5.46  Der Angriff neopunischer Heiden auf Europa und ihre Niederlage.

 

In Mesopotamien begrŸndet ein neuer "Nebukadnezar" eine neopunisch-heidnische Religion und Macht. Spanien wird von einem neuen "Hannibal" aus Nordafrika kontrolliert, der diesem neopunischen Glauben anhŠngt. "Hannibal" kann den Kšnig von Frankreich fŸr diese neue Religion begeistern, der ihre Verbreitung fšrdert. Frankreich schlŠgt militŠrisch das ršmisch-deutsche Reich und "Hannibal" den Malteserorden. "Nebukadnezar" wird "Hadrie" (wohl einen nordostitalienischen Staat) und Rom militŠrisch bedrŠngen. "Hannibal" unterstŸtzt ihn dabei. Auch die Franzosen greifen nun Italien an. Der geschlagene, machtlose ršmisch-deutsche Herrscher kann die Situation nur beklagen. Italien ist noch handlungsfŠhig und vertreibt die Franzosen. Nach der Niederlage der Franzosen werden zwei "Feinde" besiegt. "Hannibal" segelt nach Pannonien. Von dort marschiert er siegreich nach Slawonien/SŸdungarn. Die Franzosen greifen wieder Italien an, durchqueren Ligurien und Norditalien und sto§en bis Ravenna vor. "Hannibals" Araber aus Pannonien werden dann Italien angreifen, wenn in Mittel- und SŸditalien Ÿber ein halbes Jahr kein Regen fŠllt. Venedig sieht sich durch die Franzosen bedroht, wird aber nicht angegriffen. "Hannibal" vernichtet die Latiner, Toskaner und SŸdwestitaliener. Es wird einen lange andauernden Krieg geben. Wenn "Hadries" Herrscher unterliegt, kommt es in Rom zu Gewalt, der Papst wird gestŸrzt oder getštet. HŠretiker beherrschen die Szene und es kommt zur Kirchenspaltung. Zu dieser Zeit wird es auch zu einer †berschwemmung als Vorzeichen kommen. Nach dieser werden die Araber Rom gro§e Sorgen bereiten. Ein Papst wird gefangen, der Vatikan aber nicht geplŸndert. Wie bisher das ršmisch-deutsche Reich ist nun auch Frankreich machtlos - weil es im Innern gespalten ist. Die Neopunier werden Rom erobern, und die Stadt wird sehr unter ihrer Fremdherrschaft leiden. "Hadrie" kann aber das Wichtigste der Stadt retten - das Papsttum. Die Araber sto§en weiter bis Vicenza vor. Das šstlich davon gelegene Venedig greift nun in den Krieg ein, und der AnfŸhrer der Franzosen wird geschlagen. Die Kirche errichtet ihren Sitz im Westschweizer Saint-Maurice. "Hadries" Truppen werden dort eine bedeutende Geisel gefangen halten. Saint-Maurice wird belagert und die Geisel gegen Orsini-Leute ausgetauscht werden. Aus Angst vor den Belagerern lassen aber die "Hadrie"-Truppen die Orsini-Leute frei. Im ršmisch-deutschen Reich wird ein franzšsischer Bourbone Herrscher, der die neopunischen Araber aus Europa vertreiben und der Kirche ihre alte Ÿberragende Stellung zurŸckgeben wird. Die Franzosen und Araber werden in Italien gegen zwei Herren (das ršmisch-deutsche Herrscherduo) Verluste erleiden. Der mit den Franzosen verbŸndete "Hannibal" gerŠt zunŠchst in die Defensive, kann aber dann das ršmisch-deutsche Herrscherduo mit militŠrischer Gewalt trennen. Der Oberkommandierende der Franzosen glaubt, er kšnne den Hauptteil einer Streitmacht vernichten. Die Neopunier marschieren siegreich Ÿber Genua in die Provence ein. Die fŸr die franzšsische Monarchie wichtige Loire-Region und Reims werden durch eine plštzliche VerŠnderung in Mitleidenschaft gezogen. Die neopunischen Araber werden in die NŠhe der PyrenŠen marschieren, um einem neuen franzšsischen Kšnig helfen zu kšnnen. Der neue franzšsische Kšnig wird dabei nahe Le Mas-dÕAgenais von einem ršmisch-deutschen Herrscher eingekesselt sein. Nachdem die neopunischen Araber besiegt sind werden sie vertrieben, und in Lausanne geschieht etwas Ekelhaftes, das den Ursprung einer Sache verschleiern soll. Einer Sache, die als segensreich betrachtet werden wird. Man verzeiht einem Gro§en, dass er "Neptun" nicht dazu bewegt, weiter Krieg zu fŸhren. Der besiegte "Hannibal" ist weit von seiner Heimat entfernt. Er muss fliehen und wird in einer "Meeresscheune" gerettet. Thessalien ist gefallen und auf Kreta sind 5000. "Belschazzar" - ein Nachfolger "Nebukadnezars" tut gegen Ende eines Konflikts etwas Gewagtes. "Hadrie" sieht die Notwendigkeit einer Sache ein, und "Belschazzar" wird ermordet. Nach "Belschazzars" Tod wird das neopunische Babylon im Orient von einem gro§en Herrscher vernichtet werden, der vielleicht arabischer Herkunft ist. Zu dieser Zeit werden sich FlŸsse in Frankreich, Iberien und vielleicht sogar Indien verŠndern.

 

 

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2/30

 

[1] Vn qui les dieux dÕAnnibal1) infernaulx

[2] Fera renaistre2), effrayeur des humains 

[3] OncqÕ plus dÕhorreurs ne plus pire[s]3) [f]ournaux4)

[4] QuÕauint5) viendra par Babel6) aux Romains.

 

[1] Einer, der die hšllischen Gštter Hannibals1)

[2] wiederauferstehen2) lŠsst, [wird zum] Schrecken der Menschen. 

[3] Niemals [gab es] mehr Schrecken, nie schlimmere3) …fen4)

[4] wie [die, die] aufgetaucht sind5) [und die] von Babylon6) zu den Ršmern kommen werden.

 

1) Der punische Feldherr Hannibal (247-183 v. Chr.) stammte aus Nordafrika (Karthago). Hannibal soll schon als Knabe einen feierlichen Schwur geleistet haben, niemals ein Freund der Ršmer zu werden. Und diesem Schwur gehorchend blieb er tatsŠchlich zeitlebens ein Feind der Ršmer. Im Lateinischen wurde deshalb sein Name ein Synonym fŸr Todfeind, Šhnlich wie im Deutschen Judas fŸr VerrŠter. Die Phšnizier (Punier) verehrten semitische Gottheiten wie Eschmun, Baal, Adonis, Melkart oder Astarte. Auch Menschenopfer gehšrten zu ihrer Religion. Sie lebten an der OstkŸste des Mittelmeers und grŸndeten u. a. Karthago beim heutigen Tunis. Auf Hannibal wird auch in 3/93 (5.23) verwiesen.

2) Oder: "wiedergeboren werden".

3) In den 1555er- und 1557er-Ausgaben steht hier "pire" (schlimmer). In sŠmtlichen 1568er-Ausgaben lesen wir dagegen "dire" (fŸrchterlich, furchterregend).

4) In allen Ausgaben von 1555, 1557 und 1568 steht hier allerdings "iournaux/journaux" (Tage). BRINDÕAMOUR, S. 235f., - ihm folgt CLƒBERT, S. 251 - korrigiert zu "fournaux" (…fen) und begrŸndet dies mit den Parallelen in 9/17 (5.276) und 9/53 (5.17). Dort greift Nostradamus zweimal auf eine in Daniel 3 geschilderte Episode zurŸck: Der Kšnig von Babylon Nebukadnezar II. (604-562 v. Chr.) lie§ ein goldenes Standbild errichten, das anzubeten war. Drei Juden, denen Nebukadnezar die Verwaltung der Provinz Babel anvertraut hatte, Schadrach, Meschach und Abed-Nego, verweigerten jedoch die Anbetung des Standbildes und wurden daraufhin zur Strafe lebendig in einen gro§en glŸhenden Feuerofen geworfen. Doch Gott schickte ihnen einen Engel, der die Flammen aus dem Ofen vertrieb, so dass die Hitze ihnen nichts anhaben konnte. BRINDÕAMOURs Korrektur macht inhaltlich Sinn.

5) Oder sinngemŠ§ auch: "die vorgenannten".

6) Das Babylonische Reich umfasste je nach Epoche verschieden gro§e Teile des Nahen Ostens. Das antike Babylon (Babel) lag etwa 90 km sŸdlich des heutigen Bagdad. Im Christentum steht Babylon sinnbildlich fŸr die Gott feindlich gesinnten MŠchte der Welt. In der Offenbarung des Johannes konkret fŸr das heidnische Rom (vgl. etwa Offenbarung 17, 9). Auf Babylon wird auch in 1/55, 8/96 (5.251) und 10/86 (5.252) verwiesen.

Der neue "Nebukadnezar" wird das punische Heidentum neubegrŸnden und zum Schrecken der Menschen werden. Er wird seine Herrschaft von Mesopotamien bis zu den Ršmern ausdehnen.

 

Die erste und zweite Zeile kŸndigt das Auftauchen eines Mannes an, der die heidnische Religion der Punier wiederbegrŸnden wird. Dieser Neopunier wird - wohl in der Funktion eines Machthabers - zum Schrecken der Menschen.

 

Der Hinweis auf die "…fen" in der dritten Zeile macht ihn zum kŸnftigen Pendant des babylonischen Kšnigs Nebukadnezars II. Er dŸrfte also wohl wiederum gegen Juden (und wohl auch Christen) vorgehen, die sich seinem neuheidnischen Kult verweigern. Nostradamus vergleicht auch einen anderen Akteur mit dem biblischen Kšnig von Babylon: den neuen (franzšsischen) "Nero" (5.17: 9/53, 5.276: 9/17). Da hier aber tatsŠchlich vom vorderen Orient die Rede sein dŸrfte (vgl. Zeile vier), haben wir wohl den eigentlichen DoppelgŠnger dieses Herrschers vor uns.

 

In der vierten Zeile erfahren wir, dass diese Verfolgungen - und somit die Macht des punischen Neuheidentums - von Babylon zu den Ršmern gelangen wird.

 

Aus den letzten beiden Zeilen lŠsst sich wohl schlie§en, dass der Ursprung dieses neuheidnischen Glaubens tatsŠchlich im Zweistromland ("Babylon") liegen wird.

 

Der Umstand, dass im Nahen Osten ein Machthaber das polytheistische Heidentum der Punier wiederbegrŸnden kann, verlegt diesen Vierzeiler in eine fernere Zukunft. In eine Zeit, in der der heute dominierende Islam seine Kraft verloren haben wird oder vielleicht gar nicht mehr existiert (vgl. dazu 5.58: 3/95).

 

 

5/14

 

[1] Saturne & Mars en leo Espagne captifue1),

[2] Par chef lybique2) au conflict attrapŽ3),

[3] Proche de Malthe, Heredde4) prinse viue,

[4] Et Romain sceptre sera par coq5) frappŽ.

 

[1] Saturn und Mars [befinden sich] im [Sternzeichen] Lšwe, [wenn] Spanien gefangen1) [sein wird].

[2] [Und zwar] vom libyschen2) AnfŸhrer, [der] vom Konflikt angelockt3) [werden wird].

[3] Nahe bei Malta [wird] "Heredde"4) lebendig gefangen,

[4] und [zur gleichen Zeit] wird [das] ršmische Zepter vom Hahn5) geschlagen werden.

 

1) Das kann z. B. "besetzt" oder auch "beeinflusst" bedeuten. 


2) "Libysch" ist hier sinngemŠ§ wohl als "nordafrikanisch" zu verstehen. Vgl. griech. "Libye" (u. a. ganz Afrika, nordafrikanische KŸste) und lat. "Libya" (das ganze bekannte Afrika, nordafrikanische KŸste).


3) Oder u. a. auch: "[der] im Konflikt ergriffen/getŠuscht/Ÿberrascht [werden wird]."

4) LE PELLETIER, Band 2, S. 330, vermutet hier Rhodos, vgl. griech. "he Rhodos", bzw. die von Rhodos stammenden Johanniter, vgl. Ebd., S. 353. Der Begriff "Heredde" ist tatsŠchlich weiblichen Geschlechts. Er kšnnte auf das lat. "hereditas" (Erbschaft) zurŸckgehen. Einige vermuten hier "Herodes", vgl. LEONI, S. 252, doch der wŠre wohl kaum weiblich. Eine etwas umstŠndlichere ErklŠrung mit einem aber sehr einfachen Resultat wŠre folgende: "Heredde" kšnnte ein vom Drucker falsch verstandenes und falsch gesetztes "NŽrŽide" (Nere•de) sein. Die Nere•den waren im antiken Mythos weibliche Meeresgottheiten. Die bekannteste Nere•de war dabei Thetis, die Mutter des Achilles. "Thetis" wurde spŠter im Lateinischen aber auch ein Synonym fŸr "Meer", so dass hier einfach gemeint sein kšnnte, dass das Meer nahe Malta unter Kontrolle gebracht ("lebendig gefangen") werden wird. 


          Die ErwŠhnung Maltas (seit 1530 Sitz des Johanniter, d. h. Malteser Ordens) dŸrfte aber zurŸck zu LE PELLETIER fŸhren. Der 32. Gro§meister des Ordens (1376-1396) - damals noch auf Rhodos  beheimatet - hie§ Juan Fern‡ndez de Heredia (ca. 1310-1396). Er leitete den Orden zur Zeit des HundertjŠhrigen Krieges (England-Frankreich) und des AbendlŠndischen Schismas (1378-1417, Urban VI./Rom-Clemens VII./Avignon). Er ergriff dabei die Partei ClemensÕ VII., stand also auf derselben Seite wie Frankreich. Doch der Spanier bzw. Aragonese war ein Mann, weshalb sollte Nostradamus dann von einer weiblichen "Heredde" sprechen? Mšglicherweise hat unser Seher hier nicht an einen menschlichen DoppelgŠnger, d. h. an einen neuen Heredia als Person gedacht. Er kšnnte vielmehr die Johanniter/Malteser als Organisation zur Zeit des Heredia gemeint haben, die hier wieder in einer Šhnlichen Lage sein wird. Dann wŠre also etwa von "einer Heredia" die Rede. Einer "Heredia", die in einem Konflikt wieder auf Seiten Frankreichs stehen kšnnte. An dieser Stelle sei angemerkt, dass der Begriff "Orden" (als religišse Organisation) im Spanischen und Aragonesischen weiblich ist und im Mittelfranzšsischen sowohl weiblichen wie auch mŠnnlichen Geschlechts sein kann. Nun war aber der Avignoner Gegenpapst ein Schismatiker. Somit wŠre es durchaus denkbar, dass Nostradamus dessen Gefolgsmann Heredia vielleicht auch wegen der €hnlichkeit von dessen Namen mit dem Begriff "herite, herete" (hŠretisch, HŠretiker) ausgewŠhlt hat.

5) Mit dem "Hahn" dŸrfte Frankreich oder ein franzšsischer Machthaber gemeint sein, vgl. lat. "gallus" ("Hahn" und "Gallier"). Der "Hahn" taucht auch in 1/31 (5.159), 1/93 (5.159), 2/42 (5.129), 3/52 (5.34), (4/4 (5.47)), 5/14 (5.47), 5/68 (5.169), 6/28 (5.103), 6/54, 8/4 (5.190), 8/5, 8/6 (5.212), 8/9 (5.16), 8/46 (5.159) und 8/61 (5.211) auf. GemŠ§ 8/5 wird der "Hahn" im Sarg liegen, was eher auf eine Person denn ein Land hindeutet.

Im Sternzeichen Lšwe sind Saturn und Mars vereint, wenn Spanien vom neuen "Hannibal" kontrolliert werden wird. "Hannibal" wird von einem Konflikt angelockt werden. Nahe Malta wird der Malteserorden Ÿberwunden werden, wenn Frankreich die ršmisch-deutsche Macht schlŠgt.

 

In der ersten Zeile scheint eine astrologische Konstellation beschrieben zu sein. Saturn und Mars befinden sich beide im Sternzeichen Lšwe. Da Saturn bei Nostradamus aber auch fŸr das Judentum steht (vgl. 5.58: 5/24/2, Anmerkung 5) und Mars der Kriegsgott ist, kšnnte die Stelle auch so verstanden werden, dass sich das Judentum - oder ein jŸdisches Gemeinwesen - zur Zeit des Lšwen (Juli/August) im Krieg befindet. Doch mit wem? Vielleicht mit dem neuen "Nebukadnezar" aus 2/30?

 

Jedenfalls wird dann, wenn Saturn und Mars im Lšwen vereint sein werden, Spanien unter fremder Kontrolle stehen oder gar besetzt sein (vgl. Anmerkung 1). Und zwar von einem libyschen, d. h. nordafrikanischen AnfŸhrer. Dieser Nordafrikaner, von dem auch in 3/27/1 als "prince" die Rede ist, wird dabei von einem Konflikt angelockt werden. An dieser Stelle sei angemerkt, dass das mittelfranzšsische "prince" neben "FŸrst" u. a. auch "militŠrischer Kommandeur" bedeuten kann. In 3/27 erfahren wir, dass dieser Nordafrikaner im "Westen", mšglicherweise ist damit konkret Spanien gemeint, mŠchtig sein wird. †ber den "Konflikt" aus 5/14 erfahren wir nichts Genaueres. Allerdings ermšglichen uns die Informationen aus 5/14 und 3/27, eine klare Parallele zum bedeutendsten nordafrikanischen Kriegsherrn der Antike - Hannibal - zu erkennen.

 

Hannibal Barkas (247-183 v. Chr.) war seit 221 v. Chr. Oberbefehlshaber des karthagischen Heeres in Spanien, von dem bereits sein Vater Hamilkar und sein Schwager Hasdrubal der Schšne Teile erobert hatten. Hannibal war damit zu Beginn seines Kommandos im Westen, d. h. in Spanien, bereits in einer mŠchtigen Position. Der schon bestehende Ebro-Vertrag mit den Ršmern machte zudem Spanien sŸdlich dieses Flusses zur EinflusssphŠre der Punier und somit Hannibals.

 

Die Stadt Sagunt an der spanischen MittelmeerkŸste lag in Hannibals Machtbereich. GemŠ§ POLYBIOS (Historien 3,15) kam es in Sagunt um etwa 220 v. Chr. zu einem internen Konflikt, zu dem die Ršmer als Vermittler hinzugerufen wurden. Als solche lie§en sie jedoch ungerechtfertigterweise einige der fŸhrenden MŠnner der Stadt hinrichten. Hannibal nahm diesen Rechtsbruch als Vorwand zum Angriff auf die Stadt, um so den Opfern dieser Ungerechtigkeit zu ihrem Recht verhelfen zu kšnnen.

 

Was auch immer die wahren BeweggrŸnde fŸr Hannibals Eingreifen waren, er belagerte die Stadt, die schlie§lich 218 v. Chr. fiel. Ein Vorgang, der zum Ausbruch des Zweiten Punischen Krieges (218-201 v. Chr.) mit den Ršmern fŸhrte.

 

In 5/14 kšnnte NostradamusÕ neuer "Hannibal" ebenfalls von einem innerspanischen Konflikt angelockt werden. Vielleicht von einem Konflikt zwischen AnhŠngern und Gegnern der neopunischen Glaubens aus 2/30?

 

Oder unser Seher hat an eine Auseinandersetzung auf Malta bzw. innerhalb des Malteser Ordens gedacht, wie sich mit Blick auf die dritte Zeile vermuten lie§e (vgl. die †berlegungen zu "Heredde"-"Heredia"). Besiegt "Hannibal" die Malteser - oder einen Teil von ihnen - nahe Malta und inkorporiert die Besiegten "lebendig" in sein Machtsystem? Dazu passen wŸrde 1/9/3f.

 

Zur gleichen Zeit wird die ršmische Macht von Frankreich angegriffen, vielleicht sogar besiegt werden, vgl. Zeile vier. Es stellt sich nur die Frage, wer hier mit der ršmischen Macht gemeint ist. Ein Staat in Italien? Oder - wie ich vermute - vielmehr das ršmisch-deutsche Reich als Nachfolger des alten Roms (vgl. 4/4)? Wie auch immer, mit Blick auf die Analogie zum Geschehen in der Antike mŸssten diese ršmische Macht und der neue "Hannibal" Feinde sein.

 

 

3/27

 

[1] Prince3) Libyque2) puissant en Occident1)

[2] Francois4) dÕArabe5) viendra tant enflammer.

[3] Scauans aux letres6) fera condescendent,

[4] La langue7) Arabe en Francois translater.

 

[1] [Ein] im Westen1) mŠchtiger libyscher2) FŸrst3) 

[2] wird [den] Franzosen4) sehr stark fŸr das Arabische5) begeistern.

[3] [Die] Gelehrten6) wird [er] dazu bringen, zustimmend

[4] die arabische Sprache7) ins Franzšsische zu Ÿbertragen.

 

1) Mit Blick auf 5/14 hat Nostradamus hier mšglicherweise konkret an Spanien gedacht, vgl. lat. "Hesperia" (Abendland, d. h. Italien, Spanien, Westafrika). Zur Gleichsetzung der "Hesperia" mit Spanien vgl. 5/40/2 (5.23).

2) "Libysch" ist hier sinngemŠ§ wohl als "nordafrikanisch" zu verstehen. Vgl. griech. "Libye" (u. a. ganz Afrika, nordafrikanische KŸste) und lat. "Libya" (das ganze bekannte Afrika, nordafrikanische KŸste).
 In den beiden 1557er-Ausgaben und allen 1568ern steht hier fŠlschlicherweise "libinique".

3) Im Mittelfranzšsischen kann "prince" neben "FŸrst" u. a. auch einen militŠrischen Kommandeur bezeichnen. Vgl. dazu auch lat. "princeps" (u. a. auch "AnfŸhrer").

4) Oder auch: "[die] Franzosen". BRINDÕAMOUR, S. 373, und mit ihm CLƒBERT, S. 372, weisen darauf hin, dass mit "Francois" vielleicht der franzšsische Kšnig Franz I. -"Franois Ier" - (1515-1547) gemeint sein kšnnte, der nicht nur ein BŸndnis mit den muslimischen Osmanen geschlossen hat, sondern in dessen Regierungszeit auch ein Arabischlehrstuhl am Collge de France eingerichtet wurde. Doch wer wŠre in diesem Zusammenhang der "libysche FŸrst" der ersten Zeile gewesen?

5) Damit kann die Sprache gemeint sein, oder im Ÿbertragenen Sinne etwa auch die "arabische Sache".

6) Hier sind Geisteswissenschaftler und Literaten gemeint. 
BRINDÕAMOUR, S. 373, liest "scauant" und sieht hier einen gelehrten "Francois".

7) Das mittelfranzšsische "langue" bedeutet neben "Sprache" u. a. auch "Volk, Nation". Doch beides passt hier nicht recht in den Kontext. †bersetzungen aus dem Arabischen etwa gab es schon lange vor Nostradamus und fŸr die †bersiedlung arabischer Bevšlkerungsteile nach Frankreich wŠre wohl eher die politische FŸhrung denn die Intellektuellen zustŠndig. Ich vermute, es geht hier um die †bersetzung eines ganz bestimmten Textes oder Textbestandes ins Franzšsische, - wohl um dessen Verbreitung in Frankreich zu ermšglichen. Vgl. dazu griech. "logos" (u. a. Sprache, Wort, Buch, ErzŠhlung) und lat. "sermo" (u. a. Sprache, Schriftwerk). Dabei kšnnte hier durchaus ein abwertender Aspekt mitschwingen, vgl. griech. "logos" (u. a. auch Fabel) oder lat. "lingua" (u. a. Zunge, Sprache; Schwatzhaftigkeit, Vermessenheit).

Der neue "Hannibal" wird im Westen (Spanien?) mŠchtig sein und die Franzosen - oder einen franzšsischen Herrscher - fŸr die arabische Sache begeistern. Damit ist wohl das neopunische Heidentum gemeint. "Hannibal" (oder der franzšsische Machthaber) wird die Gelehrten dazu bringen, dieser neuen Lehre zuzustimmen und deren Schriften ins Franzšsische zu Ÿbersetzen.

 

In der ersten Zeile taucht ein "libyscher" (nordafrikanischer) FŸrst oder HeerfŸhrer auf, vgl. Anmerkung 3, der wohl mit dem neuen "Hannibal" aus 5/14 identisch ist. Zu dieser Gleichsetzung passt, dass er als "im Westen" - vielleicht konkret in Spanien, vgl. Anmerkung 1 - mŠchtig sein wird. Genauso wie sein antikes Vorbild.

 

Laut Zeile zwei wird er die Franzosen (oder einen franzšsischen Herrscher?) stark fŸr "das Arabische" begeistern. Dazu passt 5/14/4, wo wir erfahren, dass Frankreich die ršmische Macht angreifen wird. Frankreich steht also wohl auf Seiten des neuen "Hannibals". Doch diese Allianz dŸrfte eine gewšhnliche WaffenbrŸderschaft weit Ÿbersteigen. Die erwŠhnte "Begeisterung" fŸr "das Arabische" deutet meines Erachtens auf eine weltanschauliche oder religišse †bereinstimmung hin, vgl. Anmerkung 5. Mutma§lich ist hier von der neopunischen Religion die Rede.

 

Zu dieser Vermutung passt die zweite HŠlfte der Strophe. "Er", entweder ein franzšsischer Machthaber oder der neue "Hannibal", wird die (franzšsischen) Gelehrten dazu bringen, den arabischen "Schriften" (vgl. Anmerkung 7) zuzustimmen und diese ins Franzšsische zu Ÿbertragen.

 

 

 

 

1/9

 

[1] De lÕOrient1) viendra le cueur3) Punique2)

[2] Facher6) Hadrie4) & les hoirs Romulides5).

[3] AcompaignŽ7) de la classe9) Libycque8),

[4] Trembler Mellites10): & proches illes vuides.

 

[1] Aus dem Orient1) wird das punische2) Herz3) kommen,

[2] [um] "Hadrie"4) und die Erben [der] Romuliden5) einzuengen6).

[3] [Er wird] begleitet7) von der libyschen8) Flotte9).

[4] [Die] Meliter10) werden zittern, und [die] nahen Inseln [sind] leer.

 

1) Oder auch einfach: "aus dem Osten".

