und 6/12.

 

Der ersten Zeile ist zu entnehmen, dass zur Zeit von "CHYRENs" spanischer BedrŠngnis ein Altar von Schlangen umgeben sein wird. Dieser Bezug auf die Vorzeichensammlung des OBSEQUENS dŸrfte einerseits so zu verstehen sein, dass das Trojanerblut "CHYREN" zunŠchst militŠrisch den KŸrzeren ziehen wird, genauso wie die Ršmer gegen die Lusitaner, vgl. Anmerkung 2. An dieser Stelle sei erneut daran erinnert, dass sich das franzšsische Kšnigshaus als Nachkommenschaft der Trojaner verstand - genau wie die Ršmer.

 

Doch meines Erachtens steckt hinter der Auswahl dieser OBSEQUENS-Stelle mehr. Unseren Seher dŸrfte die vielschichtige Symbolik des Altares und der Schlangen gereizt haben. Der Altar verweist bei Nostradamus wohl auf den kirchlichen Bereich. Die Reptilien dagegen dŸrften, wie die biblisch-abendlŠndische Tradition nahelegt, vgl. Anmerkung 2, zu den Feinden von Kirche und Glauben gehšren. Somit befindet sich die Kirche hier wohl in einem Konflikt mit Šu§eren oder inneren Feinden.

 

Dass die Kirche hier in einem Konflikt steckt, ist auch aus dem Hinweis aus der Parallelstelle 6/12/2 zu schlie§en, wo "CHYREN" fŸr diese (genauer: den Vatikan) Partei ergreift. Doch handelt es sich dabei um einen inneren oder Šu§eren Zwist? Der Altar steht im Innern, im Zentrum der Kirche. Wenn also Feinde schon so weit vorgedrungen sind, dass sie das Herz, den Kern der Kirche direkt umgeben, scheint es sich meines Erachtens eher um einen Konflikt zu handeln, bei dem der Gegner sich von Anfang an in den eigenen Reihen befindet. Konkret kšnnte es sich um HŠretiker oder Irrlehrer (VerfŸhrer) handeln, vgl. Anmerkung 2. Um Leute, die vielleicht in nationalen Teilkirchen aktiv werden und diese gegen die Kurie (den Vatikan) opponieren lassen.

  

In Zeile drei erfahren wir, dass durch sie, die "Schlangen", eine gro§e Anzahl (der GlŠubigen) verloren gehen wird. D. h. die VerfŸhrer bzw. Irrlehrer in der Kirche werden eine beachtliche AnhŠngerschaft aufweisen und diese vom Vatikan weg ins religišse Verderben fŸhren kšnnen.

 

Die letzte Zeile spricht von einem Oberhaupt, das fliehen und sich zwischen TŸmpeln in SŸmpfen verstecken wird mŸssen. BRINDÕAMOUR, S. 74f., verweist hier auf eine Begebenheit aus dem Jahr 88 v. Chr., als sich Marius vor seinen Verfolgern in einem Sumpf bei Minturno (lat. Minturnae) ca. 70 km nordwestlich von Neapel verstecken musste. Die Quelle findet sich bei PLUTARCH, Die Leben, Marius, 37f.

 

Gaius Marius (157-86 v. Chr.) gehšrt zu den bedeutendsten Persšnlichkeiten der ršmischen Republik. Zu seinen grš§ten Leistungen zŠhlt die Reform des Heeres und der Sieg Ÿber die germanischen Kimbern und Teutonen 102/101 v. Chr. Die bei PLUTARCH geschilderte Flucht gehšrt dabei zum BŸrgerkrieg zwischen Marius und Sulla, der Rom militŠrisch erobert hatte. Marius musste dabei zunŠchst nach Africa fliehen, von wo er 87 v. Chr. mit einer Streitmacht nach Rom zurŸckkehrte und blutige Rache an den AnhŠngern Sullas nahm. 86 v. Chr. lie§ sich der siegreiche Marius noch einmal zum Konsul wŠhlen, verstarb aber nur wenige Tage nach Amtsantritt an einer Erkrankung (LungenentzŸndung?).

 

Bei Nostradamus wŸrde dieser RŸckgriff auf einen inneren Konflikt im alten Rom wohl am Besten zur erwŠhnten Krise in der ršmischen Kirche passen. Das "in die SŸmpfe" geflohene Oberhaupt, der neue Marius, mŸsste demzufolge der Papst sein. NŠheres zu dieser Flucht - etwa wohin der Pontifex ausweicht - erfahren wir nicht. Wenn ihn unser Seher allerdings mit Marius vergleicht, dŸrfte er Ÿber seine Feinde - die "Schlangen" - aber zum Schluss triumphieren. Mšglicherweise  auch dank "CHYRENs" Hilfe, vgl. 6/12/2.

 

 

4/79

 

[1] Sang Royal1) fuis, Monhurt2), Mas3), Eguillon4),

[2] Remplis5) seront de Bourdelois7) les landes6),

[3] Nauarre8), Bigorre9) poinctes10) & eguillons11),

[4] Profondz12) de faim vorer de liege glandes13).

 

[1] Kšnigliches Blut1), fliehe [aus dem Gebiet von] Monheurt2), Le Mas-dÕAgenais3) [und] Aiguillon4)!

[2] AngefŸllt5) sein werden die Landes6) von Bordelaisern7).

[3] [In] Navarra8) [und] Bigorre9) [hat es] Spitzen10) und Stacheln11).

[4] [Die] vom Hunger Heimgesuchten12) [werden die] Eicheln13) der Korkeiche verschlingen.

 

1) Vom "kšniglichen Blut" ist auch in 5/40/1 und 6/12/2 die Rede, vom "trojanischen Blut" in 1/19/2, 2/61/2, 5/74/1 und 5/87/3. Beim letzteren handelt es sich mit aller Wahrscheinlichkeit ebenfalls um kšnigliches Blut, nŠmlich einen franzšsischen Machthaber aus der Kšnigsfamilie (vgl. 2/61/1f.). In 5/40/1f. wird meines Erachtens der entscheidende Hinweis dafŸr gegeben, dass mit dem "kšniglichen Blut" eben das erwŠhnte "trojanische Blut" gemeint ist, die Kšnigsdynastie der Franzosen. Wie im Kommentar zu 6/12 ausgefŸhrt, wird mit diesem "kšniglichen Blut" wohl sogar eine ganz bestimmte Person aus dem franzšsischen Kšnigsgeschlecht bezeichnet - die Lichtgestalt "CHYREN".

2) Ort in SŸdwestfrankreich an der Garonne, etwa 29 km nordwestlich von Agen.

3) Ort in SŸdwestfrankreich an der Garonne, etwa 39 km nordwestlich von Agen. Es gŠbe allerdings noch ein Le Mas-dÕAzil unweit der PyrenŠen, etwa 24 km nordwestlich von Foix.

4) Ort in SŸdwestfrankreich beim Zusammenfluss von Lot und Garonne, etwa 25 km nordwestlich von Agen. Es gŠbe allerdings noch ein LÕAiguillon unweit der PyrenŠen, etwa 24 km sŸdšstlich von Foix. Zudem zwei Orte an bzw. nahe der franzšsischen WestkŸste, in der VendŽe: LÕAiguillon-sur-Mer und LÕAiguillon-sur-Vie.

5) Lies: "remplies", da es sich auf die "landes" bezieht.

6) "Lande" bedeutet "Heide, Heideland". In Frankreich gibt es einige Ortsbezeichnungen, die "lande(s)" beinhalten. Da hier von SŸdwestfrankreich die Rede ist, kommen aber v. a. die Landes de Gascogne (auch: Fort des Landes, Landes) in Frage. Die Landes de Gascogne umfassen fast den gesamten KŸstenstreifen zwischen Bayonne und der Gironde plus das Hinterland bis in die NŠhe der Garonne.

7) Vgl. CLƒBERT, S. 551. Die Leute, die die Landes anfŸllen, werden also aus Bordeaux kommen. Denkbar wŠre auch, dass es hier "du Bourdelois" hei§en sollte, dann wŠren einfach Stadt und Region Bordeaux gemeint.

8) Von Navarra ist in 3/25/1, 4/79/3, 5/89/1, 8/85/3 und 10/45/1 die Rede.

Das Kšnigreich Navarra in den PyrenŠen existierte als unabhŠngiger Staat von 905 bis 1589. Der sŸdliche Teil kam 1512 zu Spanien, der Nordteil blieb bis 1589 unabhŠngig. 1589 wurde Heinrich III. von Navarra Kšnig von Frankreich (als Heinrich IV.), womit der PyrenŠenstaat in Personalunion mit Frankreich vereinigt wurde. Die Kšnige von Frankreich trugen von da an bis zur Revolution sowie von 1815 bis 1830 den Titel "Kšnig von Frankreich und Navarra".

9) Die Bigorre wird in 3/25/3, 4/79/3, 5/98/4 und vielleicht auch 8/86/4 erwŠhnt. Sie liegt šstlich von Navarra und umfasst Orte wie Tarbes und Lourdes. Die 1557er Ausgabe aus Utrecht gibt hier "Bygorre" wieder, jene aus Moskau/Budapest "Bigorre".

10) Die 1557er Ausgabe aus Utrecht hat hier "poinctes", jene aus Moskau/Budapest "pointes". "Poin(c)tes" sind eigentlich Spitzen, bezeichnen hier allerdings wohl entweder Waffen, vgl. lat. "cuspis" (u. a. Spitze, Stachel; Spie§, Lanze) und "mucro" (u. a. Spitze; Schwert) oder sogar Truppen, vgl. lat. "acies" (Spitze; Heer, Truppen).

11) "Eguillons" sind Stacheln, dŸrften hier aber Waffen meinen. Vgl. lat. "spiculum" (u. a. Spitze, Stachel; Lanze, Wurfspie§, Pfeil).

12) Hier sollte es wohl "profondŽz" hei§en. "Profonder" bedeutet "eindringen". Wir haben somit "von Hunger Durchdrungene" vor uns.

13) Neben "gland" existierte im Mittelfranzšsischen auch das weibliche Substantiv "glande", das ebenfalls "Eichel" bedeutete. Vgl. auch lat. "glandes" (KernfrŸchte, Eicheln). 


Nostradamus beschwšrt "CHYREN", von der unteren Garonne zu fliehen. Leute aus dem Raum Bordeaux werden dann SŸdwestfrankreich westlich der Garonne Ÿberschwemmen. Wenn im Westen der franzšsisch-spanischen Grenze Krieg herrscht, wird man anderswo hungern.

 

In der ersten Zeile wird wohl "CHYREN" angesprochen bzw. gewarnt, vgl. Anmerkung 1. Nostradamus fordert ihn auf, das Gebiet an der Garonne zwischen Marmande und Agen zu verlassen, wobei er (von Norden nach SŸden geordnet) konkret folgende Orte nennt: Le Mas-dÕAgenais, Monheurt und Aiguillon. Es ist anzunnehmen, dass "CHYREN" dort bedroht oder angegriffen wird.

 

Laut Zeile zwei wird zu jener Zeit SŸdwestfrankreich westlich der Garonne (die Landes, vgl. Anmerkung 6) mit Leuten angefŸllt sein, die aus Bordeaux kommen.

 

Im Westen des franzšsisch-spanischen Grenzlandes (Navarra, Bigorre) wird gemŠ§ Zeile drei gekŠmpft werden. Das ist wohl eine Parallele zu 1/19/2 und 5/40/1f., wo wir erfahren, dass das "trojanische Blut" von Spanien heimgesucht bzw. bedrŠngt werden wird. Aufgrund der geografischen NŠhe dŸrften es die Spanier sein, die hier Frankreich angreifen.

 

Doch wer bedroht "CHYREN" bei der Garonne? In diesen Kontext gehšrt auch die Frage, wer oder was diese Leute aus Bordeaux sind, die die Landes Ÿberschwemmen. FlŸchtlinge? Oder vielmehr Truppen?

 

FŸr letztere Annahme spricht meines Erachtens die Verbindung von 6/12/3f. mit 2/61. In der erstgenannten Strophe ist von einem gemeinsamen Kampf der Spanier mit den EnglŠndern und Flamen gegen Frankreich und Italien die Rede. 2/61 berichtet von einem gro§en Erfolg der Allianz aus EnglŠndern und/oder Flamen, der Gironde sowie La Rochelle zulasten "CHYRENs".

 

Ich vermute, es werden Truppen dieses Briten-BŸndnisses sein - wohl zusammen mit VerbŸndeten aus der Gironde-Region (Bordeaux) -, die nach SŸden und SŸdosten vorsto§en und "CHYREN" am Unterlauf der Garonne bedrohen. Mit Blick auf 2/61 werden sie dabei wohl einen beachtlichen Erfolg gegen NostradamusÕ Lichtgestalt erringen, so dass sie bis nach La Flche vorsto§en kšnnen.

 

Die vierte Zeile verbindet die KriegsschauplŠtze zeitlich mit einer Hungersnot. Man wird das Futter fŸr die Schweine - Eicheln - essen. Wohl weil die Schweine selber schon lange verspeist worden sind. †ber diese Hungersnot erfahren wir nichts Genaueres, au§er dass es sich bei den Eicheln um FrŸchte der Korkeiche handeln wird, die ursprŸnglich an den KŸsten des westlichen Mittelmeeres und v. a. auf der Iberischen Halbinsel zu finden ist.

 

Im Franzšsischen finden wir das Wort fŸr Kork (lige) allerdings auch in mehreren Toponymen wieder. Zum einen hei§t LŸttich Lige. In Frankreich gibt es aber auch einen Ort und einen Fluss dieses Namens. Der Fluss (la Lige) findet sich im Zentralmassiv (Region Limousin). Der Ort Le Lige liegt etwa 36 km sŸdšstlich von Tours im nšrdlichen Zentralfrankreich. Und zwar auf fast 48 Grad nšrdlicher Breite (47¡13'47''). Sollte Nostradamus auf diesen Ort verklausuliert hingewiesen haben? Wenn ja, wŸrde die hier beschriebene Hungersnot wohl zu jener aus 5/98 gehšren.

 

 

 

5/98

 

[1] A quarante huict degrŽ climaterique1),

[2] A fin de Cancer2) si grande seicheresse:

[3] Poisson en3) mer, fleuue, lac cuit5) hectique4),

[4] Bearn6), Bigorre7) par feu ciel8) en destresse

 

[1] Bei 48 klimakterischen Grad1)

[2] [wird es] am Ende des Krebses2) eine sehr gro§e Trockenheit [geben].

[3] [Der] Fisch im3) Meer, [im] Fluss [und im] See [wird] sehr mager4) gebraten5) [werden].

[4] BŽarn6) [und] Bigorre7) [werden] durch [das] Feuer [des] Himmels8) ins Elend [gestŸrzt].

 

1) Nostradamus meint hier Breitengrade, vgl. lat. "clima" (Neigung, Gegend, Erdzone). Schon lange vor Nostradamus wurde die (bekannte) Welt zwischen €quator und Nordpol in 90 Breitengrade eingeteilt, die Werte entsprechen also den heutigen. Falls hier nicht einfach nur "climatique" stehen sollte, vgl. CLƒBERT, S. 674, kšnnte unser Seher mit "climaterique" darauf anspielen, dass die erwŠhnte Region einer gefahrvollen Epoche (lat. "climacter") entgegensieht. Auf oder nahe des 48. Breitengrades liegen Rennes, Le Mans, OrlŽans, Auxerre, Langres, Colmar, Freiburg im Breisgau, Starnberg am Starnbergersee, Baden bei Wien u. a.

2) Nach mittelalterlicher Auffassung dauerte die Zeit des Krebses vom 17. Juni bis 17. Juli.

3) Hier ist "im" wohl als Hinweis auf den Ursprung des Fisches zu verstehen, wŠre also eigentlich mit "aus dem" zu Ÿbertragen. Dass der Fisch tatsŠchlich schon "im" Wasser des Meeres, Flusses und Sees gebraten wird, dŸrfte wohl eher nicht gemeint sein.

4) Das mittelfranzšsische "hectique" oder "etique" bedeutet "schwindsŸchtig, mager", im Ÿbertragenen Sinne auch "dŸrr, trocken" usw. Hier dŸrfte sich das Adjektiv nicht auf den Fisch im Wasser sondern auf den Menschen beziehen, der den Fisch brŠt. Auf einen Menschen, der durch eine Hungersnot bereits ausgemergelt ist.

5) Oder u. a. auch: "gekocht".

6) BŽarn liegt zwischen Navarra und Bigorre im Westen der franzšsischen PyrenŠen. Seine Hauptstadt ist Pau. Zur Zeit des Nostradamus gehšrte BŽarn noch nicht zu Frankreich sondern kam als Besitz Heinrichs IV. erst nach dessen Thronbesteigung 1589 dazu.

7) Die Bigorre wird in 3/25/3, 4/79/3, 5/98/4 und vielleicht auch 8/86/4 erwŠhnt. Sie liegt šstlich von Navarra und umfasst Orte wie Tarbes und Lourdes.

8) Feuer oder feurige Erscheinungen am Himmel gehšren zum klassischen Vorzeichenrepertoire. So finden wir dort auch bei Julius OBSEQUENS etliches Feuer. Etwa in den Kapiteln 3 oder 11, wobei in letzterem eine "brennende Fackel" gesehen wird. Solche Fackeln finden wir auch in den Kapiteln 12, 24, 45, 51, 53, 68 und 71. In Kapitel 52 treffen wir auf eine Flamme aus dem Himmel, wŠhrenddem in 54 von einem Feuerball die Rede ist. Der Himmel brennt zudem in 14, 20 und 51. In der Astrologie wird das Feuer der Sonne und dem Mars zugeordnet.

Bei 48¡ Nord - wohl im nšrdlichen Zentralfrankreich - wird es in einer zweiten JulihŠlfte zu einer gro§en Trockenheit kommen. Die Menschen werden bis zur folgenden Fastenzeit sehr unter Hunger zu leiden haben. Im Westen der franzšsisch-spanischen Grenze wird Krieg herrschen.

 

In der vierten Zeile ist vom Šu§ersten SŸdwesten Frankreichs die Rede, von den Regionen BŽarn und Bigorre. Das ist fast die gleiche Angabe wie in 4/79/3, wo Nostradamus von Navarra und Bigorre spricht. "Spitzen" und "Stacheln" - Waffen - werden dort Land und Leute heimsuchen. Bei AGRIPPA VON NETTESHEIM erfahren wir, dass dem Mars alles "Scharfe" zugeordnet wird (1,27), etwa auch dornenbewehrte Pflanzen, und somit auch die erwŠhnten "Spitzen" und "Stacheln". Dem alten ršmischen Kriegsgott gehšrt aber auch das Feuer an, womit wir wieder bei 5/98/4 wŠren. Planet Mars als Sinnbild des Krieges dŸrfte es sein, der als "Feuer des Himmels" BŽarn und Bigorre ins Elend stŸrzen wird.

 

In Zeile zwei ist von einer Hungersnot die Rede: die Menschen werden den Fisch - eine typische Speise der Fastenzeit - verzehren, wenn sie bereits deutlich vom Hunger gezeichnet sind, vgl. Anmerkung 4. Das ist eine erneute Parallele zu 4/79, wo wir in der vierten Zeile erfahren, dass die unter Hunger Leidenden bereits das Schweinefutter verzehren.

 

5/98/2 ist zu entnehmen, dass es in der zweiten JulihŠlfte eines Jahres eine gro§e (weit ausgedehnte oder lang andauernde) Trockenheit geben wird. Sie kšnnte bis zur Fastenzeit im folgenden Winter anhalten und fŸr die erwŠhnte Hungersnot (mit-) verantwortlich sein.

 

In der ersten Zeile erfahren wir, welche Gegend von dieser Trockenheit heimgesucht werden wird. Es wird sich wohl um das nšrdliche Zentralfrankreich handeln, das beim 48. Breitengrad liegt. Wie im Kommentar zu 4/79 ausgefŸhrt, kšnnte Nostradamus bei jener Hungersnot ebenfalls an diesen Raum gedacht haben.

 

 

 

 

 

6/43

 

[1] Long temps sera sans estre habitŽe,

[2] O Signe1) & Marne2) autour vient arrouser:

[3] De la Tamise3) & martiaux4) tentŽe5),

[4] Deceuz6) les gardes en cuidant repouser7).

 

[1] Lange Zeit [wird sie daliegen] ohne bewohnt zu sein,

[2] [sie, die] dort in der NŠhe [liegt, ] wo Seine1) wie Marne2) [hin]kommt um durchzuflie§en.

[3] Von der Themse3) und [von] Marsleuten4) [wird sie] gepeinigt5) [werden].

[4] Die Wachen [werden] getŠuscht6) [werden], wenn sie glauben zu ruhen7).

 

1) Lies: "Seine", vgl. auch lat. "Sequana".

2) Mit der Stelle, wo die Seine und gleicherma§en die Marne durchflie§t, ist wohl der Zusammenfluss der beiden GewŠsser gemeint. Die Marne mŸndet sŸdšstlich von Paris in die Seine. In der ersten Zeile dŸrfte unser Seher somit an die franzšsische Hauptstadt gedacht haben.

3) "Tamise" bezeichnet die englische Themse oder die belgische Stadt Temse sŸdwestlich von Antwerpen. Der Begriff taucht ebenfalls in 2/61/1 ("Taminse") und 8/37/1 (5.37) auf. Denkbar wŠre, dass hier tatsŠchlich eine englisch-flŠmische Allianz gemeint ist, vgl. 6/12/3.

4) Hier sind natŸrlich nicht Marsmenschen gemeint sondern Leute, die mit Kriegsgott Mars in Verbindung stehen (vgl. lat. "Martiales"). Damit dŸrften Soldaten bzw. Truppen gemeint sein, vgl. auch CLƒBERT, S. 726f. Konkret ist hier wohl von Truppen von der Themse die Rede.

5) Das mittelfranzšsische "tenter" bedeutet neben "versuchen" u. a. auch "bedrŠngen, quŠlen".

6) Oder: "verraten".

7) "Repouser" ist eine Form von "reposer", vgl.  CLƒBERT, S. 726f. Denkbar wŠre vielleicht auch, dass "repousser" gemeint ist: "wenn sie versuchen, [den Feind] zurŸckzudrŠngen".

Im Kampf um Frankreich wird Paris von englischen Truppen Ÿberraschend angegriffen. Als Folge wird die Stadt lange unbewohnt bleiben.

 

In den ersten beiden Zeilen dŸrfte von Paris die Rede sein. Dem Ort, der nahe der Stelle liegt, die gleicherma§en von Seine und Marne durchflossen wird (vgl. Anmerkung 2). Der ersten Zeile ist zu entnehmen, dass die Stadt lange Zeit unbewohnt sein wird. 3/84/4 berichtet dabei vom traurigen Schicksal der Stadtbevšlkerung: sie wird sterben.

 

Im zweiten Teil der Strophe ist wohl wieder von Paris die Rede. Hier dŸrften wir erfahren, was dazu fŸhren wird, dass die Stadt aufgegeben werden muss. Es werden wahrscheinlich englische Truppen sein, die Paris angreifen, vgl. Anmerkungen 3 und 4. Dabei werden die Wachen der Stadt getŠuscht oder verraten werden. Und zwar dann, wenn diese glauben, dass sie ruhen kšnnen - also in Sicherheit sind.

 

Interessant ist an dieser Stelle, dass "CHYREN" es spŠter gelingen wird, die EnglŠnder ebenfalls mit einer List zu bezwingen, vgl. 2/25.

 

 

 

 

4/8

 

[1] La gr‹d citŽ dÕassaut prompt repentin

[2] Surprins de nuict, gardes interrompus1)

[3] Les excubies2) & veilles3) saint Quintin4)

[4] TrucidŽs, gardes & les pourtails rompus.

 

[1] Die gro§e Stadt [wird] vom schnellen [und] unvermuteten Angriff [heimgesucht werden].

[2] In der Nacht [werden sie] Ÿberrascht [und die] Wachen [werden] gestšrt1).

[3] Die Wachen2) und NachtwŠchter3) [werden zu] Sankt Quintinius4)

[4] getštet, [die] Wachposten und die Tore in StŸcke gehauen.

 

1) Wšrtlich: "unterbrochen". Die Stelle ist mit Blick auf 6/43/4 wohl als "in ihrer Ruhe unterbrochen (= gestšrt)" zu verstehen.

2) Lat. "excubiae" (u. a. Wache, Wachposten).

3) Vgl. CLƒBERT, S. 464.

4) In Frankreich gibt es Dutzende von …rtlichkeiten mit Namen Saint-Quentin. Hier scheint Nostradamus den Leser aber einmal mehr aufs Glatteis fŸhren zu wollen. Das bekannteste Saint-Quentin liegt in der Picardie, etwa 130 km nordšstlich von Paris. Dieses Saint-Quentin wurde tatsŠchlich 1557 von Spaniern und EnglŠndern eingenommen und geplŸndert, also nur wenige Jahre nachdem obige Strophe verfasst wurde. Ein Ereignis, das unser Seher bei der Abfassung des Vierzeilers (im Gegensatz zu 8/54) auf natŸrlichem Wege nicht hat kennen kšnnen. In 4/8 ist allerdings von der "gro§en Stadt" (Paris) die Rede, vgl. 3/84. Es dŸrfte also wahrscheinlicher sein, dass mit "Saint Quintin" nicht ein Ort sondern tatsŠchlich der Heilige bzw. sein Gedenktag gemeint ist. Der Tag des heiligen Quintinius (Quentin) ist der 31. Oktober. Einem anderen Heiligen, dem heiligen Quintinius von Villeparisis, wird am 4. Oktober gedacht.

Der Fall von Paris: Paris wird zu Sankt Quintinius (31. Oktober) Ÿberraschend bei Nacht eingenommen.

 

In der ersten Zeile ist von der "gro§en Stadt" die Rede. Im Vergleich der beiden Stellen 1/32/1f. und 3/49/1f. dŸrfte ersichtlich werden, dass das Adjektiv "gro§" bei Nostradamus mit einiger Wahrscheinlichkeit auch fŸr "franzšsisch" (bzw. "gallisch") stehen kann.

 

Mit der "gro§en Stadt" ist also wohl eine franzšsische Stadt gemeint. Und wohl nicht irgendeine sondern eine mit einer besonderen Bedeutung. Aufgrund der inhaltlichen †bereinstimmung von 4/8/2 mit 6/43/4 sehe ich hier die Hauptstadt gemeint - Paris.

 

In den ersten beiden Zeilen von 4/8 erfahren wir, dass die Wachen von Paris mit einem Ÿberraschenden und schnellen Angriff konfrontiert sein werden. Und zwar bei Nacht, wenn sie glauben, ihren Dienst in Ruhe versehen zu kšnnen. Der verheerende Angriff, bei dem die Wachen und Stadttore in StŸcke gehauen werden, wird laut Zeile drei am Tag des heiligen Quintinius, wohl an einem 31. Oktober (nach julianischem Kalender), stattfinden.

 

 

 

9/82

 

[1] Par1) le deluge & pestilence2) forte

[2] La citŽ grande de long temps assiegee,

[3] La sentinelle & garde de main3) morte,

[4] Subite prinse, mais de nul oultragee.

 

[1] WŠhrend1) der †berschwemmung und [der] gro§en Seuche2)

[2] [wird] die gro§e Stadt lange Zeit belagert [werden].

[3] Der Wachposten und [die] Wache [werden] im Nahkampf3) getštet.

[4] [Die Stadt wird] plštzlich eingenommen, aber von niemandem verwŸstet [werden].

 

1) Oder u. a. auch: "Wegen, durch".

2) Im Lateinischen wie auch im Mittelfranzšsischen kšnnen die Begriffe "†berschwemmung" und "Seuche" auch einfach "Unheil" oder "UnglŸck" bedeuten.

3) Vgl. auch lat. "manus" (u. a. "Kampf, Handgemenge"). Im Mittelfranzšsischen bedeutet "main" allerdings ebenfalls "Morgen", so dass hier von den morgendlichen Nachtstunden (vgl. 4/8/2) die Rede sein kšnnte.

Der Fall von Paris: WŠhrend einer †berschwemmung und einer gro§en Seuche wird Paris lange Zeit belagert werden. Dann wird die Stadt plštzlich eingenommen aber nicht verwŸstet.

 

In diesem Vierzeiler geht es wieder um Paris, die "gro§e Stadt" (vgl. 4/8). Laut den Zeilen eins und zwei wird man von einer †berschwemmung und einer gro§en Seuche heimgesucht werden, vgl. allerdings Anmerkung 2. WŠhrend dieser Plagen wird Paris lange Zeit belagert werden. Von einem "Unheil" ("peste") ist auch in 3/84/4 die Rede.

 

Der zweiten HŠlfte des Vierzeilers ist zu entnehmen, dass diese lang andauernde Belagerung schlie§lich doch noch zum Erfolg fŸhren wird. Dabei schlie§t sich 9/82 an 6/43/4 und 4/8/1f. an. Die Wachen von Paris werden handstreichartig ŸberwŠltigt und die Stadt plštzlich, d. h. unvermutet, eingenommen. Anders als etwa Troja (das ebenfalls lange belagert wurde) wird Paris aber interessanterweise von den Eroberern nicht verwŸstet werden. Doch wieso?

 

 

3/84

 

[1] La grand citŽ sera bien desolŽe1)

[2] Des habitans vn seul ny demeurra2):

[3] Mur, sexe3), temple, & vierge violŽe4)

[4] Par fer5), feu, peste6), canon7) peuple mourra.

 

[1] Die gro§e Stadt wird vollkommen verlassen1) sein.

[2] Von [ihren] Einwohnern wird kein einziger dort bleiben.

[3] [Die] Mauer, [das] Geschlecht3), [der] Tempel und [die] Jungfrau [werden] geschŠndet4).

[4] Durch Eisen5), Feuer, [das] Unheil6) [und] Artillerie7) wird [das] Volk sterben.

