Diskussion

Wechselspiele

Zwischen Stube und Ferne geht es ein und aus. Da bewegt sich etwas, die Tür steht mitten im Geschehen. Eine Katze, die nach draussen will, ist dieselbe, die ein andermal nach innen drängt. Dass sie diesen Drang vollziehen kann, ist ihre Freiheit. Bliebe sie ausgesperrt, würde sie leiden, wäre sie eingeschlossen, gälte dasselbe, gäbe es keine Tür, hätte sie kein Ziel.
Mit uns ist es nicht anders. Wir erfahren mit der Analogie unsere Wirklichkeit.
Gewöhnlich bilden Bekenntnisse und erklärte Ansichten ein Orientierungsnetz, das wir dem wahrgenommenen Verhalten unterlegen, um daraus Schlüsse zu ziehen, die wir dann als objektives, finales Bild der Wirklichkeit annehmen. Unsere Motivsuche bewegt sich innerhalb dieses Rahmens, wohl wissend, dass wir uns persönlich von Impulsen steuern lassen, die keineswegs mit einem solchen Bild der Wirklichkeit deckungsgleich sind. Empfindungen die uns treiben, sind unser persönliches Geheimnis und sogar uns selbst geheimnisvoll. Wir können sie nicht in das Ideal unseres Menschenbildes einpassen, weil wir unserem Ebenbilde göttliche Grösse zugestehen, es als die Verkörperung hoher Tugenden sehen, das zudem wisse, was gut und böse sei, das zur Selbstverantwortung befähigt ist, sich seiner Qualitäten und Möglichkeiten bewusst, eigenständig und von ewig währendem, unersetzlichem Werte wäre. Dem widerspricht die Impulssteuerung unseres Verhaltens, und dieses Selbstbildnis erlaubt schon gar nicht daran zu denken, dass es vorgegebene Verhaltensmuster und vorgegebene Strukturen unserer Denkvorgänge gibt. Wir bleiben an der Oberfläche und fühlen uns sicher mit dem Anschein, den die Vorgänge erwecken. Paradebeispiel für diese Feststellung ist die Motivation zur Bildung kleiner Gruppen. Wir hören uns ihre jeweilige Rechtfertigung an und kümmern uns kaum mehr um die Dynamik, um den Verlauf des Geschehens. Es müsste uns sonst auffallen, dass trotz den recht verschieden verbalisierten Motiven der Vorgang immer gleich ist. Die Rechtfertigungen sind also adaptiert und maskieren einen Instinkt, welcher ausgelebt sein will. Dieser Instinkt verlangt, sich in soziale Zellen zusammenzufinden, oft nur um sich vom Druck der Umarmung durch Familientraditionen befreien zu können Knaak, L., Psychologische Antriebe zur Gründung von Gruppenehen und Grossfamilien, in: Kommune und Grossfamilie, Veröffentlichungen des Instituts für Ehe- und Familienwissenschaft, Band 1, Zürich 1972 .
Vorgegeben werden vorzugsweise hochhehre Zwecke, Ideale der Weltbeglückung, die bei ihrer zentrifugalen Aktivität der zentripetalen Verankerung bedürfen. Der Gedankenflug geht über alle menschlichen Masse hinaus in Dimensionen, die ein Einzelner weder umfassen noch kontrollieren kann. So dimensionierte Geltungsansprüche können nur politisch sein. Der Kommunengründungsboom der Endsechziger- und Siebzigerjahre geriet zur Ruralromatik der sich zu Aussteigern erklärenden Pioniere von Versuchen zur Revolutionierung der bürgerlichen Gesellschaft. Es war ein buntes Kaleidoskop von Farben und Formen beim Blick durch die stets gleiche schwarze Röhre.
Das sind einerseits lässliche Jugendsünden, weil sie den schwierigen Übergang vom Versorgtsein in die gewollte, aber den Betroffenen noch unbekannte Selbstverantwortlichkeit zeichnen, und andrerseits Folgen von infantilen Politspielchen. "Jugendkultur" ist ein zeitgemässer Schlachtruf. Politiker überbieten sich gegenseitig mit grosszügigen Angeboten für die Jugend, behandeln sie sozusagen als "privilegierte Rasse", anstatt als kurzes Durchgangsstadium. Mit grosssprecherischen Subventionen von rechtsfreien Räumen und Förderung des Unnützen, kann die sogenannte Jugend rechnen. Es gibt zudem das aktive Bürgerrecht für strafrechtlich noch Minderjährige. Politisch gefährlich seitenlastig wird die sozialrechtliche Grundregel des "gültig bei Gegenseitigkeit" beseitigt. Der Sehnsucht nach der Ablösung aus dem MANICIPIUM wird vorzeitig stattgegeben. "Die Familie verlassen", erscheint als Tugend in himmlischem Lichte. An deren Stelle haben Pseudofamilien, Kommunen, Radaustosstrupps, Hausbesetzer, Demo-Kollektive von Politvagabunden und urbane Anarchonomaden, Gruppen und Grüppchen zur Erprobung neuer Lebensformen zu treten. Es werden gewissermassen Brücken abgebrochen und die alten Heimstätten verbrannt, um nicht mehr zurück zu können, falls die Einsicht käme, dass die Rückkehr vom endlichen Durchbruch zur Reife zeugen würde.