2) Der Begriff "punisch" taucht wšrtlich in 1/9/1, 2/60/1, 2/78/2 und 2/81/3 auf. 8/27/3 kšnnte vielleicht von einem Phšnizier sprechen. Die semitischen Phšnizier (in Nordafrika Punier genannt) stammten aus dem Nahen Osten, von der libanesisch-syrischen KŸste. Sie grŸndeten etliche Kolonien, so u. a. auch Karthago beim heutigen Tunis. Sie verehrten Gottheiten wie Baal, Eschmun, Astarte oder Melkart. Auch Menschenopfer gehšrten zu ihrer Religion. Der bekannteste Punier ist zweifelsohne Hannibal, auf den bei Nostradamus die Strophen 2/30 und 3/93 (5.23) verweisen.

3) Schon in den 1557er-Ausgaben lesen wir hier "cÏur". "Cueur" ("Herz") weist im Mittelfranzšsischen eine ganze Reihe von Nebenbedeutungen auf, u. a. auch "Groll" usw. Das Herz wird dem Tierkreiszeichen Lšwen sowie der Sonne zugeordnet. AGRIPPA VON NETTESHEIM, Buch 1, Kapitel 23, kšnnen wir entnehmen, was dem astrologischen Herz-Planeten sonst noch angehšrt. Wir finden darunter u. a. den "Kšnig der Tiere", den Lšwen, oder den "Kšnig der Všgel", den Adler, vgl. dazu auch Ebd., Buch 2, Kapitel 14. Analog dŸrfte in 1/9 wohl der Herrscher ("Kšnig") der Punier gemeint sein.

4) "Hadrie" taucht wšrtlich in 1/8/4, 1/9/2, 3/11/4 und 10/38/3 auf. Unklar ist, ob der Begriff fŸr eine Person oder fŸr eine Macht, einen Staat steht. GemŠ§ 1/8/4 ist "Hadrie" wohl weiblichen Geschlechts, was meines Erachtens die Wahrscheinlichkeit fŸr eine Identifikation mit einer Macht erhšht. 3/11/4 spricht gar von "Hadries" Herrscher. Doch wo wŠre ein solcher Staat zu finden? Nicht unwahrscheinlich ist BRINDÕAMOURs Idee (S. 57), hier Venedig, die gro§e Adria-Macht zur Zeit des Nostradamus zu vermuten. In Italien finden wir aber zwei weitere StŠdte, die sprachlich gut zu "Hadrie" passen wŸrden. Zum einen die Stadt Adria (lat. "Hatria") in Venetien und das heutige Atri (lat. u. a. "Hadria/Hatria") nahe der zentralen italienischen AdriakŸste. Das venetische Adria war in der Antike wesentlich bedeutender als heute. So grŸndete etwa der syrakusische Tyrann Dionysios I. (405-367 v. Chr.) im etruskischen Adria eine Kolonie, um so seine Stellung im Adriatischen Meer zu stŠrken. Dionysios I. war ein Gegner Karthagos, gegen das er vier verlustreiche Kriege fŸhrte.

          Eine andere interessante Spur fŸhrt uns ins Mittelalter, zum real nicht existiert habenden Kšnigreich Adria. Dieses Kšnigreich wurde am 17.04.1379 von Gegenpapst Clemens VII. (1378-1394) dem Bruder des franzšsischen Kšnigs versprochen, wenn er helfen wŸrde, den rechtmŠ§igen Papst Urban VI. (1378-1389) militŠrisch aus Rom zu vertreiben. Doch die Truppen von Clemens VII. unterlagen wenige Tage spŠter, am 30.04.1379, jenen Urbans VI. bei Marino (Latium), was schlie§lich dazu fŸhrte, dass Clemens VII. Italien verlassen musste und sich in Avignon niederlie§. Ein Ereignis, das zum Gro§en AbendlŠndischen Schisma (bis 1417) fŸhrte. Das so verhinderte Kšnigreich Adria, dessen Herrscher Ludwig I. von Anjou (der Bruder des franzšsischen Kšnigs Karls V.) gewesen wŠre, hŠtte gro§e Gebiete im nordšstlichen Italien umfasst: so etwa die Marken von Ancona, die Romagna, das Herzogtum Spoleto, Massa, Trabaria sowie die StŠdte und Gebiete von Bologna, Ferrara (ca. 45 km sŸdwestlich von Adria), Ravenna, Perugia und Todi. Nostradamus kšnnte bei "Hadrie" also an einen - dieses Mal existierenden - nordostitalienischen Staat gedacht haben, der eng mit einem neuen "Clemens VII." verbŸndet ist. "Hadries" Herrscher (3/11/4) wŠre demzufolge ein neuer "Ludwig I. von Anjou". Dessen historisches Vorbild (1339-1384) war als Feldherr im HundertjŠhrigen Krieg aktiv. 1380-1382 regierte er zusammen mit seinen beiden BrŸdern anstelle Kšnig Karls VI. Frankreich. 1382 bis zu seinem Tod war Ludwig Graf der Provence sowie Titularkšnig von Neapel und Jerusalem. Nachdem ihn Clemens VII. in Avignon zum Kšnig von Neapel gekršnt hatte, zog Ludwig mit einem Heer nach Italien Richtung Neapel, verstarb aber 1384 in Bari an einer Epidemie.

          Am mittelitalienischen Atri ist dagegen v. a. der Umstand interessant, dass die Familie des ršmischen Kaisers Hadrian ursprŸnglich aus diesem Ort stammte. Publius Aelius Hadrianus (117-138) verzichtete auf die zuvor von Trajan eroberten Gebiete im Nahen Osten und schloss mit den Parthern einen Frieden ab. Er schlug den jŸdischen Aufstand unter Bar Kochba (132-135) blutig nieder, zerstšrte Jerusalem endgŸltig und vertrieb die Juden aus JudŠa.

          Oder Nostradamus hat vielmehr an einen der sechs PŠpste dieses Namens gedacht: Der Ršmer Hadrian I. (772-795) rief Karl den Gro§en gegen die Langobarden zu Hilfe. Hadrian II. (867-872) stammte aus dem Geschlecht der Colonna. Ebenso Hadrian III. (884-885). Hadrian IV. (1154-1159) war der bisher einzige EnglŠnder auf dem Stuhl Petri. WŠhrend seines Pontifikats begann der Konflikt zwischen den Staufern (Friedrich I. Barbarossa) und der Kurie. Allerdings erst nachdem beide die Kommune von Rom des HŠretikers Arnold von Brescia besiegt und so das Papsttum in seiner damaligen Form gerettet hatten. Hadrian V. war 1276 nur 38 Tage Pontifex. Der NiederlŠnder Hadrian VI. war von 1522-1523 Papst. Was ihn als mšgliches Vorbild interessant macht, ist v. a. der Vormarsch der Osmanen zu seiner Zeit. Diese eroberten 1522/23 Rhodos und vertrieben den Ritterorden der Johanniter von der Insel. Diese verlagerten ihren Hauptsitz zunŠchst nach Kreta und 1530 schlie§lich nach Malta.

5) "Romulides" bezeichnet im Lateinischen die mŠnnlichen Nachkommen des Romulus, die Ršmer. Hier kšnnten somit die Ršmer oder Italiener gemeint sein, oder eine Gruppe, die als geistige Nachkommen Roms in Erscheinung tritt. Obige Stelle lie§e sich auch so verstehen: "... die Erben, [die] Romuliden, einzuengen."

6) In den beiden 1557er-Ausgaben lesen wir "Fascher". "Fa(s)cher" bedeutet u. a. "anwidern; ermŸden, ermatten; stšren, einengen; wŸtend machen, Šrgern".

7) In den beiden 1555er-Ausgaben steht noch "acompaigne", die beiden 1557er korrigieren richtigerweise zu "acompaignŽ".

8) "Libysch" ist hier sinngemŠ§ wohl als "nordafrikanisch" zu verstehen. Vgl. griech. "Libye" (u. a. ganz Afrika, nordafrikanische KŸste) und lat. "Libya" (das ganze bekannte Afrika, nordafrikanische KŸste).

9) Vgl. lat. "classis" (Heer, Flotte). Mit Blick auf Zeile vier ist wohl eher von einer Seestreitmacht die Rede.

10) Das lat. "Melita" bezeichnet entweder Malta oder die dalmatinische Insel Mljet, etwa 30 km nordwestlich von Dubrovnik. Unmittelbar nordwestlich von Malta liegen die Eilande Gozo, Comino und Cominotto, daneben weist der Archipel noch einige weitere Inseln auf, etwa Filfla im SŸden. In etwas Entfernung von Mljet finden wir die Inseln Korcula und Lastovo im Westen sowie die Elaphiten im Osten (u. a. Kolocep, Lopud u. Sipan). Mit Blick auf 5/14/3 dŸrfte aber wohl eher Malta gemeint sein.

Der neue "Nebukadnezar" wird aus dem Orient kommen, um "Hadrie" (ein nordostitalienischer Staat?) und Rom zu bedrŠngen. UnterstŸtzt wird sein Vormarsch von "Hannibals" Seestreitmacht, die nach Malta vorstš§t.

 

In den ersten beiden Zeilen erfahren wir, dass das Oberhaupt ("Herz") der Neopunier aus dem Orient kommen wird, um "Hadrie" und die Erben der Ršmer zu bedrŠngen. Mit dem Oberhaupt der Neopunier ist der neue "Nebukadnedzar" aus 2/30 gemeint. Die "Erben der Romuliden" sind wohl einfach die Ršmer oder die Italiener.

 

Unklar ist noch die IdentitŠt von "Hadrie", vgl. Anmerkung 4. Handelt es sich vielleicht um einen Staat, eine Macht im nordšstlichen Italien, der, was seine Bedeutung betrifft, der Republik Venedig im 16. Jh. gleichkommt? FŸr diese Vermutung wŸrde u. a. auch der Begriff als solcher sprechen, vgl. "Italie", "Germanie", "Romanie". Au§er, "Hadrie" wŠre ein falsch gesetztes "Hadriẽ" (= "Hadrien"), womit wieder einer der Hadriane ins Spiel kŠme.

 

Zeile drei ist zu entnehmen, dass "Nebukadnezar" von der nordafrikanischen Flotte begleitet werden wird. Damit ist wohl die Streitmacht des neuen "Hannibal" gemeint.

 

In der vierten Zeile erfahren wir, wie "Hannibal" vorsto§en wird. Anders als der historische Hannibal wird NostradamusÕ Pendant Ÿber das Meer angreifen. Sein Ziel scheint dabei Malta zu sein, dass vor Angst zittert. Die nahe bei Malta liegenden Inseln scheinen zu diesem Zeitpunkt schon leer zu sein. Dazu erfahren wir hier aber nichts Genaueres. Wo ist etwa die Bevšlkerung geblieben?

 

 

 

4/4

 

[1] LÕimpott pr”ce fachŽ1), plainctz2) & quereles3).

[2] De rapts & pilles4) par coqz5) & par libyques6):

[3] Grand est par terre7), par mer infinies voiles8),

[4] Seule9) Italie sera chassant11) Celtiques10).

 

[1] Der machtlose FŸrst [wird] wŸtend1) [sein]. Klagen2) und Jammern3) [wird man von ihm hšren].

[2] [Und zwar] Ÿber [die] RaubzŸge und PlŸnderungen4) durch [die] HŠhne5) und durch [die] Libyschen6).

[3] [Der] Gro§e ist auf [dem] Land7), auf [dem] Meer [sind] unzŠhlige Schiffe8)

[4] Allein9) Italien wird [die] Keltischen10) vertreiben11).

 

1) Oder: "verstšrt, angewidert, ermŸdet". 


2) Im Sinne von "Wehklagen" wie auch von "Protesten".

3) Das mittelfranzšsische "querele" bedeutet u. a. "Streit, Konflikt; Klagen; Anklage; Angelegenheit". 


4) Die 1557er-Ausgabe aus Utrecht sowie alle 1568er zeigen hier "pillŽ", die 1557er aus Budapest/Moskau "pillŽs".

5) Mit den "HŠhnen" dŸrften Franzosen gemeint sein, vgl. lat. "galli" ("HŠhne" und "Gallier").

6) "Libysch" ist hier sinngemŠ§ wohl als "nordafrikanisch" zu verstehen. Vgl. griech. "Libye" (u. a. ganz Afrika, nordafrikanische KŸste) und lat. "Libya" (das ganze bekannte Afrika, nordafrikanische KŸste).


7) Oder ebenso mšglich: "am Boden", d. h. besiegt. 


8) Oder: "Segel, Segelschiffe". "Voiles" ist hier wie die Nebenform "veelles" auszusprechen, vgl. BRINDÕAMOUR, S. 470.

9) In den vier Ausgaben von 1555 und 1557 steht hier "seure" (sicher; vertrauenswŸrdig, tugendhaft), in allen 1568ern "seule" (allein, einsam, verlassen). Die lat. Wurzel von "seure" - "secura" - bedeutet "sorglos". Und zwar im Sinne von "furchtlos" als auch von "fahrlŠssig". Denkbar wŠre auch, dass hier "seur" (Schwester) gemeint ist. Am stimmigsten dŸrfte hier wohl "seule" sein.

10) Bei Nostradamus meinen die Kelten Gallier und somit Franzosen, vgl. Anmerkung 5.

11) Oder: "verfolgen". Lies: "chassante".

Ein machtloser FŸrst (mutma§lich der ršmisch-deutsche Kšnig, der gerade eine Niederlage gegen Frankreich hat einstecken mŸssen) ist wŸtend. Er klagt und jammert Ÿber die RaubzŸge und PlŸnderungen, die die Franzosen und Nordafrikaner unternehmen. Das Meer ist angefŸllt mit "Hannibals" Flotte, ein Gro§er ("Hannibal"?) befindet sich an Land. Italien steht in seinem Kampf gegen die Franzosen allein da, ist aber noch handlungsfŠhig und vertreibt sie.

 

In der zweiten Zeile lesen wir von "RaubzŸgen und PlŸnderungen" durch Franzosen und Nordafrikaner. Inhaltlich und sprachlich (siehe den Begriff "libyques") dŸrfte die Strophe somit zur nordafrikanisch-franzšsischen Allianz gehšren, auf die wir in 3/27 gesto§en sind.

 

Die Angriffe werden laut Zeile eins von einem wŸtenden aber machtlosen und jammernden FŸrsten beklagt werden. Doch welcher FŸrst ist hier gemeint (siehe unten)?

 

Zeile drei spricht davon, dass es auf dem Meer unzŠhlige Schiffe hat, der Gro§e sich aber auf dem Land befindet. Mit den Schiffen ist wohl "Hannibals" Seestreitmacht aus 1/9/3 gemeint. Der "Gro§e" kšnnte "Hannibal" selber sein, der sich noch auf dem Land aufhŠlt oder bereits am Zielort wieder an Land gegangen ist. Verstehen wir die Stelle als "der Gro§e ist am Boden", vgl. Anmerkung 7, wŠre damit wohl der machtlose (weil besiegte) FŸrst aus der ersten Zeile gemeint.

 

Doch vergessen wir nicht, dass nicht nur die Nordafrikaner sondern auch die Franzosen angreifen werden. Von diesen ist wieder in 4/4/4 die Rede. Wir erfahren, dass es Italien gelingen wird, sie zu vertreiben. Das Land ist also durchaus noch handlungsfŠhig.

 

Bleibt also die Frage, wer mit dem machtlosen FŸrsten der ersten Zeile gemeint sein kšnnte. In 5/14/4 besiegt Frankreich das "ršmische Zepter". Ich vermute deshalb, dass mit dem wŸtenden machtlosen FŸrsten aus 4/4/1 der noch nicht zum Kaiser gekršnte Herrscher ("ršmischer Kšnig") des ršmisch-deutschen Reiches gemeint ist, der gerade die erwŠhnte Niederlage gegen Frankreich hat einstecken mŸssen. 

 

 

5/48

 

[1] Apres la grande affliction1) du sceptre,

[2] Deux ennemis par eulx seront defaictz:

[3] Classe2) dÕAffrique aux Pannons3) viendra naistre4),

[4] Par mer & terre feront5) horribles faictz.

 

[1] Nach der gro§en Niedergeschlagenheit1) des Zepters

[2] [werden] zwei Feinde von ihnen besiegt werden.

[3] [Eine] Flotte2) wird aus Afrika kommen, [um bei] den Pannoniern3) zu erscheinen4).

[4] Zur See und zu Land werden [sie] schreckliche Taten vollbringen5).

 

1) Im Sinne selischer Niedergeschlagenheit (BetrŸbnis, Trauer) wie auch kšrperlicher Leiden bzw. Krankheit. Daneben bedeutet "affliction" u. a. auch "Reue, Bu§e".

2) Lat. "classis" (Flotte, Heer).

3) Pannonien bezeichnete in der Antike wechselnd gro§e Gebiete im norwestlichen Balkan und im heutigen Ungarn.

4) Das mittelfranzšsische "naistre" kann neben "geboren werden" u. a. auch "auftauchen, erscheinen" bedeuten.

5) In der 1557er-Ausgabe von Utrecht steht hier eher "seront". Die meisten 1568er schreiben hier "seront" - mit Ausnahme von Dresden, Paris und Gregorio, die zu "feront" tendieren.

Nach der Niederlage des ršmisch-deutschen Kšnigs werden zwei Feinde (der Franzosen?) besiegt werden. "Hannibals" Streitmacht aus Afrika wird in Pannonien erscheinen und zu Wasser und zu Land schreckliche Taten vollbringen.

 

In der ersten Zeile ist von der Zeit nach der Niedergeschlagenheit des "Zepters" die Rede. Mit dem Zepter ist wohl das von Frankreich besiegte ršmisch-deutsche Zepter aus 5/14/4 gemeint.

 

Laut Zeile zwei werden dann zwei Feinde von "ihnen" besiegt werden. Doch wer ist mit "ihnen" gemeint? Die bereits siegreichen Franzosen, vgl. CLƒBERT, S. 623? In 2/94 stehen die Franzosen in Nordtalien. Sollte hier von ihnen die Rede sein, kšnnte das bedeuten, dass sie auf dem Weg dahin zwei Gegner (ital. Teilstaaten?) besiegen werden.

 

Im zweiten Teil der Strophe geht es um eine Flotte oder Streitmacht aus Afrika, die in Pannonien erscheinen wird. Sie wird zu Wasser und zu Land schreckliche Taten vollbringen. Mit dieser afrikanischen Flotte ist wohl die libysche Flotte des neuen "Hannibal" gemeint. Dass die Libyer nach Pannonien vorsto§en werden, ist aus 5/13 ersichtlich, wo der ršmische Kšnig sie spŠter "von den Pannoniern bis zur Schranke des Herkules" vertreiben wird.

 

 

 

 

2/32

 

[1] Laict, sang, grenoilles1) escoudre3) en Dalmatie2),

[2] Conflit4) donnŽ, peste5) pres de Balenne6):

[3] Cry sera grand par toute Esclauonie7)

[4] Lors naistra monstre8) pres & dedans Rauenne.

 

[1] Milch, Blut [und] Fršsche1) werden in Dalmatien2) hinabgeregnet3) werden.

[2] [Der] Konflikt4) [wird dann] ausgebrochen [und die] Seuche5) in der NŠhe von "Balenne"6) [sein].

[3] [Das] Schreien wird gro§ sein im ganzen Slawenland7),

[4] wenn [das] Wunderzeichen8) bei und in Ravenna erscheinen wird.

 

1) Milch, Blut und Fršsche, die vom Himmel regnen, gehšren seit der Antike zum klassischen Vorzeichenrepertoire, vgl. GRUBER, S. 160f. sowie CLƒBERT, S. 252-254, und verhei§en kommendes Unheil.

2) Dalmatien ist Teil der kroatischen AdriakŸste. Die ršmische Provinz Dalmatia umfasste hingegen die gesamte AdriakŸste von Istrien bis ins nšrdliche Albanien sowie angrenzende Gebiete in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro.

3) "Escoudre" geht entweder auf das lat. "excudere" (etwas hervorbringen, ausbrŸten usw.) zurŸck oder auf das ebenfalls lat. "excutire" (u. a. aussto§en, hinabwerfen), vgl. BRINDÕAMOUR, S. 238.

4) Konflikt im weitesten Sinne. Es kšnnen auch ein Krieg oder eine Schlacht gemeint sein.

5) "Pest" bezeichnet im Mittelfranzšsischen und Lateinischen jede Epidemie mit hoher Sterblichkeit. Im Ÿbertragenen Sinne aber auch generelles UnglŸck. In den Ausgaben von 1555 und 1557 steht "peste", in spŠteren z. T. "pesste".

6) Unklar. Es gibt beim franzšsischen Bost, etwa 10 km nordšstlich von Vichy, ein Ch‰teau de Balenne (Baleine, Baleyne) aus dem 15. Jahrhundert (20.09.2009). LEONI sieht hier das antike Trebula Balliensis (Treglia, nordšstlich von Capua) gemeint, DUFRESNE sieht mit LE PELLETIER ein antikes Volk im Latium. Im ITINERARIUM ANTONINI AUGUSTI ET HIEROSOLYMITANUM (Nr. 295) finden wir ein Costa Balenae an der ligurischen KŸste, das auf dem Gebiet des heutigen Riva Ligure (20.09.2009), etwa 10 km šstlich von Sanremo, lag (vgl. auch BRINDÕAMOUR, S. 238).

7) "Esclavonie" bezeichnete frŸher etwa den Raum Ostkroatien-SŸdungarn. Wie aber 10/62 (5.220) nahelegt, kšnnen damit wohl auch andere Siedlungsgebiete der Slawen gemeint sein (vgl. griech. "sklabos/sklabenos" = Slawe und Sklave). Siehe ebenfalls GRUBER, S. 430, Anmerkung 56.

8) Vgl. lat. "monstrum" (Wahrzeichen, Wunderzeichen). Bei diesem Wunderzeichen, das bei und in Ravenna erscheinen wird, bezieht sich Nostradamus auf ein Geschehen im Jahr 1512 (vgl. BRINDÕAMOUR, S. 238-240 und CLƒBERT, S. 255). In Ravenna wurde  dabei ein arg missgestaltetes hermaphrodites Kind geboren ("monstre"), das als Vorzeichen fŸr die Eroberung der Stadt durch die Franzosen im Jahr 1512 gewertet wurde. Um Ravenna gekŠmpft wird auch in 8/72 (5.175).

Die arabischstŠmmigen Nordafrikaner stehen in Dalmatien und sto§en nach Slawonien/SŸdungarn vor. Die Franzosen marschieren siegreich durch Ligurien und Norditalien und erobern Ravenna.

 

In der ersten Zeile lŠsst Nostradamus es in Dalmatien Milch, Blut und Fršsche regnen, d. h. dieser Region droht Unheil (vgl. Anmerkung 1). Doch in welcher Form? In 2/84/3 erfahren wir, dass in Dalmatien Leute arabischer Herkunft stehen werden. Dabei dŸrfte es sich um Invasoren handeln.

 

GemŠ§ Zeile zwei wird zu diesem Zeitpunkt ein Konflikt ausgebrochen und das Unheil bei "Balenne" sein. Das kšnnte einen innerfranzšsischen Konflikt meinen (beim Ch‰teau de Balenne) oder etwa eine Schlacht bei Riva Ligure (vgl. Anmerkung 6).

 

GemŠ§ 2/94/1 wird der "gro§e Po" durch die Franzosen gro§es Unheil erleiden. Auf dem Weg dahin kšnnten sie zunŠchst Nordwestitalien der KŸste entlang durchqueren und beim erwŠhnten Riva Ligure - unweit der heutigen franzšsischen Grenze - einen entscheidenen Sieg davontragen.

 

Die dritte Zeile blickt wieder auf den nordwestlichen Balkan. Das "Slawenland" - hier ist der Raum Ostkroatien-SŸdungarn gemeint - wird schreien. Das ist wohl so zu verstehen, dass die in Dalmatien eingedrungenen Araber (siehe oben) nach Nordosten vorsto§en.

 

In der vierten Zeile betrachtet Nostradamus erneut die Lage in Italien. Nun steht nicht mehr Ligurien sondern Nordostitalien im Zentrum des Interesses: Bei und in Ravenna lŠsst er ein Wunderzeichen erscheinen. Hier greift unser Seher auf ein Vorzeichen zurŸck, das 1512 die Eroberung der Stadt durch die Franzosen angekŸndigt haben soll, vgl. Anmerkung 8. Und hier dŸrfte sich der Kreis schlie§en. Ich vermute, die Franzosen werden erneut durch Norditalien bis zur Adria (Ravenna) vorsto§en. Dabei werden sie wahrscheinlich auch das Gebiet am Po in Angst und Schrecken versetzen (der "gro§e Po" in 2/94/1).

 

 

 

2/84

 

[1] Entre Campaigne, Sienne, Flora, Tuscie1)

[2] Six moys neufz iours ne plouura vne goute.

[3] LÕestrange langue2) en terre Dalmatie3)

[4] Courira sus: vastant la terre4) toute.

 

[1] [In den Gebieten] zwischen Kampanien, Siena, Florenz [und] Tuszien1)

[2] wird [es wŠhrend] sechs Monaten [und] neun Tagen nicht einen Tropfen regnen.

[3] Das fremde Volk2) [wird] in Dalmatien3) [stehen].

[4] [Es] wird angreifen [und] das ganze Land4) verwŸsten.

 

1) Tuszien meint die Toskana, Kampanien ist die Region um Neapel. Flora, die ršmische Gšttin der BlŸte, stand in der Florentiner Kunst der Renaissance fŸr die Stadt Florenz, vgl. BRINDÕAMOUR, S. 315. Florenz und Siena liegen beide in der Toskana. In der ersten Zeile ist also von Teilen Mittel- und SŸditaliens die Rede.

2) Das mittelfranzšsische "langue" bedeutet neben "Zunge, Sprache" auch "Volk, Nation". Mit dem "fremden Volk" dŸrften Araber gemeint sein, vgl. 5/74/3, wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwŠhnt wird.

3) Dalmatien ist Teil der kroatischen AdriakŸste. Die ršmische Provinz Dalmatia umfasste hingegen die gesamte AdriakŸste von Istrien bis ins nšrdliche Albanien sowie angrenzende Gebiete in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro.

4) Oder auch: "die ganze Erde". Mit dem "Land" ist vermutlich Italien gemeint, von dem in den ersten beiden Zeilen die Rede ist. GemŠ§ 2/32 werden die arabischen Nordafrikaner allerdings von Dalmatien aus auch nach Slawonien/SŸdungarn vorsto§en.

