1 Einleitung1.1 Abstract
1.2 Persönliche Einleitung und EinführungZwischen dem Winter 1997 und 2000 arbeitete ich neben dem Studium in einem Durchgangszentrum für Asylbewerber in Bern. Dort wohnen nach ihrer Ankunft in der Schweiz zwischen 40 und 84 Männer, während sie vier bis zwölf Monate auf die Abwicklung des Asylverfahrens warten. Der langandauernde persönliche Kontakt zu diesen Männern hat in mir schliesslich das Interesse für ihre sprachliche Situation geweckt. Die Erfahrungen, die ich mit der notgedrungenen Vielsprachigkeit des Zentrums machen konnte, sind denn auch stark in die vorliegende Arbeit eingeflossen. Die häufige Anwesenheit erlaubte es mir, Gesprächssituationen zwischen verschiedensprachigen Personen im natürlichen Umfeld mitzuerleben und manchmal auch zu notieren. Die verschiedenen Mutter- und Zweitsprachen, die in den Flüchtlingszentren gesprochen werden, sind von einer ungeahnten Vielfalt. Ein Fragebogen aus einer früheren Studie zu den Sprachkenntnissen von 25 Bewohnern des DZ Weissensteinstrasse im Herbst 1999 ergab 32 verschiedene Sprachen von Albanisch bis Su. Die Verständigung unter den Menschen erfolgt meistens über eine geläufige Hilfssprache wie Deutsch, Englisch und Französisch aber auch über Hindi oder Arabisch. Deutsch nimmt jedoch als Umgebungssprache und Sprache der Betreuer in der Kommunikation unter den Asylbewerbern eine herausragende Stellung ein. In Gesprächen zwischen Nicht-MuttersprachlerInnen treten naturgemäss mehr – oder offensichtlichere – Verstehensprobleme auf als zwischen MuttersprachlerInnen. Die Asylsuchenden müssen daher nicht nur mit den eigenen Ausdrucks- und Verstehensschwierigkeiten umgehen, sondern sich auch auf Verstehensschwierigkeiten einlassen, welche die GesprächspartnerInnen anzeigen. Diese Konstellation ist daher das Spezielle an dieser Arbeit. Ich hoffe, dass dadurch Phänomene deutlicher werden, welche in Gesprächen unter MuttersprachlerInnen eventuell schwieriger aufspürbar, aber ebenso vorhanden sind. Die folgenden Punkte sollen die Ziele der Arbeit und die Wege dazu kurz zusammenfassen. Mit dieser Studie möchte ich:
Dazu transkribierte ich die Gespräche, welche insgesamt 19 Asylsuchende geführt hatten. Diese Gespräche fanden zum grösseren Teil in dem Schulrestaurant ‚La Cultina‘ in Bern statt und zu einem anderen Teil im Durchgangszentrum Weissensteinstrasse, welches ebenfalls in Bern liegt. Ich durchsuchte die Dokumente nach Mustern, welche den Kriterien des Nicht-Verstehen gehorchten. Diese Methode ähnelt dem Vorgehen der Ethnomethodologie (Gülich 1991: 338), deckt sich aber in zwei wesentlichen Punkten nicht damit: Erstens interessiert sich die Ethnomethodolgie nicht für Muster, welche die ForscherIn mit vorgefertigten Kategorien zu finden hofft (was hier z.T. der Fall ist) und zweitens werden in der Ethnomethodologie – trotz der strikte empirischen Ausrichtung – keine Zahlen gegeben, welche die Anzahl der gefundenen Muster im Text belegen (was hier im Kap. 8 ebenfalls der Fall ist). Dennoch übernehme ich von der Ethnomethodologie die Grundhaltung, nach der wirklich beobachtbar nur die aktuellen Äusserungen der Sprechenden sind und sie deshalb selbst definieren, wie sehr sie eine bestimmte Situation (z.B. ein Verstehensproblem) als solche betrachten. Die Ziele und Methoden werden ausführlicher im Kapitel 3 besprochen. 1.3 Überblick über die einzelnen Kapitel der ArbeitIn Kapitel 2 bespreche ich exemplarisch die für diese Arbeit wichtigste Literatur. Die fünf Gebiete ‚interkulturelle Kommunikation‘, ‚Kommunikation unter Nicht-MuttersprachlerInnen‘, ‚Verstehensschwierigkeiten‘, Kommunikationsstrategien‘ und ‚Zweitspracherwerb‘ erhalten hierbei je ein eigenes Unterkapitel. Kapitel 3 behandelt die angewandte Methode, beschreibt den Ablauf der Aufnahmen und stellt die wichtigsten Merkmale der ProbandInnen tabellarisch dar. Im Kapitel 3.6 werden zudem die beiden Institutionen ‚La Cultina‘ und ‚Durchgangszentrum Weissensteinstrasse‘ kurz vorgestellt. Im Kapitel 4 widme ich mich dem theoretischen Hintergrund der Begriffe ‚Verstehen‘ und ‚Verstehensschwierigkeiten’ und stellt die Muster vor, die bisher in der Literatur für die Problembehandlung diskutiert wurden. Im Kapitel 5 diskutiere ich das Kriterium der Explizitheit als Hauptkriterium für die Klassifizierung, die im Kapitel 5.3 vorgestellt wird. Mit vielen Beispielen illustriert das Kapitel 6 die Kategorisierung, die im Kapitel 5 aufgestellt wird und verfeinert anhand des konkreten empirischen Materials die Unterschiede und Querbezüge unter den einzelnen Gruppen. Das Kapitel 7 stellt für die Bearbeitung durch den Sprecher analog zu Kapitel 5 und 6 eine Kategorisierung auf, die anhand einer Mustersequenz in Kapitel 7.2.2 illustriert wird. In Kapitel 8 stelle ich in einem ersten Teil die verschiedenen Methoden zur Anzeige von Nicht-Verstehen zu dem Trigger, der Antwort des Sprechers und zu den individuellen Profilen in Beziehung. In Kapitel 9 und Kapitel 10 folgen schliesslich die Zusammenfassung und das Verzeichnis der in der Arbeit zitierten Literatur. |