5.151 "Herkules" wird bei Saint-Rémy-de-Provence gefangen genommen und an die Engländer verkauft.
 

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Zusammenfassung
 

5/57: "Herkules" (siehe 5.37, 5.38, 5.106), der große Mitstreiter "Chyrens", wird seine Armee zum Mont Gaussier nahe Saint-Rémy-de-Provence führen und dort einen Sieg erringen (erste beide Zeilen, vgl. Anmerkung 2). Doch dann geschieht etwas Unerwartetes: wie aus 4/27 zu schließen ist, wird "Herkules" offenbar von Entführern gefangen genommen werden. Stattfinden wird dieses Verbrechen zwischen zwei Hügeln im Raum Saint-Rémy-de-Provence (dritte Zeile). Die Geiselnehmer stammen offenbar aus der Gegend von Nostradamus’ Geburtsort und werden durch ihr Verbrechen den bislang guten Ruf der Gegend zerstören (vierte Zeile).

6/41: In der dritten Zeile erfahren wir, was die Entführer für die Freilassung von "Herkules" fordern werden. Ein ähnliches hohes Lösegeld wie einst für Richard Löwenherz bezahlt worden ist: rund 25 Tonnen Edelmetall (wohl Silber, vgl. Anmerkung 5). Interessant ist dabei, dass "Herkules", der französische Herrscher der Bretagne (erste Zeile), von den Niederländern und Briten freigekauft werden wird (zweite Zeile). Bestehen vielleicht verpflichtende dynastische Verbindungen zwischen "Herkules" und den Königshäusern dieser Länder (vgl. dazu aber die Ausführungen zu 10/29)? Interessant wäre auch zu erfahren, ob die provenzalischen Entführer möglicherweise in Verbindung mit den Engländern und Niederländern stehen oder gestanden haben. Unklar ist die vierte Zeile. Wer reist hier vergeblich nach Italien und weshalb? Wird vielleicht zunächst versucht werden, dort das Lösegeld zu beschaffen? Im Mythos hatte Herkules als zehnte seiner zwölf Arbeiten die Rinderherde des Riesen Geryones zu stehlen, der entweder in Spanien oder noch weiter im Westen gelebt haben soll. Als Herkules die aus roten Stieren bestehende Rinderherde entwendet hatte und nach Griechenland trieb, durchquerte er dabei Italien. Auf dieser Heimreise kam es beim Aventin zum Kampf mit Cacus, der ihm einige der Rinder stahl (vgl. 5/57, Anmerkung 2). Der Herkules der Sage konnte diesen Kampf gewinnen. Es wäre nun denkbar, dass Nostradamus hat ausdrücken wollen, dass dagegen sein "Herkules" bzw. dessen Gesandte in Italien beim Versuch scheitern werden, die "Rinder" für das Lösegeld zu bekommen. Man beachte in diesem Zusammenhang, dass im Lateinischen der Begriff "pecunia" (Geld, Gelder, Geldsumme) auf das Wort "pecus" (Vieh) zurückgeht und ursprünglich "Viehstand" bedeutete.

4/27: Die Entführer des "Herkules", die gemäß erster und zweiter Zeile aus Salon-de-Provence, Saint-Rémy-de-Provence und Tarascon stammen, werden das Lösegeld erhalten und "Herkules" ausliefern. Stattfinden wird die Auslieferung bei einem Artemistempel, also wohl entweder in Arles oder in Nîmes (vierte Zeile, vgl. Anmerkung 6). Nostradamus bezeichnet diese Geiselübergabe als schändlich. Schändlich, weil die Herkunft der Geiselnehmer Schande über seine engere Heimat bringt. Aber möglicherweise steckt noch mehr dahinter (siehe weiter unten). 