 

1) Oder u. a. auch: "verloren, zerstšrt".

2) Lies: "demourra".

3) Hier wohl im Sinne von "sexe humain" (Menschengeschlecht, Menschen).

4) Oder mit Blick auf das lat. "violare" auch: "verwŸstet".

5) Im Mittelfranzšsischen bedeutet "fer" (Eisen) u. a. auch "(eiserne) Waffe".

6) Die "Pest" bezeichnet im Lateinischen und Mittelfranzšsischen nicht nur verschiedene ansteckende Krankheiten mit hoher Sterblichkeit, sondern bedeutet auch einfach "UnglŸck, Unheil".

7) Oder Nostradamus meint hier das griech. "kanon", das u. a. auch "Regel, Vorschrift" bedeutet. In diesem Fall wŸrde das Volk durch eine "Vorschrift" - vielleicht einen Beschluss des feindlichen Oberkommandos - sterben.

Der Fall von Paris: Paris wird vollkommen entvšlkert sein, die Eroberer schŠnden u. a. Notre-Dame. Die Stadtbevšlkerung wird sterben.

 

In 6/43 ist wohl von Paris die Rede, das lange Zeit unbewohnt bleiben wird. Dazu passen die ersten beiden Zeilen der Strophe 3/84, wo von der vollstŠndig verlassenen "gro§en Stadt" gesprochen wird.

 

Der dritten und vierten Zeile dŸrfte zu entnehmen sein, was Paris genau zustš§t. GemŠ§ 6/43 werden es wohl die EnglŠnder sein, die Paris militŠrisch erobern. In 3/84 erfahren wir dazu nun NŠheres. Der Feind wird die Stadtmauer Ÿberwinden bzw. durchdringen ("schŠnden"), in der Stadt das Menschengeschlecht - die Bewohner - in seine Gewalt bringen ("vergewaltigen") sowie den "Tempel" und die "Jungfrau" - zwei religišse Einrichtungen, siehe unten - entweihen (oder wiederum: "schŠnden").

 

Zur Zeit des Nostradamus war Paris natŸrlich von einer Stadtmauer umgeben. Mit dem "Tempel" ist wahrscheinlich der Temple gemeint, ein Bereich in Paris mit einem ehemaligen Kloster aus dem 12. Jahrhundert, das von den Tempelrittern befestigt wurde und so seinen Namen erhielt. Nach der Auflšsung des Templerordens ging das Gebiet an die Malteser Ÿber, die dort bis zur Franzšsischen Revolution das Sagen hatten. Die von Nostradamus erwŠhnte "Jungfrau" wŠre in Paris wohl mit der Kathedrale Notre-Dame zu identifizieren, die der Jungfrau und Gottesmutter Maria geweiht ist.

 

Zeile vier zufolge wird das Volk, wohl die Pariser Bevšlkerung, durch Gewalt (Eisen, Feuer) sowie ein "Unheil" oder eine Seuche sterben (vgl. Anmerkung 6 und 9/82/1: "deluge & pestilence"). Nostradamus nennt als eine weitere Ursache fŸr den Tod der Einwohner den Begriff "canon", der als Artillerie oder als Vorschrift verstanden werden kann, vgl. Anmerkung 7. Sollte Letzteres gemeint sein, hŠtten wir hier keinen Tod durch direkte Kriegseinwirkung sondern einen geplanten Massenmord vor uns, der erst ausgefŸhrt wird, nachdem die EnglŠnder die Einwohner von Paris in ihre Gewalt gebracht haben, vgl. oben.

 

 

5/45

 

[1] Le grand Empire1) sera tost2) desolŽ3),

[2] Et translatŽ pres dÕarduenne silue4):

[3] Les deux bastardz5) par lÕaisnŽ decollŽ6),

[4] Et regnera Aenobarbe7) nez de milue8).

 

[1] Der gro§e Herrschaftssitz1) wird schnell2) verlassen3)

[2] und in die NŠhe der Ardvenna Silva4) verlegt werden.

[3] Der zweite Bastard5) [wird] vom €ltesten gekšpft6) [werden],

[4] und [es] wird Aenobarbus7)-Milannase8) herrschen.

 

1) Das mittelfranzšsiche "empire" bedeutet u. a. "Reich, Herrschaft, Macht", das lat. "imperium" "Reich, Herrschaft, Regierung, Befehlsgewalt" usw. Mit Blick auf 3/84 scheint Nostradamus hier aber konkret den Herrschaftssitz, die Hauptstadt zu meinen. Vgl. dazu griech. "basileion", "-a" (kšnigliche Wohnung, Burg, Schloss) und "basileia" (Kšnigreich, Kšnigtum). Das zugeordnete Adjektiv "gro§" ist wiederum als "franzšsisch" zu verstehen, vgl. 4/8. Mit Ausnahme des letzten Wortes ("desolŽ") entspricht die Zeile 1/32/1.

2) Oder auch: "bald".

3) Oder auch: "verloren, zerstšrt".

4) "Ardvenna Silva" ist die lateinische Bezeichnung der Ardennen oder des Ardennerwaldes. Die Ardennen erstrecken sich von der nordostfranzšsischen Grenze nach Belgien und ins luxemburgische Grenzgebiet hinein. CLƒBERT, S. 621, weist darauf hin, dass auf alten Karten allerdings auch ein "fort dÕArdenne" bei Blaye an der Gironde und ein Ardenna-Wald in der Saintonge (a. d. franz. AtlantikkŸste) zu finden sind.

5) Mit Blick auf das "decollŽ" mit Singular-Endung dŸrfte die Stelle als "Le deux bastard" ("Der Bastard [Nummer] zwei" = der zweite Bastard) zu lesen sein, wobei "deux" hier ordinal zu verstehen wŠre. Setzt man "decollŽ" in den Plural, hie§e die Zeile: "Die beiden Bastarde [werden] vom €ltesten gekšpft [werden]."

          "Bastard" bezeichnet im Mittelfranzšsischen ein uneheliches Kind. Als Adjektiv bedeutet der Begriff "irregulŠr, falsch; ungeschickt, unerfahren; kŸnstlich". Auch eine Art Kanone wurde so bezeichnet.

6) Ohne die Korrektur von "Les deux bastardz" zu "Le deux bastard" aus Anmerkung 5 lautet die Zeile: "Die zwei Bastarde des gekšpften €ltesten".

7) In der 1557er Ausgabe aus Budapest/Moskau steht hier "Aenobarbe", in jener aus Utrecht "Aenobarb." In den 1568ern finden wir "Aenodarb[.]" oder auch "®nodarb[.]". In 5/59/2 taucht "Aenobarbe" auf.

Im alten Rom gab es die Familie der A(h)enobarbi (eigentlich: "RotbŠrte", "bronzefarbene BŠrte"). Bekannte Vertreter dieser Gens waren Cn. Domitius Aenobarbus, der die Allobroger besiegte und 120 v. Chr. die Via Domitia (SŸdfrankreich) anlegte, L. Domitius Aenobarbus, ein Feldherr des Pompeius, und Kaiser Nero. Bei Nostradamus taucht ein "Nero" in 9/17/1, 9/53/1 und 9/76/2 auf.

8) Lat. "miluus, milvus" (Milan, Rotmilan, Taubenfalke; Meerweihe [Raubfisch]). In der Budapester/Moskauer Ausgabe der Zenturien aus dem Jahr 1557 steht hier "nay de milue" (geboren vom Milan). Es gibt zwei Milanarten, den Rotmilan und den Schwarzmilan. Wie der Name schon andeutet, hat der Rotmilan ein rštliches Gefieder. Das des Schwarzmilans ist eher braun denn schwarz. Nostradamus dŸrfte hier wohl an den Rotmilan gedacht haben, da dieser farblich besser zum "Rotbart" Aenobarbus passt. Jedenfalls wird Aenobarbus (wohl der neue "Nero", vgl. 5.17) einem Milan Šhneln. Mšglicherweise derart, dass man sagen kšnnte, er sei von einem Milan geboren worden. Oder wenigstens eines seiner hervorstechendsten Merkmale wird milanartig sein. Ob Aenobarbus dabei tatsŠchlich eine gro§e Hakennase besitzen wird, die an den Schnabel eines Raubvogels erinnert, oder ob Nostradamus diese "Nase" nur als Bild eingefŸhrt hat, ist dabei wahrscheinlich zweitrangig. Doch was kšnnte Aenobarbus mit einem Milan gemeinsam haben? †ber den Milan schreibt PLINIUS D. €. in seiner Naturalis historia (10,12,28), dass, obwohl es sich um einen sehr gefrŠ§igen und gierigen Vogel handelt, nie beobachtet wurde wie er von Opferfleisch gefressen habe. Au§er dort, wo Unheil fŸr die Stadt vorhergesagt worden sei, die die Opfergaben dargebracht hat. In 10,95,203 erfahren wir, dass Milan und Rabe sich in dauerndem Kriegszustand befinden und der eine dem anderen das Fressen wegnehmen mšchte. Laut 10,96,207 vereinen sich Edelfalke und Milan gegen den Bussard.

Paris ist gefallen: Der Sitz der franzšsischen Regierung wird in die NŠhe der Ardennen verlegt (wohl nach Chavignon). Der unehelich geborene "Nero" wird seinen jŸngeren Bruder tšten und herrschen.

 

In 6/43, 4/8, 9/82 und 3/84 erfahren wir, dass Paris belagert, eingenommen und dann lange Zeit ohne Einwohner sein wird. In 5/45/1 dŸrfte ebenfalls von Paris die Rede sein, dem "gro§en (d. h. franzšsischen) Herrschaftssitz", vgl. Anmerkung 1. Die Stadt an der Seine ist seit dem frŸhen Mittelalter die Hauptstadt Frankreichs. Paris wird hier also aufgegeben und schnell verlassen werden, was auch zu 6/43, 4/8, 9/82 und 3/84 passen wŸrde.

 

In der zweiten Zeile von 5/45 erfahren wir, dass Paris - wohl genauer: dessen Hauptstadtfunktion - in die NŠhe der Ardennen verlegt werden wird. Da Zeile eins der Strophe fast gleichlautend in 1/32/1 wiederholt wird, darf vermutet werden, dass die erste HŠlfte von 5/45 inhaltlich zu 1/32 gehšrt (vgl. dort). Das Dorf Chavignon, das in 9/41/3 auftaucht, liegt in Nordostfrankreich, etwa 63 km sŸdwestlich von Hirson in der ThiŽrache, wo die Ardennen beginnen. Es dŸrfte wohl der Ort sein, wo die franzšsische Regierung sich niederlassen wird (vgl. die folgenden Strophen).

 

In der dritten Zeile von 5/45 erfahren wir, dass von zwei Bastarden der "zweite" vom "€ltesten" (der Geschwister) gekšpft werden wird. Das dŸrfte wohl so zu verstehen sein, dass es mindestens zwei uneheliche Kinder (Jungen) geben wird, von denen der Šlteste Bruder den zweitŠltesten ("zweiten") tšten wird. Laut Zeile vier wird dann jemand herrschen, den Nostradamus "Aenobarbus-Milannase" nennt.

 

Falls "Aenobarbus-Milannase" mit NostradamusÕ "Nero" identisch sein sollte - vgl. dazu Anmerkung 7 - gehšrt die Strophe wohl inhaltlich zu 9/76 (5.17). Dort erfahren wir, dass der neue (junge) "Nero" jemanden ermorden wird, der vom selben Strohlager stammt wie er selber. D. h. jemanden, der im gleichen (Šrmlichen) Bett das Licht der Welt erblickt hat. Das dŸrfte der jŸngere Bruder sein, vgl. oben.

 

 

 

 

 

 

 

1/32

 

[1] Le grand empire1) sera tost2) translatŽ

[2] En lieu petit qui bien tost3) viendra croistre:

[3] Lieu bien infime4) dÕexigue5) comtŽ

[4] Ou au milieu viendra poser son sceptre

 

[1] Der gro§e Herrschaftssitz1) wird schnell2) verlegt werden.

[2] An [einen] kleinen Ort, der [dann] sehr bald3) wachsen wird.

[3] [Es handelt sich dabei um einen] sehr niedrigen4) Ort einer kleinen5) Grafschaft,

[4] wo [man hin]kommen wird, um in [dessen] Mitte sein Zepter zu platzieren.

 

1) Das mittelfranzšsiche "empire" bedeutet u. a. "Reich, Herrschaft, Macht", das lat. "imperium" "Reich, Herrschaft, Regierung, Befehlsgewalt" usw. Mit Blick auf 3/84 scheint Nostradamus hier aber konkret den Herrschaftssitz, die Hauptstadt zu meinen. Vgl. dazu griech. "basileion", "-a" (kšnigliche Wohnung, Burg, Schloss) und "basileia" (Kšnigreich, Kšnigtum). Das zugeordnete Adjektiv "gro§" ist wiederum als "franzšsisch" zu verstehen, vgl. 4/8. Mit Ausnahme des letzten Wortes ("translatŽ") entspricht die Zeile 5/45/1. Nicht gleich aber Šhnlich Šu§ert sich Nostradamus in 3/92/3 (5.48), wo in der Endzeit die Macht in Frankreich an Leute aus den Westalpen Ÿberzugehen scheint.

2) Oder auch : "bald".

3) Oder auch: "schnell".

4) "Niedrig" im geografisch-topografischen wie auch wertmŠ§igen Sinn, also sowohl "tief gelegen" wie auch "schlecht, gering, bedeutungslos" usw. Vgl. lat. "infimus".

5) Oder auch "unbedeutenden".

Der Sitz der franzšsischen Regierung wird an einen kleinen Ort verlegt (wohl nach Chavignon), der schnell wachsen wird.

 

In der ersten Zeile geht es wie in 5/45/1f. um die Verlegung des franzšsischen Regierungssitzes. Dort haben wir erfahren, dass er in der NŠhe der Ardennen zu liegen kommen wird.

 

1/32/2 ist zu entnehmen, dass es sich um einen kleinen Ort handeln wird. Das in der NŠhe der Ardennen gelegene Chavignon aus 9/41/3 hat heute weniger als tausend Einwohner, wohl kaum mehr als zur Zeit des Nostradamus. Dieses Dorf wŸrde in den Raster passen. Sollte diese kleine Ortschaft gemeint sein, wird sie nach Verlegung des Regierungssitzes bald oder schnell (vgl. Anmerkung 3) wachsen.

 

In der dritten Zeile erfahren wir, dass der zum Herrschaftszentrum erkorene Ort sehr "niedrig", d. h. entweder tief gelegen oder bis anhin všllig bedeutungslos sein wird (vgl. Anmerkung 4). Chavignon liegt allerdings auf einer Seehšhe von etwa 90 m (08.02.2012), also keinesfalls sehr tief (Paris liegt rund 30 m. Ÿ. M.). Es geht hier also um die všllige Bedeutungslosigkeit dieses Dorfes. Allenfalls lie§e sich noch eine Anspielung auf den Namen "Chavignon" herauslesen. Die Begriffe "cave" (Keller) und "vigneron" (Winzer) lŠgen hier nahe, und der Keller eines Winzers - also ein Weinkeller - wŠre tatsŠchlich ein "tief gelegener" Ort.

 

Laut Zeile drei wird sich dieser bedeutungslose Ort in einer "kleinen" oder "unbedeutenden" Grafschaft befinden. Diese Angabe passt jedoch nicht recht zu Chavignon. Die Grafschaft Laon, in der das Dorf lag, wurde bereits in der ersten HŠlfte des 13. Jahrhunderts zur DuchŽ-Pairie erhoben, was die Bischšfe von Laon zu Pairs von Frankreich machte und diese so rangmŠ§ig weit Ÿber gewšhnliche Grafen erhob.

 

Hier kšnnte Nostradamus einmal mehr eines seiner Sprachspiele betrieben haben. "Laon" bedeutet im Mittelfranzšsischen u. a. auch "Fu§boden". D. h. Chavignons zur DuchŽ-Pairie erhobene Grafschaft namens Laon lag sprachlich am Boden, war in diesem Sinne also "klein" oder "unbedeutend". Weiter hei§t "Fu§boden" im Lateinischen "solum". Ein Wort, das als Adverb verstanden mit "nur, blo§" zu Ÿbersetzen ist. Ein weiterer Hinweis auf die angebliche Kleinheit oder Bedeutungslosigkeit dieses Territoriums.

 

In Zeile vier wird mit anderen Worten noch einmal die Verlegung des Herrschaftssitzes beschrieben. Man platziert das Zepter in der Mitte des neugewŠhlten Regierungssitzes. Es gilt hier zu beachten, dass das lat. "sceptrum" auch "Herrschaft, Kšnigtum" bedeutet. Vgl. ebenso griech. "skeptron" (Zepter; HerrscherwŸrde, Herrschaft).

 

 

3/49

 

[1] Regne1) Gauloys tu seras bien changŽ

[2] En lieu estrange2) est translatŽ lÕempire3)

[3] En autres meurs, & loys4) seras rangŽ5):

[4] Rouan6) & Chartres7) te feront bien du pire.

 

[1] Gallisches Kšnigreich1), du wirst sehr verŠndert sein!

[2] An [einen] bizarren2) Ort ist der Herrschaftssitz3) verlegt [worden],

[3] anderen Sitten und Gesetzen4) wirst du unterworfen5) sein.

[4] Rouen6) und Chartres7) werden dir wahrlich Schlimmstes antun.

 

1) Oder auch: "Kšnigsherrschaft, Kšnigtum; Land".

2) Das mittelfranzšsische "estrange" bedeutet u. a. "au§ergewšhnlich, bizarr, eigenartig" aber auch "auslŠndisch, fremd".

3) Das mittelfranzšsiche "empire" bedeutet u. a. "Reich, Herrschaft, Macht", das lat. "imperium" "Reich, Herrschaft, Regierung, Befehlsgewalt" usw. Mit Blick auf 3/84 u. 5/45 scheint Nostradamus hier aber konkret den Herrschaftssitz, die Hauptstadt zu meinen. Vgl. dazu griech. "basileion", "-a" (kšnigliche Wohnung, Burg, Schloss) und "basileia" (Kšnigreich, Kšnigtum).

4) Oder auch: "Lehren".

5) Das mittelfranzšsische "ranger" bedeutet u. a. "zwingen, nštigen".

6) Stadt in Nordfrankreich an der Seine, etwa 120 km norwestlich von Paris. Von 1419-1449 wurde die Stadt von den EnglŠndern beherrscht und war ein Zentrum der englischen Macht in Frankreich. 1431 wurde Jeanne dÕArc in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

7) Entweder Chartres, etwa 100 km sŸdwestlich von Paris, oder Chartres-de-Bretagne sŸdlich von Rennes, in der šstlichen Bretagne. Im HundertjŠhrigen Krieg (1337-1453) wurde Chartres von 1417-1432 von den EnglŠndern beherrscht. 1409 wurde der Vertrag von Chartres geschlossen, mit dem (vergeblich) versucht wurde, den franzšsischen BŸrgerkrieg zwischen den Armagnacs und den Burgundern (1407-1435) zu beenden.

Frankreich wird sehr verŠndert und seine Hauptstadt an einen bizarren Ort verlegt sein (wohl Chavignon). Das Land ist anderen Sitten und Gesetzen unterworfen, und Rouen und Chartres werden ihm das Schlimmste antun.

 

In 3/49 geht es um Frankreich, das "gallische Kšnigreich". Es wird sehr verŠndert sein, wie Nostradamus in der ersten Zeile feststellt. In der zweiten Zeile erfahren wir, dass der Sitz der Regierung, die Hauptstadt, verlegt sein wird. Und zwar an einen bizarren Ort. Mit der Wortwahl ("est translatŽ lÕempire") knŸpft unser Seher dabei wohl bewusst an 1/32/1 an ("Le grand empire sera tost translatŽ"). In 1/32 dŸrften wir auch erfahren, wieso Nostradamus hier den neuen Regierungssitz "bizarr" nennt: es wird sich um einen kleinen, unbedeutenden Ort handeln, den man nie mit der Funktion einer Hauptstadt in Verbindung bringen wŸrde. Das ist eine Beschreibung, die gut zu Chavignon (vgl. 9/41/3) passen wŸrde.

 

An Chavignon ist interessant, dass sein Name fast mit jenem Avignons identisch ist. †ber die GrŸnde fŸr die Wahl Chavignons zum Regierungssitz erfahren wir auch hier nichts. Aber wŠre es vielleicht denkbar, dass der Name dabei eine Rolle spielt? GemŠ§ 3/93 wird Avignon der Ort sein, an dem sich die franzšsische FŸhrung nach dem Fall von Paris niederlassen wird. Sollte eine Gegenregierung Chavignon deshalb auswŠhlen, um ihrem FŸhrungsanspruch auf der sprachlichen Ebene zynisch Ausdruck zu verleihen?

 

Doch die Verlegung der Hauptstadt an diesen bizarren Ort ist nicht die einzige VerŠnderung, die sich in Frankreich vollziehen wird. Das Land wird zudem "anderen Sitten und Gesetzen" unterworfen sein (3/49/3). In 6/43 und 3/84 erfahren wir, dass es EnglŠnder sein werden, die Paris, die alte Hauptstadt, erobern und entvšlkern werden. Es ist nun naheliegend zu vermuten, dass Nostradamus mit diesen "anderen Sitten und Gesetzen" an die britischen Eroberer gedacht hat, die Šhnlich wie im HundertjŠhrigen Krieg (1337-1453) mindestens Teile Frankreichs besetzt halten werden.

 

In Zusammenhang mit dem HundertjŠhrigen Krieg ist wohl auch die letzte Zeile von 3/49 zu verstehen. Dort lesen wir, dass Rouen und Chartres Frankreich gro§es †bel zufŸgen werden. Es ist natŸrlich mšglich, dass in 3/49/4 diese StŠdte als solche gemeint sind. Allerdings verweisen Rouen und Chartres auch auf bedeutsame Ereignisse wŠhrend des erwŠhnten englisch-franzšsischen Krieges. Rouen war ein Zentrum der englischen Macht in Frankreich und in Chartres wurde der erfolglose Versuch unternommen, den gleichzeitig wŸtenden franzšsischen BŸrgerkrieg zu beenden (vgl. Anmerkungen 6 und 7). Somit kšnnte die Zeile dahingehend verstanden werden, dass die EnglŠnder und ein gleichzeitig vorhandener interner Konflikt Frankreich gro§en Schaden zufŸgen werden.

 

 

3/93

 

[1] Dans Auignon1) tout le chef de lÕempire2)

[2] Fera arrest pour3) Paris desolŽ4):

[3] Tricast5) tiendra8) lÕAnnibalique7) ire:

[4] Lyon par change sera mal consolŽ9).

 

[1] In Avignon1) wird die ganze Spitze der Macht2)

[2] Halt machen, weil3) Paris verlassen4) [ist].

[3] [Das] Tricastin5) wird den6) hannibalischen7) Zorn halten8).

[4] Lyon wird durch [die] VerŠnderung [nur] schlecht entlastet9) [werden].

 

1) Avignon taucht in den Zenturien-Strophen 1/71, 3/56, 3/93, 8/38, 8/52 und 9/41 auf. Die Rhone-Stadt war von 1309-1423 Papstsitz und gehšrte auch zur Zeit des Nostradamus nicht zum Kšnigreich Frankreich sondern zum Kirchenstaat. Daneben gibt es im franzšsischen Jura noch ein kleines Avignon-ls-Saint-Claude, etwa 35 km nordwestlich von Genf.

2) Das mittelfranzšsiche "empire" bedeutet u. a. "Reich, Herrschaft, Macht", das lat. "imperium" "Reich, Herrschaft, Regierung, Befehlsgewalt" usw.

3) Im Mittelfranzšsischen bedeutet "pour" u. a. auch "wegen".

4) Oder auch: "verloren, zerstšrt".

5) Das Tricastin ist eine Gegend an der sŸdfranzšsischen Rhone. Ihr Hauptort ist Saint-Paul-Trois-Ch‰teaux, etwa 45 km nšrdlich von Avignon.

6) Oder: "der hannibalische Zorn" (vgl. Anmerkung 8).

7) Der punische Feldherr Hannibal (247-183 v. Chr.) stammte aus Nordafrika (Karthago). Hannibal soll schon als Knabe einen feierlichen Schwur geleistet haben, niemals ein Freund der Ršmer zu werden. Und diesem Schwur gehorchend blieb er tatsŠchlich zeitlebens ein Feind der Ršmer. Im Lateinischen wurde deshalb sein Name ein Synonym fŸr Todfeind, Šhnlich wie im Deutschen Judas fŸr VerrŠter. Mit dem "hannibalischen Zorn" ist also wohl einfach ein unerbittlicher, verbissener Zorn gemeint. WŠhrend seines Italienfeldzugs erblindete Hannibal wenigstens zeitweise auf einem Auge.

8) Unklar. Entweder besitzt der hannibalische Zorn das Tricastin (vgl. Anmerkung 6) oder umgekehrt: das Tricastin hŠlt den hannibalischen Zorn auf bzw. hŠlt ihm stand.

9) Oder u. a. auch: "unterstŸtzt, gestŠrkt; getršstet".

Die franzšsische FŸhrung lŠsst sich in Avignon nieder, weil Paris aufgegeben wurde. Der feindliche Angriff auf Avignon wird im Tricastin gestoppt, was Lyon aber nicht viel bringt.

 

In den ersten beiden Zeilen erfahren wir, dass die politische FŸhrung sich in Avignon niederlassen wird, weil Paris aufgegeben (verlassen) worden ist. Da Paris die Hauptstadt Frankreichs ist, ist hier wohl von der franzšsischen FŸhrung die Rede und nicht etwa von jener des ršmisch-deutschen Reiches ("Saint Empire"), wozu der Begriff "empire" in der ersten Zeile vielleicht verleiten mag.

 

GemŠ§ 5/45 wird die Hauptstadt Frankreichs in die NŠhe der Ardennen verlegt und laut 1/32 in einen kleinen Ort, der dann schnell wachsen wird. Vgl. dazu auch 3/49. Das passt aber nicht zu Avignon, das in SŸdfrankreich liegt und kaum als kleiner oder unbedeutender Ort bezeichnet werden kann.

 

In 3/93 wird der Regierungssitz aus dem nšrdlichen Paris in das sŸdliche Avignon verlegt. Das passt zu 6/43, wo wir erfahren, dass es die aus dem Norden kommenden EnglŠnder sein werden, die Paris angreifen, einnehmen und entvšlkern werden.

 

Frankreich scheint sich hier also im Krieg mit England zu befinden, genauso wie im HundertjŠhrigen Krieg von 1337-1453. Der HundertjŠhrige Krieg beinhaltete jedoch nicht nur die Auseinandersetzung mit den Briten sondern auch einen innerfranzšsischen BŸrgerkrieg zwischen den AnhŠngern des rechtmŠ§igen Thronerben Karl (VII.) und den Herzšgen von Burgund. Wenn Nostradamus den zukŸnftigen englisch-franzšsischen Konflikt mit dem HundertjŠhrigen Krieg vergleicht, mŸsste also ebenfalls wieder eine innerfranzšsische Spaltung vorhanden sein. Dass es eine solche tatsŠchlich geben wird, kšnnte die ErwŠhnung von Chartres in 3/49/4 (vgl. dort Anmerkung 7) andeuten. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Karl VII. wohl eines der Vorbilder fŸr "CHYREN" ist, vgl. 6/70, Anmerkung 5.

 

Falls aber gleichzeitig zum englischen Angriff ein innerfranzšsischer BŸrgerkrieg toben sollte, wŸrde das erklŠren, weshalb unser Seher offensichtlich von zwei neuen Regierungssitzen spricht: von dem kleinen, unbedeutenden Ort in der NŠhe der Ardennen und von Avignon im SŸden.

 

Die zweite HŠlfte von 3/93 schildert eine Begebenheit aus dem neuen HundertjŠhrigen Krieg. Im Tricastin, etwa 45 km nšrdlich von Avignon, dŸrfte der hannibalische (unerbittliche) Zorn der Angreifer, die wahrscheinlich von Norden her nach Avignon vorsto§en wollen, gestoppt werden (vgl. allerdings Anmerkung 8). Die Angreifer sind dabei wohl entweder die EnglŠnder oder diejenigen Franzosen, deren politisches Zentrum nahe der Ardennen liegen wird. Dieser Erfolg der Avignon-Franzosen scheint aber Lyon nicht viel zu bringen. Lyon liegt einiges nšrdlich des Tricastin. Nostradamus kšnnte hier gemeint haben, dass Lyon nach wie vor unter Kontrolle oder Belagerung entweder der EnglŠnder oder der Ardennen-Franzosen stehen wird.

 

Interessant wŠre vielleicht noch die Frage, weshalb die Angreifer aus dem Norden mit derart unerbittlichem Zorn gegen Avignon vorgehen werden und weshalb unser Seher diesen Zorn ausgerechnet als "hannibalisch" bezeichnet hat. Handelt es sich nur um eine Falle, um den Leser an nordafrikanische bzw. muslimische Angreifer denken zu lassen oder steckt mehr dahinter?

 

 

9/41

 

[1] Le grand Chyren1) soy saisir3) dÕAuignon2),

[2] De Rome lettres en miel plein dÕamertume4)

[3] Lettre ambassade partir de Chanignon5),

[4] Carpentras6) pris par duc8) noir7) rouge plume9).

 

[1] Der gro§e "Chyren"1) [wird] von Avignon2) Besitz ergreifen3).

[2] Aus Rom [werden] Briefe aus Honig [aber] voller Bitterkeit [kommen].4)

[3] [Ein] Gesandtschaftsbrief [wird] von Chavignon5) ausgehen.

[4] Carpentras6) [wird] eingenommen [werden] vom schwarzen7) Herzog8) [mit der] roten Feder9).

