5.31  Eine islamische Macht erringt einen Sieg, worauf die Römer den französischen "Adler" zu Hilfe rufen. Pavia, Mailand und Genua werden sich aber stattdessen an einen großen König wenden. In Turin findet ein bedeutender Raub statt, und Chivasso führt für den "Adler" ein Manöver durch. Der "Adler" erobert Mailand. Im Nahen Osten wird die alte Ostgrenze des Römischen Reiches überschritten. Nach sieben Tagen werden die Angreifer vor den Toren einer Stadt stehen (vielleicht Jerusalem?). Sieben Monate später wird der "Adler" Rom erreichen. Im Nahen Osten wird ein neuer israelitischer König "Saul" im Kampf fallen. Der größte Teil der Juden wird über das Meer fliehen. Unter den verbliebenen Juden wird ein neuer König "David" erscheinen und schon in jungen Jahren große Macht erringen. Mit der erwähnten siegreichen islamischen Macht und/oder den Angreifern, die die alte Ostgrenze des Römischen Reiches überschreiten, könnte der schiitische Islam bzw. eine schiitische Macht gemeint sein. Jedenfalls werden die Schiiten nach einem Angriff des neuen "David" in die Defensive gedrängt und schließlich durch die Christen (Katholiken, Orthodoxe) endgültig besiegt werden. Dabei wird der "Adler" im Nahen Osten erscheinen. Der Friede wird mit der Tötung des feindlichen (schiitischen) Oberhauptes beginnen.
 

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6/78 - 7/27 - 8/8 - 7/40 - 3/37 - 1/23 - 5/81 - 6/33 - 2/57 - 4/14 - 10/96 - 1/38

6/78  

Crier2) victoire du grand Selin croissant1),
Par les Romains sera l’Aigle3) clamé4),
Ticcin5), Milan, & Gennes n’y6) consent,
Puis par eux mesmes Basil7) grand reclamé8).

[Der] Sieg der großen islamischen Mondsichel1) [wird] zu verkünden2) [sein].
Von den Römern wird der Adler3) gerufen4) werden.
Ticinum5), Mailand und Genua sind damit nicht6) einverstanden.
Dann wird von ihnen selber [ein] großer König7) angerufen8) [werden].
1) "Selin croissant" lässt sich unterschiedlich verstehen. "Croissant" bedeutet "wachsend, zunehmend" aber auch "Mondsichel". "Selin" verweist auf Selene, die griechische Mondgöttin, die bei Nostradamus für den Islam steht. Das Wort kann als Substantiv oder als Adjektiv aufgefasst werden. Im ersten Fall bezeichnet "Selin" den Islam, eine islamische Macht oder einen islamischen Machthaber (vgl. 5.30: 6/58), wir hätten hier also den "großen [und] größer werdenden Selin" vor uns. Als Adjektiv verstanden ist "selin" wohl einfach mit "islamisch" zu übersetzen.
2) "Crier" bedeutet u. a. "schreien, öffentlich verkünden". PRÉVOST, S. 72, und GRUBER, S. 141, verstehen die erste Zeile dahingehend, dass der Sieg über die große islamische Mondsichel bzw. Selin zu verkünden sein wird.
3) Der französische* "Adler" taucht auch in 1/23 (5.113), 1/31 (5.159), 1/38 (5.113), 2/44 (5.130), 2/85* (5.34), 3/37 und 5/81, 3/52 (5.34), 4/70 (5.130), 5/42 (5.182), 6/46 (5.190), 8/4 (5.209), 8/8 (5.203), 8/9 (5.16), 8/46 (5.159), 10/27 (5.225) und 5.200 auf. Konkret könnte damit ein französischer Feldherr oder Machthaber gemeint sein, der dem historischen Aëtius (ca. 390 - 454) ähnelt, vgl. griech. "aetos" und "aietos" (Adler). Flavius Aëtius (römischer Feldherr und mehrfacher Konsul) kämpfte gegen die Westgoten, Franken und Burgunder und besiegte 451 die Hunnen auf den Katalaunischen Feldern bei Châlons-en-Champagne. 454 wurde Aëtius von Kaiser Valentinian getötet.
4) Oder u. a. auch: "proklamieren, anflehen".
5) Das heutige Pavia, das beim Zusammenfluss von Tessin und Po liegt. In der Moskauer/Budapester Ausgabe von 1557 steht hier "Turin", in der Utrechter desselben Jahres "Ticcin". In den Ausgaben von 1568 finden wir "Ticcin".
6) In den beiden 1557er Ausgaben sowie 1568 steht hier "n’y", PRÉVOST, S. 72, und GRUBER, S. 141, korrigieren hier zu "y".
7) Griech. "basileus" (König, Fürst usw.). Als "megas basileus" (Großkönig, großer König) wurde der persische Herrscher bezeichnet. Im Neuen Testament wird der römische Kaiser "basileus" genannt, eine Bezeichnung, die die oströmischen Kaiser ab dem 7. Jahrhundert als Titel trugen. Der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurde ab dem 10. Jahrhundert "Basileus" genannt (Otto I. der Große). Möglich wäre auch, dass Nostradamus hier auf den Eigennamen Basilius/Basileios (franz. Basile) abzielt: Basileios I. war von 867 - 886 byzantinischer Kaiser. Ebenso Basileios II., der in seiner Regierungszeit 976 - 1025 u. a. die Bulgaren unterwarf und arabische Angriffe auf Aleppo abwehrte. Basileios Komnenos war von 1332 - 1340 Kaiser von Trapezunt.
8) Oder auch: "ausgerufen, proklamiert, angefleht".


Eine islamische Macht wird einen Sieg erringen. Die Römer rufen daraufhin den französischen "Adler" zu Hilfe. Pavia, Mailand und Genua sind damit nicht einverstanden und wenden sich stattdessen an einen großen König.

In der ersten Zeile erfahren wir, dass der Islam oder eine islamische Macht (vgl. Anmerkung 1) einen Sieg erringen wird. Die Römer werden dann den französischen "Adler" herbeirufen (zweite Zeile), wohl als Hilfe gegen die siegreichen Muslime.

Doch nicht alle Italiener werden mit dem Schritt der Römer einverstanden sein. Die norditalienischen Städte Pavia (oder Turin, vgl. Anmerkung 5?), Mailand und Genua lehnen das römische Hilfegesuch an den "Adler" ab (dritte Zeile) und wenden sich stattdessen an einen "großen König".

Wer dieser "große König" ist, erfahren wir nicht. Der deutsche Kaiser, vgl. Anmerkung 7)? Falls die Wortwahl "Basil" bloß eine bewusst gelegte falsche Spur sein sollte, hätten wir beim "großen König" wohl den König von Frankreich vor uns, da "groß" bei Nostradamus u. a. auch als Synonym für "französisch" verwendet wird (vgl. 5.23: 4/8 u. 5/45).

In 5/99 (5.159) lesen wir von einem Italienfeldzug der Franzosen unter dem "Löwen" und dem "Adler". 7/31 (5.159) berichtet davon, dass Südwestfranzosen und Savoyarden nach Norditalien bzw. Brindisi vorstoßen werden.




7/27  

Au cainct1) de Vast2) la grand caualerie,
Proche à Ferrare3) empeschee5) au bagaige4):
Prompt à Turin feront tel volerie6),
Que dans le fort rauiront leur hostaige7).

Im "Gürtel"1) [wird] die große Kavallerie aus Vasto2)
in der Nähe von Ferrara3) durch den Ballast4) behindert5) [werden].
Unverzüglich [danach] werden [sie] in Turin [eine] dermaßen [große] Plünderung6)
durchführen,
dass [sie] in der Festung ihre Wohnung7) ausrauben werden.
1) Hier ist wohl die Umgebung von Ferrara (zweite Zeile) gemeint, vgl. lat. "cingulum" (u. a. Gürtel, Umgebung einer Stadt). CLÉBERT, S. 813, vermutet hier den Mauergürtel einer Stadt.
2) Vasto ist eine italienische Stadt an der mittleren Adriaküste. CLÉBERT, S. 813, sieht hier Asti (piemontesisch "Ast", französisch "Aste") gemeint, da in 2/15/4 neben Pisa das Städtetrio "Ast, Ferrare, Turin" (Asti, Ferrara, Turin) auftaucht. Asti liegt etwa 45 km südöstlich von Turin. Die erste Zeile könnte auch mit "Im 'Gürtel' von Vasto/Asti wird die große Kavallerie" übersetzt werden.
3) In den beiden 1557er Ausgaben steht hier "Ferrare", in den 1568ern - außer den Ausgaben von Grasse und Stockholm - "Ferrage" (Eisenwaren, das Beschlagen von Pferden). Ferrara liegt am Unterlauf des Po. Es gibt daneben noch ein Ferrara di Monte Baldo in der Nähe des Gardasees, etwa 40 km nordwestlich von Verona.
4) Das mittelfranzösische "bagaige" bedeutet neben "Gepäck, Armeeausrüstung, Handelsware" u. a. auch "Ballast, Hindernis, etwas Hinderliches". Die Stelle ist wohl als "empeschee du bagaige" zu lesen.
5) Das mittelfranzösische "empescher" bedeutet u. a. "behindern, stören, verhindern; beschlagnahmen". CLÉBERT, S. 813, versteht "empeschee au bagaige" als "der Verpflegung beraubt". Denkbar wäre vielleicht auch: "beim Hindernis aufgehalten werden".
6) Eigentlich: "Beizjagd" (Jagd, bei der sich der Mensch eines Greifvogels bedient). Eingesetzt werden bei dieser Jagdform Falken, aber auch Sperber, Habichte oder Adler. Nostradamus meint hier aber wohl "Plünderung, Raub". Diese Bedeutung des Wortes "volerie" existiert seit 1541 (DUBOIS/MITTERAND/DAUZAT, S. 816). Dennoch könnte vielleicht mehr hinter der Wahl dieses Begriffes stecken.
7) Oder auch: "Unterkunft, Bleibe". Gemeint sein könne auch "ostage" (Geisel). Dann hieße es: "dass [sie] in der Festung ihre Geisel rauben werden".