Wenn in Mittel- und SŸditalien Ÿber ein halbes Jahr kein Regen fallen wird, werden die Araber in Dalmatien stehen und von dort aus Italien angreifen.

 

In den ersten beiden Zeilen erfahren wir, dass es in Teilen SŸd- und Mittelitaliens Ÿber ein halbes Jahr lang nicht regnen wird. Auch solche Trockenperioden gehšren zum klassischen Vorzeichenrepertoire. Bei OBSEQUENS lesen wir im sechsten Kapitel u. a., dass 181 v. Chr. nach sechsmonatigem Ausbleiben des Regens gebetet wurde und ein ršmischer Sieg Ÿber die Ligurer zu verzeichnen gewesen sei.

 

Doch in 2/84 ist nicht den Ršmern sondern dem arabischstŠmmigen "fremden Volk" Erfolg vorhergesagt. Laut Zeile drei steht es in Dalmatien (vgl. 2/32). Von dort aus wird es angreifen und gemŠ§ vierter Zeile das ganze Land verwŸsten. Da das Vorzeichen (die Trockenheit) in Italien zu beobachten sein wird, ist nach meinem DafŸrhalten hier von Italien die Rede.

 

Interessanterweise ist dabei nur von Gebieten SŸd- und Mittelitaliens die Rede, den Norden spart unser Seher aus. Das lie§e sich etwa so verstehen, dass die Araber nicht Ÿber den Landweg (Kroatien/Slowenien) sondern Ÿber die Adria nach Italien vorsto§en werden. Dazu passen wŸrde, dass sich gemŠ§ 2/94/2 Venedig umsonst fŸrchten wird.

 

 

 

2/94

 

[1] GRAN. Po1), gr‹d mal pour Gauloys receura,

[2] Vaine terreur au maritin Lyon2):

[3] Peuple3) infini par la mer passera,

[4] Sans eschapper vn quart dÕvn milion.

 

[1] [Der] gro§e Po1) wird gro§es Unheil wegen [den] Galliern erleiden.

[2] Umsonst [ist die] Angst des Lšwen des Meeres2).

[3] Unendliches Volk3) wird das Meer Ÿberqueren,

[4] [um] ohne ein Viertel einer Million [zu] entkommen.

 

1) Mit "Po" kšnnte alternativ auch das sŸdwestfranzšsische Pau gemeint sein. Mšglicherweise sollte es hier auch "Grandi Po" (der angestiegene Po) hei§en, analog zu 6/79/4 (5.192), vgl. CLƒBERT, S. 334. In diesem Fall wŠre die Zeile etwa so zu Ÿbertragen: "[Der] angestiegene Po wird fŸr [die] Gallier gro§es Unheil bereithalten." Das Hochwasser des gro§en norditalienischen Stroms wŸrde also wohl einen Vorsto§ der Gallier (Franzosen) verhindern, was gut zur zweiten Zeile passen wŸrde, vgl. Anmerkung 2.

2) Lies: "maritime Lyon". Hier ist wohl kaum das franzšsische Lyon gemeint, das im Binnenland liegt, v. a. da in der ersten Zeile wahrscheinlich von Norditalien die Rede ist. Vielmehr dŸrfte mit "maritime Lyon (lion)" - dem "Lšwen des Meeres" - Venedig gemeint sein, das den geflŸgelten Lšwen des Evangelisten Markus zum Zeichen hat und zur Zeit des Nostradamus noch eine der gro§en SeemŠchte war (vgl. BRINDÕAMOUR, S. 327).

3) Auch im Sinne von "Kriegsvolk, Armee".

Die Franzosen stehen in Norditalien, doch Venedig fŸrchtet sich umsonst. Die arabischen Nordafrikaner werden mit einer gro§en Invasionsarmee die Adria Ÿberqueren.

 

In den beiden ersten Zeilen geht es um VorgŠnge in Norditalien. Die Franzosen ("Gallier") stehen offensichtlich in der Po-Ebene. Dort werden sie dem Land entweder gro§en Schaden zufŸgen oder umgekehrt: der Strom wird ihren weiteren Vormarsch durch Hochwasser verunmšglichen, vgl. Anmerkung 1.

 

Das Ziel der Franzosen kšnnte dabei Venedig sein ("Lšwe des Meeres"), dessen Angst aber umsonst ist. Doch warum? Mšglicherweise werden die Franzosen tatsŠchlich gestoppt und bleiben in Ravenna sŸdlich des Po (vgl. 2/32/4). Oder Nostradamus bezieht sich hier vielmehr auf 2/84. Auf den von mir vermuteten Umstand, dass die Araber von Dalmatien aus nicht Ÿber den Land- sondern Ÿber den Seeweg nach Italien vorsto§en werden. Eine Route, die Venedig unbehelligt lŠsst.

 

In der zweiten HŠlfte der Strophe steht das "unendliche Volk" im Zentrum des Interesses. Das "unendliche Volk" dŸrfte dabei mit dem bekannten "fremden Volk" identisch sein (vgl. unten, 1/98) und die arabischen Nordafrikaner aus Dalmatien meinen.

 

Doch wird gemŠ§ Zeile vier die Italieninvasion letztlich nicht von Erfolg gekršnt sein: Die arabischen Nordafrikaner werden zum Schluss fliehen mŸssen - Nostradamus verwendet hier den Begriff "eschapper" (entkommen). Dabei werden sie anscheinend eine Viertelmillion Mann verlieren (vierte Zeile). InvasionsstreitkrŠfte, die somit mindestens 250 000 Mann umfassen, wŠren zur Zeit des Nostradamus nahezu unvorstellbar gewesen. Es passt also, dass unser Seher diese Streitmacht als "unendliches Volk" bezeichnet hat.

 

Unter welchen UmstŠnden der nordafrikanische Misserfolg zustande kommen wird, erfahren wir hier allerdings nicht.

 

 

1/83

 

[1] La gent estrange1) diuisera butins2),

[2] Saturne en Mars son regard furieux:3)

[3] Horrible strage4) aux Tosquans & Latins5),

[4] Grecs6), qui seront ˆ frapper curieux.

 

[1] Das fremde Volk1) wird [die] Beute2) aufteilen.

[2] Saturn [wird] auf Mars seinen wŸtenden Blick [richten].3)

[3] [Es wird eine] schreckliche Vernichtung4) der Toskaner, Latiner5) [und]

[4] Griechen6) [geben], die begierig darauf sein werden loszuschlagen.

 

1) Mit dem "fremden Volk" dŸrften Araber gemeint sein. Vgl. 5/74/3, wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwŠhnt wird.

2) Nostradamus verwendet hier die Pluralform, mšglicherweise in Anlehnung an das lat. "exuviae" bzw. "manubiae".

3) Saturn und Mars (astrologisch gesprochen das gro§e und das kleine UnglŸck) stehen hier in einer ungŸnstigen Konstellation, entweder in Opposition oder im Quadrat (vgl. BRINDÕAMOUR, S. 164).

4) Lat. "strages" (u. a. Blutbad, všllige Vernichtung).

5) Die Latiner waren die Einwohner des Latiums, der Region um Rom.

6) In der Antike besiedelten die Griechen u. a. auch das westliche SŸditalien und Sizilien. Aufgrund des italienischen Kontextes sind hier wohl Leute aus diesen Gegenden gemeint.

Die arabischen Nordafrikaner erringen einen Sieg, der die Toskaner, Latiner und SŸdwestitaliener všllig vernichten wird.

 

In der ersten Zeile erfahren wir, dass Araber (das "fremde Volk") die Beute aufteilen werden. Das bedeutet, dass sie zuvor einen Sieg erringen. Doch Ÿber wen?

 

Wahrscheinlich Ÿber die KrŠfte aus der Toskana, dem Latium und dem sŸdwestlichen Italien, von denen in der dritten und vierten Zeile die Rede ist. Damit knŸpft Nostradamus wohl an 2/84/1 an, wo er vom Italien von der Toskana bis Kampanien berichtet. Die dort erwŠhnte Trockenheit scheint ein Vorzeichen fŸr die katastrophale Niederlage in 1/83/3f. zu sein.

 

Eine Niederlage, mit der die Italiener vielleicht gar nicht rechnen. Jedenfalls werden sie - oder zumindest die "Griechen" unter ihnen - als kampfeslustig charakterisiert (Zeile vier).

 

Es wird gemŠ§ 1/9 aber nicht "Hannibal" sondern "Nebukadnezar" sein, der die latinische Stadt Rom bedrŠngt. Mšglicherweise wird der neue "Hannibal" wie sein historisches Vorbild zwar die Ršmer (Latiner) schlagen, diesen Sieg aber nicht zur Einnahme der Stadt nutzen. So, dass Rom als Ziel fŸr den Mesopotamier erhalten bleibt.

 

In der zweiten Zeile scheint Nostradamus eine astronomische Konstellation zu beschreiben, die zur Zeit der geschilderten VorgŠnge zu beobachten sein wird: eine Opposition oder ein Quadrat von Saturn und Mars, vgl. Anmerkung 3. Die Stelle "Saturne en Mars" lie§e sich allerdings auch als "Saturn ist im Mars [= Krieg]" verstehen. In diesem Fall stŠnden die Juden, d. h. die Leute, die den Samstag feiern, im Krieg (dies Saturni = Tag des Saturns = Samstag). Doch gegen wen?

 

 

3/11

 

[1] Les armes batre au ciel longue saison1),2) 

[2] LÕarbre au milieu de la citŽ tombŽ3):

[3] Vermine4), rongne5), glaiue, en face6) tyson7),

[4] Lors le monarque dÕHadrie8) succombŽ9)

 

[1] Die Waffen [werden] wŠhrend langer Zeit1) am Himmel kŠmpfen.2)

[2] Der Baum in der Mitte der Stadt [ist] umgefallen3).

[3] [Es wird] SchŠdlinge4), KrŠtze5) [und] Schwert im Angesicht6) [des] brennenden Holzscheits7) [geben], 

[4] wenn "Hadries"8) Herrscher besiegt9) [sein wird].

 

1) "Saison" bedeutet u. a. "Jahreszeit; Zeit, Zeitspanne; Feldzug". Nostradamus spielt hier wohl auf die Wendung "par longue saison" (wŠhrend langer Zeit) an.

2) Ganz Šhnlich Šu§ert sich unser Seher in 4/43/1 (5.58), wo am Himmel kŠmpfende Waffen gehšrt werden. Hier wie dort greift Nostradamus auf die Vorzeichensammlung des Julius OBSEQUENS zurŸck. GemŠ§ dieser wurde im Jahr 104 v. Chr. in Rom beobachtet wie himmlische Waffen aus dem Westen gegen solche aus dem Osten kŠmpften, wobei jene aus dem Westen siegten (Kapitel 43). Zudem wurden im Jahr 154 v. Chr. in Compsa (heute Conza della Campania) am Himmel Waffen fliegen gesehen (Kapitel 17). Im Jahr 106 v. Chr. fielen Speere vom Himmel (Kapitel 41). Und fŸr das Jahr 43 v. Chr. berichtet OBSEQUENS von Waffen und Wurfgeschossen, die in den Himmel aufgestiegen seien (Kapitel 69). Nostradamus spricht zudem auch in 1/64/3 (5.133) von einer am Himmel geschlagenen Schlacht und in 2/85/4 (5.34) von WaffenlŠrm am Himmel.

3) In den beiden 1555er-Ausgaben steht hier "tumbŽ", was sich aber nicht sonderlich gut auf "succombŽ" reimt. Die beiden 1557er zeigen das passendere "tombŽ".

4) Alle 1568er-Ausgaben haben hier "Verbine" - ein offensichtlicher Druckfehler. "Vermine" (SchŠdlinge, GewŸrm) kann dabei Tiere und - im Ÿbertragenen Sinne - auch Menschen meinen.

5) Die KrŠtze taucht auch in 1/80 und 3/73 (beide 5.58) auf. Und wohl in einem religišsen Zusammenhang.

          Die KrŠtze (bei Tieren: RŠude) ist eine sehr ansteckende, hartnŠckige Hautkrankheit, die von einem quŠlenden Juckreiz begleitet wird. In der Bibel ist die KrŠtze einmal eine der Strafen Gottes fŸr Ungehorsam (Deuteronomium 28,27) und einer der GrŸnde, die der Tauglichkeit zum Priesteramt im Wege stehen (Levitikus 21,20). Alternativ lie§e sich "rongne" auf "ro(n)gner" (abschneiden, beschneiden; abnagen usw.) zurŸckfŸhren. Denkbar wŠre vielleicht noch, dass hier "gro(n)gne" gemeint ist (er knurrt, faucht usw.). Wir hŠtte dann wohl ein Brummen oder Knurren vor uns, vgl. dazu 1/80/4, Anmerkung 6.

6) Oder: "in Gegenwart von, vor". PRƒVOST, S. 233, versteht die Stelle als "das brennende Holzscheit im Gesicht" und erklŠrt diese mit einer Begebenheit aus dem Jahr 1521, als Franz I. bei einem Kriegsspiel tatsŠchlich von einem derartigen Scheit im Gesicht verbrannt wurde.

7) Interessanterweise hei§t "Scheit" auf Griechisch "schiza", was wiederum mit dem Verb "schizo" (u. a. spalten) zusammenhŠngt. Sollte hier ein Hinweis auf eine Kirchenspaltung ("Schisma") versteckt sein?

8) "Hadrie" taucht wšrtlich in 1/8/4, 1/9/2, 3/11/4 und 10/38/3 auf. Unklar ist, ob der Begriff fŸr eine Person oder fŸr eine Macht, einen Staat steht. GemŠ§ 1/8/4 ist "Hadrie" wohl weiblichen Geschlechts, was meines Erachtens die Wahrscheinlichkeit fŸr eine Identifikation mit einer Macht erhšht. 3/11/4 spricht gar von "Hadries" Herrscher. Doch wo wŠre ein solcher Staat zu finden? Nicht unwahrscheinlich ist BRINDÕAMOURs Idee (S. 57), hier Venedig, die gro§e Adria-Macht zur Zeit des Nostradamus zu vermuten. In Italien finden wir aber zwei weitere StŠdte, die sprachlich gut zu "Hadrie" passen wŸrden. Zum einen die Stadt Adria (lat. "Hatria") in Venetien und das heutige Atri (lat. u. a. "Hadria/Hatria") nahe der zentralen italienischen AdriakŸste. Das venetische Adria war in der Antike wesentlich bedeutender als heute. So grŸndete etwa der syrakusische Tyrann Dionysios I. (405-367 v. Chr.) im etruskischen Adria eine Kolonie, um so seine Stellung im Adriatischen Meer zu stŠrken. Dionysios I. war ein Gegner Karthagos, gegen das er vier verlustreiche Kriege fŸhrte.

          Eine andere interessante Spur fŸhrt uns ins Mittelalter, zum real nicht existiert habenden Kšnigreich Adria. Dieses Kšnigreich wurde am 17.04.1379 von Gegenpapst Clemens VII. (1378-1394) dem Bruder des franzšsischen Kšnigs versprochen, wenn er helfen wŸrde, den rechtmŠ§igen Papst Urban VI. (1378-1389) militŠrisch aus Rom zu vertreiben. Doch die Truppen von Clemens VII. unterlagen wenige Tage spŠter, am 30.04.1379, jenen Urbans VI. bei Marino (Latium), was schlie§lich dazu fŸhrte, dass Clemens VII. Italien verlassen musste und sich in Avignon niederlie§. Ein Ereignis, das zum Gro§en AbendlŠndischen Schisma (bis 1417) fŸhrte. Das so verhinderte Kšnigreich Adria, dessen Herrscher Ludwig I. von Anjou (der Bruder des franzšsischen Kšnigs Karls V.) gewesen wŠre, hŠtte gro§e Gebiete im nordšstlichen Italien umfasst: so etwa die Marken von Ancona, die Romagna, das Herzogtum Spoleto, Massa, Trabaria sowie die StŠdte und Gebiete von Bologna, Ferrara (ca. 45 km sŸdwestlich von Adria), Ravenna, Perugia und Todi. Nostradamus kšnnte bei "Hadrie" also an einen - dieses Mal existierenden - nordostitalienischen Staat gedacht haben, der eng mit einem neuen "Clemens VII." verbŸndet ist. "Hadries" Herrscher (3/11/4) wŠre demzufolge ein neuer "Ludwig I. von Anjou". Dessen historisches Vorbild (1339-1384) war als Feldherr im HundertjŠhrigen Krieg aktiv. 1380-1382 regierte er zusammen mit seinen beiden BrŸdern anstelle Kšnig Karls VI. Frankreich. 1382 bis zu seinem Tod war Ludwig Graf der Provence sowie Titularkšnig von Neapel und Jerusalem. Nachdem ihn Clemens VII. in Avignon zum Kšnig von Neapel gekršnt hatte, zog Ludwig mit einem Heer nach Italien Richtung Neapel, verstarb aber 1384 in Bari an einer Epidemie.

          Am mittelitalienischen Atri ist dagegen v. a. der Umstand interessant, dass die Familie des ršmischen Kaisers Hadrian ursprŸnglich aus diesem Ort stammte. Publius Aelius Hadrianus (117-138) verzichtete auf die zuvor von Trajan eroberten Gebiete im Nahen Osten und schloss mit den Parthern einen Frieden ab. Er schlug den jŸdischen Aufstand unter Bar Kochba (132-135) blutig nieder, zerstšrte Jerusalem endgŸltig und vertrieb die Juden aus JudŠa.

          Oder Nostradamus hat vielmehr an einen der sechs PŠpste dieses Namens gedacht: Der Ršmer Hadrian I. (772-795) rief Karl den Gro§en gegen die Langobarden zu Hilfe. Hadrian II. (867-872) stammte aus dem Geschlecht der Colonna. Ebenso Hadrian III. (884-885). Hadrian IV. (1154-1159) war der bisher einzige EnglŠnder auf dem Stuhl Petri. WŠhrend seines Pontifikats begann der Konflikt zwischen den Staufern (Friedrich I. Barbarossa) und der Kurie. Allerdings erst nachdem beide die Kommune von Rom des HŠretikers Arnold von Brescia besiegt und so das Papsttum in seiner damaligen Form gerettet hatten. Hadrian V. war 1276 nur 38 Tage Pontifex. Der NiederlŠnder Hadrian VI. war von 1522-1523 Papst. Was ihn als mšgliches Vorbild interessant macht, ist v. a. der Vormarsch der Osmanen zu seiner Zeit. Diese eroberten 1522/23 Rhodos und vertrieben den Ritterorden der Johanniter von der Insel. Diese verlagerten ihren Hauptsitz zunŠchst nach Kreta und 1530 schlie§lich nach Malta.

9) Oder auch: "getštet, gestorben".

Es wird zu einem lange andauernden Krieg kommen. Der Papst wird gestŸrzt oder vielleicht sogar getštet, es kommt zur Kirchenspaltung. In Rom herrscht kriegerische Gewalt, HŠretiker und Kirchenfeinde bestimmen die Szene. Das alles geschieht, wenn "Hadries" Herrscher unterliegt.

 

Laut Zeile eins werden wŠhrend langer Zeit Waffen am Himmel kŠmpfen. Ein RŸckgriff auf die Vorzeichensammlung des OBSEQUENS, vgl. Anmerkung 2. Die lange Sichtbarkeit der Waffen kšnnte als Hinweis auf die lange Dauer des angekŸndigkten Konfliktes verstanden werden.

 

Zeile zwei scheint sich ebenfalls auf Kapitel 43 des OBSEQUENS zu beziehen. Wir lesen dort, dass in Nuceria eine Ulme, die vom Wind gefŠllt wurde, wieder an ihren Wurzeln erstarkte. In der Vergangenheit gab es mehrere StŠdte in Italien, die den Namen Nuceria trugen. So Nuceria Alfaterna (heute Nocera Inferiore), Nuceria Camellaria (Nocera Umbra), Nuceria Saracenorum (Luceria) und Nuceria Paganorum (Nocera deÕ Pagani bei Nocera Inferiore). Die hier interessanteste Kandidatin ist dabei wohl Nocera Inferiore, etwa 17 km nordwestlich von Salerno). Papst Urban VI. floh in die Burg der Stadt, wo er von Karl III., dem Kšnig von Neapel, belagert wurde. Noch in dieser Festung exkommunizierte er Karl III. und setzte ihn ab. Sechs ihm feindliche gesonnene KardinŠle lie§ er auf der Burg einsperren und fast verhungern. Per Schiff entkam Urban VI. aus der belagerten Festung nach Genua. Doch die Festung von Nocera Inferiore, das Castello del Parco, liegt auf einem HŸgel eher neben als in der historischen Stadt, zudem fiel damals kein "Baum" um.

 

FŸr die Deutung des "Baumes" scheint mir PRƒVOSTs Idee (S. 232) interessanter zu sein, hier den Familiennamen eines Papstes zu sehen. Es gab bis zur Zeit des Nostradamus nŠmlich zwei KirchenoberhŠupter namens Della Rovere. Die Familie Della Rovere stammte aus Savona (Ligurien). Dabei bedeutet das italienische "rovere" Traubeneiche. Ein Baum, den wir auch im Wappen der Della Rovere (und deren PŠpsten) finden.

          Der erste Papst aus dieser Familie war Sixtus IV. (1471-1484), der zweite Julius II. (1503-1513). Beide betrieben ausgreifenden Nepotismus und sind v. a. als italienische TerritorialfŸrsten ihrer Zeit zu begreifen. Beide starben in Rom, an natŸrlichen Ursachen.

          Interessant ist dabei besonders Julius II., der ab 1511 in der Heiligen Liga zusammen mit Kaiser Maximilian I., Aragonien, Venedig, den Schweizern und England gegen Frankreich und dessen Expansionspolitik in Italien stand. Wir haben hier also ein BŸndnis aus Papst, "Ršmischem Reich" (Maximilian I.) und einem nordostitalienischen Staat (Venedig) gegen Frankreich vor uns, was eine Parallele darstellt.

 

Sollte mit dem Baum also ein Papst - ein neuer Julius II.? - gemeint sein, stŠnde die Stadt in der zweiten Zeile wohl fŸr Rom. Der umgefallene Baum wŠre also wahrscheinlich der gestŸrzte oder gar getštete Pontifex.

 

Der Baum kšnnte aber gleichzeitig weniger spezifisch einfach die in Rom besiegte Kirche meinen. Der Baum wŠre dann mit dem Kreuzesbaum, dem Kreuz gleichzusetzen (vgl. lat. "arbor", das sowohl "Baum" wie auch "Kreuz" bedeutet).

 

In der dritten Zeile spricht Nostradamus von einem brennenden Holzscheit. Ein Holzscheit ist ein abgespaltenes StŸck Holz (vgl. Anmerkung 7), das ursprŸnglich einmal zu einem Baum gehšrte. Haben wir hier eine durch Kirchenspaltung entstandene Teilkirche vor uns, die jetzt brennt, d. h. sich in existenzieller Not befindet? In diesem Fall kšnnte das Scheit die Ÿbriggebliebene rechtglŠubige Restkirche verkšrpern.

 

Dieses brennende Holzscheit wird dabei von "SchŠdlingen", "KrŠtze" und dem "Schwert" umgeben sein. Das Schwert steht wohl einfach fŸr kriegerische Gewalt. Leute, die von der KrŠtze befallen sind, waren bzw. sind Gott gegenŸber ungehorsam, vgl. Anmerkung 5. In etwa die gleiche Kategorie dŸrften wohl die SchŠdlinge gehšren. Die KrŠtzebefallenen und SchŠdlinge kšnnten die AnhŠnger des hŠretischen Teils der Kirche sein.

 

Zu diesem Zeitpunkt wird der Herrscher von "Hadrie" unterliegen. Damit ist wohl der Herrscher eines nordostitalienischen Staates gemeint, vielleicht ein DoppelgŠnger Ludwigs I. von Anjou (1339-1384).

 

Doch wer ist der Sieger? Falls "Hadrie" ein neues Kšnigreich Adria sein sollte, kŠmen die Franzosen in Frage, die laut 2/94 in Ravenna stehen. GemŠ§ 1/9 wird es allerdings "Nebukadnezar" sein, der die "Hadrie" und Rom bedrŠngt. Ein Szenario, das zu den VorgŠngen in 3/11 passen wŸrde. In diesem Fall kšnnte die "Hadrie" aber auch mit Venedig identisch sein, das - anders als von "Hannibal" und den Franzosen - angegriffen und wohl besiegt wŸrde.

 

 

 

 

2/54

 

[1] Par gent estr‹ge, & de Romains loingtaine1)

[2] Leur grand citŽ apres eaue2) fort troublee,

[3] Fille sans main3), trop different5) domaine4),

[4] Prins chief, sarreure6) nÕauoir estŽ riblee.

 

[1] Vom fremden und von den Ršmern [weit] entfernten Volk1)

[2] [wird] ihre gro§e Stadt nach [dem] Wasser2) stark erschŸttert [werden].

[3] [Die] Tochter [wird] ohne Hand3) [und das] Besitztum4) sehr uneins5) [sein].

[4] [Das] Oberhaupt [wird] gefangen, [das] TŸrschloss6) [aber] nicht geplŸndert worden sein.

 

1) Mit dem "fremden Volk" dŸrften Araber gemeint sein. Vgl. 5/74/3, wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwŠhnt wird. Das Attribut "loingtaine" finden wir in diesem Zusammenhang auch in 8/10/3.

2) D. h. wohl nach einer †berschwemmung. BRINDÕAMOUR, S. 267, liest die Stelle als "aupres eaue" (beim Wasser), was mšglich, aber nicht zwingend ist.