 

1) "CHYREN" (in einigen Ausgaben wird das "Y" z. T. durch ein "I" ersetzt) taucht wšrtlich in 2/79, 4/34, 6/27, 6/70, 8/54 und 9/41 auf. Dass es sich dabei um ein konstruiertes RŠtselwort handelt, wird wohl auch dadurch deutlich, dass "CHYREN" in den beiden Erstausgaben von 1555 in Gro§buchstaben gedruckt ist.

          Bei diesem "CHYREN" scheint es sich um eine Person, genauer um einen Kšnig zu handeln (4/34/2). Doch welchen Landes? In 8/54 und 9/41 wird "CHYREN" in Frankreich aktiv, was auf einen franzšsischen Kšnig hindeuten kšnnte. Dazu passen wŸrde, dass Nostradamus ihm in 2/79/3, 6/27/2, 6/70/1, 8/54/2 und 9/41/1 das Attribut "gro§" zugesellt, das auch "franzšsisch" bedeuten kann (vgl. dazu 1/32/1f. und 3/49/1f.). Allerdings gibt es bei "CHYREN" ebenso eine Spur in Richtung Islam: Unser Seher nennt ihn in 6/27/2 und 8/54/2 "Chyren Selin". "Selin" verweist dabei wohl auf die griechische Mondgšttin Selene, die bei Nostradamus mit gro§er Wahrscheinlichkeit ihrerseits auf die islamische Welt verweist (vgl. dazu die AusfŸhrungen zu "SELIN" in 4/77, Anmerkung 1). Kšnnte "CHYREN" somit ein Muslim sein? Mit Blick auf 4/77 und 2/79 kaum. "Selin" scheint bei Nostradamus vielmehr auch als Agnomen zu verstehen zu sein, das nach ršmischem Vorbild an den Sieg Ÿber islamische ("seline") MŠchte erinnern soll (vgl. dazu erneut 4/77, Anmerkung 1).

          Betrachten wir an dieser Stelle nun "CHYREN" als Wort. In der Literatur gilt "CHYREN" gemeinhin als Anagramm fŸr "HENRY(C)" (lat. Henrycus, dt. Heinrich), vgl. BRINDÕAMOUR, S. 308f., GRUBER, S. 136, und CLƒBERT, S. 314. Das wŸrde insofern passen, als dass NostradamusÕ eigener Kšnig den Namen Henri trug (Heinrich II. 1547-1559). Allerdings taugt dieser eher durchschnittliche Monarch nicht als Vorbild fŸr einen derart glŠnzenden und bedeutenden Herrscher wie "CHYREN" es sein wird.

          Das "C" in diesem Anagramm lŠsst sich tatsŠchlich auf die regionale (provenzalische) Variante des Namens zurŸckfŸhren, vgl. etwa CLƒBERT, S. 314f. Doch warum hat Nostradamus hier ausgerechnet diese Schreibweise fŸr die Konstruktion dieses RŠtselwortes gewŠhlt und nicht die franzšsisch "korrektere" wie in der Widmung an Kšnig Heinrich II. ("Henry")? Reiner Zufall? Ich halte Nostradamus fŸr raffiniert genug, dass er sich bei dieser Wahl durchaus etwas gedacht hat, v. a. wenn er den Begriff ursprŸnglich offenbar sogar in Gro§buchstaben gedruckt haben wollte. Sollte mit der HinzufŸgung eines "C" angedeutet werden, dass es sich bei "CHYREN" um einen neuen Karl den Gro§en (lat. Carolus Magnus) handeln wird, vgl. BRINDÕAMOUR, S. 309? Eine weitere Mšglichkeit wŠre, dass das "C" als stilisierte Mondsichel zu verstehen ist. Geht man von der meiner Ansicht nach zu kurz greifenden Hypothese aus, dass hinter "CHYREN" einfach Heinrich II. steckt, bezšge sich die Mondsichel wohl auf das Wappen des Kšnigs, in dem sich solche Sicheln finden, sowie auf die kšnigliche MŠtresse, die den Namen der ršmischen Mondgšttin trug - Diane de Poitiers, vgl. GRUBER, S. 138. Ich vermute dagegen vielmehr, das "C" steht Šhnlich wie das Agnomen "Selin" fŸr den Sieg Ÿber islamische KrŠfte. Das "C" erinnert grafisch nŠmlich an eine rechts gešffnete - und somit abnehmende - Mondsichel: den geschlagenen islamischen Gegner, dessen Macht abnimmt. "CHYREN" dŸrfte also etwa als "Mondsichel-Heinrich der Islambezwinger" zu verstehen sein. Doch es gibt noch weitere Deutungsebenen:

          Das Wort "CHYREN" erinnert an den Namen Chiron (auch: Cheiron). Zwei Begriffe, die im Franzšsischen zudem recht Šhnlich ausgesprochen werden. Chiron ist eine Gestalt der griech. Mythologie. Er lebte am Pelion, einem Berg in Thessalien. Sein Vater war Kronos (Saturn), der in Pferdegestalt der Nymphe Philyra beiwohnte. Aus diesem Grund war Chiron ein Mischwesen aus Mensch und Pferd und wurde deshalb zu den Kentauren gezŠhlt, obwohl diese eine ganz andere Herkunft hatten. Anders als die Kentauren besa§ Chiron einen edlen Charakter und zeichnete sich durch Gerechtigkeit, Milde und Fršmmigkeit aus. Chiron war u. a. Arzt und JŠger und besa§ die Unsterblichkeit. Er war Freund und Erzieher etlicher Heroen, z. B. des Achilles und des Herkules, und lehrte Heilkunst, JŠgerei und Leierspiel. Chiron wurde spŠter aber unglŸcklich durch einen vergifteten Pfeil des Herkules unheilbar verwundet und litt schreckliche Schmerzen. Aus diesem Grund verzichtete er auf seine Unsterblichkeit und schied aus dieser Welt. Heute steht er als Sternbild SchŸtze am Himmel, wohin er nach seinem Tod von Zeus (Jupiter) versetzt wurde. Anderen Auffassungen zufolge finden wir ihn allerdings vielmehr im Sternbild Zentaur.

          Schlie§lich erinnert "CHYREN" auch an Cyrus, die lat. Bezeichnung von Perserkšnig Kyros II. Kyros der Gro§e grŸndete das altpersische Reich. Bis zu seinem Tod 529 v. Chr. dehnte er das persische Weltreich im Westen bis zur €gŠis und im Osten bis nach Zentralasien aus. 539 v. Chr. eroberte er Babylon und ermšglichte den Juden die Heimkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft nach PalŠstina. Dort bauten die Juden den Tempel in Jerusalem wieder auf und errichteten ein jŸdisches Staatswesen, das unter verschiedenen fremden Oberhoheiten (Perser, Alexander der Gro§e, Seleukiden, Ršmer) bis zur Zerstšrung durch die Ršmer existierte (70 bzw. 135 n. Chr.). Im Alten Testament wird er Ÿberaus lobend und als Werkzeug Gottes geschildert: "So spricht Kyros, der Kšnig von Persien: Der Herr, der Gott des Himmels, hat mir alle Reiche der Erde verliehen. Er selbst hat mir aufgetragen, ihm in Jerusalem in Juda ein Haus zu bauen. Jeder unter euch, der zu seinem Volk [den Juden] gehšrt - der Herr, sein Gott, sei mit ihm -, der soll hinaufziehen." (2 Chr 36,23. Vgl. auch Esra 1 und Jesaja 44,24-28 sowie Jesaja 45).

2) Avignon taucht in den Zenturien-Strophen 1/71, 3/56, 3/93, 8/38, 8/52 und 9/41 auf. Die Rhone-Stadt war von 1309-1423 Papstsitz und gehšrte auch zur Zeit des Nostradamus nicht zum Kšnigreich Frankreich sondern zum Kirchenstaat. Daneben gibt es im franzšsischen Jura noch ein kleines Avignon-ls-Saint-Claude, etwa 35 km nordwestlich von Genf.

3) Oder auch: "erobern".

4) Hier lehnt sich Nostradamus an biblische Vorbilder an. In der Offenbarung des Johannes spricht der Prophet davon, dass er ein kleines Buch habe essen mŸssen, das im Mund sŸ§ wie Honig, im Magen aber bitter gewesen sei (Offb 10,8-10). €hnliches finden wir auch bei Ezechiel, der ebenfalls eine Buchrolle essen musste, die im Mund sŸ§ schmeckte aber mit Klagen und Wehrufen voll geschrieben war (Ez 2,8-3,3). In beiden FŠllen enthielten die BŸcher die AnkŸndigung, dass schwere Zeiten folgen wŸrden (Bitternis). Allerdings war es fŸr die EmpfŠnger der BŸcher (Johannes und Ezechiel) erfreulich, diese Botschaften zu erhalten, da sie so von Gott zu seinen Propheten erwŠhlt wurden (SŸ§e).

5) Lies: "Chauignon", vgl. ESTIENNE, S. 26. Chavignon ist ein Dorf in Nordostfrankreich, etwa 12 km sŸdwestlich von Laon und 110 km nordšstlich von Paris. Der Ort liegt zudem etwa 63 km sŸdwestlich von Hirson in der ThiŽrache, wo die Ardennen beginnen. Chavignon kšnnte also der kleine unbedeutende Ort in der NŠhe der Ardennen sein, von dem Nostradamus in 5/45, 1/32 und 3/49 spricht. In 1/32 nennt unser Seher den kleinen Ort "niedrig" - was auch im Sinne von "tief gelegen" verstanden werden kann. Sollte hier eine Anspielung auf den Ortsnamen vorliegen, zu dem man z. B. die Begriffe "cave" (Keller) und "vigneron" (Winzer) assoziierten kšnnte? Der Keller eines Winzers, also ein Weinkeller, wŠre nŠmlich tatsŠchlich ein "tief gelegener" Ort. Ebenfalls in 1/32 ist davon die Rede, dass der Herrscher in der Mitte des kleinen Ortes sein Zepter platzieren wird. Interessanterweise zeigt nun das Wappen des Bistums Laon in der Mitte einen Bischofsstab (04.05.2009), den man als geistliches Pendant eines Zepters verstehen kšnnte. Nur bedingt passt allerdings die Angabe, dass der kleine Ort in einer "kleinen" oder "unbedeutenden" Grafschaft liegt. Die Grafschaft Laon wurde bereits in der ersten HŠlfte des 13. Jahrhunderts zur DuchŽ-Pairie erhoben, was die Bischšfe von Laon zu Pairs von Frankreich machte und diese so rangmŠ§ig weit Ÿber gewšhnliche Grafen erhob. Hier kšnnte Nostradamus einmal mehr eines seiner Sprachspiele betrieben haben. "Laon" bedeutet im Mittelfranzšsischen u. a. auch "Fu§boden". D. h. Chavignons zur DuchŽ-Pairie erhobene Grafschaft namens Laon lag sprachlich am Boden, war in diesem Sinne also "klein" oder "unbedeutend". Weiter hei§t "Fu§boden" im Lateinischen "solum". Ein Wort, das als Adverb verstanden mit "nur, blo§" zu Ÿbersetzen ist. Ein weiterer Hinweis auf die angebliche Kleinheit oder Bedeutungslosigkeit dieses Territoriums.

6) Stadt 23 km nordšstlich von Avignon. In der Antike trug Carpentras die Namen Carpentoracte Meminorum und Forum Neronis (Markt des Nero)!

7) Oder auch: "boshaft", vgl. lat. "niger" (schwarz; boshaft, tŸckisch, bšse).

8) Oder auch: "AnfŸhrer, Feldherr", vgl. lat. "dux".

9) Auch im Sinne von "rotem Gefieder". Hier kšnnte der neue "Nero" aus 5/45 gemeint sein, den Nostradamus "Aenobarbus -Milannase" nennt. Wie in 5/45, Anmerkung 8 ausgefŸhrt, hat der Rotmilan ein rštliches Gefieder, was gut zu Aenobarbus ("Rotbart") passen wŸrde.

"CHYREN" bemŠchtigt sich Avignons und aus Rom treffen honigsŸ§-bittere Briefe ein. Aus Chavignon schreibt eine Gesandtschaft einen Brief. "Nero" marschiert Richtung Avignon und nimmt dabei Carpentras ein.

 

In der ersten Zeile erfahren wir, dass "CHYREN" (vgl. Anmerkung 1) Avignon in Besitz nehmen wird. Allerdings ist unklar, ob die Stadt schon zuvor Sitz der franzšsischen Regierung sein wird oder ob "CHYREN" sie erst dazu macht. Von einer Eroberung (und PlŸnderung) der Stadt lesen wir auch in 1/71/4 (5.118) - allerdings durch die Turiner. In 3/56 erfahren wir, dass Avignon (zusammen mit anderen StŠdten) am Ende eines Krieges unter "Pest, Donner und Hagel" leiden wird. Beide Strophen dŸrften jedoch nicht zum Umfeld von 3/93 und 9/41 gehšren. Zum einen, weil Italiener nicht in den innerfranzšsischen Konflikt einzugreifen scheinen und zum anderen, weil dieser Krieg hier bei der †bernahme von Avignon noch lange nicht an seinem Ende angelangt ist.

 

In 3/93 ist davon die Rede, dass die franzšsische Regierung in Avignon Halt machen wird. Von einer Eroberung oder dem dortigen Verbleib der Staatsspitze lesen wir nichts. Das Eine schlie§t allerdings das Andere nicht aus. So ist es mindestens mšglich, dass "CHYRENs" †bernahme der Stadt mit der †bersiedelung der Regierung aus 3/93 einhergeht. Vielleicht erobert "CHYREN" zuerst die Stadt, damit die restliche FŸhrung des Landes sich dort niederlassen kann?

 

Aus Rom werden dann honigsŸ§e Briefe bitteren Inhalts kommen. Doch wer ist deren Absender? Die Kurie? Ein weltlicher Machthaber? Der RŸckgriff auf biblische Vorbilder bei der Formulierung der Zeile (vgl. Anmerkung 4) kšnnte vielleicht auf die Kurie verweisen. Als Adressat kommt wohl v. a. "CHYREN" aus der ersten Zeile in Frage. Mit der HonigsŸ§e der Briefe ist mšglicherweise gemeint, dass der Absender "CHYREN" unterstŸtzt und dessen Herrschaft anerkennt. Die Bitterkeit lie§e sich etwa so verstehen, dass der Absender von seiner eigenen schwierigen Lage berichtet oder "CHYREN" ankŸndigt, dass auch auf diesen schwere Zeiten zukommen werden.

 

Auch aus Chavignon wird ein Brief losgeschickt (Zeile drei). Es handelt sich um einen Gesandtschaftsbrief, d. h. in Chavignon kšnnte sich eine diplomatische Vertretung oder eine Gruppe von UnterhŠndlern befinden, die diesen Brief absendet. Doch um wessen Gesandte handelt es sich und an wen ist dieser Brief gerichtet? Wie in Anmerkung 5 ausgefŸhrt, kšnnte es sich bei Chavignon um den kleinen unbedeutenden Ort handeln, in den gemŠ§ 5/45, 1/32 und 3/49 der Sitz der franzšsischen Regierung verlegt wird. Die Anwesenheit einer fremden Gesandtschaft in diesem Dorf wŠre somit erklŠrbar.

 

GemŠ§ Zeile vier wird in SŸdfrankreich gekŠmpft werden. Ein schwarzer oder boshafter Herzog bzw. AnfŸhrer mit roter Feder, mutma§lich der neue "Nero" (vgl. 5.17), erobert Carpentras. Er dŸrfte damit wohl in Richtung Avignon vorsto§en (vgl. Anmerkung 6), wo sich "CHYREN" aufhŠlt, und somit ein Feind des letzteren sein.

 

 

8/38

 

[1] Le Roy de Bloys1) dans Auignon2) regner

[2] Vne autre fois3) le peuple4) emonopolle5),

[3] Dedans le Rosne par murs6) fera baigner8)

[4] Iusques ˆ cinq le dernier pres de Nolle9).

 

[1] Der Kšnig aus Blois1) [wird] in Avignon2) regieren.

[2] Ein anderes Mal3) wird das Volk4) sich verschwšren5).

[3] Innerhalb der Mauern6) wird [er7) sie] in der Rhone baden gehen8) lassen.

[4] Bis zu fŸnf [StŸck], den Letzten in der NŠhe von Nola9).

 

1) Stadt an der Loire, etwa auf halbem Weg zwischen OrlŽans und Tours. In der Mitte der Stadt befindet sich das Schloss Blois, das vom franzšsischen Kšnig Ludwig XII. (1498-1515) und bis 1524 auch von Franz I. (1515-1547) als Hauptresidenz genutzt wurde. Ludwig XII. wurde 1462 sogar in diesem Schloss geboren und trug den zeitgenšssischen Beinamen "Pre du peuple" (Vater des Volkes). Die erste Zeile wird wšrtlich in 8/52/1 wiederholt.

2) Avignon taucht in den Zenturien-Strophen 1/71, 3/56, 3/93, 8/38, 8/52 und 9/41 auf. Die Rhone-Stadt war von 1309-1423 Papstsitz und gehšrte auch zur Zeit des Nostradamus nicht zum Kšnigreich Frankreich sondern zum Kirchenstaat. Daneben gibt es im franzšsischen Jura noch ein kleines Avignon-ls-Saint-Claude, etwa 35 km nordwestlich von Genf.

3) Im Sinne von "zuvor" oder auch von "erneut".

4) Oder auch: "Kriegsvolk".

5) Lies wohl: "en monopolle" (in Verschwšrung [sein]), vgl. CLƒBERT, S. 883. Das mittelfranzšsische "monopolle" kann allerdings auch ein Privileg, ein Monopol bezeichnen.

6) Mit "par murs" scheint Nostradamus das lat. "intra muros" (innerhalb der Stadtmauern, in der Stadt) widergeben zu haben. In Frankreich gibt es allerdings auch einige Orte mit dem Namen Murs: Ein Murs liegt etwa 65 km sŸdšstlich von Tours. Ebenfalls im nordwestlichen Frankreich, direkt sŸdlich von Angers, liegt Mžrs-ErignŽ. Im sŸdšstlichen Frankreich finden wir Murs-et-GŽlignieux, 66 km šstlich von Lyon, sowie ein Murs 34 km šstlich von Avignon.

7) Oder z. B. auch "man".

8) Auch im Sinne von "untergehen".

9) Mit "Nolle" kann entweder Nola, ca 25 km nordšstlich von Neapel gemeint sein oder das piemontesische Nole, etwa 20 km nordwestlich von Turin.

"CHYREN" regiert in Avignon. Das Volk verschwšrt sich jedoch gegen ihn. "CHYREN" bekŠmpft die Verschwšrung, indem er die AnfŸhrer in Avignon besiegen und einen davon sogar bis nach Italien verfolgen wird.

 

In der ersten Zeile erfahren wir, dass ein "Kšnig aus Blois" in Avignon regiert. Dass Avignon einmal der Aufenthaltsort der franzšsischen Regierung sein wird, ist 3/93 zu entnehmen. 9/41 enthŠlt die Information, dass "CHYREN" sich dieser Stadt bemŠchtigt. Ist nun "CHYREN" mit diesem "Kšnig aus Blois" identisch? Ein wichtiger Hinweis zugunsten dieser Annahme findet sich wohl in 4/77, wo zu erfahren ist, dass sich "(CHYREN) SELIN" ausgerechnet in oder bei Blois bestatten lŠsst. Zudem wird in Zusammenhang mit Avignon in den Strophen 9/41, 8/38 und 8/52 nur eine Person konkret genannt. Es bestehen somit gute GrŸnde anzunehmen, dass "CHYREN" dem "Kšnig aus Blois" entspricht. "CHYREN" dŸrfte also entweder in Blois geboren werden oder dort vielleicht seine Machtbasis haben. FŸr die Geburtshypothese sprŠche 10/44/2, wo Nostradamus einen "in Blois Geborenen" erwŠhnt, der wie "(CHYREN) SELIN" und der "Kšnig aus Blois" auch in Italien aktiv werden wird.

 

Wie der zweiten Zeile zu entnehmen ist, wird "CHYREN" in Avignon jedoch Probleme haben. Das Volk verschwšrt sich wenigstens einmal gegen den Nachfolger des "Pre du peuple" (vgl. Anmerkung 1).

 

Etwas unklar ist die zweite HŠlfte der Strophe. Sie dŸrfte aber wohl so zu verstehen sein, dass "CHYREN" etwa fŸnf Leute - wohl AnfŸhrer des Aufruhrs - in Avignon besiegen oder "baden wird gehen lassen". Und einem wird er sogar bis nach Nola (oder Nole) nachstellen.

 

 

 

8/52

 

[1] Le roy de Bloys1) dans Auignon2) regner,

[2] DÕAmboise3) & seme4) viendra le long de Lyndre5)

[3] Ongle6) ˆ7) Poyriers8) sainctes9) ¾sles10) ruiner

[4] Deuant Boni.11)

 

[1] Der Kšnig aus Blois1) [wird] in Avignon2) regieren.

[2] Von Amboise3) schwŠrmt [er] aus4) [und] wird entlang der Indre5) kommen.

[3] [Die] Klaue6) [wird] in7) Poitiers8) [die] heiligen9) FlŸgel10) zerstšren.

[4] Vor "Boni".11)

 

1) Stadt an der Loire, etwa auf halbem Weg zwischen OrlŽans und Tours. In der Mitte der Stadt befindet sich das Schloss Blois, das vom franzšsischen Kšnig Ludwig XII. (1498-1515) und bis 1524 auch von Franz I. (1515-1547) als Hauptresidenz genutzt wurde. Ludwig XII. wurde 1462 sogar in diesem Schloss geboren und trug den zeitgenšssischen Beinamen "Pre du peuple" (Vater des Volkes). Die erste Zeile wird wšrtlich in 8/38/1 wiederholt. Bei Nostradamus ist der "Kšnig aus Blois" mit aller Wahrscheinlichkeit "CHYREN", vgl. den Kommentar zu 8/38.

2) Avignon taucht in den Zenturien-Strophen 1/71, 3/56, 3/93, 8/38, 8/52 und 9/41 auf. Die Rhone-Stadt war von 1309-1423 Papstsitz und gehšrte auch zur Zeit des Nostradamus nicht zum Kšnigreich Frankreich sondern zum Kirchenstaat. Daneben gibt es im franzšsischen Jura noch ein kleines Avignon-ls-Saint-Claude, etwa 35 km nordwestlich von Genf.

3) Stadt an der Loire, etwa 23 km šstlich von Tours und 33 km sŸdwestlich von Blois. In der Stadt steht das Schloss Amboise, das zeitweise auch Residenz des franzšsischen Kšnigs war. Kšnig Karl VIII. (1470-1498) wurde in Amboise geboren.

4) Unklar. "& seme" ist mšglicherweise ein Fehldruck fŸr "essaime" (er schwŠrmt aus). CLƒBERT, S. 898, versteht "seme" (er sŠt) als "er dehnt sich - bzw. seine Macht - aus". Schlie§lich kšnnte "seme" auch noch das lat. "semet" (sich) meinen. Dann wŠre die Stelle vielleicht als "Von Amboise und sich (seiner Heimat Blois) aus" zu verstehen.

5) Lies: "lÕYndre". Fluss, der im Zentralmassiv entspringt und etwa 45 km westlich von Tours in die Loire mŸndet.

6) Das mittelfranzšsische "ongle" bedeutet u. a. "Kralle, Klaue, Pranke; Fingernagel". Da in der gleichen Zeile von Poitiers die Rede ist (vgl. Anmerkung 8) kšnnte "ongle" auch als dezenter Hinweis auf das Šhnlich klingende "anglois" (EnglŠnder) aufgefasst werden. Im Wappen von Poitiers finden wir zudem einen roten Lšwen - Šhnlich dem, den Richard Lšwenherz im Wappen trug (Lšwenherz war 1169-96 und 1198-99 Graf von Poitiers). Allerdings lautet der Wahlspruch von Avignon "Unguibus et rostro" (mit Krallen und Schnabel), was ebenfalls eine Spur sein kšnnte.

7) Oder auch mšglich: "[Die] Klaue von Poitiers".

8) Lies: "Poytiers". Poitiers liegt in Westfrankreich, etwa 93 km sŸdwestlich von Tours. Im HundertjŠhrigen Krieg zwischen England und Frankreich fand am 19. September 1356 die Schlacht von Poitiers (auch: Schlacht von Maupertuis) statt. In dieser entscheidenden Schlacht schlugen die EnglŠnder unter Eduard Prinz von Wales die Franzosen unter Kšnig Johann II. dem Guten (1319-1364). Dabei geriet der franzšsische Kšnig in Gefangenschaft. Der siegreiche Feldherr Eduard Prinz von Wales (1330-1376, auch: Edward of Woodstock) ist spŠter unter der Bezeichnung "Schwarzer Prinz" in die Geschichte eingegangen.

9) Oder auch: "makellos" usw. (vgl. lat. "sanctus").

10) Auch im Sinne von "HeeresflŸgeln", vgl. lat. "ala".

11) Die Zeile ist nur unvollstŠndig Ÿberliefert und bricht mit "Boni" ab. LE PELLETIER will in einer apokryphen Ausgabe der Prophezeiungen, die weder Datum noch Herausgeber aufweist, die ErgŠnzung zu "Deuant Boni[eux viendra la guerre esteindre]." gefunden haben. Ins Deutsche Ÿbertragen hie§e es also: "Vor Bonni[eux wird sich der Krieg beruhigen (oder auch: zu Ende gehen)]". Diese ErgŠnzung scheint das erste Mal in einer Ausgabe von 1791 aufzutauchen (10.05.2009). Bonnieux liegt etwa 42 km sŸdšstlich von Avignon. In Frankreich gŠbe es allerdings noch andere Toponyme, die mit "Boni" gemeint sein kšnnten. Besser zum geografischen Kontext der zweiten und dritten Zeile wŸrde Bonny-sur-Loire passen (vgl. auch CLƒBERT, S. 899). Bonny-sur-Loire liegt etwa 80 km sŸdšstlich von OrlŽans.

"CHYREN", der in Avignon residieren wird, steht in Amboise. Von dort wird er Richtung SŸdwesten bis zur Indre vorsto§en und dann dem Flusslauf folgen. Eine wohl englische "Klaue" kšnnte anschlie§end die Franzosen besiegen. Vor "Boni" (Bonny-sur-Loire?) wird etwas passieren.

 

In der ersten Zeile ist wieder vom "Kšnig aus Blois" (wahrscheinlich "CHYREN") die Rede, der in Avignon residiert. In 8/52 scheint er aber im nšrdlichen Zentralfrankreich aktiv zu sein.

 

In der zweiten Zeile erfahren wir, dass "CHYREN" von Amboise aus in sŸdwestlicher Richtung an die Indre vorsto§en und dort dem Flusslauf folgen wird.

 

In der zweiten HŠlfte der Strophe ist zur Zeit noch vieles unklar. Eine "Klaue" wird die "heiligen FlŸgel" zerstšren (dritte Zeile). Dabei kommt diese "Klaue" entweder aus Poitiers oder die Zerstšrung wird in/bei Poitiers stattfinden. Beide Spuren und die klangliche €hlichkeit zwischen "ongle" mit "anglois" verweisen wohl auf einen englischen Gegner (vgl. Anmerkung 6). Zudem errangen die Insulaner bereits im HundertjŠhrigen Krieg nahe Poitiers einen wichtigen Sieg (vgl. Anmerkung 8). Die Stadt liegt allerdings mehr als 50 km sŸdwestlich der Indre.

 

Doch was sind die "heiligen FlŸgel"? SinngemŠ§ mŸssten diese auf Seiten der Franzosen zu finden sein. Hier kšnnen wir zur Zeit allerdings nur spekulieren. Die heiligen Engel Gottes besitzen wohl ebenfalls heilige FlŸgel. Da hier von einer kriegerischen Auseinandersetzung die Rede ist, kšnnte unser Seher konkret an Erzengel Michael gedacht haben (den Patron der Krieger und Soldaten, Feiertag 29. September). Jeanne dÕArc sah in ihren Visionen St. Michael, und 1469 wurde in Amboise von Ludwig XI. der Michaelsorden gegrŸndet, dessen Oberhaupt der franzšsische Kšnig war. Es wŠre also denkbar, dass hier die Zerstšrung franzšsischer Truppen gemeint ist.

 

In Frankreich gŠbe es zudem eine ganze Reihe von Orten, die den heiligen Michael im Namen tragen, so etwa ein Saint-Michel-sur-Loire, etwa 27 km westlich von Tours. Wird dort vielleicht "CHYREN" von der "Klaue" geschlagen?

 

Was geschieht vor "Boni" (vielleicht Bonny-sur-Loire)?

 

 

 

 

2/79

 

[1] La barbe crespe & noire1) par engin2)

[2] Subiuguera4) la gent cruele & fiere3).

[3] Le grand CHYREN5) ostera du longin6)

[4] Tous les captifs par Seline7) baniere.

 

[1] Der schwarze Krausbart1) [wird] mit Geschick2)

[2] das grausame und schreckliche Volk3) unterwerfen4).

[3] Der gro§e "CHYREN"5) [wird sie] von der Leine6) befreien,

[4] alle Gefangenen des Mondsichelbanners7).

 

1) Ein "schwarzer Krausbart" taucht wohl auch in 5.100: 1/74/3 ("Le noir poil crespe": Der [mit dem] schwarzen, gekrausten Haar) und 5.44: 3/43/4 ("Le noir poil crespe": Der [mit dem] schwarzen, gekrausten Haar) auf, obwohl "(Haupt-) Haar" und "Bart" eigentlich zweierlei sind. Hier kšnnte Nostradamus an den lat. Begriff "caesaries" gedacht haben. "Caesaries" bezeichnet das Haupthaar, v. a. das gelockte, gekrauste Haupthaar. In OVIDs Metamorphosen (15,656) taucht das Wort allerdings bei der Beschreibung von Apollos Bart auch einfach als Synonym fŸr "Haar" im Allgemeinen auf ("caesariem longae [...] barbae": das Haar des langen Bartes). Es ist also durchaus zulŠssig, in 1/74/3 und 3/43/4 jemanden mit schwarzem, gekraustem Barthaar zu vermuten.