Die "große Kavallerie" aus Vasto (Asti?) wird bei Ferrara aufgehalten werden. Unverzüglich danach wird in Turin eine große Plünderung stattfinden, bei der in einer Festung eine Wohnung ausgeraubt oder eine Geisel genommen wird.

In den ersten beiden Zeilen ist von einer "großen Kavallerie" die Rede. Gemäß Zeile eins wird sie aus Vasto (?) an der Adria anrücken (vgl. allerdings Anmerkung 2). Da das Adjektiv "groß" bei Nostradamus aber gelegentlich auch für "französisch" stehen kann, könnte es sich hier möglicherweise um französische Truppen handeln.

Die "große Kavallerie" stößt laut Zeile zwei Richtung Ferrara vor. In der Umgebung der Stadt oder des Ortes (vgl. Anmerkung 3) wird ihr Vormarsch jedoch beeinträchtigt werden. Es scheint, als würde die Kavallerie durch Ballast behindert, vgl. allerdings Anmerkungen 4 und 5.

Im zweiten Teil der Strophe geht es um Vorgänge in Turin. Und diese Ereignisse werden sich anscheinend "unverzüglich" nach dem Auftauchen der "großen Kavallerie" bei Ferrara zutragen. Aufgrund der großen Entfernung zwischen Turin und Ferrara scheint es deshalb weniger wahrscheinlich zu sein, dass die "große Kavallerie" am Geschehen in der piemontesischen Metropole direkt beteiligt sein wird.

In Turin findet eine große Plünderung statt, bei der auch eine "Wohnung" ausgeraubt werden wird, die sich innerhalb einer Festung befindet. Damit könnte z. B. der Palazzo Maderna gemeint sein, der ursprünglich eine mittelalterliche Festung war, später aber zu einem repräsentativen Stadtpalast der Herrscher von Savoyen umgebaut wurde. Es ist anzunehmen, dass mit dieser "Wohnung" der Wohnsitz einer bedeutenden Familie oder Einzelperson gemeint ist. Möglicherweise wird dabei nicht nur der gesamte Hausrat geraubt, sondern sogar eine Geisel genommen, vgl. Anmerkung 7.

Interessant ist, dass Nostradamus für die Plünderung einen Begriff gewählt hat, der gleichzeitig die Jagd mit einem Greifvogel, u. a. mit einem Adler, bezeichnen kann, vgl. Anmerkung 6.


8/8  

Pres de linterne1) dans de2) tonnes fermez3),
Chiuaz4) fera pour l’aigle5) la menee6),
L’esleu cassé7) luy ses gens enfermez,
Dedans Turin rapt8) espouse emmenee.

In der Nähe des Inneren1), in2) Tonnen [sind sie] eingeschlossen3), [wird]
Chivasso4) für den Adler5) das Manöver6) durchführen.
Der Gewählte [wird] entfernt7), er [und] seine Leute [werden] eingesperrt [werden].
In Turin [wird ein] Raub8) [stattfinden, und die] Gemahlin [wird] weggeführt
[werden].
1) Mit "linterne" könnte das heutige Villa Literno, etwa 25 km nordwestlich von Neapel gemeint sein. Allerdings ist fraglich, ob diese Lösung in den norditalienischen Kontext des Vierzeilers passt. Mit Blick auf die Tonnen und die ersten beiden Zeilen von 7/40 bietet es sich an, "linterne" einfach als "l’interne" (das Innere) zu lesen.
2) Lies: "dans des". Die Stelle könnte vielleicht auch so verstanden werden, dass diese Tonnen etwas umgeben, um etwas angeordnet werden. Dann wäre vom "Innern der in Tonnen Eingeschlossenen" die Rede.
3) Mittelfranzösisch "fermer" (u. a. verschließen, einschließen).
4) Piemontesisch "Civàs" (Chivasso). Stadt am Po, etwa 20 km flussabwärts von Turin gelegen.
5) Der französische* "Adler" taucht auch in 1/23 (5.31), 1/31 (5.159), 1/38 (5.113), 2/44 (5.130), 2/85* (5.34), 3/37 und 5/81 (beide 5.31), 3/52 (5.34), 4/70 (5.130), 5/42 (5.182), 6/46 (5.190), 6/78 (5.31), 8/4 (5.190), 8/9 (5.16), 8/46* (5.159), 10/27 (5.225) und 5.200 auf. Konkret könnte damit ein französischer Feldherr oder Machthaber gemeint sein, der dem historischen Aëtius (ca. 390 - 454) ähnelt, vgl. griech. "aetos" und "aietos" (Adler). Flavius Aëtius (römischer Feldherr und mehrfacher Konsul) kämpfte gegen die Westgoten, Franken und Burgunder und besiegte 451 die Hunnen auf den Katalaunischen Feldern bei Châlons-en-Champagne. 454 wurde Aëtius von Kaiser Valentinian getötet.
6) Oder: "Intrige". "Menee" bedeutet zudem u. a. auch "Jagdspur, Fährte". Sollte es in dieser Zeile "sera" statt "fera" heißen, wäre diese etwa mit "Chivasso wird für den Adler die Fährte sein" zu übersetzen.
7) Im Sinne von "abgesetzt". Oder auch: "gefangen genommen". Sollte es "chassé" heißen (vgl. CLÉBERT, S. 848), würde der "Gewählte" vertrieben.
8) "Raub" im Sinne von "Plünderung" wie auch von "Entführung".


Chivasso wird für den französischen "Adler" ein in Tonnen verstecktes Kommando in eine Stadt bringen. Ein "Gewählter" wird aus seinem Amt entfernt und seine Leute eingesperrt. In Turin findet ein Raub statt und eine Ehefrau wird entführt.

Die vierte Zeile verbindet die Strophe mit 7/27. Nostradamus erwähnt hier ebenfalls einen Raub in Turin sowie das Wegführen - wohl Entführen - einer Ehefrau.

In der zweiten Zeile ist von Chivasso die Rede, das nur rund 20 km von Turin entfernt liegt. Es scheint, als wäre die piemontesische Stadt eine Verbündete des französischen "Adlers", da sie für ihn ein Manöver durchführt. Sollte es in 8/8/2 statt "fera" jedoch "sera" heißen (vgl. Anmerkung 6), hieße das wahrscheinlich, dass die Stadt auf dem Weg ("Fährte") liegt, den der "Adler" durch Norditalien nimmt oder noch zu nehmen beabsichtigt.

Ob der "Adler" für den Raub in Turin verantwortlich sein wird, ist möglich. Dazu passen würde jedenfalls, dass in 7/27/3 auch von einer Beizjagd die Rede sein könnte.

In Zeile eins dürfte das Manöver erwähnt sein, dass Chivasso für den "Adler" durchführt und auf das 7/40 näher eingeht. In der Nähe des "Innern" - wohl des innerhalb einer Stadt gelegenen Hafens, vgl. 7/40/2 - werden Tonnen abgestellt, in die Soldaten oder Kämpfer eingeschlossen sind.

Die dritte Zeile spricht von einem "Gewählten", der entfernt oder vertrieben wird und dessen Leute eingesperrt werden, vgl. Anmerkung 7. Falls sich diese Zeile auf die Geschehnisse in Turin bezieht, könnte mit dem "Gewählten" ein Magistrat der Stadt gemeint sein. Ansonsten müsste man bei einem "Gewählten" an den römisch-deutschen Kaiser oder den Papst denken.