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Das Zürcher Institut für Ehe- und Familienwissenschaft hat 1972 unter dem Titel "Kommune und Grossfamilie" eine umfangreiche Bibliographie zum Thema "Wohngruppen, Wohngemeinschaften, Kommunen usw." zusammengestellt, in dem auch "Entwürfe von Experimentierhäusern zur Erprobung neuer Wohnformen" nicht fehlen Duss-von Werdt, Veröffentlichungen des Instituts für Ehe- und Familienwissenschaft, Zürich, Band 1, Bern 1972 . Die dort veröffentlichten Beiträge sind vor allem Zeugnisse dafür, wie Bedürftige eine Neigung zu haben scheinen, die Welt mit ihrer Bedürftigkeit missionarisch zu beglücken.
Geschichtlich fallen periodisch wiederkehrende Reformbewegungen auf, die erklären, dass ihr Kernanliegen die Änderung des Sozialgefüges sei. "Sinnsuche und Sonnenbad, Experimente in Kunst und Leben auf dem Monte Verità" Schwab Andreas, Lafranchi Claudia (2001): Sinnsuche und Sonnenbad. Experimente in Kunst und Leben auf dem Monte Verità. Limmat. Zürich. zu Ascona, ist der einleuchtende Titel eines schönen Lesebuches über die Motivation der Reformkommunarden um die Wende aus dem 19. ins 20. Jahrhundert. Der Zugang ist geebnet durch die Zeit, die Lokalisation und die gut dokumentierte Art und Weise des Geschehens. Es war bereits in die Banalität des Gewöhnlichen versunken, als Harald SzeemannSzeemann Harald (1978): "Monte Verità Berg der Wahrheit". Lokale Anthropologie als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen Topographie. Electa Editrice. Tegna. 1978 daraus das Thema zu einer überaus gekonnten Ausstellung machte. Wenn der Tessiner Bildungsminister Giuseppe Buffi 1999 bescheinigte, dass "Auch dank dem Monte Verità die Università della Svizzera italiana auf einem kulturell vorbereiteten und fruchtbaren Boden wachsen konnte" Buffi Giuseppe, 10 anni di Fondazione Monte Verità e suo futuro. In: Lafranchi Claudia (Hg.). 10 anni di Fondazione Monte Verità e Centro Franscini, Locarno 1999. , ernannte er sozusagen den Ausstellungskünstler Szeemann zum Geburtshelfer der Tessiner Kulturgeschichte, was denn doch fuori posto scheint, zumal die Naturapostel aus dem ennetbergischen Norden im italienischsprachigen Tessin gutmütiges Gastrecht genossen, sich der Fremdsprache deutsch bedienten und mit der autochthonen Bevölkerung nicht identisch waren; aber immerhin beweist solch ein Enthusiasmus, wie weitgehend das kulturelle Selbstverständnis von der Exhibition einer Seinesgestalt abhängt. Es muss darauf hingewiesen werden, dass auch in diesem Falle das einigende Inkreismotiv weltanschaulicher Natur war, und mit Harald Szeemann von einer anarchisch-romantischen Moralisation lebte.

Der Deutsche Bundespräsident Johannes Rau gab mit seinem Staatsbesuch der Schweiz, auf besonderen, eigenen Wunsch, dieser Kultur die Ehre. Bekanntlich ist Helvetia eine Konföderation, deren Kantone als Staaten von relativer Autonomie und untschiedlichen Sprachkulturen definiert sind. Das Tessin ist italienischsprachig und versteht seine Kultur als ebensolche. Johannes Rau wurde also hier als offizieller Gast empfangen und besuchte die Tempel der Standeskultur. Dies waren, gemäss seiner eigenen, einschränkenden Wahl, die gewesene Wohnstatt von Hermann Hesse und die Privatpinakothek von Thyssen-Bornemisza in der Villa Favorita, Lugano-Castagnola, beides deutschherkömmliches Kulturgut, und nichts weiter. Das war zweifellos ein Affront für die Italianità dello Stato della Repubblica e Cantone Ticino, aber auch ein Eigengoal der diplomatischen Politesse des Besuchers. Sicherlich war es keine Begegnung, die Inkreis und Auskreis verbindet.