10/29: In der ersten Zeile erfahren wir, wo "Herkules" genau gefangen gehalten werden wird: in der Höhle "Trou des Fées" bei Les-Baux-de-Provence (vgl. Anmerkung 2). Nachdem offenbar das Lösegeld bezahlt worden ist, verlässt "Herkules" sein Gefängnis. Doch irgend etwas stimmt dabei nicht. Laut zweiter Zeile wird er aus der Höhle entweder an seinem Bart herausgezogen werden, oder es zieht ihn jemand heraus, der von Nostradamus als "Bart" bezeichnet wird (vgl. Anmerkung 4). In der dritten Zeile erfahren wir, dass er offenbar wie ein abgerichtetes Tier (d.h. unter Kontrolle anderer stehend) weggeführt werden wird. Und zwar nicht etwa zu "Chyren", dessen Kampfgefährte er ist (5.38) oder ins Lager seiner eigenen Truppen, die wohl noch irgendwo in der Gegend sein müssten. Nein, Leute aus der südwestfranzösischen Bigorre bringen ihn in ihre Region, in die Gegend von Tarbes. Spätestens an dieser Stelle müssen wir uns auch wieder ins Gedächtnis rufen, dass es die Niederländer und Engländer sein werden, die das Lösegeld bezahlen (6/41). Die Engländer sind aber Feinde "Chyrens" und somit wohl auch Feinde des "Herkules" (5.39). Ich könnte mir z.B. vorstellen, dass die Engländer und Niederländer "Herkules" nicht loskaufen werden, um ihn zu befreien, sondern um ihn selber gefangen nehmen zu können. Das würde auch erklären, weshalb Nostradamus oben diese Geiselnahme als eine überaus verwerfliche Tat bezeichnet, die Schande über seine Heimat bringt. Man kollaboriert nämlich mit Frankreichs Feinden und begeht Verrat! Allerdings scheinen nicht nur diese provenzalischen Entführer mit den (englischen) Feinden zusammen zu arbeiten sondern auch die Leute aus der Bigorre. Möglicherweise kontrolliert das perfide Albion Bigorre und andere Gebiete in Südwestfrankreich.
 

Quellen
 

5/57
 
Istra3) du mont Gaulsier1) & Auentin2),
[Er] wird vom Mont Gaussier1) und Aventin2) weggehen3),
Qui par le trou4) aduertira5) l’armée:
der wegen des Loches4) die Armee führen5) wird.
Entre deux rocs6) sera prins le butin,
Zwischen zwei Hügeln6) wird der Fang gemacht [werden],
De SEXT. mansol7) faillir la renommee.
von [denen aus der Umgebung] des Mausoleum des Sextus7) [wird] der gute Ruf zerstört werden.
1) Der Mont Gaussier liegt bei Saint-Rémy-de-Provence, dem Geburtsort des Nostradamus (GRUBER, S. 268).
2) Der Aventin (Mons Aventinus) ist der südlichste der sieben Hügel Roms. Auf ihm stand in der Antike u.a. der Tempel der Mondgöttin Selene (Diana) und südlich von ihm erhebt sich bis heute die Cestius-Pyramide. Der Aventin ist auch der Ort, wo Herkules einst einen siegreichen Kampf bestanden hat. Gemäß Überlieferung soll er dort den Cacus getötet haben, einen feuerspeienden Riesen, der in einer Höhle am Aventin gelebt hat. Da Nostradamus hier den Mont Gaussier mit dem Aventin gleichzusetzen scheint, dürfte das bedeuten, dass sein "Herkules" (Ogmios) hier ebenfalls einen Sieg erringen wird.
3) Oder: "kommen".
4) Dieses "Loch" steht wohl für die Höhle des Cacus am Aventin. Oder hier: den Aufenthaltsort von "Herkules’" Gegner am Mont Gaussier bzw. den Gegner als solchen. GRUBER (S. 268f.) vermutet hier konkret den Rocher des deux Trous ("Felsen der zwei Löcher"), der sich neben dem Mont Gaussier befindet. 
5) Lat. "advertere" (hinwenden, hinsteuern; strafen). Das französische "avertir" bedeutet "benachrichtigen, warnen". Falls Letzteres gemeint ist, hat Nostradamus bei der Formulierung dieses Vierzeilers wohl an eine Begebenheit aus dem Jahr 1536 gedacht, als man bei einem Angriff auf die Truppen Karls V. Signale aus einem der Löcher des Rocher des deux Trous gegeben hat (GRUBER, S. 269). 
6) Lat. "rocca", mittelfranzösisch "roche" (Berg, Hügel, Fels).
7) Lies: "SEXT. mausol". GRUBER (S. 268 und 182) erklärt diese Stelle folgendermaßen: Bei Saint-Rémy-de-Provence befindet sich ein römischer Triumphbogen und das "Mausolée des Jules", ein Monument, das ebenfalls aus römischer Zeit stammt. Auf diesem fälschlicherweise als "Mausoleum" bezeichneten Juliermonument ist folgende Inschrift zu lesen: "SEX.L.M.IVLIEI.C.F.PARENTIBUS.SVEIS." (Sextus, Lucius und Marcus, die Söhne von Gaius Julius, [haben dieses Monument] ihren Eltern [gewidmet].) Nach GRUBER bezieht sich das "SEXT." auf diese dem Nostradamus nachweislich bekannte Inschrift und die Stelle "SEXT. mansol" sei demzufolge mit "Mausoleum des Sextus" zu übersetzen.


