5.46 In Mesopotamien wird die heidnische Religion der Punier wieder eingeführt. Diese neuen Punier erobern zusammen mit Nordafrikanern Rom und Papst "Hadrie" muss fliehen. Zum Schluss werden die Punier im Orient besiegt.
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Zusammenfassung
In 2/30 wird der Gegner von "Hadrie" vorgestellt. Es handelt sich dabei um einen Mann aus dem Zweistromland (Babylon). Er mag vielleicht ein Araber sein, ist aber jedenfalls kein Muslim. Vielmehr wird er das orientalische Heidentum wieder einführen. Er errichtet eine Schreckensherrschaft und versucht, seine Tyrannei auszubreiten: er marschiert auf Rom. Der Umstand, dass im Nahen Osten ein Machthaber das polytheistische Heidentum der Phönizier wieder begründen kann, verlegt diese Versgruppe in eine fernere Zukunft. In eine Zeit, wo der Islam seine Kraft verloren haben wird oder vielleicht gar nicht mehr existiert.
1/9: Der Neo-Punier aus dem Irak marschiert Richtung Rom. Unterstützt wird er dabei von einer nordafrikanischen Flotte. Malta wird angegriffen; die benachbarten Inseln (wohl Pantelleria, Linosa und Lampedusa) sind bereits entvölkert. Ihre Bevölkerung dürfte entweder evakuiert oder - falls sie besetzt wurden - verschleppt bzw. getötet worden sein. Das eigentliche Ziel der Angreifer ist allerdings Rom und "Hadrie". Doch wer ist "Hadrie"? In 1/8 rettet er das "Herz" Roms und in 10/38 dürfte in Zusammenhang mit "Hadrie" von Vorgängen mit und um den Papst die Rede sein. Ich vermute, das "Herz Roms" aus 1/8 meint die Kurie bzw. das Papsttum. "Hadrie" wäre demzufolge wohl ein neuer Papst Hadrian (siehe 1/9, Anmerkung 2), der das Papsttum (und sich selber) vor den Puniern rettet. Unklar ist allerdings, wie es zur Schreibweise "Hadrie" (statt etwa "Hadrien") gekommen ist. Denkbar wäre vielleicht, dass Nostradamus ursprünglich "Hadrie" mit einer Tilde ("~") über dem "e" geschrieben hat, was bei der Drucklegung des Textes aber übersehen wurde.
2/55: Hier ist von einem "Großen" die Rede, der nur wenig taugt. Unklar wie der ganze Vers ist die Identität dieses "Großen". Papst Hadrian I. rief einst Karl den Großen im Kampf gegen die Langobarden zu Hilfe. Ruft "Hadrie" ebenfalls einen französischen (oder deutschen) Machthaber im Kampf gegen die Punier zu Hilfe, der sich allerdings als unfähig erweist? Und was für eine erstaunliche Sache macht dieser Helfer zum Schluss? Von was für einem Bankett ist hier die Rede? Vielleicht von einer Friedensverhandlung? Ist der "Kühne" mit dem untauglichen "Großen" identisch oder ist hier vielleicht davon die Rede, dass der "Große" auf einer Friedensverhandlung ("Bankett") den "Kühnen" (möglicherweise der Anführer der Punier) tötet? Das wäre nämlich tatsächlich eine mehr als erstaunliche Tat des "Großen". Jedenfalls wird "Hadrie" erkennen, was die Stunde geschlagen hat und sich für die Flucht aus Rom entscheiden.
3/11: Es wird während langer Zeit Krieg herrschen. Mit den "Waffen am Himmel" könnte Nostradamus vielleicht spezielle astrologische Konstellationen meinen, die passend zu den Vorgängen auf der Erde ebenfalls Krieg vorhersagen. Nostradamus spricht von einem "Baum", der in einer Stadt umfallen wird. Mit der Stadt ist Rom gemeint, das von den Puniern angegriffen wird. Der "Baum" steht meines Erachtens für den Kreuzesbaum, das Kreuz (vgl. lat. "arbor", das sowohl "Baum" wie auch "Kreuz" bedeutet). Und das umgefallene Kreuz wiederum für das in Rom besiegte Christentum. Das "angesengte Holzscheit" aus der dritten Zeile ist nach meinem Verständnis mit diesem umgefallenen Kreuz identisch. Das Kreuz wird in Rom also nicht bloß umgestürzt sondern auch noch in Brand gesetzt, d.h. dauerhaft zerstört oder beschädigt. Es ist dabei umgeben von kriegerischer Gewalt ("Schwert") und den Puniern, den unreinen, heidnischen Feinden ("Schädlinge", "Krätze"). Dies alles wird geschehen wenn Papst "Hadrie" oder der von ihm zu Hilfe gerufene Herrscher den Puniern unterliegt (vgl. Anmerkung 5).