3) Oder auch: "[Das] MŠdchen [wird] ohne Hand [... sein]". Auf den ersten Blick scheint hier wieder von einem missgestalteten Menschen oder Kind die Rede zu sein. Und tatsŠchlich hatte das zweigeschlechtliche "Monster" aus Ravenna (vgl. 2/32/4) keine Arme und somit keine Hand bzw. HŠnde, vgl. BRINDÕAMOUR, S. 238-240. Doch das mittelfranzšsische "main" bedeutet neben "Hand" u. a. auch "Macht", vgl. lat. "manus" bzw. griech. "cheir", was uns zusŠtzliche Interpretationsmšglichkeiten erschlie§t. Es wŸrde auch gut zu Nostradamus passen, dass er verschiedene Deutungsebenen vermischt. Doch wer oder was kšnnte mit dieser "machtlosen Tochter" gemeint sein? In der gleichen Zeile ist von einem uneinen Besitztum die Rede. Da Uneinigkeit oft auf Kosten der Macht geht, ist es gut mšglich, dass die "Tochter" und das "uneine Besitztum" sich auf denselben Akteur beziehen. In anderen Vierzeilern, die in Zusammenhang mit dem "fremden Volk" stehen, scheinen innerfranzšsische VerŠnderungen angesprochen zu werden (vgl. 1/20 und 6/1). Es wŠre also durchaus denkbar, dass mit der "Tochter" und dem "Besitztum" (vgl. Anmerkung 4) Frankreich gemeint ist, das seit dem 19. Jahrhundert auch "fille a”nŽe de lՎglise" (Šlteste Tochter der Kirche) genannt wird. Obwohl Nostradamus die erwŠhnte neuzeitliche Bezeichnung seines Landes (auf natŸrlichem Weg) nicht hat kennen kšnnen, wŠre die Gleichsetzung Frankreichs mit einer Tochter der Kirche auch fŸr ihn nicht všllig unmšglich gewesen. Denn der Frankenherrscher Chlodwig (den man auch als ersten franzšsischen Kšnig betrachten kann), wurde nach seiner Taufe 496 (?) als "einziger Sohn der Kirche unter den Kšnigen des Westens" ("fils unique de l'Žglise entre les rois d'Occident") bezeichnet (23.09.2009). Somit war sein Reich - Frankreich (la France) - analog einst die einzige Tochter der Mutter Kirche im Westen.

4) Das mittelfranzšsische "domaine" bedeutet u. a. "Grundbesitz, Besitztum; Macht, Herrschaft". Hier dŸrfte wohl von einem Herrschaftsgebiet die Rede sein. Falls es um Frankreich geht, mutma§lich vom "domaine royal", der KrondomŠne. Die KrondomŠne umfasste die Gebiete, die direkt dem Kšnig unterstellt waren.

5) Das mittelfranzšsische "different" bedeutet neben "unterschiedlich, verschieden" auch "geteilt, uneins".

6) Oder auch Schloss einer Kiste usw.

Nach einer †berschwemmung bereiten die Araber Rom gro§e Sorge. Das im Innern gespaltene Frankreich ist machtlos. Der Papst wird gefangen, der Vatikan aber nicht geplŸndert.

 

In den ersten beiden Zeilen geht es um Araber (das "fremde Volk") und die Ršmer. Wir erfahren, dass die Araber die Stadt Rom ("ihre", d. h. der Ršmer "gro§e Stadt") nach einer †berschwemmung ("Wasser") stark erschŸttern, d. h. in gro§e Sorge stŸrzen werden. Das dŸrfte die Folge der "schrecklichen Vernichtung" sein, der in 1/83/3 u. a. die Latiner anheimfallen werden. Dort dŸrfte es "Hannibal" sein, der zuschlŠgt.

 

Interessant ist in 2/54/1 das Attribut "loingtaine" (weit entfernt) in Zusammenhang mit den Arabern. Das arabische Nordafrika des "Hannibal" liegt von Rom eher mŠ§ig weit entfernt. Anders das arabische Mesopotamien des neuen "Nebukadnezars". Sollte diese Stelle vielleicht so zu verstehen sein, dass die "ErschŸtterung" der Stadt Rom selber nicht von "Hannibal" sondern von seinem VerbŸndeten aus dem Zweistromland verursacht werden wird? Dazu passen wŸrde 1/8. In 8/10 scheinen jedoch das "fremde" und das "weit entfernte" Volk identisch zu sein.

 

Das "Wasser" kann eine †berschwemmung meinen, bei der vielleicht (auch) Rom in Mitleidenschaft gezogen wird. Von einem Po-Hochwasser ist mšglicherweise auch in 2/94 die Rede. Oder das "Wasser" meint hier "†berschwemmung" im Ÿbertragenen Sinn: Katastrophe. Vgl. dazu das Bedeutungsspektrum des mittelfranzšsischen "dŽluge" (u. a. †berschwemmung, Katastrophe, Unheil, Massaker). In diesem Fall kšnnte das "Wasser" mit der erwŠhnten schweren Niederlage der Italiener identisch sein.

 

Eine weitere Mšglichkeit wŠre, das "Wasser" als Hinweis zur zeitlichen Einordnung zu verstehen. Zum Wasser bzw. den Wasserzeichen gehšren dabei die Tierkreiszeichen Krebs (Juni/Juli), Skorpion (Oktober/November) und Fische (Februar/MŠrz).

 

In der dritten Zeile von 2/54 ist von einer "Tochter ohne Hand" und einem sehr uneinen Besitztum die Rede. Wie in Anmerkung 3 ausgefŸhrt, ist hier meines Erachtens von einer machtlosen "Tochter" die Rede, der es deswegen an Macht fehlt, weil sie im Innern uneins ist. Ich vermute weiter, mit dieser "Tochter" ist Frankreich gemeint, da in 1/20 (wo ebenfalls vom "fremden Volk" und dessen Einmarsch in die Provence gesprochen wird) von innerfranzšsischen VerŠnderungen (Spaltungen?) und in 6/1 von einem neuen Kšnig die Rede ist.

 

Die vierte Zeile von 2/54 berichtet von einem gefangenen Oberhaupt und einem nicht geplŸnderten "TŸrschloss". Da man ein solches Schloss hšchstens aufbrechen aber nicht plŸndern kann, ist diese Stelle wohl sinnbildlich zu verstehen. Falls von VorgŠngen in Italien die Rede sein sollte, kšnnten damit der Papst und der Vatikan gemeint sein: Zu einem Schloss gehšrt bekanntlich ein SchlŸssel, ein Attribut der PŠpste, denen als Nachfolger Petri die SchlŸssel zum Himmel anvertraut sind und die auch im Wappen SchlŸssel tragen (besonders Nikolaus V., 1447-1455). Analog entsprŠche das Schloss dann wohl dem Vatikan.

 

Interessant wŠre in diesem Fall aber die Frage, weshalb der Pontifex Maximus zwar gefangen genommen, der Vatikan aber nicht geplŸndert wird. Begibt sich das Oberhaupt der Kirche vielleicht freiwillig in Gefangenschaft, unter der Bedingung, dass die Feinde auf die PlŸnderung des Vatikans verzichten? Oder wollen die Angreifer blo§ den Papst austauschen, die Kirchenorganisation aber intakt Ÿbernehmen um sie fŸr ihre Zwecke einzuspannen?

 

 

1/8

 

[1] Combien de foys prinse citŽ solaire1)

[2] Seras, changeant5) les loys4) barbares2) & vaines3).

[3] Ton mal sÕaproche: Plus6) seras tributaire

[4] La grand7) Hadrie8) reourira10) tes veines9).

 

[1] Wieviele Male [wirst du], Sonnenstadt1), eingenommen!

[2] [Und wieviele Male] werden sich die barbarischen2) und sinnlosen3) Gesetze4) abwechseln5).

[3] Dein UnglŸck nŠhert sich. In hšchstem Ma§e6) wirst [du] unterworfen sein.

[4] Die gro§e7) "Hadrie"8) wird deine Venen9) retten10).

 

1) Von der "Sonnenstadt" (citŽ solaire) ist auch in 5/81/1 (5.31) die Rede. Die Sonne steht bei Nostradamus fŸr das Christentum, das den Sonntag (lat. "dies Solis") feiert. Und das Zentrum, die Stadt des (katholischen) Christentums ist Rom. Vgl. dazu auch PRƒVOST, S. 204f. BRINDÕAMOUR, S. 58, sieht hier Rhodos gemeint, wo dem Sonnengott Helios der berŸhmte Koloss errichtet wurde. Rhodos war bis zur osmanischen Eroberung 1522/23 Sitz der Johanniter (heute Malteser). CLƒBERT, S. 61, erinnert daran, dass "citŽ solaire" die †bersetzung von Heliopolis ist, eines Namens, den in der Antike mehrere StŠdte trugen. Dazu gehšrte das alte Heliopolis nordšstlich von Kairo, von wo der Obelisk stammt, der seit 1586 auf dem Petersplatz in Rom steht (zur Zeit des Nostradamus befand er sich noch neben dem Petersdom). Das heutige Baalbek im šstlichen Libanon hie§ ebenfalls Heliopolis. CLƒBERT, S. 61, zitiert weiter eine Stelle aus NostradamusÕ Vorwort an Kšnig Heinrich II., wo unser Seher in einem Satz von der Sonnenstadt, Malta und den Stoechaden spricht: "& vsurperont les Martiaulx ce que sera retournŽ de la citŽ du Soleil de Melite, & des isles Stechades" (Und die zum Mars Gehšrigen werden sich aneignen, was zurŸckgekehrt sein wird aus der Sonnenstadt, aus Malta und von den Stoechaden.) CLƒBERT versteht die Stelle "de la citŽ du Soleil de Melite" dabei als "aus der Sonnenstadt auf Malta".

2) Nach antikem VerstŠndnis sind "Barbaren" Nichtgriechen bzw. Nichtršmer. Nostradamus meint damit allem Anschein nach Orientalen, besonders Nichtchristen (namentlich Muslime). Dabei schwingt sicher auch ein abwertender Gedanke mit, vgl. CLƒBERT, S. 784. Doch hinter der Wortwahl unseres Sehers stehen wohl auch rein sprachliche GrŸnde, etwa die Anspielung auf die Barbareskenstaaten, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert zwischen Marokko und €gypten existierten. Oder das Anagramm "barbare"-"arabe" (Barbar-Araber), das allerdings etwa auch Muslime anderer Ethnien umfassen dŸrfte. In den Zenturien tauchen "Barbaren" etliche Male auf. Die orientalische Spur scheint mir dabei v. a. in folgenden Strophen sichtbar zu sein: 5/13 (5.47), 5/78 (5.23), 5/80 (5.187), 6/21 (5.16) und 9/60 (5.8).

3) Oder u. a. auch: "nutzlosen, leeren, eitlen". Die beiden 1557er-Ausgaben sowie die 1568er von Grasse und Stockholm schreiben hier fŠlschlicherweise "veines".

4) Bei Nostradamus kann "loi/loy" (Gesetz) auch "Lehre" meinen, vgl. griech. "nomos" (u. a. Gesetz, Brauch, Sitte, Satzung, Altes und Neues Testament).

5) Oder: "verŠndern".

6) Oder: "von nun an".

7) In allen Ausgaben von 1555, 1557 und 1568 steht hier "La grand". Im Mittelfranzšsischen kann dabei "grand" sowohl mŠnnlich wie weiblich sein, vgl. BRINDÕAMOUR, S. 57. Wenn "Hadrie" ein mŠnnlicher Akteur wŠre, mŸsste es allerdings "le grand" hei§en. Sollte "la grand" richtig sein, hŠtten wir eine Frau oder eine Macht vor uns.

8) "Hadrie" taucht wšrtlich in 1/8/4, 1/9/2, 3/11/4 und 10/38/3 auf. Unklar ist, ob der Begriff fŸr eine Person oder fŸr eine Macht, einen Staat steht. GemŠ§ 1/8/4 ist "Hadrie" wohl weiblichen Geschlechts, was meines Erachtens die Wahrscheinlichkeit fŸr eine Identifikation mit einer Macht erhšht. 3/11/4 spricht gar von "Hadries" Herrscher. Doch wo wŠre ein solcher Staat zu finden? Nicht unwahrscheinlich ist BRINDÕAMOURs Idee (S. 57), hier Venedig, die gro§e Adria-Macht zur Zeit des Nostradamus zu vermuten. In Italien finden wir aber zwei weitere StŠdte, die sprachlich gut zu "Hadrie" passen wŸrden. Zum einen die Stadt Adria (lat. "Hatria") in Venetien und das heutige Atri (lat. u. a. "Hadria/Hatria") nahe der zentralen italienischen AdriakŸste. Das venetische Adria war in der Antike wesentlich bedeutender als heute. So grŸndete etwa der syrakusische Tyrann Dionysios I. (405-367 v. Chr.) im etruskischen Adria eine Kolonie, um so seine Stellung im Adriatischen Meer zu stŠrken. Dionysios I. war ein Gegner Karthagos, gegen das er vier verlustreiche Kriege fŸhrte.

          Eine andere interessante Spur fŸhrt uns ins Mittelalter, zum real nicht existiert habenden Kšnigreich Adria. Dieses Kšnigreich wurde am 17.04.1379 von Gegenpapst Clemens VII. (1378-1394) dem Bruder des franzšsischen Kšnigs versprochen, wenn er helfen wŸrde, den rechtmŠ§igen Papst Urban VI. (1378-1389) militŠrisch aus Rom zu vertreiben. Doch die Truppen von Clemens VII. unterlagen wenige Tage spŠter, am 30.04.1379, jenen Urbans VI. bei Marino (Latium), was schlie§lich dazu fŸhrte, dass Clemens VII. Italien verlassen musste und sich in Avignon niederlie§. Ein Ereignis, das zum Gro§en AbendlŠndischen Schisma (bis 1417) fŸhrte. Das so verhinderte Kšnigreich Adria, dessen Herrscher Ludwig I. von Anjou (der Bruder des franzšsischen Kšnigs Karls V.) gewesen wŠre, hŠtte gro§e Gebiete im nordšstlichen Italien umfasst: so etwa die Marken von Ancona, die Romagna, das Herzogtum Spoleto, Massa, Trabaria sowie die StŠdte und Gebiete von Bologna, Ferrara (ca. 45 km sŸdwestlich von Adria), Ravenna, Perugia und Todi. Nostradamus kšnnte bei "Hadrie" also an einen - dieses Mal existierenden - nordostitalienischen Staat gedacht haben, der eng mit einem neuen "Clemens VII." verbŸndet ist. "Hadries" Herrscher (3/11/4) wŠre demzufolge ein neuer "Ludwig I. von Anjou". Dessen historisches Vorbild (1339-1384) war als Feldherr im HundertjŠhrigen Krieg aktiv. 1380-1382 regierte er zusammen mit seinen beiden BrŸdern anstelle Kšnig Karls VI. Frankreich. 1382 bis zu seinem Tod war Ludwig Graf der Provence sowie Titularkšnig von Neapel und Jerusalem. Nachdem ihn Clemens VII. in Avignon zum Kšnig von Neapel gekršnt hatte, zog Ludwig mit einem Heer nach Italien Richtung Neapel, verstarb aber 1384 in Bari an einer Epidemie.

          Am mittelitalienischen Atri ist dagegen v. a. der Umstand interessant, dass die Familie des ršmischen Kaisers Hadrian ursprŸnglich aus diesem Ort stammte. Publius Aelius Hadrianus (117-138) verzichtete auf die zuvor von Trajan eroberten Gebiete im Nahen Osten und schloss mit den Parthern einen Frieden ab. Er schlug den jŸdischen Aufstand unter Bar Kochba (132-135) blutig nieder, zerstšrte Jerusalem endgŸltig und vertrieb die Juden aus JudŠa.

          Oder Nostradamus hat vielmehr an einen der sechs PŠpste dieses Namens gedacht: Der Ršmer Hadrian I. (772-795) rief Karl den Gro§en gegen die Langobarden zu Hilfe. Hadrian II. (867-872) stammte aus dem Geschlecht der Colonna. Ebenso Hadrian III. (884-885). Hadrian IV. (1154-1159) war der bisher einzige EnglŠnder auf dem Stuhl Petri. WŠhrend seines Pontifikats begann der Konflikt zwischen den Staufern (Friedrich I. Barbarossa) und der Kurie. Allerdings erst nachdem beide die Kommune von Rom des HŠretikers Arnold von Brescia besiegt und so das Papsttum in seiner damaligen Form gerettet hatten. Hadrian V. war 1276 nur 38 Tage Pontifex. Der NiederlŠnder Hadrian VI. war von 1522-1523 Papst. Was ihn als mšgliches Vorbild interessant macht, ist v. a. der Vormarsch der Osmanen zu seiner Zeit. Diese eroberten 1522/23 Rhodos und vertrieben den Ritterorden der Johanniter von der Insel. Diese verlagerten ihren Hauptsitz zunŠchst nach Kreta und 1530 schlie§lich nach Malta.

9) Die beiden 1557er- und die 1568er-Ausgaben von Grasse und Stockholm schreiben hier "vaines" (vgl. lat. "vanitates" = u. a. Unwahrheiten, LŸgenhaftigkeiten), was vermutlich aber blo§ Druckfehler sind. Hier kšnnte Nostradamus "veines" im Sinne des lat. "venae" (u. a. Inneres, innerstes Wesen, Herz, Charakter) gemeint haben.

10) Die Ausgaben von 1555 und 1557 zeigen hier "reourira", ebenso einige 1568er. Jene 1568er aus Schaffhausen, Mejanes, Perugia und Arbau schreiben "recourira", die drei von Dresden, Paris und Gregorio "recouurira". Die Version "reourira" - als "reou[u]rira" gelesen - hie§e "wird wieder šffnen". "Recourira" hingegen bedeutet u. a. "wird auf etwas zurŸckgreifen; wird retten, helfen, befreien", "recouurira" u. a. "wird entschŠdigen, wird helfen". Da das Subjekt der vierten Zeile ("Hadrie") aber wohl der abendlŠndischen und nicht der angreifenden orientalischen SphŠre zuzuordnen sein dŸrfte, ist hier sinngemŠ§ wahrscheinlich "recourira" (wird retten) gemeint.

Rom wird einmal mehr militŠrisch erobert. Und dieses Mal von den AnhŠngern einer weiteren orientalischen Irrlehre, den Neopuniern. Die Ewige Stadt wird sehr unter der Fremdherrschaft leiden, aber die "Hadrie" wird Roms Herz , das Papsttum, retten.

 

In der ersten Zeile beklagt Nostradamus eine weitere Eroberung Roms. Die ewige Stadt wurde in der Geschichte schon einige Male militŠrisch eingenommen. So 387 v. Chr. von den Galliern, 410 n. Chr. von den Westgoten, 455 von Vandalen und Alanen oder 1527 von Sšldnern Karls V., unter denen sich auch viele lutherische Deutsche befanden.

 

Wer sich dieses Mal Roms bemŠchtigt, ist wohl der zweiten Zeile zu entnehmen. Unser Seher beklagt sich hier erneut. Doch jetzt Ÿber die aus katholischer Sicht unwahren ("sinnlosen") Lehren ("Gesetze") orientalischen ("barbarischen") Ursprungs, die im Laufe der Geschichte eine nach der anderen aufgetaucht sind bzw. in Zukunft noch auftauchen werden. Als historische Beispiele lassen sich hier u. a. etwa Zoroastrismus, ManichŠismus, Arianismus oder der Islam anfŸhren.

 

Das in 2/30 und 3/27 erwŠhnte neopunische Heidentum, das von Babylon zu den Ršmern kommen wird (2/30/4), dŸrfte Nostradamus wohl ebenfalls in die Reihe der orientalischen Irrlehren einordnen.

 

Laut Zeile drei wird sich der Ewigen Stadt das UnglŸck nŠhern und sie in einem noch nie gekannten Ma§ unterjochen: die Besetzung durch die Neopunier.

 

Doch gemŠ§ letzter Zeile wird die laut 3/11 bereits geschlagene "Hadrie" doch noch Roms Innerstes, Roms Herz ("Venen") retten. Damit mŸsste sinngemŠ§ das Zentrum der Kirche - die Kurie oder das Papsttum - gemeint sein.

 

Die Frage ist nur, wie "Hadrie" das Papsttum konkret retten wird. GemŠ§ 2/54 dŸrfte der Papst wohl gefangen werden. Kauft "Hadrie" ihn vielleicht frei oder tauscht sie ihn aus?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7/22

 

[1] Les citoyens1) de Mesopotamie2),

[2] YrŽs3) encontre amis4) de Tarraconne5),

[3] Ieux6), ritz7), banquetz, toute gent8) endormie9)

[4] Vicaire10) au Rosne, prins11) citŽ, ceux dÕAusone12).

 

[1] Die BŸrger1) von Mesopotamien2)

[2] [werden] wŸtend3) auf [die] Freunde4) von Tarragona5) sein.

[3] Spiele6), VergnŸgen7), Bankette, [das] ganze Volk8) [ist] eingeschlafen9).

[4] [Der] Stellvertreter10) [ist] an der Rhone. [Die] Stadt [ist] erobert11) [wie auch] diejenigen von Ausonien12).

 

1) Oder auch: "Landsleute, Stadtbewohner, nicht unter dem kanonischen Recht Stehende".

2) Das Zweistromland zwischen Eufrat und Tigris im Irak, Syrien und der SŸdtŸrkei.

3) In einigen Ausgaben wird hier das "Y" durch "I" und das "s" durch "z" ersetzt.

4) Das mittelfranzšsische "ami" bedeutet neben "Freund" u. a. auch "ParteigŠnger, VerbŸndeter, Landsmann".

5) Die 1568er-Ausgaben von Dresden, Paris und Gregorio schreiben hier "Tarragonne". Tarragona (lat. "Tarraco") ist eine Hafenstadt in Katalonien, Spanien. Die nach ihr benannte ršmische Provinz (Hispania) Tarraconensis umfasste den Norden und Osten der Iberischen Halbinsel.

6) Die beiden 1557er-Ausgaben schreiben hier "geux", eine orthografische Variante von "jeux". Die 1568er zeigen entweder "ieux" oder "jeux". "Gueux" wŠren Bettler oder Schlawiner.

7) In einigen 1568er-Ausgaben lesen wir auch "rits". "Ritz" bzw. "ritez" bedeutet "BrŠuche, GebrŠuche". Hier ist aber wohl eher "riz"/"ris" (GelŠchter, Freuden, VergnŸgen, SpŠ§e) gemeint, vgl. CLƒBERT, S. 807.

8) Auch im Sinne von Kriegsvolk, Truppen.

9) Oder auch: "geschwŠcht, trŠge".

10) Hier dŸrfte der Papst gemeint sein. Die PŠpste verstehen sich Seit Leo I. (440-461) als "Vicarii Christi" (Stellvertreter Christi). Auch die Bezeichnung "vicarius filii dei" (Stellvertreter des Sohnes Gottes) kšnnte Nostradamus gekannt haben, da diese in der sogenannten "Konstantinischen Schenkung" (Punkt Nr. 11)  auftaucht.

11) Hie§e es "prinse", wŠre die Stelle anders zu verstehen: "[Die] Stadt [ist] erobert, [von] denen aus Ausonien", vgl. CLƒBERT, S. 807.

12) "Ausonien" bezeichnet im engeren Sinne SŸd- und Mittelitalien, im weiteren aber auch die gesamte Apenninenhalbinsel bis zu den Alpen.

Rom ist gefallen, der Papst ist an der Rhone. Die Neopunier aus Mesopotamien werden wŸtend auf ihre ršmischen VerbŸndeten sein, die lieber Feiern und den Sieg genie§en als weiterzukŠmpfen.

 

In der ersten Zeile ist von den BŸrgern Mesopotamiens die Rede, also von Leuten aus dem Nahen Osten. Mesopotamien ist die Region, in der der neue "Nebukadnezar" sein neopunisches Heidentum begrŸnden wird. "Nebukadnezar" wird dabei seine Macht bis zu den Ršmern ausdehnen, vgl. 2/30.

 

Die Verbindung zu Italien finden wir in 7/22/4 ("Ausonien"). Doch die zweite Zeile scheint die Mesopotamier eher in Zusammenhang mit Spanien/Katalonien zu bringen. Nostradamus nennt dabei konkret "die Freunde Tarragonas", die den Zorn der Mesopotamier auf sich ziehen werden. Allerdings ist nicht gesagt, dass die Freunde dieser iberischen Stadt auch selber von der PyrenŠenhalbinsel stammen mŸssen. 218 v. Chr. eroberten die Ršmer den Ort und machten Tarragona zur Hauptstadt der Hispania Tarraconensis, die gro§e Teile der Iberischen Halbinsel umfasste. Die Stadt bildete fortan eines der Zentren der ršmischen Macht auf der Halbinsel. LIVIUS nennt Tarragona einmal sogar eine mit Rom verbŸndete und befreundete Stadt (28,42: "ad socios et amicos populi Romani Tarraconem"). Falls Nostradamus an diese Stelle gedacht hat, wŠren Tarragonas Freunde die Ršmer.

 

Zur Tibermetropole wŸrde auch die vierte Zeile passen. Falls mit dem "Stellvertreter" der Papst gemeint ist, vgl. Anmerkung 10, der sich an der Rhone befindet, wŠre zudem erneut der Bogen zum Neopunier-Thema, genauer zu 10/38 geschlagen. Dort erfahren wir nach meinem DafŸrhalten, dass der Papstsitz nach Saint-Maurice verlegt wird, das an der Rhone liegt. Mit Avignon war von 1309-1423 allerdings bereits einmal eine andere Rhonestadt Papstsitz.

 

In der vierten Zeile erfahren wir, dass die Stadt, wohl "die Urbs" (der Papstsitz Rom), erobert sein wird. Genauso wie die Menschen - bzw. deren Land - in Ausonien (v. a. Mittel- und SŸditalien). Das passt zum neopunischen Vormarsch, den wir etwa aus 2/54 und 1/8 kennen. 1/8 spricht dabei von der Eroberung Roms.

 

Von Angriffen auf bzw. Einnahmen Roms lesen wir bei Nostradamus auch an anderen Stellen. 5.36 berichtet vom Angriff eines "Albaner" HeerfŸhrers, allerdings ohne sichtbaren Bezug zu den Neopuniern. Von einer sehr blutigen Eroberung der Tiberstadt und der Verlegung der Kurie lesen wir in 5.63, aber auch hier werden die Neopunier wenigstens nicht namentlich erwŠhnt. In der Apokalypse taucht die Ewige Stadt ebenfalls als Opfer kriegerischer Gewalt auf (5.48: 1/11). Allerdings hat dieses Geschehen aus der biblischen Endzeit mit "Nebukadnezars" religišser Schšpfung chronologisch wohl nichts zu tun.

 

Interessanter sind in diesem Zusammenhang die VorgŠnge in 5.45 und 5.103. 5.103 handelt von einer franzšsischen Eroberung Roms und erwŠhnt gleichzeitig das "fremde Volk" (Araber), das auf Sizilien zu verhungern droht. Allerdings ist zur Zeit nicht zu entscheiden, ob das "fremde Volk" auf Sizilien noch in den unmittelbaren Zusammenhang mit dem neopunischen Vorsto§ nach Europa gehšrt. Es kšnnte z. B. auch so sein, dass die nordafrikanischen Araber nach der Niederlage der Neopunier trotzdem ihre Herrschaft Ÿber Sizilien behaupten kšnnen und spŠter in neue Konflikte verwickelt werden.