Auch das erwähnte Lesebuch atmet in jedem Sachbereich die Animation des Ausstellers, ist unterhaltsam nachbarlich vertraut und verliert sich mit der Fülle von Subtotalen im Labyrinth der Einzelheiten, die auf die Frage nach der Natur der Strukturen des psychischen Vorgangs wohl zahlreiche Beispiele und Versuche, aber keine sozialpsychologische Aufschlüsselung geben. Sachlich und ergötzlich schafft der fundierte Beitrag von Albert Wirz Wirz Albert , Sanitorium, nicht Sanatorium. Räume für die Gesundheit. In: Sinnsuche und Sonnenbad. Experiment in Kunst und Leben auf dem Monte Verità. Limmat. Zürich 2001. : "Sanitorium, nicht Sanatorium. Räume für die Gesundheit", einen verlässlichen Grund unter die, der Realität enthobenen, dem Manierismus nicht abholden Schöngeistigkeit der ortsfremden Kulturschamanisten.
Die Aufrufe der Naturapostel bezeugen eine Sehnsucht nach dem Zurück in ein natürliches Paradies menschlichen Zusammenlebens. Es war ja nicht nur Jean-Jacques Rousseau mit seinen "Discours sur les arts et les sciences" Rousseau Jean-Jacques, Discours sur les arts et les sciences. Paris 1750. der solche Sehnsucht verspürte, denn sie ist zu allen Zeitaltern lebendig. Vor dreissig Jahren versuchten beispielsweise die Kommunen um Fritz Teufel und Rainer Langhans uns ein freies Leben in einer Gemeinschaft der Freien vorzuleben Langhans Rainer, Teufel Fritz, Klau mich, Voltaire Handbuch 2, Berlin 1968 . "Frei war dabei nur der Nackedei". Die Sehnsucht danach, die kleinste soziale Zelle der Pflichtlosen zu erfahren und deren Prinzipien zum Mass der bürgerlichen Gesellschaft zu machen, war ihnen das erklärtermassen "Revolutionäre". Sie hielten das dann für den Kern des wahrhaft naturmenschlichen Anarchismus und neigten unverfroren auch zur Gewalt, um durchzusetzen, was sich nicht von selbst ergibt. Geblieben sind von diesen Reformvorführungen lediglich Legenden um Versuche, die 20 Jahre Menschenleben nicht überdauerten, Legenden, die allerdings Nachahmer inspirierten, wie die Longo-Mai-Kommunen oder andere neorurale, nicht mehr ganz so nackichten Kleinversuche. In unseren entlegeneren Tälern beleben wenige Überbleibsel stellenweise die schöne Landschaft und kommen in raren Fällen sogar ohne Almosen aus.
Für unsere Untersuchung ist das Kernempfinden interessant, welches stets aufs neu zu solch alten, gescheiterten Versuchen führt. Es treibt vermutlich die endogene Sehnsucht nach gegenseitigem Schutz in einer Wahlverwandtschaft im "familiären" Inkreis nach Verwirklichung.
Von diesen Lebensexperimenten gab es so nennbare Klassiker, wie es eben auch die Reformbewegung der vegetabilen Gesellschaft auf dem Monte Verità zu Ascona war. Robert Landmann hat, als ideell infizierter Zeitzeuge, eine unmittelbare Chronik dieser, an den Namen Oedenkoven gebundenen Sinnsuche geschrieben Landmann Robert, Ascona Monte Verità, Auf der Suche nach dem Paradies, Zürich 1973 , und seine Chronik inspirierte einen Schweif von publizierenden Neuentdeckern. Die Bewegung begann um 1900 und verlief sich in ihrem eigenen Ideenlabyrinth bis 1920. Dann zogen die letzten Unentwegten nach Brasilien.
Der Start in das zwanzigste Jahrhundert war offensichtlich von einer besonderen Aufbruchstimmung geprägt, die ganze Heerscharen von Sozialutopisten beflügelte und vom Boden abheben liess, sich dennoch dessen bemächtigend, was sie für den Erdboden hielten. Es gab darunter auch momentbeschränkte Experimente, wie zum Beispiel das der Lebensreformer um das "Gottesreich Amden" des Josua Klein Kurzmeyer Roman, Viereck und Kosmos, Edition Voldemeer, Springer, Wien 1999 , das bereits nach zwei Jahren gescheitert war. Die Kurzlebigkeit der einzelnen Experimente jener zählebigen, hoffnungsschwangeren Reformträume, beruht auf einem Formfehler der praktischen Umsetzung des natürlichen Impulses. Lebensgemeinschaft und Freiheit bedingen sich zwar gegenseitig, können aber nur in zweifelsfrei gefügter Ordnung von Dauer sein. Ohne klare hierarchische Strukturen gibt es kein lebensfähiges Sozialgefüge.
Die familiäre Generationenfolge ist der naturgegebenen Sozialgliederung analog. An der Spitze steht die Wirtschaftskompetenz der aktiven Generation, die im Idealfall über sich die Weisheit der grösseren Lebenserfahrung des Ausgedinges anerkennt. Kinder und Kindeskinder sind Basis und Lebenszweck der Aktiven. Die Generationenumschichtung geschieht durch die Verjüngung mit dem Nachwuchs und der natürlichen Alterung der Aktiven. Aus dem gleichen System ergibt sich die Sippenvermehrung durch neue Parallelfamilien. Das bekannte Phänomen der Familientyrannen, das die Familienharmonie pervertiert, gilt analog auch für die soziale Polarisierung von Diktator oben und Volk unten, welches sich durch seine inneren Spannungen letztlich selbst zerstört. Das wichtigste Element für den Dauerbestand sind die Zwischenglieder, wie wir es im Kapitel Strukturierte Vorgänge bereits diskutiert haben. Sie garantieren den Zusammenhalt. Wahrscheinlich ist genau dies das (verdeckte) endogene Motiv der Sehnsucht zurück in rurale Verhältnisse der an der urbanen Anonymität leidenden Sucher. Die Erbfolge ist der Sinn einer lebendigen Familientradition und bleibt gesund, wenn sie in der Absicht der aktiven Generationen liegt. Die eigene Hinterlassenschaft ist denn auch der eigentliche Zweck jeder echten kulturellen Tätigkeit.