1/8: Nostradamus beklagt den Fall Roms, das in seiner Geschichte schon öfters eingenommen wurde (z.B. 1527 durch deutsche Söldner, unter denen sich auch viele Lutheraner befanden). Die erwähnten "barbarischen und sinnlosen Gesetze (bzw. Lehren)" dürften die nichtchristlichen bzw. nichtkatholischen Religionen und Konfessionen meinen, die kommen und gehen und allesamt sinnlos weil falsch sind. Rom wird besetzt und bleibt das auch für eine unbestimmte Zeit. Papst "Hadrie" wird jedoch das Wichtigste und Kostbarste aus Rom retten: das Papsttum.
10/38: Wie in 1/8 beschrieben, rettet "Hadrie" das Papstum aus Rom. Doch wohin begibt sich der heilige Stuhl? Wie es scheint in die Schweiz; entweder in die Nähe von Saint-Maurice im Wallis oder von Sankt Moritz in Graubünden. Für Sankt Moritz spricht die Erwähnung von Graubünden. Die "lebhafte (lebendige) Liebe Gottes" wäre dann die Kirche, die ihren Sitz wenigstens für eine gewisse Zeit in die Nähe von Sankt Moritz verlegt. Gleichzeitig lagern Truppen ("Garnisonen") in der Nähe dieses Ortes. Allerdings ist nicht ganz klar, was hier geschieht. Einerseits haben wir Papst "Hadrie" und die Orsini, die wohl zu seinen Gefolgsleuten zählen und andererseits die Franzosen (Gallier). Und diese Orsini scheinen dem Papst für die Franzosen ein Pfand abzugeben, d.h. die Orsini garantieren für die Franzosen. Tauschen Papst "Hadrie" und die Franzosen vielleicht Geiseln aus, wobei die päpstlichen Geiseln aus den Orsini bestehen? Eine der beiden Parteien scheint Angst vor den Graubündnern zu haben und liefert die Geiseln (?) an sie aus. Doch wer? Die Franzosen, deren Armee bei Sankt Moritz lagert?
2/60: Zwischen diesem Vers und den vorherigen klafft eine zeitliche und inhaltliche Lücke. Es ist im Moment z.B. nicht zu verstehen, wer hier mit dem "Maultier" gemeint ist und welche Flotte zerstört wird (die nordafrikanische?). Klar ist allerdings, dass der punische Glaube, der zuvor Rom erobert und den Papst zur Flucht gezwungen hat, im Orient besiegt werden wird. Ob oder wann der Heilige Stuhl wieder in die ewige Stadt zurück kehrt, ist hier jedoch nicht ersichtlich. Wenn die Neo-Punier geschlagen sein werden, werden sich Flüsse in Frankreich und Spanien (bzw. Portugal) verändern. Ob diese allerdings über die Ufer treten oder im Gegenteil austrocknen, lässt sich im Moment aber noch nicht sagen.
Quellen
2/30
1) Die Phönizier (Punier) verehrten semitische Gottheiten wie Eschmun, Baal, Adonis, Melkart oder Astarte. Auch Menschenopfer gehörten zu ihrer Religion. Sie lebten an der Ostküste des Mittelmeers und gründeten u.a. Karthago beim heutigen Tunis.
Vn qui les dieux d’Annibal infernaulx1) Einer, der die höllischen Götter Hannibals1) Fera renaistre, effrayeur des humains wieder auferstehen lässt, [wird] der Schrecken der Menschen Oncq’ plus d’horreurs ne plus pire journaux Niemals [gab es] mehr Schrecken, nie noch schlimmere Tage, Qu’auint viendra par Babel2) aux Romains. wie die vorgenannten, [die] von Babylon2) zu den Römern kommen werden.
2) Babylon lag am Euphrat, im südlichen Irak.
