5.36  Ein Sabiner Papst steht schismatischen Kardinälen gegenüber. Rom wird von einem "Albaner" Heerführer militärisch angegriffen werden. Ein neuer Franz I. von Guise besiegt jedoch die "Albaner".


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Zusammenfassung
 

7/29: Die ersten beiden Zeilen sprechen von einem "großen Herzog von Alba", der sich erheben wird und damit Verrat an seinen großen Vorfahren übt. Nostradamus hat in diesem Zusammenhang sicher an seinen Zeitgenossen und großen spanischen Heerführer, den Herzog von Alba gedacht (vgl. Anmerkung 1). Meines Erachtens bezieht sich unser Seher allerdings noch zusätzlich auf die antike Geschichte. Hier konkret auf die Mutterstadt Roms, Alba Longa (vgl. Anmerkung 2), wobei Nostradamus Elemente aus den beiden Bezugsebenen vermischt. Wir entnehmen den ersten beiden Zeilen, dass ein Nachkomme des spanischen Herzogs von Alba Verrat üben wird. Doch inwiefern erfahren wir hier nicht. Das von Rom zerstörte Alba Longa wurde vom Trojaner Iulus (Ascanius) gegründet, der gleichzeitig der Stammvater der römischen Gens Iulia war. Der bekannteste Angehörige dieser Gens ist sicherlich Gaius Julius Caesar. Durch Heirat und Adoption gehörten aber noch weitere bedeutende Persönlichkeiten zu dieser Gens. Beispielsweise Kaiser Augustus oder Mark Anton. Julius Caesar beging mit der Überschreitung des Rubikons und dem damit einhergehenden Ausbruch des Bürgerkrieges tatsächlich "Verrat" an der römischen Republik. Auch der Herzog von Alba zog im 16. Jahrhundert gegen Rom. In den beiden letzten Zeilen von 7/29 erfahren wir, dass der neue Alba von einem neuen Herzog von Guise besiegt und gefangen genommen wird. Nostradamus hat dabei wohl an Franz I. von Guise gedacht, einen Zeitgenossen und Gegenspieler des Spaniers (vgl. Anmerkung 5). Näheres dazu erfahren wir allerdings nicht.

5/46: In der vierten Zeile tauchen die Albani auf, die Rom beschädigen (d. h. wohl angreifen) werden. Mit diesen Albani dürften die Truppen des neuen Herzogs von Alba bzw. des neuen Alba Longa gemeint sein. Vor diesem Angriff gibt es in Rom, genauer gesagt innerhalb der römischen Kurie, bereits Probleme. Laut zweiter Zeile wird man zunächst einen Sabiner (vgl. Anmerkung 1) wählen, d. h. zum Papst machen. Doch nicht alle scheinen mit dieser Wahl einverstanden zu sein. Unter den Kardinälen ("rote Hüte") brechen Konflikte aus (erste Zeile) und man wird mit falschen Lehren gegen das Kirchenoberhaupt zu Felde ziehen (dritte Zeile).

5/91: Während man sich gegenseitig bekämpft, werden "sie" - die Römer - überraschend militärisch angegriffen werden. Es wird die leichte (und somit schnelle) Kavallerie der Albani sein, die in Rom einfallen wird (dritte und vierte Zeile). Die ersten beiden Zeilen gehören zum innerrömischen bzw. innerkirchlichen Konflikt um den neuen Papst. Die Opposition wird offensichtlich Lügen gegen den Nachfolger Petri verbreiten.

6/68: In der dritten Zeile wird wieder der Angriff der Albani auf Rom erwähnt. Diese werden offensichtlich mit "rasender Gewalt" die Ewige Stadt heimsuchen und dabei deren "wichtigste Personen" (die Kardinäle, vgl. Anmerkung 3) "entfernen". In den ersten beiden Zeilen ist von einer militärischen Rebellion die Rede. Wer hier gegen welchen Anführer gewaltsam vorgeht, ist allerdings nicht ersichtlich.