6/41

 
Le second1) chef du regne2) d’Annemarc3),
Das glückliche1) Oberhaupt der Herrschaft2) der Annamark3)
Par ceux de Frise4) & l’isle Britannique,
wird durch die aus Friesland4) und der britannischen Insel
Fera despendre plus de cent mille marc5),
mehr als 100 000 Mark5) auszahlen lassen.
Vain exploicter voyage6) en Italique.
Umsonst [wird die] Reise6) ins Italische unternommen [werden].
1) Oder auch: "zweite" (lat. "secundus": glücklich, zweiter).
2) Oder: "Königreich".
3) Damit dürfte die Bretagne gemeint sein. Diese Grenzmark ("marca" bzw. "marche") kam durch die Heirat der Herzogin Anne de Bretagne (1477 - 1514) mit dem französischen König 1491 wieder zu Frankreich. Außerdem wird in der Bretagne die Mutter der Jungfrau Maria, Anna, besonders verehrt. Nostradamus bezeichnet diese Randprovinz also zu Recht als "die Mark der Anna" oder auf Mittelfranzösisch "Annemarc" (vgl. 9/33, 5.38). In 4/27 taucht ebenfalls die "Annamark" auf, die GRUBER (S. 183) mit Dänemark identifiziert. Den Bezug zum dortigen französischen Kontext sieht er im Rolandslied gegeben, wo der dänische Prinz Ogier (Holger der Däne) heldenhaft an der Seite Karls des Großen gegen die Sarazenen kämpft und dafür zum Ritter geschlagen wird. Ogier kam übrigens als Geisel an den Hof Karls des Großen und wurde durch den Ritterschlag von diesem Status befreit. Im schon erwähnten Vers 9/33 ist mit dem Fürsten der Annamark aber "Herkules" gemeint. Nostradamus bezeichnet "Herkules" auch als "Ogmios", also als keltischen (französischen) Herkules (6/42, 5.38). Die Bezeichnung "Ogmios" ist vor diesem Hintergrund wohl eher als Anspielung auf den Namen "Ogier" und dessen Qualitäten im Kampf zu verstehen, v.a. da "Chyren" auch ein neuer Karl der Große sein wird (5.38), aber nicht unbedingt als Hinweis auf dessen Herkunft. Ogier erschlug in der Schlacht gegen die Araber deren Anführer, einen Riesen namens Brehus oder Braihier, womit auch die Verbindung zur Schlacht am Mont Gaussier gegen den neuen Cacus (vgl. 5/57, Anmerkung 2) gegeben wäre.
4) Das sind die Niederlande, auf deren Gebiet die antiken Frisii lebten.
5) Mit der "Mark" ist hier ein altes französisches Gewichtsmaß gemeint, das 244,75 Gramm entspricht (vgl. 4/42, 5.54). 100 000 Mark sind also 24 475 kg. Diese Summe erinnert an das Lösegeld, das für den gefangenen englischen König Richard Löwenherz (1189 - 1199) bezahlt wurde. Richard, König von England und u.a. Herzog der Normandie und Aquitaniens, wurde 1192 auf der Rückreise aus Palästina in Österreich gefangen genommen. Bis 1194 blieb er ein Gefangener des Deutschen Kaisers. Für seine Freilassung wurden u.a. 100 000 Mark in Silber verlangt und auch bezahlt (Richard ließ sogar 150 000 zahlen, um einer anderen Forderung des Kaisers nicht nachkommen zu müssen).
6) Oder auch: "Unternehmung, Expedition".