 

In 5.45 erfahren wir, dass der "punische KnŸppel" Sardinien misshandelt (2/81). Und zwar zur der Zeit, wenn Rom erobert wird (4/80). Allerdings gibt es bei 5.45 noch etliche Unklarheiten, so dass jene Gruppe aus arbeitstechnischen GrŸnden hier noch ausgeklammert bleiben soll.

 

Laut 7/22/2 werden die Mesopotamier wŸtend auf die Ršmer sein. Doch was lassen sich die Ršmer zu Schulden kommen? Auf diese Frage kšnnte die dritte Zeile Auskunft geben. Nostradamus spricht von "Spielen", "VergnŸgen" und "Banketten" und davon, dass das ganze Volk oder Kriegsvolk (vgl. Anmerkung 8) "eingeschlafen" sein wird.

 

Doch warum sollte dies die Orientalen in Wut versetzen? Eine Mšglichkeit wŠre, dass diese Ršmer VerbŸndete der Mesopotamier sind, die in ihrer Stadt sitzen, sich mit dem Erreichten zufrieden geben, den bisherigen Erfolg feiern und den Kampf einstellen. Ganz im Gegensatz zu den Neopuniern, die den Krieg fortfŸhren wollen. In diesem Fall mŸsste man sich aber fragen, um welche Art von Ršmern es sich hierbei konkret handelt. Wohl kaum um Gefolgsleute des ršmische-katholischen Papstes, der ja an die Rhone ausgewichen ist.

 

Sollten wir es hier mit HŠretikern und Papstfeinden zu tun haben, vgl. 3/11, die im Bund mit den Neopuniern Rom Ÿbernehmen?

 

 

8/11

 

[1] Peuple1) infiny paroistra ˆ2) Vicence3)

[2] Sans force4) feu brusler la Basilique5)

[3] Pres de Lunage6) deffait grand de Valence7),

[4] Lors que Venise par more8) prendra pique9).

 

[1] Unendliches Volk1) wird in2) Vicenza3) erscheinen.

[2] Ohne Gewaltanwendung4) [wird] Feuer die Basilika5) verbrennen.

[3] In der NŠhe von "Lunage"6) [wird der] Gro§e von Valence7) geschlagen [werden],

[4] wenn Venedig wegen [des] Mauren8) in den Krieg eingreifen9) wird.

 

1) Auch im Sinne von "Kriegsvolk, Armee".

2) Oder: "bei".

3) Vicenza liegt etwa 60 km westlich von Venedig.

4) Oder: "Streitmacht, Truppe".

5) Mit dieser Basilika ist entweder eine Kirche in Vicenza gemeint oder die dortige Basilica Palladiana. Als Basilica Palladiana wird der ab 1549 von Andrea Palladio erneuerte Palazzo Communale (Palazzo della Ragione) bezeichnet, dessen Umbau allerdings erst 1614 abgeschlossen wurde. GemŠ§ PRƒVOST, S. 79, und CLƒBERT, S. 851, brannte der Palazzo della Ragione bereits einmal 1496 ohne Gewalteinwirkung ab.

6) Nach LEONI vielleicht Lunigiana, eine Region im Norden der Toskana zwischen Apennin und Ligurischem Meer. CLƒBERT, S. 851, sieht hier Lugano im schweizerischen Tessin gemeint ("Lugane", vgl. lombardisch "LŸgann"). In SŸdtirol gŠbe es als weitere Mšglichkeit San Lugano bzw. den San Lugano-Pass, etwa 25 km sŸdlich von Bozen.

7) Unklar. Hier kšnnte eines der franzšsischen Valence gemeint sein oder die spanische Stadt Valencia. Da in der ersten, zweiten und dritten Zeile von VorgŠngen in Italien die Rede ist, kommt allerdings auch eine italienische Lšsung in Betracht. Das piemontesische Valenza liegt in der westlichen Po-Ebene, wenige Kilometer nordšstlich von Alessandria. In der ersten HŠlfte des 16. Jahrhunderts wurde die Stadt mehrmals von Franzosen und Spaniern erobert, bis sie 1559 endgŸltig an letztere fiel. Es gŠbe im weiteren noch ein Valenzano in Apulien.

8) Oder: "morte" (die Tote). In den 1568er Ausgaben von Grasse, Stockholm, Chomarat, Lyon, Heidelberg und Arbau steht hier "more" (Maure, Araber, Muslim; Sumpf, Moor), in jenen von Schaffhausen, Mejanes, Perugia, Dresden, Paris und Gregorio "morte". 

9) Wšrtlich: "[die] Pike ergreifen" (Infanterist werden).

Die Araber werden Vicenza erreichen. Der AnfŸhrer der Franzosen wird geschlagen werden, wenn Venedig wegen der Araber - oder Mailands - in den Krieg eingreift.

 

In der ersten Zeile taucht das - arabisch-nordafrikanische - "unendliche Volk" auf, vgl. dazu 2/94/3 und 1/98. Es wird in oder bei Vicenza erscheinen, das rund 60 km westlich von Venedig liegt. Es dŸrfte dabei aus Mittelitalien kommen, wo es gemŠ§ 1/83 einen bedeutenden Sieg erringt.

 

Laut Zeile zwei wird in Vicenza die "Basilika" (wahrscheinlich die Basilica Palladiana, vgl. Anmerkung 5) ohne Gewalteinwirkung niederbrennen. Ein Ereignis, das sich schon einmal 1496 zugetragen hat, vgl. Anmerkung 5.

 

Doch wieso brennt hier die "Basilika" ab? Wird sie von der fliehenden Bevšlkerung angesteckt, um dem anrŸckenden Feind nur verbrannte Erde zu hinterlassen? Oder hat Nostradamus vielleicht einen Hinweis auf den Zeitpunkt geben wollen, wann dies geschehen wird (vielleicht in einem Jahr, dessen Jahreszahl ebenfalls mit 96 endet)?

 

In der vierten Zeile erfahren wir, dass Venedig nun in den Krieg eingreifen wird. Der Grund wird der "Maure", d. h. vielleicht der nordafrikanische Araber "Hannibal" sein (vgl. allerdings Anmerkung 8). Genauer wohl der Umstand, dass dieser der Lagunenstadt immmer nŠher kommt. Oder der "Maure" meint vielmehr einen neuen MailŠnder Ludovico Sforza, vgl. unten.

 

Mit der Verwendung des Begriffs "Maure" kšnnte Nostradamus den Leser auf eine falsche FŠhrte locken wollen. In 3/95/1 (5.58) spricht unser Seher vom "maurischen Gesetz", meint damit aber den Islam, den die nordafrikanischen Mauren nach Europa gebracht haben. Der neue "Hannibal" wird aufgrund seiner geografischen Herkunft zwar ebenfalls "Maure" sein, mit Muhammads Religion aber nichts zu tun haben, vgl. 3/27. Der Mann wird vielmehr dem neopunischen Heidentum zuzuordnen sein.

 

Eine andere Mšglichkeit wŠre, um im norditalienischen Kontext zu bleiben, den "Mauren" mit Ludovico Sforza zu identifizieren. Ludovico Sforza, der das Herzogtum Mailand 1494-1499 und 1500 beherrschte, trug den Beinamen "il Moro" bzw. auf Franzšsisch "le More" (der Maure). In der Schlacht von Fornovo (1495) besiegte Ludovico Sforza zusammen mit Venedig und Mantua die Franzosen, wurde aber schlie§lich fŸnf Jahre spŠter von letzteren besiegt und gefangen genommen. Sollte Venedig in 8/11 wieder im Bund mit Mailand die Franzosen besiegen? Ist vielleicht die Situation um Mailand - die Bedrohung der Stadt durch die Franzosen - und nicht der Vormarsch der Araber der Grund fŸr das Eingreifen der Lagunenstadt?

 

Noch einiges unklar ist in der dritten Zeile. Beim "Gro§en von Valence" kšnnte Nostradamus an Cesare Borgia (1475-1507) gedacht haben, der mit siebzehn Jahren Erzbischof des spanischen Valencias wurde und ab 1498 Herzog des franzšsischen Valence (Valentinois) war (vgl. auch PRƒVOST, S. 80). Als solcher war er ein Vasall des franzšsischen Kšnigs. Hier kšnnte unser Seher also einen franzšsischen Machthaber oder Feldherrn meinen, der  ebenfalls in Italien kŠmpfen und somit wohl die Franzosen aus 2/94/1 anfŸhren wŸrde. Doch der mutma§liche neue Borgia wird nahe "Lunage" (Lugano? San Lugano? Vgl. Anmerkung 6) geschlagen werden. Doch von wem? Von Venedig und Mailand, vgl. oben?

 

 

10/38

 

[1] Amour2) alegre1) non loing pose le siege3),

[2] Au sainct barbar4) seront les garnisons5),

[3] Vrsins6) Hadrie7) pour Gaulois8) feront plaige9),

[4] Pour peur rendus de lÕarmee aux Grisons10).

 

[1] [Die] lebhafte1) Liebe2) richtet nicht weit [davon] entfernt den Sitz3) ein.

[2] Beim "heiligen Barbaren"4) werden die Garnisonen5) sein.

[3] [Die] Orsini6) werden "Hadrie"7) wegen [des] Galliers8) [ein] Pfand9) abgeben.

[4] Aus Angst [werden sie] von der Armee den Grauen10) ausgeliefert. 

 

1) Auch: "munter, wohlauf, glŸcklich, liebenswert".

2) Neben der eigentlichen GefŸhlsregung gŠbe es noch den umtriebigen ršm. Liebesgott Amor, den Sohn von Mars und Venus, der hier in Betracht kŠme.

3) Oder auch: "Belagerung".

4) Nach antikem VerstŠndnis sind "Barbaren" Nichtgriechen bzw. Nichtršmer. Nostradamus meint damit allem Anschein nach Orientalen, besonders Nichtchristen (namentlich Muslime). Dabei schwingt sicher auch ein abwertender Gedanke mit, vgl. CLƒBERT, S. 784. Doch hinter der Wortwahl unseres Sehers stehen wohl auch rein sprachliche GrŸnde, etwa die Anspielung auf die Barbareskenstaaten, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert zwischen Marokko und €gypten existierten. Oder das Anagramm "barbare"-"arabe" (Barbar-Araber), das allerdings etwa auch Muslime anderer Ethnien umfassen dŸrfte. In den Zenturien tauchen "Barbaren" etliche Male auf. Die orientalische Spur scheint mir dabei v. a. in folgenden Strophen sichtbar zu sein: 5/13 (5.47), 5/78 (5.23), 5/80 (5.187), 6/21 (5.16) und 9/60 (5.8). Wenn wie in 10/38/2 der Barbar als "heilig" bezeichnet wird, mŸsste es sich aber um einen Christen handeln. Einer der bekanntesten Heiligen "barbarischer" Herkunft ist im Abendland wohl Mauritius aus Theben (€gypten). Der †berlieferung zufolge sollen Mauritius und die von ihm befehligte Legion gegen Ende des dritten Jahrhunderts im heutigen Saint-Maurice im schweizerischen Wallis auf Befehl des ršmischen Kaisers Maximian getštet worden sein, weil sie sich weigerten, Christen zu verfolgen. Im Hinblick auf die ErwŠhnung GraubŸndens in der vierten Zeile kšnnte aber auch Sankt Moritz gemeint sein, das in Namen und Wappen den heiligen Mauritius trŠgt.

5) "Garnison" bedeutet u. a. "Truppen, VorrŠte, Proviant, BŸrgschaft".

6) "Ursins" ist eine franzšsische Form des italienischen "Orsini", vgl. CLƒBERT, S. 1101. Die Orsini waren ein ršmisches Adelsgeschlecht, dem bis zur Zeit des Nostradamus zwei PŠpste entstammten (Cšlestin III., 1191-1198; Nikolaus III., 1277-1280) und das wŠhrend des Investiturstreits lange Zeit die Guelfen (Papstpartei) gegen die Ghibellinen (Kaiserpartei) anfŸhrte. Die Orsini standen im Mittelalter dem Franziskanerorden nahe, den sie protegierten (so Matteo Rosso Orsini, ca. 1178-1246; Nikolaus III., 1277-1280 und Matteo Rubeo Orsini, 1230-1305/06). Weiter waren die Orsini Gegner der Colonna. Aus ihrem Geschlecht stammten zahlreiche Adlige und KirchenfŸrsten, daneben aber auch SšldnerfŸhrer (Condottieri). Die Orsini stellten in Griechenland zwischen 1195-1395 die Pfalzgrafen von Kefalonia bzw. Despoten von Epirus, im 14. und 15. Jh. zeitweise die FŸrsten von Tarent, ab 1436 die Herzšge von Gravina (SŸditalien) und ab 1560 die Herzšge von Bracchiano (Latium). Das Geschlecht existiert in seiner Gravina-Linie bis heute.

7) "Hadrie" taucht wšrtlich in 1/8/4, 1/9/2, 3/11/4 und 10/38/3 auf. Unklar ist, ob der Begriff fŸr eine Person oder fŸr eine Macht, einen Staat steht. GemŠ§ 1/8/4 ist "Hadrie" wohl weiblichen Geschlechts, was meines Erachtens die Wahrscheinlichkeit fŸr eine Identifikation mit einer Macht erhšht. 3/11/4 spricht gar von "Hadries" Herrscher. Doch wo wŠre ein solcher Staat zu finden? Nicht unwahrscheinlich ist BRINDÕAMOURs Idee (S. 57), hier Venedig, die gro§e Adria-Macht zur Zeit des Nostradamus zu vermuten. In Italien finden wir aber zwei weitere StŠdte, die sprachlich gut zu "Hadrie" passen wŸrden. Zum einen die Stadt Adria (lat. "Hatria") in Venetien und das heutige Atri (lat. u. a. "Hadria/Hatria") nahe der zentralen italienischen AdriakŸste. Das venetische Adria war in der Antike wesentlich bedeutender als heute. So grŸndete etwa der syrakusische Tyrann Dionysios I. (405-367 v. Chr.) im etruskischen Adria eine Kolonie, um so seine Stellung im Adriatischen Meer zu stŠrken. Dionysios I. war ein Gegner Karthagos, gegen das er vier verlustreiche Kriege fŸhrte.

          Eine andere interessante Spur fŸhrt uns ins Mittelalter, zum real nicht existiert habenden Kšnigreich Adria. Dieses Kšnigreich wurde am 17.04.1379 von Gegenpapst Clemens VII. (1378-1394) dem Bruder des franzšsischen Kšnigs versprochen, wenn er helfen wŸrde, den rechtmŠ§igen Papst Urban VI. (1378-1389) militŠrisch aus Rom zu vertreiben. Doch die Truppen von Clemens VII. unterlagen wenige Tage spŠter, am 30.04.1379, jenen Urbans VI. bei Marino (Latium), was schlie§lich dazu fŸhrte, dass Clemens VII. Italien verlassen musste und sich in Avignon niederlie§. Ein Ereignis, das zum Gro§en AbendlŠndischen Schisma (bis 1417) fŸhrte. Das so verhinderte Kšnigreich Adria, dessen Herrscher Ludwig I. von Anjou (der Bruder des franzšsischen Kšnigs Karls V.) gewesen wŠre, hŠtte gro§e Gebiete im nordšstlichen Italien umfasst: so etwa die Marken von Ancona, die Romagna, das Herzogtum Spoleto, Massa, Trabaria sowie die StŠdte und Gebiete von Bologna, Ferrara (ca. 45 km sŸdwestlich von Adria), Ravenna, Perugia und Todi. Nostradamus kšnnte bei "Hadrie" also an einen - dieses Mal existierenden - nordostitalienischen Staat gedacht haben, der eng mit einem neuen "Clemens VII." verbŸndet ist. "Hadries" Herrscher (3/11/4) wŠre demzufolge ein neuer "Ludwig I. von Anjou". Dessen historisches Vorbild (1339-1384) war als Feldherr im HundertjŠhrigen Krieg aktiv. 1380-1382 regierte er zusammen mit seinen beiden BrŸdern anstelle Kšnig Karls VI. Frankreich. 1382 bis zu seinem Tod war Ludwig Graf der Provence sowie Titularkšnig von Neapel und Jerusalem. Nachdem ihn Clemens VII. in Avignon zum Kšnig von Neapel gekršnt hatte, zog Ludwig mit einem Heer nach Italien Richtung Neapel, verstarb aber 1384 in Bari an einer Epidemie.

          Am mittelitalienischen Atri ist dagegen v. a. der Umstand interessant, dass die Familie des ršmischen Kaisers Hadrian ursprŸnglich aus diesem Ort stammte. Publius Aelius Hadrianus (117-138) verzichtete auf die zuvor von Trajan eroberten Gebiete im Nahen Osten und schloss mit den Parthern einen Frieden ab. Er schlug den jŸdischen Aufstand unter Bar Kochba (132-135) blutig nieder, zerstšrte Jerusalem endgŸltig und vertrieb die Juden aus JudŠa.

          Oder Nostradamus hat vielmehr an einen der sechs PŠpste dieses Namens gedacht: Der Ršmer Hadrian I. (772-795) rief Karl den Gro§en gegen die Langobarden zu Hilfe. Hadrian II. (867-872) stammte aus dem Geschlecht der Colonna. Ebenso Hadrian III. (884-885). Hadrian IV. (1154-1159) war der bisher einzige EnglŠnder auf dem Stuhl Petri. WŠhrend seines Pontifikats begann der Konflikt zwischen den Staufern (Friedrich I. Barbarossa) und der Kurie. Allerdings erst nachdem beide die Kommune von Rom des HŠretikers Arnold von Brescia besiegt und so das Papsttum in seiner damaligen Form gerettet hatten. Hadrian V. war 1276 nur 38 Tage Pontifex. Der NiederlŠnder Hadrian VI. war von 1522-1523 Papst. Was ihn als mšgliches Vorbild interessant macht, ist v. a. der Vormarsch der Osmanen zu seiner Zeit. Diese eroberten 1522/23 Rhodos und vertrieben den Ritterorden der Johanniter von der Insel. Diese verlagerten ihren Hauptsitz zunŠchst nach Kreta und 1530 schlie§lich nach Malta.

8) Oder: "[der] Gallier".

9) Oder: "BŸrgschaft, Garantie".

10) Oder: "den GraubŸndnern". CLƒBERT, S. 1102, weist darauf hin, dass Sšldner aus GraubŸnden in gro§er Zahl in den Italienkriegen des 16. Jh. gekŠmpft haben. Mit den "Grauen" kšnnten hier aber die grau gewandeten Franziskaner gemeint sein, denen die Orsini verbunden waren.

Die Kirche errichtet ihren Sitz im Westschweizer Saint-Maurice. Der Ort wird belagert werden. "Hadrie" wird dort einen bedeutenden Franzosen in Geiselhaft halten. Um diesen zu befreien, werden die Orsini seinen Platz einnehmen. Aus Angst vor den Belagerern wird "Hadries" Armee die Orsini aber den "Grauen" (Franziskaner? GraubŸndner Sšldner?) ausliefern.

 

In der dritten Zeile ist wieder von "Hadrie" die Rede, jener mutma§lich nordostitalienischen Macht, die gemŠ§ 1/8/4 wohl das Papsttum, die Kurie retten wird. Das Subjekt sind hier allerdings die Orsini. Sie werden "Hadrie" ein Pfand fŸr einen Gallier abgeben. Somit mŸsste "Hadrie" wohl im "Besitz" dieses Franzosen sein. Vermutlich ist er "Hadries" Gefangener. Handelt es sich vielleicht um den Franzosen aus 3/27/2 und gleichzeitig den "Hahn" aus 5/14/4? Falls Nostradamus in 3/27/2 tatsŠchlich auch an Kšnig Franz I. (1515-1547) gedacht haben sollte, hŠtten wir eine Parallele vor uns. In der Schlacht von Pavia (1525) geriet Franz I. nŠmlich in habsburgische Gefangenschaft. Franz I., der mit dem Medici-Papst Clemens VII. (1523-1534) und Venedig verbŸndet war, wurde aber nicht befreit sondern musste im Frieden von Madrid (1526) den Habsburgern gro§e Gebiete in Italien zugestehen.

 

Wenn in 10/38/3 die Orsini fŸr den Franzosen bŸrgen, dŸrften beide auf derselben Seite stehen. Die Zeile kšnnte sogar dahingehend verstanden werden, dass mehrere Angehšrige aus dem Hause Orsini als Geiseln den Platz des Franzosen einnehmen, um diesen befreien zu kšnnen. "Hadrie" ist also jedenfalls ein Gegner des Franzosen und der Orsini.

 

In der vierten Zeile erfahren wir, dass "sie" - wohl die Orsini - dann aber aus Angst von "der Armee" den "Grauen" Ÿbergeben werden. SinngemŠ§ mŸsste es sich bei der Armee um "Hadries" Streitmacht handeln. Dass hier gesondert von der Armee die Rede ist, kšnnte als Hinweis darauf verstanden werden, dass es in "Hadries" Lager Meinungsverschiedenheiten Ÿber die Beurteilung der Lage gibt und die Truppe die Auslieferung auf eigene Initiative hin durchfŸhrt.

 

†bergeben werden die mutma§lichen Orsini-Geiseln aus Angst. Wenn eine Armee aus Angst handelt, muss wohl eine konkrete militŠrische Bedrohung vorliegen. Somit kšnnten die "Grauen" tatsŠchlich GraubŸndner Sšldnertruppen sein. Allerdings scheiden die Franziskaner etwa als den Orsini verbundene MittelsmŠnner ebenfalls nicht aus.

 

Von militŠrischen VerbŠnden ("Garnisonen") ist wohl auch in der zweiten Zeile die Rede. Oder von den vermuteten Orsini-Geiseln ("LeibbŸrgen", vgl. Anmerkung 5). Somit meinen die erwŠhnten Garnisonen wohl "Hadries" Armee und/oder die sie bedrohenden Truppen (GraubŸndner Sšldner?).

 

Wir erfahren, dass sich diese Garnisonen beim "heiligen Barbaren" befinden werden. Wie in Anmerkung vier erwŠhnt, vermute ich mit dem "heiligen Barbaren" den heiligen Mauritius (franz. "saint Maurice") gemeint. Allein in Frankreich gibt es Dutzende von Orten mit Namen "Saint-Maurice". Doch das Westschweizer Saint-Maurice an der Rhone ist das Ur-Saint-Maurice, der Ort des Martyriums und der Auffindung der Reliquien des Heiligen. Somit dŸrfte wohl am ehesten dieses gemeint sein.

 

In der ersten Zeile ist zu lesen, dass die "lebhafte Liebe" nicht weit davon - also Saint-Maurice - entfernt den Sitz oder die Belagerung (vgl. Anmerkung 3) errichten wird. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass die Abtei Saint-Maurice, die Ÿber dem Grab des Heiligen steht, ursprŸnglich nur nahe des eigentlichen Ortes lag. Heute ist die Abtei jedoch Teil des Gemeindegebietes.

 

Typisch fŸr Nostradamus ist wieder, dass unser Seher hier einen mehrdeutigen Begriff ("siege") gewŠhlt hat, mit dem ganz Unterschiedliches bezeichnet werden kann: Sitz und Belagerung. Falls letzteres gemeint ist, wiederholt die erste Zeile die Aussage der zweiten. Nostradamus bezeichnet die Belagerer - "Hadries" Gegner, unter denen sich vielleicht auch GraubŸndner Sšldner oder Franziskaner befinden kšnnten, vgl. oben - als "lebhafte Liebe". Doch passt diese Beschreibung auf jemanden, der eine militŠrische Belagerung aufbaut?

 

Hier kšnnte wieder ein Wortspiel vorliegen. Verstehen wir die "lebhafte Liebe" nicht als GefŸhl sondern als Person ("Liebe" = "Geliebte") wŸrde das griech. "phile" (u. a. Freundin, Geliebte, Ehefrau) dazu passen. Das Šhnlich geschriebene "phyle" hingegen bezeichnet neben einem Stamm u. a. auch eine Heeresabteilung ("Stammesaufgebot"). Man beachte in diesem Zusammenhang aber auch die Pluralform "phylai" (Heeresabteilungen) und das Wort "philia" (Liebe).

 

Ich vermute, hier ist (ebenfalls) vom Sitz einer Akteurin die Rede, die besser in den Liebeskontext der ersten Zeile passt - die Kirche. Ein Indiz in diese Richtung wŠre die Wahl eines Ortes, der fŸr das Christentum eine gro§e Bedeutung hat: das von mir vermutete Saint-Maurice.

 

Bekannterma§en wird die Kirche seit alters her als "sponsa Christi", als "Braut Christi" bezeichnet (vgl. dazu etwa Epheser 5,25-32 und Offenbarung 19,7f.). Es wŠre also durchaus nachvollziehbar, dass Nostradamus hier die Kirche als Christi Liebe bezeichnet. Die ErwŠhnung "Hadries", der die Kirche aus Rom rettet (vgl. 1/8/4), und der Orsini unterstŸtzen meines Erachtens die Verortung im kirchlichen Bereich. "Lebhaft" oder "wohlauf" ist diese Liebe dank "Hadries" Rettung.

 

Was die obige Strophe mit dem neopunischen Krieg in Italien verbindet, ist die ErwŠhnung "Hadries" und das inhaltlich passende Exil der Kirche in den Westschweizer Alpen. Doch bleiben Fragen. Etwa: Wie genau greift der Konflikt auf die Schweiz Ÿber? Wer ist der bedeutende franzšsische Gefangene? Vielleicht der neue "Cesare Borgia" aus 8/11/3? Wer sind die Belagerer der "Hadrie"-Truppen bzw. wer steckt hinter den Orsini und den "Grauen"? Vielleicht eine "Hannibal" dienende hŠretische Teilkirche im besetzten Rom, vgl. 3/11?

 

 

5/74

 

[1] De sang Troyẽ1) naistra3) cÏur2) Germanique

[2] Qui4) deuiendra en si haulte puissance

[3] Hors chassera5) gent estrange Arabique

[4] Tournant lÕEglise en pristine6) preemince

 

[1] Aus trojanischem Blut1) wird [das] germanische Herz2) stammen3),

[2] das4) eine Ÿberaus hohe Machtposition erreichen wird.