7/40  

Dedans tonneaux1) hors oingz d’huille & gresse,
Seront vingt vn deuant le port2) fermés,
Au second guet3) par mort feront prouesse:
Gaigner les portes & du guet4) assommés.

In Tonnen1), [die] außen mit Öl und Fett eingeschmiert [sind],
werden ein[und]zwanzig vor dem Hafen2) eingeschlossen sein.
Bei [der] zweiten Wache3) werden [sie] im Tod Tapferkeit zeigen.
[Sie werden] die Tore einnehmen und von [der] Wache4) niedergestreckt [werden].
1) In den beiden Ausgaben von 1557 steht hier der Plural, in der 1568er aus Schaffhausen fälschlicherweise der Singular.
2) In den beiden Ausgaben von 1557 steht hier "port", in der 1568er aus Schaffhausen "pon" (Apfel). Im Mittelfranzösischen bezeichnet "port" nicht nur einen Hafen am Meer sondern etwa auch an einem Fluss.
3) Seit der Römerzeit wurde die Nacht in vier Wachen (lat. "vigiliae") zu etwa drei Stunden eingeteilt, die allerdings je nach Nachtdauer ungleich lang waren. Die Zeit der zweiten Wache dauert vom späten Abend bis in die Mitte der Nacht.
4) Auch im Sinne von "Wachmannschaft".


Das 21 Mann starke Kommando aus Chivasso wird in Tonnen versteckt, die außen mit Öl und Fett eingeschmiert sind. Am späten Abend verlassen die Männer die Tonnen und nehmen die Stadttore ein. Von den Wachen werden sie allerdings getötet werden.

In dieser Strophe wird wohl das Manöver näher geschildert, das Chivasso gemäß 8/8/1f. für den "Adler" durchführt:

21 Leute - wohl Bewaffnete - werden in Tonnen eingeschlossen, die außen mit Öl und Fett eingeschmiert sind. CLÉBERT, S. 825f., sieht in diesem Einschmieren eine Maßnahme zum lautlosen Transport der Fässer. Oder sollen die Tonnen gegen Nässe von außen geschützt werden? Die Zahl 21 dürfte sich aus einem Kommando von zwanzig Mann plus Anführer ergeben.

Wie der zweiten Hälfte der Strophe zu entnehmen ist, werden die 21 spät abends die Fässer verlassen und die Stadttore einnehmen. Doch der Erfolg ist nur von kurzer Dauer. Die herbei eilenden Wachen töten die sich tapfer verteidigenden Eindringlinge.

Die in 7/40 beschriebene Aktion macht nur Sinn, wenn die Armee des Angreifers - in diesem Fall des "Adlers" - in unmittelbarer Reichweite der Stadt liegt. Ob es dem Kommando aus Chivasso gelingen wird, die Tore lange genug für den "Adler" offen zu halten, ist aus diesem Vierzeiler nicht ersichtlich.




3/37  

Auant l’assaut oraison prononcée1):
Milan prins d’aigle par embusches2) deceuz3):
Muraille antique par canons enfoncée,
Par feu & sang4) à mercy peu receuz.

Vor dem Ansturm [wird ein] Gebet gesprochen1) [werden].
Mailand [wird] vom Adler eingenommen [werden]. Mit List2) [werden sie] in
die Irre geführt3).
[Die] antike Mauer [wird] von Kanonen durchbrochen [werden].
Während [des] Feuers und [des] Blutbads4) [werden nur] wenige Gnade erfahren.
1) Oder auch: "eine Rede gehalten".
2) Das mittelfranzösische "embusche" (Hinterhalt) bedeutet im übertragenen Sinne auch "List", was hier wohl gemeint sein dürfte.
3) Oder auch: "überrascht".
4) "À feu et à sang" oder "de feu et de sang" ist eine mittelfranzösische Wendung, die für alle möglichen Schrecken und Zerstörungen, besonders Brände und Massaker, steht.


Mit List wird der "Adler" Mailand einnehmen. Mit Kanonen wird in Nahost die alte Grenze des Römischen Reiches durchbrochen werden.

In der zweiten Zeile erobert der französische "Adler" Mailand. Und er scheint dabei mit List vorzugehen.

Laut Zeile eins wird vor dem Ansturm auf die norditalienische Metropole ein Gebet gesprochen werden (vgl. allerdings Anmerkung 1). Nostradamus hat damit vielleicht ausdrücken wollen, dass die Stadt an einem Sonn- oder Feiertag angegriffen wird. Vielleicht dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Das würde jedenfalls zum listenreichen Vorgehen des "Adlers" passen.

In Zeile drei erfahren wir, dass eine antike Mauer von Kanonen durchbrochen werden wird. Damit könnte die "Mauer des Orients" (der syrische Limes) aus 5/81/3 gemeint sein, die unter "Donner und Blitz" fallen wird. "Donner und Blitz" könnten somit u. a. auf den Einsatz von Geschützen verweisen.

Zeile vier ist zu entnehmen, dass der Kampf sehr brutal und gnadenlos geführt werden wird. Ob damit die Besetzung Mailands oder der Krieg im Nahen Osten gemeint ist, ist leider nicht ersichtlich.


1/23  

Au mois troisiesme1) se leuant le soleil2),
Sanglier3), liepard4) au chãp mars5) pour cõbatre.
Liepard laisse6) au ciel extend7) son œil,
Vn aigle8) autour du soleil voyt s’esbatre9).

Im dritten Monat1) erhebt sich Sonne2),
Wildschwein3) [und] Leopard4) [sind] auf [dem] Feld [des] Mars5) um zu
kämpfen.
[Der] verlassene6) Leopard richtet7) sein Auge zum Himmel
[und] sieht einen Adler8) bei der Sonne herumtollen9).
1) Nach altrömischem Kalender (bei dem das Jahr mit dem März beginnt) wäre das der Mai.
2) Die Sonne steht bei Nostradamus für das Christentum, das den Tag der Sonne (lat. "dies Solis") feiert.
3) Das Wildschwein (oder auch nur: "wildes Schwein") ist bisher noch nicht identifiziert. Es gäbe aber im französisch-belgischen Raum einen möglichen Anknüpfungspunkt. Das Wildschwein war u. a. ein Symbol für die Gallier (vgl. auch CLÉBERT, S. 87). So ritt deren Göttin Arduina, die von den Römern der Diana gleichgesetzt wurde, auf einem Wildschwein. Ihr Name lebt bis heute in den "Ardennen" weiter. Diese führen uns zu Guillaume de la Marck, einem Feudalherren aus dem belgischen Lummen (Lumey), der den Beinamen "Wildschwein der Ardennen" trug. De la Marck versuchte im 15. Jahrhundert, sich der Bischofsstadt Lüttich zu bemächtigen, musste aber schließlich den Interessen Kaiser Maximilians weichen. Das "Wildschwein der Ardennen" wurde schließlich in einem Hinterhalt gefangen genommen und 1485 in Maastricht enthauptet.
          Oder Nostradamus hat hier wieder an die Antike gedacht: Im antiken Mythos erschlug Theseus die Krommyonische Sau Phaia ("die Graue"), ein monströses wildes Schwein, das die Gegend bei Korinth unsicher machte. Ihre beiden Nachkommen, der Kalydonische und der Erymanthische Eber, haben ebenfalls Eingang in die Sagenwelt der Antike gefunden. Der Erstgenannte wurde von Artemis (Diana bzw. Selene/Luna) geschickt, um die Felder nahe des westgriechischen Kalydon zu verwüsten. Er wurde von einer Reihe griechischer Helden gejagt und getötet. Der der Artemis geweihte Erymanthische Eber hauste auf der nordwestlichen Peloponnes und wurde von Herkules im Rahmen seiner zwölf Arbeiten eingefangen. Die beiden letztgenannten "Schweine" wären somit bei Nostradamus im Bunde mit dem Islam (Selene).
          Interessant ist aber auch folgende Begebenheit: Der schöne Adonis, ein Geliebter der Aphrodite (Venus), wurde auf der Wildschweinjagd vom eifersüchtigen Ares (Mars) in der Gestalt eines Ebers oder Keilers getötet. Das "Wildschwein" des Nostradamus könnte also beispielsweise ein Feldherr sein, der einen Alliierten der Muslime besiegt oder sogar vernichtet (die "Venus" steht bei unserem Seher ebenfalls für den Islam).
          Als Wappentier erscheint das Wildschwein etwa beim süditalienischen Benevent.
          Ein "Eber" dürfte ebenfalls in 9/10/2 (5.110) auftauchen. In 6/44/4 ist von einem weiblichen "Schwein" die Rede, womit aber wohl ein gleichnamiges Katapult gemeint sein dürfte.
4) Der Leopard, der auch in 6/20/4 (5.8) auftaucht, ist im Mittelfranzösischen ein Symbol für England (vgl. z. B. BRIND’AMOUR, S. 81). Zur Frage Leopard/Löwe siehe 5.71.
5) Mit dem "Feld des (Kriegsgottes) Mars" könnte einfach ein Schlachtfeld gemeint sein. Oder Nostradamus denkt an das römische Marsfeld (Campus Martius), ein Gebiet in Rom, das zur Zeit unseres Sehers den Großteil der Stadt ausmachte.
6) Lies: "laissé" (verlassen). BRIND’AMOUR, S. 79 und CLÉBERT, S. 87 korrigieren hier zu "lassé" (erschöpft, müde).
7) Lat. "extendere" (u. a. ausstrecken, sich erstrecken lassen). Vgl. "étendre"
8) Der französische* "Adler" taucht auch in 1/31 (5.159), 1/38 (5.113), 2/44 (5.130), 2/85* (5.34), 3/37 und 5/81, 3/52 (5.34), 4/70 (5.130), 5/42 (5.182), 6/46 (5.190), 6/78 (5.31), 8/4 (5.190), 8/8 (5.203), 8/9 (5.16), 8/46* (5.159), 10/27 (5.225) und 5.200 auf. Konkret könnte damit ein französischer Feldherr oder Machthaber gemeint sein, der dem historischen Aëtius (ca. 390 - 454) ähnelt, vgl. griech. "aetos" und "aietos" (Adler). Flavius Aëtius (römischer Feldherr und mehrfacher Konsul) kämpfte gegen die Westgoten, Franken und Burgunder und besiegte 451 die Hunnen auf den Katalaunischen Feldern bei Châlons-en-Champagne. 454 wurde Aëtius von Kaiser Valentinian getötet.
9) Oder u. a. auch: "sich amüsieren, sich fröhlich bemühen". 