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Gefühle sind es, die bewegen, und Bewegung ist unsere Wirklichkeit.
Zum Thema der territorialen Ausdehnung können wir im Moment auch das Gegenteil, das heisst die territoriale Schrumpfung beobachten. Diverse Ethnien neigen dazu, ihren Innenbereich gegen den Aussenbereich deutlich abzugrenzen. Der soziale Inkreis wird zum Mass der Dinge. Überschaubare und leicht kontrollierbare Ländereien geben dem erfassbaren, ethnischen Innenbereich feste Form. Die Gefühle neigen mehr zum konkret Möglichen und lassen sich weniger auf die Sehnsucht nach der Allgültigkeit ein, die einstmals zur Gründung grosser Imperien trieb. In den Trend zu kleineren Staatsgebilden, zu Kantonen, Kommunen und Heimstätten, ordnen sich nicht nur Schrumpfungen und der Zerfall grosser Gebilde ein, sondern, sozusagen von unten her, auch die Gründungen kleiner Wirtschaftseinheiten. Im Staate Israel sind diese gegenläufigen Tendenzen anschaulich vertreten. Obwohl Palästina von Semiten bewohnt war, setzt sich nun nicht nur das Bedürfnis durch, arabische von den jüdischen Semiten zu trennen, sondern erstere, wider alle Logik, zudem als Antisemiten abzustempeln.
Ein besonders lohnenswertes Studienobjekt zur Natur der Reformbewegungen, und vor allem zur Dynamik der Rückbesinnung auf den Heimatwert kleiner, übersichtlicher Gruppen, bildet die Geschichte der Kibbuzim, deren Wurzeln so weit zurückreichen wie sich Historie belegen lässt. Kommunistische Zellen sind um vieles älter als der politische Kommunismus. Die Gemeinschaften von freien Mitgliedern kleiner Wirtschaftseinheiten gingen seit jeher das Problem des unverdienten wirtschaftlichen Vorteils oder Nachteils an. Es ist ein Problem, das umsoweniger Lösungen erkennen lässt, je weitläufiger, und damit unübersichtlicher, die Wirtschaftseinheiten werden. Die Spur, die später direkt zur Gründung des Staates Israel führte, wurde durch die zweite Alija (Jugendbewegung) kräftig gezeichnet. Uns liegt umfangreiches Quellenmaterial über die verschiedenen Ansätze von Wirtschaftskommunen vor, das vom Soziologen Hermann Meier-Cronemeyer zusammengetragen und gesichtet worden ist Meier-Cronemeyer Hermann, Kibbuzim, Geschichte, Geist und Gestalt, Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung, Hannover 1969 . Er bekennt, sein Interesse für die Kibbuzim einer seelischen Affinität zu verdanken und sagt auch, dass jeder Kibbuz sein spezielles Flair habe, das für den Wissenschaftler unbegreiflich sei. Auch weist er auf den praktisch gelebten Anarchismus der Alija hin, dem sich ein ebensolcher ideeller hinzugesellte, und wundert sich über das grundsätzliche Paradoxon, dass ausgerechnet eine Bewegung, die dem Staat abgeschworen hatte, und an dessen Stelle lose verbundene, kleine, überschaubare und selbstverantwortliche Gemeinden setzen wollte, zur Gründung eines neuen Staates führte. Er sagt aber auch, dass die von der Jugendbewegung genährte Strukturromantik, selbst bereits diese militante, zur straffsten Organisation hin tendierende Geisteshaltung barg. Selbstverwirklichung erschien diesen frühen Siedlern erst in der Gemeinschaft, im Gespräch möglich. Es sollte ein "Genossenschaftscommonwealth" an die Stelle der Staatsmächte treten. "Wir sind kein Staat, wir sind einfach eine Genossenschaft, eine grosse Genossenschaft, innerhalb derer es wieder eine Anzahl kleinerer Zweckgenossenschaften gibt" Herzl Theodor, Altneuland, Berlin und Leipzig (ohne Jahr). .
Das Funktionsgesetz, dem diese Idee entsprang, haben wir mit der graphischen Darstellung des Beziehungsfeldes der Identitäts-Intimitätsbereiche veranschaulicht. So funktionieren alle Gesellschaften während ihrer Permanenz. Was Theodor Herzl als gemeinschaftsorientiertes Ideal vorschwebte, war die Entdeckung der natürlichen Struktur dieser Sozialdynamik. Er hatte nur den Aspekt der Verdrängung weggelassen, mit dem sich Sozietäten in die Quere kommen, und eine solche Bedrohung spornt zu Selbsterhaltungsleistungen an. Dieser Verdrängungsimpuls sorgt einerseits für die Expansion des eigenen Inkreisbereichs, und verwehrt andrerseits die Expansion anderer, die auf Kosten des eigenen Territoriums gänge. Ohne diese Expansion (Wirkmal) fehlt der Struktur die Motivation (Merkmal) und der Antrieb zu jedwelcher Aktivität, jedoch vorwiegend solche, oekonomischer Erfolgsausrichtung. Das ist die Basis des realen Politikums, das schliesslich als Macht in Erscheinung tritt. Diese aktive Auseinandersetzung verschiedener Beziehungskreise, die alle von gleicher Struktur sind, sichern endlich das Auf und Ab der Geschichte, deren Schauplatz sich, je nach Prägnanz und Vitalität ihres Fokus, geographisch verlagert. Von dieser Struktur hängt nicht nur die Wichtigkeit und die Vielfalt der sozialen Körperschaften, von Werkplätzen, Parteien, Nationen und Imperien ab, sondern, nach innen gesehen, auch das Wohlbefinden und das Wohlgefühl des individuellen Stolzes auf die Zugehörigkeit zu einer erfolgreichen Gruppe, Familie, Sippe, Stand, Nation und Rasse (wie schwierig diese auch zu definieren sei). Ein anderes Unruhepotential ist mit dem unverdienten Nutzniess gegeben, einem Phänomen, das sofort auftritt, wenn Sättigung und Überschuss den Erfolg der Gemeinschaft sichtbar werden lässt. Die Schmarotzer hängen am Sozialköper wie Egel, und es ist jedenfalls schwierig, sich von diesen zu befreien. Falls eine Sozietät gewissermassen zur Verfettung neigt, hat sie eher die Tendenz, die Sauger gewähren zu lassen. Schröpfen kann ja auch der Steuerung des Stoffwechsels dienen. Auswuchernder Parasitenbefall könnte das System jedoch zum Kollaps führen.

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Die zeitliche Parallelität der Monte-Verità-Bewegung mit der zweiten Alija (um 1904) ist nicht zufällig, obwohl diese Beispiele nichts miteinander zu tun hatten. Es gab, wie schon erwähnt, um jene Jahrhundertwende noch andere Siedlungsgründungen nach praktisch gleichem Muster, aber mit anderen Motivierungen und anderen Kennwörtern. Gemeinsam war ihnen, neben der Dynamik, auch das Faktum der Fremdfinanzierung. Sie lebten von Spenden. Der Idealismus wurde von Gönnern finanziert, deren Gefühle "bei der Sache" waren, deren Lebenspraxis aber einem eher rechnerischen Lebensstil verhaftet blieb. Die "Sehnsucht" der Seele, als ihr natürliches Verlangen nach einer vermeintlich besseren Welt, blieb dabei im Körper ihres nüchternen Pragmatismus wohnen.