[3] [Es] wird [das] fremde arabische Volk hinaustreiben5)

[4] [und] die Kirche in [die] alte6) Ÿberragende Stellung zurŸckfŸhren.

 

1) Der Begriff "troien" bzw. "troyen" (trojanisch) taucht in 1/19/2, 2/61/2, 5/74/1, 5/87/3 und 6/52/3 auf. In 3/51/4 ist von "Troye" die Rede, womit aber wohl die franzšsische Stadt Troyes und nicht das antike Troja gemeint sein dŸrfte. 1/19/2, 2/61/2, 5/74/1 und 5/87/3 sprechen konkret vom "sang troien" (trojanischen Blut), 6/52/3 von einer "trojanischen Hoffnung". Das alte Troja lag in der heutigen NordwesttŸrkei. Als Nachkommen der Trojaner verstanden sich die Ršmer (Ÿber Aeneas) aber auch die Franzosen bzw. das franzšsische Kšnigsgeschlecht (Ÿber den sagenhaften Francus/Francion), vgl. GRUBER, S. 175. Darauf, dass bei Nostradamus mit dem "trojanischen Blut" die Franzosen oder genauer ein franzšsischer Herrscher gemeint ist, deutet 2/61/1f. hin, wo das Trojanerblut in unmittelbarem Zusammenhang mit einem Konflikt in Frankreich genannt wird.

2) "CÏur" bedeutet grundsŠtzlich "Herz". SinngemŠ§ muss hier jedoch vom deutschen Herrscher die Rede sein, vgl. GRUBER, S. 175-178 (siehe auch CLƒBERT, S. 651). Vielleicht hat Nostradamus hier mit "kardia" (griech. "Herz") einen versteckten Hinweis auf das spŠtlat. "cardinalis" geben wollen ("cardinalis germanicus" = der oberste, wichtigste Deutsche)? 
Noch wahrscheinlicher ist, dass unser Seher an die Astrologie gedacht hat, die im medizinisch-anatomischen Bereich das Herz dem Tierkreiszeichen Lšwe und der Sonne zuordnet. AGRIPPA VON NETTESHEIM, Buch 1, Kapitel 23, kšnnen wir entnehmen, was dem Herz-Planeten Sonne alles zugeordnet wird. Dort finden wir u. a. auch den "Kšnig der Tiere", den Lšwen, oder den "Kšnig der Všgel", den Adler, vgl. auch Ebd., Buch 2, Kapitel 14. Die Identifikation des "germanischen Herzens" mit dem deutschen Kšnig bzw. ršmisch-deutschen Kaiser passt also durchaus in den grš§eren Symbolkontext. Vgl. dazu 1/9/1.

          Eine andere Mšglichkeit wŠre, das "cÏur germanique" auf den "furor teutonicus" des ršmisch-deutschen Kaisers aus 5/13 zu beziehen, der mit "zŠhneknirschender Wut" Nordafrikaner vom Balkan vertreiben wird. Die Zeile wŠre dann aber wahrscheinlich als "Le sang Troyen naistra cÏur Germanique" zu lesen und mit "Das trojanische Blut wird germanischen Herzens (= mit teutonischer Raserei) erscheinen" zu Ÿbersetzen.

3) Vgl. lat. "nasci" (u. a. auch "entstammen, entspringen"). Das mittelfranzšsische "naistre" bedeutet neben "geboren werden" zudem "erscheinen".

4) In allen Ausgaben von 1557 und 1568 steht hier "quÕil" (so dass), mit Ausnahme der 1568er von Dresden, Paris und Gregorio die hier "qui" (das, welches) zeigen. LE PELLETIER, Band 2, S. 110, LEONI, S. 270, und GRUBER, S. 175, korrigieren hier ebenfalls zu "qui". SinngemŠ§ ist dieser Variante wohl der Vorzug zu geben.

5) In den 1568er-Ausgaben von Chomarat und Lyon fehlt bei "chassera" das "c".

6) Oder: "vergangen, vorangegangen, vorherig; anfŠnglich. Vgl. lat. "pristinus" (alt, ehemalig usw.).

Ein franzšsischer Bourbone wird deutscher Herrscher und Ÿberaus mŠchtig werden. Er wird die neopunischen Araber aus Europa vertreiben und der Kirche ihre alte Ÿberragende Stellung zurŸckgeben.

 

Die entscheidende Stelle fŸr die Zuordnung dieser Strophe dŸrfte in der dritten Zeile zu finden sein. Nostradamus spricht hier vom "fremden (arabischen) Volk". Diese Stelle schafft die Verbindung zum "fremden Volk" in 1/20, 1/83, 1/98, 2/54, 2/84, 3/38, 6/1, 7/39 und 8/10 und identifiziert es gleichzeitig.

 

Ebenfalls in der dritten Zeile erfahren wir, dass das "fremde arabische Volk" von jemandem "hinausgetrieben" werden wird. Und zwar vom Akteur, den Nostradamus in den beiden ersten Zeilen vorstellt.

 

Es wird sich dabei um einen deutschen Herrscher handeln, der aus dem franzšsischem Kšnigsgeschlecht der Bourbonen stammt. Dieser Bourbone wird eine Ÿberaus hohe Machtposition erringen.

 

Wenn wir dann noch in der vierten Zeile erfahren, dass dieser Herrscher die Kirche in die alte Ÿberragende Stellung zurŸckfŸhren, also fŸr sie Partei ergreifen wird, scheint die Identifizierung dieses Monarchen einfach zu sein: Man denkt unweigerlich an "CHYREN" oder allenfalls noch an "Herkules" (vgl. 5.23). Doch ordnet die entscheidende ErwŠhnung des "fremden arabischen Volkes" die Strophe dem Thema des "fremden Volkes" zu, vgl. oben.

 

Ordnen wir 5/74 dem Thema des neopunisch-arabischen Angriffs auf Europa zu, ist mit Blick etwa auf  5/13 klar, was mit dem fremden arabischen "Volk" gemeint ist: Nicht wie von mir einst vermutet orientalische Bevšlkerungsteile im Westen sondern eingedrungene orientalische Truppen.

 

Bleibt noch die Wiederherstellung der alten, Ÿberragenden Stellung der Kirche in der vierten Zeile. Bezieht man die Stelle auf die VorgŠnge, deren Zeitzeuge Nostradamus im 16. Jahrhundert war, kšnnte man hier etwa an eine Rekatholisierung Deutschlands denken. Doch mit Blick auf das "fremde arabische Volk" und die Zuordnung der Strophe zum Thema des neopunisch-arabischen Angriffs auf Europa mŸsste hier die RŸckkehr zum Zustand vor diesen Umtrieben gemeint sein.

 

 

 

 

 

5/13

 

[1] Par grand fureur le Roy Romain2) Belgique1)

[2] Vexer vouldra par phalange3) barbare4)

[3] Fureur grinsseant chassera gent6) lybique5)

[4] Despuis Pannons7) iusques Hercules la hare8).

 

[1] Mit gro§er Kampfeswut wird der belgische1) ršmische Kšnig2)

[2] mit [seinem] Heer3) den Barbaren4) heimsuchen wollen.

[3] [Mit] zŠhneknirschender Wut wird [er das] libysche5) Volk6) vertreiben,

[4] [und zwar] von [den] Pannoniern7) bis zur Schranke8) [des] Herkules.

 

1) Die ehemalige ršmische Provinz Gallia Belgica umfasste Belgien und gro§e Gebiete Nord- und Ostfrankreichs. Zur Zeit des Nostradamus gehšrte die alte Gallia Belgica zu gro§en Teilen zum Heiligen Ršmischen Reich Deutscher Nation. Von einem belgischen FŸrsten ist auch in 5.194 (6/83 - 4/81) die Rede.

2) Das alte Rom hatte sieben Kšnige, bevor der letzte gestŸrzt und die Republik begrŸndet wurde. Mit dem "Kšnig von Rom" ist hier aber wohl eher der Herrscher des ršmisch-deutschen Reiches gemeint, der zwar bereits gewŠhlter ršmisch-deutscher Kšnig aber noch nicht gesalbter Kaiser war. In der Epoche des Nostradamus wurde der Titel "ršmischer Kšnig" zur Bezeichnung des designierten Nachfolgers des Kaisers.

3) 
Eine Phalanx ("phalange") ist eine Schlachtanordnung, im Ÿbertragenen Sinne einfach ein Heer. Das griech. "phalagx" bedeutet ursprŸnglich "Baumstamm, StŸck Holz, runder Block" aber auch "Gelenk" und "Spinne".

4) Oder - falls "barbare" hier weiblich sein sollte - die barbarische Phalanx, das barbarische Heer. Nach antikem VerstŠndnis sind "Barbaren" Nichtgriechen bzw. Nichtršmer. Nostradamus meint damit allem Anschein nach Orientalen, besonders Nichtchristen (namentlich Muslime). Dabei schwingt sicher auch ein abwertender Gedanke mit, vgl. CLƒBERT, S. 784. Doch hinter der Wortwahl unseres Sehers stehen wohl auch rein sprachliche GrŸnde, etwa die Anspielung auf die Barbareskenstaaten, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert zwischen Marokko und €gypten existierten. Oder das Anagramm "barbare"-"arabe" (Barbar-Araber), das allerdings etwa auch Muslime anderer Ethnien umfassen dŸrfte. In den Zenturien tauchen "Barbaren" etliche Male auf. Die orientalische Spur scheint mir dabei v. a. in folgenden Strophen sichtbar zu sein: 5/13 (5.47), 5/78 (5.23), 5/80 (5.187), 6/21 (5.16) und 9/60 (5.8).

5) "Libysch" ist hier sinngemŠ§ wohl als "nordafrikanisch" zu verstehen. Vgl. griech. "Libye" (u. a. ganz Afrika, nordafrikanische KŸste) und lat. "Libya" (das ganze bekannte Afrika, nordafrikanische KŸste).

6) Auch im Sinne von Kriegsvolk, Truppen.

7) Pannonien bezeichnete in der Antike wechselnd gro§e Gebiete im norwestlichen Balkan und im heutigen Ungarn.

8) Lies wohl: "bare" (siehe unten). In allen Ausgaben von 1557 und 1568 lesen wir hier allerdings "hare". FŸr "hare" gŠbe es verschiedene Deutungsmšglichkeiten. LEONI, S. 252, sieht hier das lat. "ara" im Sinne von "Monument" und die "SŠulen des Herkules" gemeint - also den Felsen von Gibraltar und den Dschebel Musa in Marokko (alternativ den Monte Hacho bei Ceuta). "Hare" kšnnte aber ebenso das lat. "hara" (Stall, Schweinestall) meinen: Der mythologische Herkules hat nŠmlich den Stall des Augias, Kšnig von Elis gereinigt. In diesem Fall wŠre also die westlichste Peloponnes gemeint, die zudem nŠher am balkanischen Pannonien liegen wŸrde. PRƒVOST, S. 110, und CLƒBERT, S. 585, machen einen Druckfehler fŸr "bare" (u. a. Riegel, Barriere, Schranke) aus und sehen ebenfalls die "SŠulen des Herkules" gemeint. FŸr die Lšsung "bare" sprŠche, dass sich dieses Wort besser auf das "barbare" der zweiten Zeile reimen wŸrde.

Das ršmisch-deutsche Reich hat sich von seiner Niederlage gegen Frankreich (5/14) erholt. Der Bourbone auf dem ršmisch-deutschen Herrscherthron (5/74) wird "Hannibals" Nordafrikaner besiegen und aus SŸdeuropa vertreiben.

 

In der ersten Zeile wird ein ršmischer Kšnig belgischer Herkunft erwŠhnt. Damit dŸrfte ein Herrscher des ršmisch-deutschen Reiches gemeint sein, vgl. Anmerkung 2. Dazu passt auch die ErwŠhnung der gro§en Kampfeswut ("grand fureur"), was wohl als Hinweis auf den "furor teutonicus" zu verstehen ist.

 

Doch obwohl mit "teutonischer Angriffslust" ausgestattet, scheint dieser ršmisch-deutsche Herrscher eher aus dem franzšsischsprachigen Europa zu stammen - aus der alten Gallia Belgica (nordšstliches Frankreich, Belgien). Einem Gebiet, das zur Zeit des Nostradamus zu gro§en Teilen zum ršmisch-deutschen Reich gehšrt hat. Dieser Umstand passt zum franzšsischen Bourbonen aus 5/74. "CHYREN" scheidet als Kandidat dagegen aus, da dieser in Blois (in der alten Gallia Lugdunensis, in der Aremorica) geboren werden dŸrfte, vgl. 5.23: 8/38.

 

In der zweiten Zeile erfahren wir, dass dieser Herrscher militŠrisch gegen "den Barbaren" (die Orientalen) kŠmpfen wird.

 

Zeile drei spricht wieder vom Herrscher mit teutonischer Angriffslust bzw. "zŠhneknirschender (verbissener) Wut" - dem franzšsischen Herrscher des ršmisch-deutschen Reiches. Gleichzeitig erfahren wir, wer die Orientalen sind, die er vertreiben wird. Es handelt sich um die Nordafrikaner des neuen "Hannibal", vgl. 5/14.

 

In der letzten Zeile erfahren wir, aus welcher Region die Nordafrikaner vertrieben werden. Leider ist diese Angabe aber nicht ganz klar. Entweder aus dem ganzen sŸdlichen Europa von Pannonien bis Gibraltar (d. h. etwa auch aus Spanien und Italien) oder vielleicht nur von der Balkanhalbinsel zwischen Pannonien und Griechenland, vgl. Anmerkung 8.

 

 

3/38

 

[1] La gent1) Gauloise & nation estrange2)

[2] Outre les monts, morts prins & profligŽs3):

[3] Au mois contraire4) & proche de vendage

[4] Par les seigneurs5) en accord6) redigŽs.

 

[1] Das gallische Volk1) und [die] fremde Nation2)

[2] [werden] jenseits der Berge Tote, Gefangene [und] Niedergeschlagene3) [zu beklagen haben].

[3] Im gegenŸberliegenden4) Monat und nahe der Weinlese

[4] durch die Herren5), [die] im Abkommen6) zusammengefŸhrt [sein werden].

 

1) Auch im Sinne von "Kriegsvolk, Armee".

2) Die "fremde Nation" dŸrfte dem "fremden Volk" entsprechen, das die Araber meint. Vgl. 5/74/3, wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwŠhnt wird.

3) Lat. "profligare" (niederschlagen, ŸberwŠltigen).

4) Oder u. a. auch: "gegensŠtzlich, feindlich". In der dritten Zeile ist von zwei Zeitpunkten im Jahr die Rede, vgl. BRINDÕAMOUR, S. 385f. FŸr die Weinlese kommen die Monate September/Oktober in Frage. Mit einem "gegenŸberliegenden Monat" ist ein Monat gemeint, der im Jahreskreis 180 Grad oder sechs Monate gegenŸberliegt, hier also MŠrz/April.

5) "Seigneur" (saigneur) kann im Mittelfranzšsischen auch "Aderlasser, SchlŠchter" bedeuten.

6) Oder u. a. auch "Harmonie, Eintracht".

 

Die Franzosen und die neopunischen Araber werden beide in Italien Verluste erleiden. Verluste, die sie einem BŸndnis zweier Herren zu verdanken haben werden.

 

In der ersten Zeile wird eine "fremde Nation" erwŠhnt, die wohl mit dem "fremden Volk" aus 1/20, 1/83, 1/98, 2/54, 2/84, 3/38, 5/74, 6/1, 7/39 und 8/10 identisch sein dŸrfte. Es wird sich also um neopunische Araber handeln. Gleichzeitig werden die Franzosen ("gallisches Volk") genannt.

 

Beide Akteure scheinen gemŠ§ Zeile zwei "jenseits der Berge" Gefallene, Verwundete ("Niedergeschlagene"?) und Gefangene zu beklagen zu haben. Mit den Bergen sind dabei wohl entweder die PyrenŠen oder die Westalpen gemeint.

 

In Zusammenhang mit dem Neopunier-Thema sprechen die Strophen (4/4), 2/94, 2/84, 1/83, 1/8 und 8/11 sowie 2/32 meines Erachtens dafŸr, dass hier von Italien als Ort kriegerischer Auseinandersetzungen unter Beteiligung der Araber und der Franzosen die Rede ist. Mit den "Bergen" der zweiten Zeile dŸrften somit die Westalpen gemeint sein.

 

Die erwŠhnten Verluste kšnnten auf die direkte Konfrontation von Franzosen und Arabern zurŸckzufŸhren sein. Im zweiten Teil der Strophe werden jedoch zwei durch ein Abkommen verbundene "Herren" erwŠhnt, die der Grund fŸr die Veluste zu sein scheinen. Verluste, die einmal im FrŸhjahr (MŠrz/April) und einmal im Herbst (September/Oktober) zu verzeichnen sein werden.

 

BRINDÕAMOUR, S. 385, versteht die letzten beiden Zeilen dahingehend, das die beiden Herren die Franzosen und Araber im FrŸhjahr und Herbst in einem Abkommen zusammenfŸhren werden.

 

 

5/23

 

[1] Les deux contens1) seront vnis ensemble,

[2] Quant2) la pluspart ˆ Mars3) seront conioinct:

[3] Le grand dÕAffrique en effraieur & tremble:

[4] DVVMVIRAT4) par la classe5) desioinct.

 

[1] Die zwei Streitenden1) werden zusammen vereint sein,

[2] wenn2) der grš§te Teil mit Mars3) verbŸndet sein wird.

[3] Der Gro§e aus Afrika [ist] in Schrecken [versetzt] und zittert. 

[4] [Das] DUUMVIRAT4) [wird] durch die Flotte5) getrennt.

 

1) In der Utrechter Ausgabe von 1557 steht "contents", sonst finden wir in allen Ausgaben von 1557 und 1568 "contens". Das mittelfranzšsische "conten(t)s" kann als "die Zufriedenen" oder "die Streitenden, die KŠmpfenden" verstanden werden, vgl. dazu auch CLƒBERT, S. 594.

2) In den 1568ern von Arbau, Dresden, Paris und Gregorio ist hier zu "Quand" korrigiert. "Quant" hie§e u. a. auch: "betreffend, was ... angeht".

3) Hier ist wohl der Kriegsgott Mars bzw. der Krieg als solcher gemeint.

4) 1557 (Budapest/Moskau) hat hier "Duumuirat". Alle 1568er schreiben "DVVMVIRAT". Im alten Rom war ein Duumvirat eine Kommission oder ein Amt, das von zwei MŠnnern gleichzeitig besetzt wurde. Im weiteren Sinne meint der Begriff auch ein "ZweimŠnnerbŸndnis". 


5) Lat. "classis" (Flotte, Heer). In den 1568ern von Dresden, Paris und Gregorio steht hier "chasse" (Jagd).

Wenn der "grš§te Teil" (der LŠnder?) im Krieg stehen wird, bilden die Franzosen und die arabischen Neopunier eine Allianz. "Hannibal" gerŠt zunŠchst in die Defensive, doch die Neopunier (7/39) kšnnen ihre Gegner, das ršmisch-deutsche Herrscherduo, mit militŠrischer Gewalt trennen.

 

In der dritten Zeile wird ein "Gro§er aus Afrika" erwŠhnt. In den Zenturien taucht der Begriff "Afrika" vier Mal wšrtlich auf. In 5/11, 5/23, 5/48 und 5/69. 5/11 und 5/69 gehšren zu Konflikten zwischen der islamischen Welt und dem Abendland. Von einem "Gro§en" afrikanischer Herkunft lesen wir dort allerdings nichts. 5/48 gehšrt demgegenŸber zum Thema des neopunischen Angriffes auf den Westen. Und hier finden wir einen passenden Gro§en - den neuen "Hannibal". Ich vermute, dass dieser mit dem in 5/23/3 erwŠhnten bedeutenden (Nord-) Afrikaner identisch ist.

 

GemŠ§ Zeile drei wird also "Hannibal" vor Angst zittern. Das deutet darauf hin, dass er sich in der Defensive befindet. Damit wŸrde die Strophe zu 3/38 passen, wo wir erfahren, dass sowohl die Franzosen als auch die neopunischen Araber in Italien Verluste erleiden werden. ZufŸgen werden ihnen die Verluste dort zwei Herren, die in einem BŸndnis vereint sind.

 

Von einem Duumvirat, einem ZweierbŸndnis, lesen wir auch in Zeile 5/23/4. Doch wieso bedient sich Nostradamus hier ausgerechnet eines Begriffes aus dem ršmischen Staatswesen? Ist das vielleicht ein Hinweis auf das ršmisch-deutsche Reich? Auf das "Duumvirat" von ršmisch-deutschem Kaiser und ršmischem Kšnig, so wie es unser Seher in den Jahren 1531 bis 1558 gekannt hat (Karl V. und Ferdinand I.)?

 

Von einer Zweierallianz ist ebenfalls in 5/23/1 die Rede. Bei den beiden Partnern handelt es sich um zwei "Streitende". Somit ist es aber mindestens fraglich, ob sie gegeneinander streiten. Vermutlich ist die Stelle eher so zu verstehen, dass beide mit einer oder mehreren anderen MŠchten "streiten".

 

Ob die Allianz aus der ersten Zeile mit dem Duumvirat aus der vierten Zeile identisch ist, lŠsst sich aus 5/23 allein nicht entscheiden. Wir erfahren nur, dass der "grš§te Teil" (der LŠnder?) zu dieser Zeit mit Mars im Bund sein wird (5/23/2). Das lie§e sich etwa so verstehen, dass der "grš§te Teil" am Krieg beteiligt ist. Und klar ist auch, dass das Duumvirat durch eine Streitmacht getrennt werden wird (Zeile vier).

 

Sollte das Duumvirat (wie von mir angedacht) einem ršmisch-deutschen Herrscherduo entsprechen, mŸsste die es trennende Streitmacht entweder franzšsisch oder neopunisch-arabisch sein. Und das wŠre ein klarer Hinweis darauf, dass der zitternde "Hannibal" vielleicht kurzfristig in der Defensive aber noch lange nicht endgŸltig besiegt ist.

 

Dazu passen wŸrde der neopunisch-arabische Vorsto§ nach Frankreich, den wir in 7/39 finden.

 

 

7/39

 

[1] Le conducteur de lÕarmŽe Franoise,

[2] Cuidant1) perdre3) le principal phalange2):

[3] Par sus4) pauŽ5) de lÕauaigne6) & dÕardoise7),

[4] Soy parfondra10) par Gennes9) gent estrange8).

 

[1] Der AnfŸhrer der franzšsischen Armee

[2] glaubt1), das Hauptheer2) zu ruinieren3).

[3] Zudem4) [wird auf der] Stra§e5) des Rohres6) und des Schiefers7)

[4] [das] fremde Volk8) von Genua9) her eindringen10).

 

1) Oder auch: "versucht".

2) Eine Phalanx ist eine Schlachtordnung, im Ÿbertragenen Sinne einfach ein Heer. Das griech. "phalagx" bedeutet ursprŸnglich "Baumstamm, StŸck Holz, runder Block" aber auch "Gelenk" und "Spinne". Das mittelfranzšsische "principal" bedeutet zudem "fŸrstlich", so dass hier auch von einem "fŸrstlichen Heer" gesprochen werden kšnnte.

3) "Perdre" bedeutet im Mittelfranzšsischen neben "verlieren" u. a. auch "zerstšren, ruinieren".

4) Oder auch: "Oberhalb von ..., Ÿber der ...", was aber nur beschrŠnkt Sinn macht.

5) "PauŽ" bedeutet "gepflasterte Stra§e, šffentliche Stra§e, Stra§e". "Paue" hie§e "er pflastert".

6) In der 1557er-Ausgabe aus Budapest/Moskau steht hier fŠlschlicherweise "liuaigne". Das mittelfranzšsische "auaigne" bedeutet "Hafer". Nostradamus kšnnte aber eher an das lat. "avena" gedacht haben, das neben "Hafer" auch "Halm, Rohr" bedeutet. Und dies wŠre dann wohl als Anspielung auf den Ortsnamen Cannes zu verstehen, vgl. "canne" (= Rohr, Schilf, Ried). In Frankreich gibt es drei Orte dieses Namens: das bekannte Cannes an der šstlichen C™te dÕAzur, Cannes-et-Clairan rund 50 km sŸdwestlich von Laudun-lÕArdoise (vgl. Anmerkung 7) und Cannes-ƒcluse, das etwa 70 km sŸdšstlich von Paris liegt. Cannes am Mittelmeer ("La Canne") finden wir bei ESTIENNE auf S. 167 als Teil des Weges von Avignon nach Antibes, wo sich der Weg nach Nizza anschlie§t (Ebd., S. 168).

7) Mit diesem "Schiefer" ist vielleicht der sŸdfranzšsische Ort LÕArdoise an der Rhone gemeint (heute Laudun-lÕArdoise), etwa 20 km nordwestlich von Avignon. Bei ESTIENNE finden wir allerdings auf S. 162 einmal Schiefer erwŠhnt, der aus Ch‰teauroux-les-Alpes kommt. Ch‰teauroux-les-Alpes ist dabei Teil des in den franzšsischen Westalpen gelegenen Weges Embrun - Saint-CrŽpin - Ch‰teauroux-les-Alpes - Saint-ClŽment-sur-Durance - Brianon.

8) Mit dem "fremden Volk" dŸrften Araber gemeint sein. Vgl. 5/74/3, wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwŠhnt wird.

9) In Frankreich gibt es daneben noch eine Handvoll Orte namens Gennes, die aber allesamt nicht einmal in der NŠhe der Provence (vgl. Laudun-lÕArdoise) liegen und somit hier wohl eher ausscheiden.

10) In der Budapester/Moskauer Ausgabe von 1557 steht hier "profondra", in der Utrechter und allen 1568ern "parfondra". "(Soy) profonder" hei§t "eindringen", was besser in den Kontext passt (vgl. auch CLƒBERT, S. 824f.). Das mittelfranzšsische "parfondre" bedeutet "(einen Graben) graben" oder "etwas vollstŠndig schmelzen lassen". Sollte es hier tatsŠchlich "parfondra" hei§en, kšnnte Nostradamus vielleicht gemeint haben, dass das "fremde Volk" sich vollstŠndig "auflšsen", d. h. untergehen wird.

Der Kommandierende der franzšsischen Armee glaubt, das Hauptheer zu ruinieren. Die neopunischen Araber dringen von Genua her in die Provence ein.

