So, 22. September

In der Früh schleichen sich Claudia und Alex (mit je einer Darbuka) aus dem Haus. Ich schlafe aus.
Am Nachmittag klettere ich einige unwegsame Treppen in Richtung Bosporus hinunter. Vorbei an wunderschönen alten Moscheen spaziere ich zur und über die Galata-Brücke. Ich bin vor der Gebetsstunde bei der Rüstem Pascha Cami. Am Rande der Händler-Gegend, von aussen eher unspektakulär. Die Innenwände sind mit wundervollen Iznik-Kacheln ausgekleidet - ich weiss gar nicht, wo ich hinschauen soll!
Später steige ich in ein Boot für eine kleine Bosporus-Rundfahrt. Prunkvolle Paläste am Ufer. Die (Erste) Bosporus-Brücke von unten - imposant! Ich denke natürlich die ganze Zeit - hoffentlich fällt sie mir nicht auf den Kopf. Vom Boot aus sehe ich einen herrlichen Sonnenuntergang.

Mo, 23. September

Am Nachmittag gibts wieder mal Stress bei den Nachbarn vom oberen Stock. Nach einer Weile Zank und Geschrei verlässt jemand weinend das Haus. Als ich gegen ABend noch etwas rausgehe, sehe ich im Treppenhaus Blutstropfen. Am nächsten Tag wäscht die Putzfrau alles weg. Die folgenden Tage ist es wieder ruhig in der oberen Wohnung. Ich bringe auch einmal ein Stück Wäsche hoch, das auf meinem Balkon gelandet ist - Normalbetrieb.

Di, 24. September

Meine letzte Tanzstunde. Christine hat ein Durcheinander mit dem Schlüssel für den Tanzraum, deshalb steigen wir zum Dach hoch. Die Terrasse ist mal als Open Air Bar eingerichtet worden, ist aber nicht mehr so in Betrieb. Wir tanzen in der Abenddämmerung bis es dunkel ist - bei phantastischer Kulisse!
Nachher gehe ich mit Christine zum Plaudern in ein Café nebenan. Ich muss mich etwas daran gewöhnen, dass all die aufgetakelten Frauen, die da ein und ausgehen, gar keine Frauen sind ...
Nachher schaue ich noch bei den Nachbarn vom ersten Stock vorbei - Tee trinken und plaudern. Der Abend gehört dem Fussballspiel Galatasaray - Barçelona. Die Spielpause ist mit Wahlpropaganda ausgefüllt - der Sender gehört einem kandidierenden Parteiführer. Die Niederlage von Galatasaray ist aber in den nächsten Tagen ein noch dominierenderes Thema.

Mi, 25. September

Nach den Hausaufgaben mache ich mich auf den Weg zur Probe bei Servet. Er ist voll im Stress, weil er seine Steuern bezahlen muss - bei Verzug gibt es eine ziemlich hohe Busse. Und seine anderen Kunden vertrösten ihn auf später. Der Betrag entspricht gerade etwa der noch ausstehenden Hälfte für das zweite Kleid - die gebe ich ihm schon jetzt. Grosse Erleichterung.
Nachher erklärt Servet mir noch ein paar Dinge über die Wahlen. Es sind 23 Parteien zugelassen - die kann ich mir sowieso nicht alle merken. Und ich will mich ja auch nicht undiplomatisch exponieren. Die Meinungen über den Status Quo sind etwa überall gleich - über das 'wie besser' gehen die Meinungen auseinander.

