5.236  Das allmächtige England wird mehr als 300 Jahre über große Macht verfügen. Große Mengen an Truppen und Gütern werden Land und Meer überqueren. Das Nachsehen werden dabei die Portugiesen haben. Mögliche Zuordnung: Die Epoche nach dem Aufstieg Englands zur ersten Seemacht 1654 bis zum Ende der britischen Weltmachtstellung 1956, in der es den Briten u. a. gelungen ist, Indien zu beherrschen. Als erste See-, Handels- und Kolonialmacht nahm der Inselstaat dabei die Stellung ein, die zu Lebzeiten des Nostradamus die Portugiesen innehatten.
 

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Zusammenfassung
 

Die ersten beiden Zeilen von 10/100 erinnern an 3/57 (5.235). Wieder ist von England und einem drei Jahrhunderte dauernden Zeitraum die Rede. Wir erfahren hier, dass England während mehr als 300 Jahren große Macht besitzen wird. Nostradamus nennt es sogar "allmächtig" (vgl. allerdings Anmerkung 2). In den letzten beiden Zeilen spricht unser Seher davon, dass große Truppenverbände (oder Mengen an Gütern bzw. Geld, vgl. Anmerkung 3) Meer und Land überqueren werden. Und zwar zum Nachteil der Portugiesen. Zur Zeit des Nostradamus war Portugal die führende europäische See- und Handelsmacht mit Kolonien in Amerika, Afrika, Arabien, Indien und China. Da in der ersten Hälfte des Vierzeilers von Englands großer dreihundertjähriger Macht die Rede ist, dürfte Nostradamus hier gemeint haben, dass die Briten die Portugiesen in diesem Bereich ablösen werden. Eine recht gewagte Prognose, wenn man bedenkt, dass England zu Lebzeiten unseres Sehers als See- und Kolonialmacht nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat.


Mögliche historische Zuordnung
:


Interessant ist in 10/100 v. a. der Begriff "pempotam" aus der zweiten Zeile. Ich vermute, bei diesem Neologismus arbeitet Nostradamus einmal mehr mit verschiedenen Bedeutungsebenen. Leider wissen wir nicht, wie Nostradamus dieses Wort in seinem Manuskript geschrieben hat. Der Setzer, dem diese Neuschöpfung unbekannt war, hat es jedenfalls zweimal unterschiedlich - und somit wohl falsch - verstanden (in 8/97 heißt es "pompotans"). Wie in Anmerkung 2 ausgeführt, hat unser Seher hier einerseits wohl an das griechisch-lateinische Konstrukt "panpotens" (allmächtig) gedacht. Eine Interpretation, die inhaltlich zu Englands "großer Macht" aus der ersten Zeile passt. Zum anderen vermute ich mit Blick auf die europäische und britische Kolonialgeschichte aber, dass hier auch eine mythologische Anspielung auf Indien vorliegt. Bekanntlich war die Suche nach neuen Seewegen Richtung Asien, speziell Indien, einer der Hauptgründe für die Entdeckungsfahrten der europäischen Mächte im 15. und 16. Jahrhundert. Das Streben nach Indien hat nun eine mythologische Parallele im Indienzug des Weingottes Bacchus (Dionysos), der zusammen mit seinem Gefolge - darunter auch der Hirtengott Pan - den Subkontinent (allerdings friedlich) erobert hat. Dabei soll er dort auch den Wein eingeführt haben. Es würde deshalb passen, dass England von Nostradamus in dieser Hinsicht mit Bacchus oder dessen Gefolge verglichen wird, auch wenn die englische Eroberung Indiens weniger friedlich vonstatten gegangen ist. Aus "pempotam" lässt sich ohne große Mühe ein Hinweis auf den trinkfesten Weingott Bacchus oder dessen Gefolge herauslesen, nämlich "panpotans" (der alles Saufende) oder "pompa potans" (die trinkende Prozession). Man beachte dazu die Variante "pompotans" aus 8/97! Die erste Niederlassung in Indien eröffneten die Briten 1612 in Surat (nördlich von Bombay), das zuvor den Portugiesen gehört hatte. In den folgenden Jahrzehnten kamen Madras, Bombay und Kalkutta hinzu. Im 19. Jahrhundert kontrollierte England schließlich ganz Indien und hatte mögliche europäische Konkurrenten längst ausgeschaltet bzw. auf kleine Restposten beschränkt. Dazu gehörten auch die Portugiesen, die zur Zeit des Nostradamus die einzige europäische Macht auf dem Subkontinent waren. Die britische Herrschaft über Indien endete erst 1947, also 335 Jahre nach Eröffnung der ersten Niederlassung in Surat. Englands Aufstieg zur Weltmacht (die "große Macht" aus der ersten Zeile) begann nach dem Tod des Nostradamus. Als ein Meilenstein auf dem Weg zur dorthin sei hier die Vernichtung der spanischen Armada im Jahr 1588 erwähnt. Allerdings besaßen die Briten mit den Niederländern zunächst einen ernsthaften Konkurrenten im Kampf um die Seeherrschaft. Erst nach dem Sieg im ersten holländisch-englischen Seekrieg von 1652 - 1654 stieg England zur ersten See- und Kolonialmacht auf. Es nahm nun die Stellung ein, die die Portugiesen zur Zeit des Nostradamus innehatten (vierte Zeile). In den folgenden Jahrhunderten überquerten tatsächlich große Truppenverbände und große Mengen an Gütern und Geld die Meere und Länder, die im britischen Weltreich vereint waren. Ein Weltreich, das jenes der Portugiesen bei weitem überflügelte. Die Royal Navy, das Rückgrat des British Empire, blieb bis zum Zweiten Weltkrieg die größte und stärkste Flotte der Welt. Diese die Weltmeere beherrschende ("allmächtige") Stellung verlor sie im Zweiten Weltkrieg an die Marine der USA. Als sichtbarer Endpunkt der Epoche britischer Größe kann die Suez-Krise von 1956 gelten. Im Streit um die Verstaatlichung des Suez-Kanals durch Ägyptens Nasser intervenierten Israel sowie Großbritannien und Frankreich militärisch im Land der Pharaonen. Doch nach massivem Druck der Sowjetunion und der USA mussten Israel und die beiden europäischen Mächte wieder abziehen. Die UdSSR hatte dabei mit militärischer Unterstützung der Ägypter gedroht, die USA u. a. auch mit dem Verkauf ihrer britischen Währungsreserven, was den Kurs des britischen Pfundes hätte einbrechen lassen. In den folgenden Jahren beschleunigte sich der Zerfall der britischen und französischen Kolonialreiche. So erhielten in den sechziger Jahren die meisten britischen und französischen Kolonien in Afrika ihre Unabhängigkeit. Die "große Macht", die Weltmachtstellung, hatten die Engländer somit von 1654 - 1956, also etwas länger als 300 Jahre inne.

