5.35 Ein Kardinal ergreift die Papstwürde, errichtet in der Kirche eine Schreckensherrschaft und wird deswegen ermordet.
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Zusammenfassung
6/25: Durch einen Krieg wird die Ordnung in der Kirche und die Herrschaft des Papstes ("großer Fischer") zerstört werden (erste und zweite Zeile). Ein junger aber boshafter Kardinal ("Roter") wird die Gunst der Stunde nutzen und die Macht in der Kirche an sich reißen (dritte Zeile). Er und seine Anhänger (die "Verräter") werden dabei an einem regnerischen Tag oder im Winter, vielleicht am Tag der Sonnenwende (21. Dezember, vgl. Anmerkung 4), zur Tat schreiten (vierte Zeile). Über das Schicksal des alten Papstes erfahren wir hier nichts.
8/41: Die beiden ersten Zeilen beinhalten die Wahl des jungen boshaften Kardinals zum Papst. Nostradamus nennt ihn einen "Fuchs" und dürfte ihn mit Papst Bonifatius VIII. (1294 - 1303) vergleichen (vgl. Anmerkung 1). Vor der Wahl spielt der junge Kardinal den asketisch lebenden Heiligen (vgl. Anmerkung 4) und verschweigt seine wahren Absichten, die er bezüglich der Kirche oder seinem Pontifikat hegt (vgl. 10/12). Einmal auf den Papstthron gelangt, wird er allerdings plötzlich sein wahres Gesicht zeigen (dritte und vierte Zeile): Er wird sich als Tyrann erweisen und "die Größten" (wohl weltliche Machthaber oder Größen) erniedrigen und unterdrücken, vgl. dazu 4/47. Mit "renard" (Fuchs) ist in der Regel übrigens der Rotfuchs ("renard roux") gemeint, der sich wegen seines rötlich-braunen Fells zum Vergleich mit einem rotgewandeten Kardinal anbietet.
10/12: Die erste Zeile betrachtet den Beginn des Pontifikats dieses Kirchenfürsten. Nachdem er ins Petrusamt gewählt sein wird, ist bzw. bleibt man zunächst getäuscht. D. h. wohl, dass der neue Papst zunächst weiterhin die Fassade des Heiligen aufrecht erhalten wird. Laut zweiter Zeile wird man plötzlich und schnell aufgebracht, entschlossen aber auch ängstlich sein. Das deutet darauf hin, dass dieser Papst plötzlich seine Maske wird fallen lassen (vgl. 8/41) und sein wahres Gesicht zeigt. Wenn man den wahren Charakter dieses Kirchenoberhauptes erkannt haben wird, wird man aufgebracht sein und sich entschließen zu handeln. Allerdings ist man auch ängstlich und dürfte zunächst zögern, den gefassten Enschluss in die Tat umzusetzen. Vor lauter Angst wagt man nicht, sich zu rühren, vgl. 8/80. Der dritten und vierten Zeile ist zu entnehmen, dass man diese "Angststarre" dennoch überwinden wird. Zudem erfahren wir, wozu man sich entschlossen hat: zum Tyrannenmord. Über die näheren Umstände der Ermordung dieses Papstes erfahren wir in der vierten Zeile, dass sie offensichtlich zu morgendlicher Stunde stattfinden wird. Nostradamus bezeichnet dabei die schwindende Nacht als den "Führer des Todes". In der christlichen Überlieferung begleitet entweder der Erzengel Gabriel oder der heilige Christophorus die Seelen der Verstorbenen ins Jenseits, vgl. Anmerkung 3. Sollte unser Seher hier vielleicht einen Hinweis auf das Todesdatum geben? Der Tag des Erzengels Gabriel war im Mittelalter der 18. März, später auch der 24. März und seit 1969 der 29. September; der Tag des heiligen Christophorus war der 25. Juli (heute 24. Juli). Mit dem Tod des Pontifex verschwindet jedenfalls die Angst. Damit könnte die Angst gemeint sein, die der Kardinal als Papst selber verbreitet hat (siehe 8/80 und 4/47) oder die konkrete Angst des oder der Attentäter aus der zweiten Zeile. Ob in der dritten Zeile der Attentäter erwähnt wird, ist im Moment noch unklar, vgl. Anmerkung 2.