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Die Sache scheint paradox; aber das ist nur die Oberfläche, denn tiefe Gefühle sind nun einmal auch raumgreifend. Das tiefe, gute Gefühl ist kontraktiv im Ego zentrisch alleinherrschend und expansiv in der Mitteilung im unbändigen Verlangen, es mit anderen zu teilen und höchst unbescheiden Konformität auch zu erzwingen, wenn die Ich-Du-Übertragung nicht in spontaner "Güte" möglich ist. Die Funktion des Impulses ist sozial raumgreifend bei egozentriertem Interesse. Deutlich ist dies bei den Bekenntnissen der Monteveritaner: "Unser heute durch Einflüsse und Machtgebote aller Art so kläglich gehemmtes Wünschen, Wollen und Können muss frei zum Ausdruck gebracht werden. Hierin liegt die ganze mögliche Summe individueller Befriedigung, und die unausbleibliche Folge ist grössere Eintracht und Liebe unter den Menschen. An die Natur müssen wir uns halten...", schreibt Ida Hofmann, und teilt an anderer Stelle über Henri Oedenkoven mit: "Sein Gedanke ist, mit Zuhilfenahme von Kapitalien als augenblicklich grösstem Machtmittel, dem Kapitalismus mit allen seinen sozialen Folgeübeln entgegenzutreten. Späteren Geschlechtern ist vorbehalten, denselben gleichzeitig mit Steigerung der allgemeinen Sittlichkeit ganz zu bekämpfen..." Landmann Robert, Ascona Monte Verità, Auf der Suche nach dem Paradies, Zürich 1973 , und so gründeten diese Idealisten dann 1904 ihre "naturnahe Kommune", die in ihrem Umfang allerseits von allen kontrollierbar, als eine Familie von Wahlverwandten übersichtlich blieb Grohmann A., Die Vegetarier-Ansiedlung in Ascona, Verlag Carl Marhold, Halle 1904 .
Es muss die Frage gestellt werden, wieso die Geschichte der Kubbuzim beweist, dass die Gliederung der Erhaltung und Beständigkeit einer Gesellschaftsordnung dient, während andere, im Ansatz ähnliche Siedlungsversuche von "Aussteigern", 20 Jahre Bestand nicht überlebten. Die Antwort gibt Meier-Cronemeyer Meier-Cronemeyer Hermann, Kibbuzim, Geschichte, Geist und Gestalt, Hannover 1969 mit seinem Hinweis auf das vermeintliche Paradoxon, dass im Falle der Alija aus anarchischen Idealen eine Nation entstand. Die Sehnsucht nach Geborgenheit widerspricht der abenteuerlichen Idee von einer befreienden Strukturlosigkeit. Freiheit hat eine völlig andere Genese, wie wir schon diskutiert haben. Der Zusammenhalt im Herzl-Konzept wurde durch den äusseren Druck einer feindlichen Umwelt eingeleitet, der zu den notwendigen Strukturen zwang, die zwar im Konzept enthalten, aber verbaliter nicht ihrer Funktionsweise gemäss formuliert worden waren. Die Struktur nämlich erweist sich als ein hierarchisches Muster der Gliederung in verschiedene Dichtigkeitsbereiche. Ohne das so entstehende Verantwortlichkeitsgefälle der Fähigkeiten, wird die blosse Erklärung von Beziehungskreisen zur reinen Romantik, denn Anarchismus wird zum Grab der Freiheitssehnsucht.
Demokratie ohne Hierarchie ist funktionsunfähig, weil die Ordnungsstruktur des Kompetenzgefälles fehlen würde, das den Selbstschutz der Gemeinschaft darstellt.
Unsere Tugenden, die sogenannten inneren Werte, müssen auch auf die Probe gestellt werden, um als solche zu wirken. Es sind Wirkmale aus dem Unbewussten. Fast schon verlorengeglaubte, weil für lange Zeit nicht beanspruchte Reflexe, werden durch Gefahrenmerkmale aufgeschreckt und lebhaft tätig. Es sind vor allem die Identitätsbereiche, die auf ihre Nützlichkeit und Haltbarkeit erprobt werden müssen, um frisch zu bleiben. Gewisse Bequemlichkeiten, die durch deren Schutzwirkung entstehen, wirken langweilig bis einschläfernd, wenn sie keiner Provokation ausgesetzt sind. So macht es den Anschein, dass die Gefährdung von aussen nötig ist, um das Wir-Bewusstsein zu stärken, und dass andrerseits Müssiggang und genossenes Wohlwollen die Identitätslinien aufweichen. Praktische Beispiele dafür liefern die Kibbuzim, die sich besonders als ein Mittel zur Kolonisation in Krisengebieten und in Krisenzeiten bewährten, während sie im gesicherten jüdischen Siedlungsraum, ihrer Stossrichtung beraubt, die Geschlossenheit verloren.

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Wahrscheinlich geht auch der Verlust des Schweizerischen Selbstbewusstseins auf das Konto von zu langem Wohlergehen in zu langer Prüfungslosigkeit. Seit etwa zwei Jahrzehnten verlieren die Eidgenossen in stetig zunehmendem Masse an Identitätsgewissheit.
Bundesräte verleumden ihre Wähler als "Rosinenpicker" um, anlässlich multinationaler Verhandlungen, die eigene schlechte Figur zu verhüllen. Ein Bundespräsident "entschuldigt" SICH öffentlich von Amtes wegen, für Vergehen seiner Vorgänger, die diese gar nicht begangen hatten, posthum, nach mehr als 60 Jahren Dokumentation: Das Ende der J-Stempel-Saga, Fallbeispiel von Geschichtsprägung durch Medienmacht, Schriftenreihe PRO LIBERTATE Nr. 11, Bern 1999 . Die offizielle Schweiz bücklingt gar wegen eines ungetreuen Altpapierdiebes, der von einem allgegenwärtigen privaten Weltkongress zum "one of the century's great heroes" (Helden aller Zeiten) für seinen Abfalldiebstahl ausgerufen wurde. Falls solche Erniedrigungen nicht eine Rückbesinnung auf die nationale Würde einleiten, wird die Schweiz bald zur blossen Fabelvorlage zu einem Schaupiel von Friedrich Schiller schrumpfen, und beim jüdischen Weltkongress in den USA ist der Wilhelm Tell bereits durch den Helden Christoph Meili ersetzt.

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Die Frage nach dem Nutzen der Kenntnis der Struktur kollektiv unbewusster Vorgänge ist müssig, denn grundsätzlich ist nicht die Kenntnis, sondern die Unkenntnis "irritierend", weil sie in die Irre führt, zum Beispiel zu irren Deutungen, zu Mystizismen, zu Zauber- und Hexenglauben, zu religiösem Wahn, Irrglauben, zu Angst und Panik. So lange ich nicht weiss, wie ein Gewitter entsteht und beschaffen ist, habe ich eben Grund, an Thor zu glauben, der mit seinem Ziegenbockskarren über die Wolken poltert und seinen glühenden Hammer-Bumerang auf die Erde schleudert. Das Bild ist analog zu anderen Phantasien, wie zum Beispiel astrologischen und vorgefertigten Lebensläufen, die das Leben selbst überflüssig machen würden. Daran sind Erwartungen geknüpft, welche natürlich umsomehr enttäuscht werden, je weniger sie realistischen Einsichten entsprechen. Wunschdenken lässt grundsätzlich zwei Entwicklungsrichtungen zu, einerseits in die Leere des Unerfüllten, und andrerseits zur Flucht in den Wahnsinn einer nicht nachweisbaren Dimension des Seins. Erstere lässt in Trauer versinken, letztere hebt hinauf in die Sphären der Seligen, wo jeder bunte Vogel mit eigenen Federn gut gekleidet ist, auch wenn er nicht fliegt, so sehr er auch mit seinen Armen schlägt und mit seinem Schnabel klappert.
Die Möglichkeit der Zuflucht in eine nichtreale Wunschwelt ist so lange eine Gnade, wie sich der Visionär nicht den Anforderungen der realen Existenzbedingungen stellen muss. Damit sie gemeistert werden können, müssen sie zuerst erkannt sein.