1/9
1) "Cueur" ("Herz") weist im Mittelfranzösischen eine ganze Reihe von Nebenbedeutungen auf, u.a. "Groll" usw. Vielleicht ist hier auch, analog zu 5/74, das Oberhaupt der Punier gemeint.
De l’Orient viendra le cueur1) Punique Aus dem Orient wird das punische Herz1) kommen, Facher4) Hadrie2) & les hoirs Romulides3). [um] "Hadrie"2) und die Erben [der] Romuliden3) einzuengen4). Acompaigne de la classe Libycque5), [Er wird] begleitet von der libyschen5) Flotte. Trembler Mellites6): & proches illes vuides. [Die] Malteser6) werden zittern, und [die] nahen Inseln [sind] leer.
2) Als historisches Vorbild für "Hadrie" bietet sich der römische Kaiser Publius Aelius Hadrianus (117 - 138) an. Dieser verzichtete auf die zuvor von Trajan eroberten Gebiete im Nahen Osten und schloss mit den Parthern einen Frieden ab. Er schlug den jüdischen Aufstand unter Bar Kochba (132 - 135) blutig nieder, zerstörte Jerusalem endgültig und vertrieb die Juden aus Judäa. Oder Nostradamus denkt an einen der Päpste, die den Namen Hadrian trugen. Als Kandidat käme in diesem Fall v.a. der Römer Hadrian I. (772 - 795) in Frage, der Karl den Großen gegen die Langobarden zu Hilfe rief.
3) "Romulides" bezeichnet im Lateinischen die männlichen Nachkommen des Romulus, die Römer. Hier könnten die Römer oder Italiener gemeint sein, oder eine Gruppe, die als geistige Nachkommen Roms in Erscheinung tritt.
4) "Fa[s]cher" bedeutet im Mittelfranzösischen u.a.: "anwidern; ermüden, ermatten; stören, einengen; wütend machen".
5) "Libysch" muss man hier etwas großzügiger auslegen. Im Altertum wurden mit "Libya" sehr verschieden große Gebiete Nordafrikas bezeichnet, im Extremfall fast die gesamte Südküste des Mittelmeers.
6) Vgl. lat. "Melita" (Malta).
2/55
1) Im positiven wie negativen Sinne. "Merveilleux" kann im Mittelfranzösischen neben "wunderbar" auch etwa "unheilvoll" bedeuten.
Dans le conflit le grand qui peuvalloyt, Im Konflikt [wird] der Große, der wenig taugt, A son dernier fera cas2) merueilleux1): zu seinem Ende eine erstaunliche1) Sache2) machen. Pendant qu’Hadrie verra ce qu’il falloyt, Während "Hadrie" sehen wird, was nötig ist, Dans le banquet pongnale l’orguilleux3). [wird] der Kühne3) auf dem Bankett niedergestochen.
2) "Sache" im weitesten Sinne. Etwa auch: "Schlag, Verbrechen".
3) Auch: "Furchtlose; Stolze; Reiche, Prächtige".
3/11
1) "Saison" bedeutet daneben auch einfach "Zeit, Zeitspanne".
Les armes batre au ciel longue saison1), Die Waffen [zum] kämpfen [sind] während eines langen Feldzuges1) am Himmel. L’arbre au milieu de la cité tombé: Der Baum in der Mitte der Stadt [ist] umgefallen. Vermine2), rongne3), glaiue, en face tyson, [Es hat] Schädlinge2), Krätze3) [und] Schwert in [der] Gegenwart [des] angesengtes Holzscheits, Lors le monarque d’Hadrie5) succombé4). wenn der Herrscher "Hadrie" unterlegen4) [ist].
2) Auch im Mittelfranzösischen können damit Tiere und Menschen gemeint sein.
3) Oder: "Brummen, Knurren".
4) Möglicherweise sogar "getötet worden [ist]".
5) Oder: "der Herrscher von 'Hadrie'".
1/8
1) Das ist Rom, das Zentrum des (katholischen) Christentums. Das Christentum ist die Religion, die den "Tag der Sonne" (lat. "dies Solis"), den Sonntag feiert.
