5.99  Es tauchen religiöse Sekten auf, deren Lehre Nostradamus als "antike Phantasie" (Phantasterei) bezeichnet. Sie wenden sich gegen die Kirche, deren Priester und Ordensleute und rauben die Kirchenschätze. Der französische Herrscher wird diese Sekten erfolgreich bekämpfen. Die Sekten führen aber in anderen Ländern zu Verwirrung und in der Kirche zu Spaltungen. Eine Art Großinquisitor wird die Aufgabe haben, diese Sekten international zu bekämpfen. Dabei geht er mit Denunzianten vor. Der Großinquisitor wird bei den Franzosen nicht mehr viel zu tun haben, dafür aber beim Volk der "Felsen" (Sachsen?).
 

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2/12 - 1/45 - 1/96

2/12  

Yeux clos, ouuerts d’2) antique fantasie1)
L’habit des seulz3) seront mis à neant4),
Le grand monarque chastiera leur frenesie:
Rauir des temples5) le tresor par deuant

[Ihre] geschlossen Augen [werden], was die antike Phantasie1) betrifft2), offen [sein].
[Die mit dem] Ornat der Alleinstehenden3) werden vernichtet4) werden.
Der große Herrscher wird ihren Wahnsinn bestrafen.
[Doch] zuvor [wird man] den Schatz aus den Tempeln5) rauben.
1) Lies: "fantaisie", was sich auch besser auf das "frenesie" der dritten Zeile reimt. Das mittelfranzösische "fantaisie" bedeutet u. a. auch: "bizarre Idee, Schrulle, Hirngespinst", was hier wohl gemeint ist.
2) Das Mittelfranzösische "de" bedeutet u. a. auch "was ... betrifft". Ansonsten ließe sich die Zeile dahingehend verstehen, dass die "antike Phantasie" ihre Augen öffnen wird. In diesem Fall könnte man bei der "antiken Phantasie" vielleicht tatsächlich an Trancezustände oder antike Wahrsagepraktiken denken, vgl. BRIND’AMOUR, S. 210f. u. CLÉBERT, S. 224.
3) Oder vielleicht als "d’habit les seulz" (die Alleinstehenden mit Ornat) zu lesen. Mit diesen alleinstehenden Ornatsträgern sind wohl Geistliche oder Ordensleute gemeint.
4) Oder auch nur: "besiegt, herabgesetzt".
5) Damit sind hier Kirchen gemeint, vgl. lat. "templum" (u. a. Tempel, Kirche).












Anhänger einer religiösen "antiken Phantasie" wenden sich gegen die Kirche, deren Priester und Ordensleute, und rauben die Kirchenschätze. Der Herrscher Frankreichs wird diese "Phantasten" aber erfolgreich bekämpfen.

In der ersten Hälfte der Strophe ist von Leuten die Rede, die - sinnbildlich - sowohl verschlossene wie auch offene Augen haben werden. Offen werden sie sein für etwas, das Nostradamus abwertend "antike Phantasie" nennt (vgl. Anmerkung 1). Der Begriff "Phantasie" taucht ebenfalls in 1/96/2 auf, dort in Zusammenhang mit veränderten Tempeln (Kirchen) und Sekten. Die "antike Phantasie" gehört also in den religiösen Bereich. Dazu passen auch Zeile zwei und vier von 2/12.

Über die genaue Natur dieser "antiken Phantasie" erfahren wir hier nichts. Nostradamus war Zeitzeuge der Reformation, die sich zentral auf die antike Schrift (Bibel) bezogen hat ("sola scriptura"). Die unterschiedlichen Auslegungen der einen Schrift durch die verschiedenen Reformatoren könnte man vielleicht als fehlgeleitete "antike Phantasien" bezeichnen. Ich vermute hier allerdings vielmehr ein Aufflackern neuheidnischer Kulte, die sich auf ihre antiken Vorbilder beziehen, aber auch neue Elemente ("Phantasie") beinhalten werden.

In 2/12/2 erfahren wir, dass die unter dem Zölibat Lebenden (Priester und Ordensleute) herabgesetzt oder sogar vernichtet werden (vgl. Anmerkung 4). D. h. speziell die katholische Kirche wird sich im Fadenkreuz der "Phantasten" befinden. Somit ist wohl leicht zu erahnen, wofür die Augen in der ersten Zeile verschlossen sein werden: für die Lehre der Kirche bzw. das Licht des wahren Glaubens. Bleibt nur die Frage, wieso Nostradamus bei diesem Bild Augen und nicht Ohren bemüht (vgl. 1/96/4). Vielleicht deshalb, weil der Mensch die Augen selber öffnen und schließen kann, die Ohren aber höchstens mit Hilfsmitteln verstopfen?