8/80: In diesem Vierzeiler wird die Herrschaft des jungen boshaften Kardinals skizziert. Sehr viele Untaten werden in seinem Namen begangen werden (zweite Zeile). Er wird in der Kirche große Angst und großen Schrecken verbreiten, so dass sich zunächst niemand zu rühren wagt (vierte Zeile). Außerdem scheint er ein Ikonoklast, ein Bilderstürmer zu sein. "Heilige Standbilder", wohl die bildlichen bzw. figürlichen Darstellungen Jesu oder der Heiligen, werden zerstört ("in brennendes Wachs getaucht") werden (dritte Zeile). Ein Vorgang, den Nostradamus als Zeitzeuge der reformatorischen Umtriebe gut gekannt hat. Einige Jahrhunderte zuvor wurde auch Byzanz von einem Bilderstreit heimgesucht. Kaiser Leo III. (717 - 741), sein Sohn Konstantin V. (741 - 775) und dessen Nachfolger Leo IV. (775 - 780) bekämpften die Bilderverehrung in der orthodoxen Kirche zum Teil auch blutig. Kaiser Leo V. (813 - 820) nahm den Bildersturm wieder auf. Seine Nachfolger Michael II. (820 - 829) und besonders Theophilos (829 - 842) führten diese Politik fort. Etwas unklar ist Nostradamus in der ersten Zeile von 8/80. Er berichtet von einer "Witwe und Jungfrau", deren Blut aus Unschuldigen bestehen wird. Damit könnte unser Seher die Kirche meinen, deren Urbild die Jungfrau und Gottesmutter Maria ist. Als "Witwe" hat er sie vielleicht bezeichnet, weil Christus durch die verwerfliche Politik dieses Kardinals aus ihr vertrieben wird. Ohne Christus ist die Kirche allerdings leer, sie wird also zur "ecclesia vidua" (zur leeren Kirche), was sich aber auch als "Witwe Kirche" übersetzen lässt. Mit dem "Blut" der Kirche könnten die einfachen Gläubigen gemeint sein, die für den Kurs des Kirchenschiffs nicht verantwortlich und somit unschuldig sind.
6/38: In diesem Vierzeiler geht es um Italien. In der zweiten Zeile erfahren wir, dass Italien in einem Krieg besiegt worden ist. Und zwar von den "Feinden des Friedens" (erste Zeile). Und diese Friedensfeinde werden nach ihrem Sieg über die besiegten Italiener "Feuer und Blutvergießen" bringen (vierte Zeile). D. h. wohl, sie werden das unterworfene Land brutal beherrschen. Unklar ist die Angabe, dass "das Wasser vom Blut gefärbt" sein wird. Sollte hier gemeint sein, dass der Angriff auf Italien auf dem Seeweg erfolgen wird? Das wäre eine Parallele zu 5/25 (5.179). In der dritten Zeile wird wieder der boshafte Kardinal erwähnt ("blutrünstiger Roter"), der zu diesem Zeitpunkt wohl schon zum Papst gemacht ("ernannt") sein wird. Die italienische Niederlage dürfte dem "ungünstig verlaufenen Krieg" aus 6/25 entsprechen, dessen Folgen den Aufstieg des boshaften Kardinals begünstigen.