4/27
 
Salon1), Mansol2), Tarascon3) de SEX. l’arc4),
[Die von] Salon-de-Provence1), Saint-Paul-de-Mausole2), Tarascon3) [und vom] Triumphbogen des Sextus4),
Ou est debout encor la piramide5),
wo noch die Pyramide5) steht,
Viendront liurer le prince Dannemarc
[werden] dazu kommen, den Fürsten der Annamark auszuliefern.
Rachat honni au temple d’Artemide6).
[Es ist eine] schändliche Auslieferung beim Tempel der Artemis6).
1) Ort in Südfrankreich, etwa 35 - 40 km östlich von Arles. Hier schrieb Nostradamus seine Prophezeiungen.
2) Lies: "mausol". Saint-Paul-de-Mausole (auch: Saint-Pol-de-Mausole) ist ein ehemaliges Kloster bei Saint-Rémy-de-Provence, direkt neben den dortigen römischen Monumenten (vgl. Anmerkung 4).
3) Stadt in Südfrankreich an der Rhone, etwa 10 - 15 km nördlich von Arles.
4) Nach GRUBER (S. 182) ist hier der Triumphbogen gemeint, der neben dem Juliermonument bei Saint-Rémy-de-Provence steht (vgl. 5/57, Anmerkung 7). Wie GRUBER ausführt, hat Nostradamus offenbar geglaubt, dass nicht nur das "Mausoleum" sondern auch dieser Triumphbogen von Sextus errichtet worden ist. Eine andere Möglichkeit wäre, hier "Aquae Sextiae" (das heutige Aix-en-Provence, etwa 25 km nördlich von Marseille) zu sehen, das neben dem Fluss Arc liegt.
5) Wie GRUBER (S. 182f.) darlegt, ist hier wahrscheinlich ein Steinbruch ganz in der Nähe des Juliermonuments bzw. Triumphbogens bei Saint-Rémy-de-Provence gemeint, der den Namen "la Pyramide" trägt und in dem ein eindrücklicher Monolith steht.
6) Ein Tempel der Artemis (Diana) stand auf dem Aventin in Rom (vgl. 5/57, Anmerkung 2). Auf dem Mont Gaussier steht jedoch kein Gebäude, das diesem entsprechen könnte. Es gibt aber zwei Orte im Großraum von Saint-Rémy-de-Provence, in denen ein solcher Tempel steht bzw. gestanden hat: Arles und Nîmes. Im antiken Arles, dem "kleinen Rom der Gallier", stand der Artemis-Tempel dort, wo heute die Kathedrale Saint-Trophime zu finden ist (der heilige Trophimus, ein Begleiter des Paulus und legendärer erster Bischof von Arles, stammte übrigens aus Ephesus, wo Artemis besonders stark verehrt wurde). In Nîmes stehen bis heute die Überreste des (vermeintlichen) Artemistempels in den Jardins de la Fontaine.

10/29
 
De Pol MANSOL1) dans cauerne caprine2)
Bei Saint-Paul-de-Mausole1) in [der] Ziegenhöhle2)
Caché & prius3) extrait hors par4) la barbe,
wird [er] versteckt [sein] und gefangen3) vom4) Bart herausgezogen [werden].
Captif mené comme beste mastine
[Als] Gefangener wird [er] wie [ein] abgerichtetes Tier weggeführt
Par Begourdans amenee pres de Tarbe5).
und von Leuten aus der Bigorre in die Nähe von Tarbes5) gebracht [werden].
1) Lies: "MAUSOL" (siehe 5/57, Anmerkung 7).
2) Mit dieser Ziegenhöhle ist wahrscheinlich der Trou des Fées (das Feenloch) im Val d’Enfer (Höllental) bei Les-Baux-de-Provence gemeint (vgl. GRUBER, S. 183f.). Les-Baux-de-Provence liegt etwas südöstlich von Saint-Rémy-de-Provence. Die Sage erzählt, dass zur Zeit, als die arabischen Mauren in die Provence eingefallen waren, der maurische Befehlshaber Abd-al Rahman nach einer Niederlage gegen die Provenzalen fliehen musste und dabei einen sagenhaften Schatz aus Gold und Edelsteinen mit sich führte. Diesen Schatz wollte er in einer der zahlreichen Höhlen der Region verstecken. Abd al-Rahman fand Zuflucht in einer Höhle im Vallée des Beaux bzw. Val d’Enfer. Während sein Diener außen wartete, ging Abd al-Rahman hinein. In der Höhle traf er auf eine Ziege, die dort offenbar lebte. Das Tier lief tiefer in die Höhle hinein und der Araber folgte ihr. Allerdings verlief er sich im Höhlenlabyrinth und stieß dabei auf eine fürchterliche Bestie, die dort hauste. Der Kampf zwischen Abd-al Rahman und dem Untier dauerte die ganze Nacht und soll vor Heftigkeit den Erdboden erschüttert haben. Am nächsten Morgen tauchte die Ziege wieder auf und verließ, mit Goldstaub bedeckt, die Höhle. Als Abd al-Rahmans Diener die goldene Ziege sah, ergriff er die Flucht. Von Abd al-Rahman hat man seither nie wieder etwas gesehen oder gehört. Es wird erzählt, dass der Schatz des Mauren noch heute in der Höhle liege. Hirten behaupten gelegentlich, sie hätten die Ziege nahe des Trou des Fées gesehen, wo sie salpeterhaltige Steine ablecken soll. Wer übrigens so wagemutig ist und dem Tier in die Höhle folgt, soll diese genau wie Abd al-Rahman nie wieder verlassen. Einer anderen lokalen Legende zufolge soll dieses Feenloch unterirdisch bis zu den Höhlen des Montagne des Cordes bei Montmajour reichen (Montmajour liegt etwa 5 km nordöstlich von Arles).
3) Lies: "prins" (gefangen).
4) Oder auch: "am Bart".
5) Tarbes ist die Hauptstadt der Bigorre, der Region, in der auch Lourdes liegt.

 

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