          Die Angabe "schwarz" kann sich auf die Farbe des Bartes beziehen. Oder unser Seher hat hier einmal mehr an das lat. "niger" gedacht, das neben "schwarz" u. a. auch "boshaft, tŸckisch, bšse" bedeuten kann. In diesem Fall wŠren auch die Stellen bei 1/74/3 und 3/43/4 folgenderma§en zu verstehen: "Le noir poil crespe": Der Boshafte [mit dem] gekrausten Haar.

          Von "BŠrten" ist auch an anderen Stellen der Zenturien die Rede, so etwa in 2/85/1 (5.34), 8/9/4 (5.16) und vielleicht auch 10/29/2 (5.151). Ob diese jedoch etwas mit dem "schwarzen Krausbart" zu tun haben, ist im Augenblick noch unklar.

          Unklar ist ebenso, wer fŸr diesen "schwarzen Krausbart" Pate gestanden haben kšnnte. Rufius Crispinus war unter Nero u. a. Befehlshaber der PrŠtorianer, wurde dann aber wegen Verschwšrung nach Sardinien verbannt. 
Sallust (Gaius Sallustius Crispus, 86-34 v. Chr.) war vor seiner Zeit als Geschichtsschreiber als Politiker und Feldherr ein Gefolgsmann CŠsars. 47 v. Chr. scheiterte er an der Aufgabe, in Kampanien eine Meuterei unter CŠsars Truppen zu beenden. 46 v. Chr. zeichnete er sich aber in CŠsars Afrikafeldzug aus und wurde dafŸr mit der Statthalterschaft in Afrika belohnt. Nach der Ermordung CŠsars (44 v. Chr.) zog er sich aus der Politik zurŸck und widmete sich der Geschichtsschreibung. 
Crispus, der Šlteste Sohn Konstantins des Gro§en wurde 316 n. Chr. CŠsar und war ab 320 Gouverneur von Gallien. Er war ein populŠrer und fŠhiger HeerfŸhrer, der die Germanen schlug und im Krieg gegen Licinius (den Rivalen Konstantins) die SeestreitkrŠfte befehligte. Konstantins zweite Frau, Fausta, beschuldigte Crispus, eine AffŠre mit ihr zu haben und ein Komplott gegen seinen Vater zu planen, worauf Konstantin Crispus tštete. Eine interessante Mšglichkeit wŠre L. Quinctius Cincinnatus (lat. "cincinnatus":  Lockenkopf, "cincinnus": gekrŠuseltes Haar). Cincinnatus war zweimal Diktator, als der er 458 v. Chr. die Rom angreifenden Aequer besiegte und 439 v. Chr. einen Aufstand der Plebejer niederschlug. Als Ršmer aus der FrŸhzeit der Republik trug er wahrscheinlich einen Bart. Allerdings strebte Cincinnatus - im Gegensatz zum "schwarzen Krausbart" - keineswegs nach Macht (vgl. 5.100: 1/74), was ihn zum Vorbild fŸr republikanische Tugenden werden lie§. In diesem Sinn wŠre der Krausbart also eine Ÿble ("schwarze") Version des Cincinnatus.

2) Oder auch: "List; (Kriegs-) Maschine".

3) "Cruele" bedeutet "grausam", "fiere" neben "stolz" u. a. ebenfalls "grausam" und "schrecklich". "Gent" ("Volk") bezeichnet zudem nicht nur eine Ethnie sondern "Leute" im weiteren Sinne, etwa auch ein "Kriegsvolk". Ein stolzes oder grausames Volk ("la gent fiere") findet sich in 2/70/3, in 9/69/2 (5.57) ist von Stolzen/Grausamen aus Grenoble die Rede ("de Grenoble les fiers") und von einer grausamen Gruppierung ("la faction cruelle") in 10/33/1. Das oben erwŠhnte grausame/stolze Volk kšnnte gut mit den SŸdwestfranzosen aus 3/43 (5.44) identisch sein, die der "schwarze Krausbart" in Italien besiegt. Es wird sich dabei um Leute handeln, die aus den Regionen um Tarn, Lot und Garonne stammen. Ein historisches Vorbild fŸr diese Leute kšnnten die ƒcorcheurs ("Halsabschneider") sein. Diese auch Armagnaken genannten ƒcorcheurs zogen wŠhrend des HundertjŠhrigen Krieges (1337-1453) mordend und plŸndernd durch Frankreich und das benachbarte Ausland. Es handelte sich dabei um arbeitslose Sšldner verschiedenster Herkunft, die nach 1435 (Ende des innerfranzšsischen BŸrgerkriegs) ihr Unwesen trieben. UrsprŸnglich waren die Armagnaken (Armagnacs) tatsŠchlich in SŸdfrankreich angeworbene Sšldner, die unter dem Kommando Bernhards VII. von Armagnac auf der Seite des Herzogs von OrlŽans gegen den Herzog von Burgund (und dessen Sšldner) kŠmpften. Armagnac liegt dabei direkt westlich des von Garonne, Tarn und Lot begrenzten Gebietes.

4) Oder: "besiegen". 


5) "CHYREN" (in einigen Ausgaben wird das "Y" z. T. durch ein "I" ersetzt) taucht wšrtlich in 2/79, 4/34, 6/27, 6/70, 8/54 und 9/41 auf. Dass es sich dabei um ein konstruiertes RŠtselwort handelt, wird wohl auch dadurch deutlich, dass "CHYREN" in den beiden Erstausgaben von 1555 in Gro§buchstaben gedruckt ist.

          Bei diesem "CHYREN" scheint es sich um eine Person, genauer um einen Kšnig zu handeln (4/34/2). Doch welchen Landes? In 8/54 und 9/41 wird "CHYREN" in Frankreich aktiv, was auf einen franzšsischen Kšnig hindeuten kšnnte. Dazu passen wŸrde, dass Nostradamus ihm in 2/79/3, 6/27/2, 6/70/1, 8/54/2 und 9/41/1 das Attribut "gro§" zugesellt, das auch "franzšsisch" bedeuten kann (vgl. dazu 1/32/1f. und 3/49/1f.). Allerdings gibt es bei "CHYREN" ebenso eine Spur in Richtung Islam: Unser Seher nennt ihn in 6/27/2 und 8/54/2 "Chyren Selin". "Selin" verweist dabei wohl auf die griechische Mondgšttin Selene, die bei Nostradamus mit gro§er Wahrscheinlichkeit ihrerseits auf die islamische Welt verweist (vgl. dazu die AusfŸhrungen zu "SELIN" in 4/77, Anmerkung 1). Kšnnte "CHYREN" somit ein Muslim sein? Mit Blick auf 4/77 und 2/79 kaum. "Selin" scheint bei Nostradamus vielmehr auch als Agnomen zu verstehen zu sein, das nach ršmischem Vorbild an den Sieg Ÿber islamische ("seline") MŠchte erinnern soll (vgl. dazu erneut 4/77, Anmerkung 1).

          Betrachten wir an dieser Stelle nun "CHYREN" als Wort. In der Literatur gilt "CHYREN" gemeinhin als Anagramm fŸr "HENRY(C)" (lat. Henrycus, dt. Heinrich), vgl. BRINDÕAMOUR, S. 308f., GRUBER, S. 136, und CLƒBERT, S. 314. Das wŸrde insofern passen, als dass NostradamusÕ eigener Kšnig den Namen Henri trug (Heinrich II. 1547-1559). Allerdings taugt dieser eher durchschnittliche Monarch nicht als Vorbild fŸr einen derart glŠnzenden und bedeutenden Herrscher wie "CHYREN" es sein wird.

          Das "C" in diesem Anagramm lŠsst sich tatsŠchlich auf die regionale (provenzalische) Variante des Namens zurŸckfŸhren, vgl. etwa CLƒBERT, S. 314f. Doch warum hat Nostradamus hier ausgerechnet diese Schreibweise fŸr die Konstruktion dieses RŠtselwortes gewŠhlt und nicht die franzšsisch "korrektere" wie in der Widmung an Kšnig Heinrich II. ("Henry")? Reiner Zufall? Ich halte Nostradamus fŸr raffiniert genug, dass er sich bei dieser Wahl durchaus etwas gedacht hat, v. a. wenn er den Begriff ursprŸnglich offenbar sogar in Gro§buchstaben gedruckt haben wollte. Sollte mit der HinzufŸgung eines "C" angedeutet werden, dass es sich bei "CHYREN" um einen neuen Karl den Gro§en (lat. Carolus Magnus) handeln wird, vgl. BRINDÕAMOUR, S. 309? Eine weitere Mšglichkeit wŠre, dass das "C" als stilisierte Mondsichel zu verstehen ist. Geht man von der meiner Ansicht nach zu kurz greifenden Hypothese aus, dass hinter "CHYREN" einfach Heinrich II. steckt, bezšge sich die Mondsichel wohl auf das Wappen des Kšnigs, in dem sich solche Sicheln finden, sowie auf die kšnigliche MŠtresse, die den Namen der ršmischen Mondgšttin trug - Diane de Poitiers, vgl. GRUBER, S. 138. Ich vermute dagegen vielmehr, das "C" steht Šhnlich wie das Agnomen "Selin" fŸr den Sieg Ÿber islamische KrŠfte. Das "C" erinnert grafisch nŠmlich an eine rechts gešffnete - und somit abnehmende - Mondsichel: den geschlagenen islamischen Gegner, dessen Macht abnimmt. "CHYREN" dŸrfte also etwa als "Mondsichel-Heinrich der Islambezwinger" zu verstehen sein. Doch es gibt noch weitere Deutungsebenen:

          Das Wort "CHYREN" erinnert an den Namen Chiron (auch: Cheiron). Zwei Begriffe, die im Franzšsischen zudem recht Šhnlich ausgesprochen werden. Chiron ist eine Gestalt der griech. Mythologie. Er lebte am Pelion, einem Berg in Thessalien. Sein Vater war Kronos (Saturn), der in Pferdegestalt der Nymphe Philyra beiwohnte. Aus diesem Grund war Chiron ein Mischwesen aus Mensch und Pferd und wurde deshalb zu den Kentauren gezŠhlt, obwohl diese eine ganz andere Herkunft hatten. Anders als die Kentauren besa§ Chiron einen edlen Charakter und zeichnete sich durch Gerechtigkeit, Milde und Fršmmigkeit aus. Chiron war u. a. Arzt und JŠger und besa§ die Unsterblichkeit. Er war Freund und Erzieher etlicher Heroen, z. B. des Achilles und des Herkules, und lehrte Heilkunst, JŠgerei und Leierspiel. Chiron wurde spŠter aber unglŸcklich durch einen vergifteten Pfeil des Herkules unheilbar verwundet und litt schreckliche Schmerzen. Aus diesem Grund verzichtete er auf seine Unsterblichkeit und schied aus dieser Welt. Heute steht er als Sternbild SchŸtze am Himmel, wohin er nach seinem Tod von Zeus (Jupiter) versetzt wurde. Anderen Auffassungen zufolge finden wir ihn allerdings vielmehr im Sternbild Zentaur.

          Schlie§lich erinnert "CHYREN" auch an Cyrus, die lat. Bezeichnung von Perserkšnig Kyros II. Kyros der Gro§e grŸndete das altpersische Reich. Bis zu seinem Tod 529 v. Chr. dehnte er das persische Weltreich im Westen bis zur €gŠis und im Osten bis nach Zentralasien aus. 539 v. Chr. eroberte er Babylon und ermšglichte den Juden die Heimkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft nach PalŠstina. Dort bauten die Juden den Tempel in Jerusalem wieder auf und errichteten ein jŸdisches Staatswesen, das unter verschiedenen fremden Oberhoheiten (Perser, Alexander der Gro§e, Seleukiden, Ršmer) bis zur Zerstšrung durch die Ršmer existierte (70 bzw. 135 n. Chr.). Im Alten Testament wird er Ÿberaus lobend und als Werkzeug Gottes geschildert: "So spricht Kyros, der Kšnig von Persien: Der Herr, der Gott des Himmels, hat mir alle Reiche der Erde verliehen. Er selbst hat mir aufgetragen, ihm in Jerusalem in Juda ein Haus zu bauen. Jeder unter euch, der zu seinem Volk [den Juden] gehšrt - der Herr, sein Gott, sei mit ihm -, der soll hinaufziehen." (2 Chr 36,23. Vgl. auch Esra 1 und Jesaja 44,24-28 sowie Jesaja 45).

6) BRINDÕAMOUR, S. 309, vermutet eine mŠnnliche Form von "longaigne" (Latrine, Kloake) und versteht das Wort hier als "stinkender Kerker". CLƒBERT, S. 314, sieht "longe" gemeint, was die Leine (oder den Riemen) bezeichnet, mit der man ein Pferd fŸhrt oder auch anbindet. "Longin" wŠre dann ein mŠnnlicher Neologismus zum weiblichen "longe". Schlie§lich kšnnte "longin" aber auch eine Anlehnung ans Lateinische "longinquitas" (u. a. Weite, weite Entfernung, Abgelegenheit) sein.

7) Das Wort "selin" taucht in den den Zenturien-Strophen 1/94, 4/77, 6/27, 6/42, 6/58, 6/78, 8/54 und 10/53 auf, die weibliche Form "seline" in 2/79 und 5/35. Die beiden 1557er Ausgaben geben den Begriff in 4/77/1 dabei in Gro§buchstaben wieder.

          "Selin/seline" wird in der Literatur fŸr gewšhnlich auf die griech. Mondgšttin Selene zurŸckgefŸhrt. Das ist sprachlich nachvollziehbar und durch den Umstand, dass ihr Geliebter Endymion an anderer Stelle von Nostradamus ebenfalls erwŠhnt wird (2/73/4), auch nicht unwahrscheinlich. Doch was meint unser Seher, wenn er sich auf die griech. Mondgšttin bezieht? Eines der Symbole der Selene (ršm. Luna) ist seit der Antike die Mondsichel. So passt denn auch die Verbindung "Chyren Selin" ("C" als Mondsichel verstanden), die wir in 6/27 und 8/54 vorfinden, gut in den Symbolkontext. In 6/27 ist zudem wšrtlich von der Mondsichel ("croissant") des gro§en Chyren Selin die Rede. 6/78/1 erwŠhnt den "grand Selin croissant", 7/25/4 den "croissant de Lune".

          Doch was symbolisiert die Mondsichel bei Nostradamus? Die Antwort dŸrften wir wohl in 10/95 (5.16) finden. Dort lesen wir, dass ein spanischer Kšnig die Mondsichel wird niedersinken lassen und den Leuten des Freitags (den Muslimen) die FlŸgel stutzen wird. Somit steht die Mondsichel wohl fŸr den Islam oder eine islamische Macht. Hat somit Muhammads Religion bei unserem Seher neben der Venus (dem Freitagsgestirn, vgl. dazu 5.58: 5/24/1) ein zweites Symbol bekommen? Ja und Nein. Die Mondsichel wurde erst Jahrhunderte nach Muhammads Tod zum Symbol seines Glaubens. So fŸhrten etwa die im 16. Jh. Europa bedrohenden Osmanen die Mondsichel in ihrer Fahne. Wenn Nostradamus also die Mondsichel verwendet, dŸrfte nicht der Islam als theologische Lehre an sich gemeint sein - dafŸr steht wohl die Venus. Sondern die Mondsichel verkšrpert wahrscheinlich eher eine islamische Macht (oder die islamische Welt) zu einem bestimmten Zeitpunkt. Man beachte in diesem Zusammenhang auch die €hnlichkeit zwischen dem tŸrkischen Namen Selim und "SELIN" (vgl. CLƒBERT, S. 548f.). Bis zur Epoche des Nostradamus gab es zwei osmanische Sultane bzw. Kalifen dieses Namens: Selim I. (1512-20) und Selim II. (1566-74). Wichtig ist dabei v. a. Selim I., der nach osmanischer Auffassung die KalifenwŸrde nach Istanbul holte.

          In den ersten beiden Zeilen von 4/77 ist davon die Rede, dass jemand "mit der Mondsichel" (= "SELIN") der christliche (!) Kšnig der Welt sein wird. Das schlie§t jedoch einen Muslim aus. Somit wird klar, dass das der Begriff "selin" auch einen Nicht-Muslim beschreibend begleiten kann. Konkret wohl "Chyren Selin", auf den wir in 6/27/2 und 8/54/2 treffen. Wie passt das aber zusammen? Hier dŸrfte Nostradamus einmal mehr dem antiken ršmischen Vorbild gefolgt sein. Im ršmischen Namenssystem wurden bedeutenden Persšnlichkeiten Beinamen verliehen, die z. B. an Erfolge im militŠrischen Bereich erinnern sollten. Bekannte Beispiele fŸr solche Cognomina - oder vielleicht richtiger: Agnomina - finden wir etwa bei Publius Cornelius Scipio Africanus (235-183 v. Chr.) oder Nero Claudius Drusus Germanicus (38 v. Chr.-9 n. Chr.), wobei letzterer sein Agnomen erst postum erhielt. Scipio Africanus erhielt seinen Beinamen dank des Sieges Ÿber Karthago in Africa, Drusus Germanicus den seinen aufgrund der FeldzŸge in Germanien, die ihn bis an die Elbe fŸhrten. Der "christliche Kšnig" namens "SELIN", der wohl mit "Chyren Selin" identisch sein dŸrfte, wird demnach also siegreich gegen die Muslime kŠmpfen.

Der "schwarze Krausbart" wird in Italien mit Geschick ein "grausames und schreckliches Volk" aus SŸdwestfrankreich unterwerfen. "CHYREN" wird die Gefangenen der Muslime - wohl die Juden - befreien.

 

In der dritten Zeile taucht wieder "CHYREN" auf, NostradamusÕ Lichtgestalt. Anders als in den Strophen zuvor, scheint "CHYREN" hier allerdings nicht in Zusammenhang mit dem innerfranzšsisch-britischen Krieg zu agieren.

 

Die zweite HŠlfte der Strophe berichtet, dass "CHYREN" alle "Gefangenen des Mondsichelbanners" befreien wird. Sprachlich lie§e sich die letzte Zeile allerdings auch so verstehen, dass er, der Mondsichel-Heinrich, die Gefangenen durch oder mit dem (seinem) Mondsichelbanner befreien wird.

 

Das "Mondsichelbanner" meint hier jedoch wohl ein muslimisches Banner, eine muslimische Macht, vgl. Anmerkung 7.

 

"CHYREN" wird die Gefangenen laut Zeile drei wohl von der "Leine" befreien, mit der sie gefangen gehalten werden. Oder unser Seher kšnnte gemeint haben, dass er sie aus dem weit entfernten Exil nach Hause zurŸckfŸhren wird, vgl. Anmerkung 6.

 

†ber die Gefangenen erfahren wir in dieser Strophe nichts. In 5/87 ist jedoch von der Beendigung der Knechtschaft der Juden, einer neuen Babylonischen Gefangenschaft die Rede. Zudem auch von jemandem aus dem franzšsischen Kšnigshaus, wohl "CHYREN".

 

Ich vermute, dass "CHYREN" - der neue Kyros - durch seinen Sieg Ÿber die muslimische Macht auch diese neue (hier: islamische) Gefangenschaft der Juden beenden wird.

 

Von Anfang und Ende einer neuen Babylonischen Gefangenschaft der Juden berichtet auch 5.31. Da aber dort nicht von "CHYREN" sondern vom franzšsischen "Adler" und einem neuen "David" die Rede zu sein scheint, ist es eher unwahrscheinlich, dass hier ein und dieselbe Gefangenschaft gemeint ist.

 

Den ersten beiden Zeilen von 2/79 ist zu entnehmen, dass ein "schwarzer Krausbart" ein "grausames und schreckliches Volk" besiegen wird. †ber den "schwarzen Krausbart" erfahren wir in 3/43 (5.44), dass er SŸdwestfranzosen in Italien besiegen wird. Es kšnnte sich bei ihm also etwa um einen italienischen Machthaber oder Feldherren handeln. GemŠ§ 1/74 (5.100) wird er stark nach der Herrschaft streben, aber vom neuen (franzšsischen) "Nero" vernichtet werden. Es stellt sich nun die Frage, wo der "schwarze Krausbart" nach der Macht streben wird. Sollte es sich um einen innenpolitischen und somit doch franzšsischen Gegner "Neros" handeln?

 

 

 

 

2/70

 

[1] Le dard1) du ciel fera son extendue2)

[2] Mors3) en parlant: grande execution4).

[3] La pierre en lÕarbre5), la fiere6) gent rendue7),

[4] Brut, humain monstre, purge expiation.

 

[1] Der Speer1) des Himmels wird [sich] seinen Raum schaffen2).

[2] [Der] Tod3) [trifft einen] im Sprechen. [Es ist ein] gro§es Massaker4).

[3] Der Stein [ist] im Baum5), das grausame6) Volk [wird sich] ergeben7) [haben].

[4] [Den] Wilden, [das] menschliche Ungeheuer, reinigt [die] SŸhne.

 

1) Der Dard war ein kurzer Wurfspeer mit Eisenspitze. Daneben bedeutet "dard" auch "Stachel". Mit dem erwŠhnten "Himmelsspeer" oder "Himmelsstachel" kšnnte Nostradamus einfach den Mars meinen, der u. a. mit einem Schwert oder einer Lanze dargestellt wurde und dessen astrologisches Zeichen aus einem Kreis (Rundschild) und einem Pfeil (Speerspitze) besteht.


          GRUBER, S. 158, Ÿbersetzt hier "Dolch" und vermutet - wohl in Anlehnung an BRINDÕAMOUR, S. 294 - einen Kometen. CLƒBERT, S. 304, sieht hier einen Blitz gemeint. Bei OBSEQUENS fallen in Kapitel 41 Speere vom Himmel, und von himmlischen Waffen ist in Kapitel 43 die Rede. Kapitel 6, 44 und 47 erwŠhnen die Bewegung der Speere, die im Mars-Heiligtum in Rom (der Regia) aufbewahrt wurden.

2) D. h. sich bzw. seinen Einflussbereich ausbreiten, vgl. CLƒBERT, S. 304.

3) Lat. "mors" (Tod). Oder sollte es "Mars" hei§en? Die ersten beiden Zeilen lie§en sich dann etwa so verstehen: "Der Speer des Himmels wird [sich] seinen Raum schaffen - [von] Mars ist die Rede - : [nŠmlich ein] gro§es Massaker". In diesem Fall wŸrde Nostradamus in der zweiten Zeile verdeutlichen, was er in der ersten meint. 


          BRINDÕAMOUR, S. 294, sieht hier "morts" (Tote), CLƒBERT, S. 304, einen einzelnen Toten ("mort") gemeint.

4) Neben "Hinrichtung" bedeutet das mittelfranzšsische "execution" u. a. auch "Zerstšrung, Massaker".

5) Es gibt verschiedene Mšglichkeiten, dieses Bild zu deuten. Der "Baum" steht aber meines Erachtens fŸr die Kirche, das Boot Petri (lat. "arbor" = Baum; Schiffsmast, Schiff; Kreuz Christi), vgl. 3/11 (5.46) und 3/91 (5.161). Analog mŸsste der "Stein" den Papst meinen, den TrŠger des Petrusamtes (lat. "petra" = Fels, Stein).
 Die mittelfranzšsische PrŠposition "en" entspricht oft dem modernen "dans" (in).

6) Das mittelfranzšsische "fiere" bedeutet neben "stolz" u. a. auch "grausam". "Gent" bezeichnet zudem nicht nur eine Ethnie sondern "Leute" im weiteren Sinne, etwa auch ein "Kriegsvolk". Ein stolzes oder grausames Volk ("la gent fiere") findet sich in 2/70/3, in 9/69/2 (5.57) ist von Stolzen/Grausamen aus Grenoble die Rede ("de Grenoble les fiers") und von einer grausamen Gruppierung ("la faction cruelle") in 10/33/1. Das oben erwŠhnte grausame/stolze Volk kšnnte gut mit den SŸdwestfranzosen aus 3/43 (5.44) identisch sein, die der "schwarze Krausbart" in Italien besiegt. Es wird sich dabei um Leute handeln, die aus den Regionen um Tarn, Lot und Garonne stammen. Ein historisches Vorbild fŸr diese Leute kšnnten die ƒcorcheurs ("Halsabschneider") sein. Diese auch Armagnaken genannten ƒcorcheurs zogen wŠhrend des HundertjŠhrigen Krieges (1337-1453) mordend und plŸndernd durch Frankreich und das benachbarte Ausland. Es handelte sich dabei um arbeitslose Sšldner verschiedenster Herkunft, die nach 1435 (Ende des innerfranzšsischen BŸrgerkriegs) ihr Unwesen trieben. UrsprŸnglich waren die Armagnaken (Armagnacs) tatsŠchlich in SŸdfrankreich angeworbene Sšldner, die unter dem Kommando Bernhards VII. von Armagnac auf der Seite des Herzogs von OrlŽans gegen den Herzog von Burgund (und dessen Sšldner) kŠmpften. Armagnac liegt dabei direkt westlich des von Garonne, Tarn und Lot begrenzten Gebietes.

7) Oder passiver: "[wird] Ÿbergeben [worden sein]".

Es kommt zu einem sehr blutigen Krieg. Die Kirche wird (danach) wieder einen Papst haben, das sŸdwestfranzšsische "grausame Volk" ist besiegt. Ein "menschliches Ungeheuer" wird durch eine SŸhneleistung von seinen SŸnden befreit.

 

In der ersten Zeile ist meines Erachtens von Kriegsgott Mars die Rede (dem "Speer des Himmels", vgl. Anmerkung 1, der sich "seinen Raum" schaffen wird. Mit diesem "Raum" oder Einflussbereich, vgl. Anmerkung 2, ist somit wohl einfach ein Krieg gemeint.

 

Die zweite Zeile gehšrt inhaltlich zur ersten. Klar ist, dass der Krieg ein gro§es Massaker sein wird. Weniger klar ist allerdings die †bersetzung der ersten HŠlfte der zweiten Zeile. Es scheint so, dass Nostradamus hier einen Tod beschreibt, der von der einen Sekunde auf die andere eintreten wird (einen mitten im Sprechen trifft). Zusammen mit der Information, dass es ein gro§es Massaker geben wird und der phantasievollen Umschreibung des Mars in der ersten Zeile ("Speer des Himmels") denkt man als heute lebender Mensch unweigerlich an eine moderne Massenvernichtungswaffe, etwa an eine einschlagende Atomrakete. Doch wie unter Anmerkung 3 vermutet, kšnnte hier ein simpler Druckfehler vorliegen, der aus dem ršmischen Kriegsgott Mars einen lateinischen Tod ("mors") gemacht hat. Diese ErklŠrung wŸrde nicht nur den zu modern anmutenden blitzartigen Tod eliminieren sondern inhaltlich gut zur ersten Zeile passen.

 

Die dritte Zeile beginnt Šhnlich geheimnisvoll wie es die erste HŠlfte des Vierzeilers ist. Etwas klarer ist allerdings deren zweiter Teil. Es ist vom "grausamen Volk" aus SŸdwestfrankreich (vgl. Anmerkung  6) die Rede, das sich ergeben oder das ausgeliefert werden wird (vgl. Anmerkung 7). In 2/79 erfahren wir, dass es der "schwarze Krausbart" sein wird, der dieses "grausame Volk" in Italien besiegt (vgl. 5.44: 3/43).

 

In der ersten HŠlfte der dritten Zeile ist von einem "Stein" die Rede, der sich im "Baum" befindet. Wie in Anmerkung 5 erwŠhnt, vermute ich,  dass damit der Papst gemeint ist, der (wieder) in der Kirche sein wird. Wie ist das zu verstehen? Gibt es zuvor eine Sedisvakanz, in der kein Papst existiert? Oder gibt es vielleicht einen Papst, der zunŠchst allerdings aus Rom wird fliehen mŸssen und nun wieder zurŸckkehrt? Da offensichtlich von einem Krieg in Italien die Rede ist, wŠre eine solche Flucht durchaus vorstellbar. Wird die RŸckkehr vielleicht erst durch die Niederlage des "grausamen Volkes" ermšglicht?

 

In der letzten Zeile ist von einem "menschlichen Ungeheuer" bzw. einem "Wilden" die Rede, der sich durch eine SŸhneleistung reinigen wird.

 

Die "Reinigung" durch "SŸhne" scheint auf den religišsen Bereich zu verweisen. ErhŠlt das "menschliche Ungeheuer" durch ein Werk der Bu§e den Ablass seiner SŸnden? Und wenn ja, von wem? Vielleicht vom zurŸckgekehrten Papst?

 

Und wer ist mit dem "menschlichen Ungeheuer" gemeint? Der "schwarze Krausbart"? Der besiegte AnfŸhrer des "grausamen Volkes"? Interessant ist, dass Nostradamus "CHYRENs" innerfranzšsischen Gegner, "Nero", in 9/76/2 (5.17) als "unmenschlich" bezeichnet. Von einem "Monster (= Ungeheuer) aus dem Lauragais" lesen wir in 10/5/4 (5.110). Damit kšnnte "Nero" gemeint sein, was wiederum zum "menschlichen Ungeheuer" von oben passen wŸrde (siehe ebenfalls 10/10). Auch wenn diese Parallen allein vielleicht nicht reichen, um eine Verbindung herzustellen, muss man sich hier fragen, in welchem VerhŠltnis "Nero" zum "grausamen Volk" steht. KŠmpft es auf seiner Seite? Ist "Nero" gar das Oberhaupt dieses "Volkes"?

 

 

5/87

 

[1] LÕan que Saturne1) hors2) de seruage,

[2] Au franc4) terroir sera dÕeau inundŽ:

[3] De sang Troyen5) sera son6) mariage7),8)

[4] Et sera seur dÕEspaignols circundŽ10).