4/98: Wieder wird das Eindringen der Albani nach Rom erwähnt (erste Zeile). Wir erfahren in der zweiten Zeile, dass die Albani jedoch nicht allein angreifen werden. Sie werden vielmehr vom ostfranzösischen Langres unterstützt, das als eigenständiger Akteur auch in 5.53, 5.54 und 5.148 auftaucht. Die Albani und Langres werden in Rom die Kardinäle ("die mit der [roten] Kopfbedeckung") verfolgen und bekämpfen. Ob alle oder nur einen Teil, ist im Moment noch unklar (vgl. Anmerkung 3). Ebenso unklar ist, ob sich die Angreifer auf die Seite von einer der beiden innerkirchlichen Konfliktparteien schlagen werden. In der dritten Zeile wird ein Herzog und ein Markgraf erwähnt, denen "niemand" verzeihen wird. Der "Herzog" könnte der neue Herzog von Alba sein, der Anführer der Albani. Oder der neue Franz I. von Guise aus 7/29. Franz trug neben seinem Herzogentitel allerdings auch noch den Titel eines Markgrafen: Marquis de Mayenne. In 7/4 (5.53) spricht Nostradamus von einem "Herzog von Langres". Zur Zeit des Nostradamus war Langres ein bedeutender Bischofssitz, und die Bischöfe von Langres trugen den Titel von Herzögen. Es gäbe somit einige denkbare Konstellationen, die unser Seher hier gemeint haben könnte. Gemäß vierter Zeile wird man (in Italien?) zu dieser Zeit unter Krieg ("Feuer und Blut"), Seuchen ("Pocken") sowie Trockenheit und Missernten zu leiden haben. Näheres dazu erfahren wir leider nicht.
  

Quellen
 

7/29
 
Le grand Duc1) d’Albe2) se viendra rebeller Der große Herzog1) von Alba [Longa]2) wird dazu kommen sich zu erheben.
A ses grans peres3) fera le tradiment4): An seinen großen Vorfahren3) wird [er] Verrat4) üben.
Le grand de Guise5) le viendra debeller6), Der Große von Guise5) wird kommen, um ihn zu besiegen6).
Captif mené & dressé monument.  [Der] Gefangene [wird dann] weggeführt und [ein] Denkmal errichtet [werden].
1) Oder nach lat. "dux": Feldherr. Nostradamus hat hier sicher auch an die spanischen Herzöge von Alba (Westspanien) gedacht, die es seit dem 15. Jahrhundert gab und die der kastilischen bzw. spanischen Krone als militärische Kommandeure dienten. Der dritte Herzog von Alba, der "Eiserne Herzog" Fernando Álvarez de Toledo (1507 - 1582), war ein Zeitgenosse des Nostradamus. Alba war ein bedeutender spanischer Feldherr und Staatsmann. Schon in jungen Jahren militärisch aktiv (1525 Pavia, 1535 Tunis), brachte Alba dem Schmalkaldischen Bund der Protestanten 1547 bei Mühlberg die entscheidende Niederlage bei. 1552 übernahm er das Kommando über das kaiserliche Heer, das Frankreich erobern sollte, belagerte dabei allerdings einige Monate erfolglos Metz. Vom Kaiser wegen der französischen Erfolge in Italien auf die Apenninenhalbinsel versetzt, kämpfte Alba dort bis 1557. Er eroberte das süditalienische Kampanien sowie den Kirchenstaat und stand somit vor den Toren Roms. Auf Befehl des spanischen Königs Philipps II. zwang er Papst Paul IV., den Gegner der spanisch-habsburgischen Machtpolitik, zum Friedensschluss. 1567, ein Jahr nach Nostradamus’ Tod, wurde Alba zum Statthalter der spanischen Niederlande ernannt. Unglücklich und mit großer Härte bekämpfte Alba dort die sich ausbreitende protestantische Häresie und die politische Widerstandsbewegung bis er 1573 vom spanischen König abberufen wurde. Nachdem er wegen dieses Misserfolges kurze Zeit in Ungnade gefallen war, eroberte er 1580 für Philipp II. Portugal und starb 1582 als Generalgouverneur in Lissabon.
2) Alba Longa lag am Westabhang des Albanerberges, etwa 25 km südöstlich von Rom. Etwa dort, wo heute die Sommerresidenz des Papstes, Castel Gandolfo, steht. Alba Longa wurde der Sage nach von Iulus, dem Sohn des Trojaners Aeneas, gegründet. Romulus und Remus waren die Enkel von Numitor Silvius, des Königs von Alba Longa, was die Stadt zur Mutterstadt Roms machte. Allerdings zerstörte der sagenhafte dritte König von Rom, Tullus Hostilius, Alba Longa, dessen Bewohner in der Folge auf dem Caelius-Hügel in Rom angesiedelt wurden. Der Überlieferung zufolge soll die Auseinandersetzung der beiden Städte durch einen Kampf zwischen den römischen Horatiern und den albanischen Curiatiern entschieden worden sein.
3) Nach lat. "patres" (Vorfahren).
4) Lat. "tradere" (u. a. verraten, preisgeben), davon "tradimentum".
5) Ort in Nordfrankreich an der Oise, etwa 25 km nordöstlich von Saint-Quentin. Die Herzöge von Guise gehörten zu den vehementesten Verteidigern der katholischen Sache im Frankreich des 16. Jahrhunderts. Der erste Herzog von Guise, Claude von Lothringen (1496 - 1550), zeichnete sich u. a. in der Schlacht bei Marignano gegen die Schweizer aus (1515). Acht Jahre später besiegte er die kaiserlichen Truppen, die das Burgund und die Champagne besetzt hielten und wurde zum Gouverneur der beiden französischen Provinzen ernannt. 1528 machte ihn der König von Frankreich zum Herzog von Guise. Nostradamus hat beim "Großen von Guise" aber wohl in erster Linie an Claudes Sohn, Herzog Franz I. von Guise (1519 - 1563) gedacht. Franz verteidigte 1552 das von den kaiserlichen Truppen belagerte Metz und kämpfte 1556/57 in Italien, wo er erfolglos versuchte, Neapel von den Spaniern zurückzuerobern. Wieder in Frankreich zurück, entriss er den Engländern 1558 Calais. Während der Regierungszeit des jugendlichen Königs Franz II. (1559 - 1560) waren Franz I. von Guise und sein Bruder Kardinal Karl von Lothringen-Guise faktisch die Machthaber Frankreichs. Bei Beginn der Hugenottenkriege 1562 übernahm Franz I. von Guise die Führung der katholischen Truppen. Während der Belagerung von Orléans wurde Franz 1563 von einem Protestanten ermordet. Sein Sohn und Nachfolger, Heinrich I. von Lothringen, Herzog von Guise, war beim Tod des Nostradamus erst 16 Jahre alt.
6) Nach lat. "debellare" (u. a. besiegen).