Combien de foys prinse cité solaire1) Wieviele Male [wirst du], Sonnenstadt1), eingenommen! Seras, changeant les loys2) barbares & vaines. [Und wieviele Male] werden sich die barbarischen und sinnlosen Gesetze2) verändern. Ton mal s’aproche: Plus seras tributaire Dein Unglück nähert sich. Von nun an wirst [du] unterworfen sein. La3) grand Hadrie reourira4) tes veines5). Der3) große "Hadrie" wird deine Venen4) retten5).
2) Oder: "Lehren".
3) Wie aus den anderen "Hadrie"-Versen hervorgeht, bezeichnet dieser Name einen Mann. Hier könnte es sich um einen Fehler des Druckers handeln, der anstatt "le" "la" gesetzt hat, weil er "Hadrie" vielleicht als "Adria" gedeutet hat.
4) Wohl im Sinne des lat. "venae" für "Inneres, innerstes Wesen, Herz, Charakter".
5) "Reourira" steht wohl für "recourira", vgl. Ausgabe von 1568.
10/38
1) Dahinter dürfte ein Ortsname stecken. Möglicherweise Saint-Maurice im schweizerischen Wallis. Dort wurden zwischen 286 und 300 der heilige Mauritius und seine Thebäische Legion auf Befehl des römischen Kaisers Maximian getötet, weil sie sich weigerten, Christen zu verfolgen. Mauritius und seine Soldaten stammten aus Oberägypten, waren also "Barbaren". Im Hinblick auf die Erwähnung Graubündens in der vierten Zeile könnte aber auch Sankt Moritz gemeint sein, das in Namen und Wappen den heiligen Mauritius trägt.
Amour alegre non loing pose le siege, [Die] lebhafte Liebe richtet nicht weit [davon] entfernt den Sitz ein. Au sainct barbar1) seront les garnisons2), Beim "heiligen Barbaren"1) werden die Garnisonen2) sein. Vrsins3) Hadrie pour Gaulois feront plaige, [Die] Orsini3) werden "Hadrie" wegen [den] Galliern [ein] Pfand abgeben. Pour peur rendus de l’armee aux Grisons4). Aus Angst [werden sie] von der Armee an Graubünden4) ausgeliefert.
2) "Garnison" kann u.a. auch "Vorräte, Proviant" bedeuten.
3) Nach LEONI wahrscheinlich die Orsini, ein römisches Adelsgeschlecht, dem bis zur Zeit des Nostradamus zwei Päpste entstammten (Cölestin III., 1191 - 1198; Nikolaus III., 1277 - 1280) und das während des Investiturstreits lange Zeit die Guelfen (Papstpartei) gegen die Ghibellinen (Kaiserpartei) anführte.
4) Oder: "den Grauen". In diesem Fall können z.B. Franziskaner gemeint sein.
2/60
1) Oder einfach: "im Osten".
La foy Punicque en Orient1) rompue Der punische Glaube [wird] im Orient1) besiegt [worden sein], Gang.2) Iud.3) & Rosne, Loyre, & Tag4) changeront, [wenn sich] Gang[es]2), Ind[re]3) und Rhone, Loire und Tajo4) verändern werden. Quand du mulet la faim sera repue, Wenn der Hunger des Maultiers gestillt sein wird, Classe espargie5), sang & corps nageront. [wird] die Flotte zersprengt5) [sein] und Körper werden [im Wasser] schwimmen.
2) Unklar. "Ganges" kann einen Ort in Südfrankreich am Fluß Hérault meinen, etwa 50 km nordwestlich von Montpellier. Oder aber den Ganges in Indien.
3) Unklar. "Iud." kann eigentlich nur für "Iudaea" (Judäa, Palästina, Israel) stehen. Hier könnte aber wieder ein Setzfehler vorliegen, der aus "Ind." "Iud." gemacht hat. Bei "Ind." käme dann "India" (Indien) in Frage, was zu "Ganges" passen würde, oder aber "Indre". Indre ist ein Nebenfluß der Loire, der im Zentralmassiv entspringt und westlich von Tours in die Loire mündet. Zudem gibt es noch einen Ort westlich von Nantes der so heißt. Ich tendiere dazu, hier den französischen Fluß zu sehen.
4) "Tagus" ist der lat. Name für den Tajo, der in Ostspanien entspringt und bei Lissabon in den Atlantik mündet.
5) "Espargie" wurde vom lat. "exspergere" (u.a. zersprengen, zerstreuen) abgeleitet.