 

In der vierten Zeile wird wieder das "fremde Volk", die neopunischen Araber, erwŠhnt. In 3/38 haben die Nordafrikaner und Franzosen in Italien noch Verluste erlitten. Doch jetzt stš§t das "fremde Volk" westwŠrts Ÿber Genua nach Frankreich, in die Provence vor. Dabei scheint es zunŠchst an der KŸste Ÿber Cannes und dann im Landesinneren auf dem Weg Richtung Avignon (vor Laudun-LÕArdoise gelegen) vorzusto§en. GemŠ§ ESTIENNEs ReisefŸhrer kšnnten die Stationen folgende sein: (S. 168:) Nizza - Saint-Laurent-du-Var - Villeneuve-Loubet - Antibes - (S. 167:) - "Sainct Victor" - Cannes - Mandeleu-la-Napoule - FrŽjus - Puget-sur-Argens - Le Muy (?) - Vidauban - Le Luc - "Briquelles" - Saint-Maximin-la-Sainte-Baume - Trets - "Sainct Eloy de Crau" - Tarascon - Avignon. Vgl. jedoch Anmerkung 7 zum Schiefer.

 

In der ersten HŠlfte des Vierzeilers geht es um den Kommandierenden der franzšsischen Armee. Er scheint zu glauben, den Hauptharst eines Heeres zu ruinieren. Doch welchen Heeres? Seines eigenen oder eines feindlichen? Und wer wŠren diese Feinde? In Italien waren die Neopunier und die Franzosen noch VerbŸndete. Doch gilt das immer noch? In 2/54 ist von einem gespaltenen Frankreich die Rede. Falls diese Spaltung einen Einfluss auf das VerhŠltnis zu den Neopuniern hat, kšnnten die Franzosen und die Invasoren aus 7/39 sowohl VerbŸndete wie auch Gegner sein.

 

 

 

1/20

 

[1] Tours, Orle‹s, Bloys, Angiers, Re”s, & n‹tes1)

[2] CitŽs vexŽes2) par subit changement:

[3] Par langues estr‹ges3) seront tendues tentes

[4] Fluues, dardsRenes4), terre & mer trblemt.

 

[1] Tours, OrlŽans, Blois, Angers, Reims und Nantes1)

[2] [sind] StŠdte, [die] durch [die] plštzliche VerŠnderung in Mitleidenschaft gezogen2) [werden].

[3] Vom fremden Volk3) werden Zelte aufgeschlagen werden.

[4] FlŸsse, Sande4), Land und Meer: [ein] Erzittern!

 

1) Nantes liegt nahe der Loire-MŸndung. Folgt man dem Fluss landeinwŠrts folgen Angers, Tour, Blois und OrlŽans, die ebenfalls nahe oder an der Loire liegen. Nur Reims, die Kršnungsstadt der franzšsischen Kšnige, liegt im Nordosten des Landes.

2) Oder u. a. auch: "gequŠlt".

3) Das mittelfranzšsische "langue" bedeutet neben "Zunge, Sprache" auch "Volk, Nation". In allen Ausgaben von 1555 bis 1568 (bei Dresden nicht vorhanden) steht hier der Plural, also "fremde Všlker". BRINDÕAMOUR, S. 75, korrigiert aus reimtechnischen GrŸnden zu "langue estr‹ge" (fremdes Volk). Inhaltlich wŸrde diese Korrektur passen, da wir das "fremde Volk" aus einer Reihe anderer Vierzeiler kennen. Mit dem "fremden Volk" dŸrften Araber gemeint sein. Vgl. 5/74/3, wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwŠhnt wird.

4) Die Stelle "dardsRenes" (in allen vorliegenden 1555er- bis 1568er-Versionen Šhnlich) lie§e sich in "dards" (Stacheln, kurze Speere) und "Renes" (die Stadt Rennes) zerlegen. Das bretonische Rennes liegt etwa 100 km nšrdlich von Nantes. BRINDÕAMOUR, S. 75, sieht hier einen VerstŠndnisfehler beim Druck und korrigiert zu "dÕarenes". Das mittelfranzšsische "arene" bedeutet "Sand", womit etwa SandstrŠnde gemeint sein kšnnten. "Arenes" sind aber auch (ršmische) Arenen. In der Provence, die die Neopunier durchqueren werden, vgl. 7/39, finden wir solche antiken Bauwerke, sie ist also auch ein Land der Arenen. Bei ESTIENNE lesen wir zu Nizza (S. 168) den Vermerk: "Port de mer, uille antique,contŽ memorable des Arenes & Amphitheatre." Zu Arles (S. 165): "Voy dans la uille dÕArles les arenes, qui est amphitheatre antique: [...]". Zu N”mes (S. 171): "A Nymes uoy les Arenes dans la uille, qui estoit un amphitheatre, [...]".

StŠdte in der Loire-Region, die fŸr das Kšnigreich Frankreich wichtig war, sowie die Kršnungsstadt Reims werden durch eine plštzliche VerŠnderung in Mitleidenschaft gezogen. Die neopunischen Araber schlagen in der Provence ihre Zelte auf, und das Land wird erbeben.

 

In der dritten Zeile ist mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder vom bekannten "fremden Volk", d. h. den neopunischen Arabern die Rede. Wir erfahren, dass es Zelte aufschlagen wird.

 

Die Araber waren, wie viele Všlker, ursprŸnglich Nomaden. Und in der Vorstellungswelt des EuropŠers hat das Bild vom Araber im Beduinenzelt einen festen Platz. Somit ist es durchaus denkbar, dass Nostradamus hier auch einen stereotypen Hinweis auf die Herkunft des "fremden Volkes" hat einflie§en lassen.

 

Doch mit Blick auf die kriegerische Natur des "fremden Volkes" sind wohl eher militŠrische Kommando- und Mannschaftszelte gemeint.

 

Dazu passen wŸrde die vierte Zeile, wo eine offensichtlich am Meer liegende Region mit FlŸssen und SandflŠchen (oder Arenen) erzittern wird. Allerdings wŠre es auch denkbar, dieses Erzittern wšrtlich zu verstehen und als Erdbeben zu deuten, was dann wohl wiederum als Vorzeichen zu interpretieren wŠre.

 

Doch von welcher Gegend, welchem Land ist hier die Rede? Ich vermute  SŸdfrankreich gemeint, in das die Neopunier gemŠ§ 7/39 eindringen werden. DafŸr spricht meines Erachtens die mutma§liche ErwŠhnung ršmischer Arenen, von denen in der kleinen Provence gleich drei erhalten sind (Nizza, Arles, N”mes). Im 16. Jahrhundert waren diese Amphitheater allerdings durch spŠtere Bebauung usw. weniger imposant anzusehen als heute.

 

Zur franzšsischen Zuordnung wŸrde die erste HŠlfte der Strophe passen. In den ersten beiden Zeilen ist von Frankreich, vom Loire-Gebiet von Nantes bis OrlŽans sowie vom nordostfranzšsischen Reims die Rede. Beide RŠume werden durch eine "plštzliche VerŠnderung" in Mitleidenschaft gezogen werden. Um welche Art von "VerŠnderung" es sich dabei konkret handelt, ist nicht ersichtlich.

 

Interessant ist, dass wŠhrend des HundertjŠhrigen Krieges gegen England, genauer ab 1422 bis zur RŸckverlegung des kšniglichen Hofes nach Paris im Jahr 1528, die Loire-Region das politische Zentrum Frankreichs war. Begonnen hatte diese Entwicklung mit Karl VII., der in Bourges residierte. Reims seinerseits war die Kršnungsstadt der franzšsischen Kšnige, wo sich Karl VII. auch 1429 kršnen lie§.

 

Dass Nostradamus hier ausgerechnet das Loire-Tal und Reims fŸr diese "plštzliche VerŠnderung" ausgesucht hat, kšnnte als Hinweis darauf verstanden werden, dass es zu einem Wechsel auf dem Thron kommt. Und zwar zu einer Zeit, in der Frankreich - wie im HundertjŠhrigen Krieg - in einem Krieg und BŸrgerkrieg steckt.

 

Dazu passen wŸrde 2/54/1, wo wie in 1/20/3 ebenfalls vom "fremden Volk" die Rede ist und wo beschrieben sein kšnnte, dass Frankreich im Innern geteilt und deswegen machtlos ist. Doch 2/54 dŸrfte eine Spaltung meinen, die schon dann vorhanden ist, wenn die Neopunier noch lange nicht daran denken, nach Frankreich zu marschieren. Vielleicht ist jene Spaltung somit auch ein lŠnger andauernder Zustand. In 1/20 ist demgegenŸber von einer plštzlichen VerŠnderung die Rede. Hier lohnt sich wohl ein Blick auf 6/1, wo das "fremde Volk" einem "neuen" Kšnig zu Hilfe eilt, der in der Defensive ist. Mit dem abrupten Wechsel in 1/20 kšnnte die Thronbesteigung dieses neuen Monarchen gemeint sein. Eines Monarchen, der Unheil bringt, vgl. 1/20/2.

 

 

6/1

 

[1] AVtour1) des monts Pyrenees gr‹s amas2)

[2] De gent estr‹ge3), secourir roy nouueau:

[3] Pres de Garonne du grand tẽple du Mas4),

[4] Vn Romain chef5) le6) caindra7) dedans lÕeau.

 

[1] Bei1) den pyrenŠischen Bergen [wird die] gro§e Armee2)

[2] des fremden Volkes3) [stehen,] um [dem] neuen Kšnig zu helfen.

[3] Nahe der Garonne [und] des gro§en Tempels von Le Mas-dÕAgenais4)

[4] wird ein ršmisches Oberhaupt5) ihn6) im Wasser umzingeln7).

 

1) Oder: "um ... herum".

2) Oder auch: "Menschenmenge, Versammlung von Menschen".

3) Mit dem "fremden Volk" dŸrften Araber gemeint sein. Vgl. 5/74/3, wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwŠhnt wird.

4) Ort in SŸdwestfrankreich an der Garonne, etwa 15 km sŸdšstlich von Marmande. Mit dem "gro§en Tempel" mŸsste die Kirche Saint-Vincent gemeint sein, die in ihrer jetzigen Form aus dem 11. Jahrhundert stammt. Diese Kirche trŠgt den Namen des MŠrtyrers Vinzenz von Agen, der im 3. oder 4. Jahrhundert starb, nachdem er einen heidnischen Sonnenkult gestšrt hatte. Seine Reliquien wurden bei Castrum Pompeiacum aufbewahrt, was frŸher mit Le Mas-dÕAgenais identifiziert wurde und diesen Ort zu einem Wallfahrtsziel machte. CLƒBERT, S. 679, schlŠgt hier Le Mas-d'Azil, etwa 20 km westlich von Pamiers vor, das eine Hochburg der Hugenotten war, aber nicht in der NŠhe der Garonne liegt.

5) Oder: "AnfŸhrer".

6) Entweder "ihn", den neuen Kšnig aus Zeile zwei oder "sie", die Armee (un amas) des "fremden Volkes".

7) In den beiden Ausgaben von 1557 steht hier "caindra", in jenen von 1568 "craindra". "Ceindra" hie§e "wird umgeben, wird umzingeln", "craindra" hingegen "wird fŸrchten".

Die gro§e Armee der neopunischen Araber wird in der NŠhe der PyrenŠen stehen, um einem neuen franzšsischen Kšnig zu helfen. Der neue Kšnig wird bei Le Mas-dÕAgenais von einem ršmischen-deutschen Machthaber eingekesselt sein.

 

In der zweiten Zeile ist wieder vom "fremden Volk", den neopunischen Arabern die Rede. Ihre gro§e Armee wird nahe der PyrenŠen stehen (erste Zeile), um dem neuen Kšnig zu helfen.

 

In 7/39 haben wir erfahren, dass das fremde Volk von Italien kommend Ÿber Genua nach SŸdfrankreich vorsto§en wird. Die Provence durchquerend (1/20) sind "Hannibals" Truppen somit offenbar nach Aquitanien, ins nšrdliche PyrenŠenvorland gelangt.

 

Die Neopunier wollen einem neuen Kšnig zu Hilfe eilen. Da wir uns in Frankreich befinden, wŠre es naheliegend, hier an einen franzšsischen Herrscher zu denken, doch scheidet etwa auch der Monarch des nahen Spaniens nicht všllig aus. Da aber Franzosen und Neopunier eine Allianz bilden (vgl. etwa 3/38 u. 5/23), ist hier wohl tatsŠchlich ein franzšsischer Kšnig gemeint.

 

Auch in der zweiten HŠlfte der Strophe ist von SŸdwestfrankreich die Rede. Vom Gebiet nahe der Garonne und dem Ort Le Mas-dÕAgenais (Zeile drei).

 

Leider kann Zeile vier unterschiedlich verstanden werden, schon aufgrund des Ÿberlieferten Textbestandes, vgl. Anmerkung 7. So kšnnte auch Ÿbersetzt werden: "wird ein ršmisches Oberhaupt [ihn/sie (vgl. Anmerkung 6)] im Wasser fŸrchten".

 

Klar ist nur, dass es ein "ršmisches Oberhaupt" geben wird. Doch wer kšnnte damit gemeint sein? Der Papst? Dazu passen wŸrde, neben der ErwŠhnung der Kirche Saint-Vincent (vgl. Anmerkung 4), das erwŠhnte Wasser, denn als Oberhaupt des Kirchenschiffes hŠlt sich der Pontifex ja auf solchem auf.

 

Sollte hier ein Papst gemeint sein, wŠre anstelle von "caindra" wohl eher "craindra" zu lesen.

 

Doch wie kŠme ein Kirchenoberhaupt in die sŸdwestfranzšsische Provinz? WŠre er vielleicht auf der Flucht?

 

Ich vermute, mit dem "ršmischen Oberhaupt" ist vielmehr ein Herrscher des ršmisch-deutschen Reiches gemeint, der u. a. Ÿber bedeutende militŠrische Machtmittel verfŸgt. Machtmittel, mit denen auch ein anderer Kšnig umzingelt ("caindra") und in eine derart schwierige Lage gebracht werden kann, dass dieser die Hilfe des "fremden Volkes" benštigt. Zum "ršmischen" Gegner der Araber vgl. 5/74 und 5/13.

 

Doch was bedeutet der Hinweis, dass die Umzingelung "im Wasser" stattfinden wird? Gibt es zeitgleich †berschwemmungen? Oder ist hier vielleicht eines der astrologischen Wasserzeichen gemeint? In diesem Fall kšnnte sich das Geschehen im Juni/Juli (Krebs), Oktober/November (Skorpion) oder Februar/MŠrz (Fische) zutragen.

 

 

8/10

 

[1] Puanteur1) grande sortira de Lausanne2),

[2] QuÕon ne scaura lÕorigine du fait3),

[3] Lon mettra hors toute la gent5) loingtaine4)

[4] Feu veu au ciel6), peuple estranger7) deffait.

 

[1] [Ein] gro§er Gestank1) wird aus Lausanne2) aufsteigen,

[2] so dass man den Ursprung der Sache3) nicht kennen wird.

[3] Man wird das ganze weit entfernte4) Volk5) vertreiben.

[4] Feuer [wird] am Himmel6) gesehen [und das] fremde Volk7) besiegt.

 

1) Wohl auch im Sinne von "etwas Ekelhaftes", vgl. lat. "foetor" (Gestank, Ekelhaftigkeit).

2) Neben dem schweizerischen Lausanne am Genfer See gŠbe es noch das franzšsische Lozanne (gleiche Aussprache), 16 km nordwestlich von Lyon. Aber beide Ortsnamen reimen sich nicht sonderlich gut auf "loingtaine". Lorraine (Lothringen) wŸrde etwa besser passen.

3) Oder: "Tat, Handlung".

4) Im Mittelfranzšsischen kann "loingtain" u. a. auch die Bedeutung von "fremd, fremdlŠndisch" annehmen, was mit Blick auf die vierte Zeile hier wohl gemeint sein dŸrfte. Die gleiche Formulierung findet sich auch in 2/54/1: "Par gent estr‹ge, & de Romains loingtaine".

5) Auch im Sinne von "Kriegsvolk, Truppen".

6) Feuer oder feurige Erscheinungen am Himmel gehšren zum klassischen Vorzeichenrepertoire. So finden wir auch bei Julius OBSEQUENS etliches Feuer am Himmel. Etwa in den Kapiteln 3 oder 11, wobei in letzterem eine "brennende Fackel" gesehen wird. Solche Fackeln finden wir auch in den Kapiteln 12, 24, 45, 51, 53, 68 und 71. In Kapitel 52 treffen wir auf eine Flamme aus dem Himmel, wŠhrenddem in 54 von einem Feuerball die Rede ist. Der Himmel brennt zudem in 14, 20 und 51. Mit dem "Feuer am Himmel" kšnnte Nostradamus aber auch an den astrologischen Bereich gedacht haben. In der Astrologie wird das Feuer der Sonne und dem Mars sowie den Sternzeichen Widder, Lšwe und SchŸtze zugeordnet. Hier kšnnte unser Seher also beispielsweise meinen, dass Krieg herrscht (bzw. Mars zu sehen ist) oder dass das "fremde Volk" zur Zeit des Widders (MŠrz/April), des Lšwen (Juli/August) oder des SchŸtzen (November/Dezember) besiegt sein wird.

7) Mit dem "fremden Volk" dŸrften Araber gemeint sein. Vgl. 5/74/3, wo das "fremde arabische Volk" ("gent estrange Arabique") erwŠhnt wird. "Peuple estranger" entspricht dabei "gent estrange".

Die neopunischen Araber sind besiegt und werden vertrieben. In Lausanne geschieht etwas Ekelhaftes, das den Ursprung einer Sache verschleiert.

 

Im zweiten Teil des Vierzeilers tauchen wieder die neopunischen Araber, das "fremde Volk" auf, vgl. Anmerkungen 4 und 7. Laut Zeile vier wird es besiegt sein. †ber den Sieger erfahren wir in dieser Strophe nichts. Doch mit Blick auf 5/13 und 5/74 dŸrfte es vom dort erwŠhnten Bourbonenspross auf dem ršmisch-deutschen Herrscherthron geschlagen werden.

 

GemŠ§ dritter Zeile wird man es (aus Europa) vertreiben. Eine inhaltliche Parallele zu 5/13/3 (Libyer) und 5/74/3 (fremdes arabisches Volk).

 

Zu diesem Zeitpunkt wird man am Himmel "Feuer" erblicken (Zeile vier), was hier vielleicht als Zeitangabe zu verstehen ist, vgl. dazu Anmerkung 6.

 

Dann, wenn die besiegten Neopunier vertrieben werden, wird im schweizerischen Lausanne (vgl. Anmerkung 2) etwas Ekelhaftes passieren, dessen Auswirkungen ("Gestank") den Ursprung einer Sache oder einer Tat verschleiern werden. Die Zeilen eins und zwei verbinden diese Strophe mit 6/90.

 

 

 

 

6/90

 

[1] LÕhonnissement puant abhominable

[2] Apres le faict1) sera felicitŽ2),

[3] Grand excusŽ, pour nÔestre fauorable3),

[4] QuՈ paix Neptune4) ne sera incitŽ5).

 

[1] Die Schande stinkt [zum Himmel und ist] abscheulich.

[2] Danach wird die Sache1) als segensreich betrachtet werden2).

[3] [Dem] Gro§en [wird] verziehen [werden], nicht dazu geneigt3) zu sein,

[4] dass Neptun4) nicht zum Frieden gedrŠngt5) werden wird.

 

1) Oder: "Tat, Handlung".

2) Das mittelfranzšsische "fŽliciter" bedeutet "glŸcklich machen" und "glŸcklich sein". Hier kšnnte unser Seher aber zudem die lateinische Wurzel dieses Verbs ("felix") im Auge gehabt haben. Das lat. "felix" bedeutet neben "glŸcklich" u. a. auch "glŸckbringend, gesegnet". Mit der "glŸcklich gemachten Sache" kšnnte also eine Sache gemeint sein, die im Nachhinein als Segnung aufgefasst werden wird, obwohl sie dies zunŠchst gar nicht ist oder nicht als solche wahrgenommen wird. Die Lesart "Nach der Tat wird [er/man] beglŸckwŸnscht [werden]", vgl. auch CLƒBERT, S. 773, scheint zu modern zu sein (vgl. DUBOIS/MITTERAND/DAUZAT, S. 294.)

3) Oder auch: "kein BefŸrworter zu sein", wenn man "fauorable" als Substantiv auffasst.

4) Neptun (griech. Poseidon) war der Gott des Meeres und wird wšrtlich in den Strophen 1/77, 2/59, 2/78, 3/1, 4/33 und 6/90 erwŠhnt, vgl. 5.50. Er beherrschte den weltumspannenden Ozean, den er mit seinem Dreizack aufrŸhrte und Ÿber den seine Rosse jagten. Sein Palast stand in den Tiefen der €gŠis. Er war ein Sohn des Saturn und Bruder des Jupiter. Das Pferd war ihm heilig. In diesem Zusammenhang interessant ist die Verwendung des Begriffes "honnissement" in 6/90/1: Das mittelfranzšsische "hennissement" bedeutet nŠmlich "das Wiehern".

          BRINDÕAMOUR, S. 273-280, sieht hier, mit Blick auf 2/59, den Baron de la Garde Antoine Escalin des Aimars, genannt Polin (1498?-1578) gemeint. Polin, den Nostradamus 1557 auch tatsŠchlich in einem Atemzug mit Neptun genannt hat (BRIND, AMOUR, S. 277), war u. a. franzšsischer Befehlshaber zur See und Botschafter in Konstantinopel. Allerdings gŠbe es im 16. Jh. auch noch andere Kommandanten, die Nostradamus im Sinn gehabt haben kšnnte. CLƒBERT, S. 290, verweist hier etwa auf den Genueser Andrea Doria (1466-1560).

5) Oder auch: "bewegt, angeregt".

Die Sache, deren Ursprung vom Ekelhaften aus Lausanne verschleiert werden wird, wird als segensreich betrachtet werden. Einem Gro§en wird verziehen werden, dass er sich nicht darum bemŸht, dass "Neptun" weiterhin auf dem Kriegspfad bleibt.

 

Zeilen eins und zwei knŸpfen an die erste HŠlfte der Strophe 8/10 an. Die abscheuliche und zum Himmel stinkende Schande entspricht dabei dem aus Lausanne aufsteigenden "Gestank". Leider erfahren wir aber auch hier nicht, was damit konkret gemeint sein kšnnte.

 

Dank dieses "Gestankes" wird nachher eine Sache oder Tat als segensreich gewertet werden. Dies, weil der "Ÿble Geruch" deren Ursprung verschleiert, vgl. 8/10/2. Der "Gestank" kšnnte vielleicht mit "Neptun" zu tun haben, der in 6/90/4 erwŠhnt wird (vgl. Anmerkung 4, genauer das Wortpaar "honissement" - "henissement").

 

In der zweiten HŠlfte der Strophe 6/90 geht es um "Neptun", der auch in anderen Vierzeilern auftaucht (vgl. Anmerkung 4). Zudem wird ein "Gro§er" erwŠhnt, dem verziehen werden wird. Es scheint darum zu gehen, dass es eine Partei oder Allianz geben wird, die nicht will, dass "Neptun" Frieden schlie§t. Eine Partei oder Allianz, die vielleicht auf Friedensverhandlungen den ršmischen Meeresgott dazu drŠngen wird, den Krieg fortzufŸhren. Und vom "Gro§en" der dritten Zeile erwartet diese Partei, dass er sich ihr diesbezŸglich anschlie§t, was der "Gro§e" aber nicht tut. Dieses Fernbleiben wird dem "Gro§en" jedoch verziehen werden.

 

Sind mit den ekelhaften VorgŠngen in Lausanne vielleicht Friedensverhandlungen mit "Neptun" gemeint, bei denen Ÿble Machenschaften im Gange sein werden?  

 

 

 

 

 

1/98

 

[1] Le chef quÕaura conduit peuple1) infini

[2] Loing de son ciel, de meurs2) & l‹gue estrange3):

[3] Cinq mil en Crete & Thessale4) fini,5)

[4] Le chef fuiant sauuŽ en marine grange7).

 

[1] Das Oberhaupt, das unendliches Kriegsvolk1) angefŸhrt haben wird,

[2] [wird] weit [weg] von seinem Himmel, von [seinen] GebrŠuchen2) und [seinem] fremden Volk [sein]3).

[3] 5000 [sind] auf Kreta, und Thessalien4) [ist] erledigt.5)

[4] Das fliehende Oberhaupt [wird] in [einer]6) Meeresscheune7) gerettet [werden].

 

1) Auch im Sinne von "Kriegsvolk, Armee".

2) Mit Blick auf das griech. "ethos" vielleicht auch "Heimat".

3) Oder auch nur: "É [dem] fremden Volk". Das mittelfranzšsische "langue" bedeutet neben "Zunge, Sprache" auch "Volk, Nation".

4) Gebiet im nšrdlichen Griechenland. Thessalien ist im Franzšsischen weiblich ("Thessalie"), "Thessale" hier aber mŠnnlich. Somit wŠre es etwa auch denkbar, dass in 1/98/3 ein Mann aus Thessalien (vielleicht ein Machthaber oder Feldherr) gemeint ist. Aus Thessalien stammten etwa Achilles (Pelion) und Iason (Iolkos). In den beiden 1557er- und allen 1568er-Ausgaben steht Ÿbrigens "Thessalie".

5) Oder: "5000 auf Kreta und [in] Thessalien [sind] tot", wobei es dann "finis" statt "fini" hei§en mŸsste.

6) Die 1568er-Ausgaben von Paris, Dresden und Gregorio fŸgen zwischen "en" und "marine" ein "la" (die) ein.

7) Unklar, was hier gemeint ist. Eine "Meeresscheune" kšnnte z. B. ein Lastschiff sein. Eine andere Mšglichkeit wŠre, dass hier nicht "grange" sondern "range" bzw. "renge" (Reihe, Linie, Schlachtordnung) stehen sollte. Dann wŠre wohl einfach eine Flotte, ein "Meeresheer" gemeint (vgl. lat. "acies" und griech. "taxis"). Oder die Stelle ist so zu verstehen, dass das fliehende Oberhaupt sich in einer Lagerhalle am Meer, vielleicht in einem Hafen, vor seinen Verfolgern verstecken kann.