In einem Mai verbessert sich die Lage des Christentums. Das "Wildschwein" steht dem englischen Papst militärisch bei, verlässt ihn dann aber wieder. Dafür kommt der französische "Adler" der ewigen Stadt und der Kirche zu Hilfe.

Im dritten Monat des Jahres (vgl. Anmerkung 1) wird laut erster Zeile die christliche Sonne (wieder) aufgehen (vgl. Anmerkung 2). Das bedeutet wohl, dass das Christentum nach einer schweren Zeit wieder einer besseren Zukunft entgegengehen wird. Die Zeilen zwei bis vier dürften dabei erklären, wie dieser Umschwung zustande kommen wird.

In Zeile zwei werden ein "Wildschwein" und ein "Leopard" erwähnt, die sich in Rom (Marsfeld) oder auf einem Schlachtfeld einfinden um zu kämpfen. Doch gegeneinander oder zusammen gegen einen gemeinsamen Feind? Ich vermute, es handelt sich hier um ein Bündnis, vgl. unten.

Der "Leopard" ist ein Symbol für England, vgl. Anmerkung 4. In 6/20/4 (5.8) ist jedoch davon die Rede, dass Rom einen "neuen Leoparden haben wird". Damit scheint eher eine Person denn ein Land gemeint zu sein, im konkreten Fall wahrscheinlich ein Papst. Dennoch ist die englische Spur wohl richtig, da Nostradamus in 5/99 (5.159 u. 5.240) von einem "alten britannischen Oberhaupt" Roms spricht.

Falls wir in 1/23/2 einen englischen Papst vor uns haben, könnte mit dem "Feld des Mars" das römische Marsfeld gemeint sein (vgl. Anmerkung 5). Sollte es sich um ein Schlachtfeld, einen militärischen Konflikt handeln, dürfte von "Wildschwein" und "Leopard" mindestens einer über Truppen verfügen - wahrscheinlich das "Wildschwein". Der "Leopard" stände als Papst wohl v. a. politisch auf der Seite des Borstenviehs. Vielleicht wird der "Leopard" das "Wildschwein" sogar um militärischen Beistand bitten? Zur Zeit des Nostradamus verfügten die Päpste als weltliche Herrscher des Kirchenstaates allerdings über eigene Streitkräfte.

Die Identität des "Wildschweins" ist unklar. Interessant ist aber, dass unser Seher in der gleichen Zeile, in der das "Wildschwein" auftaucht, auch vom "Feld des Mars" oder dem Marsfeld spricht. In der antiken Mythologie gibt es die Verbindung von Mars und Wildschwein ebenfalls, nämlich in Zusammenhang mit dem Tod des Adonis. Adonis war ein Geliebter der Aphrodite (Venus). Auf einer Wildschweinjagd wurde Adonis vom eifersüchtigen Ares (Mars) getötet, der dazu die Gestalt eines Keilers angenommen hatte.

Bei Nostradamus steht die Venus für den Islam. "Adonis" wäre bei unserem Seher somit wohl entweder selber ein Muslim oder zumindest ein enger Verbündeter der Muslime. Das "Wildschwein" aus 1/23/2 folglich ein Gegner der Orientalen. Möglicherweise aber auch ein Rivale um die Gunst der Muslime.

Falls mit dem "Leoparden" ein Papst gemeint sein sollte, besteht Grund anzunehmen, dass dieser ein Gegner der islamischen Macht ("Venus") und somit auch des "Adonis" sein wird. Vor diesem Hintergrund müsste folglich das "Wildschwein" auf derselben Seite stehen wie das Kirchenoberhaupt.

In der dritten Zeile von 1/23 erfahren wir, dass der "Leopard" nun verlassen sein wird. Das dürfte bedeuten, dass ihm sein Allianzpartner (das "Wildschwein") aus ungenannten Gründen abhanden gekommen ist. Nostradamus lässt den "Leoparden" in dessen Not "zum Himmel blicken", d. h. möglicherweise um göttlichen Beistand bitten, was gut zu einem Papst passen würde.

Und Gott bzw. der Himmel erhört anscheinend seinen Stellvertreter auf Erden. Der "Leopard" sieht einen Adler, der um die Sonne "herumtollt", d. h. sich ihr fröhlich (freundlich) nähert, vgl. Anmerkung 9. Bei Nostradamus steht die Sonne für das Christentum, vgl. Anmerkung 2. In 5/81/1 erfahren wir, dass der französische "Adler" über der "Sonnenstadt" (Rom) kreisen wird, was in 1/23/4 wohl ebenfalls gemeint ist. Und zwar deshalb, weil ihn die Römer selber um Hilfe rufen werden (6/78/2).
 






5/81  

L’oiseau royal1) sur la cité solaire2),
Sept moys deuant fera nocturne augure3):
Mur d’Orient4) cherra tonnerre esclaire,
Sept iours aux portes les ennemis à l’heure.5)

Der königliche Vogel1) [wird] über der Sonnenstadt2) [kreisen].
Sieben Monate zuvor [wird man] in einer Nacht [die] Deutung eines Vorzeichens
vornehmen3).
[Die] Mauer des Orients4) wird fallen, [unter] Donner [und] Blitz.
[Nach] sieben Tage [werden] die Feinde sofort bei den Toren [sein].5)
1) Damit dürfte der Adler gemeint sein, der schon bei den alten Griechen und Römern dem obersten Gott, Zeus bzw. Jupiter, zugeordnet worden ist. Zeus soll einst den attischen König Periphas in einen Adler verwandelt und ihm dann die Königsherrschaft über alle anderen Vögel übetragen haben. Als Adler Aetus Dius war Periphas ein Begleiter des Jupiter. Bei Nostradamus taucht der französische* "Adler" auch in 1/23 (5.113), 1/31 (5.159), 1/38 (5.113), 2/44 (5.130), 2/85* (5.34), 3/37 und 5/81, 3/52 (5.34), 4/70 (5.130), 5/42 (5.182), 5/99 (5.159), 6/46 (5.190), 6/78 (5.193), 8/4 (5.209), 8/8 (5.203), 8/9 (5.16), 8/46* (5.159), 10/27 (5.225) und 5.200 auf. Konkret könnte damit ein französischer Feldherr oder Machthaber gemeint sein, der dem historischen Aëtius (ca. 390 - 454) ähnelt, vgl. griech. "aetos" und "aietos" (Adler). Flavius Aëtius (römischer Feldherr und mehrfacher Konsul) kämpfte gegen die Westgoten, Franken und Burgunder und besiegte 451 die Hunnen auf den Katalaunischen Feldern bei Châlons-en-Champagne. 454 wurde Aëtius von Kaiser Valentinian getötet.
2) Das ist Rom, das Zentrum des (katholischen) Christentums. Das Christentum ist die Religion, die den "Tag der Sonne" (lat. "dies Solis"), den Sonntag feiert. Vgl. 1/8 (5.46).
3) Lat. "augurium agere" (die Deutung eines Vorzeichens vornehmen).
4) Oder: "des Ostens". Hier ist wohl der syrische Limes (auch: Limes orientalis oder Limes arabicus) gemeint, der die Ostgrenze des Römischen Reiches sichern sollte. Vgl. dazu lat. "murus" (u. a. Mauer, Erdwall, Bollwerk). Der syrische Limes wurde unter den Kaisern Trajan (98 - 117) und Hadrian (117 - 138) errichtet. Er erstreckte sich vom Südwesten des heutigen Syriens quer durch das Land bis ins syrisch-türkische Grenzgebiet. 260 gelang es den Sassaniden (Persern) aber, den syrischen Limes zu durchbrechen, nach Antiochia vorzudringen und es zu verwüsten. Die muslimischen Araber dehnten nach Muhammads Tod (632) ihren Machtbereich im Nahen Osten massiv aus und überwanden ihrerseits die alte Ostgrenze des Römischen Reiches.
5) Oder vielleicht auch: "Sieben Tage [werden] die Feinde bei den Toren [der Mauer und dann dort] zu [guter] Stunde [sein]": D. h. die Feinde würden nach siebentägiger Belagerung die Mauer in einem günstigen Augenblick überwinden (vgl. CLÉBERT, S. 659).