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Es gibt keine individuelle Existenzmöglichkeit ohne sozialen Beziehungsgrund. Zudem ist der Mensch ein HOMO SYMBOLICUS, denn wir umgeben uns mit Symbolen, machen uns ein Bild vom Sinn unserer tiefen, frommen Gefühle, die wir als gegenständlich werten. Die Umsetzung der Gefühle in entsprechende Gestikulationen wird in stereotypen Wiederholungen, denen eine bestimmte Feierlichkeit eigen ist, zum Zeremoniell. Zeremonien ordnen Emotionen Dürkheim E., Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Leipzig, 1912 . Die Religiosität hat viele Töchter, das heisst verschiedene Ausdrucksvarianten in Form religiöser Bekenntnisse und deren Kirchen. Nicht eine Tochter hat viele Mütter, sondern es ist umgekehrt: Die eine Mutter der Religionen ist das religiöse Empfinden, das allen verschiedenen Bekenntnisformen zugrundeliegt. Religion führt zur ersten Kulturstufe, mit fliessenden Übergängen zur Philosophie, welche wiederum den Eintritt in die Wissenschaften bereitet. Die ritualisierte Verhaltensweise wird zur Empfindensnorm, zum Wirkmal des Identitätsbeweises. Sekten, soziale Gruppierungen und politische Einheiten werden umso verpflichtender, je ausschliesslicher sie auftreten, je strenger ihre innere Zugehörigkeit normiert ist. Deshalb sind weltanschauliche Dominanten in ihrem Wesen tendenziell intolerant, selbst dann, wenn die Toleranz zu ihren Idealen zählt. Verbote und Gebote zeichnen die Charta der Zusammengehörigkeit und schliessen nonkonforme Existenzen aus ihrer Protektion aus. Gedanken- und Redefreiheit bestehen nur im Spielbereich der Zustimmung.

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Idealismus ist von besonderer Faszination. Wer sieht sich nicht gern als edler Geist erkannt, wenn Begeisterung von all seinen Lebensgefühlen Besitz ergreift? Die NEUNTE von Beethoven Beethoven Ludwig van, Komponist 1770-1827, 9.Sinfonie mit Ode an die Freude, 1823 ! welch erhabene Hymne an die Freude, die uns allen das himmlisch Hehre erschliesst. Der Text, von Friedrich Schiller, ist mit der gewaltigen Melodie der Sinfonie aus einem Guss Schiller Friedrich von, 1759-1805, An die Freude, Gedichte, Ex Libris Ausgabe Band 3, Zürich 1975 . Das edle Herz will zerspringen vor allumfassender Güte. "Alle Menschen werden Brüder!" die globale Ausweitung des Intimen, "diesen Kuss der ganzen Welt" gewidmet, ist eine Expansion des Ichgefühls über alle Identitätsbereiche hinaus. "Ja – wer auch nur eine Seele sein nennt, auf dem Erdenrund! Und wer's nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund!" Beim Genius (und nicht beim Genus) ist die Grenze, das Mass, die Bedingung. Ich-Wir-Ihr-und Sie, die anderen -, auf den Auskreis wird selbst bei einem so göttlichen Hochgefühl gewiesen. Aussenseiter, in ihrer minderwertigen Gefühlsarmut, werden bedauernd vor die Tür der Edlen beordert. Sogar in dieser Dimension der Verbrüderung gilt ein Innen und Aussen. Wenn, wann und wo auch immer Menschen aufeinander einschlagen, handelt es sich also doch nicht nur um Bruderkriege.