Der vierten Zeile ist zu entnehmen, dass man - damit sind wohl ebenfalls die "Phantasten" gemeint - die katholischen Kirchen ihres Kirchenschatzes berauben wird. Man wird sich also auch ganz handfest auf Kosten der Kirche schadlos halten.

Doch in der dritte Zeile erfahren wir, dass das Treiben der "Phantasten" nicht ungestraft bleiben wird. Nostradamus spricht vom "großen Herrscher", der ihren Wahnsinn, die "antike Phantasie", bestrafen wird. Da nicht von einem sondern dem großen Herrscher die Rede ist, ist die Vermutung naheliegend, dass diesem "groß" hier eine tiefergehende Bedeutung zukommt. Wie etwa aus 5.23 zu ersehen ist, kann das Attribut "groß" bei Nostradamus gelegentlich auch für "französisch" stehen. Wir hätten hier somit einen Herrscher Frankreichs vor uns, der mutmaßlich in seinem Land die "Phantasten" bekämpfen wird.




1/45  

Secteur1) de sectes2) grand preme4) au delateur3):
Beste en theatre, dressé le ieu scenique5):
Du faict antique ennobli7) l’inuenteur6),
Par sectes monde confus & scismatique.

[Der] Schnitter1) der Sekten2) [wird] dem Denunzianten3) [eine] hohe Belohnung4)
[auszahlen].
[Das] Tier [ist] im Theater, das Bühnenspiel5) [wird] vorbereitet.
Wegen [der] antiken Tat [wird] der Urheber6) ausgezeichnet7).
Wegen Sekten [ist die] Welt [zu diesem Zeitpunkt] verworren und schismatisch.
1) Lat. "sector" (u. a. Abschneider, Schnitter). BRIND’AMOUR, S. 115, sieht hier das lat. "secutor" (Verfolger) gemeint, was ebenfalls denkbar wäre. "Secutor" war auch die Bezeichnung eines Gladiatortyps.
2) Das mittelfranzösische "secte" bezeichnet eine Gruppierung im weitesten Sinne, religiöser wie nichtreligiöser Natur.
3) Lat. "delator" (Denunziant, Angeber, Ankläger). In der römischen Antike gab es den berufsmäßigen Denunzianten, der mit den Belohnungen für das Zutragen von Informationen seinen Lebensunterhalt bestritt.
4) Lat. "praemium" (u. a. Belohnung, Gunst).
5) BRIND’AMOUR, S. 115, weist auf den Unterschied zwischen den "ludi scaenici" (Theateraufführungen) und den "ludi circenses" (Zirkusspiele) im alten Rom hin. Nostradamus scheint hier diese beiden Bereiche zu vermengen. Er lässt ein Tier, das - wie ein Gladiator, vgl. Anmerkung 1 - eigentlich in den Zirkus gehört, im Theater erscheinen. Im Theater, wo gerade eine Aufführung vorbereitet wird.
6) Oder u. a. auch: "Erfinder".
7) Oder auch: "geadelt".


Sekten führen in der Welt zu Verwirrung und in der Kirche zu Spaltungen. Mit Denunziantentum bekämpft eine Art Großinquisitor die Sekten und deren Anhänger.

In der vierten Zeile wird vorhergesagt, dass "Sekten" (siehe Anmerkung 2) die Welt in Verwirrung stürzen werden. Da Nostradamus zudem den Begriff "schismatisch" (kirchenspalterisch) verwendet, ist anzunehmen, dass die Sekten auch gerade innerhalb der Kirche ihre schädliche Wirkung entfalten können und es in dieser zu Spaltungen kommen wird.

Von Sekten ist auch in 1/96 die Rede. Und zwar in Zusammenhang mit der "Phantasie", die wir auch schon in 2/12 angetroffen haben. In 1/96 ist auch von jemandem die Rede, der die Aufgabe haben wird, die Sekten und die von der "Phantasie" veränderten Kirchen zu zerstören. Er dürfte es sein, der mit dem "Schnitter der Sekten" in 1/45/1 gemeint ist.

Nostradamus könnte hier von einem "Schnitter" sprechen, um an den Sensenmann ("la Grande Faucheuse") als Symbol für den Tod zu erinnern. Den Tod, den dieser Mann über die Sekten und ihre Anhänger bringen wird.

In der ersten Zeile wird beschrieben wie der "Sektenschnitter", vermutlich eine Art kirchlicher Großinquisitor (vgl. 1/96/1), vorgehen wird. Er arbeitet mit Denunzianten, denen er für ihr Wirken eine hohe Belohnung zukommen lässt.