Der "Adler" wird über Rom kreisen. Sieben Monate zuvor wird ein Vorzeichen beobachtet und in Nahost die alte Grenze des Römischen Reiches durchbrochen werden. Nach sieben Tagen werden die Angreifer die Tore einer Stadt erreichen.

In den ersten beiden Zeilen ist von Rom (der "Sonnenstadt") die Rede, vgl. Anmerkung 2. Der französische "Adler", vgl. Anmerkung 1, wird über der Stadt kreisen. Wie wir in 6/78 erfahren haben, werden die Römer den "Adler" zu Hilfe rufen. Dieses "Kreisen" über Tiberstadt ist hier also wohl als ein Beschützen bzw. Bewachen aufzufassen. Es sei denn, Rom ist zuvor in die Hände von Feinden geraten. In diesem Fall würde der kreisende "Adler" wohl die besetzte Stadt bedrohen und einen Angriff vorbereiten (über der ausgespähten Beute kreisen).

Gemäß zweiter Zeile wird man sieben Monate zuvor in einer Nacht ein Vorzeichen deuten. Im alten Rom wurde durch die Auguren (Priester) vor wichtigen Entscheidungen, etwa in der Politik, der Wille der Götter erkundet. Dazu beobachtete man verschiedene Vorzeichen, z. B. den Flug der Vögel oder auch Blitze, und deutete diese als göttliche Zustimmung oder Ablehnung. Da man laut Nostradamus das Vorzeichen in einer Nacht deuten und somit zunächst überhaupt einmal sehen muss, ist die Vermutung naheliegend, dass es sich dabei um einen oder mehrere Blitze handelt.

Von einem Blitz ist in der dritten Zeile die Rede. Wir erfahren, dass die "Mauer des Orients" unter "Donner und Blitz" fallen wird. Mit dieser "Mauer" dürfte wohl der syrische Limes, die alte Ostgrenze des Römischen Reiches gemeint sein, vgl. Anmerkung 4. In 3/37/3 wird uns wohl mitgeteilt, dass man die Mauer mit Kanonen durchbrechen wird, was eine Erklärung für "Donner und Blitz" liefert. Nostradamus könnte dieses Bollwerk aber auch deswegen unter "Donner und Blitz" fallen lassen, um anzudeuten, dass der Vormarsch der Feinde ein Fanal für Kommendes sein wird. Ein Fanal, ein Vorzeichen, dass man auch im noch fernen Rom wahrnehmen und deuten wird. Ansonsten wären Donner und Blitz vielleicht ein Hinweis auf die Angreifer: die Anhänger der "Jupiter"-Religion.

Zeile vier ist nicht ganz klar, vgl. Anmerkung 5. Wir könnten hier erfahren, dass die Angreifer sieben Tage brauchen werden, um von der durchbrochenen "Mauer des Orients" bis zu den Toren einer ungenannten Stadt zu gelangen. Diese dürfte wohl im Nahen Osten zu suchen sein. Vielleicht wieder Antiochia (Antakya)? Oder Jerusalem? Letzteres würde zum Schicksal der Juden bzw. "Sauls" aus 6/33, 2/57 und 4/14 passen.














6/33  

Sa main1) derniere par Alus2) sanguinaire3),
Ne se pourra par la mer guarentir4):
Entre deux Fleuues caindre6) main militaire5),
Le noir7) l’ireux le fera repentir.8)

Sein letzter Kampf1), von "Alus"2), [wird] mörderisch3) [sein].
[Er] wird sich nicht über das Meer retten4) können.
Zwischen zwei Flüssen [wird man einen] mit militärischer Gewalt5) umgeben6).
Der Boshafte7) [wird] es den Wütenden bereuen lassen.8)
1) Vgl. lat. "manus" (u. a. Hand, Macht, Kampf).
2) "Alus" könnte tatsächlich ein Anagramm für "Saul" sein (vgl. LEONI), da dieser Name im Französischen gleich wie im Deutschen geschrieben wird (Saül bzw. Saul). Saul war der erste König der Israeliten. Er kämpfte gegen die heidnischen Philister, wurde aber besiegt und beging Selbstmord (1 Samuel 9-31). LE PELLETIER sieht einen römischen Gott, doch welchen? Im römischen Bereich gäbe es vielleicht noch Sulla ("Allus") als mögliche Lösung anzuführen. Lucius Cornelius Sulla Felix (138  oder 134 - 78 v. Chr.) war ein römischer Feldherr und Politiker, der als Diktator zum ersten Mal seine Truppen auch zur Durchsetzung seiner innenpolitischen Ziele verwendete.
3) Vgl. hierzu lat. "sanguinarius" (u. a. auch "mörderisch": z. B. "sanguinarium bellum", der mörderische Krieg). Das "sanguinaire" könnte sich aber auch auf "Alus" beziehen, dann hätten wir einen "blutigen (blutrünstigen) 'Alus'" vor uns. In diesem Fall ließen sich die ersten beiden Zeilen vielleich folgendermaßen verstehen: "Seine, des blutrünstigen 'Alus' letzte Streitmacht, wird sich nicht über das Meer retten können."
4) Oder: "sich nicht am Meer schützen".
5) Lat. "manu militari" (mit militärischer Gewalt).
6) In den beiden Ausgaben von 1557 steht hier "caindre" (umgeben), 1568 jedoch "craindre" (fürchten). Sollte Letzteres gemeint sein, wäre die Zeile etwa mit "Zwischen zwei Flüssen [wird man die] militärische Auseinandersetzung fürchten" zu übertragen.
7) Vgl. lat. "niger" (u .a. boshaft, tückisch, böse).
8) Oder auch: "Der Boshafte, der Wütende wird ihn bereuen lassen."


Ein neuer "Saul" wird einen letzten mörderischen Kampf führen und sich nicht über das Meer retten können. Zwischen zwei Flüssen wird man militärisch eingekreist werden, und ein Boshafter wird einen Wütenden etwas bereuen lassen.

Bei diesem Vierzeiler hängt vieles davon ab, was das "Alus" aus der ersten Zeile bedeutet. Sollte Nostradamus tatsächlich von einem neuen König Saul sprechen (vgl. Anmerkung 2), hieße das, er hätte die Existenz eines neuen jüdischen Staates vorhergesagt. Etwas, das zu seiner Zeit nahezu unvorstellbar gewesen wäre. Gesetzt den Fall dies träfe zu, stellt sich aber dennoch die Frage, ob dieser Judenstaat einfach mit dem 1948 gegründeten Israel gleichgesetzt werden kann.

Das heutige Israel ist eine demokratische Republik, währenddem ein neuer König Saul eher auf eine Monarchie hindeutet. Eine politische Organisationsform, die dem jüdischen Volk allerdings nicht ganz fremd ist: Gemäß biblischer Überlieferung erfolgte die Landnahme der aus Ägypten zurückkehrenden Juden unter Josua (um ca. 1250 v. Chr.), der zwar als Nachfolger des Mose der Anführer aber nicht der König der Israeliten war. Die Israeliten lebten während einiger Generationen (bis ca. 1000 v. Chr.) in einer losen Stammesorganisation von zwölf Stämmen und begaben sich nur von Fall zu Fall unter die Führung eines Oberhauptes ("Richters"). Als der Druck der feindlichen Philister um ca. 1000 v. Chr. immer stärker wurde, schlossen sich die Israeliten jedoch zu einem Königreich zusammen, mit Saul als Herrscher.