4/47: In der ersten Zeile taucht wieder der boshafte Kardinal auf. Dieser wird laut zweiter Zeile seine Macht gewaltsam ausüben (mit "Feuer", "Eisen" und "gespannten Bögen"). Das könnte als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Kirche bzw. ihr Oberhaupt wie zu Nostradamus’ Zeiten auch eine weltliche Macht darstellt. Vielleicht herrscht der Papst über einen neuen Kirchenstaat im Latium? Da Italien gemäß 6/38 von den "Feinden des Friedens" unterworfen werden wird, würde dieser Kirchenstaat aber höchstens als Vasallenstaat der neuen Herren existieren. Doch gegen wen geht der boshafte Kardinal hier vor? Ich vermute, gegen Gegner im Innern. Gegen diejenigen, die sich seiner weltlichen Herrschaft widersetzen. Nach seinem militärischen Sieg gegen die Opposition scheint der bösartige Kardinal vollends "wild" zu werden (vgl. erste Zeile). Zum Schrecken des ganzen Volkes wird er die führenden Köpfe ("die Größten") seiner Gegner töten und öffentlich zur Schau stellen lassen (dritte und vierte Zeile).
6/13: Mit dem "Zweifelhaften" aus der ersten Zeile ist wohl wieder dieser üble Kardinal gemeint. Er dürfte kein Italiener sein sondern aus dem benachbarten Ausland stammen. Es sei denn, Nostradamus meint mit dem "Land" (oder: "Königreich") in der ersten Zeile Frankreich. Dann wäre er kein Franzose. Die zweite Zeile lässt sich ganz verschieden übersetzen, vgl. Anmerkung 3. Man könnte die Zeile aber so verstehen, dass der "größte Teil" (der Gläubigen) die Herrschaft dieses üblen Kirchenfürsten stillschweigend ertragen wird. Das wäre eine Parallele zur lähmenden Angst aus 8/80, die er verbreiten wird. In der dritten Zeile erfahren wir, dass es allerdings einen römischen Magistraten geben wird, der die Herrschaft des üblen Kardinals um jeden Preis beenden will. Er dürfte derjenige sein, der diesen Papst töten wird. Die vierte Zeile lässt sich wiederum ganz unterschiedlich verstehen, vgl. Anmerkungen 5 und 6. Es könnte sein, dass der römische Magistrat nicht mehr die große Last wird tragen können, die dieses Pontifikat für ihn bedeutet. Oder die letzte Zeile ist einfach so zu verstehen, dass dieser Pontifex sein hohes Amt ("große Aufgabe") nicht mehr behalten kann, weil man ihn gewaltsam daraus entfernt.
3/60: In der dritten und vierten Zeile erwähnt Nostradamus wieder die Ermordung des boshaften jungen Kardinals (vgl. 6/25) auf dem Stuhl Petri. Es wird sein Blut vergossen werden, was jedoch die Kirche von diesem grausamen Oberhirten befreit. Zur gleichen Zeit wird im Orient ("ganz Asien") eine große Verfolgung durchgeführt werden. Wer hier wen weshalb verfolgt, ist leider nicht ersichtlich. Wir erfahren nur, dass auch das westlichen Kleinasien davon betroffen sein wird. Nostradamus erwähnt namentlich u. a. das antike Lykien im Südwesten der heutigen Türkei. An dieser Stelle ist vielleicht noch anzumerken, dass der heilige Christophorus (vgl. 10/12) der Überlieferung gemäß entweder in Palästina oder Lykien geboren wurde und in Lykien als Märtyrer starb.
Quellen
6/25
1) Lat. "mars contrarius" (u. a. ungünstiger Krieg).
Par Mars contraire1) sera la monarchie,
Durch [einen] ungünstig verlaufenden Krieg1) wird die Herrschaft
Du grand pescheur en trouble ruyneux:
des großen Fischers in zerstörerische Unordnung [gebracht werden].
Ieune noir2) rouge prendra la hierarchie3),
[Der] junge, boshafte2) Rote wird [die] Hierarchie3) ergreifen.
Les proditeurs iront5) iour bruyneux4).
Die Verräter werden [an einem] regnerischen4) Tag vorgehen5).