 

[1] Im Jahr, in dem Saturn1) aus [der] Knechtschaft befreit2) [sein wird],

[2] wird [man3)] im freien4) Land von Wasser Ÿberschwemmt werden.

[3] Mit trojanischem Blut5) wird sein6) Vertrag7) [geschlossen] sein.8)

[4] Und [es9)] wird sicher [und] von den Spaniern umgeben10) sein.

 

1) Saturn (griech. Kronos) war der Gott des Ackerbaus. Selber ein Sohn des Uranus, wurde er von seinem eigenen Sohn Jupiter gestŸrzt und floh daraufhin ins Latium, wo er die Menschen den Ackerbau lehrte. Sein Tag war der Samstag (lat. "dies Saturni"), weshalb er bei Nostradamus auch fŸr das Judentum steht. CLƒBERT, S. 596f., fŸhrt aus, dass die Zuordnung Saturn-Judentum bereits bei der hl. Birgitta von Schweden (1524) existiert.

2) Wšrtlich: "heraus". 


3) Oder: "er" ("Saturn").

4) Das Adjektiv "franc" bedeutet "frei" im weitesten Sinne. Denkbar wŠre aber, dass Nostradamus bewusst das Wort "franc" als Anspielung auf "francique" (frŠnkisch) oder "franois" (franzšsisch) gewŠhlt hat. Dann wŠre mit dem "frŠnkischen/franzšsischen Land" Frankreich gemeint.

5) Der Begriff "troien" bzw. "troyen" (trojanisch) taucht in 1/19/2, 2/61/2, 5/74/1, 5/87/3 und 6/52/3 auf. In 3/51/4 ist von "Troye" die Rede, womit aber wohl die franzšsische Stadt Troyes und nicht das antike Troja gemeint sein dŸrfte. 1/19/2, 2/61/2, 5/74/1 und 5/87/3 sprechen dabei konkret vom "sang troien" (trojanischen Blut), 6/52/3 von einer "trojanischen Hoffnung". Das alte Troja lag in der heutigen NordwesttŸrkei. Als Nachkommen der Trojaner verstanden sich die Ršmer (Ÿber Aeneas) aber auch die Franzosen bzw. das franzšsische Kšnigsgeschlecht (Ÿber den sagenhaften Francus/Francion), vgl. GRUBER, S. 175. Darauf, dass bei Nostradamus mit dem "trojanischen Blut" die Franzosen oder genauer ein franzšsischer Herrscher gemeint ist, deutet 2/61/1f. hin, wo das Trojanerblut in unmittelbarem Zusammenhang mit einem Konflikt in Frankreich genannt wird.

6) Dieses "sein" scheint sich auf das "freie Land" zu beziehen. In 8/54/1 ist ebenfalls von einem Vertrag die Rede und auch dort verwendet Nostradamus den Begriff "mariage". Es kann somit vermutet werden, dass hier vom gleichen Abkommen die Rede ist.

7) "Mariage" kann neben "Ehe, Heirat" auch "Vertrag, BŸndnis" bedeuten. Ob dieses BŸndnis auch eine Eheschlie§ung umfassen wird - etwa zwischen "CHYREN" und der spanischen Infantin - lŠsst sich hier nicht entscheiden.

8) Sinn machen wŸrde auch die Korrektur zu: "Le sang Troyen fera son mariage" (Das trojanische Blut wird seinen Vertrag abschlie§en).

9) Mit "es" ist entweder das "freie Land" oder das "trojanische Blut" gemeint.

10) Im Sinne einer UnterstŸtzung (vgl. CLƒBERT, S. 664) oder auch einer Bedrohung (lies: "eingekesselt", vgl. lat. "circumdare").

Im Jahr, in dem die Juden aus der Knechtschaft befreit sein werden, wird das freie Frankreich unter †berschwemmungen zu leiden haben. Ein Vertrag macht jemanden aus dem franzšsischen Kšnigshaus (wohl "CHYREN") und die Spanier zu VerbŸndeten.

 

In der ersten HŠlfte der Strophe werden zwei Ereignisse chronologisch miteinander verknŸpft:

 

Zeile eins spricht davon, dass "Saturn" - das Judentum oder das jŸdische Volk - in einem bestimmten Jahr aus der Knechtschaft befreit sein wird. Als historisches Vorbild kommt hier wohl die Babylonische Gefangenschaft von 598  bis 539 v. Chr. in Frage. Dabei wurde durch Nebukadnezar II. ein gro§er Teil der Juden nach Babylon zwangsumgesiedelt. Ein Exil, das erst nach der Eroberung Babylons durch den Perserkšnig Kyros II. beendet wurde. Von einer neuen Babylonischen Gefangenschaft der Juden lesen wir in 5.251 (3/97 u. 8/96). Vgl. dazu aber auch 2/79.

 

In der zweiten Zeile erfahren wir, dass im Jahr, in dem die Juden ihre Freiheit wiedererlangen, das "freie Land" unter Wassermassen zu leiden haben wird. Das ist eine Parallele zu 2/25/4, wo gleichzeitig Loire, Sa™ne, Rhone und Garonne mit todbringenden Folgen Ÿber die Ufer treten. Mit dem "freien Land" wŠren somit die sŸdlichen zwei Drittel Frankreichs gemeint. In diesem Fall ist hier "franc" (frei) wohl auch als Anspielung auf "francique" (frŠnkisch) oder "franois" (franzšsisch) zu verstehen, vgl. Anmerkung 4. Da die genannten FlŸsse allerdings nur die sŸdlichen zwei Drittel Frankreichs umrei§en, wŠre es mšglich, dass im Norden des Landes noch ein weiterer Herrschaftsbereich existiert, der demzufolge "unfrei" sein mŸsste.

 

In der zweiten HŠlfte der Strophe kšnnte es wieder um das "freie Land" - wahrscheinlich das sŸdliche Frankreich - gehen. Mit ziemlicher Sicherheit ist jedoch von einem Angehšrigen der franzšsischen Kšnigsfamilie die Rede, einem Trojanerblut.

 

Dieser Troja-Abkšmmling wird einen Vertrag oder vielleicht sogar eine Ehe schlie§en. NŠheres erfahren wir hier nicht. Es kšnnte sich um einen Vertrag zwischen dem Trojanerblut und dem freien Frankreich handeln, vgl. Anmerkung 6. Oder vielmehr mit den Spaniern, die in der letzten Zeile auftauchen.

 

In der vierten Zeile ist wieder vom trojanischen Blut oder dem freien Frankreich die Rede. Es wird sicher und gleichzeitig von den Spaniern umgeben sein. Das schlie§t aber eine Einkesselung durch die Iberer eher aus, vgl. Anmerkung 10. Vielmehr mŸssen wir hier wohl daran denken, dass die Spanier VerbŸndete sein werden. Konkret wohl die Vertragspartner des Ilionsprosses, wozu die alternative †bersetzung aus Anmerkung 8 gut passen wŸrde.

 

 

8/54

 

[1] Soubsz la colleur du traicte mariage1),

[2] Fait magnanime3) par grand Chyren selin2),

[3] Quintin, Arras4) recouurez6) au voyage5)

[4] DÕespaignolz fait second banc macelin7).

 

[1] Unter dem Vorwand des geschlossenen Vertrages1)

[2] [wird] vom gro§en "Chyren Selin"2) [der] Gro§mŸtige3) gespielt.

[3] Saint-Quentin [und] Arras4) [werden] auf dem Feldzug5) zurŸckgewonnen6).

[4] Von Spaniern [wird eine] zweite Schlachtbank7) aufgestellt.

 

1) Lies: "traictŽ mariage". "Mariage" kann neben "Ehe, Heirat" auch "Vertrag, BŸndnis" bedeuten. GRUBER, S. 140, Ÿbersetzt hier  "Hochzeitsvertrag".

2) "CHYREN" (in einigen Ausgaben wird das "Y" z. T. durch ein "I" ersetzt) taucht wšrtlich in 2/79, 4/34, 6/27, 6/70, 8/54 und 9/41 auf. Dass es sich dabei um ein konstruiertes RŠtselwort handelt, wird wohl auch dadurch deutlich, dass "CHYREN" in den beiden Erstausgaben von 1555 in Gro§buchstaben gedruckt ist.

          Bei diesem "CHYREN" scheint es sich um eine Person, genauer um einen Kšnig zu handeln (4/34/2). Doch welchen Landes? In 8/54 und 9/41 wird "CHYREN" in Frankreich aktiv, was auf einen franzšsischen Kšnig hindeuten kšnnte. Dazu passen wŸrde, dass Nostradamus ihm in 2/79/3, 6/27/2, 6/70/1, 8/54/2 und 9/41/1 das Attribut "gro§" zugesellt, das auch "franzšsisch" bedeuten kann (vgl. dazu 1/32/1f. und 3/49/1f.). Allerdings gibt es bei "CHYREN" ebenso eine Spur in Richtung Islam: Unser Seher nennt ihn in 6/27/2 und 8/54/2 "Chyren Selin". "Selin" verweist dabei wohl auf die griechische Mondgšttin Selene, die bei Nostradamus mit gro§er Wahrscheinlichkeit ihrerseits auf die islamische Welt verweist (vgl. dazu die AusfŸhrungen zu "SELIN" in 4/77, Anmerkung 1). Kšnnte "CHYREN" somit ein Muslim sein? Mit Blick auf 4/77 und 2/79 kaum. "Selin" scheint bei Nostradamus vielmehr auch als Agnomen zu verstehen zu sein, das nach ršmischem Vorbild an den Sieg Ÿber islamische ("seline") MŠchte erinnern soll (vgl. dazu erneut 4/77, Anmerkung 1).

          Betrachten wir an dieser Stelle nun "CHYREN" als Wort. In der Literatur gilt "CHYREN" gemeinhin als Anagramm fŸr "HENRY(C)" (lat. Henrycus, dt. Heinrich), vgl. BRINDÕAMOUR, S. 308f., GRUBER, S. 136, und CLƒBERT, S. 314. Das wŸrde insofern passen, als dass NostradamusÕ eigener Kšnig den Namen Henri trug (Heinrich II. 1547-1559). Allerdings taugt dieser eher durchschnittliche Monarch nicht als Vorbild fŸr einen derart glŠnzenden und bedeutenden Herrscher wie "CHYREN" es sein wird.

          Das "C" in diesem Anagramm lŠsst sich tatsŠchlich auf die regionale (provenzalische) Variante des Namens zurŸckfŸhren, vgl. etwa CLƒBERT, S. 314f. Doch warum hat Nostradamus hier ausgerechnet diese Schreibweise fŸr die Konstruktion dieses RŠtselwortes gewŠhlt und nicht die franzšsisch "korrektere" wie in der Widmung an Kšnig Heinrich II. ("Henry")? Reiner Zufall? Ich halte Nostradamus fŸr raffiniert genug, dass er sich bei dieser Wahl durchaus etwas gedacht hat, v. a. wenn er den Begriff ursprŸnglich offenbar sogar in Gro§buchstaben gedruckt haben wollte. Sollte mit der HinzufŸgung eines "C" angedeutet werden, dass es sich bei "CHYREN" um einen neuen Karl den Gro§en (lat. Carolus Magnus) handeln wird, vgl. BRINDÕAMOUR, S. 309? Eine weitere Mšglichkeit wŠre, dass das "C" als stilisierte Mondsichel zu verstehen ist. Geht man von der meiner Ansicht nach zu kurz greifenden Hypothese aus, dass hinter "CHYREN" einfach Heinrich II. steckt, bezšge sich die Mondsichel wohl auf das Wappen des Kšnigs, in dem sich solche Sicheln finden, sowie auf die kšnigliche MŠtresse, die den Namen der ršmischen Mondgšttin trug - Diane de Poitiers, vgl. GRUBER, S. 138. Ich vermute dagegen vielmehr, das "C" steht Šhnlich wie das Agnomen "Selin" fŸr den Sieg Ÿber islamische KrŠfte. Das "C" erinnert grafisch nŠmlich an eine rechts gešffnete - und somit abnehmende - Mondsichel: den geschlagenen islamischen Gegner, dessen Macht abnimmt. "CHYREN" dŸrfte also etwa als "Mondsichel-Heinrich der Islambezwinger" zu verstehen sein. Doch es gibt noch weitere Deutungsebenen:

          Das Wort "CHYREN" erinnert an den Namen Chiron (auch: Cheiron). Zwei Begriffe, die im Franzšsischen zudem recht Šhnlich ausgesprochen werden. Chiron ist eine Gestalt der griech. Mythologie. Er lebte am Pelion, einem Berg in Thessalien. Sein Vater war Kronos (Saturn), der in Pferdegestalt der Nymphe Philyra beiwohnte. Aus diesem Grund war Chiron ein Mischwesen aus Mensch und Pferd und wurde deshalb zu den Kentauren gezŠhlt, obwohl diese eine ganz andere Herkunft hatten. Anders als die Kentauren besa§ Chiron einen edlen Charakter und zeichnete sich durch Gerechtigkeit, Milde und Fršmmigkeit aus. Chiron war u. a. Arzt und JŠger und besa§ die Unsterblichkeit. Er war Freund und Erzieher etlicher Heroen, z. B. des Achilles und des Herkules, und lehrte Heilkunst, JŠgerei und Leierspiel. Chiron wurde spŠter aber unglŸcklich durch einen vergifteten Pfeil des Herkules unheilbar verwundet und litt schreckliche Schmerzen. Aus diesem Grund verzichtete er auf seine Unsterblichkeit und schied aus dieser Welt. Heute steht er als Sternbild SchŸtze am Himmel, wohin er nach seinem Tod von Zeus (Jupiter) versetzt wurde. Anderen Auffassungen zufolge finden wir ihn allerdings vielmehr im Sternbild Zentaur.

          Schlie§lich erinnert "CHYREN" auch an Cyrus, die lat. Bezeichnung von Perserkšnig Kyros II. Kyros der Gro§e grŸndete das altpersische Reich. Bis zu seinem Tod 529 v. Chr. dehnte er das persische Weltreich im Westen bis zur €gŠis und im Osten bis nach Zentralasien aus. 539 v. Chr. eroberte er Babylon und ermšglichte den Juden die Heimkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft nach PalŠstina. Dort bauten die Juden den Tempel in Jerusalem wieder auf und errichteten ein jŸdisches Staatswesen, das unter verschiedenen fremden Oberhoheiten (Perser, Alexander der Gro§e, Seleukiden, Ršmer) bis zur Zerstšrung durch die Ršmer existierte (70 bzw. 135 n. Chr.). Im Alten Testament wird er Ÿberaus lobend und als Werkzeug Gottes geschildert: "So spricht Kyros, der Kšnig von Persien: Der Herr, der Gott des Himmels, hat mir alle Reiche der Erde verliehen. Er selbst hat mir aufgetragen, ihm in Jerusalem in Juda ein Haus zu bauen. Jeder unter euch, der zu seinem Volk [den Juden] gehšrt - der Herr, sein Gott, sei mit ihm -, der soll hinaufziehen." (2 Chr 36,23. Vgl. auch Esra 1 und Jesaja 44,24-28 sowie Jesaja 45).

3) Oder auch: "hochherzig, edel". Das lat. "magnanimus" bedeutet zudem ebenfalls "mutig". 
GRUBER, S. 140, versteht "magnanime" adverbial. "CHYREN" soll demgemŠ§ auf gro§zŸgige Art und Weise ("magnanime") den Vertrag aus der ersten Zeile arrangiert haben. "Magnanime" ist allerdings ein Adjektiv, das sich auf "fait" (Tat) beziehen kšnnte, oder ein Substantiv. Im ersten Fall wŠre die Zeile so zu verstehen: "[wird] vom gro§en 'Chyren Selin' [eine] edle Tat [vollbracht]." Oder wir verstehen "faire" als "vorspielen, geben" und erhalten die oben gewŠhlte †bersetzung.

4) Falls sich bei "recouurez" kein Druckfehler eingeschlichen hat, ist hier mit "Quintin" ein Ort gemeint und nicht wie in 4/8/3 der Tag des hl. Quintinius (31. Oktober). Von einem Saint-Quentin lesen wir auch in 9/29/4 und 9/40/1, beide Male in einem kriegerischen Zusammenhang.

          In Frankreich gibt es Dutzende von …rtlichkeiten namens Saint-Quentin. Und au§er Arras in Nordfrankreich - etwa 61 km nordwestlich von Saint-Quentin in der Picardie - auch noch ein Arras-en-Lavedan und ein Arras-sur-Rh™ne.

          Arras-en-Lavedan liegt unweit der spanischen Grenze, etwa 13 km sŸdwestlich von Lourdes. Ebenfalls in SŸdwestfrankreich liegt Saint-Quentin-la-Tour, etwa 25 km nordšstlich von Foix. Im Gro§raum Westfrankreich/Bordeaux gibt es ein Saint-Quentin-de-Baron, ein Saint-Quentin-de-Caplong und ein Saint-Quentin-de-Chalais. Arras-sur-Rh™ne finden wir rund 25 km nšrdlich von Valence. Und etwa 59 km nordšstlich von Arras-sur-Rh™ne liegt Saint-Quentin-Fallavier. Ein anderes Saint-Quentin (sur-Isre) liegt rund 60 km šstlich von Arras-sur-Rh™ne. Im sŸdlichen Rhonegebiet, etwa 31 km nordwestlich von Avignon, liegt Saint-Quentin-la-Poterie.

          Doch von welchem Saint-Quentin und welchem Arras spricht unser Seher? Die beiden bedeutendsten Orte sind hier sicher Saint-Quentin in der Picardie und Arras im Artois (beides Nordfrankreich). 1557 wurde Saint-Quentin von den Spaniern und EnglŠndern erobert und geplŸndert. Der franzšsische Kšnig Heinrich II. konnte die Stadt erst 1559 mit dem Frieden von Cateau-CambrŽsis wieder in Besitz nehmen. Ein Frieden, der mit zwei Eheschlie§ungen bekrŠftigt wurde. Heinrichs Tochter heiratete den Kšnig von Spanien und Heinrichs Schwester den Herzog von Savoyen, der die Spanier bei Saint-Quentin befehligt hatte. Nostradamus waren diese VorgŠnge offensichtlich alle bereits bekannt als er diese Strophe formuliert hat, zu auffŠllig sind die †bereinstimmungen. Allerdings dŸrfte es sich hierbei um gelegte falsche Spuren handeln ("mariage", "Chyren"), denn inhaltlich handelt es sich bei 8/54 eben nicht um eine Darstellung der Ereignisse von 1557/59. Weder wurde Saint-Quentin von Heinrich II. auf einem Feldzug oder einer Reise zurŸckgewonnen noch haben die Spanier damals ein zweites Gemetzel veranstaltet.

          Arras im Artois stand bis zur Zeit des Nostradamus im Spannungsfeld zwischen Frankreich und Burgund, spŠter Habsburg. In der Stadt wurden einige bedeutende VertrŠge abgeschlossen. 1414 etwa sicherte sich dort der englische Kšnig Burgunds UnterstŸtzung im Kampf um die franzšsische Krone. 1435 legten in Arras jedoch der franzšsische Kšnig Karl VII. (eines der Vorbilder fŸr "CHYREN", vgl. 6/70, Anmerkung 5) und Burgund ihren Konflikt bei. In diesem Friedensabkommen erhielt Burgund u. a. auch Saint-Quentin. England stand fortan allein da.

          Welche Orte hier mit Saint-Quentin und Arras gemeint sind, ist im Augenblick noch nicht zu entscheiden. Da in der vierten Zeile die Spanier auftauchen, sind jedenfalls die SŸdwestfranzšsischen Lšsungen (Saint-Quentin-la-Tour, Arras-en-Lavedan) wohl ebenfalls denkbar.

5) Das mittelfranzšsische "voyage" bedeutet neben "Reise" auch "Expedition, Unternehmen, Feldzug". 


6) Oder: "befreit, zurŸckerobert".

7) Provenz. "maseliŽ" (Fleischer, Metzger, Schlachter), vgl. 8/76/1 (5.198).

Unter dem Vorwand des Vertrages mit den Spaniern spielt "CHYREN" (den EnglŠndern gegenŸber) den Gro§mŸtigen. Auf einem Feldzug nach Nordfrankreich erobert er aber Saint-Quentin und Arras zurŸck. Die verbŸndeten Spanier eršffnen eine zweite Front.

 

Drei Elemente verbinden 8/54 mit 5/87: der Begriff "mariage" fŸr einen Vertrag, das Auftauchen eines Trojanerblutes (hier der franzšsische Kšnig "CHYREN SELIN") und die Spanier.

 

In der ersten Zeile ist mit ziemlicher Sicherheit wieder vom Vertrag die Rede, den wir bereits aus 5/87/3 kennen. Es dŸrfte sich dabei wahrscheinlich um einen Vertrag zwischen "CHYREN" und den Spaniern handeln, vgl. 5/87, Anmerkung 8 und den Kommentar.

 

Hier erfahren wir aber, dass dieser Vertrag als Vorwand benutzt werden wird. Und zwar von "CHYREN" (8/54/2). Der franzšsische Monarch wird jemandem falsche Gro§mŸtigkeit vorspielen. Doch wem? Da die Spanier als nunmehr VerbŸndete wohl ausscheiden, dŸrften entweder die EnglŠnder oder die AnhŠnger "Neros" die GetŠuschten sein.

 

In der dritten Zeile erfahren wir, dass Saint-Quentin und Arras auf einem Feldzug zurŸckgewonnen werden. Hier ist wahrscheinlich ein erfolgreicher Vorsto§ "CHYRENs" nach Nordfrankreich beschrieben, bei dem er auch die List der vorgespielten falschen Gro§mŸtigkeit einsetzen wird. Woraus diese TŠuschung genau bestehen wird, dŸrften wir in 2/25 erfahren.

 

Laut Zeile vier werden dann die verbŸndeten Spanier eine zweite "Schlachtbank" - wohl eine zweite Front eršffnen. Wahrscheinlich gegen die Briten oder die "Nero"-AnhŠnger. Doch wo? In SŸdwestfrankreich, wo es ebenfalls Ortschaften namens Saint-Quentin und Arras gibt, vgl. Anmerkung 4?

 

 

 

 

 

 

2/25

 

[1] La garde1) estrange trahira forteresse:

[2] Espoir2) & vmbre3) de plus hault mariage4).

[3] Garde deceue5), sort6) prinse dans la presse7),

[4] Loyre, Son. Rosne, Gar.8) ˆ mort oultrage9).

 

[1] Die fremde Wache1) wird [die] Festung verraten.

[2] [In der] Hoffnung2) [auf] und [unter dem] Vorwand3) des hšchsten Vertrages4).

[3] [Die] Wache [wird] getŠuscht5), kommt heraus6) [und wird] im GetŸmmel7) gefangen genommen.

[4] Loire, S[a]™n[e], Rhone [und] Gar[onne]8) [werden] bis [zum] Tod [im] †berma§9) [flie§en].

 

1) In der 1555er Ausgabe von Albi steht hier "garde" (Wache), in jener aus Wien "garce" (MŠdchen, leichtes MŠdchen, Dirne). Die beiden 1557er Ausgaben geben ein "garde" wieder, ebenfalls alle 1568er. FŸr "garce" sprŠche allerdings 5/12/2 (5.178), wo von einer "garse estrange" die Rede ist, mit der man eine Stadt nahe des Genfer Sees zu verraten versucht.

2) Das mittelfranzšsische "espoir" bedeutet neben "Hoffnung" auch "Furcht".

3) Vgl. die Wendung "soubz umbre de" (unter dem Vorwand).

4) "Mariage" kann neben "Ehe, Heirat" auch "Vertrag, BŸndnis" bedeuten. Ob dieses BŸndnis auch eine Eheschlie§ung umfassen wird - etwa zwischen "CHYREN" (dem "hšchsten" Franzosen) und der spanischen Infantin - lŠsst sich hier nicht entscheiden.

5) Oder u. a auch: "enttŠuscht".

6) In den beiden 1555er Ausgaben steht hier meines Erachtens "ſort", in den 1557ern aber eindeutig "fort". Sollte letzteres gemeint sein, wŠre "fort" wohl als AbkŸrzung fŸr "forteresse" aufzufassen. Dann hie§e die Zeile: "[Die] Wache [wird] getŠuscht [und die] Festung in der Schlacht genommen."

7) Oder u. a. auch: "Schlacht".

8) Oder vielleicht auch: "Gar[don]", der Gard nšrdlich von N”mes.

9) Oder u. a. auch: "[mit] Gewalt". Hier ist einfach von einer †berschwemmungskatastrophe die Rede, die weite Teile Frankreichs heimsuchen wird.

 

Eine franzšsische Festung oder Festungsstadt wird eine englische Wache haben, also von den Briten beherrscht werden. Diese EnglŠnder blicken erwartungsvoll auf "CHYRENs" Vertrag mit den Spaniern und verlassen unter falschen Hoffnungen - die von "CHYREN" genŠhrt werden - die Festung. So kšnnen die Insulaner ŸberwŠltigt und gefangen genommen werden. Zu dieser Zeit leiden gro§e Teile Frankreichs unter Loire, Sa™ne, Rhone und Garonne, die mit verheerenden Folgen Ÿber die Ufer treten.

 

In der ersten Zeile erfahren wir, dass eine fremde (auslŠndische) Wache eine Festung verraten, d. h. im Stich lassen wird. Und zwar wegen des "hšchsten Vertrages", der als Vorwand dienen aber gleichzeitig falsche Hoffnungen wecken wird (Zeile zwei). Damit ist wohl der Vertrag ("mariage") und die Kriegslist "CHYRENs" aus 8/54/1f. gemeint.

 

Da die Spanier zu "CHYRENs" VerbŸndeten geworden sind, bleiben als Fremde nur die EnglŠnder Ÿbrig. Es wird also wohl eine englische Wache sein, die eine Festung verraten wird. Doch von welcher Festung ist hier die Rede? In 8/54/3 erfahren wir, dass es einen Vorsto§ in den Norden, nach Saint-Quentin und Arras geben wird. Somit kšnnte die "Festung" eine dieser beiden StŠdte sein. Zu Arras und Saint-Quentin siehe 8/54, Anmerkung 4.

 

In der dritten Zeile erfahren wir, was genau passieren wird. Man ("CHYREN") tŠuscht die Wache, die daraufhin aus der Festung herauskommt. Mšglicherweise wird die TŠuschung darin bestehen, dass man die Besatzung in dem irrigen Glauben lŠsst, der Friedensvertrag mit den Spaniern gelte auch fŸr sie. Jedenfalls kann die Wache jetzt ŸberwŠltigt werden und der Zugang zur Festung ist nun frei. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die EnglŠnder in 6/43 bei der Eroberung von Paris ebenfalls eine Kriegslist angewandt haben.

 

In der vierten Zeile ist von verheerenden Hochwassern an Loire, Sa™ne, Rhone und Garonne die Rede. Damit dŸrften die Fluten gemeint sein, die gemŠ§ 5/87/2 den freien Teil Frankreichs heimsuchen werden.

 

 

4/86

 

[1] LÕan que Saturne en eau sera conioinct,

[2] Auecques Sol,1) le Roy fort & puissant:

[3] A Reims & Aix2) sera reeu & oingt,

[4] Apres conquestes meurtrira innocens3).

 

[1] Das Jahr, in dem Saturn im Wasser

[2] mit [der] Sonne [vereint sein wird,1) wird] der starke und mŠchtige Kšnig

[3] in Reims und Aachen2) empfangen und gesalbt [werden].

[4] Nach [den] Eroberungen wird [man den] Unschuldigen3) tšten.

 

1) Hier ist mšglicherweise eine astronomisch-astrologische Konstellation gemeint: Saturn kšnnte dabei im Zeichen Wassermann ("Wasser") in Konjunktion mit der Sonne stehen. Allerdings gehšrt der Wassermann entgegen seinem Namen nicht zu den Wasser- sondern zu den Luftzeichen. Die Wasserzeichen sind Krebs, Skorpion und Fische. Es wŠre also durchaus denkbar, dass die Konjunktion Saturn-Sonne in einem dieser drei Zeichen stattfinden wird.

          Auf der nichtastrologischen Symbolebene steht bei Nostradamus der Saturn fŸr das Judentum und die Sonne fŸr das (katholische) Christentum. Wir hŠtten somit einen Schulterschluss der Kirche mit dem Judentum vor uns, zu dem es in der Zeit des "Wassers" (vgl. oben) kommt. Ein Schulterschluss, der der Grund dafŸr sein kšnnte, weshalb "CHYREN" die Juden aus der islamischen Gefangenschaft befreit (vgl. 2/79). Interessanterweise wird die Befreiung der Juden zeitlich mit †berschwemmungskatastrophen in Frankreich zusammenfallen, vgl. 5/87.

2) Reims ist die Kršnungsstadt der franzšsischen Kšnige.

          Zu Aix: In Frankreich gibt es einige Orte, die "Aix" in ihrem Namen tragen. Der bedeutendste ist dabei Aix-en-Provence. Aix-la-Chapelle ist zudem die franzšsische Bezeichnung fŸr Aachen. In 1/71/3 (5.118) ist mit "Aix" die Stadt in der Provence gemeint, wohl auch in 2/88/4 (5.232) und 5/76/3 (5.185). In 4/86/3 wird ein "starker und mŠchtiger" Kšnig in "Aix" empfangen und gesalbt werden. Wenn man von der These ausgeht, dass Nostradamus keine zukŸnftigen Begebenheiten vorhersagt sondern nur ihm bereits Bekanntes noch einmal erzŠhlt, kšnnte hier vielleicht die Kršnung Karls VIII. (1483-1498) in Aix-en-Provence gemeint sein, mit der seine Herrschaft Ÿber die gerade erworbene Provence noch einmal verdeutlicht wurde (vgl. PRƒVOST, S. 113f., GRUBER, S. 133f. und CLƒBERT, S. 556). Allerdings passt die Beschreibung "stark und mŠchtig" nur beschrŠnkt zu Karl VIII. Dieser konnte zwar 1494 in Italien zunŠchst gro§e militŠrische Erfolge erringen, die er allerdings bereits im folgenden Jahr wieder verlor. Im getšteten Unschuldigen der letzten Zeile sieht PRƒVOST schlie§lich den in Europa exilierten osmanischen ThronprŠtendenten Cem Sultan (1459-1495), der in Capua - mutma§lich - von Seiten des Papstes vergiftet wurde.