Auch der mutmaßliche neue Saul des Nostradamus scheint in einer Situation Anführer des jüdischen Volkes zu sein, wenn dieses in großer Not ist. Wie wir in der ersten Zeile erfahren, wird er mehr als einmal zu kämpfen haben. Und sein letzter Kampf wird mörderisch sein. Sollte er wie der biblische Saul diese letzte Auseinandersetzung nicht überleben?

Der zweiten Zeile ist zu entnehmen, dass Saul sich nicht über das Meer wird retten können. Somit wird er sich wahrscheinlich in einer hoffnungslosen Lage befinden. Das wäre eine Parallele zum biblischen Bericht, wo sich Saul in einer derartigen Situation das Leben nimmt (1 Samuel 31, 1-6). Mit dem Meer ist entweder das Mittelmeer, das Tote Meer oder der See Gennesaret (Galiläisches Meer) gemeint.

Die letzten beiden Zeilen sind im Moment noch nicht einzuordnen: Zwischen zwei Flüssen (Mesopotamien?) wird jemand militärisch eingekreist werden, und ein "Boshafter" wird einen "Wütenden" etwas bereuen lassen.




2/57  

Auant conflit le grand mur tumbera1):
Le grãd à mort, mort trop subite & plainte:
Nay2) imparfaict:3) la plus part nagera4):
Aupres du fleuue de sang la terre tainte.

Vor [dem] Konflikt wird die große Mauer fallen.
Der Große stirbt. [Es ist ein] plötzlicher und beklagter Tod.
Geboren2) [ist der] Unvollkommene.3) Der größte Teil wird schwimmen4).
Beim Fluss [wird] die Erde mit Blut befleckt [sein].
1) Lies: "tombera".
2) Oder: "erschienen".
3) Oder umgekehrt: "[Der] Geborene [ist] unvollkommen." Hier könnte die Geburt eines missgestalteten Kindes gemeint sein, die Nostradamus als schlechtes Vorzeichen für das Kommende eingefügt hat, vgl. BRIND’AMOUR, S. 270 und CLÉBERT, S. 287.
4) Oder: "zur See fahren".


Vor dem Konflikt wird in Nahost die alte Grenze des Römischen Reiches fallen. Der neue "Saul" wird einen plötzlichen und beklagten Tod sterben. Der neue "David" erscheint, und der größte Teil der Juden flieht über das Meer. Bei einem Fluss wird Blut fließen.

In der ersten Zeile erfahren wir, dass vor einem Konflikt die "große Mauer" fallen wird. Mit dieser "großen Mauer" könnte die "antike Mauer" aus 3/37/3 bzw. der syrische Limes aus 5/81/3 gemeint sein.

Die zweite Zeile berichtet vom plötzlichen und beklagten Tod eines "Großen". Falls dieser Tod in einem direkten Zusammenhang mit dem Fall der "großen Mauer" steht, dürfte der "Große" wohl im Nahen Osten sterben. Das wäre eine Parallele zu 6/33, wo Nostradamus mutmaßlich vom letzten Kampf und Tod eines neuen "Sauls" spricht. Dazu passen würde auch, dass unser Seher in 2/57/2 das Ende des "Großen" einen "beklagten Tod" nennt. Sauls Nachfolger David beklagt in der Bibel nämlich wortreich den Hinschied des alten Königs und dessen Sohn Jonatan:

Und David sang die folgende Totenklage auf Saul und seinen Sohn Jonatan; er sagte, man solle es die Söhne Judas als Bogenlied lehren; es steht im »Buch des Aufrechten«:
Israel, dein Stolz liegt erschlagen auf deinen Höhen.
Ach, die Helden sind gefallen!
Meldet es nicht in Gat,
verkündet es nicht auf Aschkelons Straßen,
damit die Töchter der Philister sich nicht freuen,
damit die Töchter der Unbeschnittenen nicht jauchzen.
Ihr Berge in Gilboa, kein Tau und kein Regen
falle auf euch, ihr trügerischen Gefilde.
Denn dort wurde der Schild der Helden befleckt,
der Schild des Saul, als wäre er nicht mit Öl gesalbt.
Ohne das Blut von Erschlagenen,
ohne das Mark der Helden
kam der Bogen Jonatans nie zurück;
auch das Schwert Sauls
kehrte niemals erfolglos zurück.
Saul und Jonatan, die Geliebten und Teuren,
im Leben und Tod sind sie nicht getrennt.
Sie waren schneller als Adler,
waren stärker als Löwen.
Ihr Töchter Israels, um Saul müsst ihr weinen;
er hat euch in köstlichen Purpur gekleidet,
hat goldenen Schmuck auf eure Gewänder geheftet.
Ach, die Helden sind gefallen mitten im Kampf.
Jonatan liegt erschlagen auf deinen Höhen.
Weh ist mir um dich, mein Bruder Jonatan.
Du warst mir sehr lieb.
Wunderbarer war deine Liebe für mich
als die Liebe der Frauen.
Ach, die Helden sind gefallen,
die Waffen des Kampfes verloren.


(Zweites Buch Samuel 17-27).

Neu ist bei Nostradamus allerdings, dass es sich beim Tod des neuen Sauls um einen plötzlichen, d. h. unerwarteten Tod handeln wird.

In der dritten Zeile von 2/57 lesen wir von der Geburt oder dem Erscheinen eines "Unvollkommenen". Falls damit nicht bloß ein schlechtes Vorzeichen für das Kommende gemeint sein sollte (vgl. Anmerkung 3), könnte damit ein neuer "David", der Nachfolger des alten "Saul" gemeint sein. Nostrdamus bezeichnet den neuen "David" vielleicht deswegen als "unvollkommen", weil dieser wie sein biblisches Vorbild zunächst nur über einen Teil des jüdischen Volkes herrschen, also nur "unvollkommene" (beschränkte) Macht besitzen wird.

Zum Zeitpunkt, wenn dieser neue "David" erscheint (gekrönt bzw. gesalbt wird?), wird der "größte Teil" schwimmen bzw. zur See fahren. Damit könnten die Juden gemeint sein, die nach der Niederlage "Sauls" zum größten Teil das Land Israel auf dem Seeweg verlassen müssen. Wir erinnern uns hier an 6/33/2, wo wir erfahren, dass "Saul" sich - im Gegensatz zum Gros seines Volkes - nicht über das Meer wird retten können.

Unklar ist, bei welchem Fluss gemäß vierter Zeile die Erde mit Blut befleckt sein wird. Beim Jordan? Und wer vergießt wessen Blut?




4/14  

La mort subite du premier personnaige
Aura changé & mis vn autre au regne1):
Tost, tard venu à si haut & bas aage,
Que terre & mer faudra que lon le craigne.

Der plötzliche Tod der ersten Person
wird [das Land] verändert und einen anderen an die Macht1) gebracht haben.
Früher [oder] später [wird er] in [eine] so hohe [Machtposition] gekommen [sein,] -
und [das in] jungen Jahren -,
dass [es auf dem] Land und [zur] See nötig sein wird, dass man ihn fürchtet.
1) Das mittelfranzösische "regne", auf das sich das "changé" bezieht, bedeutet u. a. "Land, Herrschaft". Es wurde hier sinngemäß einmal als "Land" und einmal als "Macht" übersetzt.


"Sauls" plötzlicher Tod wird "David" an die Macht bringen und das Land verändern. "David" wird schon in jungen Jahren eine derartige Machtposition erringen, dass man ihn zu Land und zu Wasser fürchten wird.

Wie der ersten Zeile von 4/14 zu entnehmen ist, wird eine "erste Person" einen plötzlichen Tod sterben. Bei dieser "ersten Person" wird es sich, wie aus Zeile zwei geschlossen werden kann, um den Machthaber eines Landes handeln. Hier dürfte wohl vom "Großen" aus 2/57/3 die Rede sein, der ebenfalls einen plötzlichen Tod stirbt: der neue "Saul".

In der zweiten Zeile von 4/14 erfahren wir weiter, dass der Tod des Machthabers dessen Land verändern und einen anderen an die Macht bringen wird. Analog dem biblischen Geschehen müsste das der neue "David" sein, auf den wir schon in 2/57/3 gestoßen sein könnten.

Zeile drei ist zu entnehmen, dass der neue "David" schon in jungen Jahren eine außerordentliche Macht auf sich wird vereinen können.

Eine derart große Macht, dass "man" - wohl die Feinde der Juden bzw. Israels - ihn zur See und auf dem Land wird fürchten müssen.
 


10/96  

Religion du nom des mers1) vaincra,
Contre la secte2) fils3) Adaluncatif4),
Secte obstinee5) deploree6) craindra,
Des deux blessez8) par Aleph & Aleph7).