Zeile zwei ist ein Rückgriff auf die Antike. Nostradamus spricht von einem "Bühnenspiel", bei dem ein Tier dabei sein wird. Hier dürfte unser Seher an die römischen Zirkusspiele erinnern, bei denen etwa Christen wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen wurden. In gleicher Weise dürfte der Sektenschnitter hier den Tod über die "Phantasten" bringen. Unklar ist allerdings, ob hinter der Vermischung von Theater (Bühnenspiel) und Zirkus ein tieferer Sinn steckt (vgl. Anmerkung 5). Das Theater könnte vielleicht für Schauprozesse stehen, deren Ausgang bereits zu Beginn feststeht, so dass das Tier praktisch schon im Gerichtssaal (auf der "Bühne") dabei ist.

In der dritten Zeile ist von einer "antiken Tat" und deren Urheber die Rede. Mit der "antiken Tat" könnte die Sektenverfolgung gemeint sein, die an die Christenverfolgungen der Römer erinnern wird (zweite Zeile). Der Urheber wäre in diesem Fall wohl mit dem Sektenschnitter identisch, der für sein Vorgehen ausgezeichnet wird. Oder die "antike Tat" bezieht sich auf das Wirken der Sekten aus der vierten Zeile. Dann wäre der Urheber oder "Erfinder" (vgl. Anmerkung 6) der "antiken Phantasie" derjenige, der - zunächst - Anerkennung erfährt.




1/96****  

Celui qu’aura la charge1) de destruire
Temples2), & sectes, changés par fantasie3),
Plus aux rochiers4) qu’aux viuãs viêdra nuire5)
Par langue6) ornée7) d’oreilles ressaisies8).

Der, der die Aufgabe1) haben wird,
[die] Sekten und [die] Tempel2), [die] durch Phantasie3) verändert wurden, [zu zerstören],
wird mehr zu den Felsen4) kommen, [um sie zu] zerstören5) als zu den Lebenden
im Volk6), [das] geschmückt7) [ist] mit wieder in Besitz genommenen8) Ohren.
1) Oder auch: "Last".
2) Damit sind hier Kirchen gemeint, vgl. lat. "templum" (u. a. Tempel, Kirche).
3) Lies: "fantaisie", das sich auf "ressaisies" der letzten Zeile reimt. Das mittelfranzösische "fantaisie" bedeutet u. a. auch: "bizarre Idee, Schrulle, Hirngespinst", was hier wohl gemeint ist.
4) Oder vielleicht auch: "Berg, Hügel" (nach "roche"). Wer oder was mit diesen "Felsen" gemeint ist, ist im Moment leider noch unklar. Falls Nostradamus an das lat. "saxa" (die Felsen) gedacht hat, könnte "Saxe" (Sachsen) gemeint sein. Nach hochmittelalterlichem Vorbild würde dieses "Sachsen" das heutige Niedersachsen, Bremen, Hamburg sowie Teile Nordrhein-Westfalens, Schleswig- Holsteins und Sachsen-Anhalts umfassen. Das Kurfürstentum Sachsen-Wittenberg aus der Zeit des Nostradamus umfasste hingegen das heutige Sachsen sowie Teile des südlichen Sachsen-Anhalts und Brandenburgs.
5) Oder: "[ihnen zu] schaden". Analog zu 1/87/3 sieht BRIND’AMOUR, S. 183, in "nuire aux rochiers" die Wendung "faire la guerre aux rochers" ("gegen Felsen Krieg führen", d. h. sich in vergeblichen Kämpfen aufreiben) gemeint.
6) "Langue" bedeutet im Mittelfranzösischen nicht nur "Zunge" sondern auch "Volk, Nation". Zur "Zunge" vgl. Anmerkung 8. Die Zeile könnte auch etwa folgendermaßen verstanden werden: "mit [der] Zunge, [die] geschmückt/versehen ist mit wieder in Besitz genommenen Ohren". Damit wäre dann wohl Ogmios (Herkules), ein französischer Machthaber gemeint, vgl. Anmerkung 8.
7) Oder auch: "ausgestattet, versehen".
8) In den beiden Ausgaben von 1555 steht hier "ressaisies" (wieder in Besitz genommene), ebenso in jenen von 1557. Da es sich bei "fantasie" in der zweiten Zeile wohl um einen Fehler handeln dürfte, gibt es meines Erachtens keinen trifftigen Grund, hier ein "ressasies" (befriedigt, gesättigt) zu vermuten (vgl. PRÉVOST, S. 78 u. CLÉBERT, S. 207f.). Zusammen mit BRIND’AMOUR, S. 182-188, sehen die beiden genannten Autoren hier Ogmios, den keltischen Herkules gemeint. Ogmios war extrem alt, hatte wenig Haare, eine brandschwarze Haut, trug ein ein Löwenfell und eine Keule in der rechten Hand. Zudem war er mit Pfeil und Bogen ausgestattet. Er zog eine große Masse von Männern nach sich, die an den Ohren aneinandergekettet waren. Diese Kette zog Ogmios mit der Zungenspitze, die er dazu eigens durchstochen hatte. Überdies identifizierten die Kelten Ogmios mit der Beredsamkeit. Ogmios bzw. Herkules wäre wohl ein französischer Machthaber.