          Aachen ist von seiner Bedeutung her aber wohl ein interessanterer Kandidat als Aix-en-Provence. Zwischen 936 und 1531 wurde die gro§e Mehrheit der deutschen Kšnige in Aachen gekršnt. So etwa zu Lebzeiten des Nostradamus Karl V. (1520) oder Ferdinand I. (1531). Interessant ist dabei v. a. Karl V., der mit Blick auf 6/70/2 eines der historischen Vorbilder fŸr "CHYREN", die kŸnftige Lichtgestalt unseres Sehers ist. Zu "CHYREN" wŸrde die Charakterisierung "stark und mŠchtig" zudem besser passen als zu Karl VIII. "CHYREN", der als Herrscher des Abendlandes in die Fu§stapfen Karls des Gro§en treten wird, mŸsste nun aber eher in Aachen denn in Aix-en-Provence gesalbt werden.

3) Lies: "innocent". Die Stelle lie§e sich auch so verstehen: "Éwird [der] Unschuldige tšten".

Im Jahr, in dem Saturn mit der Sonne im Wasser vereint sein wird, wird "CHYREN" in Reims und Aachen gesalbt, d. h. Kšnig von Frankreich und ršmisch-deutscher Kšnig werden. Nachdem er seinen Herrschaftsbereich ausgedehnt hat, wird "CHYREN" allerdings getštet.

 

In der zweiten und dritten Zeile ist ist von einem "starken und mŠchtigen Kšnig" die Rede, der in Reims und Aachen empfangen und gesalbt werden wird (vgl. Anmerkung 2). Somit mŸsste es sich um einen Monarchen handeln, der sowohl Kšnig von Frankreich als auch ršmisch-deutscher Kšnig sein wird. Als solcher wird er ein Nachfolger Karls des Gro§en sein. Das ist ein erster Hinweis auf "CHYREN", der bei unserem Seher diese Rolle einnimmt.

 

In der letzten Zeile spricht Nostradamus davon, dass man nach "Eroberungen" einen "Unschuldigen" tšten wird. Auch das ist wieder ein Hinweis auf "CHYREN" bzw. dessen mythologisches Namensvorbild Chiron (Cheiron). Chiron wurde von seinem Freund und SchŸler Herkules unglŸcklich mit einem vergifteten Pfeil getroffen. Da Chiron unsŠglich an den Schmerzen dieser Verletzung litt, gab er seine Unsterblichkeit auf und schied freiwillig aus dieser Welt. Nostradamus spricht hier von Chiron als dem "Unschuldigen". Dies wohl deshalb, weil er sich von den anderen, "echten" Kentauren durch seinen Charakter deutlich unterschied. Die Kentauren werden in der Mythologie als brutal, unbeherrscht und lŸstern beschrieben. DemgegenŸber war Chiron gerecht, mild und fromm - eben "unschuldig" und des Todes unwŸrdig. Die vierte Zeile schlŠgt eine BrŸcke zu 3/55/3, wo der "Gro§e aus Blois" ("CHYREN") von einem Freund ("Herkules") getštet wird.

 

Mit den "Eroberungen" der vierten Zeile, die dem Tod "CHYRENs" vorausgehen, sind wohl die Eroberungen dieses neuen Karls des Gro§en gemeint, vgl. etwa 6/42.

 

Noch unklar ist die "Vereinigung" von Saturn und Sonne im "Wasser" aus 4/86/1f. Hier kšnnte Nostradamus u. a. eine astronomische Konstellation meinen, vgl. Anmerkung 1. Oder wir haben vielmehr - auch - eine VerknŸpfung mit 5/87 und 2/25 vor uns, die uns bei der chronologischen Einordnung dieser Strophe hilft. "CHYREN" wird demnach in jenem Jahr Kšnig von Frankreich und ršmisch-deutscher Kšnig, in dem Frankreich von †berschwemmungen heimgesucht, die Juden befreit und die EnglŠnder besiegt werden.

 

 

6/42

 

[1] A logmyon1) sera laissŽ le regne2),

[2] Du grand Selin3) qui plus fera de faict4):

[3] Par les Italies5) estendra6) son enseigne7),

[4] Regi11) sera par prudent10) contrefaict9).

 

[1] Dem Ogmios1) wird die Herrschaft2) Ÿberlassen

[2] vom gro§en Mondsichel[-Heinrich]3), der allerdings4) [noch] mehr vollbringen wird.

[3] †ber die Italiker5) wird [er]6) sein Banner7) ausbreiten.

[4] [Es8)] wird von [einem] falschen9) Klugen10) gefŸhrt11) werden.

 

1) Lies: "lÕOgmyon". Ogmios ist die gallische Version des Herkules. Er war extrem alt, hatte wenig Haare, eine brandschwarze Haut, trug ein ein Lšwenfell und eine Keule in der rechten Hand. Zudem war er mit Pfeil und Bogen ausgestattet. Er zog eine gro§e Masse von MŠnnern nach sich,  die an den Ohren aneinandergekettet waren. Diese Kette zog Ogmios Ÿbrigens mit der Zungenspitze, die er dazu eigens durchstochen hatte. †berdies identifizierten die Kelten Ogmios mit der Beredsamkeit. Hier kšnnte also etwa ein Franzose gemeint sein, der vielleicht Ÿber rhetorische Gaben verfŸgt, mit denen er die Menschen "fesseln" kann. Dieser Mann muss zudem auch Ÿber reale Macht (Keule, Pfeil und Bogen) verfŸgen. "
Ogmios" wird in 5/80/1 (5.187), 6/42/1, 8/44/1 (5.216) und 9/89/4 (5.106) erwŠhnt. Die ršmische Entsprechung "Herkules" in 4/23/4 (5.100)?, 5/13/4 (5.47), 5/51/3, 9/33/1, 9/93/4, 10/27/1 (5.225) und 10/79/3 (5.58), wobei die ErwŠhnungen in 5/13/4 (5.47) und 5/51/3 aber wohl geografisch zu verstehen sind. GemŠ§ 10/79/3 (5.58) scheint "Herkules" aus der franzšsischen Kšnigsfamilie bzw. dem Hause Bourbon zu stammen. Nostradamus war dabei ein Herkules aus dieser Dynastie durchaus bekannt, nŠmlich Franz Herkules von Valois, Herzog von Alenon (1555-1584). Franz Herkules war der jŸngste Sohn Heinrichs II., der beim Tod unseres Sehers allerdings erst elf Lenze zŠhlte. Ein interessanteres antikes Vorbild finden wir in Maximianus Herculius (Maximian), der 286-305 neben Diokletian Mitkaiser des ršmischen Reiches war. Ihm unterstand dabei die WesthŠlfte des Reiches mit Gallien und Italien (vgl. 9/33). 305 traten Diokletian und Maximian zurŸck. Maximians Nachfolger im Westen (Constantius Chlorus) starb jedoch bereits 306, worauf Maximian wieder in die Politik eingriff. 307 ernannte er sich zum Kaiser (Augustus) des Westreiches, wurde aber 308 von Diokletian zur Abdankung gezwungen. Maximian floh nach Gallien zu seinem Schwiegersohn Konstantin (Sohn des Chlorus und seit 306 rechtmŠ§iger Kaiser des Westens). Als Konstantin 310 am Rhein Krieg fŸhrte, erklŠrte sich Maximian jedoch erneut zum Kaiser des Westreiches. Allerdings konnte sich Maximian nicht gegen Konstantin durchsetzen. Er wurde von seinen eigenen Soldaten an Konstantin ausgeliefert, der ihn in Marseille zum Selbstmord zwang.

2) Oder auch: "Kšnigreich, Land".

3) Das Wort "selin" taucht in den den Zenturien-Strophen 1/94, 4/77, 6/27, 6/42, 6/58, 6/78, 8/54 und 10/53 auf, die weibliche Form "seline" in 2/79 und 5/35. Die beiden 1557er Ausgaben geben den Begriff in 4/77/1 dabei in Gro§buchstaben wieder.

          "Selin/seline" wird in der Literatur fŸr gewšhnlich auf die griech. Mondgšttin Selene zurŸckgefŸhrt. Das ist sprachlich nachvollziehbar und durch den Umstand, dass ihr Geliebter Endymion an anderer Stelle von Nostradamus ebenfalls erwŠhnt wird (2/73/4), auch nicht unwahrscheinlich. Doch was meint unser Seher, wenn er sich auf die griech. Mondgšttin bezieht? Eines der Symbole der Selene (ršm. Luna) ist seit der Antike die Mondsichel. So passt denn auch die Verbindung "Chyren Selin" ("C" als Mondsichel verstanden), die wir in 6/27 und 8/54 vorfinden, gut in den Symbolkontext. In 6/27 ist zudem wšrtlich von der Mondsichel ("croissant") des gro§en Chyren Selin die Rede. 6/78/1 erwŠhnt den "grand Selin croissant", 7/25/4 den "croissant de Lune".

          Doch was symbolisiert die Mondsichel bei Nostradamus? Die Antwort dŸrften wir wohl in 10/95 (5.16) finden. Dort lesen wir, dass ein spanischer Kšnig die Mondsichel wird niedersinken lassen und den Leuten des Freitags (den Muslimen) die FlŸgel stutzen wird. Somit steht die Mondsichel wohl fŸr den Islam oder eine islamische Macht. Hat somit Muhammads Religion bei unserem Seher neben der Venus (dem Freitagsgestirn, vgl. dazu 5.58: 5/24/1) ein zweites Symbol bekommen? Ja und Nein. Die Mondsichel wurde erst Jahrhunderte nach Muhammads Tod zum Symbol seines Glaubens. So fŸhrten etwa die im 16. Jh. Europa bedrohenden Osmanen die Mondsichel in ihrer Fahne. Wenn Nostradamus also die Mondsichel verwendet, dŸrfte nicht der Islam als theologische Lehre an sich gemeint sein - dafŸr steht wohl die Venus. Sondern die Mondsichel verkšrpert wahrscheinlich eher eine islamische Macht (oder die islamische Welt) zu einem bestimmten Zeitpunkt. Man beachte in diesem Zusammenhang auch die €hnlichkeit zwischen dem tŸrkischen Namen Selim und "SELIN" (vgl. CLƒBERT, S. 548f.). Bis zur Epoche des Nostradamus gab es zwei osmanische Sultane bzw. Kalifen dieses Namens: Selim I. (1512-20) und Selim II. (1566-74). Wichtig ist dabei v. a. Selim I., der nach osmanischer Auffassung die KalifenwŸrde nach Istanbul holte.

          In den ersten beiden Zeilen von 4/77 ist davon die Rede, dass jemand "mit der Mondsichel" (= "SELIN") der christliche (!) Kšnig der Welt sein wird. Das schlie§t jedoch einen Muslim aus. Somit wird klar, dass das der Begriff "selin" auch einen Nicht-Muslim beschreibend begleiten kann. Konkret wohl "Chyren Selin", auf den wir in 6/27/2 und 8/54/2 treffen. Wie passt das aber zusammen? Hier dŸrfte Nostradamus einmal mehr dem antiken ršmischen Vorbild gefolgt sein. Im ršmischen Namenssystem wurden bedeutenden Persšnlichkeiten Beinamen verliehen, die z. B. an Erfolge im militŠrischen Bereich erinnern sollten. Bekannte Beispiele fŸr solche Cognomina - oder vielleicht richtiger: Agnomina - finden wir etwa bei Publius Cornelius Scipio Africanus (235-183 v. Chr.) oder Nero Claudius Drusus Germanicus (38 v. Chr.-9 n. Chr.), wobei letzterer sein Agnomen erst postum erhielt. Scipio Africanus erhielt seinen Beinamen dank des Sieges Ÿber Karthago in Africa, Drusus Germanicus den seinen aufgrund der FeldzŸge in Germanien, die ihn bis an die Elbe fŸhrten. Der "christliche Kšnig" namens "SELIN", der wohl mit "Chyren Selin" identisch sein dŸrfte, wird demnach also siegreich gegen die Muslime kŠmpfen.

4) GRUBER, S. 146, Ÿbersetzt die Stelle mit "der mehr Niederlagen ('defaict') erleiden wird". Die "defaict"-Vermutung finden wir auch bei CLƒBERT, S. 725, erwŠhnt. CLƒBERT liest hier aber selber "sera de faict" und versteht die Stelle als "wird nicht mehr in der Lage (dazu) sein, (sein Reich zu kontrollieren)." Beide Interpretationen ergeben aber nur einen wirklichen Sinn, wenn "Selin" als islamischer Machthaber verstanden wird, was nach meinem DafŸrhalten unzutreffend ist, vgl. Anmerkung 3. Das mittelfranzšsische "de faict" bedeutet "gewaltsam, mit Gewalt; tatsŠchlich, in der Tat; allerdings".

5) Lies wohl: "les Itales" (die Italiker - lat. "Itali"). Zwar steht in den beiden Ausgaben von 1557 - ebenso wie in den meisten 1568ern - "les Italies", doch ergibt diese Pluralform ("die Italien") keinen rechten Sinn. CLƒBERT, S. 726, sieht hier die verschiedenen Regionen gemeint, die die Apenninenhalbinsel bilden. Das wohl zutreffendere "Itales" finden wir in den 1568er Ausgaben von Dresden, Paris und Gregorio. Zudem taucht "Ital(l)es" auch in 10/24/1 (5.85) auf.

6) D. h. Mondsichel-Heinrich oder vielleicht auch Ogmios/Herkules.

7) Oder u. a. auch "Feldzeichen".

8) Damit ist entweder das Banner oder Italien gemeint, vgl. Anmerkung 11.

9) Das Adjektiv "contrefaict" bedeutet "hŠsslich, missgestaltet; betrŸgerisch, schurkenhaft; falsch, gefŠlscht, verfŠlscht; vorgetŠuscht". Das zugrundeliegende Verb "contrefaire" hei§t "nachahmen, imitieren; fŠlschen". Wir kšnnten hier also vielleicht einen betrŸgerischen oder vorgeblich Klugen vor uns haben. Oder etwa auch einen hŠsslichen Klugen bzw. klugen HŠsslichen.

10) Das Adjektiv "prudent" bedeutet "bedachtsam, klug, besonnen" aber auch "heikel, Besonnenheit erfordernd".

11) Das mittelfranzšsische "regir" bedeutet "regieren; befehligen, kommandieren". Doch wer ist hier das Objekt? "Les Itales" scheiden wohl aus, weil es sonst "regis seront" hei§en mŸsste. Das Banner/Feldzeichen ist auf Franzšsisch genauso weiblich wie Italien, was ein "regie" erforderte. Ein solcher Druckfehler wŠre allerdings durchaus mšglich. GRUBER, S. 146, umgeht dieses Problem, indem er die Stelle mit "[...] es wird [...] regiert werden" Ÿbersetzt.

"CHYREN" ŸberlŠsst "Herkules" seine deutsche Herrschaft, wŠhrend er selber weitere Taten vollbringt. Er wird Italien unterwerfen, dass von einem falschen "Klugen" ("Prometheus"?) regiert wird.

 

In der ersten HŠlfte der Strophe tauchen zwei Personen auf: "Ogmios", der gallische Herkules, und "CHYREN" ("Selin"). Beide dŸrften aus dem franzšsischen Kšnigshaus stammen (fŸr "Ogmios" vgl. Anmerkung 1). Wir erfahren, dass "CHYREN" die Herrschaft "Ogmios" ŸberlŠsst, weil er selber weitere Taten vollbringen wird. Das bedeutet zunŠchst einmal, dass "CHYREN" zu diesem Zeitpunkt bereits wenigstens eine Herrschaft besitzen muss - wahrscheinlich die Throne Frankreichs und Deutschlands, vgl. 4/86.

 

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass ein ršmisch-deutscher Kšnig auf seine Krone zugunsten eines Anderen verzichten kann, so wie Karl V. es 1558 fŸr seinen Bruder Ferdinand I. getan hat. Ein solcher Thronverzicht ist in Frankreich nicht mšglich. Dort kšnnen hšchstens die praktischen RegierungsgeschŠfte von jemand anderem ausgeŸbt werden. Da zu den Vorbildern fŸr "CHYREN" auch der erwŠhnte Karl V. gehšrt, vgl. 6/70/2, stellt sich hier die Frage, ob er und "Ogmios" nicht nur dem gleichen Haus Bourbon angehšren sondern vielleicht sogar BrŸder sind.

 

Was wird es konkret sein, das "CHYREN" laut Zeile zwei noch weiter vollbringen wird? Die Eroberung Italiens aus der dritten Zeile? Oder denkt Nostradamus hier eher an die Befreiung der Juden (vgl. 2/79/3f.)?

 

Noch unklar ist Zeile vier. Ein "falscher (vermeintlicher oder betrŸgerischer) Kluger" wird etwas anfŸhren. Wahrscheinlich Italien  - oder allenfalls auch das Banner (die Streitmacht) aus der dritten Zeile. Es handelt sich meines Erachtens aber wohl um Herrscher Italiens, den Gegner von "CHYREN" bzw. "Ogmios".

 

Nostradamus nennt diesen Machthaber den "Klugen" oder auch "Bedachtsamen, Besonnenen", vgl. Anmerkung 10. Das kšnnte vielleicht eine Anspielung auf das griech. "prometheus" sein, was "der Vorbedachte, der Vorsichtige" bedeutet. Der gleichnamige Titan Prometheus schenkte der griech. Mythologie zufolge den Menschen das Feuer und wurde deswegen von Zeus (Jupiter) an den Kaukasus gefesselt. Dort fra§ der gigantische Adler Ethon jeden Tag von der Leber des Prometheus, die sich aber - um die Qual andauern zu lassen - immer wieder erneuerte. Prometheus wurde jedoch von seinem Leiden erlšst. Zu dieser Befreiung gibt es zwei Versionen. In der bekannteren befreit Herkules den Prometheus und tštet dabei Ethon. In der anderen nimmt der von Herkules tšdlich verwundete Zentaur Chiron den Platz von Prometheus ein und geht an dessen Stelle in den Hades.

 

Auf Strophe 6/42 Ÿbertragen hie§e das, dass "Prometheus", der Beherrscher Italiens, entweder von "Ogmios" oder "CHYREN" aus einer sehr unangenehmen Lage befreit wird, sich dann aber nicht etwa als dankbar sondern als falsch und hinterhŠltig erweist. Und zwar in einem solchen Ma§e, dass Mondsichel-Heinrich oder "Ogmios" sich veranlasst sehen werden, Italien zu unterwerfen.

 

Bleibt vielleicht noch die Frage, weshalb Nostradamus diesem Herrscher den Namen "Prometheus" zugeordnet haben sollte. Vielleicht die sprachliche €hnlichkeit zwischen dem Namen des Titaten und dem Ausdruck "ich verspreche" in verschiedenen romanischen Sprachen (z. B. ital.: Prometeo - io prometto, span.: Prometeo - yo prometo, portug.: Prometeu - eu prometo)? Ein Machthaber mit dem Namen "Falsches-'ich verspreche'" wŠre dann wohl einer, der sein Versprechen nicht hŠlt.

 

 

 

 

9/33

 

[1] Hercules1) Roy de Rome2) & dÕAnnemarc3),

[2] De Gaule trois5) Guion4) surnommŽ6),

[3] Trembler lÕItale & l vnde7) de sainct Marc8),

[4] Premier sur tous monarque renommŽ.9)

 

[1] Herkules1) [wird] Kšnig von Rom2) und der Annamark3) [sein].

[2] [Er wird] AnfŸhrer4) der Tres Galliae5) genannt6) [werden].

[3] Zittern [werden] Italien und die Wellen7) bei San Marco8).

[4] [Er wird fŸr den] vorzŸglichsten Herrscher von allen gehalten [werden].9)

 

1) "Herkules" wird in 4/23/4 (5.100)?, 5/13/4 (5.47), 5/51/3, 9/33/1, 9/93/4, 10/27/1 (5.225) und 10/79/3 (5.58) genannt, wobei die ErwŠhnungen in 5/13/4 (5.47) und 5/51/3 aber wohl geografisch zu verstehen sind. Die gallische Entsprechung "Ogmios" taucht in 5/80/1 (5.187), 6/42/1, 8/44/1 (5.216) und 9/89/4 (5.106) auf.

          GemŠ§ 10/79/3 (5.58) scheint "Herkules" aus der franzšsischen Kšnigsfamilie bzw. dem Hause Bourbon zu stammen. Nostradamus war dabei ein Herkules aus dieser Dynastie durchaus bekannt, nŠmlich Franz Herkules von Valois, Herzog von Alenon (1555-1584). Franz Herkules war der jŸngste Sohn Heinrichs II., der beim Tod unseres Sehers allerdings erst elf Lenze zŠhlte. Ein interessanteres antikes Vorbild finden wir in Maximianus Herculius (Maximian), der 286-305 neben Diokletian Mitkaiser des ršmischen Reiches war. Ihm unterstand dabei die WesthŠlfte des Reiches mit Gallien und Italien (vgl. 9/33). 305 traten Diokletian und Maximian zurŸck. Maximians Nachfolger im Westen (Constantius Chlorus) starb jedoch bereits 306, worauf Maximian wieder in die Politik eingriff. 307 ernannte er sich zum Kaiser (Augustus) des Westreiches, wurde aber 308 von Diokletian zur Abdankung gezwungen. Maximian floh nach Gallien zu seinem Schwiegersohn Konstantin (Sohn des Chlorus und seit 306 rechtmŠ§iger Kaiser des Westens). Als Konstantin 310 am Rhein Krieg fŸhrte, erklŠrte sich Maximian jedoch erneut zum Kaiser des Westreiches. Allerdings konnte sich Maximian nicht gegen Konstantin durchsetzen. Er wurde von seinen eigenen Soldaten an Konstantin ausgeliefert, der ihn in Marseille zum Selbstmord zwang.

2) In den 1568er Ausgaben von Grasse, Stockholm, Lyon, Heidelberg und Schaffhausen steht hier "Romme". Das alte Rom hatte sieben Kšnige, bevor der letzte gestŸrzt und die Republik begrŸndet wurde. Mit dem "Kšnig von Rom" ist hier aber wohl eher der Herrscher des ršmisch-deutschen Reiches gemeint, der zwar bereits gewŠhlter ršmisch-deutscher Kšnig aber noch nicht gesalbter Kaiser war. In der Epoche des Nostradamus wurde der Titel "ršmischer Kšnig" zur Bezeichnung des designierten Nachfolgers des Kaisers. Hier ist wohl konkret der †bergang von Karl V. zu Ferdinand I. nŠher zu betrachten: Karl V. wurde 1519 ršmischer (bzw. "ršmisch-deutscher") Kšnig - und praktisch auch Kaiser (die Kršnung durch den Papst erfolgte allerdings erst 1531). Im gleichen Jahr 1531 wurde der Titel "ršmischer Kšnig" von Karl an seinen Bruder Ferdinand weitergegeben, was Ferdinand zum vorgesehenen Nachfolger auf dem Kaiserthron machte. 1556 trat Karl als Kaiser zurŸck und Ferdinand wurde zum neuen Kaiser (den Kaiser-Titel erhielt er offiziell allerdings erst zwei Jahre spŠter). Mit Blick auf die Informationen aus 6/42/1f. dŸrfte das bedeuten, dass "CHYREN" zunŠchst ršmisch-deutscher Kšnig und Kaiser sein wird, dann aber "Herkules"/"Ogmios" zum ršmisch-deutschen Kšnig macht und sich selber mit dem Kaisertitel begnŸgt.

3) Der Begriff "dÕAnnemarc" taucht auch in 4/27/3 (hier: "Dannemarc") und 6/41/1 auf (beide 5.151). Doch welches Land, welches Gebiet kšnnte Nostradamus als "Annamark" bezeichnet haben? Mit "Anna" ist wohl einfach der Frauenname gemeint. Eine Mark ("marc", auch: "marca", "marche") ist eine Grenzmark. Hier stellt sich somit in erster Linie die Frage, an welche "Anna" unser Seher gedacht hat. Da es sich bei "Herkules" um einen Angehšrigen der franzšsischen Kšnigsfamilie handelt, ist es wohl sinnvoll, sich in Frankreich nach geeigneten Kandidatinnen umzusehen. Die aussichtsreiche ist hierbei wahrscheinlich Herzogin Anne de Bretagne (1477-1514), deren Heirat mit dem franzšsischen Kšnig die Bretagne 1491 wieder mit Frankreich vereinte. Betrachten wir 9/33/1, fŠllt allerdings auf, dass der im deutschen Bereich angesiedelte Titel des "Kšnigs von Rom" in einem Atemzug mit der "Annamark" genannt wird. Einer "Annamark", die somit wohl ebenfalls eher in Mitteleuropa zu suchen sein wird und bei der es sich gleichfalls um ein Kšnigreich zu handeln scheint. Damit scheidet die westeuropŠische Bretagne aber aus, die seit dem zehnten Jahrhundert nur noch ein Herzogtum war. PRƒVOST, S. 165f. und mit ihm GRUBER, S. 183, sehen in 4/27/3 tatsŠchlich DŠnemark gemeint, was sprachlich auch in 6/41/1 und 9/33/1 mšglich wŠre ("dÕAnnemarc" als Druckfehler fŸr "Dannemarc"). Gemeint habe Nostradamus hier Holger den DŠnen - Holger Danske - (franz. "Ogier"), der gemŠ§ der mittelaterlichen "Chanson de Geste" (im "Cycle de Charlemagne/Cycle du Roi") zunŠchst als Geisel am Hofe Karls des Gro§en gelebt hat. Ein dŠnischer Prinz, der sich im Kampf gegen die Araber besonders ausgezeichnet hatte und dafŸr von Karl dem Gro§en zum Ritter geschlagen wurde. Es ist durchaus denkbar und wŸrde auch zu Nostradamus passen, dass er Ogier in seinen "Herkules" hat einflie§en lassen und er ihm deswegen auch den Namen "Ogmios" als Hinweis (oder falsche FŠhrte) auf Ogier gegeben hat. Doch wo wŠre die Verbindung von Rom und DŠnemark? Betrachten wir die beiden Paare "CHYREN"-"Herkules" und Karl V.-Ferdinand I., so finden wir bei Ferdinand I. wohl die Lšsung fŸr die "Annamark" des "Herkules". Hier dŸrfte LEONI, S. 227, recht gehabt haben, der "Anna" als Anna von Bšhmen und Ungarn (1503-1547), der Frau Ferdinands I. identifiziert hat. Als Ferdinand und Anna 1521 heirateten, war Annas Bruder Ludwig II. Kšnig von Bšhmen und Ungarn. 1526 starb der kinderlose Ludwig bei der Schlacht von Moh‡cs gegen die Osmanen. Damit wurde aber seine Schwester Anna Kšnigin von Bšhmen und Ungarn. GemŠ§ ihrem Recht ging allerdings die Krone an ihren Ehemann Ferdinand Ÿber, der nun u. a. auch Kšnig von Bšhmen und Ungarn wurde. Annas Mark, Annas Grenzland mŸsste somit entweder Bšhmen oder Ungarn sein. Das Kšnigreich Bšhmen, das zur Zeit des Nostradamus bereits Jahrhunderte zum ršmisch-deutschen Reich gehšrt hatte und nur in MŠhren an der Au§engrenze des Reiches lag, passt meines Erachtens nicht recht zu einer Grenzmark. Anders sieht der Sachverhalt allerdings im Falle Ungarns aus. Nach dem osmanischen Sieg 1526 in der oben erwŠhnten Schlacht von Moh‡cs kam bis 1568 der grš§te Teil Ungarns unter direkte oder indirekte Herrschaft der TŸrken (Vasallenstaat SiebenbŸrgen). Nur der westlichste Teil des Landes, das "Kšnigliche Ungarn", bildete eine habsburgische Grenzmark zum Osmanischen Reich. Dieses Kšnigliche Ungarn umfasste Gebiete in der heutigen šsterreichisch-slowakisch-ungarischen Grenzregion, die Hauptstadt war Pressburg (Bratislava). Dort lie§ sich Ferdinand auch 1526 zum Kšnig von Ungarn wŠhlen. Mit der "Annamark" dŸrfte also das Kšnigliche Ungarn gemeint sein.

4) Das mittelfranzšsische "guion" bedeutet "AnfŸhrer, FŸhrer, Chef".

5) Die meisten 1568er Ausgaben trennen die Wšrter "Gaule" und "trois" deutlich. Grasse, Chomarat und Schaffhausen schreiben sie jedoch enger zusammen. Mit "Gaule[s] trois" ist wohl das lat. "Tres Galliae" (Drei Gallien) gemeint. Dieses Gallien (ohne die Provincia Narbonensis) bestand aus drei Provinzen: Gallia Belgica, Gallia Lugdunensis und Aquitania. Es umfasste das heutige Frankreich ohne den SŸden aber - je nach Epoche - auch Teile der Schweiz, SŸd- und Westdeutschlands, der Niederlanden sowie Belgien und Luxemburg.

6) Nostradamus kšnnte hier "surnommer" (nennen) auch im Sinne von "nommer" (nennen, ernennen) verwendet haben. In diesem Fall wŸrde "Herkules" zum FŸhrer der Tres Galliae ernannt werden, wahrscheinlich von "CHYREN".

7) Wšrtlich: "die Welle". Hier ist wohl das Meer gemeint.

8) Dieses Sankt Markus ("saint Marc") ist wohl im italienischen Bereich zu suchen (vgl. "Itale"). Der heilige Markus (ital. "San Marco") ist der Schutzpatron Venedigs, das hier gemeint sein kšnnte. Daneben gibt es noch zwei Kaps mit Namen San Marco, eines liegt an der WestkŸste Sardiniens (nšrdlich des Golfes von Oristano), das andere im nordwestlichen Sizilien (westlich von Sciacca).