5/46
 
Par chapeaux rouges querelles & nouveaux scismes Durch die roten Hüte [brechen] Streitereien und neue Schismen [aus],
Quant on aura esleu le Sabinois1): wenn man den Sabiner1) gewählt haben wird.
On produira contre luy grans sophismes2), Man wird gegen ihn große Scheinlehren2) hervorbringen.
Et sera Rome lesee par Albanois. Und Rom wird von den Albani beschädigt [werden].
1) Die Sabiner bewohnten das mittelitalienische Gebirgsland nordöstlich von Rom. Das heutige Rieti liegt in ihrem Gebiet. Der (sagenhafte) zweite König Roms, Numa Pompilius, stammte aus dem Sabinerland. Während seiner friedlichen Herrschaft organisierte er das römische Volk neu, reformierte den Kalender und ordnete das römische Sakralwesen. Sollte Nostradamus diesen Papst hier vielleicht mit dem religiösen Numa Pompilius vergleichen? Einen anderen Anknüpfungspunkt könnte die Erwähnung von Langres in 4/98 liefern. Langres war der Hauptort der gallischen Lingonen, eines mit Julius Caesar verbündeten Volkes. Im Jahr 70 n. Chr. schlossen sich die Lingonen aber unter der Führung ihres Stammesfürsten Julius Sabinus dem Aufstand der westgermanischen Bataver gegen Rom an. Sabinus glaubte, ein illegitimer Nachkomme Julius Caesars zu sein und plante, ein gallorömisches Sonderreich unter seiner Herrschaft zu errichten. Sein Aufstand scheiterte jedoch. Sabinus versteckte sich nach seiner Niederlage neun Jahre lang in einer Grotte nahe der Marne-Quelle, ehe er gefasst und nach Rom gebracht wurde. Dort wurde er zusammen mit seiner Frau hingerichtet.
2) Auch: "Spitzfindigkeiten, Trugschlüsse".
 