Der Großinquisitor, der die Sekten und die durch die "antike Phantasie" veränderten Kirchen zu zerstören hat, wird stärker das Volk der "Felsen" (Sachsen?) heimsuchen als die Franzosen.

Wie in 2/12 geht es in 1/96/2 um eine "Phantasie". Und wie in 2/12 offenbar um eine "Phantasie", ein Hirngespinst, im religiösen Bereich. Diese "Phantasie" wird die Kirchen verändern - wohl zerstören oder eher noch selber nutzen. In 2/12/4 lesen wir dazu, dass man den Kirchenschatz aus den Kirchen rauben wird. Dafür verantwortlich sein dürften die in 1/96/2 erwähnten "Sekten". Gruppierungen, die - so lässt sich die Zeile gleichfalls verstehen - ebenfalls von der genannten "Phantasie" verändert bzw. geleitet sein werden.

In der ersten Zeile taucht ein Akteur auf, der die Aufgabe haben wird, die erwähnten "Sekten" und veränderten Kirchen zu zerstören. Das erinnert uns an den großen (wohl französischen) Herrscher aus 2/12/3, der den Wahnsinn der "Phantasten" bestrafen wird. Er könnte hier gemeint sein. Allerdings stellt sich die Frage, wer - außer Gott - einem solchen Herrscher eine Aufgabe ("charge") zuteilen könnte. Es ist deshalb wahrscheinlicher, dass hier ein anderer Akteur gemeint ist, nämlich der Großinquisitor bzw. "Sektenschnitter" aus 1/45/1.

Die zweite Hälfte der Strophe kann wieder einmal auf mehrfache Weise verstanden werden. Es geht im Kern aber darum, wo der sektenbekämpfende Großinquisitor aktiv werden muss und wo weniger. Nostradamus scheint dabei von zwei Völkern zu sprechen. Zum Ersten von den "Felsen", denen der Großinquisitor schaden oder sogar die Zerstörung bringen wird. Zum Zweiten von einem Volk der "Lebenden", das mit "wieder in Besitz genommenen Ohren" geschmückt ist und wo es für den Großinquisitor nicht viel zu tun gibt.

Das zweite Volk dürfte ein Volk sein, dass vom katholischen Glauben abgefallen war, aber nun wieder in den Schoß der Kirche zurückgekehrt ist. Die "Lebenden" sind diejenigen, die wieder am "Leben" - wohl dem wahren Glauben - teilhaben. Ihre Ohren konnte die Kirche "wieder in Besitz nehmen", d. h. sie hören wieder auf sie und ihre Lehre. Nostradamus’ vielsagende Umschreibung, die an den keltischen Ogmios (Herkules) erinnert, vgl. Anmerkung 8, könnte gut ein Hinweis auf die Gallier und somit die Franzosen sein. Sie dürften von ihrem "großen Herrscher" aus 2/12/3 wieder auf den rechten Weg gebracht werden. Ein Herrscher, der vielleicht sogar mit "Herkules" identisch ist (vgl. 5.37, 5.38, 5.106, 5.151 und 5.187). Da aber die antike Phantasie, die Lehre der Sekten bereits von diesem großen Herrscher erfolgreich bekämpft wurde, bleibt für den Großinquisitor bei den Franzosen nicht mehr viel zu tun.

Anders sieht die Sache beim ersten Volk aus. Nostradamus bezeichnet es als "die Felsen". Dort wird der Sektenbekämpfer so viel zu tun haben, dass Nostradamus sogar von der "Zerstörung" der "Felsen" berichtet. Welches unglückliche Volk hier gemeint ist, lässt sich im Moment allerdings noch nicht sagen. Vielleicht die "Sachsen" (vgl. Anmerkung 4)? Oder einfach ein Volk, dessen Angehörige ihre Herzen zu Felsen versteinert haben und in ihrem Irrtum verharren?

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