9) Oder etwa auch: "[Der] vorzŸglichste Herrscher [wird] vor allen gelobt [werden]." Das Adjektiv "premier" (erster) wurde hier als Bewertung aufgefasst, vgl. lat. "primarius" (vornehm, vorzŸglich, einer der Ersten). Wer wird hier fŸr etwas "gehalten" (oder auch: "gelobt, gefeiert")? "Herkules"? Wahrscheinlich ist es aber eher "CHYREN", der Italien erzittern lŠsst. Jedenfalls unterwirft er es in 6/42.

"Herkules/Ogmios" wird der Herrscher des ršmisch-deutschen Reiches analog zu Ferdinand I. sein. Man wird ihn FranzosenfŸhrer nennen. Dies entweder weil er als Franzose das ršmisch-deutsche Reich regiert oder weil er - von "CHYREN" -tatsŠchlich auch zum Regenten Frankreichs ernannt wird. Italien wird vor "CHYREN" zittern. Man wird "CHYREN" (oder "Herkules") fŸr den besten Herrscher von allen halten.

 

In der ersten Zeile wird "Herkules" bzw. "Ogmios" genannt. Aus 10/79/3 (5.58) wissen wir, dass es sich bei ihm um einen franzšsischen Bourbonen handelt. 9/33/1 ist nun zu entnehmen, dass er ršmisch-deutscher Kšnig und somit designierter Nachfolger von Kaiser "CHYREN" sein wird.Vgl. dazu 6/42/1f.  Er steht zu "CHYREN" also in einem Šhnlich nachgeordneten VerhŠltnis wie einst Maximian zu Diokletian (vgl. Anmerkung 1) oder Ferdinand I. zu Karl V. (vgl. Anmerkung 2). Die letztgenannte Parallele kšnnte bedeuten, dass die beiden Bourbonen "CHYREN" und "Herkules/Ogmios" BrŸder sind.

 

Die zweite Zeile lŠsst sich unterschiedlich verstehen. "Herkules" wird AnfŸhrer der (oder auch: aus den) Tres Galliae genannt werden. Doch von wem? Wenn ihn "CHYREN" so nennt, "ernennt" er ihn wahrscheinlich zum Regenten Frankreichs (vgl. Anmerkung 6). Vielleicht weil "CHYREN" zu Hause einen Stellvertreter braucht, wenn er nach Italien zieht (vgl. unten)? Doch das wŸrde bedeuten, dass "Herkules" die Regierungsverantwortung fŸr zwei gro§e LŠnder zu tragen hat. Eine Aufgabe, die allerdings wahrhaft "herkulische" KrŠfte erfordert. Eine andere Lesart wŠre, dass "Herkules" von seinen Untertanen im ršmisch-deutschen Reich einen Beinamen erhŠlt, etwa "FŸhrer aus Frankreich" oder auch "FranzosenfŸhrer". TrŠfe dies zu, kšnnte das sowohl ein Hinweis auf WertschŠtzung oder auch auf Ablehnung vonseiten der Untertanen sein.

 

Laut Zeile drei werden Italien und das Meer bei "San Marco" (Venedig, vgl. Anmerkung 8?) erzittern. Was sich nach einem Erdbeben anhšrt, ist wohl eher als Angst zu verstehen. Italien wird akut bedroht. Wahrscheinlich von "CHYREN", der es gemŠ§ 6/42 erobert.

 

Zeile vier berichtet, dass man "ihn" fŸr den besten aller Herrscher halten wird. Das kann auf die Lichtgestalt "CHYREN" und "Herkules" gleicherma§en zutreffen.

 

 

 

10/44

 

[1] Par lors quÕvn Roy sera contre les siens1),

[2] Natif de Bloys2) subiuguera Ligures3):

[3] Mammel4), Cordube & les Dalmatiens5),

[4] Des sept7) puis8) l՛bre6) ˆ Roy estrnes9) & lemures10).

 

[1] Dann, wenn [sich] ein Kšnig gegen die Seinen1) [stellen] wird,

[2] wird [der] in Blois2) Geborene [die] Ligurer3) unterwerfen.

[3] [Ebenso] Mars4), Cordoba und die Dalmatiner5).

[4] Das Abbild6) der Sieben7) [wird] danach8) dem Kšnig Vorzeichen9) und Schrecken10) [sein].

 

1) Damit kšnnen entweder die "Leute" des Kšnigs aus der ersten Zeile gemeint sein oder jene des in Blois Geborenen aus der zweiten Zeile.

2) In den 1568er Ausgaben von Dresden, Paris und Gregorio steht hier "Bloyes". Die Stadt Blois liegt etwa auf halbem Weg zwischen Tours und OrlŽans. In 8/38/1 und 8/52/1 taucht ein "Kšnig aus Blois" auf, mit dem hšchstwahrscheinlich "CHYREN" gemeint ist, vgl. den Kommentar zu 8/38. Der "in Blois Geborene" aus 10/44/2 dŸrfte seinerseits mit diesem "Kšnig aus Blois", d. h. "CHYREN", identisch sein. CLƒBERT, S. 1107, setzt den Kšnig aus 10/44/1 allerdings mit dem in Blois Geborenen aus der nŠchsten Zeile gleich.

3) Die antiken Ligurer lebten v. a. im heutigen nordwestitalienischen Ligurien. Im Rahmen der ršmischen Unterwerfung der Ligurer wurde ein Teil dieses Volkes nach Samnium umgesiedelt. Samnium lag im Bergland nordšstlich von Neapel.

4) In sŠmtlichen 1568er-Ausgaben steht hier "Mammel". In 6/49/1 (5.58) taucht der fast identische Begriff "Mammer" auf. Dort ist meines Erachtens damit der Mars gemeint (in der Variante "Mamers"). In 10/44/3 ist "Mammel" - wahrscheinlich ein Fehldruck von "Mammer" - wohl als geografische Angabe zu verstehen. Doch welche Orte oder Gebiete kšnnten mit dem Mars gemeint sein? Rom? Mars war der ršmische Kriegsgott und gehšrte in der Tiberstadt zu den am meisten verehrten Gšttern. Er bildete zusammen mit Jupiter und Quirinus eine altršmische Gšttertrias. Nach AGRIPPA VON NETTESHEIM 1,31 sind dem Mars folgene Gebiete zugeordnet: mit dem Widder England, Frankreich, Deutschland, Cšlesyrien (sŸdwestl. Syrien), IdumŠa und JudŠa (sŸdl. u. zentrales Israel/PalŠstina) sowie mit dem Skorpion Syria (Syrien u. Libanon), Kommagene (SŸdtŸrkei nšrdl. von Syria), Kappadokien (zentrales Kleinasien nordwestl. von Kommagene), Metagonitis (marokkanische MittelmeerkŸste), Mauretania (Nordafrika westl. der algerisch-tunesischen Grenzregion) und Gaetulien (wesentliche Teile Inneralgeriens). Vgl. dazu auch PTOLEM€US, Tetrabiblos 2,3. Nach Mamers (Mars) benannten sich auch die Mamertiner ("Sšhne des Mars"), Sšldner aus Kampanien, die im Dienste des Herrschers von Syrakus standen. 288 v. Chr. eroberten sie Messina und errichteten dort einen RŠuberstaat. Falls mit "Mammer" also ein Gebiet gemeint sein sollte, kŠme dafŸr ebenfalls Nordostsizilien bzw. Messina in Frage. Im benachtbarten Kalabrien gibt es allerdings noch ein Oppido Mamertina (lat. Mamertium, Mamertum, Martis, Mavortis), etwa 40 km nordšstlich von Reggio di Calabria. Im nordwestlichen Frankreich, etwa 40 km nordšstlich von Le Mans, finden wir den Ort Mamers. Und in Luxemburg existieren ein Fluss und eine Gemeinde namens Mamer.

          Und sollte es tatsŠchlich "Mammel" hei§en? In Kalabrien, etwa 60 km nordšstlich von Reggio, liegt Mammola. CLƒBERT, S. 733 u. 1107, sieht hier die Memel (lat. Memela, Memula), den heute litauischen Njemen gemeint. Da in dieser Zeile von SŸdspanien (Cordoba) die Rede ist, kšnnte auch ein Gebiet in diesem Raum gemeint sein. Vielleicht stecken in "Mammel" "mamelle" (Brust,  Busen) und "Melilla" (span. Stadt an der nordafrikanischen KŸste). Dann wŠre wohl der Meeresbusen bei Melilla gemeint, vgl. lat. "sinus" (u. a. Brust, Meeresbusen usw.).

5) Dalmatien ist Teil der kroatischen AdriakŸste. Die ršmische Provinz Dalmatia umfasste hingegen die gesamte AdriakŸste von Istrien bis ins nšrdliche Albanien sowie angrenzende Gebiete in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro.

6) Das mittelfranzšsische "›bre" bedeutet u. a. "Schatten, Schattenriss; Geist, Gespenst; Spiegelbild, Abbild; Finsternis". Dieses "Abbild" dŸrfte das Subjekt der letzten Zeile sein, vgl. Anmerkung 7.

7) Wenn das "Abbild der Sieben" das Subjekt in dieser Zeile ist, vgl. Anmerkung 6, gilt es zu wissen, was oder wer mit diesen Sieben gemeint ist. Ich vermute hier die sieben klassischen Planeten, deren Abbild sich in einem Horoskop findet. Eine Interpretation, die gut zu den erwŠhnten "Vorzeichen" passen wŸrde.

8) Das hier eingeschobene "puis" bedeutet "danach, darauf". Falls damit aber der Plural von "pui" gemeint sein sollte, hŠtten wir sieben Quellen, Brunnen oder Gruben vor uns. In diesem Fall kšnnte Nostradamus vielleicht an das antike "Septem Aquae" gedacht haben, die Gegend der sieben BŠche bei Reate (heute Rieti in den Sabiner Bergen, etwa 80 km nordšstlich von Rom).

9) Das mittelfranzšsische "estrne" bedeutet u. a. "Vorzeichen; Neujahrsgeschenk, BegrŸ§ungsgeschenk; Anfang, Beginn".

10) Das lat. "lemures" bezeichnet bšsartige Gespenster und Spukgeister. Im alten Rom bewirtetet man sie wŠhrend des Lemurenfestes (9.-12. Mai), um sie zu besŠnftigen. Hier kšnnte Nostradamus wieder eines seiner Wortspiele betreiben. Konkret bšten sich hierfŸr das lat. "umbra" (u. a. Schatten, Gespenst, Schreckbild) oder das griech. "fantasma" (u. a. Gespenst, gšttliches Vorzeichen) an. Ich vermute, diese Lemuren (bšsartige Gespenster) dŸrften am ehesten fŸr verhei§ene Schrecken stehen. Und mšglicherweise wollte uns Nostradamus mit der Wahl dieses Begriffes zusŠtzlich einen Hinweis auf den Zeitpunkt des Geschehens liefern: die Zeit des Lemurenfestes, d. h. 9.-12. Mai.

"CHYREN" wird Ligurien unterwerfen und dŸrfte damit seinen Italienfeldzug beginnen. Zu diesem Zeitpunkt wird ein Kšnig (vielleicht der Herrscher Italiens?) in Opposition zu seinen eigenen Leuten stehen. "CHYREN" wird Dalmatien, SŸdspanien und wohl auch die marokkanisch-algerische MittelmeerkŸste erobern. FŸr den erwŠhnten Kšnig werden die Sterne nichts Gutes verhei§en.

 

In der zweiten Zeile ist wohl von "CHYREN" die Rede, vgl. Anmerkung 2. Er wird Ligurien unterwerfen. Dieser Vorsto§ nach Italien kšnnte zu 8/38 gehšren, wo "CHYREN" einen AufrŸhrer bis nach Italien (Nola oder Nole) verfolgt. Falls dort das sŸditalienische Nola gemeint sein sollte, kšnnte der Franzose unterwegs gut Ligurien besetzen.

 

Ich vermute allerdings eher, dass 10/44 zur Eroberung Italiens ab 6/42 gehšrt und dass in 8/38 lediglich von einer Verfolgungsjagd ins piemontesische Nole gesprochen wird.

 

Dazu kšnnte passen, dass in 10/44/3 von ebenfalls weit ausgreifenden EroberungszŸgen die Rede ist. Wir erfahren, dass "CHYREN" "Mars", Cordoba und die Dalmatiner erobern wird. Dalmatien gehšrte nach 1526 grš§tenteils zum Osmanischen Reich. Nur einige venezianische KŸstenstŠdte und die Republik Dubrovnik (Ragusa) blieben ausgespart.

 

Das sŸdspanische Cordoba wurde 1236 der muslimischen Herrschaft entrissen. Mit Cordoba kšnnte Nostradamus aber nicht nur an die eigentliche Stadt sondern an das ehemalige Emirat bzw. Kalifat von Cordoba (756-929 bzw. 929-1031) gedacht haben. Sollte diese Annahme zutreffen, wird es also zukŸnftig in (SŸd-) Spanien einen islamischen Staat oder Teilstaat geben, der spŠter von "CHYREN" erobert werden wird.

 

Dass dort einmal tatsŠchlich eine muslimische Herrschaft errichtet werden wird, erfahren wir in 5.222 (3/20 - 8/51). Dabei wird es ein "Byzantiner" (wahrscheinlich: "Osmane") sein, der SŸdspanien samt Cordoba fŸr den Islam in Besitz nehmen wird.

 

Doch was kšnnte unser Seher mit dem Mars gemeint haben? Mit Blick auf die italischen Ligurer der ersten Zeile bieten sich hier am ehesten noch die sŸditalienischen Lšsungen in Nordostsizilien bzw. Kalbrien an, vgl. Anmerkung 4. Da der Mars ("Mammel") aber unmittelbar vor Cordoba erwŠhnt wird, kšnnte die andalusische Stadt auch ein Hinweis auf die hier gemeinten Gebiete sein. Konkret wŠren dies wohl die Metagonitis (marokkanische MittelmeerkŸste) und/oder Mauretania (Nordafrika westl. der algerisch-tunesischen Grenzregion). Gesamthaft also der afrikanische KŸstenstreifen sŸdlich des frŸheren Emirates/Kalifates von Cordoba.

 

In der ersten und vierten Zeile der nebenstehenden Strophe taucht ein Kšnig auf, - nach meinem DafŸrhalten ein und derselbe. Leider erfahren wir nicht, wessen Landes Monarch hier gemeint ist. Vielleicht der Herrscher Italiens (vgl. unten)?

 

Zeile eins ist zu entnehmen, dass sich dieser nicht nŠher beschriebene Kšnig gegen "die Seinen" stellen wird. Ich vermute, dieser Kšnig wird eine Entscheidung treffen, mit der seine Umgebung - oder vielleicht auch seine Untertanen - nicht einverstanden sind (vgl. allerdings Anmerkung 1).

 

Im Moment nur schwer zu verstehen ist die vierte Zeile. Da der Kšnig es allerdings mit Lemuren zu tun hat (vgl. Anmerkung 10), dŸrfte die Kernaussage von 10/44/4 wohl darin bestehen, dass dem Monarchen sehr Unerfreuliches widerfahren wird. Meiner interpretierenden †bersetzung zufolge werden die Sterne fŸr diesen Herrscher Unheil verhei§en. Unheil, dass mšglicherweise aus der Opposition "der Seinen" gegen ihn erwachsen wird.

 

GemŠ§ 4/34 und 6/14 wird der geschlagene Kšnig von Italien auf seiner Flucht verraten werden. Vielleicht von jemandem in seiner engsten Umgebung? Das wŸrde inhaltlich jedenfalls recht gut hierher passen.

 

 

 

 

 

 

 

 

4/34

 

[1] Le grand menŽ captif dÕestrange terre,1)                                     

[2] DÕor enchainŽ2) au roy CHYREN3) offert,

[3] Qui4) dans Ausonne5), Mill‹6) perdra la guerre,

[4] Et tout son ost mis ˆ feu & ˆ fer.

 

[1] Der Gro§e aus fremdem Land [wird] gefangen herbeigebracht.1)

[2] [und] mit Gold in Ketten gelegt2) Kšnig "CHYREN"3) Ÿbergeben.

[3] [Der Gro§e ist der,] der4) in Ausonien5) und Mailand6) den Krieg verlieren,

[4] und [dessen] ganze Armee Feuer und Eisen Ÿberantwortet [werden wird].

 

1) Die Zeile kšnnte auch so verstanden werden: "Der Gro§e [wird] gefangen aus [einem] fremden Land herbeigebracht." 


2) Oder einfach: "gefesselt".

3) "CHYREN" (in einigen Ausgaben wird das "Y" z. T. durch ein "I" ersetzt) taucht wšrtlich in 2/79, 4/34, 6/27, 6/70, 8/54 und 9/41 auf. Dass es sich dabei um ein konstruiertes RŠtselwort handelt, wird wohl auch dadurch deutlich, dass "CHYREN" in den beiden Erstausgaben von 1555 in Gro§buchstaben gedruckt ist.

          Bei diesem "CHYREN" scheint es sich um eine Person, genauer um einen Kšnig zu handeln (4/34/2). Doch welchen Landes? In 8/54 und 9/41 wird "CHYREN" in Frankreich aktiv, was auf einen franzšsischen Kšnig hindeuten kšnnte. Dazu passen wŸrde, dass Nostradamus ihm in 2/79/3, 6/27/2, 6/70/1, 8/54/2 und 9/41/1 das Attribut "gro§" zugesellt, das auch "franzšsisch" bedeuten kann (vgl. dazu 1/32/1f. und 3/49/1f.). Allerdings gibt es bei "CHYREN" ebenso eine Spur in Richtung Islam: Unser Seher nennt ihn in 6/27/2 und 8/54/2 "Chyren Selin". "Selin" verweist dabei wohl auf die griechische Mondgšttin Selene, die bei Nostradamus mit gro§er Wahrscheinlichkeit ihrerseits auf die islamische Welt verweist (vgl. dazu die AusfŸhrungen zu "SELIN" in 4/77, Anmerkung 1). Kšnnte "CHYREN" somit ein Muslim sein? Mit Blick auf 4/77 und 2/79 kaum. "Selin" scheint bei Nostradamus vielmehr auch als Agnomen zu verstehen zu sein, das nach ršmischem Vorbild an den Sieg Ÿber islamische ("seline") MŠchte erinnern soll (vgl. dazu erneut 4/77, Anmerkung 1).

          Betrachten wir an dieser Stelle nun "CHYREN" als Wort. In der Literatur gilt "CHYREN" gemeinhin als Anagramm fŸr "HENRY(C)" (lat. Henrycus, dt. Heinrich), vgl. BRINDÕAMOUR, S. 308f., GRUBER, S. 136, und CLƒBERT, S. 314. Das wŸrde insofern passen, als dass NostradamusÕ eigener Kšnig den Namen Henri trug (Heinrich II. 1547-1559). Allerdings taugt dieser eher durchschnittliche Monarch nicht als Vorbild fŸr einen derart glŠnzenden und bedeutenden Herrscher wie "CHYREN" es sein wird.

          Das "C" in diesem Anagramm lŠsst sich tatsŠchlich auf die regionale (provenzalische) Variante des Namens zurŸckfŸhren, vgl. etwa CLƒBERT, S. 314f. Doch warum hat Nostradamus hier ausgerechnet diese Schreibweise fŸr die Konstruktion dieses RŠtselwortes gewŠhlt und nicht die franzšsisch "korrektere" wie in der Widmung an Kšnig Heinrich II. ("Henry")? Reiner Zufall? Ich halte Nostradamus fŸr raffiniert genug, dass er sich bei dieser Wahl durchaus etwas gedacht hat, v. a. wenn er den Begriff ursprŸnglich offenbar sogar in Gro§buchstaben gedruckt haben wollte. Sollte mit der HinzufŸgung eines "C" angedeutet werden, dass es sich bei "CHYREN" um einen neuen Karl den Gro§en (lat. Carolus Magnus) handeln wird, vgl. BRINDÕAMOUR, S. 309? Eine weitere Mšglichkeit wŠre, dass das "C" als stilisierte Mondsichel zu verstehen ist. Geht man von der meiner Ansicht nach zu kurz greifenden Hypothese aus, dass hinter "CHYREN" einfach Heinrich II. steckt, bezšge sich die Mondsichel wohl auf das Wappen des Kšnigs, in dem sich solche Sicheln finden, sowie auf die kšnigliche MŠtresse, die den Namen der ršmischen Mondgšttin trug - Diane de Poitiers, vgl. GRUBER, S. 138. Ich vermute dagegen vielmehr, das "C" steht Šhnlich wie das Agnomen "Selin" fŸr den Sieg Ÿber islamische KrŠfte. Das "C" erinnert grafisch nŠmlich an eine rechts gešffnete - und somit abnehmende - Mondsichel: den geschlagenen islamischen Gegner, dessen Macht abnimmt. "CHYREN" dŸrfte also etwa als "Mondsichel-Heinrich der Islambezwinger" zu verstehen sein. Doch es gibt noch weitere Deutungsebenen:

          Das Wort "CHYREN" erinnert an den Namen Chiron (auch: Cheiron). Zwei Begriffe, die im Franzšsischen zudem recht Šhnlich ausgesprochen werden. Chiron ist eine Gestalt der griech. Mythologie. Er lebte am Pelion, einem Berg in Thessalien. Sein Vater war Kronos (Saturn), der in Pferdegestalt der Nymphe Philyra beiwohnte. Aus diesem Grund war Chiron ein Mischwesen aus Mensch und Pferd und wurde deshalb zu den Kentauren gezŠhlt, obwohl diese eine ganz andere Herkunft hatten. Anders als die Kentauren besa§ Chiron einen edlen Charakter und zeichnete sich durch Gerechtigkeit, Milde und Fršmmigkeit aus. Chiron war u. a. Arzt und JŠger und besa§ die Unsterblichkeit. Er war Freund und Erzieher etlicher Heroen, z. B. des Achilles und des Herkules, und lehrte Heilkunst, JŠgerei und Leierspiel. Chiron wurde spŠter aber unglŸcklich durch einen vergifteten Pfeil des Herkules unheilbar verwundet und litt schreckliche Schmerzen. Aus diesem Grund verzichtete er auf seine Unsterblichkeit und schied aus dieser Welt. Heute steht er als Sternbild SchŸtze am Himmel, wohin er nach seinem Tod von Zeus (Jupiter) versetzt wurde. Anderen Auffassungen zufolge finden wir ihn allerdings vielmehr im Sternbild Zentaur.

          Schlie§lich erinnert "CHYREN" auch an Cyrus, die lat. Bezeichnung von Perserkšnig Kyros II. Kyros der Gro§e grŸndete das altpersische Reich. Bis zu seinem Tod 529 v. Chr. dehnte er das persische Weltreich im Westen bis zur €gŠis und im Osten bis nach Zentralasien aus. 539 v. Chr. eroberte er Babylon und ermšglichte den Juden die Heimkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft nach PalŠstina. Dort bauten die Juden den Tempel in Jerusalem wieder auf und errichteten ein jŸdisches Staatswesen, das unter verschiedenen fremden Oberhoheiten (Perser, Alexander der Gro§e, Seleukiden, Ršmer) bis zur Zerstšrung durch die Ršmer existierte (70 bzw. 135 n. Chr.). Im Alten Testament wird er Ÿberaus lobend und als Werkzeug Gottes geschildert: "So spricht Kyros, der Kšnig von Persien: Der Herr, der Gott des Himmels, hat mir alle Reiche der Erde verliehen. Er selbst hat mir aufgetragen, ihm in Jerusalem in Juda ein Haus zu bauen. Jeder unter euch, der zu seinem Volk [den Juden] gehšrt - der Herr, sein Gott, sei mit ihm -, der soll hinaufziehen." (2 Chr 36,23. Vgl. auch Esra 1 und Jesaja 44,24-28 sowie Jesaja 45).

4) Rein sprachlich wŠre es auch mšglich, das Relativpronomen auf "CHYREN" zu beziehen. Dann wŠre er es, der den Krieg in Italien verlieren wird. In diesem Fall mŸsste die zweite Zeile etwa so verstanden werden: "mit Gold gefesselt wird 'CHYREN' dem Kšnig Ÿbergeben". Das stŸnde aber in inhaltlichem Widerspruch zu etwa 6/42.

5) "Ausonia" bezeichnete in der Antike das heutige Mittel- und SŸditalien. Im Ÿbertragenen Sinn kann damit aber auch das ganze Land gemeint sein.

6) Hier ist wahrscheinlich nicht die Stadt sondern das Herzogtum Mailand gemeint, das wesentliche Teile der Lombardei umfasste und seit 1525 von Habsburg bzw. Spanien beherrscht wurde.

Ein Machthaber aus einem fremden Land, der mit Gold gefesselt wurde, wird an "CHYREN" ausgeliefert. Der fremde Machthaber wird zuvor den Krieg in Italien verlieren, wobei seine gesamte Armee vernichtet wird.

 

Laut Zeile eins wird ein Machthaber ("Gro§er"), der aus einem "fremden Land" stammt, als Gefangener herbeigebracht (vgl. allerdings Anmerkung 1).

 

Der fremde Gro§e wird mit Gold gefesselt sein und "CHYREN" Ÿbergeben werden. BRINDÕAMOUR, S. 514, verweist hier auf auf eine Stelle bei PROPERZ. Dort lesen wir (2,1,31-34): "aut canerem Aegyptum et Nilum, cum attractus in urbem/septem captivis debilis ibat aquis,/aut regum auratis circumdata colla catenis,/Actiaque in Sacra currere rostra Via;" (Auch wenn €gyptus ich sŠng', und wie matt hinschleppte der Nilus/Sieben gefesselte StrommŸndungen zum Kapitol,/Oder der Kšnige HŠls' in goldene Ketten geringet,/Und auf dem heiligen Weg' Aktiums SchnŠbel gerollt; vgl. Vo§: "Kapitel 23", 13.07.2012). Falls Nostradamus an diese Stelle gedacht hat, kšnnte es sich um einen Machthaber handeln, der ursprŸnglich aus €gypten kommt.

 

Interessant ist, dass unser Seher ausgerechnet von "goldenen" Ketten spricht. Ich vermute, dass hier mehr dahinter steckt als der blo§e RŸckgriff auf ein antikes Vorbild. Meines Erachtens dŸrften diese goldenen Fesseln bedeuten, dass der "Gro§e" durch Geld (Gold als Zahlungsmittel) in Gefangenschaft gerŠt. Man dŸrfte ihn fŸr Gold oder Geld verraten (vgl. 6/14/3).

 

In der zweiten HŠlfte der Strophe erfahren wir mehr zu diesem gefangenen "Gro§en". Er wird einen Krieg in Italien (Mailand und Ausonien) verlieren, wobei seine gesamte Armee aufgerieben wird. Es dŸrfte sich dabei um den von "CHYREN" geschlagenen Gegner handeln.

 

 

 

 

6/14

 

[1] Loing de sa1) terre Roy perdra la bataille2),

[2] Prompt eschappŽ3) poursuiuy suiuant prins,

[3] Ignare4) prins soubs la doree maille5).

[4] Soubs fainct6) habit7) & lÕennemy surprins.

 

[1] Fern von seinem Land wird [ein] Kšnig die Schlacht2) verlieren.

[2] Schnell entkommen,3) [wird er] verfolgt [und] anschlie§end gefangen genommen.

[3] [Der] gefangene Fremdling4) [wird] unter dem goldenem Ring5) [sein].

[4] Unter falschem6) Gewand7) [steckt er], und der Feind [ist] Ÿberrascht.

 

1) In der 1557er Ausgabe aus Moskau/Budapest werden sŠmtliche "ſ" durch ein "f" widergegeben.

2) "Bataille" kann im Ÿbertragenen Sinne auch "Krieg" bedeuten.

3) Die 1557er Ausgabe aus Utrecht fŸgt hier ein "pont" (BrŸcke) ein, was aber wohl ein simpler Druckfehler ist und nicht zur Silbenzahl passt.

4) Das mittelfranzšsische "ignare" bedeutet "unwissend" bzw. "Unwissender". Das lat. "ignarus" zudem "unerfahren, unbekannt, arglos; fremd". Vermutlich hat Nostradamus hier mit der Doppelbedeutung "fremd/arglos" gespielt. Der fremde Kšnig aus der ersten Zeile dŸrfte also dann gefangen werden, wenn er gar nicht damit rechnet.

5) "Maille" bedeutet u. a. "Fleck, Ring, Netz, GoldmŸnze (maille dÕor), Mergel (marne)". Mit Blick auf 4/34/2 ist hier wohl am ehesten ein "Ring" gemeint, konkret die goldene Kette, die aus Gliedern (Ringen) besteht und ihrerseits den Hals des Gefangenen "umringt". Die Doppelbedeutung "GoldmŸnze" ist meines Erachtens ein starkes Indiz dafŸr, dass der Geflohene fŸr Geld (Gold) verraten wird.

6) Die 1568er Ausgaben aus Dresden und Paris sowie von Gregorio geben hier "feinct" wieder.

7) Mit "habit" wird im Mittelfranzšsischen zudem oft speziell der Priesterrock oder das Mšnchsgewand bezeichnet.

Ein Kšnig wird fern von seinem Land einen Krieg verlieren. Nach seiner Niederlage flieht er umgehend, wird aber verfolgt und gefangen genommen. Der gefangene Fremde wird durch Gold gefesselt sein. Er steckt in einem falschen Gewand und ist Ÿberrascht.

 

Nach meinem DafŸrhalten gehšrt 6/14 zu 4/34. In nebenstehender Strophe erfahren wir, dass ein Kšnig fern von seiner Heimat einen Krieg oder eine - wohl entscheidende - Schlacht verlieren wird (Zeile eins). Darauf, dass der Verlierer am Ort seiner Niederlage ein Fremder sein wird, kšnnte auch in der dritten Zeile angespielt werden (vgl. Anmerkung 4).