[Die] Religion mit dem Namen der Meere1) wird siegen
gegen die Sekte2) [des] Sohns3) "Adaluncatif"4).
[Diese] Sekte [ist] hartnäckig5) [und] tränengetränkt6) [und] wird [sich] fürchten,
seitdem zwei von Aleph und Aleph7) angegriffen8) [worden sind].
1) Mit dem "Namen" zielt Nostradamus wohl auf das lat. "nomen" ab, das neben "Name" auch "Person" bedeuten kann, und mit den "Meeren" auf das lat. "maria" (die Meere). Somit erhalten wir hier etwa "die Religion der Maria". Die Jungfrau Maria wird zwar auch im Islam verehrt, hat aber als Himmelskönigin und Muttergottes im katholischen (und orthodoxen) Christentum nach Gott eine besondere Stellung inne, die ihr etwa im Islam fehlt. Von den christlichen Seeleuten wird die Jungfrau Maria zudem unter der Bezeichnung "Stella Maris" (Meeresstern) als Schutzpatronin verehrt. Der hebräische Vorname Mirjam, auf den "Maria" zurückgeht, lässt sich zudem u. a. als "Meerestropfen" (mir-jam) deuten.
2) "Secte" bezeichnet im Mittelfranzösischen eine Gruppierung im weitesten Sinne, religiöser wie nichtreligiöser Natur.
3) Oder: "[der] Söhne".
4) Der Begriff "Adaluncatif" ist unklar. FONTBRUNE, S. 53 und 277,  sieht darin ein Anagramm für "an du califat" ("Jahr des Kalifats"), was eine Spur in den islamischen Raum wäre. Ähnlich CLÉBERT, S. 1161, der hier "Aladin Calif" liest. Ala-ud-din bzw. Ala-ad-din war u. a. der Name dreier seldschukischer Sultane des 13. und 14. Jahrhunderts sowie dreier iranischer Schahs des 12. und 13. Jahrhunderts. Einen Kalifen dieses Namens gab es allerdings nicht.
          Die Kalifen waren die Nachfolger Muhammads (ca. 571 - 632) und Oberhäupter aller Muslime. Im Jahr 661 kam es nach der Ermordung des Kalifen Ali (eines Vetters von Muhammad) zur Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten. Der Grund war der Streit um die rechtmäßige Nachfolge Muhammads bzw. des Kalifen Ali. Ein Streit, in dem sich die sunnitischen Omajaden durchsetzten.
          Alis erster Sohn, Hasan, verzichtete auf den Kalifentitel. Ganz anders Alis zweiter Sohn, Husain (beide waren durch ihre Mutter Fatima Enkel des Propheten Muhammad). Nach dem Tod des sunnitischen Omajaden-Kalifen Muawiya 680 kämpfte Husain gegen Muawiyas Sohn Yazid um die Herrschaft. In der Schlacht von Kerbala (Irak) wurde Husain jedoch besiegt und getötet, was die Spaltung der Muslime in Sunniten und Schiiten endgültig werden ließ.
          Vor diesem Hintergrund könnte Nostradamus beim "Sohn" aus der zweiten Zeile an Husain (Hussein), den Sohn Alis gedacht haben. Als Franzose, dessen König durch das klare salische Gesetz bzw. Erbrecht bestimmt wird, könnte unser Seher möglicherweise der Ansicht gewesen sein, dass Ali bzw. Husain die besseren Argumente für den Besitz des Kalifentitels gehabt haben. Somit ist "fils Adaluncatif" vielleicht sinngemäß als "fils d’un califat d’Ali" zu verstehen, zu Deutsch: "Sohn mit einer Kalifenwürde des Ali". Oder einfacher, aber hinsichtlich der Silbenzahl passender: "fils du calif Ali", wobei das "t" in "Adaluncatif" als Setzfehler für "l" und das "n" als umgedrehtes "u" aufzufassen wären. Anzumerken gäbe es hier noch, dass im Mittelfranzösischen für "calife" auch die Formen "calif" und "caliphe" existierten.
          Die "Sekte" bzw. Gefolgschaft des mit einer Kalifenwürde des Ali ausgestatteten Sohnes Husain wären die Schiiten, bei denen Husain als Märtyrer eine große Rolle spielt. Die Schiiten bilden heute im Iran und Irak, sowie in Aserbaidschan und Bahrain die Bevölkerungsmehrheit. Im Libanon sind sie eine der größten Glaubensgemeinschaften. Als bedeutende Minderheit gibt es sie u. a. im Jemen, in Saudi-Arabien und in Afghanistan.
          In den Buchstaben von "Adaluncatif" lässt sich neben "califat" oder "calif" aber u. a. auch das mittelfranzösische "uindicatif" erblicken (vindicatif: "rachsüchtig"), was sich allerdings nicht auf "Aleph" reimt. Verlassen wir den islamischen Bereich, so könnte uns "uindicatif" in die römische Antike führen. "Ultor" (der Rächer) war ein Beiname des Kriegsgottes Mars, dessen Tempel auf dem Forum Romanum stand. Gaius Julius Vindex ("Vindex" lässt sich u. a. als "Rächer" verstehen) war ein römischer Statthalter in Gallien, der sich gegen Kaiser Nero erhob, aber 68 n. Chr. bei Besançon besiegt wurde und Selbstmord beging.
5) Oder auch: "starrsinnig".
6) Oder auch: "verzweifelt; tot, verloren".
7) Aleph ist der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets, entspricht dem "A" und hat den Zahlenwert 1. Auf "Adaluncatif" würde sich allerdings "Alif" besser reimen. "Alif" ist der erste Buchstabe des arabischen Alphabets. Unklar ist jedoch, ob Nostradamus Zugang zum Arabischen gehabt hat. Zudem gibt es in den Zenturien auch an anderer Stelle Reime, die nicht überzeugen (vgl. 10/66: "Americh" - "antechrist").
8) Oder: "verletzt, gekränkt".


Das Christentum wird den schiitischen Islam besiegen, der nach einem Angriff des neuen "Davids" in der Defensive sein wird.

In der ersten Zeile ist von einem siegreichen Christentum (Religion der Maria, vgl. Anmerkung 1) die Rede.

Besiegt werden wird eine Gemeinschaft, die Nostradamus in Zeile drei als "hartnäckig" und "tränengetränkt" bezeichnet und die er in der zweiten Zeile "Sekte [des] Sohns Adaluncatif" nennt.

Der Begriff "Adaluncatif" ist noch unklar. Da er sich aber auf "Aleph" (oder "Aliph"? Vgl. Anmerkung 7) reimen muss, liegt es nahe, in ihm das Wort "calif[e]" zu erblicken, was eine Spur in den orientalisch-islamischen Raum wäre. Der Islam zerfällt in zwei große Hauptströmungen, die Sunniten und Schiiten. Diese beiden Konfessionen entstanden aus dem Streit um die Nachfolge des letzten "rechtgeleiteten Kalifen" Ali (656 - 661). Die Anhänger von Alis Sohn Husain bildeten dabei die "Sekte" der Schiiten. Es ist somit gut vorstellbar, dass in "Adaluncatif" die Begriffe "Ali" und "calif[e]" verarbeitet wurden, vgl. Anmerkung 4.

Die Schiiten haben auch nach Tod und Niederlage von Kalif Alis Sohn Husain (Kerbala 680) "hartnäckig" an ihrer Überzeugung festgehalten, dass nach Ali kein rechtmäßiger Kalif mehr alle Muslime angeführt hat. Sie wurden und werden zum Teil noch heute in der islamischen Welt als Abweichler diskriminiert oder sogar unterdrückt, da sie in den meisten muslimischen Ländern in der klaren Minderheit sind. Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, dass die Schiiten sich tatsächlich oft in einer Situation befinden, die "zum Weinen" (tränengetränkt) ist. Zudem spielen das Leiden und die Trauer im Schiismus eine zentrale Rolle. An dieser Stelle sei auf das Leiden der Prophetentochter Fatima oder den Märtyrertod des Husain 680 verwiesen, dessen die Schiiten jedes Jahr eindrücklich am Aschura-Fest gedenken.

Das Christentum - wohl in Form einer oder mehrerer christlicher Mächte - scheint also die Schiiten zu besiegen (Zeilen eins und zwei). Zudem werden sich diese Muslime, wie der dritten Zeile zu entnehmen ist, fürchten. Und zwar nach einem Ereignis, von dem Zeile vier spricht.

In Zeile vier ist von einem Angriff oder einer Verletzung die Rede. Den oder die Angreifer nennt Nostradamus "Aleph und Aleph", den oder die Angegriffenen "zwei". Da der Begriff "Aleph" im Gegensatz zum rätselhaften "Adaluncatif" klar zu identifizieren ist, ist meines Erachtens zurzeit davon abzusehen, aus dem hebräischen "Aleph" ein arabisches "Alif" zu machen, zumal Nostradamus aufgrund seiner Zugehörigkeit zum jüdisch-christlichen Kulturkreis leichter Zugang zum Hebräischen denn zum Arabischen gehabt haben dürfte (vgl. Anmerkung 7).