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Die Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der Verhaltenslehre, wie sie hier diskutiert wurden, sind in den neueren Ergebnissen der Gehirnforschung verankert Janzen R., Körper, Hirn und Personalität, Stuttgart, 1973 . Das Wissen um die postnatale Prägung der noch in Entwicklung begriffenen Hirnpotentiale und um die Vorprogrammierung späterer Verhaltensmuster, im Verhältnis zur endogenen Programmierung, kann als gesichert gelten Schurz J., Gehirnstruktur und Verhaltensmotivation, Naturwissenschaftliche Rundschau 25,45,1972 / Schadè J.P., Die Funktion des Nervensystems, Stuttgart, 1971 . Die unter den Referenznummern angegebene Literatur der vorliegenden Diskussion zum Thema "Strukturen der mentalen Wirklichkeit", ist natürlich nicht erschöpfend. Vom Angebot der Publikationen über das Phänomen Massen und ihre Führer wurde nicht Gebrauch gemacht, obwohl unser Thema dazu in enger Beziehung steht.
Wer sich ernsthaft um grösstmöglichen Pragmatismus bemüht, wäre gut beraten, sich anhand der spezifischen Literatur sachkundig zu machen. Sein Problem wird dennoch das der Auslese sein, denn gerade auf diesem Gebiete gedeihen auch die romantischsten Spekulationen. Jede psychoaktive Unternehmung setzt mit der eigenen Appetenz ein, und so werden wir vor allem das lesen wollen, was unserem Selbstgefühl schmeichelt; aber so ist es schon den Autoren ergangen, die uns ihre Sicht der Dinge offerierten.
TOCZur Erforschung der Psyche werden viele Wege begangen. Sie sind abhängig von der Definition ihres Forschungsgegenstandes. Wenn nicht die Ungewissheit um die wahre Natur der Psyche verbliebe, könnten alle Wege der Annäherung in ihrer Gesamtheit ein rundes Bild derselben ergeben. Von welcher Seite her wir uns auch dem Forschungsobjekte nähern, wissen wir nicht, wie nahe wir ihm schon sind, denn wir haben ja nur Vorstellungen seiner Gestalt, und nur Ansätze der Gewissheit der Formen seines Seins. Andrerseits sollen wir uns weder ein Bildnis noch Gleichnis unseres Ebenbildes machen  2. Moses 20/4 , denn fester Glaube schützt das Gemüt vor dem Verstand. Und doch treibt uns ein Bedürfnis nach dem Verstehen dessen, was uns in forschende Unrast versetzt, uns in das Gestrüpp des Irrgartens der Dialektik lockt. Glück allen, die dabei den Faden der Ariadne nicht verlieren, wenn sie sich in dieses Labyrinth wagen! Jeder Schritt muss kontrollierbare Spuren hinterlassen. Diese Anforderung wird nicht von jedem Zweig der Geisteswissenschaften erfüllt, obwohl sie die Voraussetzung für seriöse Forschungsarbeit ist. Exakte Ergebnisse sind die Bausteine wahren Wissens. Einen hoffnungsvollen Ausblick auf exakte Ergebnisse erschliesst uns die Elektronik  Diedrich Oliver, Mit Gedankenkraft, Elektrische Gehirnaktivität steuert Computer, Verlag Heinz Heise, Hannover, 1999 . Messdaten über varie Formen der relativen Psychoaktivität gibt uns das Elektroenzephalogramm, beispielsweise zum Biofeedback oder dem Autogenen Training. Gedankenlesen ist natürlich nicht möglich, aber das Engagement für einen Gedanken kann gemessen werden. Die Intensität der Beteiligung ist messbar, aber nicht die Logik eines Gedankens. Der unausgesprochene Gedanke ist nicht lesbar, aber die Erregung verrät die Spezifität seines Gemütsstatus. Neurometrisch messbar ist die Beschaffenheit der Intensität einzelner Funktionen, aber die themenspezifischen Inhalte bleiben dabei undefiniert. Die unbewusste Psychodynamik äussert sich in Vorgängen des sozialen Zusammenspiels, wie zum Beispiel im Sündenbock-Mechanismus. Der Soziologe K.O. Hondrich  Hondrich Karl Otto, Die ehrliche Selbsttäuschung, Wie Europa seine Identität an Sündenböcken erprobt, NZZ Nr. 91, Zürich, 2000 sagt dazu: "Durchschauen können wir den Sündenbock-Mechanismus immer nur für das, was hinter uns liegt. Allenfalls wäre es denkbar, Wildwuchs und Willkür von Sündenbock-Prozessen in die Bahnen einer Ritualisierung zu lenken, wie sie die alten Gesellschaften kannten."
Eine andere Wirkweise eines Inkreismechanismus hat Cyril Northcote Parkinson  Parkinson C.N., Parkinsons Gesetz und andere Untersuchungen über die Verwaltung, Rowohlt, Reinbek, 1970 beschrieben und quasi als naturgesetzlichen Ablauf, wenn auch ironisierend, definiert. Es handelt sich dennoch um das Protokoll der Beobachtung des progredierenden Verlaufs eines sozialen Inkreisphänomens: Die eigendynamische Entwicklung bürokratischer Verwaltungen zu aufgeblähten Apparaten, die sich zunehmend selbst als Zweck ihrer Existenz beweisen. Beamte und Angestellte verschaffen sich gegenseitig Arbeit und somit das Alibi ihrer Unabkömmlichkeit.
Vielfältig sind die Wege der Erkenntnis selbst innerhalb einer Schule, wie zum Beispiel des Behaviorismus  Hull C.L., Essential of behavior, New Haven, Yale VP, 1951 / Skinner B.F., Die Funktion der Verstärkung in der Verhaltenswissenschaft, Kindler, München, 1974 / Tolman W., Einführung in die moderne Psychologie, Humbolt, Wien, 1951 Motivation, Persönlichkeit, Umwelt, Hogrefe, Göttingen, 1968 . Der Realität gerecht wäre dann womöglich eine relativierte Form desselben, und das ist gut so. Verschiedene Gesichtspunkte und Gewichtungen könnten schliesslich ein Rundumpanorma des Sachgebietes ergeben. Es sollte auch selbstverständlich sein, sich nicht von nur einer Schule vereinnahmen zu lassen. Besonders sogenannten Tiefenpsychologien, die ein Bekenntnis zur ausschliesslichen Gültigkeit einer festgeschriebenen Ansicht verlangen, ist zu misstrauen; denn das wäre sektiererisch, wie ein allein seligmachendes Religionsbekenntnis, mit gleichen Vor- und Nachteilen, aber keine wissenschaftlich begründete Erkenntnis. Ausgangsperspektive für die Auseinandersetzung mit dem Thema sollte die biologische Psychologie Birbaumer , Schmidt , Biologische Psychologie, Springer-Lehrbuch, New York, Heidelberg 1989 sein, ergänzt mit mindestens einem guten Fachwörterbuch der medizinischen und allgemeinen Psychologie Dorsch , Psychologisches Wörterbuch, Hans Huber , Bern, Stuttgart, Wien 1976 . Darin hat auch die Sexologie ihren Platz. Theoreme, die es bei Appetenz und Durchgang zur Ejakulation und Orgasmus belassen, sind auf einen Sektor des Appetenzphänomens beschränkt und tragen keinen Deut zur Wissenschaft bei. Mit irren Phantasien dazu, sind wir durch die Trivialliteratur reichlich versorgt. Es braucht zu diesem Spielplatz keine weiteren Theorien. Praktische Einrichtungen in dem Gefilde, sind nicht therapeutische Institute, sondern Anstalten zur Versorgung der Klientel und Dauerkundschaft, welche den Erfolg garantieren, der an der Kasse gemessen wird. Erfolg ist kein wissenschaftlicher Beweis, sollte jedoch Gegenstand der Forschung im Rahmen der politischen Wissenschaften Soziologie, Statistik, Kommunikation und Oekonomie sein.