Quellen
 

10/100  

Le grand empire1) sera par Angleterre,
Die große Macht1) wird bei England,
Le pempotam2) des ans plus de trois cens:
dem Allmächtigen2), während mehr als 300 Jahren [bleiben].
Grandes copies3) passer par mer & terre,
Große Truppenverbände3) werden Meer und Land überqueren.
Les Lusitains4) n‘en seront pas contens.
Die Lusitaner4) werden darüber nicht froh sein.
1) Oder auch "Herrschaft, Reich, Kaiserreich".
2) "Pempotam" (in 8/97 "pompotans", vgl. zudem auch 5.96: 6/27) lässt sich mit Blick auf die "große Macht" in der ersten Zeile wohl in "pan" und "potens" zerlegen (vgl. LE PELLETIER und LEONI). Das griech. "pan (pas)" bedeutet u. a. "jeder; ganz, gesamt, völlig; allerlei", das lat. "potens" u. a. "mächtig, vermögend, fähig". Allerdings gäbe es noch den griechischen Hirtengott Pan und das lateinische "potans", was "trinkend" oder "saufend" hieße. Wir könnten hier also auch einen "trinkenden" oder einen "mächtigen Pan" vor uns haben. Interessanterweise gehört Pan in der antiken Mythologie bisweilen auch zum Gefolge des Bacchus (Dionysos). So begleitet er den Weingott bei der Eroberung Indiens (http://www.theoi.com/Georgikos/Pan.html#IndianWar 07.08.2007). Sollte Nostradamus hier an den weinseligen Bacchus selber gedacht haben, wäre "pempotam" wohl als "panpotans" (der alles Saufende) zu verstehen. Fassen wir das "pompotans" aus 8/97 als eine Zusammenziehung des lat. "pompa potans" auf, hätte Nostradamus die Engländer wohl mit dem Gefolge des Bacchus gleichgesetzt ("die trinkende Prozession").
3) Oder auch: "Geld, Güter", vgl. lat. "copia, copiae".
4) Die römische Provinz Lusitania umfasste im wesentlichen Portugal und einige Gebiete Westspaniens. Hier dürften die Portugiesen gemeint sein.

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