2) Viele vermuten in "noir" ein Anagramm für "roi" (König). GRUBER, S. 167, sieht hier ein Wortspiel mit dem italienischen Begriff für "schwarz" - "nero" (das römische Cognomen "Nero" bedeutet übrigens "stark und kräftig"). Allerdings scheint "Nero" bei Nostradamus eher ein weltlicher denn ein kirchlicher Würdenträger zu sein. Das lateinische "niger" (schwarz) steht im übertragenen Sinne auch für "boshaft, tückisch, böse", so dass hier wahrscheinlich von einem "boshaften Roten" gesprochen wird.
3) Damit ist v. a. auch die Hierarchie, die Herrschaftsstruktur der Kirche gemeint.
4) Das mittelfranzösische "bruine" bedeutet "Sprüh-, Nieselregen". Falls Nostradamus auf "brume" anspielt, wäre der Tag der Wintersonnenwende gemeint (21. Dezember). Vgl. auch lat. "pruina" (Reif, Frost, Schnee).
5) Nach lat. "ire" (im Sinne von "an etwas gehen").
8/41
1) Lies: "Renard" (Fuchs, schlauer Mensch). Sollte tatsächlich "Renad" gemeint sein, wäre hier von einem Mann namens Renatus bzw. René die Rede. CLÉBERT, S. 886f., verweist auf eine Parallelstelle bei Montaigne bzw. Jean Bouchet aus dem Jahr 1557, die es wohl erlaubt, das historische Vorbild für diesen "Fuchs" zu identifizieren. Es handelt sich dabei um Papst Bonifatius VIII. (1294 - 1303), bürgerlich Benedetto Caetani. Caetani war Kardinal und Berater Papst Coelestin V. (Juli bis Dezember 1294), den er zum Rücktritt gedrängt haben soll. In der Auseinandersetzung mit dem französischen König Philipp dem Schönen erließ Bonifatius 1302 die Bulle "Unam Sanctam", in der er den Vorrang der kirchlichen vor der weltlichen Macht festschrieb. Der Papst sollte also machtmäßig über den weltlichen Königen stehen (vgl. vierte Zeile von 8/41).
Esleu sera Renad1) ne sonnant mot2),
Gewählt werden wird [der] Fuchs1) ohne ein Wort zu sagen2).
Faisant le saint public3) viuant pain d’orge4),
[Dafür] spielt [er] öffentlich den Heiligen,3) [der von] Gerstenbrot4) lebt.
Tyrannizer apres tant à vn cop,5)
[Er wird] nachher auf einmal dermaßen tyrannisch [werden],5)
Mettant à6) pied des plus grans sus la gorge.
[und] den Größten den6) Fuß auf den Hals setzen.
2) D. h. der "Fuchs" sagt bei der Wahl kein Wort über seine wahren Absichten, vgl. CLÉBERT, S. 887. Das mittelfranzösische "mot" bedeutet u. a. aber auch noch "Hornklang", so dass hier "ohne tönenden Hornklang" übersetzt werden könnte. In diesem Fall würde der "Fuchs" vielleicht ohne die üblichen Zeremonien in sein Amt gewählt werden.
3) Oder: "[Er] macht das Heilige öffentlich/profan". Allerdings scheint die zweite Zeile zu beschreiben, wie sich der Pontifex in spe vor und während der Wahl verhalten wird, womit die oben gewählte Übersetzung inhaltlich passender ist.
4) Das Gerstenbrot war das dunkle Brot der Armen, vgl. CLÉBERT, S. 887. Der "Fuchs" spielt in der Öffentlichkeit also den asketisch lebenden Heiligen.
5) Oder: "[Er wird] nachher so viele auf einmal tyrannisieren". "Cop" ist dabei eine reimbedingte Anpassung von "coup" an das "mot" aus der ersten Zeile.
6) Lies: "le".