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Von Carl Kraus Kraus Carl, Germanist, Textkritiker. Wien und München. (1868-1952). stammt der vielleicht etwas bissige Kommentar, dass die Psychoanalyse die Krankheit sei, für deren Heilung sie sich halte. Wir müssen jedoch Sigmund Freud zugutehalten, dass er dem zwanzigsten Jahrhundert eine Perspektive erschloss, die der Wissenschaft eine Bresche durch die Glaubensdschungel schlug, deren Sümpfe noch immer nicht trockengelegt sind. Magie, Schamanismus, Hellseherei, Astrologie, Vision, Magnetopathie und Geistprognostik wie Geistheilung sind noch immer die Pseudorealwelt entsprechender Bedürfnisse. Diese Bedürftigkeit eben, konnte von den geläufigen Tiefenpsychologien nicht abgegolten werden. Daraus schliessen, dass eben in den Kenntniskonzepten entsprechende Lücken bestehen, liegt nahe, zumal Freud's Adept C.G. Jungnoch sehr vieler Mystik Raum bietet, in der auch Tarok und Mandala samt Liä Dsii wie I Ging Platz haben. Es ist nicht vorbeigegriffen wenn festgestellt wird, dass auch der Vater der Psychoanalyse eitel genug war, sich für den Hohepriester seiner neuen Mysterien der Seelenschau zu etablieren. Der Sozialbezug psychischer Vorgänge ist mit eben diesen Details ersichtlich, aber analytisch nicht ausgeführt. Die modernen Psychologien sind monoform egozentrisch angelegt, obwohl sich in der Tat herausstellt, dass dies ein soziopathischer Irrtum sein muss. Die publizistischen Erfolge jener Sicht der Dinge, haben vor allem zu einer Vielzahl von Ablegern der Grundthesen geführt, gewissermassen zur sektierischen Aufsplitterung des Glaubens an die nur einzig mögliche Wahrheit des Realitätsbezuges. Mittlerweile hat es uns in das einundzwanzigste Jahrhundert versetzt, und so könnte es doch sein, dass die soziale Identitätspsychologie die monoklinische, theoretische Individualmanie des zwanzigsten Jahrhunderts ablösen wird, zumal wir mit Sex, Ego, Penisneid, Vatermord und Ödipuskomplex in reichlicher Ideenvielfalt bis zum Vomitus abgefüllt worden sind.

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Man kann durchaus der Auffassung sein, dass Funktionsgesetze Verallgemeinerungen von funktionalen Abhängigkeiten seien, ohne damit den Glauben an einen allwaltendenGeniuszu schmälern, dessen Wirken mit den Naturgesetzen vorgegeben ist.
Der engste Bezirk des soziologischen Inkreises ist das Individuum, das Unteilbare, also die Persönlichkeit selbst. Es findet seine Realität mit seiner Beziehung zum Umfeld. Geschieht dies nicht, so haben wir es mit einer schweren Dysfunktion zu tun, mit dem Autismus, der auch als eine Negation des Menschseins gesehen werden kann. Die soziale Beziehung schafft erst die Möglichkeit zur sinnvollen Funktion des psychischen Organismus. Dem engen Kreis der Ich-Du Intimität steht das Feld des erweiterten Wir gegenüber, das an der dualen Intimität teilhat, und zwar, wenn auch vornehmlich objektiv, so doch auch in subjektiver Anteilnahme. Die Auskreisbezirke des Ihr und der weiteren Sozialbeziehungsfelder, sind der subjektiven Qualität der Beteiligung fern. Deren Neugier richtet sich auf das, von dem sie sich ausgeschlossen wähnen. Das wird zu einer latenten Insistenz, die Grenzlinie des Intimen aufzubrechen. Gelingt dies, dann verliert die Inkreisidentität ihren Bezugsrahmen. Die in sich geschlossene Selbstsicherheit wandelt sich in Unsicherheit, die einzelnen Komponenten des gewesenen Inkreises werden beeinflussbar und zugänglich für Ganzheitsideen religiösen, politischen und ideologischen Ursprungs. Es ist wie mit dem Bauern, der seinen Besitz oder Existenzboden verliert, und sich so eine neue Existenzphilosophie sucht. Er lebt in der Folge von den Angeboten einer neuen Erwerbsgrundlage. So etwas hat seine Bedeutung nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Identitätseinheiten grösseren Umfanges, wie für überholte Berufe, für Stände, Bürgerschaften, Kulturkreise, und unter letzteren besonders für die Sprachkulturen von Minderheiten jedwelcher Grösse, die in einen umfassenderen Machtbereich aufzugehen haben. Mit dem Identitätsverlust brechen Unsicherheiten auf, die zur Instabilität der psychischen Gesundheit führen.

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Während meiner fünfzigjährigen pädagogischen und fachpsychologischen Praxis, ist mir mehr und mehr bewusst geworden, dass die Aufgabe des Psychotherapeuten darin besteht, den gestörten Intim-Identitätsbereich leidender Personen wiederherzustellen, zu achten und zu schützen, auf dass die Patienten instandgesetzt werden, ihn selbst zu erhalten (aktiv zu bewahren). Dazu war ich durch das theoretische Studium der Pädagogik und der Psychologie schlecht vorbereitet. Erst EX USU,in der realen Betroffenheit durch Patienten, ergab sich mir die dafür nötige Erfahrung. Mit unserem hier vorgestellten Zugang werden einige Psychopathologien schlüssiger deutbar, während zum Verständnis anderer, eine angleichende, semantische Übung verhilft; letzteres ist kein Problem, da ja eine eindeutige, verbindliche Definition dessen, was die normale Psyche ausmacht, noch aussteht. Die vielen Therapietheorien sollten indessen auf ihre Brauchbarkeit überprüft werden. Ein Grund zu einer diesbezüglichen Polemik besteht nicht oder nur, bei fehlendem Nachweis der Nützlichkeit einer Therapie.

Es wäre zwar zeitgemäss, aber nach dem hier Dargestellten unsinnig, nun den Zukunftsvisionär zu mimen und neue Zeitalter zu prophezeien; denn jedes Neue von heute ist morgen so alt wie das Neueste übermorgen sein wird. Wir gehören zu den Seienden. Was nach uns kommt, geschieht in unserer Abwesenheit, aber was jetzt ist, dürfen wir mitgestalten und durchstehen. Es dürfte menschlich sein, sofern wir menschlich fühlen. Wir sind die Akteure dieser Generation und haben hier keine Bleibe. Wer möchte gross angeben eine Zukunft zu verstehen, die er niemals erleben wird, wenn er es schon mit der Vergangenheit nicht schafft, geschweige denn mit seiner Gegenwart? Lieben und pflegen wir sie, sie wird es uns vergüten.





Abgesang:
Oftmals wusste ich zuviel,
doch niemals genug.


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