 

Vom einem besiegten Fremden ist wohl auch in 4/34/1 die Rede.

 

GemŠ§ 6/14/2 wird der Verlierer unmittelbar nach seiner Niederlage fliehen, also nicht etwa mit dem Sieger Ÿber seine Zukunft verhandeln.

 

Mit Blick auf 4/34/2-4 dŸrfte auch hier um Italien gekŠmpft werden, wobei sich "CHYREN" gegen den fremden Machthaber durchsetzen wird.

 

In der vierten Zeile von 6/14 erfahren wir NŠheres Ÿber die Flucht des Fremden. Er wird verkleidet (vielleicht als Priester oder Ordensmann, vgl. Anmerkung 7) entkommen. Bei seiner Enttarnung wird er - der (geschlagene) Feind - Ÿberrascht sein, dass seine Maskerade nicht funktioniert hat. Leider schreibt Nostradamus hierzu nichts Genaueres. Vielleicht stimmt etwas mit der Verkleidung nicht? Eine andere Mšglichkeit wŠre, dass der FlŸchtige ganz einfach gegen Bezahlung verraten wird:

 

Wir entnehmen nŠmlich der dritten Zeile, dass der "(arglose) Fremdling", vgl. Anmerkung 4, unter dem "goldenen Ring" (oder u. a. einer "GoldmŸnze") sein wird. Eine offensichtliche Parallele zu 4/34/2!

 

 

 

 

 

4/77

 

[1] SELIN1) monarque lÕItalie pacifique2),

[2] Regnes3) vnis Roy chrestien du monde:

[3] Mourant voudra coucher en terre blesique4),

[4] Apres pyrates5) auoir chassŽ de lÕonde.

 

[1] Mondsichel[-Heinrich1) wird] Herrscher [sein, wenn] Italien befriedet2) [ist].

[2] [Die] LŠnder3) [sind] vereinigt, [und Heinrich ist der] christliche Kšnig der Welt.

[3] [Wenn er] stirbt, wird [er] in der Erde von Blois4) liegen wollen,

[4] nachdem [er die] Piraten5) von den Wellen gejagt hat.

 

1) Das Wort "selin" taucht in den den Zenturien-Strophen 1/94, 4/77, 6/27, 6/42, 6/58, 6/78, 8/54 und 10/53 auf, die weibliche Form "seline" in 2/79 und 5/35. Die beiden 1557er Ausgaben geben den Begriff in 4/77/1 dabei in Gro§buchstaben wieder.

          "Selin/seline" wird in der Literatur fŸr gewšhnlich auf die griech. Mondgšttin Selene zurŸckgefŸhrt. Das ist sprachlich nachvollziehbar und durch den Umstand, dass ihr Geliebter Endymion an anderer Stelle von Nostradamus ebenfalls erwŠhnt wird (2/73/4), auch nicht unwahrscheinlich. Doch was meint unser Seher, wenn er sich auf die griech. Mondgšttin bezieht? Eines der Symbole der Selene (ršm. Luna) ist seit der Antike die Mondsichel. So passt denn auch die Verbindung "Chyren Selin" ("C" als Mondsichel verstanden), die wir in 6/27 und 8/54 vorfinden, gut in den Symbolkontext. In 6/27 ist zudem wšrtlich von der Mondsichel ("croissant") des gro§en Chyren Selin die Rede. 6/78/1 erwŠhnt den "grand Selin croissant", 7/25/4 den "croissant de Lune".

          Doch was symbolisiert die Mondsichel bei Nostradamus? Die Antwort dŸrften wir wohl in 10/95 (5.16) finden. Dort lesen wir, dass ein spanischer Kšnig die Mondsichel wird niedersinken lassen und den Leuten des Freitags (den Muslimen) die FlŸgel stutzen wird. Somit steht die Mondsichel wohl fŸr den Islam oder eine islamische Macht. Hat somit Muhammads Religion bei unserem Seher neben der Venus (dem Freitagsgestirn, vgl. dazu 5.58: 5/24/1) ein zweites Symbol bekommen? Ja und Nein. Die Mondsichel wurde erst Jahrhunderte nach Muhammads Tod zum Symbol seines Glaubens. So fŸhrten etwa die im 16. Jh. Europa bedrohenden Osmanen die Mondsichel in ihrer Fahne. Wenn Nostradamus also die Mondsichel verwendet, dŸrfte nicht der Islam als theologische Lehre an sich gemeint sein - dafŸr steht wohl die Venus. Sondern die Mondsichel verkšrpert wahrscheinlich eher eine islamische Macht (oder die islamische Welt) zu einem bestimmten Zeitpunkt. Man beachte in diesem Zusammenhang auch die €hnlichkeit zwischen dem tŸrkischen Namen Selim und "SELIN" (vgl. CLƒBERT, S. 548f.). Bis zur Epoche des Nostradamus gab es zwei osmanische Sultane bzw. Kalifen dieses Namens: Selim I. (1512-20) und Selim II. (1566-74). Wichtig ist dabei v. a. Selim I., der nach osmanischer Auffassung die KalifenwŸrde nach Istanbul holte.

          In den ersten beiden Zeilen von 4/77 ist davon die Rede, dass jemand "mit der Mondsichel" (= "SELIN") der christliche (!) Kšnig der Welt sein wird. Das schlie§t jedoch einen Muslim aus. Somit wird klar, dass das der Begriff "selin" auch einen Nicht-Muslim beschreibend begleiten kann. Konkret wohl "Chyren Selin", auf den wir in 6/27/2 und 8/54/2 treffen. Wie passt das aber zusammen? Hier dŸrfte Nostradamus einmal mehr dem antiken ršmischen Vorbild gefolgt sein. Im ršmischen Namenssystem wurden bedeutenden Persšnlichkeiten Beinamen verliehen, die z. B. an Erfolge im militŠrischen Bereich erinnern sollten. Bekannte Beispiele fŸr solche Cognomina - oder vielleicht richtiger: Agnomina - finden wir etwa bei Publius Cornelius Scipio Africanus (235-183 v. Chr.) oder Nero Claudius Drusus Germanicus (38 v. Chr.-9 n. Chr.), wobei letzterer sein Agnomen erst postum erhielt. Scipio Africanus erhielt seinen Beinamen dank des Sieges Ÿber Karthago in Africa, Drusus Germanicus den seinen aufgrund der FeldzŸge in Germanien, die ihn bis an die Elbe fŸhrten. Der "christliche Kšnig" namens "SELIN", der wohl mit "Chyren Selin" identisch sein dŸrfte, wird demnach also siegreich gegen die Muslime kŠmpfen.

2) Auf "CHYREN" und Krieg in Italien beziehen sich auch die Strophen 4/34, 6/42, 9/33 und 10/44. Die Stelle "lÕItalie pacifique" in 4/77/1 ist wahrscheinlich als Ablativus absolutus zu verstehen.

3) Oder: "Kšnigreiche". 


4) Lat. "Blesum" (Blois). Blois liegt zwischen OrlŽans und Tours an der Loire. "CHYREN" dŸrfte in dieser Stadt geboren werden, vgl. den Kommentar zu 8/38. "CHYREN", der hier mit "SELIN" gemeint ist.

5) In der 1557er Ausgabe aus Budapest/Moskau fehlt das Wort "pyrates", in den 1568ern ist es durchgŠngig vorhanden. Der Begriff "pyrates" taucht auch in 5/44/1 auf, in 10/77/4 ist von Korsaren ("corsaires") die Rede.

          Nostradamus kann bei seinen Piraten natŸrlich an KrŠfte gedacht haben, die den muslimischen SeerŠubern seiner Zeit entsprechen. Jene suchten unter Chaireddin Barbarossa (ca. 1466-1546) von Algerien ausgehend die KŸsten Spaniens und Italiens heim. Chaireddin Barbarossa war dabei aber nicht blo§ ein einfacher Pirat sondern der Herrscher von Algerien und Vasall des tŸrkischen Sultans. Als Gegner des Habsburger Reiches war Barbarossa zudem ein VerbŸndeter des franzšsischen Kšnigs Franz I.

          In 5/44/1 und 10/77/4 tauchen NostradamusÕ "SeerŠuber" in einem (auch) religišsen Kontext auf. Es wŠre also durchaus denkbar, dass diese "Piraten" gleichzeitig oder alternativ fŸr KrŠfte aus diesem Bereich stehen. Das Wort "Pirat" geht auf das griech. "peirates" (Pirat, SeerŠuber) zurŸck, das seinerseits vom Verb "peiran" abgeleitet ist, das "versuchen/probieren" aber auch "in Versuchung fŸhren" bedeutet. "Piraten" kšnnten also Leute sein, die das Kirchenschiff angreifen und probieren, die Katholiken in Versuchung zu fŸhren. Es wŠren demnach wohl Feinde der Kirchenlehre, des Lehramtes.

"CHYREN" wird herrschen, wenn Italien befriedet ist. Die LŠnder werden vereinigt und er der christliche Universalherrscher sein. Er wird die "Piraten" vertreiben und will nach seinem Tod in Blois bestattet werden.

 

In 4/77 wird erneut "CHYREN" (Mondsichel-Heinrich) beschrieben, der hier aber bei seinem Agnomen "SELIN" genannt wird, vgl. Anmerkung 1 und unten.

 

In der ersten Zeile erfahren wir dabei, dass "CHYREN SELIN" dann herrschen wird, wenn der Krieg in Italien vorbei ist, vgl. Anmerkung 2. Ein Krieg, den Mondsichel-Heinrich wohl selber siegreich beenden wird, vgl. 6/42.

 

Zeile zwei beschreibt "SELIN" als "christlichen Kšnig der Welt". Damit identifiziert Nostradamus "SELIN" eindeutig und macht klar, dass nur "CHYREN" und nicht etwa ein muslimischer Herrscher gemeint sein kann (es handelt sich ja um den christlichen und nicht den islamischen Kšnig der Welt).

 

Interessant ist die Bezeichnung "christlicher Kšnig der Welt", weil ein solcher Herrscher in der Nachfolge Karls des Gro§en eher ein "christlicher Kaiser der Welt" sein mŸsste. Dies ist wohl als Hinweis auf den Ehrentitel der franzšsischen Kšnige (Roi trs chretien - rex christianissimus - allerchristlichster Kšnig) zu verstehen und beinhaltet die Aussage, dass es sich bei "SELIN" um einen franzšsischen - und somit katholischen - Kšnig handeln wird.

 

Weiter ist die Bezeichnung "christlicher Kšnig der Welt" kaum so zu verstehen, dass "CHYREN SELIN" tatsŠchlich den gesamten Globus beherrschen wird. Vielmehr dŸrfte die "Welt" hier v. a. fŸr die christlich-abendlŠndische …kumene stehen, deren bedeutendster Herrscher "CHYREN" sein wird. Dieser Nachfolger der (west-) ršmischen Kaiser und Karls des Gro§en wird zudem wohl eine kirchlich-religišs ("christlich") begrŸndete SouverŠnitŠt besitzen, die - nach traditioneller Auffassung - weit grš§eres Gewicht hat als andere SouverŠnitŠten, die wir aus der europŠischen Neuzeit kennen. Etwa als jene des englischen Kšnigs nach der "Glorious Revolution" oder die VolkssouverŠnitŠt in den modernen Republiken nach der Franzšsischen Revolution.

 

Die zweite Zeile spricht auch davon, dass die LŠnder oder Kšnigreiche vereinigt sein werden. Das deutet auf die Wiederherstellung des abendlŠndischen (westršmischen oder karolingischen) Universalreiches hin. Mit Blick auf "CHYREN" dŸrften konkret mindestens Frankreich, Deutschland und Italien unter seiner FŸhrung vereint sein. Vermutlich werden aber auch noch weitere Gebiete unter die Herrschaft des neuen Karls des Gro§en gelangen.

 

In der dritten Zeile erfahren wir, dass "CHYREN" nicht wie die meisten franzšsischen Kšnige in Saint-Denis bei Paris sondern in Blois begraben werden will. Ein Grund dafŸr dŸrfte sein, dass er wohl selber in der Loire-Stadt geboren werden wird. Denkbar wŠre aber auch, dass die Grablege der franzšsischen Kšnige, die Kathedrale von Saint-Denis, nicht mehr zur VerfŸgung steht. Sollte sie im Krieg derart zerstšrt werden, dass selbst eine Weiterverwendung als GrabstŠtte nicht mehr infrage kommt?

 

Doch "CHYREN" wird zuvor noch die "Piraten" von den Wellen fegen. Damit kšnnten muslimische Feinde aus Nordafrika gemeint sein oder - im Ÿbertragenen Sinne - dissidente KrŠfte innerhalb der Kirche, vgl. dazu Anmerkung 5.

 

 

 

 

 

 

 

 

6/24

 

[1] Mars &1) le sceptre2) se trouuera conioinct,

[2] Dessoubz Cancer3) calamiteuse guerre:

[3] Vn peu apres sera nouueau Roy oingt,

[4] Qui par long temps pacifiera la terre.

 

[1] Mars wird sich mit1) dem Zepter2) vereint finden.

[2] Unter [dem] Krebs3) [findet ein] unheilvoller Krieg [statt]4).

[3] Wenig spŠter wird [der] neue Kšnig gesalbt werden,

[4] der fŸr lange Zeit die Erde befrieden wird.

 

1) Im Mittelfranzšsischen kann "et" (&) u. a. auch "mit" bedeuten, was hier gut zum Singular in "se trouuera conioinct" passt.

2) Das Zepter ist ein Symbol der (kšniglichen) Herrschaft. Es ist auch ein Attribut des Jupiter (vgl. CLƒBERT, S. 707). Verstehen wir die Stelle astrologisch, haben wir hier also wohl eine Mars-Jupiter-Konjunktion vor uns. Oder Nostradamus formuliert blo§ auf andere Weise, was er auch in der zweiten Zeile sagt: Krieg herrscht, bzw. Kriegsgott Mars schwingt das Zepter.

3) D. h. "im [Zeichen] Krebs", d . h. nach mittelalterlicher Auffassung in der Zeit vom 17. Juni bis 17. Juli. Dem Krebs zugeordnete Gebiete wŠren zudem (nach PTOLEM€US, Tetrabiblos 2,3): Numidien (Ostalgerien u. Westtunesien), Karthago und Africa (Tunesien u. libysche KŸste); Bithynien (nordwestl. Kleinasien), Phrygien (westl. Kleinasien sŸdl. v. Bithynien) und Kolchis (westl. Georgien).

4) Oder etwa auch: "[beginnt ein] unheilvoller Krieg".

In einem Sommer wŠhrend der Zeit des Krebses wird (in Italien) ein unheilvoller Krieg beginnen. Kurz nach Kriegsbeginn wird Kšnig "CHYREN" zum Kaiser gesalbt, der die Welt fŸr lange Zeit befrieden wird.

 

Die erste HŠlfte der Strophe sagt einen unheilvollen Krieg voraus. Die zweite HŠlfte, dass kurz nach diesem Krieg (oder nach Beginn des Krieges) ein Kšnig gesalbt werden wird. Und zwar nicht irgend einer. Vielmehr wird es sich um einen Monarchen handeln, der die Welt fŸr lange Zeit befrieden wird.

 

Diese Information aus 6/24/4 dŸrfte den Vierzeiler mit 5/6 verbinden. Dort wird die Salbung eines Kšnigs beschrieben. Allerdings nicht die Salbung eines Mannes zum Kšnig sondern die Salbung eines Kšnigs zum Kaiser. Und noch genauer: zu einem Frieden stiftenden Kaiser (5/6/4: "Empereur pacifique").

 

In 5/6 betet der Papst bei der Kaiserkršnung um Frieden in Italien. Somit wird der in 6/24/1f. erwŠhnte "unheilvolle Krieg" wohl auf der Apenninenhalbinsel stattfinden und dabei in einem Sommer wŠhrend der Zeit des Krebses beginnen. Interessanterweise verwendet Nostradamus sowohl hier wie auch in 5/6/3 den Begriff "sceptre" (Zepter).

 

Der kŸnftige abendlŠndische Kaiser "CHYREN" wird mehrere Male in Zusammenhang mit Krieg in Italien genannt (4/34, 4/77, 6/42, 9/33 und 10/44). Er dŸrfte es somit wohl sein, dem hier die Kaiserkrone aufgesetzt wird.

 

 

5/6

 

[1] Au roy lÕAugur1) sur le chef la main mettre2),

[2] Viendra3) prier pour la paix Italique:

[3] A la main gauche viendra4) changer le sceptre5)

[4] De Roy viendra6) Empereur pacifique7).

 

[1] Dem Kšnig [wird] der Augur1) die Hand auf den Kopf legen2)

[2] [und] fŸr den italischen Frieden beten.

[3] Das Zepter wird4) in die linke Hand wechseln.5)

[4] Aus [dem] Kšnig wird6) [ein] Frieden stiftender7) Kaiser werden.

 

1) Ein Augur war im alten Rom ein Mitglied eines Priesterkollegiums, das die verschiedenen Vorzeichen deutete. Im Ÿbertragenen Sinne wird damit ein Seher oder Weissager bezeichnet. In dieser Strophe bezieht sich Nostradamus auf eine Stelle in LIVIUSÕ Ab urbe condita libri (1,18; vgl. GRUBER, S. 172f.). Dort wird berichtet, wie der Sabiner Numa Pompilius zum zweiten ršmischen Kšnig eingesetzt und vom (obersten) Augur bestŠtigt wurde. Seine Herrschaft war eine sehr friedliche Zeit. Er lie§ u. a. einen Torbogen errichten, der dem Gott Ianus geweiht war und der anzeigte, ob sich Rom im Krieg oder Frieden befand: war das Tor geschlossen, herrschte Frieden, war es gešffnet, befand die Stadt sich im Krieg. 


2) Bei LIVIUS steht: "[...] dextra in caput Numae imposita, ita precatus est: "Iuppiter pater, si est fas hunc Numam Pompilium cuius ego caput teneo regem Romae esse, [...]".

3) Wšrtlich: "wird kommen, um". Allerdings kann das mittelfranzšsische "venir" auch einfach als Futur Ÿbersetzt werden, was hier wohl besser passt.

4) Vgl. Anmerkung 3.

5) Hier lehnt sich Nostradamus an den erwŠhnten Text des LIVIUS an: "[...] tum lituo in laevam manum translato, dextra in caput Numae imposita, [...]". LIVIUS beschreibt an dieser Stelle, wie der Augur seinen Krummstab (lituus) aus der rechten in die linke Hand nahm und die jetzt freie rechte Hand auf den Kopf des Numa Pompilius legte. Nostradamus hat dabei den Krummstab durch ein Zepter ersetzt. In 5/6 ist allerdings nicht klar, wessen Zepter genau die Hand wechselt. Jenes des Auguren oder jenes des Kšnigs (nach der Inauguration).

6) Vgl. Anmerkung 3.

7) Das mittelfranzšsische "pacifique" bedeutet "friedensliebend, friedlich", das lat. "pacificus" daneben aber auch "Frieden stiftend". Die Stelle "Empereur pacifique" dŸrfte aber (auch) auf Karl den Gro§en verweisen, der sich u. a. "Friede stiftender Kaiser" nannte ("serenissimus augustus a Deo coronatus magnus pacificus imperator Romanum gubernans imperium").

Der Papst (ein neuer Leo III.) wird wŠhrend des Tierkreiszeichens Lšwe den franzšsischen Kšnig "CHYREN" zum Kaiser des Abendlandes kršnen. "CHYREN" wird so zu einem zweiten Karl dem Gro§en werden. Der Papst wird auch fŸr den Frieden in Italien beten, wo Krieg herrscht. Da ergreift Kaiser "CHYREN" das Schwert und zieht in diesen Krieg.

 

5/6 schildert eine Kaiserkršnung. GemŠ§ Zeile vier wird ein Kšnig zu einem Frieden stiftenden Kaiser - einem neuen Karl dem Gro§en - gesalbt, vgl. dazu Anmerkung 7. Das verbindet diese Strophe sowohl mit 6/24/4 als auch mit "CHYREN", zu dessen historischen Vorbildern u. a. Karl der Gro§e gehšrt (vgl. etwa 4/86).

 

Karl der Gro§e wurde am 25. Dezember 800 von Papst Leo III. in Rom zum Kaiser gekršnt. Dies, nachdem er bereits Kšnig der Franken und Kšnig der Langobarden geworden war. Italien war zu diesem Zeitpunkt schon "befriedet" bzw. befand sich zu bedeutenden Teilen unter Karls Kontrolle.

 

Anders im Falle von "CHYRENs" Kaiserkršnung. Wir erfahren in 5/6/2, dass der Augur (hier wohl der Papst) fŸr den Frieden in Italien beten wird. Anders formuliert: "CHYREN" wird zum Kaiser gekršnt, wenn in Italien Krieg herrscht oder mindestens Krieg auszubrechen droht.

 

Doch warum hat Nostradamus hier ausgerechnet diese LIVIUS-Stelle als Vorlage gewŠhlt, bzw. warum bezeichnet er das zukŸnftige Pendant Leos III. als "Auguren"?

 

Das mittelfranzšsische "augur" oder "augure" bezeichnet sowohl den Auguren (den Vorzeichendeuter) wie auch das Vorzeichen selbst. In 6/24 erfahren wir, dass zur Zeit des Krebses ein unheilvoller Krieg beginnen und dann erst Kaiser "CHYREN" gekršnt werden wird. Mšglicherweise wŠhrend des Tierkreiszeichens, das sich unmittelbar an den Krebs anschlie§t, des Lšwen (18. Juli bis 17. August). Das lat. Wort fŸr Lšwe lautet aber "leo", womit der Bogen zu Papst Leo III. gespannt wŠre. Nostradamus kšnnte diese †bereinstimmung als Vorzeichen oder Hinweis darauf verstanden haben, dass es sich bei "CHYREN" eben um einen neuen Karl den Gro§en handelt.

 

Der kŸnftige abendlŠndische Kaiser "CHYREN" wird mehrere Male in Zusammenhang mit Krieg in Italien genannt (4/34, 4/77, 6/42, 9/33 und 10/44). An dieser Stelle darf man wohl nach dem Ort der Kaiserkršnung fragen. Findet sie wie bei Karl dem Gro§en wieder in Rom statt? Oder kriegsbedingt vielleicht an einem anderen Ort in oder au§erhalb Italiens? Dazu schweigt 5/6 leider.

 

In 5/6/3 erfahren wir, dass das Zepter in die linke Hand wechseln wird. Doch wessen Zepter, vgl. Anmerkung 5, und warum?

 

Nach meinem DafŸrhalten legt nicht der Augur seinen Krummstab in die andere Hand sondern "CHYREN" sein neues Kaiserzepter. Dies, um das Schwert ergreifen zu kšnnen, vgl. unten.

 

Als franzšsischer Kšnig wird "CHYREN" bereits drei (!) Zepter besitzen: die "Main de Justice", das Zepter Kšnig Dagoberts und das Zepter Kšnig Karls V. (auch: Zepter Karls des Gro§en genannt). Unter den deutschen Reichskleinodien finden wir zwei Zepter: das deutsche Kšnigszepter und das ršmisch-deutsche Kaiserzepter. Das deutsche Kšnigszepter wird zu diesem Zeitpunkt gemŠ§ 9/33 schon im Besitz von "Herkules" ("Ogmios") sein. Somit ist in 5/6 vom Kaiserzepter die Rede.

 

Doch wozu der Wechsel? Hier kšnnte Nostradamus daran gedacht haben, dass "CHYREN" die rechte, waffenfŸhrende Hand nun dazu brauchen wird, das Schwert zu ergreifen, also in den Krieg zu ziehen. Genauer: in den Krieg nach Italien. Zu den deutschen Reichsinsignien gehšrt Ÿbrigens auch tatsŠchlich ein Schwert - das Schwert Karls des Gro§en.

 

 

3/55

 

[1] En lÕan quÕun oeil1) en France regnera,

[2] La court sera ˆ vn bien fascheux trouble:

[3] Le grand de Bloys2) son ami tuera:3)

[4] Le regne4) mis en mal & doute5) double.

 

[1] Im Jahr, in dem ein Auge1) in Frankreich regieren wird,

[2] wird der Hof in einer sehr unangenehmen Verwirrung sein.

[3] Den Gro§en aus Blois2) wird sein Freund tšten.3)

[4] Das Land4) [wird] in Unheil und doppelte Angst5) gestŸrzt [werden].

 

1) Ein "Auge" taucht auch in 1/6/1 (5.214) auf, wo es wahrscheinlich einen Herrscher von Ravenna bezeichnet. Die "Augen" in 1/23/3 (5.31), 1/27/4, 3/41/3 (beide 5.58) und 4/25/1 meinen hingegen wohl tatsŠchlich die Sehorgane. 3/92/4 (5.48) berichtet von einem "Auge", das in Narbonne herausgerissen wird. Hier dŸrfte wieder von einem Machthaber die Rede sein. 4/15/3 erwŠhnt ein "Auge des Meeres" - wohl erneut ein Herrscher oder eine Macht (vielleicht Karthago oder Korinth). 7/11/2 dŸrfte wieder als Machthaber zu deuten sein. Noch nicht einzuordnen ist das "Auge" aus 10/70/1. Von einem EinŠugigen ist in 9/1 (5.92) die Rede.

          Ich vermute, dass unseren Seher das griechisch-lateinische Wortpaar "ops" zu einem Wortspiel gereizt hat. Das griechische "ops" bedeutet "Auge, Gesicht", das lateinische u. a. "Macht, Kraft, StŠrke". Das "Auge" dŸrfte bei Nostradamus also einfach fŸr "Macht" oder "Machthaber" stehen. Der lat. Begriff fŸr "Auge" lautet "oculus", was u. a. aber auch das VorzŸglichste, die "Perle" von etwas bezeichnen kann. Falls Nostradamus an die lat. Wurzel von "oeil" gedacht hat, hŠtten wir in 1/6, 3/55, 3/92 und 4/15 somit einen "vorzŸglichsten" Herrscher oder eine "vorzŸglichste" Macht vor uns. Dass aber so ein vorzŸgliches "Auge" gelegentlich auch weniger gute Seiten haben kann, zeigt 4/15, wo das "Auge des Meeres" als zynisch und geizig charakterisiert wird.

2) Stadt an der Loire, etwa auf halbem Weg zwischen OrlŽans und Tours. In der Mitte der Stadt befindet sich das Schloss Blois, das vom franzšsischen Kšnig Ludwig XII. (1498-1515) und bis 1524 auch von Franz I. (1515-1547) als Hauptresidenz genutzt wurde. Ludwig XII. wurde 1462 sogar in diesem Schloss geboren. Mit dem "Gro§en aus Blois" ist wahrscheinlich "CHYREN", der "Kšnig aus Blois" gemeint, vgl. 8/38 und 8/52.

3) Oder auch genau umgekehrt: "Der Gro§e aus Blois wird seinen Freund tšten". Die oben gewŠhlte †bersetzung wŸrde jedoch besser zu "CHYREN" passen, da dessen mythologisches Vorbild Chiron ebenfalls von einem Freund (Herkules) getštet worden ist.

4) Oder auch: "Kšnigreich, Kšnigsherrschaft, Kšnigtum".

5) Oder u. a. auch: "Zweifel".

In jenem Jahr, in dem ein ausgezeichneter Herrscher ("Herkules"?) in Frankreich die RegierungsgeschŠfte wahrnimmt, wird der Kšnigshof in gro§e Schwierigkeiten gestŸrzt. "Herkules" wird "CHYREN" tšten, was im Kšnigreich Frankreich gro§es Unheil und Spaltung nach sich zieht.

 

In der dritten Zeile ist mit aller Wahrscheinlichkeit von "CHYREN" die Rede, vgl. Anmerkung 2. Von "CHYREN" und einer Tštung handelt ebenfalls 4/86. Mit Blick auf die mythologische Vorlage der "CHYREN"-Figur, wird es wohl "Herkules" sein, der den neuen Chiron (unabsichtlich) vom Leben zum Tod befšrdern wird. †ber die genaueren UmstŠnde erfahren wir hier allerdings nichts.

 

Der vierten Zeile ist zu entnehmen, dass das Land oder das (franzšsische) Kšnigtum ins Unheil gestŸrzt werden wird. Nostradamus erwŠhnt in diesem Zusammenhang eine "zweifache Angst". Damit kann zunŠchst einfach eine sehr gro§e Angst gemeint sein. Interessant ist allerdings, dass die Zeile auch so verstanden werden kšnnte, dass nicht die Angst sondern das in Unheil und Angst gestŸrzte Land bzw. Kšnigtum "doppelt" vorhanden sein wird, vgl. dazu BRINDÕAMOUR, S. 405, Anmerkung 77.

 

Nach meinem DafŸrhalten kšnnte das ein Hinweis darauf sein, dass es im Kšnigreich Frankreich eine Spaltung geben wird. Sollte es dabei vielleicht um die Nachfolge "CHYRENs" als Kšnig von Frankreich gehen?

 

Wenden wir uns an dieser Stelle der ersten HŠlfte der Strophe zu. Wir erfahren hier, dass der (franzšsische) Kšnigshof in jenem Jahr in einer sehr unangenehmen Verwirrung sein wird, wenn in Frankreich ein "Auge" regieren wird. Ein "Auge" kann bei Nostradamus wohl einfach eine Macht oder einen Machthaber meinen, vgl. Anmerkung 1. Allerdings ist diese ErklŠrung unbefriedigend da trivial: wer in Frankreich regiert, ist logischerweise ein Machthaber ... Falls es sich um einen sehr guten Herrscher handeln sollte (vgl. lat. "oculus"), kŠme dafŸr "Herkules" infrage. In 6/42 (mit 9/33) erfahren wir ja, dass "CHYREN" "Herkules" auch wenigstens einmal als Regenten einsetzen wird.

 

 

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