Do, 26. September

Mein letzter Schultag - die Prüfung vom Freitag werde ich beschwänzen.
Ich habe einen etwas rauhen Hals und lasse mich beim Betreten des Klassenzimmers zu einer äusserst kultivierten Bemerkung über die laufende Klimaanlage hinreissen, auf Schweizerdeutsch natürlich, damit es niemand versteht. Unser reguläre Lehrer Recai musste an ein Meeting, deshalb ist heute Elif als Vertretung da. Beim Bekanntmachen erfahre ich, dass Elif in Basel geboren und zur Schule gegangen ist. In der Pause reden wir etwas schweizerdeutsch miteinander - über das Leben ind der Schweiz, in der Türkei, die Wahlen ... und meine Bemerkung vom Anfang hat sie natürlich verstanden. Kein Problem, meint sie.
Am Mittag treffe ich beim Eingang den Mietkandidaten vom 13. Sept. Er meldet seine Frau (die ist mit dem Bébé da) für einen Türkisch-Kurs bei DILMER an.
Es ist wunderschönes und warmes Wetter. Ich beschliesse, in die Altstadt zu fahren und etwas Tourismus zu machen. Auf dem Weg zur Sultanahmet Cami werde ich schon auf englisch angequatscht. Ob er denn kein Türkisch könne. Kann er schon, er ist ein Italiener, der in Istanbul lebt. -
Ich gehe etwas um die Moschee herum, trinke Ayran und Tee in einem turkmenisch eingerichteten Restaurant. Beim Spazieren erlebe ich zum ersten Mal, worüber sich Touristen ja auch häufig beklagen - alle 2 m angesprochen werden. Meistens auf Englisch. Einer redet mich aber irgendwie unterhaltsam an, ich lasse mich auf ein Gespräch ein. Ich hänge den Rest des Tages mit ihm herum, wir unterhalten uns über Türkei, Istanbul, die Wahlen, Tourismus etc. Wenigstens tröstet er mich mit meinem Komplex - ich bin nämlich gar keine Touristin, sondern eine Studentin!
Zwischen dem Tourismuszentrum und dem Marmara-Meer liegt ein verträumtes Quartier mit kleinen Holzhäusern. Eine andere Welt.
Beim Eindunkeln geniesse ich vom Balkon des Teppichgeschäfts die Aussicht auf die beleuchtete Sultanahmet Cami - mit 'Küderwagen' (Müllabfuhr) im Vordergrund. So liebe ich Istanbul.
Nachts gehe ich nochmals ins Hayyam - bis Konzertende ist Barbara dann auch angekommen. ca 03:00 gehen wir schlafen.

Fr, 27. September

Ausschlafen.
Ich gehe mit Barbara Geld wechseln, dann trennen wir uns.
Ich soll fürs Baran Musikhaus Instrumente mitbringen. Nihat sagt mir die Adresse, wo ich sie abholen kann. Es sei dann wahrscheinlich schon alles vorbereitet. Später stehe ich vor dem Laden, wo ich anfangs Monat mein Können auf der Ud demonstriert habe... Was ich diesmal will, wird Berkan, dem Verkäufer aber erst klar, als Nihat im Laden anruft und seine Bestellung nochmals erklärt. Warum ichg denn vorher nicht gesagt hätte, dass wir einen gemeinsamen Freund haben. Habe ich ja auch nicht gewusst. Parat sind die Sachen natürlich noch nicht.
Während Berkan die Instrumente aussucht und vorbereitet, tappt ein Paar in den Laden. Der Mann fragt auf Türkisch nach Ud-Seiten und lässt sich Preis nennen. Beim Rausgehen sagt er auf Deutsch zu seiner Frau "ich kenne diese Marke überhaupt nicht". Berkan und ich lachen von Herzen.
Der Weg zum Klo führt durchs Instrumentenbau-Atelier (Atöliye). Ich könnte stundenlang zuschauen.
Nach dem obligaten Tee ist es auch schon spät genug, um bei Servet mein Kleid abzuholen. Ich probiere es nochmals an, es ist wunderschön geworden. Ich verspreche Servet, Fotos davon zu schicken.
Am Abend gehe ich mit Barbara ins Kafe Mektup. Dort spielt eine Gruppe türkische Musik - Schlagzeug, E-Bass, Saz, Gesang. Für Barbara etwas zu sehr traditionell, für mich etwas zu wenig. Aber da sich der Sänger mächtig ins Zeug legt, gefällts uns sogar beiden. Nachher gehen wir ins Yaga. Die Band spielt sich witzig und mit viel Freude durch europäische und amerikanische Hits - von Grease Songs, Rasputin bis Sex Bomb und Whereever. Hasan, Lehrer bei Dilmer, ist auch da. -

Sa, 28. September

Barbara geht zum Basar - ich bleibe bei einem CD-Laden in der Istiklal Caddesi hängen. Nachher mache ich mich ans Packen.
Am Abend will ich noch in ein Lokal, wo's 'Kürt Etnik Caz' gibt. Vermutlich lauter Stammgäste. Die Musik ist eher interessant als schön. Sobald der Rhythmus es erlaubt, wird auch hier getanzt. Mein Hals ist schon ziemlich dick - ich gehe schlafen, Barbara zieht noch weiter ins Yaga.

So, 29. September

Barbara geht ganz früh (mit einem Saz) weg.
Mein letzter Zmorge mit Aussicht auf Üsküdar. Gepäck fertig machen, etwas putzen.
Die Nachbarn vom unteren Stock helfen mir die Treppe runter mit dem Gepäck und bestellen ein Taxi. Am Flughafen erregen meine beiden Saz wohlwollendes Interesse.
Tja, und dann bin ich wieder in der Schweiz. Schönes Herbstwetter, etwas kühl. Wenn ich so zerstreut von meinem heimischen Balkon über Zürich blicke, halte ich noch immer jede zweite Wölbung für die Kuppel einer Moschee.
Halsweh auskurieren, auspacken, mein Make-Up entpudern (!) und diesen Bericht schreiben!