10/12
1) Das mittelfranzösische "estre mocqué" bedeutet u. a. "getäuscht werden".
Esleu en Pape, d’esleu sera mocqué1),
[Nachdem er] zum Papst gewählt [sein wird], wird [man] vom Gewählten getäuscht1) [werden].
Subit soudain esmeu prompt & timide,
Plötzlich [und] schnell [wird man] aufgebracht, entschlossen und ängstlich [sein].
Par trop bon doulx2) à mourir prouocqué,
Wegen der sehr großen Standhaftigkeit2) [wird er] zu sterben veranlasst [werden].
Crai[n]te estainte la nuit de sa mort guide3).
[Die] Angst [wird] erloschen [und] die Nacht [der] Führer seines Todes [sein]3).
2) "Doulx" dürfte eine Verschreibung von "doux" sein, vgl. LE PELLETIER. "Par trop bon doux" ist dann seinerseits eine Anlehnung an die mittelfranzösische Wendung "avoir bon dos", wobei im Mittelfranzösischen "doux" eine Nebenform von "dos" darstellt. "Avoir bon dos" ("einen guten Rücken haben") bedeutet "Schwierigkeiten gut ertragen können". Sollte "doux" im Sinne von "süß, angenehm, mild" usw. gemeint sein, wäre die Zeile etwa mit "Vom zu guten Angenehmen wird [er] zu sterben veranlasst werden" zu übertragen.
3) D. h. die Nacht nimmt bei ihrem Verschwinden am Morgen den Papst mit sich. Nostradamus verwendet hier das Bild des Psychopompos, des Begleiters der Seelen ins Jenseits. In der Antike kam diese Funktion Merkur zu, im Christentum Erzengel Gabriel oder dem heiligen Christophorus.
8/80
1) Im Mittelfranzösischen kann "se" u. a. für "ce" stehen.
Des innocens le sang de vefue & vierge.
Aus Unschuldigen [wird] das Blut der Witwe und der Jungfrau [bestehen].
Tant de maulx faitz par moyen se1) grand Roge2)
So viele Übeltaten [werden] wegen dieses1) großen Roten2) begangen [werden].
Saintz simulachres3) trempez en ardant cie
Heilige Standbilder3) [werden] in brennendes Wachs getaucht [werden].
De frayeur crainte ne verra nul que boge4)
Wegen [des] Schreckens [und der] Angst wird [man] niemanden sehen, der sich rührt4).
2) Lies: "Rouge".
3) Das mittelfranzösische "simulacre" bezeichnet das Standbild einer heidnischer Gottheit der Antike, vgl. auch lat. "simulacrum" (Statue, Götterbild). Hier ist allerdings von heiligen Standbildern die Rede. D. h. diese Statuen dürften christliche Heilige, die Gottesmutter Maria oder Jesus Christus abbilden und vornehmlich in Kirchen oder Kapellen zu finden sein.
4) Lies "bouge".
6/38
1) Lat. "profligare" (niedermachen, überwältigen).
Aux profligez1) de paix les ennemis,
Über [die] Besiegten1) [werden] die Feinde des Friedens,
Apres auoir l’Italie superee2):
nachdem [sie] Italien geschlagen2) haben
Noir sanguinaire, rouge sera commis,
- [der] boshafte, blutrünstige Rote wird [dann] ernannt sein -,
Feu, sang verser, eaue de sang couloree.
Feuer [und] Blutvergießen [bringen. Das] Wasser [wird] vom Blut gefärbt [sein].
2) Lat. "superatus" (u. a. besiegt, überwunden).
4/47
1) Neben "wild" bedeutet das mittelfranzösische "farouche" u. a. auch "angsteinflößend, schrecklich, fürchterlich", was hier wohl gemeint sein dürfte.