"Hannibal", das Oberhaupt der neopunischen Araber, ist weit von seiner Heimat entfernt. Auf Kreta sind 5000, und Thessalien ist gefallen. "Hannibal" muss fliehen und wird in einer "Meeresscheune" gerettet.

 

In der ersten Zeile ist von einem Oberhaupt oder AnfŸhrer die Rede, der "unendliches Kriegsvolk" (vgl. 2/94/3) angefŸhrt haben wird. In der zweiten Zeile erfahren wir, dass dieses Oberhaupt weit von seiner Heimat ("Himmel", "GebrŠuche") und seinem "fremden Volk" weg sein wird, vgl. Anmerkung 3. Es dŸrfte also wohl so sein, dass das "unendliche Volk" oder "Kriegsvolk" (vgl. Anmerkung 1) mit dem "fremden Volk" identisch ist bzw. zu letzterem gehšrt. In 5/74/3 ist vom "fremden arabischen Volk" ("gent estrange Arabique") die Rede, es besteht also eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass hier ebenfalls (neopunische) Araber gemeint sind.

 

Das Oberhaupt der ersten Zeile dŸrfte mit dem neuen "Hannibal" identisch sein, den wir bereits kennen. Sein historisches Vorbild wurde 195 v. Chr. von innenpolitischen Gegnern aus Karthago ins Exil getrieben. Im šstlichen Mittelmeerraum war er u. a. als Feldherr fŸr den Seleukidenherrscher Antiochos III. tŠtig, der mit Rom um die Herrschaft in Griechenland focht. Nach AntiochosÕ Niederlage musste Hannibal fliehen, hielt sich in verschiedenen hellenistischen Staaten der Region auf und beging 183 v. Chr. Selbstmord, um der Auslieferung an die Ršmer zu entgehen.

 

In 1/98/3 erfahren wir, dass auf Kreta "5000" - wohl: Mann - stehen und Thessalien besiegt oder gefallen sein wird. Vgl. allerdings Anmerkung 5. Die vierte Zeile spricht erneut von einem Oberhaupt, wahrscheinlich vom selben wie die ersten beiden Zeilen. Wir erfahren nun wohl, weshalb Nostradamus eingangs das Futurum II verwendet hat. Das Oberhaupt hat seine Funktion als AnfŸhrer des "unendlichen Volkes" verloren oder aufgegeben und muss fliehen. Doch wieso, von wo und wohin? Hat es vielleicht den Kampf um Thessalien verloren? Flieht es nach Kreta, wo vielleicht noch eine kleine Garnison seiner Truppen steht?

 

Anders als der historische Hannibal, wird der neue "Hannibal" hier in einer "Meeresscheune" gerettet und scheint - wenigstens vorerst - keinen Selbstmord zu begehen.

 

 

2/55

 

[1] Dans le conflit le grand qui peu valloyt1),

[2] A son dernier fera cas3) merueilleux2):

[3] Pendant quÕHadrie4) verra ce quÕil falloyt5),

[4] Dans le banquet7) pongnale6) lÕorguilleux8).

 

[1] Im Konflikt [wird] der Gro§e, der wenig taugte1),

[2] zu seinem Ende eine erstaunliche2) Sache3) machen.

[3] WŠhrend "Hadrie"4) sehen wird, was nštig war5),

[4] erdolcht6) [man] auf dem Bankett7) den KŸhnen8).

 

1) Oder: "wenig wert war".

2) Im guten wie im schlechten Sinne. "Merveilleux" kann im Mittelfranzšsischen neben "wunderbar" auch etwa "unheilvoll" bedeuten.

3) "Sache" im weitesten Sinne. Etwa auch: "Schlag, Verbrechen".

4) "Hadrie" taucht wšrtlich in 1/8/4, 1/9/2, 3/11/4 und 10/38/3 auf. Unklar ist, ob der Begriff fŸr eine Person oder fŸr eine Macht, einen Staat steht. GemŠ§ 1/8/4 ist "Hadrie" wohl weiblichen Geschlechts, was meines Erachtens die Wahrscheinlichkeit fŸr eine Identifikation mit einer Macht erhšht. 3/11/4 spricht gar von "Hadries" Herrscher. Doch wo wŠre ein solcher Staat zu finden? Nicht unwahrscheinlich ist BRINDÕAMOURs Idee (S. 57), hier Venedig, die gro§e Adria-Macht zur Zeit des Nostradamus zu vermuten. In Italien finden wir aber zwei weitere StŠdte, die sprachlich gut zu "Hadrie" passen wŸrden. Zum einen die Stadt Adria (lat. "Hatria") in Venetien und das heutige Atri (lat. u. a. "Hadria/Hatria") nahe der zentralen italienischen AdriakŸste. Das venetische Adria war in der Antike wesentlich bedeutender als heute. So grŸndete etwa der syrakusische Tyrann Dionysios I. (405-367 v. Chr.) im etruskischen Adria eine Kolonie, um so seine Stellung im Adriatischen Meer zu stŠrken. Dionysios I. war ein Gegner Karthagos, gegen das er vier verlustreiche Kriege fŸhrte.

          Eine andere interessante Spur fŸhrt uns ins Mittelalter, zum real nicht existiert habenden Kšnigreich Adria. Dieses Kšnigreich wurde am 17.04.1379 von Gegenpapst Clemens VII. (1378-1394) dem Bruder des franzšsischen Kšnigs versprochen, wenn er helfen wŸrde, den rechtmŠ§igen Papst Urban VI. (1378-1389) militŠrisch aus Rom zu vertreiben. Doch die Truppen von Clemens VII. unterlagen wenige Tage spŠter, am 30.04.1379, jenen Urbans VI. bei Marino (Latium), was schlie§lich dazu fŸhrte, dass Clemens VII. Italien verlassen musste und sich in Avignon niederlie§. Ein Ereignis, das zum Gro§en AbendlŠndischen Schisma (bis 1417) fŸhrte. Das so verhinderte Kšnigreich Adria, dessen Herrscher Ludwig I. von Anjou (der Bruder des franzšsischen Kšnigs Karls V.) gewesen wŠre, hŠtte gro§e Gebiete im nordšstlichen Italien umfasst: so etwa die Marken von Ancona, die Romagna, das Herzogtum Spoleto, Massa, Trabaria sowie die StŠdte und Gebiete von Bologna, Ferrara (ca. 45 km sŸdwestlich von Adria), Ravenna, Perugia und Todi. Nostradamus kšnnte bei "Hadrie" also an einen - dieses Mal existierenden - nordostitalienischen Staat gedacht haben, der eng mit einem neuen "Clemens VII." verbŸndet ist. "Hadries" Herrscher (3/11/4) wŠre demzufolge ein neuer "Ludwig I. von Anjou". Dessen historisches Vorbild (1339-1384) war als Feldherr im HundertjŠhrigen Krieg aktiv. 1380-1382 regierte er zusammen mit seinen beiden BrŸdern anstelle Kšnig Karls VI. Frankreich. 1382 bis zu seinem Tod war Ludwig Graf der Provence sowie Titularkšnig von Neapel und Jerusalem. Nachdem ihn Clemens VII. in Avignon zum Kšnig von Neapel gekršnt hatte, zog Ludwig mit einem Heer nach Italien Richtung Neapel, verstarb aber 1384 in Bari an einer Epidemie.

          Am mittelitalienischen Atri ist dagegen v. a. der Umstand interessant, dass die Familie des ršmischen Kaisers Hadrian ursprŸnglich aus diesem Ort stammte. Publius Aelius Hadrianus (117-138) verzichtete auf die zuvor von Trajan eroberten Gebiete im Nahen Osten und schloss mit den Parthern einen Frieden ab. Er schlug den jŸdischen Aufstand unter Bar Kochba (132-135) blutig nieder, zerstšrte Jerusalem endgŸltig und vertrieb die Juden aus JudŠa.

          Oder Nostradamus hat vielmehr an einen der sechs PŠpste dieses Namens gedacht: Der Ršmer Hadrian I. (772-795) rief Karl den Gro§en gegen die Langobarden zu Hilfe. Hadrian II. (867-872) stammte aus dem Geschlecht der Colonna. Ebenso Hadrian III. (884-885). Hadrian IV. (1154-1159) war der bisher einzige EnglŠnder auf dem Stuhl Petri. WŠhrend seines Pontifikats begann der Konflikt zwischen den Staufern (Friedrich I. Barbarossa) und der Kurie. Allerdings erst nachdem beide die Kommune von Rom des HŠretikers Arnold von Brescia besiegt und so das Papsttum in seiner damaligen Form gerettet hatten. Hadrian V. war 1276 nur 38 Tage Pontifex. Der NiederlŠnder Hadrian VI. war von 1522-1523 Papst. Was ihn als mšgliches Vorbild interessant macht, ist v. a. der Vormarsch der Osmanen zu seiner Zeit. Diese eroberten 1522/23 Rhodos und vertrieben den Ritterorden der Johanniter von der Insel. Diese verlagerten ihren Hauptsitz zunŠchst nach Kreta und 1530 schlie§lich nach Malta.

5) Oder vielleicht: "was zu Ende ging, was verschwand, was fehlte, was misslang" ("failloyt" statt "falloyt").

6) Ein "po(i)ngnale" ist ein Dolch, vgl. BRINDÕAMOUR, S. 269 und CLƒBERT, S. 284. Der Begriff wird hier offenbar als Verbform verwendet ("pongnaler" = erdolchen). Da allerdings nicht ersichtlich ist, welches das Subjekt ist, kšnnte die Zeile auch so verstanden werden, dass der "KŸhne" jemanden erdolcht.

7) Oder auch: "Sitzbank, Ladentisch, Handelskontor, HŠndlerwaage".

8) Auch: "Furchtlose; Stolze; Reiche, PrŠchtige".

Ein neuer "Belschazzar" (ein Nachfolger des neopunischen "Nebukadnedzars") tut gegen Ende eines Konflikts etwas Gewagtes. Seine Gegnerin "Hadrie" sieht die Notwendigkeit einer Sache ein. "Belschazzar" wird ermordet.

 

In der dritten Zeile wird wieder "Hadrie" erwŠhnt, was die Strophe dem Thema des neopunischen Angriffes auf Europa zuordnen dŸrfte. Das neopunische Heidentum wird dabei von einem neuen "Nebukadnezar" in Mesopotamien begrŸndet werden, vgl. 2/30. Dies verweist uns auf die Bibel, genauer auf das alttestamentarische Buch Daniel. Und bei Daniel finden wir auch eine Vorlage, zu der Strophe 2/55 recht gut passt. Es handelt sich dabei um das Gastmahl des Belschazzar (Belsazzar), das in Daniel 5,1-6,1 geschildert wird.

 

Belschazzar war ein Nachkomme (biblisch: "Sohn") Nebukadnezars II. und beherrschte von 552-543 v. Chr. Babylon als Regent. Er war der biologische Sohn Nabonids, des letzten Kšnigs des Neubabylonischen Reiches (555-539 v. Chr.). GemŠ§ Daniel wurde Belschazzar bei oder nach einem gro§en Festmahl ermordet:

 

Laut Daniel gab Belschazzar ein gro§es Gelage fŸr die fŸhrenden Kšpfe seines Reiches. Aus einer Weinlaune heraus lie§ er dabei die goldenen und silbernen GefŠ§e bringen, die Nebukadnezar aus dem Tempel in Jerusalem geraubt hatte, und verwendete sie als TrinkgefŠ§e. Zugleich wurde den heidnischen Gštzen Babylons gehuldigt. Da erschien eine geisterhafte Hand und schrieb etwas an eine wei§ getŸnchte Wand des Palastes. Niemand konnte die Schrift deuten, auch Belschazzars Wahrsager und Ratgeber nicht. Da lie§ er Daniel kommen, der als einziger den Text zu lesen verstand. Daniel sagte, Gott habe die geisterhafte Hand geschickt und diese Schrift schreiben lassen. Der Text laute "mene mene tekel u-parsin". "Mene" bedeute gezŠhlt, "tekel" gewogen und peres "geteilt". Und der Sinn der Worte sei: Gott habe die Tage von Belschazzars Herrschaft gezŠhlt und wŸrde sie jetzt beenden. Belschazzar sei auf der Waage gewogen und fŸr zu leicht befunden worden. Und sein Reich wŸrde geteilt werden - zwischen Medern und Persern. Trotz dieser dŸsteren Auslegung belohnte Belschazzar Daniel reich und erhob ihn zum dritten Mann im Staat. Allerdings wurde Belschazzar noch "in derselben Nacht" getštet.

 

Von einem Mord in Zusammenhang mit einem Bankett lesen wir bei Nostradamus in 2/55/4. Dort wird ein "KŸhner" erdolcht. Dieser neue "Belschazzar" kšnnte ein Sohn oder Nachfolger des neuen "Nebukadnezar" als Herrscher im nahšstlichen Babylon (Irak) sein. Der biblische Belschazzar kann wegen des Missbrauchs der TempelgefŠ§e aus Jerusalem als "kŸhn" bezeichnet werden. Doch was tut wohl sein nostradamisches Pendant, um diese Qualifizierung zu verdienen?

 

Wie im biblischen Bericht erfahren wir auch hier nicht, wer den Mord begeht. Doch in den ersten beiden Zeilen sind einige vage Informationen zum neuen "Belschazzar" enthalten.

 

Der "Gro§e, der wenig taugte" dŸrfte wieder der neue "Belschazzar" sein. Hier wird wahrscheinlich auf das biblische "Tekel: Gewogen [...] und zu leicht befunden" (Daniel 5,27) angespielt, vgl. dazu auch Anmerkung 1. Wir erfahren weiter, dass dieser Akteur ("Gro§er") am Ende der Auseinandersetzung etwas Erstaunliches tun wird. Doch was? Kšnnte diese erstaunliche Tat der Grund fŸr seine Ermordung sein? "ErkŸhnt" sich (vgl. oben) der neue "Belschazzar" vielleicht, Frieden zu schlie§en, was einigen Leuten in seiner Umgebung nicht passt und die ihn daraufhin aus Rache ermorden? Hat er sich zudem vielleicht wŠhrend des Konflikts als untauglicher AnfŸhrer erwiesen?

 

Noch etwas unklar ist Zeile drei. Die "Hadrie" dŸrfte dem neuen "Belschazzar" feindliche gesinnt sein, genau wie seinem VorlŠufer "Nebukadnezar". Laut Nostradamus wird sie "sehen" (d. h. wohl begreifen), was nštig sein wird. Und zwar dann, wenn "Belschazzar" ermordet wird. Soll das bedeuten, dass "Hadrie" als Auftraggeberin hinter dem Anschlag steht? Oder ist es vielleicht genau anders herum: "Hadrie" schlie§t mit "Belschazzar" Frieden, weil sie sieht, das es dazu keine Alternative gibt? Dann wŠre die Ermordung des "Belschazzar" ein Mittel, diesen Frieden zu verhindern, vgl. oben.

 

 

 

 

 

 

2/60

 

[1] La foy Punicque1) en Orient2) rompue

[2] Gang.4) Iud.3) & Rosne, Loyre, & Tag5) changeront,6)

[3] Quand du mulet7) la faim sera repue,

[4] Classe8) espargie9), sang & corps nageront.

 

[1] Der punische1) Glaube [wird] im Orient2) besiegt,

[2] [wenn sich der] ind[ische]3) Gang[es]4) und Rhone, Loire und Tajo5) verŠndern werden.6)

[3] Wenn der Hunger des Maultiers7) gestillt sein wird,

[4] [wird] die Flotte8) zersprengt9) [sein], Blut und Kšrper werden [im Wasser] schwimmen.

 

1) Der Begriff "punisch" taucht wšrtlich in 1/9/1, 2/60/1, 2/78/2 und 2/81/3 auf. 8/27/3 kšnnte vielleicht von einem Phšnizier sprechen. Die semitischen Phšnizier (in Nordafrika Punier genannt) stammten aus dem Nahen Osten, von der libanesisch-syrischen KŸste. Sie grŸndeten etliche Kolonien, so u. a. auch Karthago beim heutigen Tunis. Sie verehrten Gottheiten wie Baal, Eschmun, Astarte oder Melkart. Auch Menschenopfer gehšrten zu ihrer Religion. Der bekannteste Punier ist zweifelsohne Hannibal, auf den bei Nostradamus die Strophen 2/30 und 3/93 (5.23) verweisen.

2) Oder einfach: "im Osten".

3) Analog zu den vier Exemplaren von 1555 und 1557 ("Iud.") schreiben die 1568er-Ausgaben  aus Mejanes und Perugia "Jud." GemŠ§ Vorlage (vgl. Anmerkung 6) mŸsste hier aber wohl "Ind." und somit "Ganges Indien" (indischer Ganges) gemeint sein. Bei "Iud./Jud." hŠtten wir wahrscheinlich "Iudaea/JudŽe" (JudŠa, Israel/PalŠstina) vor uns. In Frankreich gŠbe es allerdings noch den Fluss Indre, der im Zentralmassiv entspringt und westlich von Tours in die Loire mŸndet. Zudem existiert noch ein gleichnamiger Ort 8 km westlich von Nantes.

4) Die vier Ausgaben von 1555 und 1557 haben hier "Gang.", alle 1568er zeigen demgegenŸber "Grand". Das wohl richtigere "Gang." mŸsste gemŠ§ Vorlage den indischen Ganges meinen, vgl. Anmerkung 6. In Frankreich gŠbe es alternativ dazu aber noch den Ort Ganges am Fluss HŽrault, etwa 50 km nordwestlich von Montpellier.

5) "Tagus" ist der lat. Name fŸr den Tajo, der im nordšstlichen Zentralspanien entspringt und bei Lissabon als Tejo in den Atlantik mŸndet.

6) Die Vorlage fŸr diese Zeile stammt aus APIANUS/AMANTIUS, 1534, S. II., vgl. DE LUCA. Wir lesen dort folgenden Orakelspruch, der auf einem 1505 am portugiesischen Cabo de Roca ausgegrabenen ršmischen Steinblock gestanden haben soll:

 

          SIBILL.a) VATICINIUM OCCIDIISb) DECRETVM.

 

          VOLVENTUR SAXAc) LITERISd) ET ORDINE RECTIS

          CVM VIDEAS OCCIDENS ORIENTISf) OPESe).

          GANGES INDVSg) TAGVSh) ERIT MIRABILE VISV

          MERCES COMMVTABIT SVAS VTERQ.i) SIBI.

 

          SOLI AETERNO AC LVNAE DECRETVM.

 

          Eine sibyllinischea) Weissagung, bestimmt fŸr die Leute des

          Westensb).

 

          Es stŸrzen Steinblšckec) mit ordentlichen und geraden Inschriftend),

          wenn du, Westen, die ReichtŸmere) des Orientsf) siehst.

          Der indischeg) Ganges und der Tajoh) - das wird wunderbar

          anzusehen sein -,

          jeder von beideni) wird fŸr sich seine Waren austauschen.

 

          Der ewigen Sonne und dem Mond bestimmt.

 

a) Lies: "sibyllinum". Mšglich wŠre auch "Sibyllae" (der Sibylle).

b) Nach DE LUCA wahrscheinlich als "occiduis" (den Westlichen) zu lesen.

c) Neben "Fels, Stein" bedeutet "saxum" u. a. auch "(Marmor-) Steinblock, Steinmauer".

d) Lies: "litteris" (u. a. mit Buchstaben, Schriften, Wissenschaften).

e) Oder: "StreitkrŠfte".

f) Oder: "Osten".

g) Die Stelle aufzŠhlend als "Ganges, Indus" zu lesen wŸrde wegen "uterque" bedingen, die beiden Stršme gemeinsam als Synonym fŸr den Orient und den Tagus als Synonym fŸr den Westen zu verstehen.

h) Lat. "Tagus" meint den Tajo (span.) bzw. den Tejo (portug.), der im nordšstlichen Zentralspanien entspringt und nahe Lissabon in den Atlantik mŸndet.

i) Lies: "uterque" (jeder von beiden).

 

Nostradamus greift in seinen Prophezeiungen in Prosaform (1554) bereits auf diese Quelle zurŸck. Er schreibt dort: "Grand merveille que Ganges, Indus & Tagus changeront leurs marchandises" (zitiert nach CLƒBERT, S. 291f.). Der Orakelspruch findet auch in einem lat. Vierzeiler auf S. 6 der von Nostradamus drei Jahre spŠter (1557) veršffentlichen "Paraphrase de C. Galen" ihren Widerhall, vgl. BRINDÕAMOUR, S. 281 und 277. Unser Seher kopiert dort die vier zentralen Zeilen und ersetzt nur "mirabile" (wunderbar) durch "mutabile" (wandelbar, verŠnderlich, launisch).

7) Der Begriff "mulet" (Maultier) taucht auch in 6/36/4 auf. Im Mittelfranzšsischen kann mit einem Maultier das Produkt eines Pferdehengstes mit einer Eselin (lat. "hinnus") oder eines Esels mit einer Pferdestute (lat. "mulus") gemeint sein. CLƒBERT, S. 292, verweist das Maultier betreffend auf eine Prophezeiung des Orakels von Delphi, gerichtet an den lydischen Kšnig Kršsus (ca. 590-541 v. Chr.). Wir finden diese Vorhersage bei HERODOT, Historien 1,55. Dort wird Kršsus geraten, dass wenn ein Maultier Kšnig der Meder sein wird, er beim Fluss Hermos (heute der tŸrkische Gediz) die Flucht ergreifen soll. HERODOT verwendet dabei den Begriff "hemionos", was Maulesel bzw. wšrtlich "Halbesel" bedeutet. Bei HERODOT ist damit der Perserkšnig Kyros II. gemeint, der einen persischen Vater und eine medische Mutter gehabt hat, also ein "Hybrid" war. Bei Nostradamus steht der Esel wohl fŸr einen Araber, vgl. 5.8: 9/60/3, Anmerk. 5 und 10/31/3, Anmerk. 5. Beim "Maultier" aus 2/60/3 kšnnte es sich somit um eine Person handeln, die zur HŠlfte arabischer Abstammung ist.

8) Lat. "classis" (Flotte, Heer).

9) "Espargir" ist wohl als Nebenform von "spargir" (u. a. verstreuen) zu verstehen, vgl. lat. "spargere". Mšglicherweise unter Einfluss des lat. "expergere" (u. a. zersprengen, zerstreuen).

Nach "Belschazzars" Tod wird das neopunische Babylon endgŸltig besiegt werden. Zu dieser Zeit werden sich FlŸsse in Frankreich, Iberien und vielleicht sogar Indien verŠndern. Besiegt werden die Neopunier im Orient von einem gro§en Herrscher wie Kyros II., der vielleicht arabischer Herkunft ist.

 

In der ersten Zeile ist vom "punischen Glauben" die Rede. Wir erfahren, dass er im Orient - also nicht etwa in Europa - (endgŸltig) besiegt werden wird, vgl unten. Mit dem "punischen Glauben" ist dabei wohl das neopunische Heidentum gemeint, das wir aus 2/30 und 1/8 kennen und das vom neuen "Nebukadnezar" in Mesopotamien begrŸndet werden wird.

 

Zur Zeit des Untergangs des neopunischen Heidentums werden sich verschiedene FlŸsse - oder auch die von ihnen durchflossenen Gebiete - "verŠndern", vgl. Zeile zwei. Woraus diese "VerŠnderungen" bestehen, ist hier nicht ersichtlich. Die FlŸsse kšnnten etwa Ÿber die Ufer treten oder im Gegenteil versiegen.

 

Von welchen FlŸssen oder Gebieten unser Seher spricht, ist leider nicht mit endgŸltiger Sicherheit zu sagen. Klar sind die ErwŠhnungen von Rhone, Loire und Tajo. Betrachten wir die Quelle dieser Zeile, mŸsste hier zusŠtzlich vom indischen Ganges, vielleicht auch vom Indus die Rede sein, vgl. Anmerkungen 3, 4 und 6. Der Textbefund von 1555 und 1557 und der Umstand, dass Indien eigentlich den Vorhersagebereich des Nostradamus verlŠsst, sprechen allerdings eher fŸr Israel/PalŠstina ("JudŠa") statt den Indus und den sŸdfranzšsischen Ort Ganges statt Indiens gro§en Strom.

 

Ebenfalls Unklarheiten gibt es in der zweiten HŠlfte der Strophe. In der vierten Zeile ist allem Anschein nach von der Niederlage einer Kriegsmacht zur See die Rede. Das wŸrde zur Niederlage der Neopunier passen, deren klassische Vorbilder tatsŠchlich eine der gro§en SeemŠchte der Antike waren.

 

In Zeile drei wird erwŠhnt, dass das Fiasko auf dem Meer sich dann zutragen wird, wenn der "Hunger des Maultiers" gestillt sein wird. Doch wer ist hier mit dem "Maultier" gemeint? Wie in Anmerkung 7 ausgefŸhrt, kšnnte Nostradamus bei diesem Bild an HERODOT und sein "Maultier" gedacht haben, das beim griechischen Vater der Geschichtsschreibung fŸr den persisch-medischen Mischling Kyros II. steht.

 

Blicken wir an dieser Stelle auf 2/55 zurŸck, wo wohl das alttestamentarische Gastmahl des Belschazzar Pate gestanden hat. In Daniel 5,28 erfahren wir, dass der biblische Prophet die Schrift "mene mene tekel u-parsin" u. a. so gedeutet hat, dass Belschazzars Herrschaft (552-543 v. Chr.) den Persern und Medern gegeben wird. 539 v. Chr. eroberte der erwŠhnte Perserkšnig Kyros II. Babylon. Und als Statthalter von Babylon - und somit Nachfolger von Belschazzar bzw. von dessen Vater Nabonid (555-539 v. Chr.) - setzte Kyros den Meder Darius ein (Daniel 6,1, vgl. dazu auch Daniel 6,29).

 

Wenn Nostradamus also von einem "hungrigen Maultier" spricht, kšnnte damit eine Macht oder ein Herrscher gemeint sein, der analog zum historischen Kyros II. das Reich des neuen "Belschazzars" erobert.

 

Es scheint sich um einen auf Expansion erpichten ("hungrigen") Machthaber zu handeln. †ber seine Herkunft erfahren wir hier nichts. Da bei Nostradamus aber der Esel fŸr einen Araber stehen kann, vgl. Anmerkung 7, kšnnte das "Maultier" jemand mit (teilweise) arabischem Blut sein. Dazu passen wŸrde die Information aus 2/60/1, dass der punische Glaube im Orient - der Heimat der Araber - besiegt werden wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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