5/91
 
Au grand marché1) qu’on dict des mensongiers,2) Auf dem großen Marktplatz1) [wird es sein], wo man lügnerische [Behauptungen] auspricht.2)
Du tout Torrent3) & champ Athenien4): [Und im] ganzen [Gebiet am] Strom3) und [auf dem] Feld [des] Athenaeums4).
Seront surprins par les cheuaux legiers5), [Sie] werden überraschend von leichten Kavalleristen5) angegriffen,
Par Albanois Mars, Leo, Sat. vn6) versien. [und zwar] von [solchen der] Albani. Mars [steht dann im] Löwen [und] Sat[urn wird] einer6) [vom] Wassermann [sein].
1) Hier ist möglicherweise eine Versammlung gemeint, vgl. griech. "agora" (u. a. Versammlung, Marktplatz). Nostradamus könnte auch an das Forum Romanum gedacht und damit vielleicht die römische Öffentlichkeit gemeint haben (lat. "forum": u. a. Marktplatz, öffentliches Leben).
2) Die erste Zeile ließe sich auch folgendermaßen übersetzen und verstehen (vgl. GRUBER, S. 131f.): "Auf dem großen Markt, den man [den] der Lügner nennt". Der "Markt der Lügner", der sogenannte "Markt der Gauner" in Athen, ist eine Bezeichnung, die auch von Hippokrates und Galen verwendet wurde. Von zwei Autoren, die der Arzt Nostradamus gekannt hat. Diese Interpretation der ersten Zeile würde sehr gut zum "athenischen Feld" der zweiten Zeile passen (vgl. Anmerkung 4). Nach meinem Dafürhalten hat Nostradamus hier allerdings geschickt eine falsche Fährte gelegt, um vom wahren Ort des Geschehens - Rom - abzulenken.
3) Lat. "torrens" (u. a. Strom, Wortschwall).
4) Oder auch: "athenisches Feld". GRUBER, S. 131f., sieht hier die Attische Ebene gemeint. Das Athenaeum ist die von Kaiser Hadrian (117 - 138) gegründete Akademie in Rom für Philosophie und Rhetorik, Grammatik und Jurisprudenz. Mit dem "Feld [des] Athenaeums" könnte Nostradamus die Welt der Gelehrten und Intellektuellen meinen. Wenn man den "Torrent" in der zweiten Zeile als "Wortschwall" versteht (vgl. Anmerkung 3), ließe sich die Zeile etwa folgendermaßen verstehen: "vom ganzen Wortschwall aus [der] Welt des Athenaeums". In diesem Fall würde die zweite Zeile erklären, woher die lügnerischen Behauptungen aus der ersten Zeile kommen werden. 
5) Die "cheuaux legiers" (leichte Kavalleristen) finden wir auch in 7/7 (5.200).
6) GRUBER, S. 131f. schlägt hier "en" vor, womit die Stelle einfach mit "Sat[urn] im Wassermann" zu übersetzen wäre.

6/68
 
Lorsque soldatz fureur seditieuse, Wenn [die] Soldaten [in] aufrührerischer Wut
Contre leur chef f[e]ront de nuict fer1) luire: gegen ihren Anführer nachts [die] Waffe[n]1) glänzen lassen.
Ennemy d’Albe soit par main2) furieuse, [Dann, so] sei [es, wird der] Feind von Alba [Longa] mit rasender Gewalt2)
Lors vexer Rome & principaux3) seduire4). Rom heimsuchen und [dessen] wichtigste Personen3) entfernen4).
1) "Fer" bedeutet im Mittelfranzösischen neben "Eisen" u. a. auch "(eiserne) Waffe".
2) Lat. "manus" (u. a. Macht, Gewalt). 
3) Das mittelfranzösische "principaux" bedeutet "die Wichtigsten, die Obersten, die Ersten, die Fürstlichen". Vermutlich hat Nostradamus hier auf das lat. "cardinales" anspielen wollen, das sowohl "die Wichtigsten" als auch "Kardinäle" bedeutet.
4) Lat. "seducere" (u. a. entfernen, wegführen). Das mittelfranzösische "seduire" bedeutet "verführen, täuschen, korrumpieren, verderben".
 

4/98
 
Les Albanois passeront dedans Rome, Die Albani werden nach Rom hineingehen,
Moyennant Langres1) demipler3) affublés2), [um] mit Hilfe [von] Langres1) [die] mit der Kopfbedeckung2) zur Hälfte zu rupfen3).
Marquis4) & Duc5) ne pardonnes à homme, [Dem] Markgrafen4) und [dem] Herzog5) [wird] von niemandem verziehen [werden].
Feu, sang, morbilles6) point d’eau, faillir les bleds. [Man wird unter] Feuer, Blut [und] Pocken6) [zu leiden haben. Es wird] überhaupt kein Wasser [mehr geben, und] die Getreideernten [werden] ausfallen.
1) Stadt und Landschaft im nordöstlichen Frankreich, nordwestlich von Dijon (vgl. 5.53, 5.54 und 5.148).
2) "Affubler" heißt u. a. "bedeckt, bekleidet sein" (besonders was den Kopf angeht).
3) Der Begriff "demipler" ist bis heute noch nicht geklärt worden. Ich sehe darin eine Kombination von "demi" (halb, Hälfte usw.) und "peler" (rupfen) oder "piler" (zerreiben,  zermalmen usw.). Also entweder "demipeler" (zur Hälfte rupfen) oder "demipiler" (zur Hälfte zermalmen).
4) Ein Markgraf war ein Graf, der zur Verteidigung einer Grenzprovinz bevollmächtigt war. In der Adelshierachie stand er zwischen Graf und Herzog.
5) Oder nach lat. "dux": Feldherr (vgl. 7/29, Anmerkung 1). 
6) Nach LEONI. Im Mittelfranzösischen bedeutet "morbille" aber auch: "Masern, Röteln".

 

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