Le noir farouche1) quand aura essayé2)3)
Wenn der wilde1) Boshafte [sie] ausprobiert2) haben wird,3)
Sa main4) sanguine par feu, fer, arcs tendus:
seine blutige Macht4), mit Feuer, Eisen [und] gespannten Bögen,
Trestout le peuple sera tant effraie5):
[dann] wird das ganze Volk äußerst erschrocken5) [darüber] sein,
Voyr les plus grads6) par col & pieds pendus.
die Größten6) am Hals und [an den] Füßen aufgehängt zu sehen.
2) D. h. von ihr Gebrauch gemacht haben wird, vgl. BRIND’AMOUR, S. 529 und CLÉBERT, S. 513.
3) Oder auch: "Der Boshafte [wird] wild [werden], wenn [er sie] ausprobiert haben wird".
4) "Hand" ("main") ist hier wohl im Sinne des lat. "manus" (u. a. Kraft, Gewalt) bzw. des griech. "cheir" (u. a. Macht, Gewalttätigkeit) zu verstehen.
5) Lies: "effraié".
6) Lies: "grands".
6/13
1) Lat. "dubiosus" (zweifelhaft).
Vn dubieux1) ne viendra loing du regne2),
Ein Zweifelhafter1) wird nicht weit vom Land2) entfernt herkommen.
La plus grand part le voudra soustenir3):
Der größte Teil wird ihn ertragen3) wollen.
Vn Capitol4) ne voudra point qu’il regne,
Ein "Capitol"4) wird unter keinen Umständen wollen, dass er herrscht.
Sa grande charge5) ne pourra maintenir6).
Seine große Aufgabe5) wird [er] nicht mehr behalten6) können.
2) Oder auch: "Königreich, Herrschaft".
3) Das mittelfranzösische "soustenir" bedeutet u. a. "unterstützen, ertragen", aber auch genau im Gegenteil: "widerstehen".
4) Mit "Capitol" wird im Mittelfranzösischen entweder ein Magistrat von Toulouse oder von Rom bezeichnet.
5) Oder auch: "Last; Aufgabe, Verantwortung, Kommando; Vorwurf".
6) Oder auch: "tragen".
3/60
1) Lat. "proscriptio" (u. a. Ächtung, Verbannung, Enteignung). Nostradamus verweist hier wieder einmal auf die Geschichte des alten Roms. Proskriptionen bestanden daraus, dass öffentlich Namenslisten von vogelfreien Personen - etwa Staatsfeinden - aufgehängt wurden, die jeder ungestraft töten durfte. Dieses Mittel wurde während der Diktatur Sullas (82 - 79 v. Chr.) angewendet und kostete 90 Senatoren und 2600 Ritter das Leben. Ein weiteres Mal im Jahr 43 v. Chr., während des Triumvirats von Antonius, Lepidus und Octavian, als 200 Senatoren und 2000 Ritter den Tod fanden.
Par toute Asie grande proscription1),
In ganz Asien [wird eine] große Verfolgung1) [durchgeführt werden].
Mesme en Mysie2), Lysie3), & Pamphylie4):
In gleicher Weise in Mysien2), Lykien3) und Pamphylien4).
Sang versera par absolution5)
[Man] wird Blut vergießen zur Befreiung5)
D’un ieune noir rempli de felonnie6).7)
von einem jungen Boshaften, der vor Grausamkeit6) strotzt.7)
2) Antike Landschaft im nordwestlichen Kleinasien.
3) Lies: "Lycie". Antike Landschaft im Südwesten Kleinasiens.
4) Antike Landschaft im Südwesten Kleinasiens, östlich von Lykien.
5) Vgl. lat. "absolutio" (u. a. Freisprechung, Vollendung, Sündenerlass). Interessanterweise verwendet Nostradamus hier den Begriff "Absolution", die in den kirchlichen Bereich, zur Beichte gehört.
6) Oder auch: "Verrat, Schurkerei, Raserei".
7) Oder auch: "Zur Befreiung wird man das Blut eines jungen Boshaften vergießen, der vor Grausamkeit strotzt."