Bei "Aleph und Aleph" könnte es sich um eine Addition handeln (1+1). In diesem Fall hätten wir eine "hebräische Zwei" vor uns. Falls mit "Aleph und Aleph" weiter eine Person gemeint sein sollte, ist in dieser Addition, die klar auf die Zahl Eins verweist, wohl das Oberhaupt oder der Anführer der Juden zu sehen (vgl. 4/14/1: "premier personnaige" = erste Person, Machthaber). Der zweite König - der zweite Erste (1+1) - des jüdischen Volkes war David. Nicht ganz unpassend, da von einem neuen "David" bereits in 2/57 und 4/14 die Rede sein könnte. 

Doch wer wären dann die angegriffenen bzw. verletzten "zwei"?

Der biblische David kämpfte gegen einige Gegner, z. B. gegen eine Zweierallianz aus Ammonitern (im heutigen Jordanien) und Aramäern (im heutigen Syrien), vgl. zweites Buch Samuel, Kapitel 10. Nachdem die Israeliten die Aramäer geschlagen hatten, ging der Kampf gegen die Ammoniter weiter. In dieser Zeit trug sich laut Bibel auch die Epidsode von David und Batseba in Jerusalem zu (2. Sam. 11). Es wäre nun denkbar, dass Nostradamus mit den "zwei" ebenfalls auf Batseba anspielt, deren Name mit "B" beginnt (die hebräische Entsprechung für das B, Bet, hat den Zahlenwert 2). "Verletzt" oder "gekränkt" (vgl. Anmerkung 7) hat der biblische König David Batseba und deren Ehemann Urija (zwei Personen) tatsächlich. David schwängerte Batseba und sorgte dafür, dass Urija im Krieg gegen die Ammoniter fiel. Zwar nahm David Batseba anschließend zur Frau, als Strafe für den Ehebruch ließ Gott jedoch das erste Kind der beiden sterben.

Der neue Judenkönig "David" könnte also wiederum zwei Gegner angreifen und möglicherweise auch der Grund für die Angst der Schiiten aus der dritten Zeile sein. Oder "Davids" Angriff ist als Wendepunkt innerhalb des gesamten westlich-schiitischen Konfliktes zu verstehen. Als Wendepunkt, ab dem die Schiiten in die Defensive geraten ("sich fürchten"), bis sie endgültig vom Christum besiegt sein werden.

   


1/38  

Le Sol1) & l’aigle2) au victeur3) paroistront:
Responce5) vaine4) au vaincu l’on asseure,
Par cor ne crys5) harnoys7) n’arresteront9)
Vindicte8), paix par mort si acheue10) à l’heure.

Die Sonne1) und der Adler2) werden beim Sieger3) erscheinen.
[Eine] trügerische4) Sicherheit5) verspricht man dem Besiegten.
Unter keinen Umständen6) werden [die] Soldaten7) [mit der Rache]8) aufhören9).
[Der] Friede beginnt10) dort sofort durch [den] Tod.
1) Lat. "sol" (Sonne).
2) Der französische* "Adler" taucht auch in 1/23, 1/31 (5.159), 2/44 (5.130), 2/85* (5.34), 3/37 und 5/81, 3/52 (5.34), 4/70 (5.130), 5/42 (5.182), 6/46 (5.190), 6/78, 8/4 (5.190), 8/8 (5.203), 8/9 (5.16), 8/46* (5.159), 10/27 (5.225) und 5.200 auf. Konkret könnte damit ein französischer Feldherr oder Machthaber gemeint sein, der dem historischen Aëtius (ca. 390 - 454) ähnelt, vgl. griech. "aetos" und "aietos" (Adler). Flavius Aëtius (römischer Feldherr und mehrfacher Konsul) kämpfte gegen die Westgoten, Franken und Burgunder und besiegte 451 die Hunnen auf den Katalaunischen Feldern bei Châlons-en-Champagne. 454 wurde Aëtius von Kaiser Valentinian getötet.
3) Lat. "victor" (Sieger). Die Zeile ließe sich vielleicht auch als "Die Sonne und der Adler werden als Sieger erscheinen" verstehen ("comme victeurs paroistront").
4) Oder u. a. auch: "leer, gehaltlos; wertlos; lügnerisch".
5) Oder auch: "Gewähr, Bürgschaft; Antwort".
6) Die mittelfranzösische Wendung "à cor et à cri" (sinngemäß etwa: "mit Hornsignal und Ausruf") bedeutet "mit Aufsehen; heftig, mit Nachdruck; mit allen Mitteln". Nostradamus hat diese Wendung ins Gegenteil verkehrt ("ne" statt "et"): Die Soldaten der dritten Zeile werden also mit der Rache fortfahren, obwohl man sie nachdrücklich dazu auffordern wird, die Waffen schweigen zu lassen (vgl. BRIND’AMOUR, S. 103).
7) Das mittelfranzösische "harnoys" bezeichnet die Rüstung und die Waffen eines Kavalleristen oder Infanteristen. Im übertragenen Sinn kann damit auch der voll ausgerüstete Kämpfer zu Pferd oder zu Fuß ("harnoys de jambe") selber gemeint sein. Diese Soldaten dürften das Subjekt in der dritten Zeile sein (vgl. BRIND’AMOUR, S. 103).
8) Vgl. Zeile vier ("vindicte"). Oder auch: "Bestrafung".
9) Das mittelfranzösische "arrester" bedeutet u. a. "anhalten, stoppen" aber auch "festmachen, festzurren". Die Übersetzung "nicht lösen" (PFÄNDLER, 1997, S. 80) ist ein wohl durch den Sinnzusammenhang der letzten beiden Zeilen hervorgerufener Fehler: Falls mit den "harnois" als Satzobjekt Rüstungen (Harnische) gemeint sein sollten, würden diese nämlich tatsächlich "nicht gelöst", d. h. nicht abgelegt werden. Sinngemäß müsste dann aber "arresteront" statt "n’arresteront" stehen ("ohne Aufsehen werden [sie die] Rüstungen festzurren", d. h. sich heimlich auf den Kampf vorbereiten).
10) Lies: "s’y acheue", vgl. BRIND’AMOUR, S. 103 und CLÉBERT, S. 112. "S’acheuer" bedeutet u. a. "sich vollenden, realisieren" aber auch "zu Ende gehen".


Das Christentum und der "Adler" werden im Nahen Osten erscheinen. Obwohl dem Oberhaupt der Besiegten dessen persönliche Sicherheit garantiert werden wird, wird er von den siegreichen Soldaten getötet. Dann beginnt der Friede.

In der ersten Zeile werden die "Sonne" und der "Adler" erwähnt. Zusammen tauchen diese beiden Akteure auch in 1/23/4 auf. Die zwei werden bei jemandem erscheinen, den Nostradamus den "Sieger" nennt. Gemäß 6/70/4 wird der zukünftige französische Herrscher "CHYREN" den Titel "Sieger" (ebenfalls "victeur") tragen, womit er hier gemeint sein könnte.

Allerdings könnte unser Seher den Leser auch wieder einmal auf eine falsche Fährte führen wollen. Falls hier nicht einfach ein Fehler des Druckers vorliegt, vgl. Anmerkung 3, ist es durchaus denkbar, dass Nostradamus mit dem "Sieger" an jemand anderen gedacht hat. Vielleicht an den neuen "David" aus 2/57, 4/14 und 10/96?

Als weitere historische Spur käme wohl ebenfalls Seleukos I. (ca. 358 - 281 v. Chr.) in Frage, der den Beinamen Nikator ("der Siegreiche") trug. Seleukos I. begründete das nahöstliche Seleukidenreich. Dessen Residenzstädte waren Seleukia-Ktesiphon (südöstlich von Bagdad) und Antiochia am Orontes (heute Antakya). In 10/96 wird jedenfalls der schiitische Islam vom Christentum ("Sonne") besiegt werden, was durchaus im Nahen Osten (Syrien, Irak) geschehen könnte.

Laut 1/38/2 wird man dem "Besiegten" eine trügerische Sicherheit versprechen, was wohl so zu verstehen ist, dass man ihm Schonung zusichert. Doch diese kann vorort nicht garantiert werden, die Soldaten des Siegers werden sich am Besiegten rächen (dritte Zeile).

Die vierte Zeile kann unterschiedlich verstanden werden, vgl. Anmerkung 10. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass der Besiegte, d. h. das Oberhaupt der besiegten Seite (der Schiiten?), der Rache der siegreichen Soldaten zum Opfer fallen wird. Eine Bluttat, die in dieser Region jedoch sofort den Frieden herbeiführt.









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